„Am
Abend mancher Tage
Eine
Spurensuche in Mitteldeutschland“
als Buch erschienen im Wartburg-Verlag Weimar, 2008,
Hardcover, 208 Seiten, 18,50 Euro,
ISBN 978-3-86160-401-3
© Joachim Krause 2008
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liegen beim Autor und beim Verlag.
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Im
Folgenden können Sie im Text „schnuppern“.
Die Überschriften aller Einzel-Kapitel sind angegeben.
In Abständen sind LINKS eingefügt, über die Sie
sich direkt zu bestimmten Textstellen bewegen können.
Wenn Ihnen das Buch gefällt – dann kaufen Sie sich doch bitte ein
gedrucktes Exemplar und lesen Sie´s in Ruhe im Sessel weiter …
INHALT:
Vorspruch Link
1. Aus den ersten Jahren (1946 bis 1953) Link
Lebenslauf-Skizze I
2. Dorfkinderzeit (1953 bis 1961) Link
Lebenslauf-Skizze
II
Aufbruch
in die Neue Welt
Zwergschule
Link
Sport mit
Hindernissen
Der große
Knall
Fahnenappell
Kirchturmhorizont
Link
Beim
„Bäcke“ Link
Spielplatz
Bauernhof
Besuch in
der „Guten Stube“ und Scheunen-Artistik
Tetzners
Holz und Dietzmanns Sandgrube Link
Kirschen
klauen
Kinderarbeit
Link
Kühe
hüten und Sonnenfinsternis
Federvieh
und Russenjagd
Liesel
von der Post
Zu Hause
leben und sterben
Röntgenreihenuntersuchung
Link
Wirtshaus
Bach
andämmen
Bettel-Kinder
Blasebalg-Treten
Die
Einsamkeit von Straßendorf-Kindern
Umsiedler
Lange
Leitung zum Fräulein vom Amt Link
Himmelhupp
und Gliggser
Rodelspaß
und Zwirnseln
Der
Landfilm kommt
Nasspresssteine
Link
Lebenskunde
Karbid
und Motzen
Weiden-Ernte
Sintflut
Seuchenalarm
Feuerläuten
Der erste
Fernseher Link
Absatz-Reißer
Eulenkinder
Als es
noch Maikäfer gab Link
Für ´n
Groschen frisches Brot
Hamsterschreck
Link
Der
Alltag zum Selbermachen: Von Heu-
und Kartoffel-Anbau,
Narzissenbeeten und
Wasserleitungsbau
Link
Leibchen
Der
Postbus
Zwischen
Küche und Keller
Waschtag Link
Mein
erster Indianer
Geburtstagsrituale,
schwarzer
Streuselkuchen
und Laubsäge-Stress
Sommerfrische
Goldene
Zeiten
Der
Frosch in der Wasserleitung
Autoreparatur
mit Säge und Hobel Link
Karriereknick
Das Dienstfahrrad
Der schreiende Hase
„Pfarrer Krause
lehnt den Frieden ab“
3. Flugversuche (1961 bis 1970) Oberschule und Studium Link
Um Haaresbreite
Partytime
Der Rock ´n´ Roll –
King
Kampfsport
Schnellkurs für Gitarre – fit in drei Minuten
Twist and Shout Link
Über Heinz Quermann zu den „Meridas“
Mit „Gurkenwurm“ und
„Rhabarberschnecke“ auf die große Bühne
Flugversuche
Urlaub in der Leinwandvilla Link
Das Wunder von Stralsund
Studentenleben
Erste Wahl Link
Anders sein als die anderen anderen
Sturz-besoffen
Chemie ist das, was
kracht und stinkt ... (I)
Chemie ist das, was
kracht und stinkt ... (II)
Mutproben
Kohlkopf auf Nonnevitzens
Dünen
4. Das volle Leben – vor der Wende (1970 bis 1989)
Beruf, Familie und Opposition Link
Lebenslauf-Skizze III
Wohnglück mit Schlafbunker
ABC des Lebens Link
„Über mich“
Feindberührung Link
Alternative Konzepte?
Verbotene Welten
Frechheit siegt Link
Unterweltfestspiele
Knast als reale Möglichkeit
Gefährliche Offenheit
Trabant I: Überlebenstraining
Postkontrolle
Tschernobyl und die Folgen Link
Die Macht der Eingaben und der Zitate
Westkontakt
Wunderbare Jahre
Biermann-Abend in Weinberg Link
Rezept zur Bereitung eines köstlichen PLOW Link
Familie Schubert
„Unser Schulhof strahlt“
Heißer Herbst
Wende I (aus meinem
Jahresbrief über das Jahr 1989) Link
Wende II (aus meinem
Jahresbrief über das Jahr 1990)
Hoch hinaus
1991 (aus meinem
Jahresbrief)
1992 (aus meinem
Jahresbrief)
1993 (aus meinem
Jahresbrief)
Vom Kiffen und Bremsen
1998 (aus meinem
Jahresbrief)
Geschichten erzählen. Davon
berichten, wie das so war, damals. Geschichten, die nur ich erzählen kann,
einfach weil ich dabei gewesen bin. Aber ist das, woran ich mich erinnere, wirklich
so gewesen, wahr auch in einem objektiven Sinne? Oder ist es wahr nur für mich,
so aufbewahrt nur in meiner Erinnerung? Ist vielleicht vieles in der
Wirklichkeit anders gewesen oder hat überhaupt nicht so stattgefunden, oder
an anderem Ort, oder mit anderen beteiligten Personen? Wie geraten Erlebnisse
als „mein Leben“ ins Gedächtnis? Weil ich etwas als besonders
eindrücklich erlebt habe, weil eine Begebenheit, an der ich beteiligt war, von
anderen immer und immer wieder erzählt wurde - mit Betonung auf bestimmten
Details, gefiltert, geglättet, ausgeschmückt, weil manche Geschichten beim
Erzählen „gut ankamen“? Und im Nebel des Vergessens liegt
begraben, was eben nie erzählt wurde und keine Chance hatte, bewahrt zu werden,
oder was unbequem war und schamhaft oder listig verschwiegen blieb?
Ich bin mir im Laufe der
Jahre unsicherer geworden, wo authentische Wahrheit ist und wo die Erlebnisse
und Erzählungen anderer sich mit meinem Erinnern verschmolzen haben.
Ich werde also versuchen,
Geschichten zu erzählen vom Leben, wie ich es erlebt habe, eingebettet in ein
bisschen Geschichte.
Private Dinge aus dem inneren Kreis der Familie sind
dabei weitgehend ausgespart worden.
Als ich anfing zu schreiben,
war ich neugierig, wie viele Geschichten so etwa zu einem - zu meinem - Leben
gehören könnten. Würden es fünfzig, hundert oder noch mehr sein? Es sind nun
knapp zweihundert zusammen gekommen.
(1946
bis 1953)
Ich bin ein Nachkriegskind.
Mein Vater war Pfarrer. Meine Mutter hatte eigentlich den Beruf einer
„landwirtschaftliche Lehrerin“ erlernt. Aber Pfarrersfrau zu sein,
brachte für sie so viele Verpflichtungen und Verbindlichkeiten mit sich, dass
sie zeitlebens „Hausfrau“ blieb. Wir lebten zunächst sechs Jahre in
einer kleinen Stadt in Südwestsachsen. In dieser Zeit wurden meine beiden
Geschwister geboren, eine Schwester und ein Bruder.
Geboren bin ich – wenn
ich den Berichten anderer Leute und den hierzu vorliegenden Urkunden trauen
darf - mitten im bitterkalten Dezember des Jahres 1946 im großelterlichen Haus
in einem Thüringer Dorf. Ich konnte erst durch heftige Schläge dazu bewegt
werden, überhaupt Luft zu schnappen, und ich muss - als Kind der
Nachkriegshungerzeit - ziemlich mickerig von Gestalt auf die Welt gekommen
sein, sodass meine Überlebens-Chancen zunächst gar nicht rosig eingeschätzt
wurden. Aber ich hielt durch, genährt von Muttermilch. Und ich konnte mich
revanchieren. Meine Eltern bekamen für mich ja zusätzliche Lebensmittelkarten,
die wiederum ihr Überleben erleichtert haben. Im zarten Alter von zwei Wochen
wurde ich in dicke Kissen gepackt und nach Sachsen gebracht. Dort lebte ich
dann fast sieben Jahre lang in einem Mietshaus, das neben der Kirche einer
kleinen Stadt stand. In meiner Erinnerung blieb, dass es dort viele Steine und
Mauern gab, einen klitzekleinen Garten, und dass in jedem Treppenhaus und vor
jeder Haustür viele viele andere Kinder waren.
Was sind eigentlich so die
frühesten Erinnerungen, die für mich zu greifen sind?
Noch Jahrzehnte später wehen manchmal Gerüche oder Töne vorbei, die
irgendwelche Ur-Erlebnisse zum Schwingen bringen, aufgeregt machen, aber das
Graben und Grübeln nach konkret fassbaren und beschreibbaren Erinnerungen
bleibt erfolglos – da war etwas Wichtiges, aber da waren keine Worte und
Begriffe, es festzuhalten.
Dann nehmen einzelne Bilder konkretere Gestalt an. Oft sind solche Erinnerungen
laut und grell und aufregend – Katastrophen merkt man sich einfach
besser.
Als meine kleine Schwester
zwei Jahre alt wurde - da war ich schon dreieinhalb -, gab´s eine Geburtstagsfeier.
Ich sehe die Details noch sehr deutlich vor mir: wie wir in der Küche saßen, wie
das Schwesterchen seinen blonden Lockenkopf weit nach vorn reckte, um die
lustig flackernden Kerzen ausblasen zu können, wie die Flamme ihre
Lockenpracht erfasste. Der Vater schnappte geistesgegenwärtig sein Kind,
schleppte es zum Waschbecken, der Wasserhahn ward geöffnet und das Kind
gelöscht.
Irgendwann in diesem Alter turnte meine Schwester auch einmal auf der
Steintreppe in unserem Mietshaus herum, wuselte immer wieder in der Nähe der
Mutter herum, die dabei war, die Treppe zu wischen. Neben ihr stand ein Eimer,
voll mit koch-heißem Wasser. Er war schon für Mutters nächste Tätigkeit
bestimmt, für die Wäsche im Waschhaus. Ein Fehltritt, ein spitzer Schrei
– und Schwesterchen saß mit seinem süßen Po im Eimer. Aufregung, Arzt,
Krankenhaus, sehr gedrückte elterliche Stimmung – und so blieb auch das
im Gedächtnis eingebrannt.
Wenige Monate später wurde
mein jüngster Bruder geboren, zu Hause übrigens, wie es damals 1950 noch
weithin selbstverständlich war; auch ich und meine Schwester waren zu Hause zur
Welt gekommen. Man hatte uns Größere an diesem Tag wie immer in den
Kindergarten gebracht, aber als wir nach Hause kamen, war beim Mittagessen
irgendetwas anders, hektische Betriebsamkeit, ungewohnte Geräusche. Kindliche
Vermutungen wurden angestellt, schon meinte die Schwester es zu wissen:
„Ein klein Kindlein ist angekommen.“ Meine boshaft-ironische
Antwort geriet in die Familien-Überlieferung: „Wenn´s kein klein
Kindlein ist, dann ist es ein Quakfrosch.“
Drei Jahre trabte ich tapfer
an Mutters Hand quer durch unsere Kleinstadt in den Kindergarten Manchmal
wurden auch zwei bis drei Kinder gleichzeitig auf einem Fahrrad hin jongliert.
Gemerkt habe ich mir fast gar nichts, außer dem Namen von „Schwester
Hildegard“ – es war noch verwirrender, denn diese
„Tante“ war eigentlich „Diakonisse“.
Aber Heldentaten bleiben doch im Gedächtnis. Wir spielten im Freien an einer
Mauer aus großen Natursteinen, als plötzlich die Mädchen schreiend wegliefen.
Panik. Da war irgend etwas Schreckliches. Ich fasste Mut, nahm meine
Spielzeugschaufel fest in die Hand und wagte mich an den Ort des Grauens. Dort
wartete auf mich ein grimmiges schwarzes Ungeheuer. Es hatte eine nie gesehene
grässliche Gestalt – das musste ein Drache sein. Fairerweise muss ich
gestehen, dass ich kein Feuer aus seinem Maul kommen sah. Ich nahm die
Schaufel, stürzte mich todesmutig - und in Erwartung mädchenhafter Verehrung -
auf den Feind und hieb ihn in Stücke. Wirklich, ich habe den armen Kamm-Molch
– ein solcher muss es gewesen sein – wohl getötet. Das tut mir
heute leid, aber den Stolz von damals kann ich noch immer spüren.
Ein Wunder aus der
Kindergartenzeit war auch bedeutsam genug, um erinnert zu werden. Einmal im
Jahr war dort irgend ein Fest. Geheimniskrämerei, Warten aller Kinder auf dem
dunklen Gang vor dem Zimmer. Dann die offene Tür, Kerzenschein und – auf
den Tischen stand etwas, das nur direkt vom Himmel stammen konnte. Grün und rot
glitzerte ein verführerisches Geheimnis in Glasschälchen. Götterspeise!
Einmal im Jahr. Heiß ersehnt. Und dass die aus dem „Westen“ kam -
dort musste der Himmel seinen Ort haben! -, das habe ich damals schon
mitbekommen.
Ich war vier oder fünf Jahre
alt und war zu Besuch bei den Großeltern. Großer Garten, Hühner, Neugier.
Irgendwann beim Spielen im Hühnergarten war ich wohl dem stattlichen Hahn in
die Quere gekommen, der hier der eigentliche Herrscher war. Jedenfalls stürzte
er sich unvermittelt auf mich, kollerte und kratzte, saß schließlich auf meiner
Schulter und hackte immer wieder auf meinen Kopf ein. In meiner Erinnerung war
das gar nicht so schlimm, ich stand einfach da mit dem hackenden Hahn auf dem
Kopf, wohl schon leicht unter Schock. Aber der Großmutter gefiel das überhaupt
nicht, wie ihr Hahn immer weiter auf den blutenden Enkel losging. Großes
Geschrei, der Enkel wurde gerettet und gepflegt. Der Hahn wurde gefangen und
kam noch am gleichen Tag erst unters Beil und dann in die Suppe – die ich
mit essen durfte!
Irgendwann in dieser Zeit
bin ich der gleichen guten Großmutter im Garten etwas bockig begegnet,
jedenfalls rannte sie dann - nach einer Weile auch lachend ob des absurden
Wettlaufs, weil sie mich nicht einkriegte - kreuz und quer über Wiese und Beet
hinter mir her, und in der Hand hatte sie einen „Ochsenziemer“ oder
auch „Sieben-Riemer“. Das war ein durchaus übliches, kommerziell
gefertigtes und gehandeltes Werkzeug, das aus einem schön gedrechselten
Holzgriff bestand, an dessen oberen Ende sieben halbmeterlange dünne
Leder-Riemchen fest angebracht waren – damit konnte man wirksam Kinder
„erziehen“. Zu der Zeit, als Großmutter damit hinter mir her
rannte, war das Ganze wohl nur noch eine Drohgebärde.
An das familiäre Zuhause der
ersten Jahre sind kaum Erinnerungen geblieben. Die eine heißt: Krank sein. Das
Gefühl von Langeweile, das stundenlange Starren an die Zimmerdecke über dem
Bett, in dem man liegen bleiben musste. Die ersehnte Abwechslung, wenn Mutter
endlich wieder kam und den Wadenwickel erneuerte, der das Fieber herunter
treiben sollte. Kaltes nasses Tuch wird um heißes Kinderbein gewickelt, dazu
gab´s irgendeinen Hustentee – so einfach war das damals mit dem
Gesundwerden, Ärzte habe ich als Kind kaum zu sehen bekommen. Und wenn
Nachbars Töchterlein Masern oder „Ziegenpeter“ hatte, dann wurden
wir alle zum Spielen hin geschickt, damit wir uns ansteckten und das, was zum
Leben an Beschwernissen eben dazu gehörte, schnell hinter uns bringen
konnten. Ab und zu wurden wir geimpft, mit der Pieksnadel gegen Pocken und
Tuberkulose oder würfelzucker-schluckend gegen Kinderlähmung. Das geschah als
staatlich-fürsorgliche Selbstverständlichkeit, und ich halte das auch heute
noch für richtig.
Zur frühen Kindheit gehörten
auch Spaziergänge in das nahe „Kirchenholz“. Dort war ein Teich,
an den ich mich erinnern kann, weil beim Liegen auf dem Bauch Erstaunliches und
Wundersames zu Tage trat. Da krabbelte und wimmelte vielerlei Getier in einer
kleinen Unterwasser-Welt. Käfer schwammen durch das Spiegelbild der Wolken,
grimmige Libellenlarven entpuppten sich als gefräßige Räuber. Höhepunkt der
Entdeckungsreise war, dass ich - vorsichtig transportiert in einem Marmeladenglas
- einige seltsame schwarze Wesen mit nach Hause ins Kinderzimmer nehmen durfte:
Froschkinder. Richtig hießen die Kaulquappen, so wusste ich bald aus dem
Bilderbuch. Sie wurden in einem alten Topf einquartiert, ihre Wohnung mit
Pflanzen möbliert, und dann sahen neugierige Kinderaugen stundenlang zu, wie
sie herumtollten, wie ihnen erst hinten, später dann vorn Beinchen wuchsen,
wie der Schwanz zum Stummel wurde. Am Schluss krabbelten sie in einem angeschlagenen
Blechteller auf Steinen herum. In meinem Frosch-Buch stand, dass sie nun
richtige Frösche werden sollten. Sie wussten das aber nicht, behielten
starrsinnig ihre Schwänze, und so trug ich sie eines Tages zurück zu
„ihrem“ Teich.
Herr K. war mein Freund. Er
war Zahnarzt, schon etwas älter, und ich ging gern zu ihm. Schon der weiße
Kittel machte Eindruck, dazu roch es interessant, und geduldig erklärte er mir
die Funktionsweise der technischen Geräte in seiner Praxis. Ich setzte mich
immer gern auf seinen Stuhl und war neugierig, was kommen würde.
Eines Tages hatte er wieder
einmal mit Lampe und Spiegel meinen Mund besichtigt, in allen Ecken mit seiner
Nadel herumgestochert – und dann tuschelte er mit meinem Vater. Warum
konnten die beiden nicht laut reden, es ging doch offenkundig um mich! Dann kam
Herr K., hielt die Hand merkwürdig verkrampft hinter dem Rücken und forderte
mich auf, den Mund zu öffnen. Ich wollte – unter Freunden - erst wissen,
was er vorhatte, ob es weh tun würde. Er verneinte, ich blieb angesichts der
verborgenen Hand misstrauisch – und mein Mund blieb zu. Nach einer Weile
kindlichen Widerstandes riss dem Mann der Geduldsfaden, und er brüllte mich
an. Der Mund ging auf, eine Zange erschien, ein Ruck. Das tat mehrfach weh. Ich
hatte einen Zahn weniger und Tränen in den Augen und von Stund an Misstrauen gegenüber
allen weißen Kitteln.
Menschen haben zu allen
Zeiten davon geträumt, fliegen zu können. Ich auch. Der Traum davon ist mir das
erste Mal im Alter von sechs oder sieben Jahren gekommen, und er war wohl so
wichtig, dass ich ihn später immer wieder einmal geträumt habe. Hintergrund für
die „Urfassung“ war eine Mutprobe, bei der wir im Treppenhaus
einen Wettbewerb veranstalteten. Man musste versuchen, immer eine Stufe höher
zu gehen und von dort bis hinunter zum Treppenabsatz zu springen. Und im Traum
gelang es mir auf einmal, über beliebig viele Treppenstufen hinunterzuschweben,
ich konnte es nicht nur - und war mächtig stolz -, sondern es war auch ganz
einfach: Solange ich die Beine anzog, gab es keinen Bodenkontakt. Endlos immer
weiter schweben können – ein herrliches Gefühl. Am Ende des Traums stand
jedes Mal der feste Entschluss, sofort nach dem Aufwachen der Welt diese
Entdeckung zu offenbaren. Und bisher hab ich das jedes Mal vergessen ...
Irgendwie muss auch mich
kleinen Kerl die Atom-Bomben-Angst Anfang der 50er Jahre erreicht haben. Eines
Nachts im Traum flog ich durch eine Welt, die vollgestellt war mit schwarzen
militärischen Geräten, durchwogt von kämpfenden, ebenfalls schwarzen
Gestalten, Lichtblitze flackerten durch die Szenerie - das waren wohl meine
Vorstellungen vom Krieg. Ich saß beim Fliegen auf einer Kugel - da spielte
irgendwie Münchhausen hinein - und entdeckte plötzlich: Die Kugel, das ist eine
Atom-Bombe. Schrille Angst, aber dann explodierte die Bombe auch schon. Und
dann - bei jeder Wiederholung dieses Traumes besonders beeindruckend, weil ab
hier in Farbe! - sah ich blau-fluoreszierend mein Gerippe; ich träume heute
noch „Gerippe“, obwohl ich längst weiß, dass das richtiger „Skelett“
heißen müsste.
Es waren
heiße Tage in meinem letzten Kindersommer in der Stadt. Gedrückte Stimmung bei
den Erwachsenen, die auch uns Kinder beschwerte. Vater drehte öfter als sonst
an dem schwarzen Radiokasten und lauschte den von Pfeifen und Quietschen
(Störsender!) verzerrten Nachrichtensendungen des „Feindsenders“
RIAS („Radio Im Amerikanischen Sektor“ – von Westberlin).
Irgendwo – noch weit weg - war die Welt aufregend und gefährlich in
Bewegung gekommen. Aber dann plärrten auch die rostig-grauen
Lautsprecher-Trichter los, die überall in den Straßen unserer Kleinstadt
hingen. Eine blecherne Männerstimme verlas immer wieder einen kurzen Text mit
Meldungen und Befehlen, der dann wenig später auch in gedruckter Form an die
Häuserfassaden geklebt wurde. Ausnahmezustand, Verbot der Zusammenrottung,
abendliche Ausgangssperre, sofortiger Schusswaffengebrauch. Gesenkte Stimmen
auf Treppenfluren, immer neue Nachrichten und Gerüchte: von Arbeiter-Aufstand,
von Konterrevolution, von Terror und von Toten. Angst stand in den Gesichtern
der Erwachsenen, Angst, die auch in mich hineinkroch. Weglaufen ging nicht.
Aber Verkriechen unter Vaters Schreibtisch. Wenige Tage später war alles
vorbei, wie ein schlimmes Gewitter abzieht, aber es blieb ein Schatten auf dem
Alltag, der DDR-Staat hatte in meinem Kindergemüt einen ersten deutlichen
Ein-Druck hinterlassen.
Dieser
17. Juni des Jahres 1953 war meine früheste Erfahrung mit Politik. Ein paar Wochen
später kam ich in die Schule, wir zogen um aufs Dorf. All das Neue ließ schnell
die dunklen Tage vergessen.
(1953 bis 1961)
Kurz nach meinem Schulanfang
übernahm mein Vater eine Pfarrstelle auf einem Dorf. Dort verbrachte ich meine
gesamte Grundschulzeit.
Im Spätsommer des Jahres
1953 entstand erhebliche Unruhe in der Familie. Wir sollten umziehen. Möbel
wurden gerückt, Kisten gepackt, Teppiche gerollt. Dann eines Tages emsiges
Treiben treppauf und treppab. Die Zimmer leerten sich. Stunden später wurde ich
hinuntergeführt vors Haus, wo ein ältlicher Möbelwagen schon mit unserem
Familienkram bepackt war. Für mich war hinten auf der Ladefläche ein Plätzchen
freigehalten. Ich setzte mich, die Hände hielten krampfhaft das schwappende
Aquarium umklammert, in dem meine geliebten Guppys schwammen. Rings um mich war
ein Urwald aus Grünpflanzen. Und dann setzte sich die Fuhre schwankend und
ruckelnd in Bewegung. Richtung Dorf. Ein fremdes unbekanntes Land. Da gab es
keine verlässlichen Wege, keine vertrauten Gesichter – und so fuhr eine
erhebliche Portion kindlicher Angst und Beklemmung auf dem Möbelwagen mit.
Meine erste Entdeckung nach der Ankunft war, dass es in der Neuen Welt viel
viel mehr Platz gab als in der Stadt. Der Horizont war unendlich weit weg, und
auf dem Weg dort hin gab es sicher einiges zu entdecken. Alles roch aufregend
neu. Neben meinem Bett stand an diesem Abend auch die Zuckertüte, die mich
daran erinnerte, dass ich am nächsten Tag meine neue Schulklasse kennen lernen
würde. Aufregend.
Es war Mitte September, als
ich zum ersten Mal den Berg hinaufging zur Schule. Ich wurde als „der
Neue aus der Stadt“ vorgestellt und verkroch mich schüchtern auf der
ersten Bank, kritisch beobachtet von dreizehn Dorfkindern. Schulzeit auf dem
Dorf Anfang der 50er Jahre. Der Unterricht fand in der alten Kirchschule statt.
Ein Lehrer nebst Familie wohnte gleich in dem Gebäude. Er war ein so genannter
„Neulehrer“, das hieß, dass er politisch nicht durch eine Tätigkeit
in der Nazizeit belastet war, und deshalb hatte man ihn ohne große Umschweife
oder umfangreiche Ausbildung gleich zum Lehrer ernannt. Es gab viele Kinder
und zu wenig Räume und zu wenig Lehrer. So fand der Unterricht im Normalfall in
einem Raum mit zwei Klassen gleichzeitig statt. Das ging so: Mit der einen
Hälfte löste der Lehrer an der Tafel Rechenaufgaben, die anderen erledigten
inzwischen irgendwelche schriftlichen Arbeiten. Ein andermal verband der Lehrer
das Angenehme mit dem Nützlichen, und dann las ein Zweitklässler denen aus der
„Ersten“ eine Geschichte vor. Zu Beginn und am Ende jeder Stunde
wurde ein Schüler losgeschickt, der mit einer Glocke in der Hand treppauf und
treppab rannte und das Zeitmaß kundtat. Und das Raumproblem fand eine für uns
Pfarrerskinder äußerst günstige Lösung. Der Schul-Unterricht wurde
stundenweise in das Pfarrhaus verlagert, sodass wir vom Frühstückstisch in
Hausschuhen herunterhuschen konnten. Zwergschule. Schlimm war´s nicht. Eher
gemütlich, gemeinschaftsbildend. Und je Klassenstufe nur mit 10 oder 15
Kindern zu tun zu haben, das wäre heute für manche Pädagogen wohl der Himmel
auf Erden!
Ich erinnere mich an etwas merkwürdige Unterrichts-Fächer. Eines hieß
„Handarbeiten“; auch wir Jungen sollten lernen, mit Stopf- und
Häkelnadeln zu hantieren. Später lernten wir „UTP“,
„PA“ und „ESP“ kennen. Das hieß in der Langform
„Unterrichtstag in der Produktion“, „Produktive Arbeit“
und „Einführung in die sozialistische Produktion“ – letzteres
vermittelte uns das ABC der sozialistischen Betriebswirtschaftslehre.
In der dritten und vierten
Klasse mussten wir jeden Schultag ins Nachbardorf laufen. Das meinte wirklich
laufen, Busse oder gar PKW-besitzende Eltern gab es nicht, und so marschierte
mancher kleine Kerl morgens drei Kilometer hin und mittags drei Kilometer
wieder zurück nach Hause, das Ränzlein tapfer geschultert.
Zu unserer
Standardausrüstung gehörte ein Ranzen - oft schon von Geschwisterkindern genutzt
-, der auf den längeren Fußmärschen zur Schule natürlich auf dem Rücken
getragen wurde. Im Ranzen waren damals nur wenige Bücher und Hefte. Aber immer
darin war in den ersten Schuljahren ein hölzernes Feder-Kästchen. Darin
steckten ein paar Blei- und Buntstifte, vor allem aber ein Feder-Halter und ein
verschraubbares gläsernes Tintenfässchen. Die Schreibfedern aus Metall konnten
ausgewechselt werden; es gab breitere und schmalere, und sie mussten immer
erst eine Weile „eingeschrieben“ werden, ehe sie nicht mehr
kratzten. Und dann galt es, die Feder vorsichtig ins Tintenfass einzutauchen -
aber nicht zu tief, sonst gab es Kleckse im Heft! -, ein Wort oder zwei zu
schreiben, erneut einzutauchen usw. Da die Tinte nur langsam trocknete, war
immer ein Block mit Löschpapier zur Hand und durch Aufdrücken eines Löschblatts
wurde der geschriebene Text getrocknet.
Irgendwann hatte jemand den
ersten „Füller“. Zunächst ein unnötiger und unerreichbarer Luxus.
Aber ein solcher Füllfederhalter erwies sich als viel komfortabler und
klecksverhindernd, weil die Tinte hier gleichmäßig floss. Es gab sogar noch
eine weitere Steigerung: Ich wünschte mir ein Jahr lang – und am Ende mit
Erfolg - einen „GEHA-Schulfüller mit Reservetank“. Wenn bei diesem
Wundergerät - „aus dem Westen“ - die Tinte im Füllhalter-Reservoir
zu Ende ging, brauchte man nur einen geheimnisvollen grünen Knopf zu drücken
und konnte dann noch ein paar Minuten weiter schreiben.
Wir saßen auf altertümlichen
Schulbänken, hohe, dunkle Holzmonster auf geschnörkeltem Eisengestell, mit
eingelassenem gläsernen Tintenfass und einer Mulde zur Stiftablage.
Generationen von Schülern vor uns hatten sich darauf mit Schnitzereien und
Malereien verewigt.
Unsere Sportstunden
verbrachten wir in den ersten Schuljahren auf dem Schulhof oder im Pfarrgarten.
Wir spielten „Faules Ei“ oder „Völkerball“ oder
„Brennball“, das war eine kindgerechte Baseball-Variante. Bei
schlechtem Wetter blieben wir gleich im Klassenzimmer. Dann hieß es: Auskleiden
bis auf Unterhemd und Turnhose, alle Mann hinter auf die letzte Reihe, und dann
krabbelten wir paarweise im Wettstreit über die Bänke nach vorn. Eine andere
Disziplin hieß: Herunterrutschen auf schräg gestellten Bänken. Der ältere und
an Sport nur mäßig interessierte Deutschlehrer notierte unkonzentriert die
Sieger. Das war nicht so toll.
Mitte der 1950er Jahre bekamen wir dann einen ausgebildeten Sportlehrer. Nun
wurde im Dorf ein „Sportraum“ gesucht. An der Dorfstraße stand ein
kleines Schuppengebäude, der Raum vielleicht 8 Meter lang, drei Meter breit. Im
alten Gasthof fanden sich - aus früheren Turnvereins-Tagen – einige
angestaubte Matten, ein knarrender Barren, ein Bock, ein Pferd, und wir
begannen begeistert diese Welt zu erkunden. Wenn wir „Bockspringen“
üben wollten, stellten sich alle Kinder draußen auf der anderen Straßenseite
an und liefen dann über die Straße, durch die Tür in den dunklen Raum, und
sprangen über das Gerät. Wenn am Barren geturnt wurde, stießen größer Jungen
schon einmal beim Schulterstand mit den Beinen an der Decke des Raumes an. Aber
jetzt machte Turnen schon viel mehr Spaß. Der ehrgeizige Lehrer brachte uns
etwas tapsigen Dorfkindern Disziplin und (Körper-)Haltung bei. Stolz traten
wir dem Sportverein „TRAKTOR“ bei, nähten die gelben Embleme auf
unsere blauen Turn-Hemden. In vielen Übungsstunden und mit manchem Muskelkater
im Gefolge lernten wir die Welt von „Schulterstand“ und
„Hocke“ und „Flick-Flack“ kennen – und eines
Tages war es dann so weit. Ein wenig zitternd traten wir zu Wettkämpfen an, zu
Stadt- und zu Kreismeisterschaften – und wir gewannen! Viele Jahrgänge
von kleinen Dorfschülern kriegten so Selbstvertrauen und einen Kick fürs Leben.
Der einmal geweckte
sportliche Ehrgeiz trieb manchmal schon merkwürdige Blüten. Ich erinnere mich
an den Federball-Rekord, den ich nach vielen Wochen täglicher Steigerung mit
Nachbarsjunge Götz erzielt habe. Als Spielregel galt, den Federball immer
abwechselnd zu schlagen und ihn zwischendurch nicht auf den Boden fallen zu
lassen. Fast drei Stunden „wanderten“ wir ballspielend kreuz und
quer durch den großen Obstgarten und hörten schließlich nach 2222 Berührungen
auf, weil es inzwischen stockdunkel geworden war. Ein andermal war unter uns
Jungen „Stabhochsprung“ als bisher nicht erprobte Sportart in
Mode gekommen, und in Ermangelung besserer Möglichkeiten entwendeten wir zu
Hause Mutters hölzerne Wäschestützen und sprangen damit über die bis zu zwei
Meter hoch liegende Latte. So manche morsche Holzstange brach bei unserem eifrigen
Hüpfen einfach mitten durch.
Schule war wohl so schön
normal, dass ich mir aus acht Jahren kaum etwas Besonderes gemerkt habe. Bis
auf den großen Knall. Zwar kennt wohl jedermann den Spruch: „Chemie ist
das, was kracht und stinkt, und was am Ende nie gelingt!“ Aber wir haben
das live erleben dürfen. Unser junger Lehrer machte eines Tages vorn an seinem
Pult ein Experiment. Aus einem Glas wurde ein Brocken Natrium hervorgeholt.
Davon schnitt er ein - wirklich kleines - Stückchen ab und gab es in eine
kleine Wanne mit Wasser, um uns vorzuführen, dass nun eine chemische Reaktion
einsetzt und dabei Knallgas entsteht. Das Natrium-Stückchen begann auf dem
Wasser hin- und herzusausen. Und dann knallte es. Nicht nur der übliche
Knallgas-Sound, so „Pfchiit“, sondern es krachte, richtig heftig.
Als wir Schülerlein verängstigt wieder unter den Bänken hervorkrochen, konnte
Bilanz gezogen werden. Der blasse Lehrer zählte durch – alle waren
gesund geblieben. Aber der ganze Raum und wir Kinder war übersät von feinen
Glassplittern, die zwei Zentimeter dicke Deckplatte des Lehrertischs hatte
ein suppentellergroßes Loch – und wir kriegten für den Rest des Tages
schulfrei.
Ich habe später - trotzdem oder gerade deswegen? - Chemie studiert.
Fester Bestandteil des
Schullebens war der „Fahnenappell“.
Zu ihm versammelten sich an
jedem Montag vor der ersten Unterrichtsstunde alle Lehrer und Schüler auf dem
Schulhof. Wir traten im Karree an, dann trat ein „Junger Pionier“ -
das waren die Mitglieder der sozialistischen Kinderorganisation - vor und
schrie „Seid bereit!“, und das Volk antwortete brüllend
„Immer bereit!“. Die blaue Pionier-Fahne wurde feierlich am Mast
hochgezogen. Dann kamen noch ein paar politische Richtigkeiten, die uns der Direktor
für die nächste Woche nahe legte, und danach stürmten alle ins Schulgebäude. Zu
diesem Anlass sollten eigentlich alle „Pioniere“ in ihrer Uniform
erscheinen (dunkle Hose, weißes Hemd), zumindest aber ihr rotes oder blaues
Halstuch tragen. So waren „Abweichler“, wie ich einer war, schon
äußerlich klar zu erkennen.
Die Jungen Pioniere hatten
sogar ihre eigenen „Zehn Gebote“. Eines davon hieß zum Beispiel:
„Junge Pioniere halten ihren Körper sauber und gesund!“. So
richtig ernst genommen wurde das aber alles nicht.
Unser Dorf war in den 50er
Jahren noch ein weithin in sich geschlossener Lebensraum. Ältere Bauersfrauen
haben berichtet, dass sie damals in der Regel nur ein Mal im Jahr in die nur
drei Kilometer entfernte Stadt „gereist“ sind – sie hatten
keine Zeit dafür, aber auch keinen Bedarf. Vieles erledigte sich auf kurzen
und in Generationen erprobten Wegen, einer lieferte das, was sein Nachbar
brauchte, die lebens-notwendigen Verrichtungen fanden buchstäblich im Horizont
des heimatlichen Kirchturms statt.
Da gab es in unserem
Straßendorf auf einem Kilometer die Straße hinauf und hinunter in vielleicht
40 Grundstücken:
Vieles machten die Leute
noch selbst: Auf den Bauerhöfen gab es nicht nur intensiv genutzte Gärten -
mit fruchtbarer dunkler Erde und gesäumt von akkurat geschnittenen Buchsbaumhecken
- für den eigenen Gemüsebedarf, da wurde selbstverständlich auch geschlachtet,
Vorräte an Obst und Wurst eingekocht, aus Äpfeln Saft gemostet, und man buk
selbst Brot, große runde Sechs-Pfünder.
Wir Nicht-Bauern hatten auch
Brot zu essen. Das gab´s beim „Bäcke“ zu kaufen. Immer ofenfrisch,
und das war schon das Verhängnis. Da wurde ich schnell noch losgeschickt, um
ein Drei-Pfund-Brot zu holen, betrat das betörend duftende Ladengeschäft neben
der Backstube, legte meine 78 Pfennige auf die Ladentafel, klemmte den Laib
unter den Arm und verließ unter dem Gebimmel der Glocke den Laden. Und dann auf
der Straße überwältigte mich jedes Mal ein Gefühl aus Hunger und Sucht, die
Finger brachen eine Ecke aus dem Brot heraus oder puhlten ein Loch an unverdächtiger
Stelle. Unübertrefflich, dieser Geschmack von richtig frischem Brot! Die
Mutter zu Hause hatte nicht immer Verständnis für die Löcher. Was ein Brot
kostete, hätte einem in den 60er Jahren jeder auf der Straße sagen können. Zum
einen war Brot in den Nachkriegsjahren noch ein Wertgegenstand - damals gab
eine Familie in Deutschland die Hälfte ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus
- und zum zweiten hielt die DDR aus Prinzip über Jahrzehnte die Preise für
Grundnahrungsmittel konstant.
Meine Mutter machte auch
gern Kuchen. Einen eigenen Herd besaßen wir nicht, nur eine elektrische
Backform für kleine runde Kuchen. Das „Abbacken“ von
„richtigen“ Kuchen war Sache des Bäckers. Zu Hause wurde der Teig
gerührt und geknetet, auf einem runden Blech ausgebreitet und mit Früchten belegt
oder mit Streuseln bestreut. Das Blech wurde in den Hof getragen, vorsichtig
auf dem Handwagen verstaut, und ich durfte zum Bäcker wandern. Dann stand ich
in der Backstube, verwies auf den von Mutter bestellten Termin, und das
Kuchenblech verschwand in der tiefen Höhle des heißen Backofens. Unser Kuchen
blieb dort nicht allein, zum gleichen Termin lieferten auch andere Leute ihre
Backware ab, und in jeden Kuchen wurde zur genauen Kennzeichnung eine Blechmarke
eingestochen. Ein paar Stunden später holperte ich wieder mit dem Wagen das
Dorf hinunter „zum Bäcke“, die duftenden Kuchen wurden anhand
ihrer Marken den jeweiligen Besitzern zugeordnet, ich bezahlte 30 Pfennige
fürs Backen und trat den Heimweg an. Auch von den frisch duftenden, noch
warmen Kuchen hat keiner je unser Haus erreicht, ohne dass es Knabberspuren
gab.
Ein richtiges Back-Festival
fand jedes Jahr im Advent statt. Da tauchte zunächst ein großer Trog in der
Küche auf, die „Backmulde“, die nur zu diesem Anlass zum Einsatz
kam. Darin wurden kiloweise Mehl und Zucker, Butter und Schmalz, Hefe und
Milch verrührt und verknetet. Mandeln kamen dazu und Nüsse und Rosinen und
Zitronat. Die letzteren Zutaten gab´s manchmal nur sehr sparsam. Das war davon
abhängig, ob „Vater Staat“ dem Volk gütigerweise eine
Weihnachts-Extra-Ration zukommen ließ oder ob die Westverwandten rechtzeitig an
die stollenbackende Ostverwandtschaft gedacht hatten. Der mehlbestäubte Trog
wanderte zunächst auf den Kachelofen, damit der Teig richtig
„gehen“ konnte. Und dann gab es wieder den Weg mit dem Handwagen
zum Bäcker. Der Termin war Wochen im Voraus bestellt. In der Backstube wurden
aus dem großen Kloß in der Wanne ordentliche Stollen geformt und mit dem obligatorischen
blechernen Namensschild gekennzeichnet. Dann konnten wir zunächst wieder nach
Hause gehen. Manche misstrauischen Kundinnen blieben stundenlang beim Bäcker
sitzen und behielten die Ofentür fest im Blick, um ganz sicher zu gehen, dass
es wirklich „ihr“ Stollen war, der da später aus dem Ofen geholt
wurde. Es hätte ja sein können, dass irgendwas vertauscht wurde und man einen
Stollen ohne seine wertvollen Westrosinen oder seine Westmandeln kriegte ...
Bei uns zu Hause lagerten dann zwölf und mehr braunkrustige Laibe auf Regalen
und Schränken. Einige davon gingen als Weihnachtsgeschenk auf Reisen, manche
in Richtung Westen, woher die Zutaten stammten. Einmal wurde ein vergessener
Stollen zur Osterzeit gefunden – und er erwies sich als „gut
durchgezogen“ und durchaus noch essbar.
Bauer zu sein bedeutete
einen harten Alltag. Früh zeitig ging es los mit Füttern und Melken, dann raus
auf das Feld, mittags zurück – jetzt waren zwei Stunden Pause für Mensch
und Pferde -, nachmittags noch einmal raus, dann war Dämmerstunde, aber danach
war noch einmal Arbeit angesagt bis spät in den Abend. So etwas wie Freizeit
oder Urlaub war unbekannt. Und die ganze Familie war fest in die Arbeitsrhythmen
eingespannt.
Manche armen Bauern pflügten
mit einem Ochsen. Die meisten besaßen aber Pferde für die Feldarbeit. Selten
tuckerte auch ein Traktor durchs Dorf, z.B. eine Lanz-Bulldog aus
Vorkriegszeiten.
In der Mitte der
Vierseithöfe befand sich fast immer ein großer Misthaufen, umkreist von Schwalben,
die nach Fliegen schnappten und in den überall vorhandenen Lehmpfützen
reichlich Baumaterial für ihre Nester fanden. Im düsteren Kuhstall war die
Wand schwarz von Fliegen, deren sich die Kühe durch heftiges Schwanzwedeln zu
erwehren versuchten. Neben der Kuh hockte auf einem dreibeinigen Holzschemel
die Bäuerin und molk das nervöse Tier; ein Ertrag von einem Eimer Milch am Tag
war damals schon eine ordentliche Menge für eine Kuh. Die große zerbeulte
Aluminium-Kanne mit der Milch für die Ablieferung (das „Soll“ für
den „Staat“) kam dann raus auf die „Rampe“ an der
Straße. Auf dem Hof wurde der Kartoffeldämpfer angeheizt. Darin garten gleich
eimerweise Kartoffeln, die für das Viehfutter bestimmt waren, aber auch uns Kindern
köstlich mundeten. Wir halfen, mengten gequetschte Getreidekörner in den
Futterbrei, und manchmal wurde er auch mit „Siede“ gestreckt, das
war die Spreu, die Getreidespelzen, von denen immer ein Haufen hinter der
Dreschmaschine lag. Damals wurde das Getreide auf dem Feld noch vielfach von
Hand mit der Sense gemäht und anschließend zu „Garben“
zusammengebunden. Später übernahm diese beiden Arbeitsgänge eine Maschine, die
„Mäh-Binder“ hieß. Mehrere Garben wurden dann in Handarbeit zu
„Puppen“ aufgestellt – die sahen aus wie kleine Häuschen und
eigneten sich wunderbar zum Versteck-Spielen! Ausgedroschen wurde das
getrocknete Getreide später auf dem Hof, in den ersten Jahren nach dem Krieg
manchmal noch von Hand: Auf der Scheunen-Tenne schlugen vier Leute im Takt
reihum mit Dreschflegeln die Körner aus den Garben. Mit der Schaufel wurde hin
und wieder das Gemisch hochgeworfen, wobei der Wind die Spelzen wegtrug und
sich so die „Spreu“ vom Weizen trennte. Als ich mich dafür
interessierte, wurde aber meist schon mit der Dreschmaschine gedroschen. Dann
legte der Bauer den ledernen Treibriemen auf das Schwungrad der Dreschmaschine,
das Ungetüm ratterte los, die Körner rieselten in den Sack und hinten stiebte
die „Siede“ heraus.
Die Oma fegte mit einem Reisigbesen die „Heiste“, das war ein mit Ziegeln
gepflasterter Hofteil vor dem Eingang zum Wohnhaus. Beim Spielen in der Scheune
sammelten wir Kinder nebenbei auch die Eier ein, die die Hühner irgendwo
(ab-)gelegt hatten; manchmal fanden wir auch ein gut verstecktes Gelege nicht,
dann stolzierte drei Wochen später eine aufgeregte Glucke mit einer Schar
gelber Küken auf dem Hof herum.
Die Bauern produzierten mit
strengen staatlichen Auflagen und unterlagen ständiger Kontrolle. Sie hatten
für alle erzeugten Produkte (Getreide, Kartoffeln, Rüben, Milch usw.) ein
„SOLL“ zu erbringen, eine Pflicht-Menge, die an den Staat
„abzuliefern“ war. Wenn sie etwas darüber hinaus erwirtschafteten,
konnten sie das als „freie Spitzen“ auch selbst vermarkten.
Zur Landwirtschaft gehörten
die Pferde. Und die Pferde mussten immer mal zum Schmied geführt werden. Dort
bekamen sie neue „Schuhe“ angemessen, Hufeisen. Die
Schmiedewerkstatt war eine düstere Höhle, in der immer das Schmiedefeuer
glimmte. Das Pferd wurde hineingeführt in die Werkstatt und stand ergeben
zwischen Zangen und Rohren und Hämmern und Blechen. Der Schmied nahm den Huf in
die Hand, suchte mit fachmännischem Blick aus vorhandenen Rohlingen ein
passendes Hufeisen aus. Dann wurde das Koksfeuer mit einen Handblasebalg zu
heller Glut entfacht. Darin wurde das Eisen hellglühend erhitzt, auf den
Amboss gelegt und dann sprühten unter den Schlägen des schweren Hammers die
Funken. Das Eisen wurde immer mal wieder an den Pferdehuf gehalten, bis es
endlich die richtige Form hatte. Dann wurde es - noch heiß, wodurch es nun ganz
fürchterlich nach verbranntem Horn stank - auf den Huf gepresst und mit
besonderen Hufnägeln angenagelt. Manches Pferd ertrug das alles in stoischer
Ruhe und ging dann klirr-klappernd die Dorfstraße hinunter. Manchmal musste
aber auch ein zweiter Mann das nervöse Tier während der ganzen Prozedur
festhalten und beruhigen.
Besuch bei Bauern. Erste
Regel: Wenn das Hoftor offen steht, darf man rein. Zweite Regel: Eine Klingel
gibt es nicht – wenn die Haustür offen steht, nur immer gerade aus und
weiter durch bis in die (Wohn-)Küche. Dort fand das Leben statt. Meist waren
das Mehrzweck-Räume, stets gut geheizt, mit einem Sofa für die Mittagsruhe und
einem großen Tisch für die Mahlzeiten. Ziemlich geheimnisvoll war in allen
Bauernhäusern ein gleich daneben gelegener, viel größerer Raum, dessen Fenster
oft dunkel verhangen waren und der nur selten betreten wurde, die „gute
Stube“. Als Ende der 50er Jahre die ersten Fernsehgeräte Einzug in den
Bauernhöfen hielten, bekamen sie – ihrem Wert entsprechend - ihren Platz
in der guten Stube, die von da an auch regelmäßig von den Familien genutzt
wurde. Ich als Kind aus einer nicht-Fernseher-besitzenden Familie war natürlich
auch scharf auf das schwarz-weiße Geflimmer. Also schlich ich manchen Abend -
gegen die ausdrückliche Weisung meiner Eltern - in die verdunkelten Stuben der
Familien befreundeter Bauernkinder und genoss Freud und Leid irgendwelcher
amerikanischer Familienserien. Zu Hause gab´s dann zur Strafe kein Abendbrot.
Für uns als Kinder viel
attraktiver als die Wohnzimmer waren die großen Scheunen der Bauern. Dort gab
es nicht nur Eier zu finden, die die Hühner überall fallen ließen, da lagerte
vor allem in riesigen Haufen goldenes Stroh. Man konnte ins Gebälk hochklettern
und sich dann wohlig fallen lassen, Mutsprünge vorführen, vielleicht auch einen
Salto-Sprung tief hinunter riskieren; manchmal fiel man dabei auch eine Etage
tiefer bis auf die harte Tenne hinunter. Das war ein kratziges und durchaus
lebensgefährliches Vergnügen.
In den 50er Jahren war die
dörfliche Welt noch recht übersichtlich, kleinräumig strukturiert und gerade
deshalb sehr abwechslungsreich. Das Land gehörte den Bauern, die es auch als
Familienbetriebe selbst bewirtschafteten. Es gab noch immer
Standesunterschiede. Ein „Vierspänner“, d.h. ein Bauer, der vier
Pferde einspannen konnte, war etwas Besseres als ein Zweispänner oder gar ein
Landwirt, der nur mit einem Ochsen pflügte. Viele Bauern hatten nicht nur ihre
Felder, sondern besaßen auch ein eigenes Stück Wald. Am Ende von Tetzners Feld
war dann eben „Tetzners Holz“. An anderen Stellen gab es
Lehmgruben für die Gewinnung von Lehmziegeln oder Sandgruben, die dann auch
nach ihren Besitzern benannt waren („Junghannsens“ oder
„Dietzmanns Sandgrube“). In diesen Gruben, die nur bei Bedarf
betrieben wurden, gab es herrliche - und gefährliche - Spielplätze für Kinder,
oft haben wir dort Höhlen gegraben und als Indianer vielerlei Abenteuer
bestanden.
Es gab zusätzlich noch
namenlose Hecken und Waldstückchen, die die Landschaft auflockerten; eine
kleinere Baumgruppe in Dorfnähe hieß „Maiglöckchenwäldchen“, weil
dort im Frühjahr Tausende der kleinen weißen Trauben blühten. Und zwischen den
Feldstreifen lagen überall Feldwege, oft nur im Abstand von hundert Metern,
bestanden mit Holunderbüschen, Pflaumenbäumen oder einzelnen Eichen. Manche
waren seit Jahrhunderten genutzte Verbindungen ins Umland, zum Beispiel der
„Marktsteig“, auf dem die Bauersfrauen früher ihre Kiepen zum Markt
in die Nachbarstadt geschleppt hatten.
In Senken der Landschaft begegneten uns herumstreifenden Jungen immer wieder
kleine Teiche, die von Weiden gesäumt waren und bei Sturzregen das Wasser
aufhalten sollten. Dort versuchten wir uns als Angler oder beobachteten Wiesel.
Beliebter Ort für Spiele
aller Art war „die Bach“. Der Dorfbach ist bei uns bis heute
(grammatisch) weiblich. Die Bach konnte man in stundenlangen Bemühungen
versuchen „anzudämmen“. Man konnte Angeln bauen und versuchen,
kleine Fische zu fangen (Elritzen oder Schlammpeitzger – die wir
„Schlammbeißer“ nannten). Man konnte sich von den älteren Dorfbewohnern
berichten lassen, dass es zu ihrer Kinder-Zeit hier noch Krebse gegeben hatte.
Mutproben fanden statt, zum Beispiel galt es, Bachwasser zu trinken, obwohl einige
Meter weiter oberhalb eine tote Ratte im Wasser lag, oder wir versuchten, an
einer besonders breiten Stelle über die Bach zu springen.
Beginnend mit der
„sozialistischen Umgestaltung“ in der Landwirtschaft sind viele von
diesen Elementen aus der Landschaft verschwunden. Bachläufe und Teiche wurden
zugeschüttet, unter der Erde fortgeleitet oder mit Stall-Abwässern buchstäblich
„versaut“. Feld- und Flurwege wurden zur Gewinnung größerer
Flächen überackert, Feldgehölze und Wäldchen störten die Geradeausfahrt
moderner Großtechnik und verschwanden. Und mit ihnen verschwanden auch
Rebhühner, Hamster, Elritzen – und spielende Kinder.
In den 1950er Jahren wurde noch alles Stroh nach der Getreideernte geborgen und
in den Scheunen eingelagert, um später als Einstreu in den Vieh-Ställen zu
dienen. Als später die Mähdrescher Einzug hielten, wurde immer öfter das Stroh
auch direkt auf dem Feld zu großen Ballen gepresst und aufgestapelt. Diese
„Strohfeimel“ waren herrliche Abenteuerspielplätze, geeignet zum
Burgenbau und für Sprungartistik.
Wir hatten selber
Kirschbäume im Garten. Aber fremde Kirschen sind erstens meist eher reif als
die zu Hause, und sie schmecken einfach viel besser. Und frisch auf dem Baum
sollten sie sowieso verzehrt werden!
Es war ein bisschen Sport dabei. Da waren auf der einen Seite die Bauern, denen
die Kirschbäume gehörten. Meistens hatten sie mehrere davon, oft außerhalb der
Grundstücke gepflanzt an Wiesen- und Wegrändern. Und die Bauern wollten ihre
Kirschen eigentlich auch selbst ernten, die wurden auf den Markt gebracht oder
für den Winter eingekocht. Aber auch wir Kinder hatten Appetit - auf eben
diese Kirschen. Vorsichtig wurde ein weiter Anmarsch von hinten übers Feld eingeleitet,
vom Dorf aus durften wir nicht gesichtet werden. Wir machten uns an die Bäume
heran, die am wenigsten Einblick ermöglichten, schwangen uns hinauf und
begannen zu futtern. Einer stand Schmiere. Und das war notwendig, denn die
Gegenpartei passte gut auf. Manchmal war richtig jemand aus der Besitzerfamilie
zum „Stare-Hüten“ abkommandiert, und dazu gehörte neben dem
Vertreiben der Stare eben auch, das schändliche Treiben von Dieben zu melden.
Dann schnaufte wenig später ein brüllender Bauer den Weg herauf – oder
er schlich sich leise heran, stand plötzlich unter den Bäumen und griff sich
einen der jugendlichen Diebe, der nicht schnell genug das Weite gesucht hatte,
und das tat dann „handfest“ weh! Einmal rannte uns sogar Bauer
Schnabel mit der Mistgabel hinterher – zum Glück hat sein Wurfgeschoss
nicht getroffen!
Kirschbäume waren ein
wertvoller Besitz. Auf halbem Weg hinüber zum Nachbardorf stand direkt an der Straße,
die von Kirschbäumen gesäumt war, das so genannte „Kirschhäusel“.
Das war ein kleines gemauertes Gebäude, einzig und allein zu dem Zweck
errichtet, um die mit Kirschen oder anderem Obst gefüllten Kisten in der
Erntezeit lagern und vor dem Zugriff Fremder schützen zu können.
Manchmal beneidete ich die
„richtigen“ Bauernkinder. Es gab Zeiten im Jahr, da erschienen sie
gleich für ein paar Tage überhaupt nicht zum Unterricht. Auf den Entschuldigungs-Zetteln,
die sie von zu Hause mitbrachten, stand, dass sie für Arbeiten auf den heimatlichen
Höfen gebraucht wurden. Die Bauernwirtschaften waren im Wesentlichen Familienbetriebe.
Und die Kinder waren Arbeitskräfte, auf die in Stoßzeiten nicht verzichtet
werden konnte.
Ich bin ziemlich bald und
ganz freiwillig zur Arbeit mit auf die Felder gezogen. Im Herbst ging´s zum
„Kartoffeln-lesen“. Vornweg der Bauer mit dem Pferd, der zunächst
einen „Damm“ Kartoffeln freilegte. Dahinter wir Kinder: Gebückt
oder auf Knien rutschend sammelten wir die gelben Knollen zusammen und warfen
sie in große Körbe. Erwachsene trugen die vollen Kiepen weg und entleerten sie
in einen Wagen am Feldrand. Zwischendurch gab es kurze Pausen, in denen man
den schmerzenden Rücken gerade machen konnte und zusah, wie der Bauer das
Pferd durch die nächste Kartoffelfurche trieb, wobei rotierende Gabeln die
leuchtend gelben Knollen auswarfen. Dann galt es wieder, sie schnell in unsere
Körbe zu sammeln, ehe Bauer und Pferd schon die nächste Reihe freilegten. Der
schönere Teil des Kartoffellesens nahte punkt vier Uhr nachmittags. Die
Bauersfrau tauchte am Feldrand auf, schleppte auf dem Feldweg eine Kanne heran
- sie hieß richtig „Lase“ -, in der köstlicher, mit Milch und Zucker
versetzter Malzkaffee schwappte, und in einem Korb brachte sie die
Vesper-Brote, riesige vom Sechs-Pfünder-Brot geschnittene Scheiben mit gesalzenem
Schmalz oder Leberwurst oder Blutwurst. So mit den anderen am Feldrain zu
sitzen und zu schwatzen und dazuzugehören – das war es wert, zuvor
einige Stunden den Rücken zu krümmen! Am Ende des Arbeitstages brannten dann
manchmal noch Feuer aus getrocknetem Kartoffel-„Krätsch“ (=
Kraut), in deren Aschglut köstliche angekohlte Bratkartoffeln geröstet wurden.
Im Frühsommer stand auf den
Entschuldigungs-Zetteln der Bauerskinder als Grund des Fernbleibens:
„Rüben verziehen“. Rüben wurden zunächst in lückenlosen Reihen
ausgesät. Dann zogen Gruppen von Frauen mit Hacken über die Felder und hackten
Unkraut und überzählige Rübensaat aus. Anschließend krochen wir - Kinder und
Frauen - auf Knien über den Acker und rissen von Hand aus, was jetzt noch den
Aufwuchs der zarten Rübenpflänzchen störte. Da gab es in glühender Sonne und
bei steinhartem Boden manchmal Anlass zum Stöhnen, aber auch zum Staunen, wenn
plötzlich mitten auf dem nackten Boden ein paar winzige Eier lagen und hoch
oben eine Lerchenmutter sorgenvolle Ablenkungs-Gesänge erklingen ließ. Und
spätestens beim Vesperbrot war die Welt wieder in Ordnung. Und die 60 Pfennige
Arbeitslohn je Stunde, die prompt am Ende jedes Arbeitstages ausgezahlt wurden,
waren auch nicht zu verachten.
Übrigens gab es damals noch
eine und zwei Mark nur als Geld-Scheine und 50 Pfennige kursierten nicht nur
als Messing-Münzen, sondern es gab sie zusätzlich als kleine blaue Banknoten.
Es gab noch mehr Arbeiten
auf dem Bauernhof, für die Kinder eingespannt wurden. Eine davon war
„Kühe-Hüten“. Jeder Bauer hatte einige Kühe, die sommers täglich
hinaus auf die Weide mussten. Feste Zäune um die Wiesen anzulegen lohnte nicht,
elektrisch geladene Zäune gab es noch nicht, aber Kinder hatte jeder Bauer.
Und so saß ich dann mit meinem Freund Lothar viele Nachmittage lang auf Wiesen
herum, wir bliesen Pusteblumen aus, zählten Ameisen oder beobachteten den Flug
von Schäfchenwolken, immer ein halbes Auge auf die fünf Kühe habend, die träge
vor sich hin käuten, dann aber manchmal urplötzlich zielstrebig in Nachbars
Feld strebten, weil es dort im prallen Rübenblättergrün viel besser schmeckte.
Dann trieben wir die störrischen Biester zurück auf unsere Wiese und träumten
im Liegen weiter. Beim „Vesper“ wurden wir auch hier nicht
vergessen, wir machten eine richtige, notwendige Arbeit und die war ihres
Lohnes wert - in Gestalt von Schmalzbroten.
Beim Kühe-Hüten haben wir einmal auch eine totale Sonnenfinsternis erlebt.
Irgendwas hatte in der Zeitung gestanden. Wir hatten Glasscherben über einer
Kerzenflamme mit Ruß geschwärzt, und dann saßen wir auf unserer Wiese und
warteten. Dann kam sie, beziehungsweise er kam, der Schatten, der die Sonnenscheibe
Stück für Stück auffraß. Die Kühe wurden unruhig, die Vögel schwiegen. Immer
dunkler wurde die Welt. Und wir guckten gebannt durch unsere Gläser. Und dann
war´s vorbei, viel zu schnell - ich hatte mir ein Drama von mehrstündiger
Dauer vorgestellt, das in Ruhe zu genießen war. Also Schluss mit der
Grusel-Romantik, die verstörten Kühe kümmerten sich wieder um das Gras.
Beim Herumstöbern in Feld
und Flur begegnete uns allerhand Getier. Manchmal piepste es aufgeregt im
Getreide. Rebhühner stoben mit einem typischen pfeifenden Geräusch im Tiefflug
davon. Und wenn wir dann aufmerksam weiter gingen, saßen bald am Boden
zwischen den Halmen vor uns winzig kleine Federbällchen und stellten sich tot.
Rebhuhnküken! Man konnte sie sogar anfassen und hoch nehmen. Sie wurden stets
wieder frei gelassen und wuselten dorthin, wo die Alten lockten. Fasane
stolzierten auch viele Jahre lang als regelmäßige Gäste auf der heimischen Wiese
bei uns zu Hause am Hang herum, krakeelten und posaunten im dichten Gebüsch und
schliefen hinten im Garten im Geäst der großen Eiche. Und Hasen - richtige
Feldhasen, keine Kaninchen - begegneten einem immer und überall. Wer sommers
oder winters über ein Feld stiefelte, stöberte bald einen dieser Springer aus
seinem warmen Loch-Lager auf.
Es gab auch gezieltes
Hasen-Stöbern. Irgendwann an einem klaren kalten Wintertag tauchten jedes
Jahr „die Russen“ auf. Zwei, drei Lastwagen voller aschgrau gekleideter
Soldaten rollten ins Dorf. Die jungen frierenden Muschkoten wurden losgeschickt
und zogen in breiter Reihe über die kahlen Felder, unlustig Krach schlagend.
Ihre Offiziere luden die Jagdgewehre, stellten sich auf der Höhe auf und
ließen sich die Hasen zutreiben. Dann knallte es hin und wieder, mal schlug einer
der braunen Läufer einen letzten Salto und blieb liegen, mal raste einer trotz
der wütenden Rufe der Treiber quer durch ihre Linie in die Freiheit. Wir Kinder
zogen neugierig hinter den Soldaten her. Und manchmal sahen wir auch, wie
heimlich einer der Uniform-Bemützten einen toten Hasen nicht zum Sammelplatz
trug, sondern ihn unter der Jacke versteckte, gezielt irgendeinen Busch am Feldrand
ansteuerte - dort fand er dann eine Wodkaflasche, die als Tauschäquivalent von
einem Dörfler deponiert worden war. Es gab auch Leute im Dorf, die in ähnlich
funktionierenden „Geschäfts“-Beziehungen von den Russen Benzin
ertauschten, manchmal gleich fässerweise.
Wer wissen wollte, was im
Dorf los war, musste auf die Postfrau warten. Jeder Ortsteil hatte seine eigene
Postfrau. Bei uns war das lange Zeit „Bergers Liesel“. Zu uns kam
sie – weil wir am Ende des Dorfes wohnten – immer erst gegen
Mittag. Die dicke Amts-Tasche am - natürlich gelben - Postfahrrad war da schon
fast leer. Und während Zeitungen und Briefe hervorgekramt wurden, sprach man
über dieses und jenes und über diese und jenen – und war dann auf dem Laufenden,
wer mit wem, und wo ein Kind geboren war, und wie es Schmidts Dorchen ging ...
Manchmal gab´s auch einen - natürlich selbstgemachten - Eierlikör zum Abschied.
Und jeden Sonnabend nahm die Postfrau ein Beutelchen mit getrockneten Brotkanten
mit, die wir während der Woche gesammelt hatten - für ihre „Karnickel“
zu Hause.
In den Häusern rundum
spielte sich das Alltagsleben der Menschen ab – in voller Breite.
Die meisten Kinder wurden in
den 1950er Jahren noch zu Hause geboren. Und genauso selbstverständlich fand
dort auch das Sterben statt. Es gab keine Kühlzellen beim Bestatter, keine Leichenhalle
auf dem Friedhof. Gestorbene blieben zu Hause, wurden von den Angehörigen
zurechtgemacht und einige Tage aufgebahrt. So waren Besuche möglich, man
konnte von dem Verstorbenen Abschied nehmen und mit den Hinterbliebenen reden.
Am Tag der Beerdigung wurde der Sarg am Sterbe-Haus abgeholt. Er rollte im
offenen Wagen – von Pferden gezogen - aufgebahrt durchs Dorf, manchmal
kilometerweit. Vornweg gingen der Pfarrer und der „Kreuzträger“,
ein Kind im schwarzen Umhang. Hinter dem Wagen schritten die Trauernden, die
älteren Bauern trugen damals noch schwarze Anzüge und Zylinder.
Die Lungenkrankheit
„Tuberkulose“ hatte in der Nachkriegszeit verheerend gewütet. Nach
und nach wurden Schilder an den bäuerlichen Ställen angebracht mit dem Hinweis
„Tuberkolosefreier Rinderbestand“ und machten so deutlich, dass die
Krankheit allmählich eingedämmt werden konnte. Um aber erkrankte Menschen
rechtzeitig ausfindig machen und behandeln zu können, wurde in der DDR ein
gigantisches Früherkennungs- und Vorsorgesystem eingeführt.
Einmal im Jahr war deswegen
das ganze Dorf auf den Beinen. Jeder Bürger musste antreten, um seine Lunge
röntgen zu lassen. Dann stand ein großer bauwagenähnlicher weißer Wagen auf dem
Platz vor dem Dorfgasthof, auf der Seitenwand stand in großen Lettern
geschrieben: „Röntgenzug“. Die Leute standen Schlange,
Karteikarten wurden verglichen, dann hieß es: „Bitte den Oberkörper
freimachen“, dann war man allein in der großen Maschine, presste seine
Brust an eine kalte Platte, „Luft anhalten“, es rasselte und war
irgendwie unheimlich, und dann war der nächste dran. Wir Kinder gingen gleich
in Schulklassenformation während des Unterrichts dorthin.
Einmal im Jahr kam der
Zahnarzt in die Schule und inspizierte die Gebisse aller Kinder. Und auch der
Dorfarzt kam jedes Jahr und kontrollierte den Gesundheitszustand aller Kinder
gleich im Klassenzimmer. Wir wurden „abgehört“ und abgeklopft, bei
Auffälligkeiten zur Behandlung in die nächste Sprechstunde bestellt. Und wir
wurden gleich klassenweise in der Schule geimpft, z.B. gegen Pocken,
Tuberkulose oder Kinderlähmung; Impfen war Pflicht, und das war gut so!
Da eine vollwertige
Nahrungs-Versorgung für viele Kinder in der Nachkriegszeit zu Hause nicht
gewährleistet war, gab es für alle Kinder jeden Tag kostenlos einen
Viertelliter „Schulmilch“. Und an der „Schulspeisung“ -
als Mittagessen angeboten zu sehr moderaten Kosten - nahmen fast alle Schüler
teil.
Die medizinische Versorgung
wurde staatlich organisiert. Im Nachbardorf gab es ein „Landambulatorium“,
in dem ein vom Staat gegen Gehalt angestellter Arzt täglich Sprechstunden
hielt. Einmal in der Woche kam auch ein Zahnarzt dorthin. Dem Arzt zugeteilt
waren „Gemeindeschwestern“ in den einzelnen Dörfern, die in den
Gemeindeschwesternstationen kleinere Versorgungsfälle selbst
„verarzten“ konnten. Hier hielt der Arzt auch regelmäßig Sprechstunden
ab.
In der Dorfkneipe hatten wir
Kinder eigentlich nichts zu suchen, höchstens gab´s da mal Limonade zu holen.
Aber weils manchmal am Wochenende dort hoch her ging, schlichen wir doch hin
und wieder in der Dämmerung hin. Durch die offenen Türen drangen die rustikalen
Klänge der Tanz-Kapelle nach draußen. Paare knutschten an der Hecke des Kneipengartens.
Besoffene entleerten sich. Schlägereien gehörten (leider) auch zu einem
„richtigen“ Tanzabend. Erst gab´s Rempeleien aus nichtigem Anlass,
dann krachte ein gläserner Liter-Bierkrug auf den Tresen. „Komm mal mit
raus“, hieß es, und dann war Remmidemmi.
Viel interessanter für mich
als 13-jährigen war ein Geld-Spiel-Automat, der in der Wirtsstube an der Wand
hing. Da konnte man Spielmarken kaufen und dann versuchen, sie mit Geschick in
die richtigen, gewinnträchtigen Löcher zu schnipsen. Ich war ein paar Wochen
lang richtig süchtig, und habe alles Geld, das ich zu Hause in meiner
Sparbüchse - und anderswo - fand, in diesem Kasten versenkt.
Durch unser Grundstück floss
ein kleines Rinnsal, auf der anderen Straßenseite war der Dorfbach - genug
Verlockung für tagelange bauliche Unternehmungen. „Bach andämmen“
hieß das Stichwort, das ganze Gruppen von Jungs beflügelte. Wir rückten mit
väterlichen Spaten an, erweiterten das Bachbett zu kleineren Seen, schleppten
Bretter und Steine heran, um daraus Dämme und Sperrmauern zu errichten. Mit
Schlamm und Grasbüscheln versuchten wir, die Bauwerke abzudichten. Das Wasser
stieg, die Tümpel füllten sich, man konnte Schiffchen fahren lassen ... und
was eigentlich noch? Irgendwann zogen die Bautrupps ab, am Ende siegte immer
das Wasser, das unsere Dämme durchbrach und die errichteten Barrieren wieder
wegriss.
Einmal im Jahr brach im Dorf
die „große Armut“ aus. Betroffen waren vor allem Kinder, kleinere
zumal. In Lumpen und Decken und großväterliche Jacken gehüllt zogen sie
klagend von Haus zu Haus. „Ich bin dr gleene Geenich, gebbt mr nich zu
weenich, lasst mich nich zu lange schdehn, ich will e Heisel weidergehn.“
Und was der Sprüche mehr waren. Wenigstens ein „Gedicht“ dieser
Art musste jeder aufsagen können. Denn erst nach dieser Mühe kriegten wir was.
Faschingsdienstag war Betteltag. In kleinen Gruppen zogen die Kinder
verkleidet von Haus zu Haus, rumpelten an den Türen, warfen Konfetti in die
Hausflure und zogen erst ab, wenn Bonbons oder extra gebackene
„Kräppelchen“ - aus Pfannkuchenteig - oder auch kleine Geldmünzen
in ihre Beutel gefüllt wurden. Abends wurde die klebrige Beute zu Hause
bilanziert.
Eine weitere Gelegenheit zum
Betteln waren Hochzeiten. Während ein Paar in der Kirche feierlich vermählt
wurde, sammelten sich heimlich am Weg den Kirchberg hinunter kleine
Wegelagerer. Hier, wo das Brautpaar auf jeden Fall vorbei kommen musste, wurde
ein Seil quer über den Weg gespannt. Oft waren einige schnell gepflückte Blumen
hineingebunden. Und dann erschien der würdevolle Brautzug. Wehe dem Bräutigam,
der solche Spiele nicht kannte. Mancher war vorbereitet und hatte eine Tasche
mit Kleingeld gefüllt, das er nun mit Schwung über das sperrende Seil warf. Auf
der anderen Seite wartete eine Kinderschar, die sich jauchzend auf den
Geldregen stürzte und zum Dank anschließend das Seil losband. Manchmal hatten
wir besonderes Glück, wenn nämlich der Bräutigam sich in der Aufregung oder in
Unkenntnis nicht mit Kleingeld eingedeckt hatte und nun erst einmal selbst bei
den Hochzeitsgästen betteln gehen musste – da war unter den anschließend
geworfenen Geldstücken auch manches Mark- oder Zwei-Mark-Stück. Ganz böse Buben
haben manchmal auch zwanzig Meter weiter noch ein zweites Seil gespannt.
In jeder Kirche in unseren
Dörfern war eine Orgel zur Begleitung der sonntäglichen Gesänge im
Gottesdienst. Meist gab es schon ein elektrisch getriebenes Gebläse, das Luft in
die Orgelpfeifen blies und sie zum Klingen brachte. Aber in unserem
Nachbardorf Pfaffroda war das noch wie vor hundert Jahren. Dort musste, wenn
der Kantor Orgel spielen wollte, ein zweiter Mensch da sein und den Blasebalg
treten. Manchmal war ich dieser Blasebalgtreter. Der Gottesdienst begann, ich
hockte auf der Treppe zum Glockenturm - in Bereitschaft. Dann bekam ich ein
Signal vom Kantor, dass jetzt Luft nötig sei. Ich rannte eine Etage höher in
den Turm. Dort war eine Extra-Kammer. Darin befand sich ein großer Kasten, in
zwei Teilen aus Holz gefertigt und mit Ziegenleder abgedichtet. Der obere
Kastenteil war beweglich. Man konnte ihn mit einem Tretbalken als Hebel nach
oben drücken, dadurch wurde Luft angesaugt, und dann hatte man ein
Luftreservoir, aus dem mit gleichmäßigem Druck ein regelmäßiger Luftstrom in
die Orgel gehen konnte; der Blasebalg war also ein Luft-Vorratsgefäß, in der
Funktion ähnlich wie ein Dudelsack. Zum „Luftpumpen“ stellte ich
mich auf zwei Balken, die im Wechsel nach unten getreten werden mussten, um den
Blasebalg-Kasten ständig neu mit Luft zu füllen.
Misslich war es, wenn man
– weil das Orgelspiel weit weg stattfand – das Blasebalgtreten zu
zeitig beendete: Dann erstarb der Choral in einem jämmerlichen Gewimmer der
Orgel.
Unser Dorf zog sich an einer
Straße hin. Häuser und Gehöfte waren fast durchweg nur auf einer Seite
errichtet worden. Einen richtigen Dorfkern gab es nicht. Das führte dazu, dass
die Leute weit auseinander wohnten, dass es wenig Nachbarkinder gab, denen man
einfach mal so über den Weg lief und die man zum gemeinsamen Spielen
mitschleppen konnte. Wenn man überhaupt einen Freund hatte, dann war es der,
der zufällig am nächsten wohnte - und das konnte schon bei Klassenkameraden
einen Kilometer weit sein. Man musste sich richtig verabreden für irgendwelche
Lausbübereien, und deshalb saß ich oft dann allein in der Wohnung und las
Indianerbücher.
Eigentlich sprachen alle im
Dorf sächsisch. Aber manche Leute sprachen ganz anders. Wir bekamen mit: Das
waren „Umsiedler“. Praktisch in jedem Haus waren in den
Nachkriegsjahren solche Familien einquartiert. Sie waren nach dem verlorenen
Krieg aus ihrer Heimat vertrieben worden, stammten aus Dörfern, die jetzt zu
Polen oder der Tschechei gehörten. Meist waren sie ohne Hab und Gut gekommen
und lebten recht ärmlich; wie schlecht es bei ihnen zu Hause wirklich aussah,
merkten wir in der Schule an der geflickten Kleidung und den fehlenden
Schulbroten.
Ich habe erst später
begriffen, dass es im Dorf doch ein Unterschied war, ob eine Familie schon
immer dort lebte, oder ob jemand ein „Zugereister“, ein
„Eingeheirateter“ oder eben ein „Umsiedler“ war
– die gehörten so ganz richtig nie „dazu“. Vier Jahrzehnte
DDR-Zeit hatten eigentlich vieles im Sozialgefüge nivelliert. Die ehemaligen
Bauern und deren Kinder waren in dieser Zeit Traktoristen, Schlosser,
Viehpfleger, Agraringenieure, eben gleichberechtigte „Kollegen“
geworden. Aber doch feierten noch immer nur die Familien miteinander
Geburtstage und Kindstaufen, deren Großväter „Vierspänner“ oder
„Sechsspänner“ gewesen waren, die also vier oder sechs Pferde
anschirren konnten; Leute mit nur einem Pferd oder gar ohne eigenen Grund und
Boden lebten in einer anderen (Preis-)Klasse.
In den 60er Jahren ein
Telefon zu haben, war ein großes Privileg. Die meisten Leute mussten andere
Wege beschreiten, um Mitmenschen eine Nachricht zukommen zu lassen. In
dringenden Fällen rief man dann bei jemandem an, der in der Nähe der Zielperson
wohnte und von dem man wusste, dass er ein Telefon besaß, und bat ihn, doch
einmal bei den Großeltern vorbeizugehen und ihnen folgendes auszurichten ...
Oder man schickte ein Telegramm, das per Formular-Vordruck am Postschalter
„aufgegeben“ wurde oder auch übers Telefon. Dann rief man das
„Fräulein vom Amt“ an, das den Text entgegennahm. Die Nachricht
wurde dem Empfänger von einem Telegrammboten überbracht und handschriftlich
oder in Form ausgedruckter schmaler Textstreifen, die auf ein größeres
Formular-Blatt aufgeklebt waren, ausgehändigt. Da stand z.B. VERGISS NICHT
KOMMA DEN KUCHEN MITZUBRINGEN STOP MUTTER. Man konnte auch Telegramme mit
bezahlter Rückantwort aufgeben, die Antwort war dann auf eine bestimmte Anzahl
von Worten beschränkt. In diesem Fall wartete der Bote und nahm die Antwort
gleich entgegen.
Bis in die 1970er Jahre
hinein war freies Telefonieren nur im eigenen Ortsnetz und in der unmittelbaren
Umgebung möglich. Alle anderen Gespräche wurden von Hand vermittelt, das
bedeutete, man rief das Fernamt an, bekam, wenn man Glück hatte, eine nette
Dame an den Apparat, sagte ihr, dass man ein Gespräch anmelden wolle, in
welchen Ort und zu welcher Rufnummer. Manchmal konnte die gewünschte
Verbindung gleich hergestellt werden, aber oft legten beide Seiten erst einmal
den Hörer wieder auf, und 10 Minuten oder auch zwei Stunden später rief das
„Fräulein“ vom Amt (die wurden wirklich so angesprochen) erneut an
und konnte nun endlich den gewünschten Kontakt herstellen.
Die Post hatte es in jenen
Jahren auch nicht leicht. Wenn z.B. jemand aus Pirna an uns schrieb, konnte auf
dem Brief stehen „Familie Krause, Schönberg bei Meerane, Pfarre“.
Keine Postleitzahl, keine Hausnummer (obwohl unser Haus eine hatte). Oder wir
waren zu suchen unter „Schönberg/Sa.“, wobei es Sachsen in den
50er Jahren in der DDR offiziell gar nicht mehr gab.
Mit etwas Abstand habe ich
– als Junge - die komplizierten Spiele beobachtet, mit denen sich die
Mädchen vergnügten. Eines davon hieß „Himmelhupp“. Ein gern
genutzter Platz dafür war die Mitte der Straßenkreuzung vor unserem
Grundstück. Erstens kam da nur höchst selten ein Gefährt schneller als im Pferdeschritt
daher, und zweitens hatte die Straße noch keine Asphaltdecke, sondern bestand
einfach aus festgefahrenem Kies und Sand. Für das Spiel mussten zunächst viele
rechteckige Felder auf den Boden geritzt werden. Dann wurden kleine
Porzellanscherben geworfen, die bestimmte Felder treffen mussten. Diese
Steinchen hießen „Gliggser“ - das bedeutete vielleicht so etwas wie
„Glückser“, Glückssteine. Und dann hopsten die Mädchen, mal auf
einem Bein und mal auf zweien, mal vorwärts und mal rückwärts, und dabei
sammelten sie die Steine wieder ein. Ohne auf eine Linie zu treten, verstand
sich. Dann war die nächste dran.
Einmal habe ich dann aber doch bei so einem Mädchen-Wettbewerb mitgemacht.
Plötzlich hatten alle Kinder in der Nachbarschaft ein „Strickliesel“.
Die kleinen bunten Püppchen gab´s zu kaufen, aber es tat auch eine große
hölzerne Garnrolle, in die vier kleine Nägel geschlagen wurden. Mit einem
solchen Gerät, mütterlicher Wolle und etwas Geschick war es möglich, einen
bleistiftdicken hohlen Schlauch zu stricken. Daraus ließen sich zum Beispiel
Topflappen fertigen. Uns aber hatte der Ehrgeiz gepackt, wer den längsten
Strick produzieren konnte. Und so sah man wochenlang überall im Dorf Kinder,
die in jeder freien Minute strickten und meterlange bunte Woll-Schlangen mit
sich herum schleppten.
Richtiger Winter war früher
natürlich jedes Jahr! Und wenn es dann endlich knackig kalt war und der
Schnee die Landschaft weiß bedeckte, dann gab es kein Halten mehr. Nach der
Schule flog der Ranzen in die Ecke und wir trabten, den Rodelschlitten hinter
uns her ziehend, übers Feld. Rechts und links stoben die aufgeschreckten Hasen
davon. Unser Ziel waren die Hügel und Wiesen-Hänge im Dorf, an denen sich
auch die anderen Kinder sammelten. Und dann stapften wir stundenlang immer wieder
zur Höhe hinauf, um die kurze Seligkeit des Hinabgleitens zu genießen.
Manchmal „kettelten“ wir auch zwei oder mehrere Schlitten fest
zusammen und fuhren „Bob“, jeweils der auf dem hinteren Schlitten
steuerte den vorderen. Eine dicht gedrängte Kinderschar hockte auf dem Schlitten-Wurm,
der mit Schreien und Quieken zu Tale schoss und - nicht ganz unbeabsichtigt -
unterwegs oft alle Insassen im tiefen Schnee abkippte. Später hatten wir
manchmal auch Schneeschuhe an den Füßen. Da wurden fachkundig Sprung-Schanzen
aus Brettern und Schnee errichtet, über die wir kühn hinuntersprangen ins Tal
- manchmal auch tollkühn, nach 10 Metern Flug gab´s da schon mal einen
verstauchten Knöchel, oder das Leben eines Ski-Bretts endete im
„Spitzen-Salat“.
Auch der schönste Wintertag
ging irgendwann zu Ende. Müde und hungrig schlappten wir über die Felder nach
Hause. Und erst dort – in der Wärme der Stube – tauten die klammen
Finger und frierenden Füße langsam wieder auf, begleitet von einem typischen
Schmerzgefühl, das „Zwirnseln“ genannt wurde und erst langsam
nachließ, wenn die Füße auf mütterlichen Befehl in heißes Wasser gesteckt
wurden. Heißer Tee - natürlich Marke „Doktor Hungers Kräutertee“ -
und viele Wurstschnitten brachten den Abend dann wieder endgültig ins Lot. Und
vorsichtshalber wurden an kalten Tagen vor dem Schlafengehen auch noch die
Bettdecken am Wohnzimmer-Ofen aufgewärmt.
Im Winter hatte auch der
Schulweg seine besonderen Reize. Am Straßenrand gab es tiefe Schneewehen. In
diese konnte man sich hinein fallen lassen, dann die Arme ausbreiten, und am
Ende sah der hinterlassene Eindruck aus wie ein Vogel, der sein Gefieder
ausgespreizt hat. Wir waren voller Schnee, schön nass, und eine überzeugende
Ausrede für die Verspätung in der Schule war auch noch fällig.
Den ersten Film meines
Lebens habe ich zu meinem sechsten Geburtstag gesehen. Feierlich schritten
Eltern und Tanten mit mir als Ehrengast in eines der zwei Kinos, die in der
Kleinstadt nebenan existierten, und bewunderten „Das doppelte
Lottchen“.
Wenige Jahre später gehörte Kino auch auf dem Dorf zum Alltag. Aller 14 Tage
hingen neue Plakate am Kötheler Gasthof: „Der Landfilm kommt“. Und
drunter stand noch, welchen Film für Erwachsene und welchen für Kinder er im
Gepäck hatte. Der Landfilm war für uns Kinder ein Mann, der mit einem klapperigen
Auto vorfuhr, eine beeindruckende Menge an Gerüsten und Technik und Kisten
auspackte und auf einer Seitenfläche des großen Tanzsaales Leinwand und
Kino-Projektor installierte, ständig beobachtet und unterstützt von einer neugierigen
Kinderschar. Der Landfilm spielte für Kinder zum Preis von 25 Pfennigen,
abends für die Erwachsenen wollte er 80 Pfennige Eintritt. Als Gegenleistung
brachte er Kultur zu uns, manchmal heitere und unterhaltsame, meist aber
revolutionär-belehrende Filme. Wiederholungen waren häufig; einige Jungen aus
meiner Klasse hatten in kurzer Zeit das bedeutsame Werk „Schüsse an der
Grenze“ fünfmal gesehen und sprachen die Dialoge mit. Aber da es noch
kein Fernsehen gab, bot der Landfilm willkommene Abwechslung und die
Vorstellungen waren gut besucht. Wichtiger Bestandteil des Programms war die
Wochenschau „Der Augenzeuge“, die zwangsweise zum Start gezeigt
wurde, zwar immer schon Monate alt war, aber ein Stück Information - und
Agitation - über die große weite Welt draußen ins Dorf brachte. Kino war auch
im kältesten Winter. Dann wusste das Publikum Bescheid, jeder klemmte ein paar
Scheite Holz oder einen Beutel mit Braunkohlen-Briketts unter den Arm, in der
Saalecke bullerte rotglühend ein Eisenofen, und dort herum scharte sich das
Volk.
Die Städter hatten´s besser. Im kleinen Nachbarstädtchen gab es zwei Kinos, die
in den noch weithin fernsehfreien Zeiten der 50er, 60er und auch 70er Jahre
guten Zulauf hatten.
Ein Stück außerhalb des
Dorfes gab es eine „Kohlengrube“. So richtig was von Grube war
eigentlich nicht zu sehen, wenn man von den ständigen Einbrüchen und
Absenkungen der Straße absah, die dort vorbei führte. Aber es war tatsächlich
ein Braunkohlen-Schacht, meines Wissens der südlichste im Mitteldeutschen
Revier. Man merkte das am Inhalt von einer Art großen Regalen, die die Straße
säumten. Dort lagerten ordentlich gestapelt ziegelgroße dreckig-dunkle Quader.
Sie bestanden aus sehr minderwertiger Braunkohle - eher von
Blumenerde-Qualität -, die gepresst worden war, und sollten an der Luft
trocknen. Nasspresssteine hießen sie amtlich und waren in den Nachkriegsjahren
das einzige käufliche Heizmaterial in unserer Region. Gewonnen wurde der
Rohstoff in etwa zwanzig Metern Tiefe, untertage, in mühsamer und gefährlicher
Handarbeit mit Hacken und Schaufeln. Bei uns zu Hause wurden die Torfsteine im
Keller gestapelt und zusammen mit Holzabfällen im Kachelofen verbrannt. In den
60er Jahren wurden sie von Braunkohlebriketts abgelöst. Vom Braunkohlebergbau
im Dorf zeugen heute nur noch Bergschäden in Gestalt einer - durch Einbrüche -
ungewöhnlich gewellten Straße.
Mit Braunkohle zu heizen war
eine richtige Kunst. Zunächst mussten die im Keller gebunkerten Briketts mit
Eimern in die Wohnung geholt werden. Der Kachelofen hatte zwei Türchen. Im oben
liegenden Feuerraum des Ofens wurde auf einem Eisenrost aus Zeitungspapier und
dünnen Holzscheiten ein kleines Nest gebaut und zum Brennen gebracht. Wenn der
Schornstein richtig „zog“ und das Holz Feuer gefangen hatte,
wurden vorsichtig und mit System Briketts darum und darüber geschichtet. Die
Ofentür wurde geschlossen, und nun konnte über die offene Tür des darunter
befindlichen Ascheraums richtiger „Zug“ entstehen. Die Intensität
des Brennvorgangs konnte durch das Öffnen oder Schließen der unteren Klappe
geregelt werden. Wenn nach einer halben oder einer Stunde die Briketts
„durchgebrannt“ waren – d.h. nur noch helle weißrote Glut zu
sehen war -, konnte der Ofen „zugeschraubt“ werden; jetzt waren
also beide Ofentüren fest verschlossen. Die durch kleine Fugen und Spalten
neben der Tür weiter einströmende Restluft reichte aus, um den Brennvorgang
langsam zu Ende zu bringen. Wenn man den Ofen zu zeitig schloss, bestand die
Gefahr, dass nicht vollständig verbranntes giftiges Kohlenmonoxid in den
Wohn-Raum zurückströmte!
Da das Anheizen ein recht
mühsamer Prozess war, wurde das Verfahren manchmal abgekürzt. Dann wurde mit
einer Schaufel direkt aus dem Feuerraum eines „durchgebrannten“
Ofens ein Teil der Glut entnommen und vorsichtig zum nächsten Ofen getragen und
bildete die Grundlage für ein neues Feuer. Im eisernen Aschekasten unter dem
Feuerraum sammelte sich die weißlich-graue Asche, die später durchs Haus
hinunter zur Aschengrube getragen werden musste. Die Asche fand auch als Dünger
im Garten und auf winterglatten Wegen als Streumittel Verwendung.
Unterricht für wesentliche
Dinge, die man fürs Leben wissen muss und brauchen kann, gab´s gratis und
nebenbei. In fast jedem Haushalt gab es mehr oder weniger gut gezimmerte
Bretterkisten, in denen Stall-Hasen - die ja eigentlich Kaninchen sind -
hausten. Hin und wieder wurden die weiblichen Tiere in eine Ledertasche
gepackt. Dann ging es ab zum Nachbarn, der einen Rammler hatte. Die beiden
Tiere wurden zusammengesperrt, beschnupperten sich ein Weilchen, dann saß das
männliche Tier kurz obenauf, knurrte und „rammelte“, und das war´s
schon. Ein paar Wochen später „warf“ „die Alte“, und
es gab junge Hasen zu besichtigen. So war das also mit dem Kinderkriegen. Der
Hahn und die Hühner in Kirbachs Garten machten es ähnlich.
Eine Katze - manchmal war´s
auch ein Kater - gehörte natürlich auch all die Jahre zu unserem Haushalt. Und
Katzen begnügten sich nicht mit ihrem Job, Mäuse zu fangen, zweimal im Jahr ließen
sie sich auch von Katern umwerben. Im Ergebnis der lautstarken und nervtötenden
Gesänge in den Hochzeitsnächten kamen regelmäßig kleine Katzen zur Welt, und
einmal fand die Geburt ganz öffentlich auf dem Sofa im Wohnzimmer statt. Also
war auch das klar.
Tiere gehörten zum Haushalt.
Gehörten auch irgendwie zur Familie. Umso schlimmer, wenn dann einer unserer
Hausgenossen starb. Manche Katze hat ein richtiges Begräbnis erhalten, mit Sarg
(Schuhkarton), Blumenkreuz und Gedenkstein.
Tiere zu haben war nicht nur
Lust, es brachte auch Pflichten. Das „Katzenklo“ – bei uns
ein eiserner Kasten, gefüllt mit Braunkohlenasche - musste täglich geleert und
neu befüllt werden, die „Hasen“ hockten auf schnell wachsenden
Mistbergen, die irgendwann ausgeräumt werden mussten, natürlich von mir, dem
stolzen Besitzer.
Das ist einer der Gerüche,
die ich nie loskriegen werde: faule Eier, etwas Rettich ... Karbid hatte jeder
ordentliche Mann zu Hause, jedenfalls, wenn er nachts Rad fahren wollte. Da
wurde nämlich die Karbidlampe angezündet. Dazu war zunächst ein Behälter mit
trockenen Karbid-Brocken zu füllen. Darüber befand sich ein kleines Gefäß mit
Wasser. Aus diesem tropfte - vorsichtig zu regulieren mit einem Hahn - Wasser
ins Karbid. Durch eine chemische Reaktion wird ein Gas freigesetzt (Azetylen),
das man anbrennen kann. Das so erzeugte flackernde Licht half dem Mann, den Weg
von der Männerchor-Probe nach Hause zu finden.
Auch wenn der Schmied schweißen wollte, benutzte er Karbid zur Herstellung von
Schweiß-Gas.
Und wir Jungens hatten noch ganz anderes gehört: Wer Karbidpulver in eine Blechdose
oder Glasflasche füllt, gleich richtig viel Wasser reintut, das Gefäß schnell
fest zudeckelt und in einen Fischteich wirft, der hat - nach einer ordentlichen Explosion - zu
Mittag Fisch in der Pfanne. Geredet haben wir viel, getraut hat sich´s keiner.
Aber die größeren halbwüchsigen Jungen ließen es schon manchmal schrecklich in
den Sandgruben krachen.
Jedes Jahr im Frühling
frönten wir Kinder - und auch manche Erwachsene - einem anderen zweifelhaften
Vergnügen. An Wiesenhängen und Wegrändern fanden sich überall schwarze
Brandstellen und glimmende Grasreste. Wir gingen „motzen“ (mit
„langem“ o zu sprechen). Mit der Begründung, dass das gut sei für
den Neuaustrieb des Grases im Frühling, wurde alles alte Gras abgefackelt.
Und wenn sich die Flämmlein züngelnd durch dicht und dünn vorwärts fraßen, dann
hatte das einen verführerischen Reiz, dem wir jahrelang einfach nicht
widerstehen konnten.
Jedes Jahr einmal stand ein
Mann vor unserer Tür. Er fragte artig meinen Vater als Grundstückseigentümer,
ob er unsere Weiden schneiden dürfte. Er durfte natürlich. Und dann ging er hin
an den Dorfbach, wo die Kopfweiden standen. Aus ihren Stümpfen war im letzten
Jahr ein Schopf einzelner, dünner, langer Ruten hervor geschossen. Und die
brauchte er. Der Mann war nämlich Korbmacher. Er flocht aus den Ruten, nachdem
er sie getrocknet hatte, allerlei nützliches Gerät und Korbartiges. Und er
pflegte gleichzeitig durch den regelmäßigen Schnitt unsere Weiden und sorgte
dafür, dass sie nicht ins Kraut schießen konnten.
Aller paar Jahre gab´s eine
Überschwemmung. So etwa im Sommer des Jahres ´54. Nach längeren Regenperioden
oder in der Folge katastrophaler Gewittergüsse konnte der Dorfbach die Wassermassen
nicht mehr fassen. Eine wilde lehmig-braune Sturzflut schoss im Bachbett
hinunter und trat bald über die Ufer. Kisten und Balken und allerlei Unrat aus
den oberhalb gelegenen Grundstücken trieb in schneller Fahrt vorbei, bestaunt
von neugierigen Kinderaugen. Das Spektakel dauerte nur ein oder zwei Stunden.
Dann wurden wir zu Katastrophen-Touristen. Gummibestiefelt wanderten wir das
Dorf hinauf. Und da war wirklich was los: Manche Grundstücke lagen deutlich
tiefer als das Bachbett und hatten bei überlaufendem Wasser keine echte
Chance. Zwar gab es Vorrichtungen, die dem Wasser den Weg in die Wohnstuben
versperren sollten, aber oft saßen dann doch hilflose Nachbarn neben ihrem
tropfnassen Hausrat. Für uns Kinder war es interessanter, dass nun auch der
Sportplatz tagelang unter Wasser stand und dort Fische herumschwammen. Einmal,
als nach einem Gewitterguss das Wasser quer durch unseren Garten gestürzt war,
lagen zappelnde Fische sogar direkt vor unserer Haustür.
Alle paar Jahre brach große
Hektik aus. Plakate hingen an den Häuserwänden und warnten vor der
„Maul-und-Klauen-Seuche“. Quer über die Dorfstraße wurden am Dorf-Ein- und Ausgang
„Seuchenmatten“ errichtet, flache Holzkästen, mit Sägespänen
gefüllt und mit einem Desinfektionsmittel getränkt – und da mussten
unter Kontrolle alle Pferde und Fuhrwerksräder und Fußgänger durch, um die
Krankheitserreger nicht weiterzutragen.
Ich habe mir meine erste Uhr
mit 14 Jahren zur Konfirmation gewünscht. Uhren brauchte man eigentlich nicht
im Alltagsleben, die Rhythmen des Tages waren klar, und bei Notwendigkeit wurde
daran erinnert. Den Pulsschlag der Zeit gaben die Kirchenglocken an. An
Werktagen wurde früh um sechs Uhr - winters um sieben - geläutet: Der
Arbeitstag begann. Dann ertönten die Glocken wieder mittags um 11: Das war das
Signal an die Bauern auf den Feldern, damit sie rechtzeitig zu Mittag wieder
auf dem Hof waren, um zu essen und sich selbst und den Pferden zwei Stunden
notwendige Pause zu gönnen. Das dritte Mal läutete es abends um 6 Uhr -
winters um 5 -, alle kehrten jetzt heim, und auf vielen Höfen gab es zunächst
eine „Dämmerstunde“ im wahrsten Sinne des Wortes. Man wartete ab,
bis es richtig dunkel wurde und „dämmerte“ zur Erholung vor sich
hin, ehe die abendlichen Arbeiten in Haus und Stall begannen.
Das Läuten - alle im Dorf
sagten: „Lauten“ - der Kirchturmglocken war eine wichtige und
höchst amtliche Tätigkeit. Jahrzehnte lang stieg „Thiemes Ida“ dreimal
täglich auf unseren Turm, schwenkte die Glockenseile und zog durch Drehen
mächtiger Kurbeln die Gewichte der Turmuhr auf. Die lebendige ältere Frau hatte
nicht nur das Alltags-Geläut zuverlässig zu besorgen, da gab es noch eine Menge
weiterer sehr differenzierter Läute-Regeln.
Einmal schreckten uns
Schulkinder unbekannte, bedrohliche Schläge der „großen“ Glocke -
die Schule stand unmittelbar neben dem Kirchturm. Thiemes Ida war eben auch
für den Feueralarm zuständig. Im Nachbardorf brannte „Dietzmanns
Scheune“. Frau Thieme war durch einen Boten alarmiert worden – ein
Telefon hatte praktisch niemand im Dorf. Nun stand sie unmittelbar unter der
großen Glocke und bewegte mit der Hand den schweren Klöppel, der gegen die
Glocke schlug. Das war „Feuerläuten“ und klang ganz anders, als
wenn die Glocke mit dem Seil in Bewegung gebracht wurde. Der Alarm ward im Dorf
gehört, die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr sammelten sich und rückten
aus, und wir kriegten schulfrei, rannten mit Schulranzen zum Ort des Geschehens
und lauschten angesichts von rauchenden Trümmern den gruseligen Berichten und
Vermutungen der anderen Schaulustigen.
Es ging Mitte der 50er Jahre
wie ein Lauffeuer durchs Dorf: In der Stadt gibt es einen Fernseher! Wir Jungen
machten uns sofort mit dem Fahrrad auf den Weg, um dieses Weltwunder zu
besichtigen. Mit vielen anderen Schaulustigen drückten wir uns die Nasen
platt an der Schaufensterscheibe eines Rundfunkladens und staunten. Eine
kleine, rundliche Mattscheibe - vielleicht 20 Zentimeter in der Diagonale -
zeigte verschwommene, schwarzweiße, aber eben bewegliche Bilder. Zunächst nur
für ein oder zwei Sende-Stunden am Tag. Schnell hielten die neuen Geräte Einzug
in die ersten Bauernstuben. Wir guckten alles an, was kam, das Flimmerbild
machte süchtig. Bald kam ein wichtiger Unterschied hinzu. Es gab nämlich Ost-
und West-Fernsehen. Um letzteres zu empfangen, brauchte man etwas Geschick, um
provisorische Antennen aus aufgespannten Drähten zu basteln. Die
„Tagesschau“ wurde fester abendlicher Programmpunkt, der
„Weltspiegel“ oder Werner Höfers sonntäglicher
„Frühschoppen“ machten fortan die Welt etwas größer.
In der DDR war West-Fernsehen politisch nicht erwünscht. Die Antennen wurden im
Dachgebälk versteckt. Fast jeder guckte, aber man redete nicht drüber.
Gleich vor unserem Haus lag
der „Pfarrteich“. Zum Baden war die schlammig-trübe Brühe weniger
geeignet, obwohl wir auch das, genau so wie das Kahnfahren mit alten Badewannen
oder das Flößen auf schwimmfähig gemachten alten Haustüren versucht haben. Aber
paradiesisch wurde es im Winter. Kaum gab es einige Tage Frost, schon standen
wir Kinder zunächst angstvoll-sinnend vor der lockenden silbrigen Eisfläche,
stießen bald Stöcke durch das Eis, um seine Stärke zu erkunden, und wenig
später lag der erste mutig auf dem Bauch und robbte hinüber zur Insel in der
Teichmitte. Wenn das gelang, ohne dass einer von uns einbrach, durchs eisige
Wasser waten und zu Hause einiges erklären musste, dann ging die frohe Kunde
durchs Dorf: „Es hält!“. Und bald tobten viele Kinder auf der
manchmal noch immer warnend knackenden Eisfläche herum. Einige brachten
Schlittschuhe mit, die sie in heimatlichen Bodenkammern gefunden hatten. Die
Schlittschuhe wurden mit krallenförmigen Backen von der Seite her an die
Sohle von Schuhen angeschraubt. Und als Schuhe war uns Kindern dabei alles
recht, was wir gerade an den Füßen trugen. Aber bei den wilden Jagden, die
dann auf dem Eis stattfanden, strauchelte immer wieder mal einer. Die
Schuhsohlen oder noch öfter die Absätze überlebten die heftigen Prüfungen nicht
und rissen einfach komplett ab. Manchmal haben wir heimlich die Schuhe - es waren
ja in der Regel unsere einzigen Winterschuhe - selbst wieder zusammengenagelt,
aber der Verschleiß war für die Eltern wohl ziemlich ruinös.
„Kinder - wollt ihr
mal mit hoch auf den Kirchturm?“ Keine Frage, wir wollten! Das war ein
Privileg für uns Pfarrerskinder und das war auch immer ein besonderer Tag. Es
ging viele steile, staubige Stufen hoch, die übersät waren mit Tausenden toter
Fliegen, noch eine Etage und noch eine. Vorbei am Kirchenboden - wurmstichige
Stühle und alte Kisten mit zerflederten Büchern im Halbdunkel -, weiter zur
tickenden Uhr, danach kam das Stockwerk, auf dem die drei Glocken hingen, und
dann wurde es ganz dunkel. Es galt, eine Leiter zu ertasten, die sehr steil in
totaler Finsternis nach oben führte. Der erste, der ganz oben ankam, musste
eine schwere Abdeckplatte anheben und wegschieben, und dann konnten wir hinauskriechen
auf die „Aussicht“, eine mit Sicherheitsbarriere umgebene Plattform,
von der aus sich ein weiter Rundumblick auftat. Als Sahnehäubchen eines solchen
Ausflugs stiegen wir manchmal ganz vorsichtig noch eine Ebene weiter hinauf.
Durch ein enges Loch gelangte man in den Turmkopf. Wenn sich die Augen an das
Dunkel gewöhnt hatten, tauchten merkwürdige Wesen auf, gefiederte graue,
weißliche und später braune Wollbälle, alle unterschiedlich groß. Da saßen
stumm junge Schleiereulen und wunderten sich über den Besuch. Auf dem Weg
wieder hinunter vom Turm steckten wir uns dann immer einige unscheinbare grauschwarze
Klumpen in die Hosentaschen. Wenn man diese Gewölle, die die Eulen als
unverdauliche Reste ihrer Verdauung – wieder durch den Schnabel -
auswürgen, vorsichtig zerlegte, fanden sich säuberlich abgenagte Schädel von
Mäusen oder deren diverse Gebeine – solche Funde zierten dann monatelang
den Tisch im Jungenzimmer.
Eigentlich gab es die
Maikäfer immer - irgendwann im Mai ... Man ging hinaus, nahm sich einen
beliebigen Baum vor, kurzes Schütteln an einem Ast, es machte KLACK, und unten
lag ein Maikäfer, oder auch zwei oder drei. Tagsüber schliefen die Käfer im
Geäst, um dann in der abendlichen Dämmerung brummend auf Brautschau zu
fliegen. Dabei konnte man die schwerfälligen Tiere auch mit der Hand
„abditschen“, das hieß zu Boden schlagen. Die Krabbeltiere wurden
in Kartons mit Löchern gesammelt. Sie wurden fachkundig in Kategorien
eingeteilt. Es gab nicht nur Männchen und Weibchen, wir unterschieden, je nach
Farbe und Behaarung des Rückenpanzers, „Kaiser“,
„König“, „Bäcker“, „Schornsteinfeger“,
„Müller“. Sie mussten Wettrennen austragen. Sie mussten im Gespann
Nussschalen ziehen. Wir hielten die Hand in die Höhe und beobachteten, wie sie
auf die höchste Stelle des Fingers stiegen, dort erst einmal
„pumpten“, dann zunächst die äußeren harten braunen Flügel entfalteten
und danach noch die darunter liegenden durchsichtigen zarten, und dann durften
sie starten. Maikäfer gehörten einfach zu jedem Mai dazu.
Einmal gab es eine Plage: Auf allen Bäumen, Eichen wie Linden und Kirschbäumen,
knisterte, knackte und kackte es - da krümelte es wirklich ständig. Die Obstbäume
- damals noch wichtiger Vitaminlieferant für den Winter - wurden täglich
kahler unter der Invasion. Die Eltern riefen den Notstand aus. Das hieß,
täglich eine Stunde früher als sonst aufzustehen, um noch vor Schulbeginn die
schlafenden Käfer zu überraschen. Mit System schüttelte die ganze Familie einen
Baum nach dem anderen, die kältestarren Krabbeltiere fielen zu Tausenden
herunter, wurden schnell eingesammelt, in einen Eimer verfrachtet, und wenn
der Eimer voll war, wurde kochendes Wasser hineingegossen. Die Brühkäfer durfte
ich anschließend zu Bauer Wiegner tragen, wo sie als willkommenes eiweißreiches
Zusatzfutter den Hühnern zum Fraße vorgeworfen wurden. Als Dank dafür, dass
ich da mehr als eine Woche lang täglich mit einem Eimer erschienen war, gab´s
ein Körbchen Eier. Das war durchaus willkommen als Zusatz-Futter für meine
Familie. Aber wir erlebten auch eine Überraschung: Durch die tagelange
Fütterung der Hühner mit Maikäfern rochen und schmeckten die Eier penetrant
nach gekautem Laub und Maikäferkacke!
Für die Sonnentage im Sommer
gab es das Sommerbad. Zu dem in der Nachbarstadt wäre es auf der Straße vier
Kilometer weit gewesen. Aber einen Bus gab es noch nicht, und ein Fahrrad hatte
auch kaum eines der Kinder. Also Fußmarsch! Quer übers Feld war´s etwas
kürzer. Früh morgens wurden zu Hause Beutel gepackt: Dreiecksbadehose,
Bademantel und ein Glas gezuckerte Johannisbeeren für Mittag. Mütterliche Ratschläge
und Eintrittsgeld entgegen genommen und dann begann eine Wanderung - mit
Pausen. Da war hier ein Mauseloch zu besichtigen, dort lag ein großer
Strohhaufen, auf dem man herumspringen konnte, in einem Waldstück knackte es
einmal Neugier weckend und ein andermal bedrohlich. Irgendwann war in der
Ferne der typische Lärm eines Sommerbades zu vernehmen, dann wurde an der
Kasse bezahlt - 10 Pfennige für „ein Mal Kind ohne Garderobe“ - und
ein langer Tag lag vor uns. Rumliegen, necken, untertauchen, schubsen,
springen vom „Dreier“ (Drei-Meter-Brett), rumstehen im Bademantel
mit Zittern und blauen Lippen, und dann wieder hinein in die trübe braune
Brühe; wenn man sich beim Tauchen auf den Grund legte, konnte man von oben
nicht mehr gesehen werden. Irgendwann waren die mitgebrachten Vorräte aufgebraucht,
aber der Magen meldete sich trotzdem. Dann wurde in den Tiefen des Badebeutels
der Not-Groschen gesucht, jemand wurde ausgeguckt und marschierte los hinaus
zum Bäckerladen. Da lag das Objekt der Begierde im Regal: frisch gebackene
duftende Brote. „Bitte für´n Groschen Brot“ – da gab es eine
dicke Scheibe, die meist schon auf dem Weg ins Bad zurück angeknabbert wurde,
und über den Rest fiel die zurückgebliebene Kinderschar gierig her. Das gab
Kraft für den Rest des Nachmittags. Gegen Abend zogen müde-gespielte Kinder
schnatternd wieder zu Fuß über die Felder gen Heimat.
Im Sommerbad bekam ich auch
im zweiten Schuljahr die Chance, „richtig“ Schwimmen zu lernen.
Elterliche Anmeldung des zitternden Knäbleins beim Bademeister, eine knappe
theoretische Einführung, ein paar Übungen „Trockenschwimmen“ auf
einem speziellen tischartigen Gestell, und dann wurde ich schon das erste Mal
zu Wasser gelassen. Ich baumelte an einer Art Angel: Von einem galgenartigen
Gestell am Beckenrand hing ein Seil herunter, an dem ich mit einem Gurt
angebunden wurde und nun prustend zu den Anweisungen des Bademeisters
herumruderte.
Mutter nähte umgehend aus Leinenstoff zwei „Schwimmkissen“, die
über ein Band miteinander verbunden waren
– wenn der Stoff angefeuchtet wurde, konnte man über die Nähte
Luft einblasen, die blasigen Beutel an der Brust befestigen und sich im Wasser
tragen lassen. Einige Wochen später durfte ich mich dann
„freischwimmen“. Das hieß, sich eine Viertelstunde lang schwimmend
im „Tiefen“ - dem Becken für Schwimmer - aufzuhalten, ohne den
Beckenrand anzufassen – und danach gab´s als Belohnung eine amtliche
Urkunde in die nasse und zitternde Kinderhand. Ein Jahr später war der Ehrgeiz
wieder so weit gekräftigt, dass es nun heißen konnte, die Prüfung für das
„Fahrtenschwimmen“ abzulegen, was bedeutete, diesmal eine
Dreiviertelstunde lang im Kreis herum zu schwimmen und mutig vom
Dreimeterbrett zu springen.
Die Sommerferien hatten zwei
erfreuliche Höhepunkte. Der eine war natürlich der erste Ferientag und die
Aussicht auf acht endlos lange Wochen Pause. Der zweite wichtige Termin war der
Tag, an dem die Bauern ihre Getreideernte endlich eingebracht hatten und gelbe
stoppelige Felder hinterließen. Jetzt war Hamsterzeit! Da inzwischen
Feldhamster aus unserer Landschaft so gut wie verschwunden sind, eine
Kurzerklärung: Das ist ein braun-schwarz-gelb-weiß gemustertes Nage-Tierchen,
ausgewachsen etwa 20 Zentimeter lang, freches breites Gesicht mit großen Backentaschen,
sammelt emsig Körner-Vorräte für lange Winter – und die holt es sich von
den Feldern. Auch wir als Kinder hatten schon abenteuerliche Geschichten
gehört, wie dieser grimmige Schädling riesige Kammern gräbt, dem armen Landwirt
zentnerweise Getreide klaut und dort tief unter der Erde versteckt. Das
wollten wir genauer wissen. Also wurden die Hamster einfach ausgegraben. Aber
so einfach war das gar nicht. In langjähriger Sommerferien-Beschäftigung wurde
die Technik immer mehr verfeinert. Da zog ein Trupp von Kindern los, bewaffnet
mit einem oder auch zwei Spaten, Körben oder Beuteln (für die erhofften
Körnerschätze) und mit mehreren Zwei-Liter-Einweck-Gläsern (als
Transport-Gefängnis für eventuell erbeutete Tiere). Zunächst pirschten wir im
Abstand von mehreren Metern in gerader Linie über das Feld, Ausschau haltend
nach den typischen Erdhügeln. Fand sich nun auch ein Loch, aus dem die krümelige
Erde ans Tageslicht befördert worden war, dann wurde erst einmal im Umkreis
von 5 Metern nach weiteren Löchern gesucht. Ein richtiger lebenserprobter
alter Hamster gräbt schon mal einen Bau, der ein ganzes System von Röhren
umfasst, die jede mehrere Meter lang und alle miteinander verbunden sind. Da
gibt es mehrere weit im Umkreis verteilte Eingangslöcher und auch
„Noteinfahrten“ für die schnelle Flucht; das sind senkrechte Fallrohre,
die 50 bis 80 Zentimeter in die Tiefe reichen und in die sich der Hamster auf
der Flucht hineinstürzt; ich habe oft die stummelschwänzigen dicken Hinterteile
dort als letztes verschwinden sehen. Wenn alle Ein- und Ausgänge des Baus
enttarnt waren, wurden alle bis auf einen fest mit Erdklumpen zugestopft. An
dem einen verbliebenen Loch begann die Grabung, die bei größeren Bauen
durchaus zwei Stunden dauern konnte. Mit dem Spaten folgten wir Stich um Stich
dem Tunnelsystem. Jede Verzweigung wurde markiert, um dort eventuell später
weiter zu graben, wenn Gang Nr.1 sich doch als Sackgasse erwies. Manchmal war
ein Gang auch nur scheinbar zu Ende, weil der verfolgte Hamster von der anderen
Seite her den Gang fest verstopfte und dabei emsig neue Wege grub. Irgendwo in
den Röhren weiteten sich die Gänge zu Wohnstuben, ausgepolstert mit feinem
trockenem Stroh oder zu Vorratskammern. Mehr als eine Handvoll Körner haben
wir darin nie gefunden. Manchmal stießen wir beim Vorantasten im Dunkel auch
auf Kinderstuben, ausgelegt mit noch feinerem Stroh-Verbiss und bewohnt von 8
oder auch 12, in den ersten Lebenstagen noch blinden, in der Gestalt an kleine
rosa Nilpferde erinnernden Hamster-Jungen. Die gewichtigeren Hamster-Väter wohnten
übrigens nie mit ihren Familien zusammen, sondern unterhielten persönliche
Tunnelanlagen. Die plump wirkenden erwachsenen Tiere waren außerordentlich
gelenkig. Das merkte man schmerzlich, wenn man einen Hamster endlich am Ende
seines Ganges erwischt hatte, er in einer Sackgasse feststeckte. Man sah nur
das Stummelschwänzchen, fasste ihn daran und zog ihn aus der Röhre. Manchmal
machte der Hamster eine blitzschnelle Drehung - und er hing mit seinen scharfen
Nagetier-Zähnen am Kinder-Daumen! Und Hamster waren auch schnell, im Freien
mussten wir ganz schön rennen, um mit ihnen Schritt zu halten. Fangen ließen
sie sich dann kaum noch, mit wütendem Fauchen wehrten sie sich, und mancher von
ihnen hat sich, wenn er mit Kinderschuh oder Spatenblatt gestoppt wurde, eine
blutige Nase geholt; die Nase ist das empfindlichste Körperteil des Tieres, und
auch vorsichtige Fangversuche endeten so für die Hamster oft tödlich. Mit
zunehmender Jagderfahrung kriegten wir später jeden Hamster lebend; sie
knurrten wütend im Einweckglas und wurden im Triumphzug nach Hause gebracht.
Und weil wir nach einiger Zeit richtige Profis waren, wurden nach erfolgreicher
Grabung die bis zu 60 Zentimeter tiefen Gruben fachmännisch wieder verfüllt;
sie wären sonst eine gefährliche Fallgrube für Pferde gewesen. Die Hamster
lebten die nächsten Tage und Wochen weiter in Aquarien oder Kisten, bis sie
irgendwann entkamen oder wieder freigelassen wurden.
Einige von ihnen sind zu
Trophäen geworden, die jahrelang die Wand des Kinderzimmers schmückten. Den
gefangenen Tieren wurde vom Kammerjäger des Dorfes fachmännisch das Fell über
die Ohren gezogen, richtig konserviert, auf Drahtgestellen aufgespannt und
getrocknet und hing dann wie ein kleines Wildschweinfell im Kinderzimmer an
der Wand.
Bauer Schnabel kam manchmal
auf einem kleinen Wagen, gezogen von seinem Ochsen, das Dorf herauf in unser
Grundstück gefahren. Er hatte sich überall etwas Land zusammengepachtet, und
so schwang er auch am steilen Hang gegenüber von unserem Haus die Sense und
fuhr ein paar Tage später das ärmliche dünne Heu nach Hause. In unserem großen
Garten pflügte er ein Stück Wiese zwischen den Obstbäumen um und baute dort
Kartoffeln und Getreide an. Überhaupt wurden anfangs noch viele Flächen
selbstverständlich genutzt, die in den Flurkarten eigentlich als
„Unland“ eingetragen waren.
Selbst der 90-jährige Bauch-Alwin
bestellte hinter dem Pfarrteich ein kleines Gärtchen, aus dem er sich mit
Gemüse versorgte.
Jedes Eckchen Land wurde
bearbeitet. Meine Mutter baute viele Jahre über im Garten als Kleingewerbe
Narzissen an. Die Beete wurden im zeitigen Frühjahr mit Folien abgedeckt,
damit die Knospen ein paar Wochen früher als im Freien erschienen. Gepflückt
und in 50er-Paketen gebündelt wanderten die noch geschlossenen Blüten per
Moped-Kurier zum Gärtner in die Nachbarstadt oder wurden in kleinen Körbchen
per Eisenbahn auch weiter weg verschickt. Das gab ein – allerdings
kärgliches und mühsam erarbeitetes - Zubrot in die Familienkasse.
Im Herbst galt es, etwa 50 Obstbäume in zwei großen Gärten abzuernten. Jeder
Apfel wurde von hohen Holz-Leitern aus geborgen, nach Güteklassen sortiert,
im Keller zwischengelagert und im Herbst und Winter an Verwandte und Bekannte
verschenkt oder verkauft. Ein Teil der Apfelernte wurde mit der
„Gütertaxe“ in die Mosterei gebracht und kam einige Monate später
als kostbarer Apfelsaft in den Keller. Ein Teil wurde auch zu Apfelwein
vergoren – das war der einzige Wein, den meine Eltern viele Jahre lang
getrunken haben; und das geschah nur selten, zu hohen Festtagen. Manchmal haben
wir auch als größere Kinder eine Flasche für „Mutproben“ unter
„Männern“ stibitzt. Die schöne Sache mit dem Apfelsaft-Vermosten
funktionierte allerdings nur, wenn Vater rechtzeitig die nötigen
„Most-Berechtigungs-Scheine“ ergattert hatte. Monate vor der
Apfelernte musste man schriftliche Anträge abschicken oder sich zu bestimmten
Terminen in lange Warteschlangen einreihen, um die Berechtigung für die Abgabe
von ein paar Zentnern Mostäpfeln zu bekommen.
Im Sommer begann die
„Einkochzeit“. Von der Kirschen-, Birnen- und Beeren-Ernte sollte
möglichst viel in die vitaminarmen Wintermonate hinüber gerettet werden. Vom
Dachboden wurde der große Einkochtopf mit dem halbmeterlangen Thermometer
geholt. Dutzende von Einweckgläsern - 1 oder 2 Liter Inhalt - wurden noch
einmal sorgfältig gereinigt. Die zu verarbeitenden Früchte wurden gewaschen,
wenn notwendig auch geschält oder entkernt, und in die Gläser gefüllt. Eine
zur Keimfreiheit aufgekochte konzentrierte Zuckerlösung wurde zugegeben, dann
kam der Glas-Deckel drauf, abgedichtet mit einem roten Gummiring und
festgehalten von einer Metall-Klammer. Anschließend wurden mehrere Gläser in
den großen Topf gestellt und für längere Zeit auf 75 bis 90 Grad erhitzt, Dauer
und Temperatur waren dabei von der Art der Früchte abhängig. Und dann standen
die Gläser reihenweise zum Abkühlen in der dampfgefüllten Küche, bis ein Test
ergab, dass sie wirklich „zu“ waren. In unserem Keller fanden sich
manchmal Gläser mit Kirschen, die auch nach 10 Jahren noch gut essbar waren.
Auch leckere Gewürzgurken, saure Bohnen und Schnittbohnen - die wir vorher
„geschnippelt“ hatten - wurden so konserviert.
Einmal im Jahr rührte Mutter
Eierlikör, weil es den im Laden auch selten zu kaufen gab. Frische Eier von
Nachbars Hühnern, Puderzucker, Vanille-Pudding-Soßenpulver und
„Primasprit“ - reiner Alkohol, „unterm Ladentisch“ aus
dem Konsum besorgt - wurden nach erprobten Rezepten zusammengerührt, fertig
war die köstliche gelbe Tunke; es gab sie auch, mit Kakao versetzt, in
schokoladig-brauner Variante.
Um auch uns Kinder
rechtzeitig auf die Selbstversorgung einzustimmen, bekamen wir frühzeitig
jeder ein Beet in persönliche Verantwortung, um dort irgendwas Nützliches für
den Haushalt zu erzeugen. Mein Beet war immer sehr klein und sehr voller
Unkraut.
Selbstversorgung war überall
gefragt. Als das Dorf endlich eine Wasserleitung bekommen sollte, fehlten
wieder einmal „offizielle“ Firmen oder Arbeitskräfte, die das
eigentlich hätten erledigen können. So griffen eben die Einwohner selbst zu
Hacke und Schaufel, jeder hob die nötigen Gräben im Gelände oder quer durch
seinen Garten selbst aus, die Rohre wurden unter sachkundiger Anleitung des
Schmiedes verlegt, und wenige Wochen später floss das köstliche Nass aus dem
Wasserhahn. Leider hatte niemand Pläne gezeichnet, wo die Leitungen nun genau
in der Erde lagen, was bei späteren Rohrbrüchen oft zu abenteuerlichen
Suchaktionen führte.
Man wäre heute sicher
gerührt von dem ärmlichen Eindruck, den wir damals beim Gang in die Schule
gemacht haben müssen. Ich trug im Sommer Lederhosen, weil die praktisch und
spielfest waren, dazu Kniestrümpfe, die wir endlich – und darauf wurde
sehnlichst gewartet – anziehen durften, nachdem es dreimal gedonnert
oder der Kuckuck dreimal gerufen hatte. Irgendwann gab es dann auch die Erlaubnis,
barfuss zu gehen. Wenn es im Herbst kalt wurde, kamen manche Bauernkinder monatelang
in Gummistiefeln zur Schule.
Wir Jungen trugen immer noch kurze Hosen, aber jetzt steckten die Beine in
langen Strümpfen, ausgebeult und Falten schlagend, grob gewebt und vielfach
gestopft. Befestigt wurden die Strümpfe an Strumpfhaltern, die grau-rosa aus
den Hosenbeinen hervorlugten. Die Strumpfhalter wiederum waren Bestandteil
eines Kleidungsstücks, das „Leibchen“ hieß, es war eine Art kurzes
Unterhemd. Ich habe das alles als eine peinliche und auch - weil die
Strumpfhalter ständig aufgingen und dann das braune Gebammel am Bein herunter
rutschte - anstrengende Veranstaltung im Gedächtnis.
Die vielen Strümpfe, die wir
lebhaften Kinder beim Spielen im Gelände ständig zerrissen und durchwetzten,
waren der Grund für häufigere Besuche der 80-jährigen Frau Gentzsch in unserem
Hause. Frau Gentzsch kam mit dem Postauto. Das war damals das einzige so zu
nennende öffentliche Verkehrsmittel, das auch ländliche Regionen erreichte.
Die alte Dame bestieg, beladen mit Korb und Tasche, morgens in aller Herrgottsfrühe
in der Stadt, wo sie wohnte, das „Postauto“. Das war ein klobiges,
rundliches Gefährt. Darin lagen zunächst in vielen Kästen und Kasten
wohlsortiert die Briefe und Zeitungen für mehr als dreißig Dörfer. Und es gab
vorn beim Fahrer ein paar freie Sitze für abenteuerlustige Reisende. Nun
begann für Frau Gentzsch eine kleine Weltreise. Da wir am etwa in der Mitte
der Route wohnten, juckelte der Bus zunächst durch 15 Dörfer, ehe sie nach
zwei Fahrtstunden aussteigen konnte und den Weg in unserem Grundstück
heraufwackelte. Dann – nach ausgiebigem Frühstück und Schwatz über den
Lauf der Welt – breitete sie auf dem Nähtisch ihre Utensilien aus, Garnrollen
und Nähseide und Stopfkissen und Schere, und arbeitete sich geduldig
stundenlang durch Berge von Socken und Strümpfen und Hemden und Leibchen und
Schürzen und Bettwäsche. Löcher wurden kunstvoll gestopft, Träger geflickt und
Knöpfe befestigt. Der Wäscheberg nahm langsam ab, die regenerierten Nützlichkeiten
stapelten sich daneben. Frau Gentzsch musste über Nacht da bleiben. Am nächsten
Morgen erledigte sie schnell noch ein paar letzte Nadelstiche, dann wurde
allerlei Dörflich-Nahrhaftes in den Korb gepackt, der Lohn ausbezahlt - nach
damaligen Tarifen so 80 Pfennige pro Stunde - und sie tippelte wieder auf die
Straße hinaus, bestieg das bullige Postgefährt und rollte nun durch die
restlichen 15 Dörfer der Tour der Heimatstadt entgegen.
In der Küche fand ein
wesentlicher Teil des Familienlebens statt. Hier war es auch im Winter immer
erträglich warm; in den Schlafstuben wurden die Öfen praktisch nie geheizt. Im
gemauerten Küchenherd bullerte immer ein Feuerchen. Der Herd hatte an der Seite
einen eingebauten eisernen Wasserbehälter, der dick mit Kalk verkrustet war
und als eine Art Wasserboiler diente. Aus der eisernen Deckplatte des Herdes
konnten einzelne ringförmige Teile entnommen werden – auf die offenen
Stellen wurden dann Töpfe gesetzt, die so direkt vom Feuer erreicht wurden. Zum
Essenkochen stand zusätzlich noch ein kleiner Elektrokocher mit zwei Platten
bereit, und für die Zubereitung von kochendem Wasser gab es einen elektrischen
Tauchsieder. Da dieser des öfteren ohne Aufsicht blieb, verkochte manchmal das
Wasser, dann glühte die Heizspirale sehr eindrucksvoll und brannte durch. Es
stank gewaltig in der Wohnung - und
wieder einmal war Ersatz fällig.
Ein Bad hatten wir nicht. In
der Küche gab es nur die Wasserpumpe an der Wand und darunter einen
gusseisernen Ausguss. Daneben befand sich noch ein kleines Handwaschbecken aus
bräunlichem Porzellan. Gebadet wurde freitags in einer Wanne in der Küche,
die mit heißem Wasser vom Herd befüllt wurde. In der übrigen Woche trugen meine
Eltern kaltes Wasser mit einer Kanne in ihr Schlafzimmer und wuschen sich dort
in einer großen Porzellanschüssel. Ob und wie ich mich gewaschen habe, daran
habe ich keine Erinnerungen, so als Junge ...
Unsere Toilette – mit
dem Begriff hätte ich damals nichts anfangen können - war ein Plumps-Klo. Es
existierte noch bis Anfang der 90er Jahre. Wenn man auf der Brille hockte, zog
es manchmal ganz heftig von unten aus dem Fallrohr, und die Gerüche waren auch
nicht ohne. Zum Nachspülen gab es einen großen Krug, meist gefüllt mit bereits
gebrauchtem Wasser aus der Küche oder vom Waschen. Auf dem Klo stand auch ein
schöner Ständer mit einem mit Wasser gefüllten Handwaschbecken und einem
Handtuch für die kleine Hygiene. Und zum „Abwischen“ lag da immer
ein Stapel Zeitungspapier, akkurat gerissen in postkartengroße Blättchen; das
bot zwar Gelegenheit, die Zeit mit Lesen zu überbrücken, aber oft fehlte dann
das Blatt mit der Fortsetzung des Textes.
Technische Geräte gab es
kaum im Haushalt. Um verderbliche Nahrungsmittel aufzubewahren, dafür hatten
wir – je nach Jahreszeit – den „Fliegenschrank“, mit
feiner Gaze bespannt, auf dem Dachboden oder einen Platz unten im kühlen
Keller. Viele Bauern nutzten Gewölbekeller, die außerhalb des Hauses in einen
Erdhang gegraben waren.
Der erste Kühlschrank, den
ich gesehen habe, enthielt einfach ein Fach, in das große Eisstücke eingelegt
wurden. Solche Eisstücke konnte man vom Eismann kaufen, der mit einem
tropfenden Auto und einer Klingel regelmäßig die Straße entlang fuhr. Später
habe ich einmal in einem Nachbardorf zugesehen, wie solches Eis gewonnen
wurde: Als bei knackigen Temperaturen der große Dorfteich tief zugefroren war,
kam der Eismann und sägte große balkenförmige Stücken Eis heraus, die er dann
wohl irgendwo zwischenlagerte.
Wir hatten keinen
Kühlschrank, und deshalb stand im Sommer öfter „saure Milch“ mit
auf dem Speiseplan. Wenn die Milch am Abend eines gewittrigen Tages schon einen
„Stich hatte“, wurde sie in Suppenteller abgefüllt, einen Tag lang
auf den Küchenschrank gestellt, und kam dann als dicke saure Milch mit einer
gelben Sahneschicht bedeckt auf den Tisch – mit Zucker und Zimt bestreut
war das eine Köstlichkeit. Weitere solche Genüsse waren Holunderbeersuppe mit
Zwieback, Kaltschale oder der sonnabendliche Mittags-Kakao mit Butterbrötchen,
natürlich mit der Verlockung, zu „ditschen“ (= eintauchen,
stippen).
Einmal in der Woche wurde
beim Fleischer eingekauft. Das bedeutete, dass einer aus der Familie sich
freitags aufs Rad schwang und fünf Kilometer weit in die Stadt radelte. Bei
Fleischer Pfau wurde die Wunsch-Liste hervorgekramt und vorgelesen: Ein paar
Bockwürste für das „schnelle“ Mittagessen am Sonnabend, ein Stück
Fleisch für den Sonntags(!)braten, ein paar Knochen für Eintöpfe und Suppen,
manchmal Kassler für „saure Kartoffelstücke“ oder auch – gut
sortierte – „Flecke“. Nicht alles war vorrätig („hamm
wer leider nich“), und mit guten Wünschen an die Frau Mutter und dem
kleinen Päckchen mit dem Erworbenen im Beutel ging´s wieder nach Hause.
Unser Dachboden war riesig.
Das brachte die Versuchung mit sich, dass alles, was im Moment im Haushalt
störte, erst einmal dorthin wanderte – man würde später in Ruhe sortieren
und wegwerfen. Die ruhigen Zeiten kamen nie, und so sammelte sich im Laufe der
Jahre allerlei dort an. Für uns Kinder war der Dachboden ein Paradies für
mancherlei Spiele und eine gründliche Untersuchung der Kisten mit den
abgelegten Sachen.
Im Keller war es etwas gruselig.
Da lagen die Kohlen für den Winter - ordentlich gestapelt -, da gab es
geräumige Regale, gefüllt mit der Apfelernte des Herbstes, in einem anderen
Raum drängten sich große Gläser mit von Mutter natürlich selbst eingekochten
Köstlichkeiten: Kirschen, Birnen, Marmeladen, Beeren, Gewürzgurken, Bohnen.
Aber dann wohnte da unten im Winter hin und wieder auch eine Bisamratte; sie
kam vom nahe gelegenen Teich durch das Abwasserrohr und schätzte die
Apfelvorräte sehr, und gelegentliche Begegnungen mit diesem schwarz-gelben
zottigen Ungetüm waren doch recht ungemütlich.
In unserem Haus gab es einen
Raum im Kellerbereich, der über eine Extra-Treppe von außen her erreichbar war,
und der „Waschhaus“ hieß. Eine feuchte dunkle Höhle. Irgendwo hinten
stand ein riesiger schwarzer Kessel, eingelassen in einen gemauerten Herd. An
den Wänden stapelten sich große hölzerne Wannen, die von Eisenreifen
zusammengehalten wurden. Ab und zu, im Abstand von einigen Wochen, kam emsiges
Leben in diese Düsternis: Die Tage der „großen Wäsche“ standen
bevor. Schon in den Tagen zuvor wurden die Wannen ins Freie befördert und dort
gewässert. Erst durch Befeuchten bekamen die einzelnen, kunstvoll gebogenen
Bretter die beabsichtigte Form wieder, quollen auf und drückten mit der
Festigkeit aneinander, die notwendig war, um darin das Wasser zu halten. Am
Waschtag rückte zur tatkräftigen Mithilfe eine ältere Frauen aus der Nachbarschaft
an. Dampfschwaden zogen ins Freie. Seit dem frühen Morgen kochte im Kessel das
Wasser; dieses musste mühsam in Eimern aus dem benachbarten Keller herüber
geschleppt werden. Stets feucht verklumpte Pappschachteln mit FEWA und PERSIL
standen bereit, daneben stapelte sich in Stücken die gelbliche Kernseife. In
Wannen und Bottichen war die (weiße) „Kochwäsche“ schon am Vortage
„eingeweicht“ worden. Nun wurden die einzelnen Wäschestücke mit dem
„Wäschestampfer“ gewalkt, auf einem Waschbrett intensiv gerubbelt,
bei Bedarf gebürstet, gespült und herumgeschwenkt; Socken und stark
verschmutzte Buntwäsche wurden bei Bedarf noch einmal eingeseift und zusätzlich
behandelt. Dann kamen die triefenden Teile in die „Wringmaschine“,
eine Anordnung aus zwei Walzen, die mit einer Handkurbel gedreht werden konnten
und das Wasser auspressten. Im Sommer wurden die weißen Wäschestücke zunächst
zum Bleichen auf der Wiese ausgelegt und hin und wieder mit Wasser aus der
Gießkanne befeuchtet. Das benutzte heiße Wasch- und Spülwasser aus der ersten
Runde wurde in Wannen aufbewahrt, denn nach der Kochwäsche wurden darin
nacheinander helle und dunkle Buntwäsche, Strümpfe und Arbeitskleidung
gewaschen. Wollwäsche kam extra dran. Dann endlich flatterten die großen
weißen Bettlaken und die vielen Leibchen und Strümpfe ordentlich aufgereiht
im Winde. In den nächsten Tagen wurden dann die getrockneten großen
Wäsche-Stücke exakt zusammengelegt. Das begann bei den Bettlaken damit, dass
sie nach dem Abnehmen von der Leine „gezogen“ wurden, das heißt,
dass die steifen und aus der Form geratenen Tücher von zwei einander gegenüberstehenden
Personen an den Ecken gefasst und mit maximal möglicher Kraft längs und in
diagonaler Richtung gezerrt und so wieder in Rechteck-Form gebracht wurden.
Alles wurde in einen großen Wäsche-Korb verpackt, auf den Handwagen verfrachtet
und ab ging die Fahrt zur „Rolle“ (anderenorts auch Wäschemangel
genannt). Das war eine große Maschine, die in einem Haus einen Kilometer
entfernt stand und stundenweise gemietet werden konnte. Dort wurden die Wäschestücke
in ein spezielles „Rolltuch“ gelegt und auf einer runden Holzrolle
- etwa einen Meter lang und 10 Zentimeter dick - aufgewickelt. Anschließend
wurde unter Beschwerung mit einem Kasten voller Steine die Rolle hin- und
herbewegt, das Rolltuch wickelte sich ab und wieder auf und die Wäsche wurde dabei
geglättet.
In der zweiten Klasse wagte
ich mich auch an dickere Bücher heran. Indianer wollte ich sowieso werden, im
elterlichen Schrank stand der abgegriffene braune Band mit dem in
altertümlichen Lettern gesetzten Titel „Lederstrumpf“, und nachdem
ich die ersten Seiten verschlungen hatte, war ich in einer anderen Welt. Ich
zog durch kanadische Urwälder, lenkte Kanus durch wilde Strudel, befreite
hilfsbedürftige junge Damen aus dem Griff wilder Feinde. Und ich konnte nicht
mehr gut schlafen. Wochenlang ließ ich, wenn ich mal musste, sogar die Klo-Tür
offen, weil ich mir nicht sicher war, ob nicht hinter dem Becken doch plötzlich
ein Indianer auftauchen würde und schnelle elterliche Hilfe erforderlich sein
könnte.
Indianer haben mich immer
begleitet. Da waren einmal jene kleinen Spielfiguren, innen mit einem
Drahtgerüst, außen aus einer tonartigen brüchigen Masse gestaltet und farbig
bemalt. Die standen jährlich auf der geburtstäglichen Wunschliste. Sie wurden
mit Nadeln ausgestattet, die aus Mutters Nähmaschine entwendet waren.
Abgebrochene Spaghetti-Stückchen ließen sich zum Speer umwandeln oder mit
Knetmasse zum Gewehr vervollständigen. Die gipsernen Kämpfer mussten dann im
Garten zwischen Grashügeln und Gesteinsbrocken Heldentaten begehen. Wenn das
Wetter schlecht war, wurden auch schnell mal die notwendigen Grasbrocken und
Steine nebst den mitspielenden Kindern - mit schön dreckigen Schuhen - ins
Wohnzimmer verfrachtet, und die Abenteuer fanden dort ihre Fortsetzung.
In leibhaftige Indianern
verwandelten wir uns auch manchmal selbst – natürlich regelmäßig in der
Faschingszeit. Und als alle meine Klassenkameraden sich durch Bücher wie
„Lederstrumpf“ und „Die Söhne der großen Bärin“ gelesen
hatten, sprachen wir uns von Stund an nur noch mit „Schwarzfalke“,
„Unkas“, oder „Tokei-ihto“ an, schritten feierlich
umher, redeten merkwürdig gebrochen miteinander, bastelten Pfeil und Bogen,
schnitzten Friedenspfeifen, und dann trafen wir uns nachmittags – streng
geheim verabredet - in der nächstgelegenen Sandgrube.
Indianerbücher gab´s leider
nicht bei Bedarf, sondern immer erst zu feierlichen Anlässen. Ein solcher
geschenkträchtiger Tag war der Geburtstag. Geburtstage begannen immer mit dem
feierlichen Einzug der Familie ins Wohnzimmer. Dort stand ein runder Tisch,
festlich weiß gedeckt, auf dem in hölzernen Reifen Kerzen brannten, ein großes
Lebenslicht in der Mitte und drumherum noch für jedes Lebensjahr eine kleine
Kerze. Neben dem Kerzenreif waren die geheimnisvoll verpackten Geschenke
aufgestapelt. Nun sang als erstes die Familie das traditionelle
Geburtstagslied, den Kanon „Glück und Segen, Fried und Freude ...“.
Dann war persönliche Gratulation angesagt, es folgte das öffentliche Auswickeln
der Geschenke, anschließend wurden die Kerzen ausgeblasen und alle ließen sich
zum Frühstück nieder. Der Teller am Platz des Geburtstagskindes war – je
nach Jahreszeit - von Blumen oder grünen Zweigen umrankt. Danach war in der
Regel erst einmal normaler All-, das heißt Schultag. Nachmittags kamen
eingeladene Freunde zu Besuch. Es gab zu meinem Geburtstag traditionell extra
„schwarzen“ Streuselkuchen; schwarz hieß, dass er mit dunklem
Kakao gebacken war. Danach fanden Spiele statt: Topfschlagen, Eierlaufen,
Murmelbahn-Bauen, Mikado, Domino. Manchmal saß ich auch mit roten Ohren über
dem neuesten Buch und meine Eltern durften sich um die Gäste kümmern. Wenn mein
Vater Lust und Zeit hatte, wurde Kasper-Theater gespielt, im Garten unter der
Teppichstange. Das waren lange, anspruchsvolle Aufführungen mit Episoden aus
der deutschen Märchenwelt, die unter reger Anteilnahme von weiteren
hinzuströmenden Nachbarskindern stattfanden.
Mit Geschenken wurden wir
nicht gerade überschüttet, um so größer war aber auch die Freude über lang
Ersehntes. Mein erstes eigenes Fahrrad – es war ein gebrauchtes –
konnte ich mit 14 Jahren besteigen.
Bei Omas und Onkels und
Tanten haben wir uns für erhaltene Geschenke natürlich auch revanchiert
– nicht mit gekauften, sondern mit selbstgemachten Präsenten. Das war
manchmal erheblicher Stress, in den vorweihnachtlichen Wochen Papiersterne zu
flechten, Topflappen zu häkeln, mit der Laubsäge kunstvolle Untersetzer
auszuschneiden und was der nützlichen Taten mehr sind.
Dieses Wort hätte damals
kaum jemand im Dorf verstanden. Urlaub war für die Bauersfamilien ein
Fremdwort, man hatte ohnehin zu Hause rund um die Uhr genug zu tun, und dann
vielleicht noch wegfahren in fremde Gefilde – das war einfach nicht
üblich und teuer war´s noch dazu! Meine Eltern kannten das Wegfahren in die
„Sommerfrische“ aus ihrer Kindheit. Aber leisten konnten sie sich
das eigentlich auch nicht. Zum Glück hatten wir großzügige Großeltern, die als
Sponsoren das Finanzielle regelten, und so konnte unsere Familie jedes Jahr
drei Wochen auf Reisen gehen. Wir kraxelten in der Sächsischen Schweiz herum,
wanderten durch den Thüringer Wald oder sonnten uns am Ostseestrand. Beim
Heimkommen blieb bei mir immer ein zwiespältiges Gefühl, wenn ich die daheimgebliebenen
Klassenkameraden traf – ich kam mir unverdient privilegiert vor. Aber
wenige Jahre später konnten auch in unserer Schule Lehrer Aufsätze zum Thema
„Mein schönstes Ferienerlebnis“ schreiben lassen. Manche Kinder
fuhren in staatlich organisierte Ferienlager, andere konnten nun gemeinsam mit
ihren Eltern verreisen, für die die Kollektivierung der Landwirtschaft erstmals
eine geregelte tägliche Arbeitszeit und die Möglichkeit für einen Jahresurlaub
brachte.
Meine Eltern luden jeden Sommer Stadtkinder aus der weitläufigen Verwandtschaft
für ein paar Wochen zu uns aufs Land ein.
Probleme mit Abfall waren in
jener guten alten Zeit noch kein Thema. Es gab kaum Abfälle. Brennbares
wanderte als willkommener Brennstoff in den Küchenherd. Für Altpapier gab´s
Geld. Manche alte Zeitung beendete ihre Laufbahn auch auf dem Plumpsklo.
Marmeladen- und Gurkengläser, Bier- und Weinflaschen – alles brachte
gutes Pfandgeld und ging in den Kreislauf der immer knappen Rohstoffe zurück.
Verpackung war weithin ein Fremdwort, wenn schon, dann lagen auch dafür im
KONSUM alte Zeitungen. Trotzdem blieb natürlich allerlei übrig. Die Abwässer
des ganzen Dorfes flossen ungeklärt in den Dorfbach, damals allerdings noch
ohne die Lauge von Waschmaschinen oder die braune Brühe aus dem großen
Schweinestall. Das Plumpsklo entleerte sich in die geschlossene Jauchegrube
vor dem Haus, die einmal jährlich geleert wurde. Und wohin kamen die festen
Haushaltsabfälle? Ein Müllauto habe ich all die Jahre nicht gesehen. Nur bei
großen Abbrucharbeiten oder für Umzugsreste bestellte man sich jemanden und
ließ abfahren. Die Abfälle, die es natürlich in unserem großen Haus trotzdem
gab - vor allem handelte es sich um Heizungs-Asche - wurden in einem recht
kleinen Bunker vor dem Haus gesammelt und dann einmal im Jahr abgeholt. Und
wenn dort im Bunker der Platz knapp wurde, fand sich immer irgendeine Ecke im
Garten, wo noch was abgelegt oder vergraben werden konnte. Manche Nachbarn
gingen auch jeden Morgen im Winter mit dem Asche-Eimer zur nahegelegenen
alten Sandgrube. Die Gewissensbisse hielten sich in Grenzen.
Wenn wir zu Hause Wasser
brauchten, gab es keinen Wasserhahn. Wir hatten eine Pumpe. Die hing im ersten
Stock in der Küche an der Wand, ein zylindrischer halbmeterlanger Körper mit einem
Schwengel zum Pumpen. Manchmal musste zunächst etwas Wasser oben in die Pumpe
gegossen werden, als Quellmittel, weil irgendwelche Dichtungen eben doch nicht
ganz dicht waren. Und dann wurde ein Eimer ins darunter befindliche
Ausgussbecken gestellt und - gepumpt. Nebenan in Vaters Arbeitszimmer waren
die quietschenden Geräusche nicht zu überhören, und regelmäßig fiel auf
seiner Seite der Putz von der Wand.
Das Saug-Rohr der Pumpe
führte gerade hinunter in den Keller. Dort endete es in einem gemauerten
Behälter, der als Speicherbecken diente. In diesen Behälter wiederum mündete
ein Rohr, das 30 Meter weit aus dem hinteren Teil des Gartens das Wasser
heranführte. Dort hinten gab es einen zweiten, aus Natursteinen gesetzten
Wasser-Speicher – eingegraben in den Berg und mit Tür und Schloss
gesichert - der von einer Quelle aus dem Hang gespeist wurde. Von seinem Grund
ging die Leitung zu unserem Haus ab, das Rohr war übrigens aus Eichenholz
gefertigt. Und manchmal gab die Pumpe in der Küche trotz gefüllter Speicher
kein Wasser her, dann hieß es suchen und stochern. Einmal hatte sich einfach
ein Fröschlein in die Leitung verirrt und war dort eingeklemmt verhungert.
Bei derart kompliziertem
Zugang zu Wasser war Sparen selbstverständlich für uns. Einmal in der Woche,
freitags, wurde das Brett, das die große Bade-Wanne in der Küche abdeckte,
entfernt. Auf dem unter der Brennhitze von Holzscheiten glühenden Küchen-Herd
brodelte Wasser in allen verfügbaren Töpfen. Einer nach dem anderen ward in
die Wanne ausgegossen, dazu kam eimerweise kaltes Wasser. Und dann stiegen die
Kinder in die Wanne, eins nach dem anderen wurde geschrubbt - das Wasser blieb
immer das gleiche ... Die Eltern badeten in einer zweiten Runde.
Meine Eltern hatten ein Auto
geerbt. Es war ein „P 70“, Vorgänger und eine Art älterer und
größerer Bruder des späteren TRABANT, welcher am Anfang ja auch schlicht
„P 50“ hieß. Mit dem grauen Papp-Auto sind wir ein paar Jahre durch
die Gegend gejuckelt, bis meine Eltern ihn aus Kostengründen abgeben mussten.
Denn an solch einem Auto war immer mal etwas kaputt. Eines Tages waren
handwerkliche Fertigkeiten ganz besonderer Art gefragt. Die Seitenholme des
Autos, an denen die Türen befestigt waren, bestanden innen aus Kanthölzern. Im
Laufe der Jahre war Feuchtigkeit eingedrungen und sie begannen zu faulen. Die
Suche begann, nach passendem Holz und nach einem Holz-Fachmann, der sich das
zutraute. Schließlich landete das Fahrzeug beim örtlichen Stellmacher, der die
Karosse ... ja, wie sagt man, klempnerte stimmt ja nicht, also
„holzte“?
Die Handwerker mussten
überhaupt Alleskönner sein: Als meine Eltern, die sich gern winterwandernd
betätigten, neue Schneeschuhe brauchten, fertigte der Tischler
selbstverständlich Skier an; die Bretter maßen stolze 2,20 Meter. Der Tischler
war auch für die Särge zuständig.
Der Schmied konnte nicht nur Pferden fachmännisch hufeiserne Maßschuhe auf die
Sohlen brennen und nageln, er musste auch Ersatz für jedes erdenkliche
Eisenteil in Küche oder Stall herstellen.
Und als mein Vater eine stabile Bretter-Bühne in der Kirche für
Theatervorführungen brauchte, nahm sich dessen eben der Böttcher an, genauso
wie dieser die Holzsäulen an der Haube des Kirchturms ausbesserte und mit
verlöteten Zinn-Blechen vor Wind und Wetter sicherte.
Wenn Geburtstag war oder
Weihnachten, reisten wir zu Oma und Opa in die Stadt. Mein Großvater war seit
1913 Lehrer gewesen, aber wegen seiner (Mitläufer-)Mitgliedschaft in der NSDAP
war er nach dem Krieg aus dem Schuldienst entlassen worden - da war die DDR
ziemlich konsequent - und fristete sein Dasein erst mit einer Anstellung im
städtischen Heimat-Museum und lebte später von einer kärglichen Rente.
In der großelterlichen
Wohnung war vieles noch „wie früher“. So war das Schlafzimmer 1913
das erste und einzige Mal tapeziert worden, und die schwarze (!) Tapete mit
roten Rosen darauf gab es noch Anfang der 90er Jahre. Bei Festen saßen wir
feierlich in der „guten Stube“. Von der Decke hing eine Lampe herab
an goldenen Ketten und mit Schnüren feiner Perlen unten rings um den
Stoffschirm; sie stammte sicher auch noch aus späten Jugendstiljahren. Es gab -
wie immer an Festtagen im Randgebiet zu Thüringen! - dunkles Fleisch in
reichlich dicker dunkler Soße und mit Rotkraut und natürlich mit Klößen.
Serviert wurde auf riesigen Tellern mit Goldrand. Und neben den Tellern lagen
für die Erwachsenen Servietten, in silbernen Ringen gerollt, und es gab für
alle „Messerbänkchen“, auf denen man benutztes Besteck hochlegen
konnte.
Solcher Glanz blieb aber auf Feiertage beschränkt. Im Alltag trank mein
Großvater seinen Früh-Kaffee – Malz, für mehr reichte es nicht - aus einem
Blech-„Dippel“ (= Töpfchen), und wenn mich die Oma mal zum Einkaufen
schickte, wurde das Geld vorher abgezählt und nach besorgter Erledigung das
Restgeld noch einmal nachgeprüft.
Einmal im Jahr war richtig
Kultur. Da fuhren die Eltern mit den Kindern zum Weihnachtsmärchen nach
Altenburg. Weltreise. 12 Kilometer mit der Eisenbahn, dritte Klasse - die gab
es wirklich noch-, jedes Abteil hatte seine eigene Tür nach draußen, man saß
auf Holzbänken. Und die Aufregung stieg. Dreimal hatten wir schon gehalten, in
Lehndorf, Paditz und Nobitz, und dann – lange angekündigt und ersehnt
– kam der Tunnel! Irgendein Herzog von Altenburg hatte sich mangels
echter Berge „seinen“ Tunnel eben in der Ebene künstlich bauen
lassen. Es wurde dunkel, kein Licht ging an, man konnte die Luft anhalten,
Angst haben, seinen Nachbarn ärgern, ohne erwischt zu werden. Dann nach endlos
lang erscheinender Finsternis wieder fahles Licht, Bäume flogen am Fenster vorbei,
dann der Bahnhof von Altenburg. Im Theater gab´s jedes Jahr „Peterchens
Mondfahrt“. Aber der Tunnel war noch besser.
Vor unserem Haus war ein
Teich, der aber dorfauf dorfab nur „Pfarrteich“ hieß. Das lag daran,
dass er zum Grundeigentum der Kirchgemeinde gehörte. Der Teich war verpachtet,
und darin wurden Fische gehalten. Im Herbst war „Abfischen“. Fässer
und Wannen standen aufgereiht am Ufer. Schau- und Kauflustige standen herum.
Der „Ständer“ des Teiches wurde geöffnet. Das war ein normalerweise
verschlossener Abfluss, bei dem nun gewissermaßen der Stöpsel aus dem Teich
entfernt wurde; der Teich begann leerzulaufen. In den übrig bleibenden Tümpeln
und Pfützen zappelten die Fische. Männer in Gummihosen wateten durch den
Schlamm und füllten ihre Kescher. Nach Inspektion wanderten die Fänge in unterschiedliche
Behälter, je nachdem, ob sie schon die nötige Größe hatten zum Schlachten oder
ob sie wieder - für ein weiteres Jahr - im Teich ausgesetzt werden sollten.
Karpfen und Schleien und Karauschen wuselten in den Wannen, hin und wieder war
auch ein Hecht oder sogar ein Aal dazwischen. Nasse Hände verpackten Fische in
Zeitungspapier. Geldscheine wanderten in die Hosentasche des Pächters. Und ein
Ritual wurde nie vergessen. Weil es eben der „Pfarrteich“ war, bekam
der Pfarrer - also mein Vater – symbolisch und kostenlos, als Deputat wie
in alten Zeiten „seinen“ Karpfen. Das Tier wurde im Eimer zu uns
nach Hause getragen, und dann schwamm es wochenlang in einem Brunnenloch hinten
in unserem Garten herum; oder - wenn es nur noch kurze Zeit war bis zum Karpfenessen
- dann schwamm der Fisch auch mal ein paar Tage in der Badewanne in der Küche.
Karriereknick
Mein Vater hatte in seiner Kindheit eine Internats-Schule besucht, und nun
hatten meine Eltern solche Pläne auch mit ihrem Erstgeborenen – das
betraf also mich. Ich wurde im fünften Schuljahr zu einem förmlichen Gespräch
ins väterliche Amtszimmer geladen und erfuhr, wie mein Lebenslauf weitergehen
sollte. Thomaner in Leipzig sollte ich werden, gesanglich gebildet, schlau und
ein gesitteter Mensch. Ich hörte mir die Planung meiner Karriere an –
verstockt hinter dem väterlichen Schreibtisch auf dem Boden sitzend und mit
recht gemischten Gefühlen. In mein Dorfkind-Weltbild passte mir das alles gar
nicht. Folgsam bin ich dann aber doch ein paar Wochen später mit zur
Aufnahmeprüfung gefahren. Zum Glück - so fand ich - kam ich zu spät. Ich war
für den Chor wegen schon beginnenden Stimmbruchs nicht brauchbar. Und so
durfte ich nun weiter zu Hause Mäuse ausgraben.
Mein Vater war als Pfarrer
zuständig für drei Kirchen, zu denen acht ehemals eigenständige Ortsteile
gehörten. Er war also ständig zu Veranstaltungen unterwegs. Sein Vorgänger
– einige Jahrzehnte früher – hatte nur zwei Kirchen zu betreuen,
und er war entweder zu Fuß gegangen, ehrgeizig, immer mit Schrittzähler, oder
hatte sich aufs Pferd geschwungen. Zu seinem Pfarrhaus gehörte damals noch ein
richtiger Vierseithof mit 13 Hektar Land – das sicherte materiell die
Existenz des Pfarrers und seiner Familie.
Mein Vater bekam für seine
Dienstfahrten von der Kirchenbehörde als Dienstfahrzeug ein Fahrrad genehmigt,
mit dem er viele Jahre bei Wind und Wetter unterwegs war. Das Fahrrad wurde
später durch einen Kleinroller KR50 ersetzt, mit dem er nicht schneller, aber
etwas komfortabler voran kam. Erst in den 70er Jahren – da ging er schon
auf die Rente zu – wurde ein Trabant bereitgestellt.
Meine Mutter kam manchmal
mit ihren vielen Aufgaben im Management eines großen Haushalts, beim
Bewirtschaften zweier riesiger Gärten, als Erzieherin von drei Kindern,
zusätzlich beladen mit den Pflichten einer Pfarrfrau, nicht ganz befriedigend
zurande. Eine Haushalthilfe musste her! Christa stammte aus einer kinderreichen
Familie unten im Dorf. Sie hatte gerade die achte Klasse beendet und sollte was
Nützliches fürs Leben lernen. So zog das Mädchen bei uns ein, bekam ein Bett in
der Kammer zugewiesen, in der die Schränke des Kirchen-Archivs standen. Und
dann gehörte sie eine Zeit lang zu unserer Familie. Christa war „in
Stellung“, als Hausmädchen wirklich „Mädchen für alles“. Mal
betreute sie uns Kinder, mal war die Treppe zu wischen und zu bohnern
(Einreiben und Versiegeln der blanken Holzdielen mit braunem Bohnerwachs). Sie
sah meiner Mutter beim Kochen über die Schulter und lernte Haushaltsbücher zu
führen. Essen und Unterkunft waren für sie frei, dafür wurde meine Mutter merklich
von manchem Kleinkram entlastet.
Die Wohnung war für drei
Kinder längst zu eng geworden. Da spendierten die Großeltern für uns zwei
Jungen ein eigenes „Zimmer“. Eine Ecke des geräumigen Dachbodens
wurde zu einer Kammer ausgebaut. Dort oben haben wir jahrelang gehaust,
sommers in der Hitze schmelzend und in strengen Wintern zum Überleben
eingepackt unter dicken, am Kachelofen vorgewärmten Federbetten. Hier störte
uns selten jemand. Hier waren unsere Schätze gelagert. Hier wohnten in Kisten
und Gläsern Hamster und Hornissen und Seidenraupen als vorübergehende Gäste.
Hier standen die Indianerbücher bereit zum – verbotenen - Gelesen-Werden
unter der Bettdecke. Hier wurden Briefmarken getauscht und Autokataloge - aus
dem Westen - fachmännisch ausgewertet. Und weil wir da oben unter dem Dach weit
weg waren von jeder elterlichen Hilfsmöglichkeit, stellte ich zur Abwehr
möglicher Räuber immer einen großen Hammer neben mein Bett. Manchmal wachten
wir nachts von leisem Getrappel auf. Das waren aber keine Räuber, sondern Mäusefamilien,
die nächtens auf Nahrungssuche gingen oder auch Kegelturniere mit Nüssen veranstalteten,
die auf dem Dachboden zum Trocknen gelagert waren.
Einmal im Vierteljahr
klingelte es, und ein Mann stand vor der Tür - „der Hausierer“,
flüsterten wir uns zu, während wir uns hinter der Tür versteckten. Er war zu
Fuß das Dorf herunter gekommen, hatte einen hölzernen Bauchladen vor der Brust
und eine dicke Tasche in der Hand. Er wurde in die Wohnung eingelassen, öffnete
seine Taschen und Kistchen und Fächer und Tüten und breitete alles auf dem
Küchentisch aus. Zum Vorschein kamen Seife und Kämme und Nadeln und Bänder und
Schlüpfergummi und Schuhcreme und was ein Mensch eben so brauchen kann. Es war
wohl weniger echter Bedarf als ein wenig Mitleid mit dem Mann, dass meine
Eltern immer etwas kauften. Aber ganz gewiss war eines regelmäßig dabei:
„Doktor Hungers Kräutertee“, mal in Rollenform gepresst und mal in
Tüten abgefüllt. Davon standen all meine Kinderjahre hindurch größere Vorräte
im Regal, und die musste ja nun auch irgendjemand trinken. Also gab es ihn früh
und es gab ihn abends, diesen Tee, und der Geruch von Pfefferminze führt mich,
wenn ich die Augen schließe, auch Jahrzehnte später noch zurück in die
Dunkelheit unserer Vorratskammer.
An meinen ersten
Berufswunsch kann ich mich noch gut erinnern – ich wollte Missionar
werden. Motiv Nummer 1 dafür war wohl, auf diesem Wege „raus“ zu
kommen, irgendwo anders zu sein auf dieser großen weiten Welt, dort, wo es Indianer
gab oder Löwen. Motiv Nummer 2 war, da es in exotischen Ländern - bei den
„Wilden“ und in der Wildnis - natürlich immer auch gefährlich ist,
ein Luftgewehr mitnehmen zu dürfen, ganz legal - mir war der Umgang mit diesem
„Spielzeug“ nämlich immer verboten - und dazu zwei Kisten (!)
Munition.
Der schreiende Hase
Feldhasen gehörten damals
wie Rebhühner zum normalen Bestand auf den Feldern, Wildschweine und Rehe
dagegen gab es kaum. Die scheuen Tiere waren besonders im Winter allgegenwärtig
und hinterließen überall ihre Spuren. Hin und wieder, wenn Gras gemäht wurde,
fanden wir auch Nester, in denen junge Hasen saßen, sich tot stellten und uns
stumm anblickten.
Eines Tages lernte ich aber, dass Hasen auch schreien können. Aus einer Ecke
unseres großen Obstgartens erklangen schrille hohe Töne, die durch Mark und
Bein gingen. Als ich hinlief, saß da ein junger Feld-Hase, den eine Katze
„erwischt“ hatte. Sie hielt ihn gepackt, und er schrie in Todesangst.
Die Katze bekam einen Tritt, und der Hase hatte für dieses Mal Glück gehabt.
Manchmal gellten auch
Kinderschreie durch den Garten. Dann war jemand von einer Wespe gestochen
worden. Die gelbschwarzen Flügeltiere lebten in Erdhöhlen - ehemaligen
Mäuselöchern - mitten auf der Wiese, die auch unsere Spielwiese war. Und die
schmerzhaften Stiche waren Grund genug für eine - eigentlich verbotene -
Vergeltungsaktion. Streichholzschachtel, Zeitungspapier, trockenes Gras
– damit gingen wir „Wespen ausräuchern!“. Mutige Knaben
suchten das Eingangsloch zum Wespennest. Dann wurde Brennmaterial rund um das
Loch ausgelegt und entzündet, um die Feinde zu vernichten. Aber manchmal gab
es ein zweites Loch, aus dem die wütenden Wespen herausstürmten und sich auf
uns stürzten, oder wir hatten nicht bedacht, dass sich ein Teil der Besatzung
auch außerhalb des Nestes befand und bei der Rückkehr aggressiv gestimmt war
– manchmal hatten wir jedenfalls nach der Aktion deutlich mehr Stiche als
vorher.
Die Zeitrechnung in der DDR
wurde lange eingeteilt in die Zeit „vor“ und die Zeit „nach
der Mauer“. das hieß, nach dem 13. August 1961, an dem die DDR den
„antfaschistischen Schutzwall“ errichtete.
Meine Tante und mein Cousin waren schon 1957 „in den Westen abgehauen“.
Und das hieß, Besuche hin und her gab es nicht mehr. Eigentlich nicht - aber
da war ja noch Westberlin, damals noch mit einer offenen Grenze. Und da durfte
ich im Sommer 1960 mit hin fahren. Irgendwie kribbelig kamen mir die Eltern in
der S-Bahn von Ost- nach Westberlin vor; zu Recht, wie ich später erfuhr: Sie
schmuggelten ganz nebenbei in einem großen Koffer Besitztümer von
„republikflüchtigen“ Bekannten in den Westen. Und dann waren wir -
unkontrolliert – „drüben“. Ku-Damm-Flimmer, Kinogang (ein
Saurierfilm), und weil´s so heiß war: Wannseebad. Dort nervte ich zunächst den
(West-)Cousin so lange, bis er einen Groschen - Westgeld! - in einen Automaten
steckte, damit unten ein kleiner Anhänger mit einem Totenkopf heraus kam
– den musste ich unbedingt haben! Mein zweites Erlebnis war ein
Kultur-Schock: Gönnerhaft wurde mir, der ich zu verdursten meinte, eine Cola
gereicht, die ich gierig in mich hineinschüttete. Gewohnt war ich nur die
heimische, immer zuverlässig lauwarme rosa Flaschenlimonade, und nun entlud
sich eine eiskalte Cola-Explosion in meinem Inneren. Seitdem habe ich den
Inhalt von Flaschen immer erst misstrauisch geprüft.
Auf der Rückreise war ich
glücklicher Besitzer eines echten blauen Hula-Hoop-Reifens. Der Plaste-Ring von
reichlich einem Meter Durchmesser musste um die Hüfte gelegt, von Hand in Bewegung
gesetzt und dann durch rhythmische Bewegungen des Beckens im Kreisschwung
gehalten werden. Er durfte nicht herunterfallen. Wettbewerbe begannen:
„Ich kann fünfmal“, „Ich 13 Mal“ ... Mein bis heute
gültiger Rekord wurde im heimatlichen Wohnzimmer aufgestellt. Ein Buch lesend
ließ ich den Reifen 75 Minuten lang über dem Tisch kreisen, bis ich wegen
familiärer Missstimmung - das Mittagessen wurde kalt - abbrach.
Der politische Druck in den
50er Jahren war meistens doch weit weg von meinem Kindergemüt. Sommerbad und
Kirschen-Klauen und Indianer-Spielen waren letztlich die stärkeren Eindrücke.
Heimat, zu Hause – das war hier.
Und doch gab es da irgendwo
eine ganz andere Welt, den WESTEN. Da lockten Kaugummis, Zündplättchenpistolen,
hochglanzgestylte Autokataloge. Und da drohten Schreckfiguren, deren Namen
uns in der Schule immer wieder eingebläut wurden, die für unser kindliches
Hören wohl alle Schläger waren, nämlich „Hauer“, die Ollenhauer (SPD-Vorsitzender),
Adenhauer (Bundeskanzler Adenauer) oder Eisenhauer (US-Präsident Eisenhower)
hießen und Krieg wollten ...
Die Frage, ob es eine
Alternative sei, in den Westen zu gehen, beantwortete die DDR brutal im August
´61 mit dem Bau der Mauer. Jetzt war klar, wo wir hingehörten! Und den
„Westen“ gab es – physisch erlebbar – nicht mehr. Nur
noch in Gestalt von Paketen. Und im Fernsehen.
Die sichtbare Präsenz der
Staatsmacht beschränkte sich für mich auf den Dorfpolizisten, weil der auch
unsere kindlichen Umtriebe manchmal missmutig beäugte, z.B. die jugendlichen
Jagdpartien mit den väterlichen Luftgewehren auf Spatzen oder die
Übungsfahrten auf Feldern und Feldwegen mit den elterlichen Mopeds.
Es gab aber auch einen
Bürgermeister, der von Staats wegen und wegen des richtigen Parteibuchs
eingesetzt war und wohl weder viel zu sagen noch viel zu tun hatte; meist waren
das biedere und etwas ältere überforderte Parteifunktionäre.
Ein Teil der
„Verwaltung“ geschah auch in Eigenverantwortung zu Hause. Da gab es
nämlich das „Hausbuch“. Man konnte und durfte sich in der DDR lange
Zeit (eigentlich) nicht frei bewegen und erst recht nicht außerhalb seiner
eigenen vier Wände schlafen. Im Hausbuch waren nicht nur die ständigen, amtlich
gemeldeten Bewohner eines Hauses eingetragen. Dort mussten (eigentlich) auch
die kompletten Personalien jeder Person eingeschrieben werden, die auch nur für
eine Nacht dort zu Gast war. Ich schreibe „eigentlich“, weil die
Bücher doch sehr lückenhaft ausgefüllt oder völlig ignoriert wurden. Aber damit
machte man sich (eigentlich) schon strafbar.
„Pfarrer Krause
lehnt den Frieden ab“
Im Juni 1954, fand in der DDR eine
„Volksbefragung“ statt. „Hinweg mit Adenauer und dem
EVG-Vertrag!“ - 93,5 Prozent der Bevölkerung stimmten dafür (EVG war die
später gescheiterte „Europäische Verteidigungsgemeinschaft“). Mein
Vater war nicht zu dieser Abstimmung gegangen; er ging auch später nie zu
DDR-„Wahlen“, weil es für ihn keine echten Wahlen – mit Aus-Wahl-Möglichkeiten
– waren. Und schon stand sein Name in der Überschrift der regionalen
Zeitung: „Das deutsche Volk entschied sich für den Frieden –
Pfarrer Krause lehnt den Frieden ab“. Anders als „jeder anständige
Deutsche“ wolle er „tatenlos zusehen, wenn sein Volk von
gewissenlosen Verbrechern hingemordet werden“ solle. „Was würde er
einmal seinen drei Kindern antworten?“ Die Eltern saßen nachdenklich vor
der Zeitung. Da war er wieder, dieser Druck. Was würde jetzt kommen? Drohte
Verhaftung? Oder war das nur die Überreaktion dieses Herrn Rudolph, der als
„politischer Leiter“ unterzeichnet hatte, oder doch eine deutliche
Warnung?
Ich habe das Original dieses
Zeitungsartikels aus dem Jahre 1954 nach der Wende in meiner – des Sohnes
- Stasiakte wieder gefunden, abgeheftet als Beleg dafür, wie Sippenhaft
aussehen kann.
Telefongespräche wurden in
jenen Jahren erkennbar „mitgehört“. Wichtige und politisch
vielleicht brisante Post vertraute mein Vater nicht dem Briefkasten an,
sondern dafür gab es (kirchliche) Kuriere. In den sonntäglichen Gottesdiensten
saßen manchmal Fremde, die mit spitzen Ohren Staatsgefährdendes erlauschen
sollten.
Ich ging schon ein paar
Monate zur Schule, als wir eines Tages – im März 1954 - mitten in der Stunde
feierlich aufstehen und eine ganze Minute lang still stehen mussten. Wir
gedachten des „Väterchens Stalin“, dessen erster Todestag begangen
wurde, und mussten tief traurig sein, obwohl wir den Onkel gar nicht kannten
... Stalin-Kult und stalinistischer Terror, auch das prägte die 1950er
Kinderjahre.
Unten in unserem Haus wohnte
Kantor Kirbach mit seiner Frau. Er war jahrzehntelang Dorfschullehrer gewesen
und ein gestrenger Mann. Nun genoss er seinen Ruhestand. Bis er eines Tages
fassungslos meinen Vater zu sich ins Wohnzimmer rief. Ich schlich neugierig
hinterher. Auf dem Tisch lag eine Zeitung. Auf dem Titelblatt stand in dicken
Lettern: „Mörder von 10000 Schweinen!“ und daneben war ein Bild von
Kirbachs Sohn. Der war damals (1954) leitender Tierarzt irgendwo im
Thüringischen. Und er war politisch unbequem. Das brachte ihm das Misstrauen
der Staatsorgane ein, er wurde intensiv beobachtet. Und dann schlug das System
unbarmherzig zu. In einem Schauprozess wurde er angeklagt, schuld zu sein am
Tod von Tausenden von Schweinen, die er böswillig nicht rechtzeitig gegen die
Schweinepest geimpft habe – zum Schaden der Volkswirtschaft der DDR. Das
Urteil lautete auf 12 Jahre Zuchthaus. Seine Ehe ging in die Brüche, und seine
beiden minderjährigen Söhne mussten von den Großeltern aufgenommen, unterhalten
und erzogen werden, und so lebten sie dann mehrere Jahre in unserem Hause. Der
inhaftierte Tierarzt kam nach 8 Jahren wieder frei, aber er war ein
gebrochener Mann und starb wenige Jahre später.
Auch im Haus gleich
gegenüber geschah Bedrückendes. Der Adoptivsohn unserer Nachbarsleute, kehrte
1954 nach Hause zurück. Nur verhalten wurde getuschelt und gemutmaßt. H. hatte
in den letzten Kriegsjahren seine Lehre absolviert und dann einen Arbeitsplatz
gefunden. Als die Russen 1946 mit dem Uranbergbau im Erzgebirge begannen, wurde
auch sein Betrieb verpflichtet, dafür Leute abzustellen –
Zwangsverpflichtung! H. erhielt den Gestellungsbefehl, verspürte aber mit
seinen 18 Jahren einfach keine Lust, Bergmann zu werden, gar noch unter
sowjetischer Militärverwaltung. Und da machte er sich Hals über Kopf davon und
ging über die „grüne Grenze“ in den Westen. Dort arbeitete er
einige Monate, als ihn seine Mutter in einem Brief bat, wieder nach Hause zu kommen;
der Vater war noch in Gefangenschaft. H. kehrte zurück und suchte sich eine
Tätigkeit. Es vergingen einige Wochen, bis die russischen „Organe“
ihn wieder im Visier hatten. Seine Flucht nach der WISMUT-Rekrutierung wurde
wie militärische Fahnenflucht behandelt! Die Polizei holte ihn zu Hause ab. Er
kam vor ein Schnellgericht und wurde als „West-Spion“ verurteilt:
Todesstrafe! Später wurde das Urteil „gemildert“ auf 30 Jahre in
Sibirien. Aber auch dazu kam es nicht, weil H. schon im berüchtigten Zuchthaus
Bautzen an Tuberkulose erkrankte. Erst fünfeinhalb Jahre später war er wieder
zu Hause, gesundheitlich schwer gezeichnet. Er hat nie mehr richtig arbeiten
können. Wie dieser Mann jeden Tag stundenlang rastlos in seinem kleinen
gepflasterten Hof auf und ab ging, hat mich als Kind tief beeindruckt.
Zwei solche Schicksale schon
im kleinen Horizont meiner Kinderwelt – es hat ihn wirklich gegeben, den
Terror der 50er Jahre.
Flugblätter hießen nicht nur
so, sie kamen wirklich geflogen. Aller paar Monate geschah es. Entweder waren
sie in der Nacht gekommen und lagen als bunte morgendliche Aufregung auf Wiesen
und Feldern. Oder sie flatterten – erst ganz winzige Pünktchen am
Himmel, später als Zettel erkennbar – in die Nachmittags-Langeweile.
Ihr Erscheinen löste hektische Betriebsamkeit aus. Zum einen bei uns Kindern,
weil es einen Wettbewerb gab: Wer findet die meisten? Zum anderen bei den
„Staatsorganen“; das war manchmal der Parteisekretär der LPG,
manchmal der Bürgermeister, manchmal der Dorfpolizist. Die mussten sich von
Amts wegen kümmern. Die Zettel kamen nämlich vom „Klassenfeind“
aus dem „bösen Westen“. Dort starteten große Gas-Ballons, die
Pakete von Propaganda-Material trugen, der Wind trieb sie zu uns in den - von
dort her gesehen ebenso „bösen“ - Osten, und irgendwo, manchmal
eben am Himmel über unserem Dorf, setzten sie ihre Last frei. Die Zettel waren
bunt, und die Parolen waren heftig. Es war kalter Krieg, und die Sprache war
entsprechend: „Sowjetzone“, „Sklaverei“,
„Terrorherrschaft“, „Kanonen statt Butter“,
„Kasernen statt Wohnungen“ usw. Die Staatsorgane waren alarmiert
und gingen auf Suche. Aber ein Großteil der Zettel befand sich längst in der
Hand sammelwütiger Kinder - und interessierter Erwachsener. Und nun begann das
immer gleiche Spiel. Hochnotpeinliche Befragung durch den Dorfpolizisten in
den einzelnen Häusern dorfauf und dorfab: Hat hier jemand solche Zettel
gefunden? Die seien abzuliefern. Bei Strafandrohung. Viele Zettel wurden
trotzdem versteckt und heimlich gelesen. Ein paar Tage herrschte
Partisanen-Stimmung, wir spielten Hase und Igel. Dann war wieder Alltag.
Der
Klassenfeind im Westen schmiss noch mehr Bösartigkeiten vom Himmel. Als Feind
des Sozialismus entpuppten sich Kartoffelkäfer. Die hatten die Amerikaner - so
wurde jedenfalls amtlich informiert - aus Flugzeugen abgeworfen, um der
Wirtschaft und den Menschen in der DDR zu schaden. Wir Schulkinder wurden an
die Kartoffel-Front geschickt. Einmal freiwillig einzeln und ein andermal
zwangsweise in Schulklassenstärke marschierten wir auf die Felder, wurden
über Aussehen und Tarnungen des gelb-schwarz gestreiften käferlichen Feindes
belehrt, mit leeren Marmeladegläsern für den Fang der Bösewichte ausgerüstet
und schwärmten dann über die Felder aus für den Sieg des Sozialismus. Pro Käfer
gab es sage und schreibe EINE MARK, für ein ganzes Glas, gefüllt mit
rot-schwarzen Larven, immerhin noch 50 Pfennige. Da machte Klassenkampf sogar
Spaß. Bloß – es gab gar nicht so viele Käfer, ich habe 25 Jahre später
viel mehr von ihnen überall auf Kartoffelfeldern gesehen, aber da gab es leider
kein Geld mehr.
Damit wir einmal ordentliche
Menschen werden sollten, die auch mit Geld umgehen konnten, spendierten meine
Eltern Taschengeld. Es gab 50 Pfennige in der Woche. Ich sollte davon nützlichen
Kleinkram erwerben, aber ich wollte die „Frösi“. Das war eine
Kinderzeitschrift mit dem lyrischen Namen „Fröhlich sein und
singen“. Und die wollten meine Eltern nicht im Haus haben, weil sie zwar
interessant und unterhaltsam war, aber eben nebenbei auch ziemlich heftige
Agitation für das sozialistische Kinderleben machte. Aber sie war bunt, interessant
(die blau-rote 3-D-Brille, mit der man Bilder dreidimensional betrachten kann,
habe ich heute noch!), die anderen Kinder durften doch auch ... Ich habe die
Hefte trotzdem – zunächst heimlich und später dann auch mit elterlicher
Zustimmung - gelesen.
Auch an anderer Stelle
gingen die Wertvorstellungen der Generationen nicht konform. Ich bekam zum
Geburtstag eine tolle Taschenlampe, die sich umschalten ließ auf grünes und
rotes Licht. Aber die Freude währte nur solange, bis ein Klassenkamerad eine
Pistole zum Tausch anbot. Natürlich aus dem Westen, ein Plaste-Colt, leicht
defekt, aber zwei Rollen Zündplättchen gab´s noch dazu. Die Eltern wollten das
sehr lautstark nicht. Aber irgendwann hatte ich dann keine Taschenlampe mehr
und tief versteckt in geheimen Schubladen lag das Objekt der Begierde bei
meinen anderen Schätzen.
Bei Altenburg gab es einen
schönen großen Wald. Bestens geeignet, um dort zu wandern, Pilze zu sammeln, in
einem kleinen Steinbruch zu baden. Meine Eltern packten uns Kinder vorn und
hinten aufs Fahrrad zum Familienausflug und wir radelten los. Aber wir waren
nicht allein im Wald. Ein Großteil war Sperrgebiet, und da waren die Russen.
Sie betrieben einen Militärflugplatz und das war streng geheim und furchtbar
wichtig. Eines Tages hatten die Eltern sich „verradelt“, wir hatten
wohl auch Sperrschilder übersehen, jedenfalls sprangen plötzlich aus dem
Gebüsch brüllende Sowjetsoldaten, die Maschinenpistole im Anschlag. Sie stellten
sich vor uns auf und schrieen: „Dokument!!!“. Die Eltern guckten
etwas hilflos; Ausweise hatten sie nicht dabei, und eine Sondererlaubnis
natürlich erst recht nicht. Da griff meine Mutter in ihre Jackentasche, eine
kleine rote Karte kam zum Vorschein und wurde den Wächtern hinübergereicht. Die
besahen das Papier von allen Seiten, berieten kurz, gaben das Kärtchen zurück
und wir hatten wieder freie Fahrt. Vater war etwas verunsichert ob der
erfolgreichen Aktion und wollte das rettende „Dokument“ auch
sehen: Es war die Dauer-Eintrittskarte für das Sommerbad in Meerane, die uns
vor den Russen gerettet hatte.
Die Russen waren all die
Besatzungsjahre hindurch immer irgendwie präsent, aber nur selten zu sehen.
Manchmal kamen sie nachts. Dann rumpelten stundenlang Panzer auf der
Dorfstraße entlang; die Straßen waren dann für die nächsten 10 Jahre hin.
Einmal gab es im Gefolge
einer solchen Panzerrallye ein schreckliches Erlebnis, das sich mir tief
eingeprägt hat. Am Straßenrand lag ein verletztes Pferd, das sich beim
Zusammenprall mit einem Panzer eine schwere Beinverletzung zugezogen hatte.
Sein Körper zuckte, die Augen waren weit offen. Kein Laut war zu hören, aber
aller Schmerz dieser Welt schrie aus den Blicken dieser Kreatur.
Das Jahr 1960 brachte Unruhe
ins Dorf. Der kalte Wind der sozialistischen Kollektivierung der Landwirtschaft
wehte durch die DDR. Die Zeitung erklärte tagtäglich, in welch glorreichen
Zeiten wir lebten: Die Bauern wandelten ganz „freiwillig“ ihr
Privateigentum in genossenschaftlichen Besitz um. Viele Bauern sahen das
überhaupt nicht so positiv. Ich sehe sie noch vor mir, gestandene Männer, wie
sie geduckt, ratlos und mit feuchten Augen im Arbeitszimmer meines Vaters
saßen. Was sollten sie tun gegen den wochenlang andauernden Druck? Jeden Abend
kamen die Agitatoren aus der Stadt – manchmal gleich mit dem LKW -,
saßen bei ihnen in den Bauernküchen und lockten und drohten. Bis einer nach dem
anderen seinen Beitritt zur LPG (Landwirtschaftliche
Produktions-Genossenschaft) beantragte. Wir Kinder lernten derweil in der
Schule, dass es „LPG Typ I“ gab - hier brachten die Bauern nur ihre
Ackerflächen in die gemeinsame Bewirtschaftung ein - und dass bei „LPG
Typ III“ zusätzlich auch alle Wirtschafts-Gebäude, Tiere und Maschinen
genossenschaftliches Eigentum wurden.
Vorher selbständige Bauern
wurden Spezialisten in industriell wirtschaftenden Agrarbetrieben: Schlosser,
Traktorist, Ingenieur, Tierpfleger. Die Umgestaltung veränderte das Dorf
nachhaltig. Die kleinen Felder verschwanden, Feldwege und Flurgehölze wurden
radikal beseitigt. Auf riesigen Flächen von einigen hundert Hektar hielt neue
Großtechnik Einzug. Hamster und Rebhühner verschwanden, ebenso wie die Pferde.
So manches ehrwürdige Fachwerk-Gebäude in den Vierseithöfen verfiel. Ein neuer
großer Schweinestall brachte einen neuen Geruch ins Dorf.
In der Schule gab es das
neue Fach UTP („Unterrichtstag in der Produktion“). Da lernten wir
nicht nur theoretisch (ESP = „Einführung in die sozialistische Produktion“),
wie toll der Sozialismus funktionierte, dazu gehörte auch handfeste Praxis in
der neuen Landwirtschaft. Wir zogen einmal in der Woche - einen ganzen
Schultag lang! - auf die Felder; da wurden Rüben verzogen oder Kartoffeln
gelesen. Oder wir waren im Stall, um dort auszumisten oder die Kühe zu
„striegeln“, das hieß, ihnen die eingetrocknete Kacke vom Fell zu
bürsten. Oder wir saßen zwischen schwatzenden Bäuerinnen im Dachboden einer
großen Scheunen. Dort wurde „Tabak gefädelt“, das heißt, frisch
gepflückte grüne Tabakblätter wurden mit speziellen Nadeln auf spezielle
Tabakschnur gefädelt und zum Trocknen aufgehängt.
Auch in Bauernfamilien,
die sich lange gegen den Eintritt in die LPG gewehrt hatten, war Jahre später
Interessantes zu hören: Sie fanden es gut, nun eine geregelte Arbeitszeit zu
haben, gute Bezahlung, Urlaub - und „Kinderarbeit“ gab es auch
nicht mehr.
In der glorreichen
Sowjetunion, so lernten wir in der Schule, gab es Väterchen MITSCHURIN. Dem
Manne war es gelungen, auch jenseits des Polarkreises Weizen anzubauen und Wein
zu ernten. Sein Erfolg bestätigte eindrucksvoll ein Dogma der sozialistischen
Doktrin, dem zufolge Pflanzen, Tiere und Menschen sich letztlich jeder
natürlichen (oder gesellschaftlichen) Umgebung erfolgreich anpassen könnten und
würden.
Von der Sowjetunion lernen,
hieß siegen lernen. Also wurden die neuen Konzepte auch in die DDR übertragen.
Eine Kampagne schwappte über das Land, und jede LPG baute nun ihren
„Offenstall“. Es war ja nicht mehr nötig, die Kühe im Winter in
geschlossenen Ställen unterzubringen. Es sollte doch reichen, wenn sie ein Dach
über dem Kopf hätten, und mit der Zeit würden sie sich eben an die frostige
Umgebung anpassen.
Die Kühe, die schutzlos in
die zugigen Unterkünfte getrieben wurden, haben die Theorie offensichtlich
nicht verstanden. Sie wurden krank, Todesfälle traten auf, und nach einiger
Zeit wurde das ideologische Experiment stillschweigend beendet.
Mein Vater nutzte unser
großes schwarzes Radio nur, um die politischen Tages-Nachrichten zu hören.
Meine zwei Jahre ältere Cousine Karin kam zu Besuch, und sie zeigte mir, dass
aus der Kiste viel mehr herauszuholen war. Sie kurbelte und drehte und steckte
Drähte in die Antennenbuchse, bis IHRE Musik kam. Flott, laut, spritzig –
und das stundenlang jeden Tag. Es waren bis dahin ungehörte Klänge in unserem
Haus, die meinen Eltern wohl ziemlich auf die Nerven gingen, aber sie trugen´s
mit Geduld. Und ich hörte mit: Radio Luxemburg. Für uns nur auf Mittelwelle zu
empfangen, da rauschte es öfter oder der Sender verschwand auch minutenlang
gänzlich. Manchmal funkten auch gezielt richtige „Störsender“
dazwischen, DDR-staatlich-amtlich eingesetzte Funkstationen, die mit nervenden
Quietsch- und Pfeifgeräuschen das Hören von „West-Sendern“
unmöglich machen sollten. Radio Luxemburg war wohl nicht so gefährlich, jedenfalls
liefen die meisten Sendungen ungestört. Schnell war auch ich vom Musik-Bazillus
infiziert. Der erste Titel, der sich mir als „Hit der Woche“
eingeprägt hat und an dessen Melodie ich mich noch heute erinnere, hieß
„Johnny, sing dein Lied noch mal ...“ Die sonntägliche
„Hitparade“ war über Jahre ein unbedingtes Muss und brachte –
wegen der Konkurrenz zum familiären Mittagessen – ziemlich oft Zoff.
Und es gab einen – natürlich streng geheimen – „Hitparaden-Club“
in der Schul-Klasse, in dem die wöchentlichen Hitlisten kursierten und die
neuesten Trends diskutiert wurden.
Radios hatten damals manchmal ein „Magisches Auge“, ein grünlich
leuchtendes Glasding, dem man ansah, ob ein Sender gut empfangen werden konnte.
Vor allem aber steckten in den Geräten noch „Röhren“, die manchmal
auch kaputt gingen und ersetzt werden mussten. Vor allem aber konnte man, indem
man eine solche Röhre herauszog, den Sound beim Empfang des RIAS ganz
entscheidend verbessern. Ich habe bis heute keine Erklärung, wieso durch
Entfernen (!) eines Bauteils das Gerät besser funktionierte ...
Eines Tages war Aufregung im
Dorf. Gleich vier neue Häuser wurden gebaut. Das allein hätte uns Kinder wohl
kaum interessiert. Aber wie das geschah, das war schon merkwürdig. Da
schachteten nämlich schweigsame Männer in blauen Hosen und Jacken die Baugruben
aus, und sie trugen breite gelbe Streifen auf dem Rücken. Sie wurden von
mehreren Uniformierten bewacht. Die taten das mit Gebrüll, und zur
Unterstreichung ihrer Macht trugen sie Maschinenpistolen über der Schulter. Ich
muss gestehen, dass wir gar nicht versucht haben, mit den Sträflingen zu
reden. Die Bewacher ließen sich auf Unterhaltungen mit uns Kindern ein, sagten
aber über das Schicksal der Gestreiften nur knapp, dass das
„Politische“ wären. Sie haben aber gern Auskunft gegeben, auf
welche Entfernung eine MPi noch trifft.
In eines der fertigen
kleinen Häuschen zog später der Dorfpolizist ein. Drei Fenster waren vergittert,
und da hatten wir im Dorf nun auch noch ein richtiges Gefängnis, das aber in
den darauf folgenden 30 DDR-Jahren wohl nie benutzt wurde.
In der frühen DDR war
eigentlich alles knapp. Jedenfalls das, was man gerade brauchte. „Stromsperre“
zum Beispiel war ein immer wiederkehrendes Erlebnis jener Jahre: Da gab es
eben einfach für ein paar Stunden – angekündigt in der
„Spitzenbelastungszeit“ oder auch ohne jede Vorwarnung –
keinen elektrischen Strom. Also stand im Flur immer eine Kerze griffbereit und
daneben lagen Streichhölzer.
Viele nützliche Dinge, nicht
nur später die „Trabbis“, gab es nur auf Antrag oder mit Sondergenehmigung
oder mit geduldigem Warten, Schlange-Stehen oder über (Tausch-) Beziehungen.
Selbst wenn man die Zeitung der Sozialistischen Einheitspartei, das
„Neue Deutschland“, abonnieren wollte, hieß es: Antrag stellen und
dann Jahre warten. Noch viel begehrter und eigentlich überhaupt nicht zu
kriegen waren das „Magazin“ oder der „Eulenspiegel“. Wer
Briefmarken sammeln wollte, benötigte einen Sammlerausweis, und auch den
gab´s natürlich nur auf Antrag. Telefonanschlüsse, Fahrschulkurse,
Schreibmaschinen, begehrte Bücher - alles wurde geplant und bürokratisch
zugeteilt.
In den 50er Jahren gab es
noch rationierte Lebensmittel „auf Marken“. Jeder Haushalt bekam
postkartengroße Kärtchen. Auf diesen waren kleine Felder aufgedruckt, die zum
Bezug von z.B. 150 Gramm Brot oder 25 Gramm Butter berechtigten. Beim Einkauf
wurden die entsprechenden Abschnitte abgetrennt und einbehalten. In unserem
Dorf-KONSUM gab es noch in den 60er Jahren Butter, und bis zum Ende der
DDR-Zeiten Nüsse oder Apfelsinen nur auf Bescheinigung oder nach Strichliste.
Und dennoch: Mit Geduld, mancherlei Listen und Tricks ging es doch immer irgendwie,
und man hatte am Ende, was man wollte. Auf jeden Fall waren so ganze
Völkerschaften ständig auf Versorgungstour, was auch Vollbeschäftigung
garantierte. Und oft hatte man dann mehr Vorräte gehamstert, als man eigentlich
brauchte.
Sparen war eine staatlich
verordnete Tugend. In der Schule wurden wir zum Sparen erzogen. Es gab Hefte
von der Sparkasse, in die wir regelmäßig Marken klebten, z.B. 50 Pfennig im
Monat fürs „Schulsparen“.
Jedes Jahr im Mai war für
zwei Wochen Ausnahmezustand. Im Radio klang eine Fanfare, die viele Menschen
elektrisierte. „Friedensfahrt!“ Es handelte sich um die
„Radfernfahrt für den Frieden“, eine Rundfahrt, die durch Polen,
Tschechien und die DDR führte. Stundenlang ließ ich Tag für Tag das Radio nicht
aus dem Blick und verfolgte jeden der Streckenberichte, dramatisch geschildert
von Heinz-Florian Oertel & Co. Wir fieberten mit unseren Helden, mit
„Täve“ (der Mann hieß richtig: Gustav-Adolph Schur) und Bernhard
Eckstein. Stürze brachten Bestürzung, und Siege erfüllten uns mit unbändigem
Stolz. Es waren „unsere“, die da gewannen, da wuchs irgendwo auch
etwas Stolz auf diese DDR - wenigstens im Sport waren wir wer! Wenn die
Strecke der Friedensfahrt durch unsere Region führte, radelten wir zur
„Hohen Straße“ oder an die „Steile Wand“ von Meerane,
um unseren Helden zuzusehen und zuzujubeln. Und danach fuhren wir tagelang
selbst Radrennen auf den Dorfstraßen, und wir träumten davon, auch einmal
Friedensfahrer zu werden.
Stolz war ich auch - auf wen
eigentlich richtig? -, als 1957 der erste sowjetische SPUTNIK die Erde
umkreist hatte. Einige Jahre später bin ich extra bis tief in die Nacht hinein
wach geblieben, um am Radio (!) den Moment mit zu erleben, in dem der erste von
Menschen losgeschickte Flugkörper den Mond erreichte, „Luna“,
wieder ein sowjetisches Projektil.
Immer am Anfang des
Schuljahres überprüfte der Klassenlehrer die Eintragungen im „Klassenbuch“.
Dort standen die Namen der Schüler, und dann war einiges abzufragen. Eine
Spalte erfasste die „Klassenzugehörigkeit“ des Elternhauses, also
die soziale Zuordnung nach den Kriterien der DDR. In ihrem Selbstverständnis
war die DDR ja ein Staat der Arbeiter und Bauern – diese
„Klassen“ galt es besonders zu fördern. „Arbeiter“ war
klar definiert, aber schon mit der Kategorie der „Bauern“ gab es
zunehmend Schwierigkeiten. „Richtige“ Bauern – das meinte
solche mit der verordneten sozialistischen Gesinnung - waren Ende der 50er
Jahre nur die, welche den Schritt in die Genossenschaften gegangen waren, alle
rückständigen und unbelehrbaren Eltern, die noch meinten, als Kleinkapitalisten
allein wirtschaften zu können, waren zunehmend verdächtig. Es gab also im
Klassenbuch „Bauern“ und „Bauern(G)“. Es gab auch die
Kategorie der „Handwerker“ (ebenfalls ein verdächtiger Stand). Und
es gab die Möglichkeit, ein „I“ für „Intelligenz“
einzutragen – zu dieser Klasse gehörten Studierte wie Ärzte, Techniker,
Lehrer usw. Mein Vater war Pfarrer. Was sollte der – systemtreue - Lehrer
eintragen? Konnte ein Mensch mit diesem Beruf überhaupt intelligent sein?
Mangels weiterer Kategorien wurde in der Spalte für meine Eltern dann aber
doch ein „I“ vermerkt.
Die Kinderzeit hatte für uns
noch ein klar definiertes Ende. Nach der achten Klasse kamen wir „aus
der Schule“. Ein Lebensabschnitt war vorbei. Manche Klassenkameraden
begannen sofort mit einer Berufsausbildung, die anderen setzten ihre Schulzeit
in der „Mittelschule“ (bis zur 10. Klasse) oder in der „Oberschule“
(bis zum Abitur) fort.
Ende der Kinderzeit. Im
Sommer ´61 geriet vieles in Bewegung, auch in der größeren Welt um mich herum.
Im August baute die DDR-Führung in Berlin eine Mauer. Mein bester Freund, der
mit mir in die neue Schule gehen sollte, war in diesen Tagen zu Besuch im
Westen – würde er überhaupt wieder kommen? Unbekanntes wartete, Neugier
und Angst gingen mit durch den letzten Kindersommer. Das Leben blieb spannend.
3. Flugversuche – Oberschule und Studium
(1961 bis 1970)
Nach dem Abschluss der
Grundschule besuchte ich vier Jahre lang – bis zum Abitur – die
Erweiterte Oberschule in der Nachbarstadt. 1965 ging ich zum Chemiestudium
nach Dresden.
Ein Tag in jeder Schulwoche
bis zum Abitur war weiterhin für „UTP“ reserviert. Diesen Unterrichtstag
in der Produktion verbrachten wir nun in einem großen metallverarbeitenden
Betrieb (Dampfkesselbau), und wir feilten, schraubten, bohrten und drehten
– so richtig professionell auch an der Drehbank. In drei Jahren
absolvierten wir so eine recht solide handwerkliche Ausbildung. Und wer das
wollte, konnte dann nach dem Abitur auch noch in einem vierwöchigen
Ferien-Lehrgang einen ordentlichen Facharbeiterbrief erwerben.
Mein Weg zur
Allgemeinbildung führte vier Jahre immer die gleiche Straße entlang. Die Schule
war fünf Kilometer entfernt. Von Bus, etwa gar einem Schulbus, war damals keine
Rede. So schenkten mir die Großeltern ein gebrauchtes Fahrrad - ein 28er
DIAMANT-Sportrad mit Dreigangschaltung -, und mit dem stürmte ich an jedem
Morgen - meist etwas zu spät - los, unterwegs schloss sich mir mein Banknachbar
Rainer an, und wir hoppelten über die löchrigen Straßen auf dem Lande und die
kopfsteingepflasterten in der Stadt. Ein paarmal war Glatteis, und die Radfahrversuche
endeten als Rutschpartie im Straßengraben. An solchen Tagen kamen wir Landkinder
dann eben zu Fuß - ´ne Stunde später - und zogen auf einem Schlitten die
Schultasche hinter uns her.
Sehnsucht aller jugendlichen
„Männer“ war ein motorisierter Untersatz. Erst hatte es Fahrräder
mit Seitenmotor gegeben, die wegen Ihrer Knattereien
„Hühnerschreck“ hießen; aber das war wohl mehr was für die älteren
Herrschaften. Unserer Begier stand schon eine neue Zweirad-Generation zur
Verfügung. Diese Mopeds waren noch im Wortsinne ein Motorrad mit Pedale,
aber wenn man sie „antreten“ oder gar tatsächlich einmal als
Fahrrad in Betrieb nehmen musste, waren sie auch für einen kräftigen Jugendlichen
verdammt schwer durch Treten zu bewegen. Sie hießen SR1 und SR2 (Simson-Roller)und
später kamen KR50 (Kleinroller), „Schwalbe“ und
„Star“ und „Sperber“ und andere „Vögel“
dazu - das waren dann schon Mokicks, also mit Kickstarter zu starten.
Schon bevor die offizielle Fahrerlaubnisgrenze von 15
Jahren erreicht war, machten alle Jungs heimliche Fahrten – mit den zu
Hause still aus dem Schuppen entführten elterlichen Gefährten ging es über
Feldwege und Felder. Aber manchmal gerieten wir im Fahrtrausch auch auf öffentliche
Straßen. Und da konnte es passieren, dass uns der „Dorf-Sheriff“ erwischte;
amtlich war er der ABV (der Abschnittsbevollmächtigte der Deutschen
Volkspolizei). Die Staatsgewalt stoppte das fröhliche Treiben, der Sachverhalt
wurde grimmig protokolliert, das Moped als corpus delicti mit einem
behördlichen Schloss versehen und so aus dem Verkehr gezogen. Aber dann gab es
doch immer einen versöhnlichen Ausgang: Die Eltern erhielten einen amtlichen
Bescheid, hörten sich den Hergang der Untat an, wurden als
Erziehungsberechtigte verwarnt, das Moped durfte wieder in seinen Stall. Dort
blieb es bis zur nächsten illegalen Tour.
Fernsehen war eine
faszinierende Sache. In unserer Familie gab es - aus Kosten- und wohl auch aus
erzieherischen Gründen - kein solches Gerät. Aber in vielen Bauernhöfen hatten
die „Flimmerkisten“ längst Einzug gehalten, und so schlichen wir
abends aus dem elterlichen Haus, ließen uns in die - tagsüber zu diesem Zwecke
verdunkelten - Wohnstuben der Klassenkameraden einladen und guckten stundenlang
fasziniert in die Röhre, egal, was deren schwarz-weißes Geflimmer auf einem
Schirm mit 20 Zentimetern Diagonale zu bieten hatte. Bei der reuigen Rückkehr
nach Hause hieß die Strafe: „Ohne essen ins Bett!“ Aber das war´s
mir wert.
Später erbten wir einen
Fernseher von den Großeltern.
Ein besonderer Nervenkitzel
war „Westfernsehen“, der verbotene Blick hinaus aus der
kleinkarierten DDR-Welt, über die Mauer, in eine fremde Wirklichkeit mit
Glamour und Wirtschaftswunder und Werbung. Der Zugang zum Paradies war nicht
leicht, schon rein technisch betrachtet. Die Antenne baute sich jeder selbst.
Bei uns zu Hause war es eine Holz-Leiste, die mit Kupferlitze (geflochtener
Draht) bespannt war. Sie stand hinter dem Fernseher in der Wohnzimmer-Ecke und
wurde bei Bedarf zur Verbesserung des ständig schwankenden Empfangs
(„Überreichweiten“) in die optimale Stellung gebracht. Für das
„Zweite Programm“, das später dazu kam, wurde es schon etwas
schwieriger. Man brauchte für dem Empfang einen Konverter, ein Kästchen, das
die gute Tante aus dem Westen „einschmuggeln“ musste, und dann
doch eine etwas leistungsfähigere Antenne, die von kreativen Bastlern
angefertigt wurde und die so hoch oben wie nur möglich installiert werden
musste, also - als versteckte Variante - auf dem Boden unter dem Dach oder
auch offen sichtbar draußen auf dem First, ausgerichtet in Richtung bayerischer
„Ochsenkopf“.
Im Herbst ´61, kurz nach dem
Bau der Berliner Mauer, betrat ich zum ersten Mal meine neue Schule, die
„Goethe-Oberschule“. Fremde Gesichter, vielerlei neue Eindrücke
– und gleich erlebte ich dort auch noch „Klassenkampf“
live. Eine Kampagne gegen das Sehen und Hören von „Westsendern“
lief an. Agitationsgruppen sägten „Westantennen“ von den Dächern
anderer Leute! In der Schule wurde eine Unterschriftensammlung gestartet, in
der sich alle Schüler „freiwillig“ verpflichten sollten, keine
„Westsender“ mehr anzuhören und anzusehen. Die Listen füllten sich.
Ich unterschrieb nicht. Gerade erst hatte ich bei Radio Luxemburg neue
musikalische Welten entdeckt, die mir wichtig waren, und die abendliche
„Tagesschau“ oder Werner Höfers sonntäglichen „Frühschoppen“
wollte ich auch nicht lassen. Am nächsten Tag hing am Schwarzen Brett ein
großer Zettel, auf dem drei oder vier Namen von Schülern, darunter meiner,
bekannt gemacht wurden, weil sie Handlanger des Klassenfeindes seien und
eigentlich an dieser sozialistischen Bildungseinrichtung nichts zu suchen
hätten. Verunsicherung, Bockigkeit, Angst, elterliche Gespräche. Ein paar Tage
später habe ich auch auf der Liste unterschrieben. Opportunismus, Anpassung,
Unterwerfung? Getröstet hat mich immerhin die Bemerkung eines drei Jahre
älteren Schülers, der mir vor dem Schwarzen Brett die Hand auf die Schulter
legte und meinte, so viel Mut wie ich habe er nicht gehabt. Mut? Ein ganz
kleines bisschen Stolz blieb so auch in der Niederlage. Ich hatte, wenn auch
nur für einige Tage, eine eigene Meinung gehabt und vertreten, war nicht
gleich mit geschwommen im allgemeinen Strom der Gleichgültigkeit.
Die Kampagne verlief sich
bald, und Westfernsehen wurde weiterhin in fast jedem Haushalt geguckt.
Mein Vater fuhr, als ich
noch zur Schule ging, jedes Jahr im Winter mit mir für eine Woche ins Erzgebirge
zum Skiurlaub. Die Reise nach Johanngeorgenstadt mit der Eisenbahn war noch
in den 1960er Jahren ein richtiges Abenteuer. Schon in Zwickau stiegen in
jeden Waggon zwei Uniformierte ein. Die Ausweispapiere der Mitreisenden wurden
intensiv kontrolliert, alle wurden nach ihrem Reisegrund befragt. Der Grund:
Wir waren in einem Gebiet unterwegs, das so richtig nicht zur DDR gehörte. Hier
im Erzgebirge gewann die Sowjetunion seit 1946 Uran, das Metall, mit dem man
Atomwaffen baut und Atomkraftwerke betreiben kann. WISMUT hieß die Firma zur
Tarnung, und auch der formal souveräne Staat DDR hatte hier nichts zu sagen.
Ganze Landstriche wurden durch hektischen Raubbau verwüstet, Tausende von
Bergleuten opferten ihr Leben dem Bohrstaub und dem Umgang mit dem radioaktiven
Material. Aber darüber wurde nicht geredet. Zwar hörte und wusste man so
manches – aber darüber breitete sich kollektives Schweigen. Am Ende der
DDR-Zeiten hatte sich der Uranbergbau bis nach Ronneburg in Thüringen
ausgebreitet. Von meiner Wohnung aus waren am Horizont deutlich die
WISMUT-Halden zu sehen, höher als die Pyramiden von Ägypten – aber ich
habe sie bis zur Wende einfach nicht wahrgenommen. Unbequem, unheimlich, und
einfach ausgeblendet.
In der 11. Klasse war für
die „Herren“ Tanzstunde angesagt. Die „Damen“ waren
schon ein Jahr früher, im Alter von 16 Jahren, „dran“. Fräulein
Nikolaus betrieb eine Tanzschule. Ihr oblag es seit Jahrzehnten, der von Verlotterung
und Sittenverfall bedrohten Jugend ein paar Grundregeln betreffend äußerlicher
Erscheinung und Anstand zu vermitteln sowie die Fähigkeit, sich ohne Stolpern
und Anderen-auf-die-Füße-treten auf einem Tanzparkett bewegen zu können.
In den ersten Übungsstunden
waren wir „Herren“ unter uns. Wir lernten, gerade zu sitzen und zu
stehen, ordentlich zu gehen und zu grüßen und uns zu verbeugen. Das war
anstrengend, und die ganze Truppe versammelte sich nach dem amtlichen
Übungsteil in der „Ente“, einer benachbarten Kneipe. Dort fand die
Auswertung statt, es gab Pfefferminzlikör und andere verruchte Getränke und -
zunehmend laute - Gespräche unter Männern. Natürlich über Frauen. Über die
Damen nämlich, die für die Tanzstunde einfach notwendig und auch ersehnt
waren. Es handelte sich da ja um weibliche Wesen zum Anfassen - im Wortsinne!
In den folgenden Wochen
wurden mehr oder weniger mutig Kontakte geknüpft, es gab einige Rangeleien und
Geplänkel – und dann stand es fest, wer nun mit welcher Schönheit
„die Tanzstunde machen“ würde. Und dann standen die Damen auf der
einen Seite der Tanzfläche, schick gekleidet, damals so in der Übergangszeit
zwischen schwingendem Petticoat und Minirock, und die Herren standen auf der
anderen Seite, mit Jackett und Schlips und blankgeputzten Schuhen. Der Mann am
Klavier spielte die ersten Takte - richtig live! -, und die Herren stürzten auf
die andere Seite, alles sortierte sich paarweise, und wir versuchten, Fräulein
Nikolaus´ Vorgaben umzusetzen. Das Ganze endete mit einem „Tanzstundenball“
mit allem Drum und Dran. Die Herren mussten die Damen von zu Hause abholen,
inklusive dienernder Überreichung von Blumen und verlegener Konversation mit
den Eltern. Dann wurde Taxi gefahren. Im Saal, beobachtet von Eltern- und
Tantenaugen, galt es zunächst, schwitzend den verschlungenen Pfaden der
Polonaise zu folgen, später war Gelegenheit, beim Walzer auf fremde Füße zu
treten, oder man musste bei verordnetem Partnerwechsel mit einer Dame
klarkommen, die einen Kopf größer und doppelt so schwer war wie man(n) selbst.
Nachdem wir unter intensiver Beobachtung der zahlreich erschienenen
Verwandtschaft bewiesen hatten, dass wir auch mit Messer und Gabel essen und
Wein ohne Kleckereien austrinken konnten, waren wir in den Ritualen des Erwachsenwerdens
eine Runde weiter gekommen. Natürlich hat´s in der Tanzstunde gekribbelt. Und
das war nicht nur der Sekt zum Ball! Da wurde es manchmal spät. Aber da es ohnehin
mit dem Fahrrad zurück aufs Land ging - im Anzug! -, war das nicht so schlimm.
Zu Hause bin ich zu nächtlicher Stunde öfter über Dachrinne und Balkon in den
ersten Stock hochgeturnt, um die Eltern nicht zu schrecken.
Meine Tanzstundendame erwies
sich als äußerst „nahrhafte“ Verbindung, sie stammte aus einer
Bäckerei, und so spazierte ich allsonnabendlich mittags nach Schulschluss mit
einem ganzen Schwarm von hungrigen Klassenkameraden im Gefolge dorthin zum
fröhlichen Futtern von Kuchenrändern.
Manchmal kam Bewegung in die
verkrustete DDR. In den 60er Jahren erschienen Schallplatten von den Beatles;
die Entdeckung, die das für die DDR möglich machte: Sie waren
„Arbeiterjungen“! Oder ich konnte – über Beziehungen –
eine Scheibe von Bob Dylan erwerben; und die gab es z.B. auf einem Label, das
offiziell gar nicht existierte: „PHONOCLUB“; wie man da Mitglied
werden konnte, habe ich nie herausfinden können. Ich gründete selbst eine
Beat-Band, wir sangen natürlich - und erstaunlicherweise ohne verboten zu
werden - englisch-sprachige Titel. Gemeinsam mit einem Freund schrieb ich
damals ein Lied für den „Schlagerwettbewerb“ der DDR, das überraschend
in den Endausscheid gelangte. Daraufhin wurden wir von Kulturfunktionären
ermutigt, weiterhin eigene Werke zu schreiben. Ein Lektorat entschied dann
darüber, ob ein eingereichter Titel den Ansprüchen der sozialistischen
Kulturpolitik genügte. Was den textlichen Inhalt solcher Stücke anlangte, war
manchmal fast alles möglich und manchmal schwang eine ängstliche Kulturpolitik
den großen Hammer der Verbote.
Nach und nach wuchsen meine
Haare bis auf die Schultern hinunter, in der Studienzeit kam ein Bart dazu. Das
war auch ein Stück Protest, Anderssein – und es wurde immerhin toleriert.
In meiner Kinderzeit rannte
ich ständig mit anderen Kindern durch Wald und Flur, und dabei habe ich nie was
von Sehstörungen bemerkt. Nur im Schulzimmer rutschte ich im Laufe der Jahre
von der letzten Bankreihe immer weiter nach vorn, weil´s da irgendwie besser
ging mit dem Erkennen.
Eines Tages saß ich im
Arbeitszimmer meines Vaters und spielte mit seiner Brille. Als ich die mir
auch mal selbst auf die Nase setzte, hatte das einen unerwarteten Effekt. Ich
entdeckte, dass die Wand-Tapete ein Muster hatte – das war mir bis dahin
entgangen. Ich war da schon relativ stark kurzsichtig.
Bald
hatte ich eine Brille. In der Schule war so was ja ganz nützlich, aber im
wirklichen Leben? Da war Brille doch einfach peinlich, zumal einige Mädchen,
auf deren Akzeptanz ich doch zunehmend Wert legte, das böse Lied sangen:
„Einer mit ´ner Brille ist mein letzter Wille“. So trat ich draußen
weiter ohne Brille in Erscheinung. Das war manchmal nicht ganz einfach. Ohne
Brille hatte die ganze Welt etwas verschwommene Konturen. In der Tanzstunde
hieß das zum Beispiel: Merke dir die Farbe des Kleides der Auserwählten, deren
Gesicht du auf der Gegenseite des Saales sowieso nicht erkennen kannst.
Dass das Tragen einer Brille vorteilhaft sein kann, davon
überzeugte mich endgültig Jahre später ein Vorfall im Ostseeurlaub. Tagelang
hatte ein kräftiger Wind aus Süden vom Land her geweht, das hatte eine Art Ebbe
zur Folge, das Meer war zurückgewichen, und man konnte auf einem 50 Meter
breiten Sandstreifen herumspazieren. Ich hatte diesmal meine Brille auf der
Nase – und prompt fand ich im feuchten Sand ein massives Silberarmband
mit gefassten Bernsteinen.
Die Sommerferien waren in
der DDR immer 8 Wochen lang, dauerten von Anfang Juli bis Ende August. Da wurde
manchmal die Zeit lang, und außerdem war eigenes Geld sowieso immer knapp. So
entschlossen sich viele, ein paar Wochen arbeiten zu gehen.
Mich trieb´s drei Sommer
lang zur Autobahn. In Meerane gab es eine Autobahnmeisterei, die die Aufgabe
hatte, einen Streckenabschnitt von etwa 60 Kilometern Länge in Ordnung zu
halten: Winterdienst, Hecken pflegen, Fahrbahn instand halten, Müll beräumen
usw.
Drei Wochen lang erlebte ich
nun alle Höhen und Tiefen des Bauarbeiter-Daseins mit. In dieser Zeit wohnte
ich bei der Familie eines Klassenkameraden in der
„Autobahnsiedlung“. Der Arbeitstag begann im Sommer irgendwann
zwischen vier und fünf Uhr in der Frühe. Kurze Beratung zur Einteilung der
Arbeit, dann wurden LKW beladen und kleinere Arbeitsgruppen fuhren an ihre Einsatzorte.
Unsere Haupttätigkeit hieß: „Platten heben“.
Die Autobahn – so lernte ich - war in den dreißiger Jahren ziemlich
hektisch gebaut worden. Die Bauaufträge gingen an örtlich ansässige Baufirmen,
die jeweils ein paar hundert Meter Strecke zugeteilt bekamen, den Untergrund
vorbereiteten und darauf später die Betonplatten für die Fahrbahn gossen.
Aber obwohl es natürlich genaue Vorschriften für einzusetzende Materialien und
Technologien gab, hatte eben doch jeder ein bisschen anders gebaut, den sandgeschütteten
Untergrund mehr oder weniger gut verdichtet, mal war die eine und mal eine
andere Zementqualität eingesetzt worden usw. Nach Jahrzehnten zeigten sich nun
massive Schäden. Der Untergrund arbeitete, Wassereinbrüche und Frost und Hitze
ließen die Platten abrutschen oder drückten sie hoch, wobei sie manchmal
verkanteten; dadurch konnten an den Fugen Höhenunterschiede von einigen
Zentimetern entstehen!. Unsere Aufgabe war es nun, die Platten wieder
auszurichten, damit die Autofahrer ohne Hoppeleffekte auf der Autobahn fahren
konnten. Um das hinzukriegen, wurden morgens auf das Auto 50 Säcke Zement
verladen, ein Kubikmeter Sand, ein paar riesige Bohrhämmer, ein Betonmischer;
hinten an den LKW wurde ein fahrbarer Kompressor mit Dieselmotor angehängt.
Dann fuhren wir zur Baustelle. Einer wurde weitergeschickt zum Bierholen, die
anderen sperrten den Baubereich ab. Ich glaube, so richtig exakt gemessen
wurde nun gar nicht, die Bewertung der Plattenstände erfolgte mehr nach geschultem
Augenmaß des „Poliers“. An den Ecken der in ihrer Lage veränderten
Platten wurden die Bohrmaschinen angesetzt und vier bis fünf Zentimeter dicke
Löcher durchgebohrt – das war bei 15 Zentimetern Stahlbeton eine
Hundearbeit! Inzwischen lief die Mischmaschine und rührte Beton an. Auf das
Bohrloch wurde eine Art Trichter aufgesetzt, durch das der Betonbrei mit
Druckluft unter die Platte gepresst wurde. Dabei spielten Erfahrung und Gespür
eine große Rolle. Keiner wusste ja, wie es unter der Platte aussah, ob da viel
Hohlräume zu füllen waren - da strömte manchmal eine Beton-Ladung nach der
anderen ohne erkennbare Wirkung in den Untergrund - oder ob die Platte auf
festem Untergrund auflag. In diesem Fall konnte schon eine kleine „Unterfüllung“
dazu führen, dass die Platte nach oben sprang, verkantete, und dann musste der
ganze Rest der Platte diesem neuen Niveau angeglichen werden.
Noch eine Absonderlichkeit
von „Planwirtschaft“ habe ich mir gemerkt. Frühmorgens wurden einige
Dutzend Zementsäcke verladen, die waren damit verplant, abgerechnet, abgebucht.
Wenn dann tagsüber einmal weniger Zement nötig war als im Durchschnitt, wurden
die übrig gebliebenen Säcke vor der Rückfahrt abgeladen, aufgeschlitzt und den
Hang runter gekippt. Dabei war Zement ja eigentlich auch Mangelware ...
Am Sonnabend - der war
damals noch bis mittags wirklich ein „Werktag“ - wurden alle
Mitarbeiter, ob Meister oder Hilfsarbeiter, in Zweiergruppen entlang der
Autobahn abgesetzt, und sie sammelten Kilometer um Kilometer von Hand den
Müll auf, den die Autofahrer im Laufe der Woche aus dem Fenster geworfen
hatten. Gegen Mittag wurden alle von einem Fahrzeug wieder aufgesammelt.
Manchmal lautete die Aufgabe
für uns schülerische Hilfskräfte auch: „Hecken schneiden“. Rechts
und links der Autobahn wuchsen Hecken, die manchmal Hunderte Meter lang waren.
Sie mussten geschnitten werden, von Hand mit der großen Heckenschere. Dann
waren wir stundenlang auf uns allein gestellt, und in den nächsten Tagen
hatten wir mächtige Blasen an den ungeübten Händen.
Zu unseren Aufgaben gehörte
es auch, das auf dem Mittelstreifen der Autobahn geschnittene Heu zu bergen
– auch das erfolgte bei laufendem Fahrbetrieb!
Um Haaresbreite
Unser Bautrupp arbeitete auf
der Autobahn. Die war mit rot-weißen Gummihüten halbseitig gesperrt, außerdem
galt im Baustellenbereich „60“ als Geschwindigkeitsbeschränkung. Plötzlich
schrillten Signaltöne. Ein Polizeifahrzeug näherte sich mit Blaulicht und raste
mit „100“ an mir vorbei durch die freie Gasse. Ich blickte noch
erschrocken hinterher, als die Kollegen vor mir heftig zu winken begannen. Was
hatten Sie? Ich winkte unlustig zurück. Aber in diesem Moment verspürte ich
einen leichten Luftzug. Ein riesiger dunkler Schatten rauschte an mir vorbei.
Das Polizeifahrzeug sollte eigentlich einen Schwertransport geleiten.
Irgendetwas aber hatte die Besatzung des Begleitfahrzeugs bewogen, Tempo zu
machen, und der Transporter hatte daraufhin ebenfalls Gas gegeben – und
nun donnerte er mit „90“ durch die Baustelle. Das Fahrzeug
transportierte einen riesigen Ring aus Stahl, der bestimmt einen Meter weit
über die Absperrung in unsere Arbeitsstelle hineinragte. Wenn ich wenige
Zentimeter weiter draußen gestanden hätte ... Die Kollegen, harte
Bauarbeiter-Typen, hatten hilflos zugesehen und waren nun ziemlich blass. Ich
hatte weiche Knie, kriegte ein Bier und hatte erst einmal arbeitsfrei.
Es gab einen neuen
Geheimtipp: „Party“. Keine Ahnung, was und wie, aber auch wir
wollten „in“ sein, also wurde geplant und verabredet. Meine Eltern
waren einverstanden und finanzierten die Versorgung mit Speisen und Getränken.
Mein Schwesterlein besaß einen Plattenspieler, den ersten weit und breit. Mir
hatte die gute Westtante gerade zwei West-Schallplatten mitgebracht, ein Freund
brachte noch eine weitere der schwarzen Scheiben mit. Und dann war im
Wohnzimmer Party angesagt. 10 schüchterne junge Leute, nach einer Stunde gab´s
die ersten musikalischen Wiederholungen. Irgendwie hatte ich mir das
aufregender vorgestellt.
Aber nun ging´s reihum weiter: Fast jeder aus der Tanzstundentruppe war mal
dran mit „Party“, und so war fröhliches Jugendleben garantiert.
In der Tanzschule hatten wir
Foxtrott und Quickstep und Rumba und Walzer gelernt. Aber in der Wirklichkeit
der Tanzsäle, die wir danach besuchten, waren ganz andere Künste und Ausdrucksformen
gefragt. Der „Rock ´n´ Roll“ war Mitte der 1960er Jahre schon was
Nostalgisches für uns. Es gab in unserer Stadt den „Rock ´n´ Roll –
King“, eine legendäre Figur, der „es“ mit
„Überwurf“ und „Durchziehen“ konnte. Aber solches
Treiben war politisch verdächtig und deshalb verboten. Und so hatte der King
ständig Ärger. Wegen solch „westlich-dekadenten“ Benehmens gab es
immer wieder Schwierigkeiten mit der Staatsmacht – die Folge waren z.B.
„Saalverbot“ oder Geldstrafen. Wir jüngeren gingen sehr
bürgerlich-sittsam zum Tanz, mit Sakko und Schlips und Mantel - mein bester
Freund trug sogar einen Hut (mit 17 Jahren!). Öffentliche Tanz-Veranstaltungen
begannen abends um sieben und waren punkt Mitternacht zu Ende, 15- und 16-jährige
mussten schon um zehn raus. Zu Hause übten wir - vor dem Spiegel und mit
Seitenstechen als Nebenwirkung - neue Anstößigkeiten, „Twist“ zum
Beispiel, und wenig später fassten sich Männlein und Weiblein nicht mehr an,
sondern jeder verrenkte sich nach bestem Vermögen solo auf dem Parkett.
Irgend jemand von uns hatte
im Fernsehen gesehen, wie coole Typen Ziegelsteine und ähnliche Gegenstände mit
eiserner Hand zertrümmerten. Fortan gab es Karate-Übungen in den Schulpausen.
Zwei aus unserer Klasse hatten damals in der Schule die Verantwortung für das
„Kartenzimmer“, in dem Landkarten und Bildtafeln für den
Unterricht gelagert wurden. Solche Karten hatten oben und unten je eine runde
Holzstange. Und nun entdeckten wir: Da gab es doch eine Menge alte zerflederte
Karten, die niemand mehr brauchte! Also wurden die Holzstäbe herbeigeholt, zwischen
zwei Schulbänke gelegt, und mutige Männer versuchten, sie mit der Handkante zu
zerschlagen, was manchmal gelang, nebenbei aber auch zu
schmerzhaft-geschwollenen Händen führte.
Die Musik, die uns vom
Hocker riss, konnten wir viel zu selten hören. Tonbandgeräte waren unerreichbar
teuer, Platten gab es nur im Westen. Da blieb nur die Möglichkeit, stundenlang
am Radio zu sitzen und zu kurbeln und zu warten, ob im Knarren und
Auf-und-ab-Schwellen des Empfangs (Mittelwelle!) irgendwann drei Minuten Glück
zu erhaschen waren.
Ein älterer Mitschüler konnte Gitarre spielen, und das hatte mich sehr beeindruckt.
Also kaufte ich mir auch – für 70 Mark Ost – eine einfache
Holzgitarre. Damit es mehr „schepperte“, zog ich Stahlsaiten auf,
und weil ich gesehen hatte, dass Gitarristen etwas in der Hand hatten beim Anschlagen,
malträtierte ich die Gitarre mit einem Fünf-Pfennig-Stück zwischen Daumen und
Zeigefinger. Ich hatte ein dünnes Heft erstanden, in dem einige Griffe auf der
Gitarre vorgestellt waren. Und dann ging´s zur Sache: autodidaktischer
Schnellunterricht live! Das lief so: Im Radio wurde ein Lied angesagt, das ich
gern mitspielen können wollte. Während der ersten Strophe war Zeit, die Gitarre
auf die richtige Tonlage zu bringen, in der zweiten Strophe konnte ich
versuchen, intuitiv aus meinem begrenzten Repertoire an Griffen die zu diesem
Stück passenden auszuwählen, und die Begleitung bei der dritten und letzten
Strophe ging dann meist schon ganz leidlich. Das war eine harte Schule für
Gehör und Spiel-Technik, aber das gute Gefühl („ich kanns“!) wog
mehr als die Schmerzen und Schwielen an den Fingerkuppen. Das heftige
Draufhauen - die Musik sollte ja laut sein - bekam den zarten Saiten nicht
immer, mancher Draht riss, und weil ich mir monatelang keine neue E-Saite
kaufen konnte, habe ich eben meinen Grundkurs auf einer fünf-saitigen Gitarre
gemacht. Zusätzlich galt es, die englisch gesungenen Texte abzuhören,
aufzuschreiben und zu übersetzen – das war nebenbei eine erfolgreiche
Methode, um Englisch zu lernen.
1963/64 hatte auch uns das
Beatles-Fieber voll erreicht. Und mangels Schallplatten entdeckten wir: Man
konnte doch auch selbst singen! Und es geschah so. In der 12. Klasse brachte
ich am Sonnabend – das war regulärer, wenn auch verkürzter Schultag -
auf dem Fahrrad meine Gitarre mit in die Schule, und dann standen wir in jeder
Pause in der Zimmerecke und schrieen uns die Stimme aus dem Hals bei
„Twist and Shout“. Manchmal zogen wir uns auch für solche
Gesangsübungen in den Heizungskeller der Schule zurück.
Eines Tages wurde ein
Umlaufzettel unter den Bänken in der Klasse herumgereicht: „Wer gründet
mit mir einen Schlager-Club?“ Ein netter Mitschüler hatte den Text ganz
sparsam verändert, und als der Lehrer den Zettel in die Hand bekam, las er
genüsslich vor, wer sich inzwischen als Mitglied im Schläger-Club
eingetragen hatte.
Es gab einen legendären
Rundfunkmoderator in der DDR, der immer im Lande unterwegs war auf der Suche
nach „Jungen Talenten“. Irgendwann verirrte er sich auch in unsere
Kleinstadt. Jeder, der was Unterhaltsames bieten konnte, war aufgefordert, sich
zu melden. Ich hatte meine Holzgitarre, kannte ein paar Lieder, fasste Mut und
meldete mich an. Zur Generalprobe stand ich allein mit meiner Klampfe vor einem
Mikro und sang in den leeren großen Saal hinein. Der Text meines Beitrags war
englisch: „The House of the Rising Sun“ – ich hatte den Text
mühsam im Radio abgehört. Irgendwie passte mein Stück künstlerisch oder ideologisch
aber dann doch nicht ins Programm und so konnte ich die Abendveranstaltung
nur als Zuschauer aus den Falten des Vorhangs beobachten. Aber das Unternehmen
hatte doch Folgen für mein weiteres „Musiker-Leben“. Auf der Bühne
stand eine Band namens „Meridas“, und mit deren musikalischem
Leiter hatte ich bei den Proben mancherlei musikalische Gemeinsamkeiten
feststellen können. Merida ist übrigens ein Städtchen in Mittelamerika, von dem
wir nichts wussten und wo auch nie einer gewesen war. Aber es war
„draußen“ und „drüben“ und war damit etwas Exotisches,
eignete sich als Symbol für Verlockendes und Verbotenes. Und so hieß also die
Band, die an unserer Schule gegründet worden war, MERIDAS. Die Band spielte
– sittsam in Pepita-Jacken gekleidet – die Musik, die wir alle hören
wollten, schnell und laut und rockig und englisch und westlich.
Ich hatte damals mit einigen Freunden eine eigene Band gegründet, die „Pacemakers“.
Wir knieten uns zu fünft in die Proben und hatten, in der Zeitung als
offizielle Band des „Jugendklubhauses“ angepriesen, sogar einen
Auftritt. Es blieb unser einziger. Der selbstgebaute Verstärker - es war einer
für die ganze Gruppe! -, brannte beim Auftritt spektakulär ab.
Wenige Wochen später stieg
ich bei den „Meridas“ ein. Etwas überraschend für mich kam die
Mitteilung, dass ich fortan Bassgitarre spielen sollte. Ich hatte solch ein
Gerät noch nie in der Hand gehabt, aber das Instrument war schon gekauft
– wodurch ich gleich mit 500 Mark Schulden startete. Immer freitags war
Probe, am Wochenende dann und zur Faschingszeit und in ähnlichen Festzeiten
auch noch öfter gab es einen oder auch zwei Auftritte („Muggen“)
von jeweils fünf Stunden Dauer - und dafür 25 Mark auf die Hand. Die
Veranstaltungsorte lagen im Umkreis von 30, 40 Kilometern. Ich
„reiste“ immer - zusammen mit der Technik und den Instrumenten -
hinten auf der Ladefläche eines kleinen, offenen LKW unter der flatternden Plane.
Bei unseren Auftritten war noch alles „echt“, es gab keine Tricks,
etwa ein „Hallgerät“ für mich als Sänger bei schwächelnder Stimme.
Wir spielten zum Teil einen erdverbundenen Rock, getragen von zwei röhrenden
Saxophonen, machten auch hin und wieder ein Zugeständnis mit Schnulzigem zur
„Damenwahl“, aber Profil erlangten wir schnell, indem wir
„unsere“ Musik spielten, Titel von den BEATLES. Wir hatten sogar
einen richtigen Fanclub, der zu jeder Veranstaltung anreiste - am Stammtisch mit
Wimpel.
Die Band bekam einigen Ärger mit mir als ihrem Sänger und Gitarristen. Ich
hatte nämlich keine ordentliche Musikschulausbildung mit Abschluss zu bieten,
was für eine „Spielerlaubnis“ - die behördlich notwendige Zulassung
zum Auftritt auf öffentlichen sozialistischen Bühnen - und für die
„Einstufung“ (wichtig für die Stunden-Vergütung) eigentlich
unerlässlich war. Aber extra wegen mir wurde das Reglement geändert, eine
„Gruppeneinstufung“ durchgeführt (Live-Auftritt und Bewertung nach
Gehör), und wir durften loslegen. Ein reichliches Jahr meines Lebens habe ich
jedes Wochenende auf der Bühne gestanden, während der Woche meine Stimme
kuriert und die Texte neuer Lieder abgehört. Bald war ich Besitzer von drei
Gitarren. Zu Hause hing eine Holztafel an der Wand, auf der ein Gewirr von
Drähten angepinnt war – Dutzende von Gitarrensaiten, die meine heftigen
Attacken beim Anschlagen nicht „überlebt“ hatten und gerissen
waren. Es war eine intensive Zeit, aber da ich „nebenbei“ auch
studierte, war irgendwann zu entscheiden, was nun Vorrang haben sollte, und da
fiel die Entscheidung: Der Hauptberuf sollte Chemiker sein.
Schon in der Band
„Meridas“ hatten wir - Gerhard Zachar, der spätere Leiter der
DDR-weit bekannten Gruppe LIFT, und ich - hin und wieder mit eigenen
Kompositionen experimentiert. Und wir probierten dabei manchmal auch
selbstgemachte, deutsche Lied-Texte aus. Die Verwendung deutscher Worte wäre
wohl im „Westen“ in den 60er Jahren in der Beat-Szene undenkbar
gewesen. Nun gab es damals in der DDR offiziell (noch) keine Beat- oder
Rockmusik. Aber es gab den „Schlagerwettbewerb“. Wir wollten versuchen,
dort mit unseren Ideen unterzukommen und reichten im Jahr 1967 zwei Titel ein,
unter den Codenamen „Gurkenwurm“ und
„Rhabarberschnecke“. Es geschah Erfreuliches: Einer der Titel kam
auf Anhieb in den Endausscheid – das „Herbstlied“. Wir hatten
nur Text und Klavierbegleitung geliefert. Ich hatte mich bei diesem Stück zum
ersten Mal als „Texter“ versucht, und von Stund an trug ich das Etikett,
ein „Textdichter“ zu sein. Nun hatten wir keinen Einfluss darauf,
wie „unser“ Stück arrangiert wurde und wer es singen würde –
das Ergebnis war dann eine doch ziemlich schlagermäßige Inszenierung. Aber es
war unser Einstieg in eine neue Welt, die uns neue Möglichkeiten eröffnete. Ich
zog meinen schwarzen Konfirmationsanzug an, reiste nach Magdeburg ins
Interhotel. Wir wurden in die riesige Veranstaltungs-Halle kutschiert,
schwitzten uns durch die Generalprobe mit Scheinwerfern und Fernsehkameras.
Und dann war es so weit: Premiere für UNSER Lied! Frank Schöbel, Chris Doerk
und andere DDR-Stars waren unsere Sitznachbarn. Später standen wir schüchtern
beim Empfang am kalten Büffet. Und die ganze Zeit über hielten wir eine
Schallplatte in der Hand, auf der unser Lied drauf war, unsere Namen standen!
... Leute vom Rundfunk sprachen uns an, ob wir nicht weitere Stücke hätten, die
wir mal vorstellen könnten. Wir hatten Glück, dass die DDR-Kulturpolitik gerade
auf der Suche nach neuen Ansätzen, nach neuen Leuten war. Wir nutzten die
Chance, schrieben neue Texte und Melodien, und bald erschien öfter etwas von
uns auf Schallplatten oder wurde im Rundfunk produziert. Letzteres war damals
noch die Regel, Plattenproduktionen die Ausnahme. Am Anfang liefen unsere Titel
noch in der Rubrik „gehobener Schlager“ und wir hatten auch keinen
Einfluss auf die Auswahl der Interpreten, aber Anfang der 1970er Jahre gab es
eine Öffnung hin zu DDR-eigener Beatmusik, und da wurde es auch möglich, die
eigenen Titel mit der eigenen Band zu produzieren und rockiger zu machen. Ich
stand da aber längst nicht mehr mit auf der Bühne, sondern schrieb nur noch
Texte, für LIFT und KARAT und HORST KRÜGER und THEO SCHUMANN ...
Wir hatten im Sommer 1965
unser Abi in der Tasche, und nun wartete die große weite Welt auf uns. Erst
einmal sollte es an die Ostsee gehen, als gemischte Gruppe von Männlein und
Weiblein, mit Zelten, FKK in Sichtweite, ohne Lehrer, ohne Eltern.
Die Anreise erfolgte für den größeren Teil der Truppe mit dem Zug oder per
Anhalter. Ich saß bei einem Freund als Sozius hinten auf dem Motorrad, merkte
schon nach den ersten Kilometern, dass ich die falschen Schuhe trug –
Sandalen! - und wurde auf einer Strecke von 600 Kilometern ganz schön
durchgerüttelt.
Auf dem Zeltplatz war
Selbstverpflegung angesagt. Ich habe in den letzten Tagen vor dem Härtetest
schnell noch zu Hause bei Muttern einen Schnellkochkurs absolviert; Blumenkohl
mit Holländischer Soße und Spaghetti mit dicker Tomatensoße kann ich heute
noch richtig gut zelebrieren. Aber meist gab es dann doch fertige Tütensuppen
oder Spiegelei mit Rotwein. Die Suppentüten und geleerten Flaschen wurden aufgewahrt
und daraus eine Ausstellung gestaltet, die am Ende ziemlich beeindruckend war.
Wir spielten Volleyball und
trieben Schabernack. Ein grimmig dreinblickender Familienhäuptling hatte es
gewagt, an „unserem“ Strand eine richtige deutsche Strand-Burg zu
errichten, was höchst unüblich war. Einen ganzen Tag lang hatte er gegraben,
und ein entsprechend beeindruckendes Bauwerk ärgerte uns nun. Oben auf dem
Zeltplatz gab es nun aber – eigentlich zur Brandbekämpfung vorgesehen
– ein Gestell, in dem einige rote Spaten und Schaufeln standen. Als es
dunkelte und niemand mehr am Strand war, holten sich die bösen Buben diese
Grabwerkzeuge, schlichen zum Strand und ebneten in mühevoller Arbeit die
Trutzburg ein, so vollständig, dass zuletzt nicht einmal mehr die Stelle
auszumachen war, an der sie einst gestanden. Am nächsten Morgen lag die ganze
Schar unschuldig blickend in sicherer Entfernung und erbaute sich an der
Fassungslosigkeit des Erbauers. Er hat dann im zweiten Anlauf eine normale
Mulde ausgehoben, wie das alle taten.
Im Grenzgebiet war es streng
verboten, offenes Feuer zu machen - es hätten ja Signale an den Klassenfeind
sein können. Wir waren aber jung und Feuer war was Schönes, und in diesem
Urlaub haben wir nicht nur offene Feuer oben auf dem Zeltplatz gemacht - was im
Wald schon richtig dämlich und gefährlich war! -, sondern auch am Strand
loderten die Flammen; richtig dicke Stämme knisterten und glimmten da bis in
den frühen Morgen. Und als doch einmal Grenzsoldaten vorbeikamen, waren die
auch so jung wie wir, haben bei uns gestanden, mit uns getrunken und zur
Gitarre gesungen, und zum Abschied haben wir uns über die Glut hinweg einen
Guten Morgen gewünscht. Das klingt ein bisschen unwirklich, aber auch so
konnte die DDR-Wirklichkeit sein.
Wir waren eine Gruppe junger
Männer, die eben das Abi erfolgreich hinter sich gebracht hatten, die kräftig
waren, sportlich und nicht ganz ausgelastet. Eines Tages war stürmische See,
riesige Wellen, die zum Toben einluden. Natürlich hatten die Rettungsschwimmer
längst den roten „Sturmball“ hochgezogen, das bedeutete striktes
Badeverbot. Aber wen kümmerte das schon! Und so stürzen sich sechs Jungen in
die schweren Brecher, ließen sich überrollen, tauchten darunter durch. Ein
herrliches Gefühl war das. Aber als nach einiger Zeit jemand zufällig zum
Strand hinüberblickte, zeigte sich uns dort ein völlig unbekanntes Gelände.
Wir waren weit weit abgetrieben durch eine starke Strömung, die uns aber
weiter fest im Griff hatte und immer weiter aufs offene Meer hinauszog. Wir
wollten aufbrechen in Richtung Strand. Das wollten wir zwar, aber es erwies
sich als ziemlich schwierig. Es dauerte sehr sehr lange, bis das Wasser
endlich flach wurde und wir müde an den Strand wateten.
Ich bin insgesamt mehr als
20 Mal, und dann in der Regel für drei Wochen, zum Zelten gefahren - zunächst
als „Kind“ in elterlicher Begleitung, dann als Jugendlicher unter
Gleichaltrigen und zuletzt als Familienvater. Und immer ging es auf den
gleichen Zeltplatz, auf dem ich in der Summe fast anderthalb Jahre meines
Lebens verbracht habe.
Ort des Geschehens war der
nach dem Dörfchen Nonnevitz benannte Zeltplatz (auch der Platz für
Betriebsferienlager am „Bakenberg“ gehörte dazu) an der Nordküste
der Insel Rügen. Dort erstreckte sich ein Sandstrand über mehrere Kilometer
Länge, manchmal in flachen Dünen auslaufend, meist aber direkt mit einem
Steilufer von 5 bis 15 Metern Höhe dahinter. Unmittelbar dahinter begann der
Hochwald aus Kiefern und Buchen mit Grasboden und spärlichem Unterholz. Dort
oben standen die Zelte, je nach Bedürfnissen der Bewohner geschützt etwas
weiter hinten im Wald oder auch ganz vorn auf der Kante – dann zwar mit
exklusivem Seeblick, aber auch dem manchmal doch recht stürmischen Wind direkt
preisgegeben.
Aber der Reihe nach:
Sehnsucht nach Urlaub am Meer reichte natürlich nicht, um auch dort sein zu
dürfen. Man brauchte dafür eine Erlaubnis, genannt „Zeltschein“,
die es nur auf Antrag gab. Man besorgte sich also zunächst das entsprechende
Formular. Der Antrag wurde ausgefüllt. Den „Spielregeln“ genügend
hätte man eigentlich nur aller paar Jahre einmal auf einen bestimmten Zeltplatz
fahren dürfen. Aber es gab allerlei Tricks, das doch öfter hinzukriegen. Manche
Zeltgenossen organisierten auf „ihrem“ Stamm-Zeltplatz Malkurse
oder botanische Führungen oder räumten den Müll weg und wurden so zu
unverzichtbaren und privilegierten Dauergästen. Man musste eigentlich auf
seinem Zeltplatzantrag nicht nur den gewünschten Zeltplatz angeben, sondern
zusätzlich zwei „Ersatzplätze“ – also schrieb man zusätzlich
„Prerow“ und „Binz“ hin, diese
„Edelplätze“ waren mit Sicherheit immer ausgebucht, sodass
Nonnevitz zwangsläufig „übrig blieb“. Manche schickten auch mehrere
Anträge gleichzeitig ab, mit immer den gleichen Personen, die namentlich
genannt werden mussten, aber mit wechselnden Namen als Antragsteller, um ihre
Chancen zu erhöhen. Der Antrag musste noch vor Ende des alten Jahres bei der
zentralen Vermittlungsstelle in Stralsund sein, um für den nächsten Sommer
Erfolg zu haben. Meist wurde unser Antrag nicht einfach in einen Briefkasten
geworfen, sondern als „Einschreiben“ geschickt, um die
Aufmerksamkeit zu erhöhen. Nun begannen bange Wochen des Wartens, dann kam per
Post die Zulassung – oder die Ablehnung. Im letzteren Fall hatte man noch
immer die Chance, mit einer „Eingabe“ Widerspruch einzulegen und
auf erholungsbedürftige Kinder, berufliche Terminzwänge oder ärztliche
Empfehlungen für einen Aufenthalt an der See hinzuweisen, und dann klappte es
in der Regel doch noch.
Der zweite Punkt war nun die
Organisation der Beförderung von Menschen und Gepäck quer durch die DDR.
Privat-Autos waren Anfang der 1960er Jahre noch ein seltener und für uns unerreichbarer
Luxus. Wir reisten in den ersten Jahren mit der Eisenbahn, auf der Insel Rügen
dann die letzten 70 Kilometer idyllisch mit einer Kleinbahn, die auf der
„Wittower Fähre“ übergesetzt wurde und damals noch bis Altenkirchen
dampfte). Das Gepäck wurde ebenfalls mit der Bahn losgeschickt: riesige alte
Reisekisten aus Großmutters Zeiten, die dann im Zelt gleich als Kleidertruhen
und Küchenvorratskiste dienten. Der Rest der Reise vom Bahnhof ab erfolgte mit
einem sogenannten „Gütertaxi“, das schon von zu Hause aus bestellt
worden war - eigentlich waren Gütertaxis für gewerbliche Fahrten gedacht - und
das nun spottbillig nicht nur die Familie, sondern auch das gesamte Gepäck zum
Zeltplatz brachte. Am Ende des Urlaubs erschien das Gütertaxi wieder und alles
lief umgekehrt. In späteren Jahren gab es auch eine Gepäckstelle der Bahn
direkt auf dem Zeltplatz, weitab von jedem Schienenanschluss, oder man
schickte sein Gepäck an eine extra auf dem Zeltplatz eingerichtete
Saison-Poststelle.
Dann suchte man sich seinen
Zeltplatz zwischen den Bäumen und baute die Zelte auf. Anfänger-Fehler bei der
Standortwahl wurden nachdrücklich bestraft. Meine Eltern hatten im ersten Zelturlaub
eine lauschige Vertiefung im Wald ausgewählt, um sich vor Wind zu schützen.
Als es dann schon in der ersten Nacht heftig regnete, lief die Kuhle voll
Wasser, die Luftmatratzen und das ganze Inventar soffen einfach ab!. Wir hatten
anfangs noch einfache Hauszelte mit schrägem Dach. Dadurch waren die
Unterkünfte nicht nur niedrig und nur im Hocken, Kriechen oder Sitzen zu
bewohnen, sondern man musste bei Regen auch ständig Acht geben, die Dachteile
nicht zu berühren, weil sonst sofort an der Innenwand die Tropfen zu laufen
begannen. Wenn nachts heftige Gewitter aufzogen, sprangen manchmal auch
nackte Männer im strömenden Regen mit dem Spaten herum und gruben schnell noch
rund um die Zelte Gräben für den Wasserabfluss.
Im Vorraum des Zeltes wurde
eine „Küche“ eingerichtet. Gekocht haben wir in den ersten Jahren
mit Brennspiritus; das erwies sich als ein windanfälliges und langwieriges und
teures Unternehmen: je Mahlzeit wurde 1 Liter Sprit benötigt. Später kochten
wir mit Propangas. In der Nähe des Zeltes wurde mit dem Spaten ein Loch
gegraben, die sandigen Wände mit Brettern gegen Einsturz gesichert und das
Ganze mit einem Deckel verschlossen – das war der „Keller“
für Butter oder Gemüse und Getränke. Wasser war ein kostbares Gut. Es musste im
„Wassersack“ – das war ein Fünf-Liter-Gummibeutel mit
zuschraubbarer Einfüllöffnung und einem Hahn zum Auslassen - oder in Eimern zu
Fuß geholt werden, von einem (wirklich einem für den ganzen Zeltplatz)
Wasserleitungshahn, der auch noch mehr als einen Kilometer von den Zelten
entfernt war; einige Jahre später gruben Hunderte Urlauber freiwillig den
Graben für eine neue Wasserleitung, die von da an näher am Zeltplatz sprudelte.
Der Wassersack hing neben dem Zelt an einem Gestell aus Brettern und Ästen, in
dem auch Zahnputzbecher und andere Utensilien zu finden waren – das war
der „Waschplatz“. Zu ihm gehörte auch ein zweites Loch, das als
Ausguss, Spuck- und Sickergrube diente.
Mancherlei Hocker, Stühle,
Campingtische und Regale wurden mit verschickt und leisteten vor und in den
Zelten gute Dienste. Die Leute waren erfinderisch. Ein Bekannter z.B. stellte
seinen Autoanhänger hochkant hinten ins Zelt und baute Regalböden ein. Ich
schickte jedes Jahr - für 60 Pfennige Porto hin und wieder zurück, und damit´s
ein ordentliches Paket war, mit einer Schnur drumherum - per Post eine nackte
große Holzplatte auf den Zeltplatz, aus der wir einen großen Familientisch
bauten.
Zur Erledigung kleiner und
großer „Geschäfte“ gingen traditionsbewusste Camper auch Anfang der
1960er Jahre noch mit dem Spaten in den Wald. Inzwischen war aber schon
hygienischer Fortschritt eingezogen. Weiter hinten zwischen den Bäumen standen
nun einfach gezimmerte Holzbuden, die – in Einzelkabinetten und hinter
Türen geschützt – Platz für mehrere erleichterungsbedürftige Menschen
boten. Diese großen „Kisten“ waren nach unten offen und standen
über Gruben, in die nun alles plumpste. In die Gruben wurde mehrmals täglich
Chlorkalk gestreut, was den Besucher zu kurzem tränenreichem Aufenthalt zwang,
aber vor allem den krabbelnden Fliegenmaden das Leben schwer machte und somit
der Hygiene dienlich war.
Auch der Zelt-Urlauber
musste essen und trinken. Zur Versorgung gab es in den ersten Jahren einen (!)
Kiosk auf Rädern, in dem man Milch und Brötchen erwerben konnte, aber nur, wenn
man zeitig genug – eine Stunde vor Verkaufsbeginn - in der Schlange
stand, und wenn das Lieferfahrzeug dann auch wirklich kam. Es gab auch
Brathering, Letscho, Dosenbohnen, Weißkraut, Schnaps und noch einige andere
Sachen, wirklich das Notwendigste für den täglichen Bedarf. Satt geworden sind
wir immer. Später wurde eine richtige Kaufhalle errichtet, es gab ein Kino, einen
Fischstand, manchmal lockte Brathähnchenduft.
Zur Beleuchtung für Lesen und Klogang dienten uns
Petroleumlampen (Baustellenlampen) oder Windlichte, Kerzen, die zum Schutz
gegen Wind in alten Marmeladengläser gestellt wurden.
Im Laufe der Jahre wurde der Zeltplatz zu einem zweiten
Zuhause. Wir gehörten immer mehr „dazu“. Man (er-)kannte die
Nachbarn zur Rechten und zur Linken, die jedes Jahr wieder an ihrem
Lieblingsplatz wohnten, die Kinder spielten zusammen, gemeinsame Feste wurden
gefeiert.
Es ging wieder einmal an die
Ostsee. Diesmal wollten wir, ein Klassenkamerad und ich, mit dem Fahrrad
hinfahren. Und damit es nicht ganz so weit war, nutzten wir für die ersten 200
Kilometer eine Mitfahrmöglichkeit mit einem Kinderferientransport per Bahn in
die Nähe von Berlin. Unsere Räder hatten wir parallel als Gepäck der Reichsbahn
anvertraut. Nun warteten wir in Vorurlaubsstimmung in Bad Saarow –
Pieskow –Süd, badeten im Scharmützelsee und fragten immer mal auf dem
Bahnhof nach unseren Rädern. Das meines Freundes war sofort da, mein Fahrrad
aber blieb verschollen. Nach einer Woche in gelangweilter Nervosität und
angesichts von unergiebigen amtlichen Suchmeldungen blieb uns nichts anderes
übrig, als mit der Eisenbahn Richtung Ostsee aufzubrechen.
Dort war dann normaler
Urlaub, die Sache mit den Fahrrädern war erst einmal weit weg gerückt. Dann
aber fuhr ein Teil meiner Familie an einem Regentag 60 Kilometer weit nach
Stralsund, um dort ein Museum zu besuchen, einzukaufen usw. Man kam zufällig
am Bahnhof vorbei, mein Bruder besichtigte neugierig eine große Ansammlung von
Fahrrädern, die dort zur Verschickung bereitstanden, und er entdeckte DORT, wo
es eigentlich nichts zu suchen hatte und gar nicht sein KONNTE, mein Fahrrad!
Ich wollte Chemie studieren.
Davor war noch eine Hürde zu nehmen: die Aufnahmeprüfung. Also wurde zu Hause
noch einmal intensiv der Schulstoff gebüffelt, dann kam eine bang-lange
Bahn-Fahrt ins fremde unbekannte Dresden. Und dann fand dort ein Gespräch als
Eignungstest statt, das mir deutlich machte, dass es zwischen auswendig
gelernten Merksätzen und dem Zurechfinden in der wirklichen Welt der
Wissenschaft noch manches zu klären gab. Ich wurde nämlich nicht ab-gefragt,
was ich gelernt haben hätte müssen können. Ich wurde mit Problemen
konfrontiert, denen ich ganz sicher noch nicht begegnet war. Man wollte sehen,
ob und wie ich damit kreativ umgehen könnte. So hatte ich zwar auswendig
gelernt, dass man zum Beispiel Nitratverbindungen mit Diphenylamin als
Indikator nachweisen kann, nun aber musste ich mich live – und vor Zeugen
- an die chemische Struktur dieses Stoffes heranraten. Ich wurde auch gefragt,
was hinter dem Satz stehe, der in der Beurteilung in meinem Schul-Zeugnis zu
lesen war: „K. ist nicht Mitglied der FDJ.“ Farbe bekennen,
Argumente sagen ...
Ich kriegte meine Zulassung
und war nun Student. Und ich war in Dresden.
Dresden war 1965 noch immer in weiten Teilen zerstört. Im
„Stadtzentrum“ zwischen Hauptbahnhof und Altmarkt befand sich eine
staubige leere Sand- und Trümmerwüste, durch die eine Straßenbahnlinie
quietschte, vorbei an einem einsamen kleinen Hotel.
Unser Studium lief in weiten Teilen noch wie Schule ab. Es
gab Studienpläne, die Semester für Semester vorschrieben, welche Disziplinen
und Vorlesungen und Seminare in welcher Reihenfolge absolviert werden mussten.
Das hatte den Vorteil, dass die Vermittlung solider Grundkenntnisse am Anfang
stand und Kürübungen später kamen. Es gab eine festgelegte Studienzeit, in der
man seine Bemühungen an ein schnelles Ende zu bringen hatte. Chemie zu
studieren war gleich von Anfang an ein ziemlicher Gewaltakt. Von Montag früh 7
Uhr an war das Labor geöffnet, und so an jedem Tag bis spät abends, auch
sonnabends, da allerdings nur bis mittags. Man begriff sehr schnell, dass es
überlebensnotwendig war, auch wirklich jede „freie“ Viertelstunde
zwischen Vorlesungen und Seminaren dort zu verbringen. Wir lernten noch richtig
handfest Analysen zu machen, ohne irgendwelche hochtechnologischen Gerätschaften,
nur mit Reagenzglas, Tinkturen, Bunsenbrenner und Papierfiltern, und wir
mussten komplexe Substanzen nach Auftrag zusammen„kochen“.
Knallharte Prüfungs-Kolloquien zwischendurch mit Durchfallquoten von manchmal
100 Prozent zeigten uns, welche Differenz noch zwischen unserem bescheidenen
Erkenntnisstand und dem Nobelpreis lag. Der Stress führte dazu, dass nach dem
ersten Jahr die Hälfte der Mitstudenten die Segel gestrichen hatte.
Wie die meisten Studenten
bekam ich - obwohl ich doch Pfarrerssohn war - ein staatliches Stipendium. Das
waren 140 Mark monatlich. Wie fast alle „Neuen“ wohnte ich zunächst
in einem neu gebauten Studentenwohnheim, spartanisch mit Doppelstockbett, aber
o.k., das Ganze für 10 Mark Miete im Monat. Im Sommer flogen wir Studenten für
8 Wochen raus aus dem Heim, dann wurde es an devisenträchtige West-Touristen
als Hotel vermietet. Mittagessen gab es zu sehr studentenfreundlichen Preisen
in der Mensa, die auch abends noch nahrhafte Angebote für Labor-Spätarbeiter
bereithielt. Eine Zugfahrt über 220 Kilometer von meinem Heimatort nach Dresden,
hin und zurück, kostete ermäßigt 4,60 Mark; so viel bzw. wenig habe ich auch
später noch als Berufstätiger für eine „Arbeiterrückfahrkarte“ bezahlt.
Unser Studium begann im Herbst
1965 nicht im Vorlesungssaal, sondern in der Wirklichkeit. Der Sieg des
Sozialismus verlangte einen studentischen Ernteeinsatz. Und so lernten wir die
zukünftigen Studienkollegen beim Skatspielen im Sonderzug kennen. Der
strandete irgendwo in Mecklenburg. Vier Wochen lang sahen wir nur
nieselberegnete Kartoffeln. Geschlafen wurde in feuchten Massenquartieren.
Wir waren in Norddeutschland, und so gab es viel Schnaps.
Zwischendurch war eine Wahl in der DDR angesetzt. Wir alle waren „Erstwähler“.
Ein Bus kam zu uns aufs Feld, die Arbeit wurde kurz unterbrochen, wir stellten
uns alle vor der Vordertür in einer Reihe an, stiegen ein, es folgte die
Ausgabe der Wahlzettel. Eine Wahlkabine, nach der Neugierige Ausschau hielten,
war nicht zu sehen. Unter freundlicher Kontrolle universitärer Politniks
erfolgte der Einwurf der – unveränderten - Zettel in die Wahlurne. Das
ganze Verfahren hieß: „Offene Stimmabgabe für die Kandidaten der
Nationalen Front“. Dann ging´s hinten raus und wieder aufs Feld zu den
Kartoffeln. Etwas gemischte Gefühle blieben angesichts von so erlebter
„Demokratie“.
Gearbeitet wurde „nach
Leistung“. Für einen Korb eingesammelter Kartoffeln gab es 10 Pfennige.
Nach vier Wochen reichte das verdiente Geld bei mir für den Kauf des - heiß
ersehnten - Plattenspielers. Der letzte Schrei hieß „Stereo“
– das musste er können! Und die erste Platte, die ich mir gekauft habe,
war dann eine klassische Scheibe, weil´s nur da Stereo-Aufnahmen gab. Das war
zwar eigentlich gar nicht meine Welt, aber so entdeckte ich völlig neue
(musikalische) Welten.
Studieren heißt ja, sich mit
Eifer zu bemühen. Manchmal war das doch ziemlich anstrengend, und dann kam der Wolf-Dietrich
aus dem Nachbarzimmer zu mir und meinte, dass nun genug studiert sei - oder,
wenn er es vergaß, ging ich eben zu ihm-, und dann schlenderten wir hinaus in
den lauen Abend, stiegen am Bahnhof in die Straßenbahn, setzten uns auf das
Treppchen in der offenen Tür des Waggons und zündeten unsere Zigarren an.
Andächtig bliesen wir Ringelwölkchen zur Straße hinaus, und ich kann mich noch
an das erschreckte Gesicht eines Autofahrers erinnern, der beim Anfahren an der
Haltestelle plötzlich zwei Zigarren-paffende Gesichter auf Augenhöhe neben
sich hatte. Die Fahrt endete ein Viertelstündchen später am „Großen
Garten“, einem Park. Dort stand an einem kleinen See „der
Baum“, unser Baum, dessen Äste sich flach ausbreiteten, und auf denen wir
dann stundenlang - mit und ohne Zigarre - lagen und über Gott und die Welt
spekulierten.
Im ersten studentischen Sommer habe ich auch Lesen neu
entdeckt. In der Schule hatte ich nach und nach verlernt, von Büchern noch
etwas zu erwarten. Zu lange hatten wir Gedichte bis zum Erbrechen kaputt-analysiert,
uns unter allen nur denkbaren Blickwinkeln mit den Schicksalen von Leuten
beschäftigen müssen, deren Probleme so überhaupt nicht die unseren waren ...
Jedenfalls hatte ich lange kein Buch mehr freiwillig in die Hand genommen. Und
dann lagen wir Chemiestudenten auf dem schattigen Gras im Hof unseres
Instituts, und der lange M. kramte ein Buch hervor und las daraus vor. Nie
gehörte Dinge erheiterten mein Studentengemüt, die Galgenlieder von
Morgenstern, Menschlichkeiten von Eugen Roth, Kuddeldaddeldu-Geschichten von
Ringelnatz - und das alles war so herrlich verrückt und neu. Ich lieh und las
und lernte – manche der Gedichte kann ich heute noch auswendig aufsagen.
Mein Lesetrieb wurde auch
durch andere Impulse neu angestachelt. Über Weihnachten war ich zu Hause
gewesen. Meine Mutter hatte von einer Schulfreundin aus dem Westen ein Buch
geschenkt bekommen. Es war ein Roman – puhhh! Aus Langeweile blätterte
ich am letzten Urlaubstag darin, und las mich fest und las und las in einem
Ritt bis ans Ende - fast hätte ich den Zug verpasst. Es war der Roman
„Homo Faber“ von Max Frisch, der mich gepackt hatte. Er passte
gerade in meine Lebensphilosophie, weil er gar nicht dazu passte. Ich war
gerade so was von cool und rational, und was nicht vernünftig,
wissenschaftlich, erklärt werden konnte und wo vielleicht gar Staunen oder
Gefühle oder so was eine Rolle spielen sollten, erschien mir höchst verdächtig
und überflüssig fürs Leben. Ich habe in der Folge alles von Max Frisch verschlungen
und mit ihm über Identität nachgedacht. Ich fing an, auch all die absurden
Dramen seines Schweizer Landsmanns Friedrich Dürrenmatt zu lesen, ich kaufte
mir Theaterkarten. Die Welt war wieder ein Stück größer geworden.
Sturz-besoffen
Ich war
mit meinem Sakko - mit eingewebten Glitzerfäden! - und mit Schlips in der Stadt
zu Tanze gewesen. Es gab Bier (gegen den Durst) und Wermut-Wein (wegen der
Damen), beides offenbar reichlich. Ich war mit Mutters Moped da. Am Ende der
Veranstaltung schwang ich mich stolz auf das Ross und raste beschwingt nach
Hause. Lustig sprang ich über Schlaglöcher und umkurvte die Steine. Bis es
plötzlich mörderisch krachte. Das Moped fuhr noch. Einiges tat weh. Erst nach
einer Weile merkte ich: Die Brille war weg; und als sie gefunden wurde, fehlten
die Gläser. Zu Hause versuchte ich mich in die Wohnung zu schleichen, aber die
Mutter stand schon im Flur. Sie guckte ängstlich, ich auch, als ich mich im
Spiegel sah und auch der Rest der Schäden offenbar wurde: die
„gute“ und einzige (West-)Hose war zerfetzt, darunter am Knie
klaffte eine tiefe Schürf-Wunde. Es dauerte einige Wochen, bis ich wieder fit
war, und als Erinnerung habe ich eine Penizillinallergie behalten.
Chemie ist das, was
kracht und stinkt ... (I)
Im
anorganischen Grundpraktikum standen wir jeden Tag stundenlang im Labor. Jeder
hatte sein Hand-Regal vor sich stehen, in dem in Dutzenden kleiner Fläschchen
die verschiedensten Säuren und Basen, Lösungsmittel und Indikator-Substanzen
für den alltäglichen Gebrauch enthalten waren. Überall im Laborraum gab es
Regale voller weiterer Gläser und Ampullen mit Stoffen, die seltener benötigt
wurden. Dazu noch Schutzbrille, Bunsenbrenner, Trichter und Filter, Lötrohr,
Reagenzgläser, Kolben und Kühler – viele Glasgeräte lernten wir nach und
nach selbst zu „blasen“ und zu reparieren.
In der ersten Runde machten wir mit den Substanzen Versuche nach einem streng
vorgegebenen Schema, protokollierten die Beobachtungen und versuchten dann im
Studierstübchen oder in der Bibliothek herauszufinden, was da in Gläsern und
Kölbchen passiert war und wie sich das theoretisch erklären ließ. Wenn man sich
fit fühlte und meinte, nun aber wirklich alles verstanden zu haben, meldete man
sich zu einem „Kolloquium“ an. Da saß uns dann einer der
wissenschaftlichen Assistenten gegenüber und fragte und fragte – und die
in der Regel zwei Studenten am Tisch begriffen so nach und nach, dass sie noch
gar nichts verstanden hatten. Durchgefallen! Also wieder zurück zu den Büchern,
ein paar Tage später gab es eine zweite Chance. Aber inzwischen lief die Zeit
weg!
Denn erst, wenn das „Koloq“ bestanden war, konnte Runde 2 beginnen.
Es gab einen Extra-Raum mit vielen Fächern in einem Regal. Und dort stand nun
ein Schälchen mit Namensschild des jeweiligen Studenten, und darin waren
manchmal kristallene Substanzen zu erkennen, manchmal hatte der Assistent sie
aber „netterweise“ auch schon im Mörser zerrieben, und manchmal war
das Ganze auch schon in „suppiger“ Konsistenz, weil der Assi
„freundlicherweise“ etwas Wasser dazugekippt hatte oder weil
manche Substanzen auch sehr schnell Wasser aus der Luft aufnehmen. Die genaue
chemische Zusammensetzung dieser unbekannten Mischung galt es nun aufzuklären.
Es konnten alle chemischen Elemente enthalten sein, die in diesem Abschnitt
behandelt worden waren - plus alle aus den bereits früher abgeschlossenen
Kapiteln. Wenn also z.B. unter anderem Schwefel das Thema war, konnte nun
elementarer Schwefel drin sein oder Sulfide oder Sulfite oder Sulfate, und
davon gab´s ja nun auch noch lösliche (jedenfalls in bestimmten Lösungsmitteln)
und unlösliche Salze der verschiedensten Art. Man sah sich die Substanz also
erst einmal an. Manche typischen Kristallformen gaben unter dem Mikroskop
schon wichtige Hinweise. Ein andermal half Schnuppern weiter. Manche Substanzen
gaben von selbst charakteristische Gerüche ab, andere „dufteten“
erst nach Zugabe von Säuren. Dann kam die Flammenprobe: Ein Krümel wurde in die
Flamme des Bunsenbrenners gebracht; wenn die Flamme sich färbte – etwa
violett oder grün oder rot – konnte man daraus erste Schlüsse ziehen.
Gelbes Leuchten konnte bedeuten, dass Natrium in der Substanz war. Weil aber
Spuren von Natrium - z.B. aus dem salzigen Handschweiß - eigentlich überall
vorhanden waren, kam man da leicht auf eine falsche Fährte! Weiter wurden
Lösungen hergestellt - von den Substanzen, die sich auflösen ließen; andere
versuchte man durch Zugabe von Säuren oder Basen oder Ammoniak usw. in Lösung
zu bringen. Zu den klaren Lösungen wurden tröpfchenweise Substanzen zugegeben,
diesmal aber, um unlösliche Verbindungen herzustellen, die in
charakteristischer Weise und eventuell auch mit typischer Färbung
„ausflockten“ oder „ausfielen“, also zu Boden sanken.
Langsam tauchten Vermutungen
auf, was nun „drin“ sein konnte. Es galt, die genauen chemischen
Kombinationen anzugeben, also wenn Sulfit und Natrium und Barium und Jodid
gefunden wurden – war das nun ursprünglich Natriumsulfit oder
Natriumjodid gewesen? Irgendwann wurde Mut gefasst, das ermittelte Ergebnis in
das persönliche Protokollbuch eingetragen und das Heft ins
Analysen-Ausgabe-Regal gelegt. Zitternd ging man am nächsten Tag in den
Analysenraum. Dort fand man entweder ein neues Schälchen, das bedeutete: Falsch
geraten! Und damit ging alles wieder bei Null los, denn in der Schale war nun
eine völlig andere Stoffmischung, die es zu enträtseln galt. Oder es fand sich
eine bestätigende Unterschrift im “Sudelbuch“, und das bedeutete,
dass man mit den Versuchen für das nächste Themengebiet beginnen, dann zum
„Kolloq“ antreten, dann die Analysen zu diesem Kapitel
„auflösen“ durfte ...
Zum Abschluss des nervigen ersten Laborjahres, bei dem viele Mitstudenten nach
ständig verfehlten Analysen und zu wiederholenden Prüfungsgesprächen
aufgaben, kam die „große Analyse“. Da konnte zur Krönung nun
grundsätzlich jede Substanz drin sein, mit der wir uns in diesem Jahr mal
beschäftigt hatten. Da waren auch besondere Bösartigkeiten möglich. Ich
erinnere mich an einen Kommilitonen, der zwei Wochen lang verzweifelt suchte
und suchte und nur ein Element fand: Natrium. Natrium? Das war aber praktisch
sowieso immer da ... Er schrieb verzweifelt seine Vermutung auf:
„Natriumoxid“ - und es war richtig!
Es gab noch eine zweite Art von Analysen, und da ging es um Mengen. Man bekam
z.B. ein Reagenzglas mit der Mitteilung, darin sei ein Eisensalz gelöst. Und
nun sollte man rauskriegen, wie viel Eisen da drin war. Erst einmal wurde das
Eisensalz vorsichtshalber zur 3-wertigen Stufe oxidiert. Es konnte ja auch ein
zweiwertiges Eisensalz sein, und das war schlechter zu „fangen“.
Durch Zugabe von Ammoniaklösung wurde das Eisen - genauer war es natürlich
Eisen-III-Hydroxid - als dicker brauner Schlamm sichtbar. Der Schlamm wurde in
einen Trichter gegossen und durch ein Filterpapier abgetrennt. Das Filterpapier
wurde getrocknet und „verascht“ (= verbrannt), übrig blieb
Eisenoxid, das anschließend gewogen wurde. Spezielle Waagen in einem besonderen
Wägezimmer machten das mit einer Genauigkeit von Tausendstel Gramm möglich.
Dann musste noch die Masse der Filterasche abgezogen werden (die stand auf dem
Filter drauf), und wenn man nun noch seinen persönlichen
„Sudelfaktor“ berücksichtigte, hatte man mit etwas Glück die Menge
ermittelt, die sich auch der Assistent notiert hatte.
Auch für einen Studenten in
der DDR brachte das 1968er Jahr eine politisch aufregende Phase. Auch bei uns
und in uns gärte es. Prag war von Dresden nur zwei Zugstunden entfernt. Der
Prager Frühling steckte an. Mit Freunden bin ich 1968 dreimal in die Goldene
Stadt gefahren. Die Grenzüberfahrt brachte auch eine interessante Erfahrung:
Ich war zum ersten Mal „draußen“ aus dem geschlossenen System
„DDR“.
An der Moldau hatten wir
nächtelange Diskussionen mit tschechischen Studenten. Überall herrschte spürbar
Aufbruchsstimmung. Auf den Straßen erlebten wir erstaunt offene politische
Diskussionen, wie im Londoner Hyde-Park stiegen Leute auf Kisten und
verkündeten ihre Ideen. Überall sahen wir in neugierige und erwartungsvolle
Gesichter. Das alles musste doch auch bei uns möglich sein!
Auf einem nächtlichen
Spaziergang hatte ich ein bedrückendes Erlebnis. Ein Stück vor uns pinselten
Jugendliche etwas auf das Straßen-Pflaster der Karls-Brücke. Beim Näherkommen
lasen wir: „smrt kommunistam“. Unser fragender Blick wurde mit
einer eindeutigen Geste beantwortet: Hand am Kehlkopf entlang; Kopf ab! - Tod
den Kommunisten!
Ein paar Wochen später
standen sowjetische Panzer auf dem Prager Wenzelsplatz! Wut, Trauer, ohnmächtiger
Protest. Ich trug fortan einen von meiner Schwester gestrickten Schlips in den
tschechischen Nationalfarben, die Manschettenknöpfe am Hemd waren gelötet aus
tschechischen Kronen-Münzen. Einen verzweifelten Solidaritätsbrief an meinen
Prager Freund Jindra fing die Stasi ab und heftete ihn in meine Akte.
Zu Beginn meines zweiten
Studienjahres zog ich aus dem Wohnheim aus, der Ruhe wegen, und weil das
erwachsener war. Meine Wirtin hieß Frau Helbig. Sie war Invalidenrentnerin und
bekam 120 Mark Rente im Monat. Von mir kriegte sie 40 – davon konnte sie
gerade ihre eigene Miete bezahlen. Mein Zimmer war bestückt mit Bett und
Schrank und Sessel und Ofen und Tisch, auch besaß es eine Nasszelle, bestehend
aus Waschschüssel und Wasserkrug. Dort wurde ich in den nächsten vier Jahren ersatzmütterlich
umsorgt und manchmal auch bekocht. Gratis war die laute Volksmusik aus dem
Radioapparat nebenan in der Küche, die jeden Abend lief, aber ich setzte mich
in meinen Sessel mit übergestülpten Kopfhörern und dröhnte mich mit
„meiner“ Musik voll.
Frau Wirtin lebte spartanisch.
Sie kaufte sich montags 100 Gramm Fleisch, das wurde am ersten Tag gekocht und
davon eine Suppe gegessen, dienstags war das Fleisch selbst dran, und für
Mittwoch blieben immer irgendwelche „Reste“. Himmlisch waren ihre
Kartoffelpuffer, die in dieser ganz besonderen Ausführung nur möglich waren,
weil sie gebraten wurden in einem Tiegel, den ihr Vater selbst geschmiedet
hatte.
Zu meinen Pflichten gehörte
es, winters jeden Tag vier Eimer Braunkohlebriketts aus dem Keller in den
zweiten Stock zu tragen.
Zum Abschied nach vier
Jahren Wohngemeinschaft schenkte mir „meine Wirtin“ eine in
wochenlanger Handarbeit gestickte Weihnachtsdecke.
Chemie ist das, was
kracht und stinkt ... (II)
Chemie zu studieren, war
auch ein Abenteuer. Ständig hatten wir mit Substanzen zu tun, die nicht nur
interessant, sondern auch gefährlich waren; selbst Zyankali war frei
zugänglich. Aber da wir die Chemikalien jeden Tag in der Hand hatten, stumpfte manchmal
die Wachsamkeit ab.
Mein Hauptfeind war
Schwefelsäure. Sie sorgte nicht nur für gelblich-braune Flecken auf unseren
Laborkitteln, sie fraß auch Löcher hinein. Schlimmer aber: Schwefelsäure fraß
besonders effektiv Löcher in Blue-Jeans aus dem Westen. Schon ein kleiner
Spritzer genügte – und die Hose war hin!
Wir sahen mit unseren
gefleckten Kitteln nicht nur abenteuerlich aus, wir rochen auch manchmal, und
das nicht nur im Labor. Im Fach organische Chemie musste ich einmal für meinen
Betreuer, der das Zeugs für seine Doktorarbeit brauchte, kilogrammweise
Mercaptane herstellen. Das sind Stoffe, die schon in geringsten Mengen
bestialisch stinken, man denke etwa an verwesenden Kohl und faule Eier in einem
ungelüfteten Klo. Und genauso roch ich nun auch, ohne das jedoch selbst noch
wahrzunehmen. Als ich in den öffentlichen Bus einstieg, um ins Wohnheim zu
fahren, wurde ich von empörten Fahrgästen kurzerhand auf die Straße gesetzt.
Ein andermal
„kochte“ ich mit drei Kollegen „Präparate“, und weil
wir dabei mit - feuergefährlichem und hochexplosivem - Äther zu tun hatten, geschah
das in einem besonders gekennzeichneten und gesicherten
„Äther-Raum“. In diesem Raum gab es keine Flammen. Um
Reaktions-Gefäße auf die erforderliche Temperatur zu erhitzen, wurden Wasserbäder
benutzt. Jedenfalls standen wir da und kochten so vor uns hin, als in der Nähe
der einzigen Tür eine Stichflamme in die Höhe schoss. Äther wurde mit
Natriummetall getrocknet, und Natrium und Spuren von Wasser – das zündet
eben manchmal. Jetzt hätte es eigentlich richtig krachen können, aber zum Glück
geschah das nicht. Wir wären gern weggerannt, aber der Fluchtweg führte an der
Flamme vorbei. Panische Erstarrung allerseits. Ich beschloss, dass irgendwas
passieren musste, nahm das brennende Glasgefäß in die Hand, öffnete die Tür
und trug die Flamme – mit steif-gestreckten Armen so etwa wie ein
olympisches Feuer – langsam durch den Gang des Instituts hinaus ins Freie
und warf den Kolben dort auf die Wiese. Es war keine Heldentat gewesen, mehr
ein Reflex fürs Überleben. Erst nach dem Schock merkte ich, dass ich ziemlich
böse Brandwunden hatte. Aber immerhin stand das Institut noch.
Eine Substanz hatten wir bei
den anorganischen Analysen ständig im Gebrauch: Schwefelkohlenstoff, eine
etwas penetrant nach Rettich riechende, interessant das Licht brechende, aber
auch sehr gut brennbare Flüssigkeit. Es gab wegen der Feuergefährlichkeit
natürlich eine Vorschrift, nämlich die Reste in gesonderten Behältern zu
sammeln, aber in der Hektik des Laboralltags wurden immer wieder auch
Reagenzgläser mit dem Lösungsmittel im normalen Ausguss
„entsorgt“. Und das kam wohl häufiger vor. Jedenfalls – so
ergab die spätere Aufklärungsaktion – hatte jemand wieder einmal Reste
von metallischem Natrium in den Ausguss gekippt, Wasser, Knallgas usw., das
kleine Feuerchen krabbelte den Ausguss hinunter, fand in den Tiefen der
Kanalisation reichlich Schwefelkohlenstoff vor, und so gab es eine heftige
Explosion, bei der überall im Institut die Gullydeckel herausflogen.
Überhaupt: die Vorschriften
und der Schlendrian. Einmal musste ich, um eine Substanz herzustellen, mit
Brom arbeiten. Als reines Element ist das eine braune Flüssigkeit, die leicht
verdampft und giftig und gefährlich ist für die Schleimhäute. Also lautete die
Vorschrift im Umgang damit, Gummi-Handschuhe zu tragen und immer unter der
Abzugshaube zu arbeiten, damit die aggressiven Dämpfe nicht eingeatmet werden.
In der Hektik waren trotzdem bereits einige gelb-braune Ätz-Flecken auf meiner
Haut entstanden. Eines Tages musste wieder eine bestimmte Menge Brom abgemessen
werden, und ich nahm eine Pipette zur Hand, um die entsprechenden Milliliter
der Brühe abzumessen. Zum Ansaugen war ein Gummiballon vorgeschrieben, aber ich
saugte die Luft einfach mit dem Mund an. Ich habe nicht flüssiges Brom in die
Luftwege bekommen, es waren „nur“ Bromdämpfe, die meine
Schleimhäute abbekamen. Aber das war eine echt „reizende“
Geschichte, mit deren Nachwirkungen ich noch lange zu tun hatte.
Auch ein andermal ging es um
Düfte, aber da waren sie meine Rettung. Im Praktikum Organische Chemie war eine
Aufgabe, am eigenen Arbeitsplatz mit einfachen Gerätschaften und in kleinsten
Mengen - Halbmikro-Maßstab hieß das, es ging um Grammmengen des Endprodukts -
komplizierte Substanzen aus einfachen Ausgangsstoffen in mehreren Reaktionsstufen
herzustellen. Bei mir ging es um 1 Gramm Bromhexin - das kennen viele
vielleicht als aromatische Substanz, die bei Erkältungskrankheiten auf Zucker
geträufelt und geschluckt wird. Der erste Schritt führte in die große
Bibliothek. Dort galt es, in dicken Nachschlagewerken ein
Herstellungs-Verfahren zu finden, mit dem früher schon einmal jemand
erfolgreich Bromhexin hergestellt hatte. Ich fand ein „Kochrezept“,
dem zufolge ich in acht Stufen nacheinander zu Bromhexin gelangen sollte. Der
Assistent akzeptierte das Verfahren, ich durfte grammgenau die Mengen der
Ausgangssubstanzen bestellen, die nach der Theorie benötigt wurden, und dann
ging´s los mit Lösen und Kochen und Destillieren und Bromieren über die acht
Stufen. Die Substanzmengen wurden immer geringer, die Gerätschaften zur
Verarbeitung immer zierlicher. Am Ende, oh Glück, befand sich in der Spitze eines
kleinen Kölbchens der begehrte Stoff, ein Tropfen nur, aber immerhin. Das Gefäß
ward sicher im Laborschrank aufbewahrt, denn nun kamen erst einmal Ferien.
Zwei Wochen später wollte ich mein Produkt stolz dem Assistenten präsentieren.
Als ich aber den Schrank öffnete, war wohl das Kölbchen noch da, nicht aber
mein Bromhexin. Es war nicht gestohlen, aber schlicht verdampft - trotz Verschlussstopfen;
jetzt verstand ich erst richtig, was eine „leicht flüchtige“
Substanz ist. Der Assi meinte: „Sie haben jetzt nur eine Chance“,
öffnete das Gefäß, roch daran – und ich bekam für ein noch vorhandenes Duftwölkchen
mein Testat.
Wenn Studenten in der DDR
mal originell oder spaßig sein wollten, konnte das böse Folgen haben.
Jedes Jahr fand der
„Chemiker-Ball“ statt, ein Tanz- und Trink-Ereignis, das nach
erprobten Spielregeln vorbereitet wurde. Die Leute vom jeweils zweiten
Studienjahr waren dafür zuständig, dass organisatorisch alles klar ging mit
Musik und Verpflegung, dass die übrigen Fachrichtungen - vor allem die Damen -
davon erfuhren, dass alle wichtigen Leute aus dem chemischen Umfeld persönlich
eingeladen wurden, und sie hatten dafür zu sorgen, dass es eine Ballzeitung und
ein selbstgestaltetes Bühnenprogramm gab, möglichst mit viel Feuerwerk.
Die Leute vom Jahrgang ein Jahr vor uns hatten eine – ihrer Meinung nach
blendende – Idee. Sie wollten, auch zur Aufbesserung der
Semester-Feier-Kasse, eine Tombola veranstalten. Und damit es da attraktive Angebote
gab, schrieben sie an Hochschulen und Chemiefirmen in „Westdeutschland“,
schilderten ihr Anliegen und baten um Sachspenden z.B. in Gestalt von - für uns
im Osten schwer erreichbaren und unmäßig teuren - Fachbüchern, Kleingeräten,
Chemikalienproben usw. Die Briefe waren raus, aber nun bekam „die
Partei“ davon Wind. Ein Tribunal wurde inszeniert, bei dem die
„Rädelsführer“ sich zu rechtfertigen hatten. Wie hatten sie es
wagen können, solche „Bettelbriefe“ an den
„Klassenfeind“ zu schicken, der nun wohl meinen müsse, Studium in
der DDR sei ohne Westhilfe nicht möglich. Wer ihnen den Auftrag dazu erteilt
habe ... Alles Erklären nützte nichts, die Ertappten wurden öffentlich
gebrandmarkt, einige Reuige durften - unter besonderer Aufsicht und sicher mit
mancherlei Erpressungen - weiter studieren, für Unbelehrbare erfuhr der
Studiengang erst einmal eine Unterbrechung und sie gingen „zur Bewährung
in die Volkswirtschaft“ - Arbeiter zu werden war im
„Arbeiter-und-Bauern-Staat“ eine Strafe!
Kurze Zeit später gab´s einen zweiten Eklat, der als
„SNOP-Affäre“ in die Annalen einging. Wir wohnten im Wohnheim auf
zwei gegenüberliegenden Korridoren. Und die Mitstudenten auf der anderen Seite
hatten aus Ulk SNOP gegründet, eine „Studentische Nationale
Oppositionspartei“. Die Truppe machte allerlei närrische Aushänge und
Aktionen im Wohnheim. z.B stand an einer Zimmertür als Bewohner ausgeschrieben:
„stud. chem. Paul Lenin“. Der – eigentlich harmlose - Spaß
währte nicht lange. Die Staatsmacht erfuhr von dem schändlichen Treiben, und
sie fuhr wie ein Blitz dazwischen. Es gab einige strenge Verweise, auch wieder
einige Exmatrikulationen „auf Bewährung“. Da war´s nachträglich
gut, dass wir auf der anderen Seite des Ganges nicht hatten
„mitspielen“ dürfen, sonst wäre mein Studentendasein wohl schon an
dieser Stelle zu Ende gewesen.
In meinen Schüler- und
Studentenjahren habe ich oft an Landstraßen und - verbotenermaßen - auch an
Autobahnen gestanden. Trampen hieß das Zauberwort, das auch längere Reisen
erschwinglich machte und Abenteuer, aber auch Unsicherheit bedeutete. Ich war
mit Familien unterwegs. Ich habe mit Dienstreisenden geplaudert. Sogar in
Testfahrzeugen bin ich mitgefahren: In Meerane wurde der
„Trabant-Kombi“ gebaut, und ein Testfahrer, der ein
Prototyp-Fahrzeug Zigtausende Kilometer ohne Pause stressen musste, hat mich
einmal gleich auf einen Ritt die 500 Kilometer bis zur Ostsee mitgenommen. Am
anstrengendsten war das Mitfahren hinten auf den leeren Ladepritschen von LKW;
das ist sehr laut und auch gefährlich, weil einen heftige Bremsungen oder
Kurvenfahrten völlig unvorbereitet erwischen. Einmal hielt am Berliner Ring
das Dienstauto eines hohen russischen Offiziers. Peinlich bleibt mir in
Erinnerung, dass ich zwar eben zum Abi in Russisch eine „1“
erhalten hatte, aber nun in aller Ernüchterung feststellen musste, dass mir
die einfachsten Worte für ein ganz normales Alltagsgespräch fehlten. Und
manchmal verging einem auch – mangels Erfolg - schlicht die Lust am
alternativen Reisen. Ich stand einmal fünf Stunden lang an der Ausfallstraße in
Stralsund, weil einfach zu viele den Daumen in den Wind hielten und in die
gleiche Richtung wie ich wollten. Nachts gegen vier kam ich dann endlich am
Autobahnkreuz bei Leipzig an, hatte den ganzen Tag nichts gegessen, und als
dort jemand eine Zigarette anbot, habe ich sie gegen´s Verhungern geraucht
...
In meinem Jahrgang hatte ein
junger Mann, der einen Studienplatz ergattert hatte, das Glück, zunächst dem
Zugriff der „Nationalen Volksarmee“ zu entgehen. Wir mussten nicht
zur „Fahne“ - das Studium hatte Vorrang. Aber eben nur
grundsätzlich. Andere Fakultäten an unserer Uni machten während ihres Studiums
ein paar kurze Lehrgänge und hatten damit ihre Wehrpflicht erfüllt. Wir
beneideten sie darum, denn wir Chemiestudenten mussten zwar genau wie sie in
Reih und Glied antreten, aber uns wurde das nicht amtlich als Wehrdienst
angerechnet. Zweimal in den Sommerferien wurden wir zu einem GST-Lehrgang
zusammengetrommelt. GST hieß die „Gesellschaft für Sport und
Technik“ – das war eine paramilitärische Organisation, in der
Technik-begeisterte Typen Tauchen, Fliegen oder Orientierungslauf und
Motorsport betreiben konnten. Wir bekamen Uniformen, eine (Spielzeug-)
Maschinenpistole, und dann übten wir: zeitig aufstehen, Fahnen-Hissen, Waschen
im Freien, Exerzieren auf dem Appell-Platz, Marschieren mit Kompass und Karte
durch den Wald, Schießen, Anschleichen usw. Die Gruppe, die ich eigentlich
kommandieren sollte, wurde beim Appell getadelt, weil die Jungens im Wald
gelegen hatten statt den „Feind“ zu suchen.
Es war die Zeit des Krieges in Vietnam, und von uns -
Studenten in einem sozialistischen „Bruderland“ – wurde
handfest „Solidarität“ eingefordert. Per Tagesbefehl wurde
verkündet, dass jede Hundertschaft Studenten eine - diesmal aber eine richtige
- Maschinenpistole „spenden“ sollte/wollte, das machte pro Mann 5
Mark! Aber so einfach lief das nicht, es gab ungeplante Diskussionen in der
Truppe. Schon das Verfahren mit der Pauschal-Pro-Kopf-Spende gefiel uns nicht,
aber bei den erregten Gesprächen im Schlafraum tauchten auch viel
grundsätzlichere, gar pazifistische Gedanken auf. Das Ergebnis der
Verschwörung hieß: Wir spenden nicht! Und einige sagten noch klarer: Wir
schießen auch nicht mehr, hier, im Wehrlager! Das war unerhört! Das roch nicht
nur nach, das war Auflehnung, das war Widerstand, hatte da etwa jemand eigene
Gedanken? Aus der Dresdner Fakultät reiste die Politabteilung in großer Besetzung
an, es gab Gruppengespräche und Einzelgespräche, Drohgebärden und richtig
handfeste Drohungen. Am Ende gaben manche der „Aufständischen“
klein bei. Dazu gehörte ich, ich meinte erkannt zu haben, dass ein konsequenter
Pazifismus nicht in jeder Lebenslage durchzuhalten sei, aber natürlich hatte
ich auch Angst. Für meinen besten Freund, der sich „unbelehrbar“
zeigte, folgte die sofortige Entlassung aus dem Lager, wenig später wurde er
auch von der Hochschule exmatrikuliert und zur „Bewährung in die
Produktion“ geschickt. Danach durfte er gleich noch seinen vollen
Wehrdienst ableisten, als Beweis für seine geläuterte Gesinnung, was ihm auch
noch die Erfahrung einbrachte, beim Einmarsch der Truppen des Warschauer
Paktes bei der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ im Jahr 1968
wochenlang mit diesmal scharfer Munition als Reserve im Grenzwald zu liegen.
Später hat er zu Ende studieren können.
pazifismus als belügen des eigenen ich.
diese haltung nicht als ausweg, sondern als kapitulation vor der entscheidung.
die unmöglichkeit, das individuum plötzlich herauslösen zu wollen aus der
gesellschaft, in die es hineingeboren ist. das widernatürliche, dass man sich
ohne gegenwehr schlagen, sogar töten lassen will. natürlich wäre die welt
besser, wenn alle so dächten, aber die harte prüfung des ich zeigt, dass man
für sich selbst nicht garantieren kann, dass man es nicht wird durchstehen
können bis zum letzten. pazifismus als glaube an das beispiel, als hoffnung auf
bekehrung des mörders, wenn er uns ohne gegenwehr und ohne klage leiden sieht.
wenn du deine familie, deine freunde retten kannst, indem du den mörder, der
schon zielt und sicher die vernichtung auslösen wird, indem du ihn tötest,
vorher, bist du dann wirklich schuldig? wem hätte dein tod genützt, ihm
vielleicht, der schon die nächste granate abschießt? das töten des anderen
statt des getötetwerdens durch ihn – stufe von tieren?
(ins tagebuch geschrieben 1967)
Ein zugewiesener
Studienplatz hatte Vorrang vor der Einberufung zur Armee, das schützte aber
nur vorübergehend.
Ich wollte da aber nicht hin! Nach dem Ende des Studiums
bekam ich so zunächst - auf Anraten eines Mitstudenten - erhebliche
Rückenbeschwerden, die ich mir ärztlich bestätigen ließ und gegen die ich
auch jahrelang behandelt wurde. Wenn man so etwas schon lange hatte und Behandlungen
nachweisen konnte, sollte das im Ernstfall gegen Ansinnen einer
Armee-Einberufung helfen. Der Ernstfall trat aber in meinem Fall gar nicht
ein. Denn der Professor, bei dem ich meine Diplomarbeit gemacht hatte und der
mir dann auch eine Anstellung in seinem Institut ermöglichte, verstand den
vorsichtigen Hinweis auf die missliche Möglichkeit einer Einberufung richtig
und reagierte. Er setzte ein kurzes Schreiben an das Wehrkreiskommando auf mit
der Aufforderung, mich mit dem Wehrdienst zu verschonen, meine Arbeit an
Forschungsvorhaben sei für den Bestand der DDR unverzichtbar. Der Brief tat
seine Wirkung: Ausgefertigt mit einem beeindruckenden Briefkopf (Prof. Dr. Dr.
h.c. mult., Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften,
Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften der DDR ...) bewirkte die
Übergabe des Schreibens, dass der bedienstete Uniformträger die Hacken
zusammenschlug und dafür zu sorgen versprach, dass meine Akte ganz unten in den
Stapel käme.
Erst als ich Anfang 30 war, erinnerte sich die Armee wieder an mich und
schickte mir eine Einladung. Ich wurde untersucht, bekam eine Schießbrille
verordnet und sollte eigentlich für ein halbes Jahr einrücken. Ich bestand
jedoch darauf, von meinem Recht auf Verweigerung des Wehrdienstes Gebrauch zu
machen und bei den Bausoldaten zu dienen. Dieses Ansinnen löste harsche Reaktionen
aus, aber offenbar waren solche Sonderwünsche einfach nicht vorgesehen, und ich
habe danach von der Armee nichts wieder gehört. Die blecherne Erkennungsmarke
– „im Todesfall in zwei Teile zu zerbrechen“ - habe ich noch
immer.
Zu unserem Studium gehörten auch Praktika in der Industrie,
und eines davon führte mich im 1968er Sommer ins Erdölkombinat nach Schwedt.
Das war ein hochmoderner Industriekomplex; in Schwedt kam die Erdölleitung mit
dem Namen „Freundschaft“ aus der Sowjetunion an, und hier wurden
daraus Kraftstoffe und Treibstoffe und Schmiermittel usw. destilliert. Der
eigentlich etwas abgelegene Standort Schwedt, oben im agrarisch geprägten
Nordosten der DDR gelegen, war Ausdruck für die geplante Industriepolitik der
DDR. Es war Prinzip, dass jede, auch eigentlich schwache, Region was Wichtiges
bekommen sollte. So wurde der Industriepark dorthin geklotzt. Tausende junge
Leute zogen hin. Meist taten sie das freiwillig, es gab Wohnungen, gute
Arbeitsbedingungen und gute Bezahlung; andere wurden nach ihrem Studium auch
zwangsweise an solche Standorte vermittelt. Dass nun so viele junge Leute dort
wohnten und Familien gründeten, hatte skurrile Auswirkungen. Im Schwedter Neubaugebiet
standen acht DDR-Standard-Schulen, exakt gleicher Bautyp, in einer Reihe
hintereinander - damit die Kinder sich nicht verirrten, waren an den Giebeln
verschiedene Blumen-Symbole angebracht.
Wir Studenten wurden richtig in die Produktionsabläufe
eingetaktet, lernten nun z.B. kennen, was „Rollende Woche“ hieß:
Drei Wochen lang ging´s im Dreischicht-Rhythmus ohne Wochenende durch, dann
war eine Woche frei. Das schlauchte doch ziemlich, sodass ich mich nur
erinnern kann, dass nachts die Mücken nervten und dass in diesem Sommer eine
neue Platte der Beatles veröffentlicht wurde, „Hey Jude“,
heißerwartet, aber dann wegen der endlosen Länge doch enttäuschend.
Mutproben
Am Ostseestrand wurden wir immer gut
bewacht und beobachtet und beschützt, damit niemand auf den Gedanken kam, vielleicht
auf Boot oder Luftmatratze das geheiligte Territorium - als „Republikflüchtling“
- zu verlassen. Vor allem wenn die See ruhig und spiegelglatt war, hätte man
auf solcherlei Ideen kommen können. Aber zur Abschreckung fuhr da immer ein
Kampfschiff der DDR-Marine auf, machte ein paar hundert Meter vor der Küste
fest und blockierte demonstrativ und als optisches Abschreckungssignal den
Blick und den Weg nach der schwedischen Küste.
Als da wieder einmal so ein
Kahn lag, juckte mich der Hafer und ich beschloss, den Beschützern einen
Besuch abzustatten.
Ich gab mein Vorhaben
bekannt und schwamm los. Das alles hatte so nahe ausgesehen, aber nun dauerte
die Hintour endlos lang, vielleicht eine Stunde. Als ich mich dem Schiff
näherte, löste ich doch einige Verwirrung aus. Erst flogen einige
Leuchtpatronen knapp über mich hinweg, als ich noch näher kam, gab´s
Wischwasser auf den Kopf und böse Sprüche von oben. Ich drehte ab und schwamm
den langen Weg zurück.
Ein andermal war wieder
ruhige See, ich schwamm hinaus. Hinter mir trübte es sich ein, Küstennebel,
der sich am Strand breit machte und langsam aufs Meer hinauszog. Nach einer
Weile war nur noch Wasser um mich und Nebel. Zwar hörte ich noch Stimmfetzen
vom Strand her, es klang nahe, die Richtung nach Hause war aber nicht mehr zu
orten. Ich schwamm hier hin und dort hin, Panik entstand, Endzeitgedanken. Nach
quälend langer Zeit hatte ich dann doch irgendwann wieder trockenen Sand unter
den Füßen.
Kohlkopf auf Nonnevitzens
Dünen
Ich hatte damals immer eine
Gitarre bei mir, auch auf dem Zeltplatz, auch am Strand. Ich begleitete
Studentenlieder, Unsinns-Reime, wenn´s sein musste auch einmal ein Volkslied,
und wenn´s mir Spaß machte, sang ich allein Lieder von den Beatles oder
Protestsongs. Eines Tages setzte sich ein fremder Typ zu unserer Runde und
begann eigene Lieder zu singen, mit deutschen Texten, eines davon hieß
„Kohlkopf auf Nonnevitzens Dünen“. Er machte das professionell,
beeindruckend, und es regte mich an zum Nachmachen. Ich hörte ein paar Abende
zu und beschloss dann: Das probiere ich auch. Ein Notizheft wurde gekauft, und
noch im gleichen Urlaub entstanden erste Gedichte als Liedtexte). Der Typ
hieß übrigens Kurt Demmler und war später einer der wichtigsten
„Texter“ in der „Singebewegung“ der DDR und in der
Rockszene. 10 Jahre später hat er im Rundfunk ein Lied mit einem Text von mir
gesungen – da war ich schon mächtig stolz drauf.
Wir hatten unser Diplom endlich in der Tasche. Mein Freund
bekam von seinem Vater als Belohnung das Auto zur Verfügung gestellt, und er
lud mich ein, mit nach Polen zu fahren.
Er war schon früher dort
gewesen, kannte ein paar Leute unterwegs. Überwältigt waren wir von der
Gastfreundschaft, die wir erlebten. Ein Ehepaar überließ uns sein Ehebett, sie
schliefen inzwischen irgendwo in einer Kammer. In einer anderen Familie wurde
die Tochter von der Schule „freigestellt“, d.h. sie schwänzte auf
Befehl der Eltern, damit wir, die Gäste aus Deutschland, rundum ordentlich
begleitet und betreut werden konnten.
Als wir einmal von der
Autostraße aus eine kleine Kirche sahen und dort im Schatten eine Rast
einlegten, trat ein verschwitzter Landarbeiter zu uns und erklärte in holprigem
Deutsch, dass er den großen Gutshof, vor dem unser Auto stand, seit der Abreise
der „Herrschaft“ immer in Ordnung gehalten habe und ihnen
jederzeit wieder übergeben könne - die deutsche „Herrschaft“ war da
aber immerhin schon 25 Jahre weg. An anderer Stelle wurde uns deutlich, warum
die Zustände (Bauwerke, Bewirtschaftung) in den ehemals deutschen Gebieten sich
sehr viel desolater darstellten als in den „urpolnischen“
Regionen, die wir weiter im Osten kennenlernten: Hier waren Menschen
angesiedelt worden ohne „Bodenhaftung“, sie waren selbst vertrieben
worden aus Gebieten, die inzwischen zur Ukraine gehörten, und sie waren sich
noch 1970 gar nicht sicher, ob es sich lohnte, hier Wurzeln zu schlagen –
vielleicht kämen die Deutschen ja doch noch einmal wieder ...
Wir zelteten in der Hohen
Tatra, erkundeten von Zakopane aus das blau-schwarze Hochgebirge. Da wir jung
waren und ehrgeizig, wollten wir auch den höchsten Berg Polens besteigen, den
Rysi. Wir hatten kurz auf die Karte gesehen, da war es nur zwei Kilometer weit,
und im Vollgefühl unserer Kräfte beschlossen wir, den Berg mal noch so
nebenbei als Nachmittagsspaziergang zu erklimmen. Wenn wir auf die
Höhenlinien in der Karte geachtet hätten, wäre uns klar gewesen, dass es nicht
nur zwei Kilometer weit, sondern auch fast die gleichen zwei Kilometer nach
oben ging. Wir stürmten bergan, ungeübt wie wir waren, ohne Atemtechnik und
dergleichen. Froh gelaunt und eilenden Schrittes überholten wir einen anderen
Wanderer, der bedächtig voranschritt. Dann gab´s erste Atemnot, wir legten
eine Verschnaufpause ein, und da kam der „alte Mann“, den wir doch
eben noch so zügig überholt hatten, und er stapfte langsam, aber stetig an uns
vorbei. Das war ärgerlich, wir brachen wieder auf, überholten ihn auch bald,
aber dann mussten wir erneut verschnaufen. Jetzt lief uns nicht nur der Mann,
sondern auch die Zeit davon, und irgendwann brachen wir den Versuch ab. In den
folgenden zwei Wochen haben wir die Karten lesen und die Situationen und
unsere Kräfte besser einschätzen gelernt; es gab einen zweiten, gut
vorbereiteten Anlauf, und da haben wir den Gipfel erreicht.
Wir entdeckten bei unseren
touristischen Planungen, dass in der Nähe der alten Königsresidenz Krakau auch
Auschwitz liegt. Im Geschichtsunterricht hatten wir zwar davon gehört, aber
das alles war doch ziemlich abstrakt geblieben, und wir hatten keine Ahnung,
was uns dort erwarten würde. Aus der Beliebigkeit touristischer Neugier wurde
schnell Betroffenheit. So konzentriert hatte die Erinnerung an das Leid von
Millionen von Menschen schon eine unheimliche Wucht. Als wir in einer Kammer
standen, die vollgestopft war mit Schuhen von ermordeten Häftlingen, stand
neben mir ein altes Mütterchen, gekrümmt, und starrte schweigend ins Leere.
Dort wurde mir klar, dass es für sie kein Museum war. Vielleicht suchte sie
unter den alten Schuhen, die hier herumlagen, die Schuhe, die eines ihrer
Kinder getragen hatte, damals, und da fühlte ich mich plötzlich doch sehr als
Deutscher.
Studenten-Kurzurlaub. Uns
blieb nur eine Woche Zeit in der slowakischen Hohen Tatra. Es war herrliches
Wetter, alle wichtigen Wanderwege hatten wir bereits im Geschwindschritt
„abgewandert“. Ein Ziel aber war noch unerreicht, sollte aber auf
jeden Fall noch bezwungen werden. Der höchste Gipfel des Gebirges, der Gerlach,
lockte unwiderstehlich. Zwar hatten wir gelesen: Es ist gefährlich, es gibt
keine markierten Wege, man darf den Berg nur mit einem Führer besteigen. Aber
was kümmerte das uns. Der Aufbruch erfolgte in aller Frühe, zwei Knaben und
zwei Mädchen machten sich auf die Socken. Nach zwei Stunden war die
Einstiegsstelle erreicht. Über den Gebirgskamm zogen dunkle Wolken herein, ein
kurzes Bedenken, aber: Wenn wir jetzt nicht aufbrechen, wird´s in diesem
Urlaub nicht mehr. Die Mädchen kehrten nach ein paar hundert Metern um, weil es
doch ziemlich hart losging mit Hangeln an Ketten und Balancieren über
Eisfelder, auch verdichteten sich die Wolken zunehmend. Aber mein Bruder und
ich stürmten hinauf. Der Weg war notdürftig mit „Steinmännern“
markiert - aufgeschichteten Steinpyramiden -, aber immer öfter waren auch die
nicht mehr zu finden. Es begann heftig zu regnen, später kam noch Schnee dazu.
Nebel machte die Orientierung fast unmöglich. Wir trafen auf einen Tschechen in
unserem Alter, der allein unterwegs war, aber auch er hatte keine Ahnung, wo
der richtige Weg langging. Nach oben – das konnte nicht falsch sein, und
so kämpften wir uns, inzwischen völlig durchweicht und durchfroren, über
glitschige Geröllfelder weiter aufwärts. Immer einmal ging einer auf Suche nach
links oder rechts, ob´s da besser aussah. Stunden später hatte einer von uns
doch die Gipfelstange gefunden. Wir waren stolz, geschafft und ratlos, denn
alle Versuche, nun einen Weg für den Abstieg nach unten zu finden, endeten an
steil abfallenden Felswänden. Zum Glück hörten wir nach einiger Zeit Stimmen,
eine Gruppe - ordentlich mit Bergführer - kam durch den Nebel herauf. Wir
schlossen uns ihnen auf dem Rückweg ein Stück an, und dann hasteten wir von
Steinmann zu Steinmann den Berg hinunter, der Schneeregen war nicht mehr zu
spüren, längst war es dunkel geworden, aber irgendwie fanden wir aus den
Geröllfeldern heraus, dann rannten wir im Laufschritt noch zwei Stunden über
einen steinigen Pfad hinunter ins Tal, bestiegen die Bahn, die uns zum
Zeltplatz zurückbrachte.
Viele Jahre später hat mir
ein Freund erzählt, wie er mit seinen beiden Söhnen am gleichen Berg zusehen
musste, als zwei Wanderer zu Tode stürzten.
Im gleichen Urlaub erlebten
wir bei einer Wanderung ein Gewitter im Hochgebirge, was sehr beeindruckend
und beängstigend ist. Wir wanderten auf der „Magistrale“, einem
Höhenweg, der schutzlos außerhalb der Vegetationszone in Geröllfeldern
verläuft. Innerhalb von Minuten kam überraschend ein heftiges Gewitter über den
Kamm gezogen. Ein ununterbrochenes Inferno von Blitzen und Donnern umtobte uns
von allen Seiten. Wir konnten uns eine Stunde lang nur ohnmächtig im
strömenden Regen zwischen die Steine pressen und warten ...
4. Das volle Leben
– vor der Wende
Beruf,
Familie und Opposition
(1970 bis 1989)
Von 1970 bis 1982 war ich
als Chemiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Dresdner
Forschungsinstitut tätig und hatte dort mit Korrosionsschutz und der Messung
von Luftverunreinigungen zu tun. 1971 habe ich geheiratet. 1972, 1973, 1979 und
1989 wurden unsere vier Kinder geboren. Von 1979 bis 1982 studierte ich im
Fernstudium Theologie. Seit 1982 war ich dann bei der Evangelischen
Landeskirche in Sachsen als Fachreferent für weltanschauliche und ethische
Fragen im Bereich Naturwissenschaft-Technik-Medizin tätig. Im gleichen Jahr
zogen wir als Familie von der Großstadt aufs Land, zurück in das Dorf, in dem
ich schon als Kind gelebt hatte.
Vier Jahre lang hatte ich
als Student in meinem Zimmer bei der „Wirtin“ gewohnt. Nun war ich
verheiratet, meine Frau erwartete unser erstes Kind, wir brauchten eine Wohnung
für uns allein.
Der Wunsch war erlaubt, aber es gab einige Hürden zu
überwinden. Zuerst musste ein Wohnungsantrag gestellt werden. Damit aber wirklich
was passierte, war es wichtig, immer wieder zu drängeln und zu schmeicheln auf
dem zuständigen Wohnungsamt, Befürwortungen von dieser und von jener Stelle einzuholen
und vorzulegen. Irgendwann war das Amt mürbe und stellte endlich die
„Zuweisung“ für eine Wohnung aus. Aber diese Wohnung lag am anderen
Ende der Stadt. Wir setzten eine Annonce mit einem Tauschangebot in die
Zeitung, und wir hatten Glück. Eine alte Dame meldete sich, aber die hatte erst
tausend Wünsche, wie ihre neue Wohnung sein sollte: Wasser rein, Gas raus, rosa
Zimmerdecke mit Wolkenmuster. Damals haben wir gelernt, wie man Wände abwäscht,
tapeziert, einen Ofen „kehrt“ (Deckkacheln abmachen, eimerweise
Asche herauskratzen, Kacheln mit Lehmpampe wieder aufkleben). Dann war noch
unsere ertauschte Wohnung herzurichten, und wir konnten endlich einziehen, mit
unserem ersten Kind, das inzwischen geboren war.
Das Haus, in dem wir jetzt wohnen würden, lag hoch oben an
einem Hang. 82 Treppenstufen führten von der Straße hinauf, für den Transport
der Kohlen zum Heizen waren neben der Treppe Schienen verlegt, auf denen eine
kleine Lore hochgezogen werden konnte.
Wir bewohnten zwei Zimmer á 11 Quadratmeter, dazu gehörte
eine kleine Küche, zum Kohlenkeller ging es von der Küche aus vier Stufen nach
oben (!), wir Eltern schliefen in einer bunkerähnlichen schmalen Kammer, die
1,20 breit und 3 Meter lang war, in einem Doppelstockbett.
Wir wohnten
„Souterrain“, also etwas unterirdisch, was aber auch bequem war.
Der Garten befand sich auf gleicher Höhe wie unsere Fensterbretter, und die
Kinder konnten gleich zum Küchenfenster hinausgereicht werden.
Die Zimmerdecken hatten ein
interessantes Muster, das wir lange für Stuckkunst oder so was hielten. Kleine
Kreise von zwei Zentimetern Durchmesser waren da einer neben dem anderen eingeprägt,
das Muster ging gleichmäßig über die ganze Decke. Später erfuhren wir von der
Vormieterin, wie das zustande gekommen war. In der Wohnung über ihr wohnte
eine Familie mit Kindern, bei denen es manchmal turbulent zuging. Das Trippeln
und Hopsen wurde eine Etage tiefer als nervig empfunden, und so kam der
Besenstiel zum Einsatz, mit dem durch heftige Stöße nach oben Signale gegeben
wurden, einprägsam Abdruck um Abdruck.
Wir hatten endlich was
eigenes und fanden´s gut so und kauften uns einen großen Kleiderschrank. Die
Windeln wurden auf dem Küchenherd in einem großen Topf gekocht. Meine Frau
schrieb, während die Tochter zwischen ihren Beinen herumkroch, Diktate eines
Röntgenarztes ab - vom Tonband ins Schreibmaschinen-Protokoll. Und weil´s so
schön war und wir so alternativ waren, nahmen wir einige Wochen später noch
eine junge Frau mit Kind auf, die zu Hause „rausgeflogen“ war.
An einem Wintertag Anfang
des Jahres 1973 betrat ich eine kleine Baracke und saß dann zusammen mit 20
doch recht abenteuerlichen Gestalten auf Tischen und alten Polstermöbeln, und
wir diskutierten und diskutierten ... Ich war in der „offenen
Jugendarbeit“ der Weinbergskirche in Dresden gelandet, und was ich hier
erlebte, hat mich geprägt, hat mich verändert, hat mich viele Jahre fest
gehalten. Manchmal 15 und später auch manchmal 150 junge Leute trafen sich
dort einmal in der Woche. Sie kamen aus sehr unterschiedlichen sozialen
Milieus, aber sie hatten eines gemeinsam: Sie wollten das „ABC des
Lebens“ buchstabieren, nachdenken über Sinn und Ziel ihres eigenen
Daseins, und sie wollten dieses andere Leben auch wirklich ausprobieren. Da
wurde erregt debattiert über (antiautoritäre) Erziehung, Generationsfragen,
den Sinn des Soldatseins, Gewalt und Protest, Musik (von Bob Dylan und Chicago
und Wolf Biermann), Literatur (selbstgemachte und verbotene). Da wurden Pläne
geschmiedet für die Gründung von „Kommunen“ auf dem Lande - zum
Test wurde erst einmal unser Trabant von drei Familien gemeinsam genutzt, was
ganz gut klappte.
In diesen Jahren lernte ich
die DDR noch einmal ganz neu kennen. Es gab Ausgrenzung und Willkür und
brutale Macht immer noch, ich hatte das bloß nicht erlebt bisher. Plötzlich
hatte ich Freunde aus dem Arbeitermilieu, die im Knast gewesen waren, die als
„asozial“ galten und vom Staat auch so behandelt wurden, ich
erlebte Verhaftungen aus nichtigem Anlass. Ich begegnete Künstlern aus einem
ganzen „Untergrund“-Netzwerk. Ich lernte „Tramper“ kennen,
die mit Schlafsack auf dem Rücken und ein paar Adressen in der Tasche
unterwegs waren, einziges Ziel: das nächste Konzert „ihrer“
Bluesband.
Hab
viel gesehen, manches nicht verstanden,
doch
weiß ich täglich mehr.
Stand
an vielen Türen, hatte keinen Mut,
doch
ging ich wieder hin.
Hab
viel versprochen, manches nicht gehalten,
jetzt
denk ich vor dem Wort.
Hab
viel genommen, wenig nur gegeben,
doch
fing ich grad erst an.
Kannte
viele Worte, die andre gerne hören,
jetzt
sag ich, wer ich bin.
Hab
viel begonnen, manches nicht beendet,
doch
ich hab was getan.
(Rock-Gruppe
PANTA RHEI - später KARAT, 1973,
Text: Joachim Krause, Musik: Herbert Dreilich)
Für den 12. November 1973
hatte mich ein Termin per Postkarte ereilt. Zur „Klärung eines Sachverhalts“
sollte ich im Volkspolizeikreisamt (VPKA) erscheinen. Der Termin passte mir gar
nicht. Die Geburt unseres zweiten Kindes stand unmittelbar bevor, ich hatte
unterwegs einen neuen Kinderwagen erworben, unten drin im Wagen-Korb lag ein
gerollter Bettvorleger. So ausgerüstet meldete ich mich im Polizeigebäude an
der Information. Meine Frage nach „Zimmer 211“ löste merkwürdige
Reaktionen aus: hektische Betriebsamkeit, Getuschel, klappende Türen,
Telefongespräche. Dann endlich der Verweis, nach oben zu gehen. Dort saß ich
wieder lange vor einer verschlossenen Tür. Irgendwann wurde ich hineingebeten.
Halbdunkel, zwei Herren in Zivil, Ausweise vor meiner Nase. Stasi. Panik. Aber
zunächst waren sie ganz freundlich. Fragten nach Persönlichem, nach Beruf und
Freunden. Ich habe doch gute Kontakte zu Musikern aus der Rock-Szene. Es wurde
härter, bedrohlicher: Ich wüsste doch sicher, dass da mit den Steuern getrickst
würde, dass die Verstärkertechnik illegal aus dem Westen käme. Und um klar zu
beweisen, dass ich damit nichts zu tun habe, sollte ich doch mal erzählen, was
ich denn so wüsste ... Ich wusste zwar einiges, wollte aber nichts gegen meine
Kumpels sagen, wollte aber auch die Herren nicht unnötig verärgern. Eiertanz,
Angstschweiß. Ein zarter Hinweis, dass ich irgendwann nach Hause müsste, wurde
abschlägig beschieden: Dieses Gespräch würde so lange gehen, wie es eben gehen
müsste. Passendes Detail: Die Tür hatte innen und außen keine Klinke. Die Zahl
der Herren nahm zu, sie waren austauschbar, betraten und verließen nach irgendeiner
Regie das Zimmer, waren mal verständnisvoll und dann mal sehr aufgeregt und in
Drohpose. Was ich für Freunde hätte. Ob ich denn dies und jenes von dem und
jenem wüsste. Dass ich natürlich nicht verdächtig wäre, aber dass ich
vielleicht was aufklären könnte, eigentlich gehe es durchweg um Verstehen und
Helfen ... Konzentrationsübung. Fluchtreflexe. Ich wollte hier raus. Aber da
war diese Tür ohne Klinke. Nach zwei oder drei Stunden war endlich Schluss. Vorläufig,
wie sie sagten. Im Aufstehen wurde mir ein Zettel vor die Nase gelegt, den ich
doch bitte unterschreiben möge. Reine Routine: dass das heute Gefragte und
Gesagte unter uns bliebe und dass ich bereit sei, das Gespräch demnächst fortzuführen.
Fast hätte ich unterschrieben, nur um hier endlich wegzukommen. Da ging im
Hinterkopf eine rote Lampe an. Nein, sagte ich, mit meiner Frau werde ich
drüber reden. Die Herren waren böse, aber gerade ihre Unsicherheit bestärkte mich.
Der Zettel blieb ohne Unterschrift.
Zu Hause folgten
stundenlange Gespräche, mit meiner Frau, mit Freunden, zu denen ich befragt
worden war. Schlaflose Nächte. Dann schrieb ich einen Brief, Eilsendung und Einschreiben,
mangels Namenskenntnis adressiert an „Zimmer 211“ im VPKA Dresden.
Und darin sagte ich endgültig NEIN: Konspirative Gespräche mit mir allein und
über Dritte würde es nicht geben.
Erst zwanzig Jahre später
ist mir richtig klar geworden, dass diese kleine Unterschrift mein Leben vielleicht
völlig verändert hätte. Meine Stasiakte beginnt mit einem dünnen Hefter, in
dem ich als „IM-Vorlauf“, als potenzieller Mitarbeiter der
„Organe“ geführt werde. Dort ist nach dem geschilderten Gespräch
auch ordentlich ein Umschlag abgeheftet worden, auf den das Wort
„Verpflichtung“ gestempelt ist. Und dieser Umschlag war leer
geblieben. Damit war mein potenzielles „IM“-Dasein schlagartig beendet.
Es gab im Denken der Stasi aber nur Freund oder Feind, und so wurde im
Abschlussprotokoll festgelegt, „die Bearbeitung des Kandidaten in einem
IM-Vorlauf einzustellen und ihn im Namen der OpV-Bearbeitung unter Operative
Personenkontrolle zu nehmen.“ In den nächsten 17 Jahren war ich
Staatsfeind unter intensiver Betreuung, und die von der Stasi erstellten
Konzeptionen für meine „Betreuung“ sahen nun vor, die Gruppierungen,
in denen ich lebte, „systematisch zu zersetzen und zu liquidieren“.
Auch ich zog konkrete
Schlussfolgerungen aus dem Stasi-„Gespräch“, in das ich doch
ziemlich unvorbereitet geschlittert war. Ich sprach in der Folgezeit mit
Freundinnen und Freunden, die schon ähnliche Erfahrungen auf Ämtern oder mit
überraschenden Besuchern zu Hause gemacht hatten, und bot für die Jugendlichen
in unserer offenen kirchlichen Jugendarbeit regelrechte Schulungs- und
Trainingsabende an: Wie verhalte ich mich, wenn ich eine Vorladung erhalte,
wenn unerwartet fremder Besuch klingelt? Was habe ich für Rechte, wie kann ich
„die“ ärgern, verunsichern?
Unser Nachdenken über
alternative Gesellschaftskonzeptionen war intensiv und nahm konkretere
Gestalt an. Ende der 70er Jahre habe ich an einem Manuskript geschrieben mit
dem Titel: „Die andere Hälfte“. Da wollte ich aufzeigen, was diesem
Sozialismus fehlte, die Kluft deutlich machen zwischen dem schönen Anspruch
und der ganz anderen Wirklichkeit unseres Alltags. Ich wollte das System DDR
messen an seinen eigenen hohen Zielvorgaben. Ich habe Rosa Luxemburg, auch Marx
und Engels gelesen – und mit deren Zitaten argumentieren gelernt.
Das unfertige Manuskript ist
dann aber leider irgendwann mit in den Ofen geraten, als wieder einmal jemand
verhaftet wurde und die Wohnung „sauber“ sein musste.
Es war ein nieseliger Abend
in Leipzig. Mein Freund H. sagte nur: Komm mal mit. Wir stiegen in sein Auto.
Verschlungene Wege durch die Stadt, plötzliches Abbiegen, Umwege, Blicke in den
Rückspiegel, ob uns jemand folgte. Mir wurde zunehmend mulmig zumute. Dann
hielten wir auf einer kaum beleuchteten Straße, betraten ein verfallenes Haus,
H. klopfte merkwürdige Sequenzen – ein offenbar vereinbartes Signal, auf
das hin sich die Tür auftat.
Drinnen standen einige Leute
herum, die ich nicht kannte und die auch mich misstrauisch musterten. Aber
dann wurde es interessant. In mehreren Räumen lagen - auf Tischen und Regalen
ausgebreitet – Bücher. West-Bücher! Begehrtes und Verbotenes, was ich
sonst nur aus Katalogen oder aus Gesprächen kannte, Politisches und
Philosophisches und Umwelt und Wirtschaft und Psychologie – hier lag das
alles zum Anfassen und Blättern bereit. Wer Westgeld bei sich hatte, konnte
sogar gleich jetzt zufassen und kaufen und mitnehmen.
Das Leseglück wurde jäh
durch einen Zwischenfall unterbrochen. Es klopfte erneut an der Tür, aber es
war wohl nicht der vereinbarte Code, denn alle erstarrten. Erst der Versuch,
das Klopfen mit Schweigen zu ignorieren, aber nach wiederholtem Pochen ging
doch jemand zur Tür. Inzwischen hatten wir uns alle darauf eingestellt, dass
gleich die Staatsmacht erscheinen würde, Knastgedanken. Aber es war dann doch
ein vertrautes Gesicht, der Neuankömmling hatte sich nur beim Klopfsignal
verzählt ...
H. war in Ungarn gewesen und
hatte Bücher gekauft, Westbücher, vor allem Philosophisches und Politisches.
Einen ganzen Stapel davon hatte er auf der Rückfahrt im Zug bei sich. Aber an
der Grenze zwischen der ČSSR und der DDR in Dečin war Schluss. Bei
der Kontrolle wurden die „Feindliteratur“ entdeckt und sicher
gestellt. Der Verlust schmerzte. Ein paar Wochen später saß er mit seiner Frau
bei uns in der Wohnung - und wir machten böse Pläne. Die Grenzer hatten ihm mit
deutscher Gründlichkeit eine Quittung ausgehändigt, auf der stand, dass
„die Einfuhr der Bücher in die DDR nicht gestattet sei“, sie lagen
aber noch dort unter Verschluss, waren theoretisch weiter sein Eigentum. Wir
wollten nun versuchen, die Bücher doch noch irgendwie rüber zu kriegen. Wir
würden noch einmal an die Grenze fahren. H. wollte sich dort seine Bücher
abholen und in Richtung Tschechien weiterfahren. Dann aber würden wir am
nächsten Bahnhof aussteigen über die „grüne“, damals unbewachte,
Grenze durch die Sächsische Schweiz zurückwandern. Nun wurde schon über
Zugfahrpläne und das Reagieren auf unangenehme Eventualitäten gesprochen.
Unsere Frauen waren dagegen, aber die Abenteuerlust siegte, und dann saßen wir
im Zug nach Dečin. Wir fuhren getrennt, taten so, als ob wir uns nicht
kannten. H. ging am Grenzkontrollpunkt zielstrebig ins Büro, ich stand mit
Bauchschmerzen auf dem Bahnsteig und überlegte, was in welchem Fall nun zu tun
sei. Da aber kam H. schon wieder heraus, hatte eine schwere Tüte in der Hand
und lief - Konspiration hin oder her - direkt auf mich zu. Wir könnten mit dem
nächsten Zug nach Dresden zurückfahren, sagte er. Dem Zollbeamten drinnen war
so etwas noch nie vorgekommen. Er hatte, als H. seine Quittung vorlegte und die
Aushändigung „seiner“ Bücher verlangte, diese nach kurzer Zeit im
Nachbarzimmer gefunden. Er fragte, was H. nun tun werde. Als dieser sagte, dass
er die verdächtigen Gegenstände wieder nach der ČSR ausführen werde,
meinte der Grenzer nur trocken, das könne er machen wie er wolle, ihm sei es
zu blöd, das nun vielleicht auch noch zu kontrollieren, von ihm aus könne er
die Bücher auch nach Hause mitnehmen ...
So etwas haben wir uns viel
zu selten getraut.
Es war 1973 in den Tagen der
„Weltfestspiele der Jugend und Studenten“ in Berlin. Ich fuhr
U-Bahn. Plötzlich blieb der Zug auf freier Strecke stehen, irgendwo unter den
Straßen Ostberlins. Das Licht im Wagen erlosch. Zuerst gab es den üblichen
Tumult, Kreischen, Grölen – die Jugend war unter sich. Dann deutete
einer auf das Fenster. Alle starrten auf das Bild, das langsam aus dem Dunkel
hervortrat. Man blickte in einen stillgelegten U-Bahn-Schacht. Der Tunnel war
von matten Glühlampen spärlich erleuchtet. Und dort saßen überall
Uniformierte, mit Stahlhelm, schwer bewaffnet, rauchten oder dösten vor sich
hin. Dann ging das Licht im Waggon wieder an. Die Fahrt ging weiter, der Spuk
war vorbei.
Im Spätsommer 1980 wurde H.
verhaftet. Er hatte gemeinsam mit anderen in Leipzig politische Literatur aus
dem Westen gezielt in die DDR eingeführt und verbreitet. Auch bei mir standen
Bücher wie „Die Alternative“ von Bahro oder Werke von Solschenizyn
aus diesen dunklen Kanälen in Schrank, und ich hatte auch öfter Schallplatten-
und Bücher-Pakete zur Post gebracht, aus deren Erlös im Westen der Bücherkauf
finanziert wurde. Nun schlug der Blitz ganz in meiner Nähe ein. Verhaftung,
Haussuchung, Beschlagnahmungen. H. war mit seiner Familie auf dem elterlichen
Bauernhof zu Besuch. Dort, in der ländlichen Einsamkeit, traute sich die
Stasi: 12 ihrer Leute waren aus Leipzig gekommen, hatten den Hof beobachtet
und griffen nun zu. Ein zufällig auch anwesender Freund von H. überbrachte uns
- wir saßen nichts ahnend drei Kilometer entfernt im Garten - die böse
Nachricht. Aber auch Entwarnendes konnte er mitteilen: Ich war am Abend vorher
noch drüben zu Besuch gewesen und wir hatten einige Manuskripttexte
ausgetauscht. Der Freund hatte einige Blätter, die von mir stammten, als
Nachtlektüre mit auf sein Zimmer genommen, und als die Stasi schon im Haus war,
ging er in aller Ruhe aufs Klo und spülte einige besonders böse Papiere das Rohr
runter.
Trotzdem, jetzt herrschte Panik. Angstschweiß trat auf, wenn ein unbekanntes
Auto auf der Straße vorfuhr – kommen sie jetzt auch zu uns? Sie kamen
nicht. Aber ich wusste: Sie hatten bei der Haussuchung auch Bücher
beschlagnahmt, die mir gehörten. Mein Selbstbewusstsein kehrte wieder, und
ich schrieb einen Brief an den Staatsanwalt in Leipzig, in dem ich ihn
aufforderte, mir mein – doch wohl irrtümlich und rechtswidrig konfisziertes
– Eigentum, Westbuch um Westbuch genau aufgelistet, wieder
auszuhändigen. Und Frechheit siegte: Wenige Wochen später übergab mir ein
Kurier irgendwelcher Staatsorgane ein Päckchen mit meinen beschlagnahmten
Büchern und Briefen. Die Erkenntnis hieß: Man hat auch in der DDR Rechte, und -
aber auch nur - wenn man die einklagt, kriegt man (manchmal) auch Recht. Da
war offenbar Spielraum im System DDR, und diese Grenzen galt es auszuloten!
Als - erst viele Monate
später - der Gerichtsprozess gegen H. stattfand, haben wir die Staatsmacht
erneut getestet und verunsichert. Grundsätzlich waren auch „politische“
Verfahren vor Gericht öffentlich. Also erkundeten wir mühsam den genauen Ort
und Termin der Verhandlung. Freunde und Bekannte wurden in Kenntnis gesetzt und
zum Hinkommen ermutigen. Dann erschienen wir zum anberaumten Gerichtstermin:
Klopfen und Klingeln an der lange verschlossen bleibenden Tür des Untersuchungsgefängnisses,
entschlossenes Vorbeischreiten an den verdutzten und verunsicherten
Uniformierten, hektische Betriebsamkeit im Verhandlungsraum, der weder von
den vorhandenen Stühlen her noch seitens der Richter und Anwälte auf
Öffentlichkeit vorbereitet war, solidarischer Blickkontakt zu den bereits
herangeführten Beschuldigten, stolze Teilnahme an der verzögert und nervös
zelebrierten Eröffnung der Verhandlung. Dann erfolgte der von uns erwartete
amtliche „Ausschluss der Öffentlichkeit“. Aber wir gingen erhobenen
Hauptes. Wir hatten es uns selbst und „denen da“ gezeigt: Wir
lassen uns nicht (mehr) alles so einfach gefallen!
Trotzdem waren solche
Erfahrungen mit Gefängnisnähe Anlass, sich in der Familie nüchtern die Frage zu
stellen: Wie viele Jahre Knast kommen in Frage, und wann ist Ausreise
angesagt? Schön theoretisch war sie schon, diese Frage. Ich glaube, die
Verständigung mit meiner Frau hieß: höchstens ein Jahr. Bei einer längeren
Haftstrafe hätten wir einen Ausreiseantrag gestellt. Makaber, aber der Westen
war in dieser Sicht immer eine Rettungsmöglichkeit, mit der wir für den
Krisenfall rechneten.
Von Stund an gab es auch bei
uns zu Hause eine Liste mit Namen, die im Ernstfall zu informieren waren.
H. wurde übrigens von
Wolfgang Schnur verteidigt - genau: von dem Stasi-IM Schnur! Ich hatte
H.s Frau dazu geraten, sich diesen Anwalt zu nehmen. Aber wir waren vorsichtig.
Sie sollte erst einmal zuhören, was er tatsächlich über den Fall wusste, ihm
nicht mehr sagen als unbedingt nötig, und vor allem: keine Namen! Schnur hat
auf Freispruch plädiert, und nach einem Jahr war H. wieder draußen.
An einer
Stelle war das System DDR besonders verletzlich: Offenheit, Öffentlichkeit
waren nicht vorgesehen. Vieles geschah nach Spielregeln, die in internen
Zirkeln verabredet wurden. Entscheidungen waren nicht durchsichtig. Weder war
ihr Zustandekommen nachzuvollziehen, noch waren Verantwortliche greifbar.
Mechanismen einer Mitwirkung oder Kontrolle durch die Öffentlichkeit waren
nicht vorgesehen. Für alle Lebensbereiche waren Strukturen vorgegeben, und
damit war jeder andere Weg oder jede andere Organisationsform auch schon
ausgeschlossen. Alles, was nicht offiziell angeordnet oder organisiert war, war
eigentlich verboten ...
Und nun kamen da Leute und
machten „offene“ Jugendarbeit. Treffs, zu denen einfach jeder
kommen konnte, bei denen jeder sagen durfte, was ihm wichtig war. Und die
verborgenen Zuhörer, die in „dienstlichem“ Auftrag dabei waren,
wurden von uns auch offensiv aufgefordert, kritische Botschaften doch
weiterzutransportieren!
Für die Stasi war
De-Konspiration, also das Auffliegen-lassen der Geheim-Sphäre, z.B. das (öffentliche)
Reden über Kontakte zu diesem „Organ“ oder über dort gehabte
Gespräche die schrecklichste Sache überhaupt. Also lautete die Regel Nummer 1,
die wir untereinander weitersagten: Wenn schon jemand eine solche Begegnung
der besonderen Art hatte, dann solle er mit allen möglichen Leuten darüber
reden und das auch den Schlapphüten mitteilen!
Ich habe immer sehr
freizügig und ganz offen Kontakte Richtung Westen gesucht. Oft geschah das
sogar dienstlich von der Arbeitsstelle aus. Durch Abschicken von besonderen
Postkarten hatte man die Chance, an wichtige fachliche Informationen
heranzukommen (Sonderdrucke aus Fachzeitschriften); um an andere lesenswerte
Druckerzeugnisse heranzukommen, schrieb ich auch Briefe direkt an Autoren und
Verlage. Der Rücklauf klappte recht gut, wurde also nicht unterbunden, aber die
Vorgesetzten und manche Behörden hatten schon erhebliche Schwierigkeiten mit
derlei „Westkontakten“, die es eigentlich gar nicht geben sollte.
Ich bin eigentlich, was
Technik anbelangt, ziemlich blind. Aber für´n Trabant hat´s doch gereicht.
Wenn man sich in diesem Auto umsah oder die Motorhaube öffnete, war sehr
übersichtlich alles zu sehen, was zu einem Auto gehört, und wie das
funktioniert, konnte man auch verstehen. Denn um mit dem Trabant zu überleben,
musste man mancherlei wissen, was und wo und wie, und man musste oft selbst
Hand anlegen. Es gab z.B. einen Feuerlöscher. Als eine Freundin sich einmal
unser Auto geborgt hatte, ist der tatsächlich zum Einsatz gekommen, bei einem
Brand im Motorraum mitten auf der Kreuzung. Es gab einen Reserve-Hahn für die
Benzinzufuhr. Wenn der Motor plötzlich stotterte - es gab keine Vorwarnung
durch eine Tankanzeige im Cockpit -, tauchte der kundige Fahrer blitzschnell
nach rechts unters Lenkrad ab und drehte einen kleinen Hahn nach links. Ich
führte für den Notfall immer eine Rückzugsfeder für den Bowdenzug vom Gaspedal
mit; wenn diese unscheinbare Spirale aus Draht brach – auch das habe ich
erlebt – tourte der Motor auf Vollgas hoch und röhrte auf vollen Touren;
eine missliche Situation, wenn man die 15 Pfennige für die Feder gespart hatte!
Man hatte auch immer einen Keilriemen dabei - clevere Leute schworen auf
West-Nylon-Strümpfe als Ersatz-Variante. Wenn der Riemen riss, war die
Stromversorgung des Trabbi hin. Da war es gut zu wissen, dass man in diesem
Fall die Lichtmaschine locker schrauben musste, um den Ersatzriemen einfädeln
zu können. Auch nur Trabbifahrer konnten wissen, dass es Schmierfilze für die
Unterbrecherkontakte der Zündspule gab und wo diese zu finden und wie sie im
Krisenfalle auszuwechseln waren. Dazu musste man die Vorderräder scharf
einschlagen. Dann konnte man am Rad vorbei eine Dose ertasten - die war
natürlich mörderisch verdreckt -, eine Klemme beiseite drücken, den Deckel
abnehmen – und dort waren die kleinen Bösewichte, die manchmal verölten.
Aus diesen und anderen Gründen hatte jeder Trabbifahrer immer ein mittelgroßes
Ersatzteillager, teils im Auto und teils zu Hause. Und wenn´s irgendwo
Schalldämpfer gab, legte man sich auch vorsichtshalber einen hin für die
nächste Reparatur.
Anfang der 80er Jahre wurde
unsere Post aus dem Westen intensiv „gefilzt“. Briefe verschwanden,
jedes Weihnachtspäckchen war erkennbar durchwühlt. Manchmal konnten einem die
Kontrolleure aber auch richtig leid tun! Eines Tages nahm mich ein
Abteilungsleiter in meinem Institut auf die Seite und berichtete, dass eben
zwei Herren bei unserem Direktor gewesen seien und sich bitter über meine Provokationen
beklagt hätten. Ich hatte ganz ehrlich keine Ahnung, was ich angestellt haben
sollte. Was war passiert? Die beiden Herren waren mit der Kontrolle meiner Post
beauftragt. Kürzlich war ein großes Paket mit 20 Rollen Klopapier aus dem
Westen gekommen. Welche Bösartigkeit war da zu vermuten? Die Herren bekamen den
Auftrag, das Papier von einer Rolle nach der anderen komplett abzuwickeln -
vielleicht war da drin ja eine konspirative Botschaft versteckt - und danach
natürlich wieder ordentlich aufzurollen. 20 Mal! Und nichts gefunden! Ich
konnte verstehen, dass sie sauer waren. Des Rätsels Lösung war banal. Ein
Freund aus dem Westen war bei uns zu Besuch gewesen. Wie so oft zu DDR-Zeiten
gab es gerade kein Klopapier, und er hatte sich auf unserer Toilette mit
zerrissenen Zeitungen herumplagen müssen. Und da wollte er uns eben mit 20
Rollen samtenen Westpapiers was Gutes tun.
Über solche Geschichten, die
natürlich genüsslich weiter erzählt wurden, konnte als Real-Satire gelacht
werden - wie über die schönen DDR-Witze -, und das tröstete über den bitteren
Ernst mancher Lage ganz gut hinweg.
An einem strahlenden
Apriltag des Jahres 1986 explodierte der Atomreaktor in Tschernobyl. Bis dahin
hatte es eine breitere oder gar öffentliche Debatte über Pro und Kontra der
Kernenergie in der DDR nicht gegeben. Der Informationsbedarf war riesig. Wie
arbeitet eigentlich so ein Atomkraftwerk, was kann bei einem Unfall passieren,
welche Gefahren bestehen für die Bevölkerung, ist die Kernenergie unverzichtbar
oder gibt es Alternativen? Ich schrieb in den Folgemonaten den Text für eine
Broschüre, die interessierten Mitmenschen helfen sollte, sich in der Debatte
zurechtzufinden und selbst eine Meinung zu bilden. Vervielfältigt – mit
1000 Exemplaren, das war für DDR-Verhältnisse eine hohe Auflage - wurde das
Heft im „Kirchlichen Forschungsheim“ in Wittenberg, einer
Schaltstelle für die systemkritische Umweltarbeit in der DDR. Wir gaben dem
Heft etwas schlitzohrig den Titel „... Nicht das letzte Wort“
(Kernenergie in der Diskussion). Das war ein Honecker-Zitat, mit dem er in einem
Interview nach den Ereignissen von Tschernobyl einer endgültigen Bewertung
ausgewichen war. Und da unser Heft ohnehin illegal erschien - natürlich stand
wie immer darauf „Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch!“ -
und wir grundsätzlich mit offenen Karten spielen wollten, und natürlich auch
weil wir gespannt waren, was passieren würde, war es nur folgerichtig, dass
ein Exemplar direkt per Post an Erich Honecker ging.
Interessant war der weitere
Vorgang - das haben wir aber erst nach der Wende aus staatlichen Archiven
erfahren. Honecker hat unser Begleitschreiben tatsächlich in die Hand bekommen
und persönlich abgezeichnet. Und er hat die Angelegenheit nicht etwa an die
Stasi weitergeleitet, sondern um Prüfung durch Fachleute gebeten. Wenige Tage
später lag eine Expertise über Herausgeber und Verfasser vor, wir bekamen das
amtliche Etikett „oppositionell und staatsfeindlich“. Wenige Wochen
später waren wir aber nicht etwa im Knast, sondern erhielten eine Einladung in
das zuständige „Staatliche Amt für Atomsicherheit und
Strahlenschutz“ zu einem Fachgespräch über den Inhalt des Heftes.
So etwas machte durchaus
Mut, weitere „staatsfeindliche Aktionen“ dieser Art ins Auge zu
fassen.
In diesem Land gab es kaum
einklagbare Rechte, aber es gab eine Macht des kleinen Mannes, die in den so
genannten „Eingaben“ steckte. Man durfte und konnte sich beschweren,
wenn einem etwas nicht passte, und die staatlichen Stellen waren verbindlich
verpflichtet, innerhalb von vier Wochen die Angelegenheit zu bearbeiten und zu
klären. Und so beschwerte auch ich mich: weil ich keinen Ersatzreifen für mein
Auto bekam, weil aus einem Westpaket Schallplatten beschlagnahmt worden waren,
weil ein Dresdner Kraftwerk zu sehr qualmte. Einmal schrieb ich an den Genossen
Modrow, damals Bezirkssekretär der Einheitspartei in Dresden, weil plötzlich
einige Dutzend Militärmaschinen auf den Dresdner Zivilflughafen standen und
von morgens 6 Uhr an pausenlos über die Stadt donnerten. Unerträglicher Lärm,
schlaflose Kinder, genervte Nachbarn. Keine Antwort. Ich wartete genüsslich
den Ablauf der ominösen Vier-Wochen-Frist ab, dann rief ich in der Bezirksleitung
der SED an. Und löste das erhoffte Beben aus. Hektische Betriebsamkeit,
Entschuldigungen,
ein schriftlicher
Zwischenbescheid schon am nächsten Tag. Und eine Woche später erhielten wir in
unserer Wohnung amtlichen Besuch. Zwei hoch dekorierte Offiziere der NVA, die
in voller Uniform erschienen, breiteten auf dem Tisch geheime Karten aus, erläuterten
uns die militärische Lage im Luftraum über Dresden – und sie sagten zu,
dass die morgendlichen Flüge ab sofort erst eine Stunde später starten würden,
und ohnehin würden die Maschinen kurzfristig wieder verlegt.
Als wirksam erwies sich auch
das Zitieren von Stimmen und Zeugnissen, die die DDR zu ihren Heiligtümern erklärt
hatte, auf die sie stolz war und auf die sie sich selbst immer wieder berief.
Marx und Engels, Honecker und die Schlussakte von Helsinki, die
Menschrechtskonventionen der UNO oder die Umweltgesetze der DDR,
Parteitagsbeschlüsse oder veröffentlichte Zahlen – darauf konnte man
sich berufen, und man hatte damit gute Trumpfkarten für die Diskussion mit
amtlichen Stellen.
1987 durfte ich ganz privat
zu Besuch in den Westen reisen. Das kam überraschend, weil der Anlass
eigentlich keine zulässige Begründung für einen „Antrag“ war. Ich
hatte angegeben, dass ich zum „50. Geburtstag des Paten(!)-Onkels meines
Sohnes“ eingeladen war. Und trotz dieser windigen Begründung ließ man
mich „raus“. Ob man hoffte, dass ich drüben bleiben würde?
Dann stand ich in der
größten Münchner Buchhandlung - für einen lesebesessenen DDRler schlichtweg
das Paradies! -, knüllte meinen Merkzettel in der Hand mit der Notierung der
wichtigen Bücher, die ich suchen wollte – und es war schrecklich: Es gab
nicht nur die von mir gesuchten Bücher, sondern ringsum in den Regalen standen
Dutzende andere, deren Titel genauso verlockend klangen. Ich habe nach zwei
Stunden entnervt, verstört und ohne Buch dieses Haus verlassen. Das
Schlaraffenland Westen brachte ganz unerwartete Probleme. Es war schön dort, es
gab gute menschliche Begegnungen und irritierende, es gab viel Staunenswertes:
die Funktionsweise einer Ölheizung, der Besuch bei einem Ethik-Leistungskurs in
einem Gymnasium, Angebot wie auch Preise im Delikatessen-Tempel. Das für uns
im Osten so wertvolle Westgeld wurde im Westen ganz schön schnell alle, zur
Wirklichkeit gehörten auch Arbeitslose und Obdachlose.
Irgendwann saß ich –
den Kopf voller Eindrücke und die Plaste-Tüten voller Mitbringsel – im
Zug nach Hause. Das war für mich völlig klar: Es ging wieder nach Hause, dort
gehörte ich hin. Und diese Fahrt zurück in die DDR hatte eine ganz besondere
Bedeutung für mein Selbstverständnis. Ich kam freiwillig wieder, ich hätte mich
auch anders entscheiden können. Ab jetzt galt endgültig: gleiche Augenhöhe!
Ein schmales Büchlein machte
heimlich die Runde. Rainer Kunze, einer „von hier“, einer von uns,
hatte Geschichten niedergeschrieben, über Erlebnisse in der DDR, und sie
gingen uns nahe, weil sie unsere eigenen Erfahrungen wiederspiegelten. Der Band
„Die wunderbaren Jahre“ war leider nur im „Westen“
erschienen – dem DDR-System galten die Erzählungen als staatsgefährdend
und waren konsequenterweise verboten. Aber wie konnten wir dennoch erreichen,
dass mehr Menschen „hier“ so etwas zu lesen bekamen, für die die
Geschichten doch eigentlich bestimmt waren?
In dem staatlichen Institut, in dem ich damals arbeitete, gab es ein
ORMIG-Gerät, eine Maschine für einfache Vervielfältigungen. Das Gerät war
natürlich nur „für den Dienstgebrauch“ zugelassen und stand
folglich unter Verschluss und Genehmigungspflicht. Aber wir wussten, wo es
stand und wie es funktionierte.
Ich zog zwei Kolleginnen ins
Vertrauen, und sie waren bereit, jeweils einen Teil des Buchtextes von Rainer
Kunze abzuschreiben. Sie wussten, dass das strafbar war und dass sie ihren Job
riskierten – und sie taten es dennoch -, und so konnten einige Wochen
später einige Dutzend Leute das begehrte Buch in einer kleinen
„Sonderausgabe“ nutzen.
Unser Instituts-Fotograf hat
für mich Fotokopien ganzer Bücher angefertigt (z.B. „Die Grenzen des
Wachstums“ des Club of Rome), die dann im Kollegen-Kreis und anderswo in
Dresden kursierten.
Ich habe viele Menschen
gekannt, die überhaupt keine Widerstandkämpfer sein, sondern einfach nur in
Ruhe in der DDR leben wollten - und die trotzdem Mutiges taten. Solche
Mit-Menschen zu haben, machte das Weiterleben in der DDR leichter - und den
Gedanken an´s Weggehen schwerer.
Die DDR hatte Wolf Biermann
ausgewiesen. Einige Tage später trafen wir uns wie jede Woche in der
„offenen Jugendarbeit“ der Weinbergskirchgemeinde. Die Stimmung
war aufgeheizt, Wut und Verzweiflung, hundert junge Leute, es kochte.
Zunächst begann der Abend
ganz banal. Ich war diesmal zuständig für die Verpflegung der Massen, hatte
aber vergessen, Brot zu holen. Ich stürzte also hektisch im Trabbi los und fuhr
oder parkte etwas auffällig. Eine Polizeistreife „griff“ mich,
aber als ich ihnen erklärte, warum ich etwas konfus sei, nämlich weil hundert
Leute darauf warten, dass ich was zu essen brächte, zeigten sie Verständnis und
wünschten mir sogar gute Fahrt.
Ich kam mit dem Brot zurück
und erzählte zum Start der Veranstaltung von meiner entspannten Begegnung mit
der Staatsmacht - das entkrampfte die Situation etwas.
Dann las Jojo eine - in der
DDR gedruckte - Geschichte vor, die Parabel vom Hahn und dem Regenbogen: Immer
wenn dieser wundersame Hahn krähte, erschien ein Regenbogen am Himmel, und wenn
die Menschen dann darunter hindurchgingen, dann konnten die, die reinen Herzens
waren oder verliebt, fliegen, die anderen aber, die machtbesessen oder grausam
oder verlogen waren, die mussten fortan auf allen Vieren gehen. So haben wir an
diesem bösen Abend doch lachen können. Die Stasi hatte mit dem Schlimmsten
gerechnet. Im Umfeld der Kirche waren Beobachter postiert und im weiteren
Umkreis wurden alle Fahrzeuge erfasst. Meiner Stasiakte habe ich später
entnommen, dass so alle Autobesitzer auf unserer Straße vorübergehend ins
Fahndungsraster gerieten.
Ich verehrte Willy Brandt
wegen seiner klugen und erfolgreichen Ostpolitik gegenüber der DDR und der
Sowjetunion, die zu spürbarer Entspannung und Erleichterungen geführt hatte.
Dann kam die „Guillaume-Affäre“. Die DDR hatte erfolgreich einen Spion
im Bundeskanzleramt eingeschleust, der Willy Brandt beraten hatte. Brandt trat
zurück. Als ich davon erfuhr, habe ich spontan einen Brief an ihn geschrieben,
seinen Abgang bedauert und ihm für sein Wirken gedankt. Der Brief plumpste ganz
offiziell in einen normalen Briefkasten mit einer geratenen Anschrift, etwa
„Bundeskanzler Willy Brandt, 5300 Bonn, BRD“. Er muss normal
befördert worden sein - andere derartige Briefe von mir hat die Stasi immer
wieder abgefangen und in ihre Akten geheftet -, denn einige Wochen später
erhielt ich Post mit einer Abstempelung „Ollenhauerhaus in Bonn“,
das war die Parteizentrale der SPD. Darin steckte eine Karte mit einem
handschriftlichen Dank von Willy Brandt.
Es war schon erstaunlich,
dass mein Brief „hingefunden“ hatte und dass auch die Antwort nicht
„verlorengegangen“ war.
Mein Freund B. hatte den
Ehrgeiz, zum Zelten praktisch ohne Mobiliar anzureisen und alles selbst zu
bauen. In den ersten Tagen nach der Ankunft saß die Familie noch auf dem
Fußboden, Bernd war ständig unterwegs, kam mit Ästen aus dem Wald oder mit
Brettern vom Strand und fertigte daraus Regale und Kisten und Hängematten und
ähnlich nützliche Dinge. Eines Tages entdeckte er einen schönen festen Draht,
der im Wald herumlag, rollte ihn auf, und als der Draht kein Ende nahm, kniff
er ihn einfach mit der Zange ab. Ein paar Stunden später entstand große Aufregung
auf dem Zeltplatz, Grenzsoldaten bevölkerten den Wald. Bernds Basteldraht war
das Telefonkabel der Grenztruppen der DDR gewesen ...
Zu unserem
Zeltplatz-Freundeskreis gehörten eine Anzahl sangesfreudiger und
instrumenten-kundiger Mitmenschen. Wir wurden gefragt, ob wir nicht ein Konzert
für Urlauber in der Kirche von Altenkirchen ausgestalten könnten, und wir
beschlossen, mit 8 Leuten vierstimmig zu singen. Das bedeutete aber erst einmal
üben. Zu den Proben gingen wir abseits vom Zeltplatz ein Stück in den Wald. Die
Gerüchteküche meinte, als im Fichtendickicht Schützchoräle erklangen, da sei
jetzt wohl eine „Sekte“ auf dem Platz). Ein paar Tage später sangen
wir unser Programm in der Kirche. Zur Verabschiedung baten wir nicht um Geld,
sondern schilderten dem andächtigen Publikum unsere Not: Wir brauchten auf dem
Zeltplatz Zwiebeln zum Kochen, aber die waren gerade nirgendwo zu kriegen - wenn
jemand solche hätte, möge er die Gabe in der Sakristei der Kirche hinterlegen.
Ein paar Tage später ward unser Wunsch tatsächlich erfüllt.
Ein Doktor der Theologie aus
Berlin „bewohnte“ die Strandburg neben uns. Er hatte Kinder, die
mit unseren Kindern spielten, und so hockten wir öfter zusammen. Er hatte aber
auch eine Schwiegermutter, und die betrieb einen privaten Fischladen mit
Räucherei in Saßnitz. Frischfisch war eigentlich auch an der Ostsee
„Bückware“. Solche Dinge gab´s nur, wenn die Verkäuferin sich
hinter der Ladentafel bückte und für besondere Kunden begehrte Raritäten
„fand“. Und gar Aale galten als längst verschollene sagenhafte
Fischart ... Aber die Schwiegermutter hatte das alles, der Doktor holte mit
dem Trabbi eine Ladung, und dann brutzelten in mehreren Pfannen Dutzende (!)
Aale, dazu gab´s noch panierte Schollen. Wir spendierten den Rotwein zum Menue
und revanchierten uns, indem wir unsere Westbücher als Urlaubslektüre verliehen.
Sommerurlaub. Drei lange Wochen
im Zelt an einem See in Brandenburg. Paddeln, Wandern, Baden, Gewitterangst
– alles war schon gewesen. Die Kinder langweilten sich. Dem Vater musste
was Neues einfallen. Ich beschloss, mich als Bootsbauer zu versuchen. Ein
passendes Brett war bald gefunden, nach einigen Beilhieben war die Form eines
Schiffsrumpfes zu ahnen. Es schwamm. Aber den Kindern reichte das noch nicht.
Es sollte ein Segelschiff sein. Das mit dem Mast war ja noch einfach –
ein Loch wurde in das Brett gebohrt, ein gerader Ast hineingesteckt und
festgekeilt. Aber woher nun ein Segel nehmen? Die rettende Idee: einfach ein
Blatt Papier aus dem Schreibblock, Format A4, oben und unten ein Loch hineingerissen,
vorsichtig über den Mast gezogen – und nun blähte sich stolz das weiße Segel
im Wind. Und wenn das Schiff ordentlich zu Wasser gelassen wurde und richtig
zum Wind stand, fuhr es wirklich los. Allseits Freude, und wir spielten
Seefahrt.
Bis plötzlich etwas
Eindrückliches geschah. Weit drüben am anderen Seeufer kam Bewegung auf. Ein
Schwan, der dort all die Tage immer majestätisch auf und ab geschwommen war,
die Ruhe in Person, begann plötzlich mit seinen mächtigen Flügeln zu schlagen,
rauschte und flatterte ganz gewaltig und setzte sich in Bewegung. Dicht über
dem Wasser raste er in gerader Linie direkt auf unsere kleine Bucht zu. Das
wirkte schon ziemlich bedrohlich. Der Schwanenvater hatte uns schon fast
erreicht, als er Hals über Kopf seinen Sturmlauf „bremste“ und
irgendwie unsicher und verlegen wenige Meter vor uns herumschwamm. Alarm
beendet. Die Kinder wurden beruhigt. Aber was war da passiert? Nach einigen
Tagen habe ich den ungewollten „Versuch“ noch einmal wiederholt.
Unser Schiff kriegte eine neues blendend weißes Papiersegel, und dann wurde
damit einfach hin- und hergefahren ... Und es klappte. Einige hundert Meter
weiter war ein Schwanenpaar in Begleitung einiger grauer Küken auf Familienausflug.
Als sie nach wenigen Minuten unser Segel bemerkten, ließen die Eltern ihre
Kinder im Stich - so wichtig war ihnen der weiße Fleck! - und rasten über den
See los in Richtung auf unser unschuldiges Schiffchen. Wieder bedrohliches
Rauschen, dann Notbremsung wenige Meter vor uns und verlegenes Abdrehen der
großen Vögel. Wahrscheinlich hatten sie aus der Ferne unser harmloses Papiersegel
wegen Farbe und Größe für einen Schwanen-Konkurrenten gehalten, der an
„ihrem“ See nichts zu suchen hatte und der verjagt werden musste.
Das Revier musste verteidigt werden, das war so wichtig, dass sogar die eigenen
„Kinder“ im Stich gelassen wurden. Ein weißer Fleck von der
richtigen Größe reichte aus, um das Verhaltensprogramm anzuschalten und
abzuspielen. Ich habe meine Beobachtungen zur Verhaltensforschung später an
eine Tierzeitschrift im Westen geschickt, wo der Beitrag auch gedruckt wurde;
die Stasi hat das verwirrt protokolliert.
Ein sonniger Nachmittag im
Frühsommer. Wir saßen plaudernd auf der Terrasse, der Tee dampfte in den
Gläsern. Im Garten lärmten und sangen die Vögel. Plötzlich war da etwas Neues!
Wir hatten es beide gehört, sahen uns zunächst verunsichert an und begannen
dann zu raten, welcher Vogel wohl so singen könnte. Wir versuchten auch, die
Richtung zu bestimmen, aus der die Töne kamen, um den Sänger vielleicht zu
entdecken. Merkwürdig, der Gesang kam von tief unten, irgendwo aus dem
Gebüsch neben den Erdbeeren. Nun war die Neugier doch größer als das
nachmittägliche Ruhebedürfnis. Vorsichtig schlichen wir in die Richtung, wo
weiterhin der Gesang ertönte. Ganz unten auf der Erde? Da war es: Eine dicke Igel-Mutter
wackelte durch die Beete, und hinter ihr torkelten fünf kleine Stachel-Bällchen
im Gänsemarsch. Sie ließen sich von uns gar nicht stören, sondern wanderten
weiter – und sie sangen dabei. Die Igelfamilie unterhielt sich mit
quietschend-melodischen Tönen, die an das Zwitschern von Vögeln erinnerte.
Seltsame Vögel. Es stellte sich heraus, dass sie zu einem Nest unterwegs waren,
einem Haufen von vorjährigem Laub und Gras, in dem sie untertauchten und leise
weiter zwitscherten. Wir stülpten eine Kiste über die Sommerwohnung als Schutz
gegen Regen und neugierige Kinder. Und da haben unsere Singe-Igel in den
nächsten Wochen gelebt. Als Futter stellten wir ihnen aber doch kein Vogelfutter
vors Haus, sondern sie fraßen gern schmatzend den Inhalt von Dosennahrung für
Katzen.
Am Ende des Jahres 1980 habe
ich einige Stunden lang am Radio gesessen. Die hundert besten Pop-Musik-Titel
des Jahres in der DDR wurden gespielt. Ich wartete auf ein Lied, zu dem ich den
Text geschrieben hatte: „Am Abend mancher Tage“. Es blieben nur
noch wenige Titel bis zu Platz 1, hatte ich´s doch verpasst? Am Ende gab´s die
große Überraschung. „Mein“ Lied stand auf dem ersten Platz!
Am Abend mancher Tage
Ref.
Gib nicht auf,
denn das kriegst du wieder hin!
Eine Tür schlug zu,
doch schon morgen wirst du weiter
seh´n ...
3. Manchmal ist eine Liebe erfroren über Nacht.
Manchmal will man hin zur Sonne -
und stürzt ab.
Manchmal steht man ganz allein da,
ringsum ist Eis,
alles dreht sich nur im Kreis.
Ref.
Gib nicht auf ...
4. Am Abend mancher Tage - da stimmt die Welt
nicht mehr:
Irgend etwas ist zerbrochen, wiegt
so schwer.
Und man kann das nicht begreifen,
will nichts mehr seh´n -
und doch muss man weitergeh´n
... und man läßt sich einfach
treiben,
will nichts mehr seh´n,
und doch wird man weitergeh´n
...
(Rock-Gruppe LIFT, 1979,
Text: Joachim Krause, Musik:
Wolfgang Scheffler)
Ich brauchte neue Schuhe.
Und ich hatte riesiges Glück. In einem Laden, den ich aufsuchte, gab es
Halbschuhe, die mir gefielen, Leder, dezent rotbraun, gefälliges Design
– und sie waren aus Italien! Das konnte eigentlich nicht wahr sein, und
dazu waren sie gar nicht teuer. Ich griff zu, trug meine Errungenschaft ab
sofort stolz an den Füßen. Aber wenige Tage später musste ich entdecken, dass
sich die Sohle löste. Bei West-Schuhen ... Ich trug die Treter in das Geschäft
zurück. Dort war meine Größe zum Glück noch vorrätig, und ich erhielt Ersatz.
Aber eine Woche später war auch da die Sohle ab. Als ich erneut im Laden
aufkreuzte, herrschte dort betretenes Schweigen. Ich bekam keine Ersatzschuhe
mehr, sondern mein Geld zurück. Mit einer Erklärung und Entschuldigung: Die DDR
hatte bei einem Großeinkauf auf dem internationalen Markt gemeint, mit diesen
Schuhen - für extrem niedrige Preise - ein Schäppchen gemacht zu haben. Zu spät
erst hatte man gemerkt, dass Schuhe erworben worden waren, mit denen gar
niemand laufen sollte, sondern die man in Italien Toten mit in den Sarg gibt
...
Unsere Kinder spielten mit
Nachbars Rangen gern in der „Drachenschlucht“ gegenüber, einem
kleinen Tal mit alten Bäumen und mancherlei interessantem Müll und
Schmetterlingen und anderem Getier.
Eines Abends kam der Sohn
nach Hause und erzählte, dass die Kinderschar am Nachmittag einen Maulwurf
gefunden und mit ihm gespielt habe, er sei aber nun leider tot und man habe ihn
feierlich begraben.
Meine Frau hatte aber am
gleichen Tag in der Zeitung gelesen, dass in unserem Stadtgebiet bei Wildtieren
die Tollwut ausgebrochen. Und so war Panik angesagt. Ein totes Tier, spielende
Kinder ... Ein Anruf beim Veterinäramt ergab: Wenn das so ist, müssen Sie das
Tier finden und zu uns bringen, nur mit einer Untersuchung können wir Tollwut
ausschließen, sonst müssen alle Kinder. die mit dem Tier Kontakt hatten,
geimpft werden, was bei Tollwut ziemlich langwierig und unangenehm ist. Nach
einer schlaflos verbrachten Nacht, in der es auch noch pausenlos geregnet
hatte, musste der Sohn die Mutter in die Drachenschlucht begleiten. Mit einiger
Mühe wurde der Maulwurf tatsächlich gefunden, konnte untersucht werden, und es
gab Entwarnung.
Eine Freundin war bei uns zu
Besuch, in Dresden, oben auf dem Hang. Dämmerlicht, Rotwein, das Gespräch
plätscherte so dahin. Plötzlich war da etwas. Irgendwas stimmte nicht. Dann
sahen wir, wie im Aquarium, das im Bücherschrank stand, das Wasser hin und her
schwappte. Aus der benachbarten Küche kamen merkwürdige Geräusche. Ich ging
hinüber und sah, wie dort Gläser auf dem Tisch hin und her rollten. Wir alle
wussten, obwohl wir das noch nie erlebt hatten: Das ist ein Erdbeben! Die
Kinder wurden aus dem Bett gerissen, aber ehe wir die Treppe hinuntergehen
konnten, war alles schon wieder vorbei. Der Puls raste noch, aber war das
wirklich ...? Am nächsten Tag stand es amtlich in der Zeitung, dass die Erde
gebebt hatte, es war also doch nicht der Rotwein gewesen.
In der DDR gab es, nicht nur
wegen der ständigen Mangelwirtschaft, sondern auch als grundsätzlich ganz
sinnvolles Prinzip die staatliche Vorgabe, dass alle heimischen Ressourcen an
Obst genutzt werden sollten. Damit das funktionierte und sich auch lohnte, war
festgelegt, dass in jeder angebotenen Menge Obst aufgekauft werden musste, und
dafür gab´s auch noch richtig Geld, was das Pflücken lohnte. So kriegte der
Staat etwas Obst in die Verkaufsstellen, aber der Bürger hatte einen Anspruch
darauf, dass sein Obst immer aufgekauft werden musste, auch in Jahren mit
„Obstschwemme“.
Wir haben also immer im
Herbst unsere Äpfel und Birnen - vorsichtig gepflückt und wohlsortiert in
Tafelobstqualität - in die Verkaufsstellen der HO
(„Handelsorganisation“) gebracht, und zehn Minuten später waren sie
schon in der Auslage zu finden Dabei war der staatlich vorgegebene Aufkaufpreis
manchmal höher als der - ebenfalls festgelegte - Verkaufspreis, zu dem sie nun
angeboten wurden.
Es gab aber auch die Pflicht zum Aufkauf von „Mostäpfeln“ minderer
Qualität, die nur für die industrielle Verarbeitung oder zur Saftherstellung
geeignet waren. Mit Kisten und Säcken standen wir in der Schlange der Lieferer,
die Äpfel wurden gewogen, in andere Kisten umgefüllt, und wir bekamen dafür
gutes Geld. In knappen Jahren wurde das Obst auch wirklich schnell abtransportiert
und verwertet, aber wenn zu viel gewachsen war, waren die
Verarbeitungskapazitäten einfach überfordert, dann wurde trotzdem aufgekauft,
aber anschließend standen manchmal die überquellenden Kisten wochenlang in
der Sonne und das Obst faulte, umschwärmt von Wespen, in den Kisten vor sich
hin. Irgendwann wurde alles weggeschmissen.
Viele besserten mit der
Haltung von kleinen und großen Tieren ihr Einkommen auf: Hühner, Karnickel,
Schweine, Mastochsen wurden zu Hause gefüttert und verkauft – an den
„Staat“, denn der zahlte garantierte und relativ hohe
Aufkaufpreise. Da lohnte es sich eben, die Hühnereier im „Konsum“
zunächst „abzuliefern“ und diese fünf Minuten später – es
waren die gleichen Eier (!), nun aber für´s halbe Geld - für den eigenen Bedarf
zurückzukaufen. Wer rechnen konnte, holte auch das Futter für sein Viehzeug zu
staatlich subventionierten Tiefstpreisen in der Verkaufsstelle, einmal einen
Kasten Trinkmilch und ein paar Brote für´s Schwein und ein andermal
Haferflocken für die Gänschen oder Wintermöhren für die Schafe.
Das befreundete Ehepaar A.
hatte eine Zeitlang in Moskau studiert. Und neben manchen anderen spannenden
Erfahrungen brachten sie ein Kochrezept mit, das sie von einem Kollegen aus
Usbekistan übernommen hatten. Eines Tages wurden wir eingeladen: Es gäbe PLOW
(gesprochen „Ploff“). Nie gehört, aber neugierig machten wir uns
auf den Weg. In der ganzen Wohnung waberten würzige Dämpfe. Später türmte sich
auf dem Tisch auf einem großen Holzbrett ein Berg aus Reis, aus dem Möhren und
Fleischstückchen hervorragten, und dessen Gipfel mit Zwiebelringen belegt war.
Alle versammelten sich erwartungsvoll in enger Runde um den Tisch. Teller,
Essbesteck ? – Fehlanzeige. Wir lernten, dass in Moskau der Originalplow
oft einfach auf einer „Prawda“ (Zeitung) als Unterlage ausgebreitet
worden war, und dass dieses Gericht stilvoll eben nur mit den Fingern gegessen
würde. Zunächst etwas zögerlich begannen wir, uns in den heißen Reisberg
hineinzuarbeiten. Klebrig, deftig, würzig, köstlich! – das war unsere
Erstbegegnung mit einem Gericht, das in den Folgejahren im Freundeskreis zur
Legende wurde. Im Laufe der Zeit wurde das Originalrezept den
Geschmackserwartungen von Mitteleuropäern sowie den Bedingungen und Möglichkeiten
der DDR angepasst. Manche Gewürze mussten ersetzt werden. Von den zwei in der
DDR angebotenen Reissorten erwies sich nur der „Brühreis“ als
geeignet. Der musste allerdings zuerst aus der Tüte geschüttet und ausgelesen
werden (kleine Steinchen und Ratten-Köttel waren immer zu finden). Und dieser
Reis brauchte manchmal eine Stunde, um weich zu werden! Frische Möhren gabs
auch nicht immer – also wurde mit Gemüse aus dem Glas experimentiert. Um
für einen PLOW an der Ostsee die nötigen Zwiebeln zu bekommen, haben wir einmal
sogar die Besucher eines Chorkonzertes (das wir gestalteten) um Naturalspenden
gebeten – mit Erfolg. Und was für eine Fleischqualität man erwischte, war
immer auch ein Glücksspiel – manchmal haben wir heftig an den Sehnen und
Schwarten alter Kühe herumgesäbelt. Wenn man sich mit Freunden traf – zu
Geburtstagen oder Kindstaufen – immer öfter dampften PLOW-Berge auf den
Tischen. PLOW gabs sogar am Arbeitsplatz: In dem Institut, in dem ich damals
arbeitete, war es eigentlich Tradition, dass zu Geburtstagen in der Abteilung
eine Torte „ausgegeben“ wurde. Ich habe diese Regel durchbrochen,
einmal in jedem Jahr die Küche okkupiert – und dann saßen eigentlich
wohlerzogene Akademiker im Kreis, schnappten sich gegenseitig die besten
Fleischbrocken vor der Nase weg und schleckten genüsslich die letzten
Reiskörnchen von den Fingern. Auch unter erschwerten Bedingungen war PLOW ein
Muss. Zu unseren Zelturlauben an der Ostsee schleppten wir immer den
DDR-typischen, für die PLOW-Bereitung bestens geeigneten Fünf-Liter-Schnellkochtopf
(SKT) aus Aluminium mit. Es war nicht ganz einfach, quasi im Freien rund um den
Campingkocher eine Großküche zu improvisieren, aber jede Woche einmal wurden
vier oder fünf Campingtische in einer langen Reihe zusammengestellt, sauber
abgewischt, die PLOW-Hügel wurden direkt auf der Tischplatte errichtet - und
dann luden wir die ganze Nachbarschaft mit Kind und Kegel ein, und 20 und mehr
Menschen saßen beim fröhlichen Palaver stundenlang beisammen. Ich habe
inzwischen bestimmt hundert Mal PLOW gekocht, und dabei alle Extreme probiert.
Als ich einmal zum Geburtstags-PLOW eingeladen hatte, konnte mein Freund H. auf
einer Dienstreise nur vormittags mal kurz vorbeikommen. Und da habe ich ihm zu
Ehren eben extra einen „Ein-Mann-PLOW“ zubereitet. Und der größte
PLOW, dessen Zubereitung ich zu verantworten hatte, wurde von mehr als hundert
Menschen gegessen. Es war mein Abschiedsfest im Dresdner
„Weinberg“. Da saßen ein Dutzend nette Helfer schon Stunden vor dem
Mahl bei der Vorbereitung zusammen und „schnippelten“ Gemüse. Ich
erinnere mich an vier Eimer, gefüllt mit geschnittenen frischen Zwiebeln, an
mehrere Kinderbadewannen mit Bergen geschnittener Möhren. Gekocht wurde
parallel in zwei Küchen. Unsere Freunde wohnten auf der anderen Straßenseite,
so war Blickkontakt von Küchenfenster zu Küchenfenster möglich, die
Telefonleitung glühte, und manchmal wurde ein Bote auf die andere Seite
geschickt, um Salz zu holen oder ein paar Tüten Reis zu bringen. Sechs riesige
Töpfe dampften, nahmen nach und nach die Zutaten auf – und später am
Abend im Garten an kerzenbeschienenen Tischen wurden tatsächlich alle Gäste
satt.
Der Mann, der an allem „schuld“ war, hieß Bachrom. Er war
Astrophysiker, und er kam eines Tages zu Besuch nach Dresden. Und: Er würde PLOW
für uns kochen, er, der Meister, und „richtigen“ PLOW! Ich ließ es
mir nicht nehmen, live dabei zu sein. Abends gegen 8 Uhr sollte das Essen
stattfinden, ich ging also schon am Nachmittag hin, um nichts zu verpassen.
Bachrom saß – in Socken und im schwarzen Anzug – in der Küche der
Familie A. und aß Marmeladenschnitten; das schmecke doch viel besser als jeder
PLOW, meinte er. Im Topf schmorte (als kompaktes Stück) ein
2-Kilogramm-Rinderbraten vor sich hin. Das dauerte natürlich, aber Bachrom hatte
alle Zeit dieser Welt. Die Gäste trudelten ein, gespannt, hungrig, es wurde 8,
es wurde 9, in der Küche war keine Hektik. Es gab ja Marmeladenbrote. Endlich
war der Braten durch, wurde zerschnitten, der Rest der PLOW-Zutaten kam in den
Topf, und endlich gegen 10 wurden die Gäste an den Tisch gebeten, und sie
stürzten sich – dem Verhungern nahe - auf den Reishügel, der schnell
zusammenschrumpfte. Bachrom saß entspannt in der zweiten Reihe, angelte sich
immer mal gelassen ein Reisbällchen – und er war etwas verstört, denn bei
ihm zu Hause war PLOW-Essen nicht ernährungsorientierter Selbstzweck, sondern
eine schöne Nebensache, um Gäste zu ehren, stundenlang in Gemeinschaft
zusammenzusitzen, und in aller Ruhe und Gelassenheit mehr oder wenige wichtige
Dinge zu bereden.
Rezept zur Bereitung eines köstlichen PLOW
a) Das braucht man:
(für 12
„plowerfahrene“, hungrige Esser;
die Mengen können reduziert und die Relationen abgewandelt werden,
Vorsicht aber vor zu viel Salz oder Pfeffer!)
b) So macht mans:
Das Fleisch wird in kleine
Stücke geschnitten (2-3 Zentimeter große Würfel, wie Gulasch). In einem großen
Topf (am Ende muss ALLES hineinpassen, also möglichst 5 Liter oder mehr) wird
zunächst das Öl erhitzt. In das heiße Öl wird unter Rühren das Fleisch gegeben.
Unter schwacher Hitze wird das Fleisch weiter erhitzt, bis sich die ersten
Stücke bräunen (zwischendurch rühren, damit das Fleisch nicht am Boden
festbrennt).
Inzwischen werden die
Zwiebeln (grob) und der Knoblauch (fein) geschnitten und dann zu dem Fleisch
gegeben, umgerührt und weiter gekocht, bis die Zwiebeln glasig geworden und
praktisch verschwunden sind.
In der Zwischenzeit (oder
schon vor Beginn des Kochens) werden die gewaschenen Möhren in 3 bis 4
Zentimeter lange Stücke zerteilt und anschließend kreuzweise geschnitten,
sodass grobe Stifte entstehen (etwa 1x1x4 Zentimeter). Variante: Manche Köche
raspeln die Möhren auch nur grob.
In den Topf mit dem
vorgebratenen Fleisch- und Zwiebel-Gemisch werden nun zunächst die
Möhren-Stäbchen gegeben. Ab jetzt darf nicht mehr umgerührt werden! Man füllt
kochendes Wasser auf, bis es etwa 2 bis 4 Zentimeter über den Möhren steht. Man
erhitzt vorsichtig, bis alles köchelt (Fleisch und Zwiebeln sollen möglichst
nicht nach oben „durchkochen“). Dann gibt man den Saft einer
Zitrone sowie Salz und Pfeffer zu (vorsichtig, die oben angegebene Richtmengen
beachten, wenn sich das ganze vermischt hat, sollte man die Brühe kosten und
evtl. nachwürzen).
Die Brühe sollte jetzt etwa
2 bis 3 Zentimeter hoch über den Möhren stehen. In die köchelnde Brühe gibt man
nun den gesamten Reis - schön locker einstreuen, denn er soll nun in der Brühe
ziehen und ihren Geschmack aufnehmen. Der Reis muss vollständig (1 bis 2
Zentimeter hoch) von der Brühe bedeckt sein.
Deckel drauf, auf schwacher Flamme am Kochen halten. Man sollte die Reisschicht
während des Kochens immer einmal durchstechen und lockern, und wenn der Reis
das Wasser aufgenommen hat, sollte man immer einmal etwas kochendes Wasser
zugeben, damit er von Feuchtigkeit bedeckt bleibt. Man kann auch gegen Ende des
Kochvorgangs immer einmal mit dem Stiel eines Holzlöffels bis zum Topfboden durchstechen,
dann brodelt die Brühe von unten hoch. Und auch am Topfrand kann man immer mal
mit einem Eierkuchenwender oder anderen flachen Küchengegenstand (Schaumkelle)
den Reis von der Topfwand trennen und nach innen drücken (damit auch der außen
an der kühleren Topfwand liegende Reis mal auf hundert Grad kommt). Der PLOW
muss immer feucht bleiben. Durch Kosten – Proben am Topfrand entnehmen,
da dauerts am längsten mit dem Garwerden – wird festgestellt, wann der
Reis „durch“ ist. Der Reis kocht immer deutlich länger, als auf der
Verpackung steht!
Es ist durchaus sinnvoll, dann zwar die Heizung abzustellen, aber die
Reisschicht des PLOW noch einmal „durchzugraben“ und ihn dann
weitere 10 Minuten lang mit geschlossenem Deckel ziehen zu lassen.
c) So wirds serviert und verzehrt:
Der PLOW wird im Original
mit den Fingern gegessen – das klingt gewöhnungsbedürftig, ist aber sehr
kommunikativ. Das bedeutet aber, dass mehrere Personen eine gemeinsame
„Quelle“ nutzen. Bei 12 Leuten werden das zwei oder auch drei Ess-Plätze
am gemeinsamen Tisch sein. Man benötigt – wenn man den PLOW nicht direkt
auf der gesäuberten Tischplatte servieren will – 2 oder 3 größere
Kuchenteller oder Kuchenbretter oder Holzplatten (z.B. Schneidebretter).
Auf jeder Unterlage wird jetzt ein PLOW „gebaut“, der am Schluss
ähnlich aussieht wie ein großer Napfkuchen. Zunächst entnimmt man dem Topf den
Reis und baut daraus die unterste Schicht auf die Teller. Dann werden die
Möhren darüber geschichtet und ganz zum Schluss wird die oberste Schicht aus
Fleisch und Zwiebeln gebaut. Mit dem Eierkuchenwender oder einem anderen
flachen Gegenstand werden nun dir Ränder angedrückt und das Ganze zu einer
Halbkugel-förmigen Torte geformt.
Man schneidet noch 2 bis 3 frische zarte Zwiebeln in Scheiben und streut die
Ringe oben auf den PLOW. Über das Ganze (alle Einzel-PLOWs) wird noch der Saft
einer Zitrone geträufelt.
Man sollte die Gäste den PLOW erst sehen lassen, und zu Tisch bitten, wenn
alles fertig gestaltet ist.
Als Getränk wird im Original grüner Tee gereicht, aber in Mitteleuropa ist
alles andere auch erlaubt.
Die Finger sind das
Ess-Besteck! Servietten können also hilfreich sein.
Der PLOW wird von unten her
gegessen. Man beginnt also am Reis zu kratzen, formt kleine Bällchen und führt
sie zum Mund. Das Fleisch ist –eigentlich und zunächst – tabu. Es
fällt später herunter und darf dann gegessen werden. Es ist zulässig, dass der
Hausherr mit seiner sauberen Hand zwischendurch oben auf den PLOW drückt und
ihn flach macht.
Eigentlich bleiben keine
Reste übrig. In Usbekistan geht der Hausherr freundlich herum, formt
Reisbällchen und stopft sie den Gästen persönlich in den Mund. Wir haben aus
den Resten manchmal am nächsten Tag eine köstliche PLOW-Suppe gerührt.
Guten Appetit!
Es gab in der DDR vieles
nicht, aber eigentlich gab es doch fast alles. Die Dinge waren nur nicht zur
rechten Zeit am rechten Ort, wo der Kunde sie gerne gekauft hätte. Man musste
entweder die richtigen Leute kennen - „Beziehungen“! - oder man
musste den richtigen Riecher dafür haben, wann es wo etwas gab.
Ferngläser gab es in Dresden schlecht, obwohl Carl Zeiss in Jena doch gute
Gläser herstellte. Aber ich musste nur einem Kollegen, der zur Dienstreise nach
Berlin aufbrach, meine Bitte sagen, dann machte er – neben dem
dienstlichen Besuch im Ministerium – einen Abstecher in einen bestimmten
Laden, und am nächsten Tag war ich stolzer Besitzer eines Feldstechers.
Ein andermal suchte ich eine
Schreibmaschine, aber es gab eben keine. Nach längeren Recherchen hatten mir
Eingeweihte verraten, wie das ging: Man musste einfach - ohne Voranmeldung und
ohne Beziehungen zu haben - montags früh um 8.30 Uhr möglichst als erster
Kunde vor einem bestimmten Fachgeschäft in der Räcknitzstraße stehen. Und
tatsächlich, das klappte: Es gab immer vier bis fünf Schreibmaschinen. Nun
hatte ich auch mal was zu bieten! In den nächsten Monaten habe ich die ganze
Verwandtschaft mit solchen Geräten versorgt.
In der ständigen Suche nach irgendwas aber merkte man manchmal zu spät, dass
man nach stundenlangem Stehen in einer Schlange etwas erworben hatte, was man
so dringend eigentlich gar nicht brauchte ...
Peter ging in unserer
Familie ein und aus, trank literweise Tee, diskutierte nächtelang über Gott und
die Welt und die DDR. Nun stand ihm etwas Wichtiges bevor. Er durfte das erste
Mal zur Wahl gehen (es war so etwa 1980). Wir hatten vorher über das Pro und
Contra geredet, er war entschlossen, hinzugehen. Er war früh als erster im
Wahllokal erschienen, bekam – wie jeder „Erstwähler“ –
einen Blumenstrauß. Er hätte nun, den DDR-Spielregeln für eine Wahl folgend,
folgendes tun müssen: den Wahlzettel in Empfang nehmen und dann auf direktem
Weg zur Wahlurne gehen und den unveränderten Schein einwerfen. Das hieß
„offene Stimmabgabe für die Kandidaten der Nationalen Front“, wäre
politisch erwünscht und staatbürgerlich korrekt gewesen.
Peter aber ließ sich, geduldig und eben als demokratie-unerfahrener Neuling,
zeigen, wo die Wahlkabine stand, was entsetzte Blicke der Wahlhelfer
hervorrief. Aber es gab wirklich eine Kabine – weit hinten in der Ecke.
Er schritt tapfer dorthin, machte irgendwas und steckte dann seinen Wahlschein
in die Urne.
Abends nahm er mich mit zur öffentlichen Auszählung der Stimmen. Peter guckte
sich das interessiert an, aber als alles fertig war und das Protokoll verlesen
wurde, sagte er knapp: „Falsch, mein Zettel war jetzt nicht dabei, ich
habe nämlich mit NEIN gestimmt.“ Es gab eine erneute Auszählung, bei der
nun nicht nur sein Stimmzettel „gefunden“ wurde, zusätzlich kamen
noch einige weitere NEIN-Stimmen zutage, die in der ersten Runde im
vorauseilenden Staatsgehorsam „übersehen“ worden waren.
Die DDR hatte seit 1970 ihr
„Landeskulturgesetz“, hier gab es einen der ersten Umweltminister
in Europa, Umweltschutz war schon früh in die Verfassung geschrieben worden
– aber in Wirklichkeit war die DDR an vielen Stellen wie ein Saustall.
Ich war seit 1982 auch Umweltbeauftragter bei der Kirche in Sachsen. In
dieser Tätigkeit begegnete ich zwangsläufig vielen Dingen, über die offiziell
geschwiegen wurde: Da litten Hunderte von Kindern in Dohna an Umweltschäden,
die durch eine örtliche Chemiefabrik verursacht waren. Da berichteten mir
staatliche Bedienstete – die ich
heimlich in ihrer Wohnung traf - über die tatsächlichen Ursachen und
das Ausmaß des Waldsterbens im Erzgebirge, da druckte eine Apotheker(!)-Zeitschrift
aus Versehen konkrete Daten zu Schwermetallbelastungen in Nahrungsmitteln im
Raum Freiberg.
Um solche Sachen kümmerte
ich mich: Fakten sammeln, Verlässlichkeit der Informationen prüfen, Informationen
in die Öffentlichkeit bringen. Die „Organe“ diffamierten das zwar
als „staatsfeindlich“, aber angesichts der genau recherchierten
und belegbaren Fakten waren sie hilflos. Irgendwie war das ja auch peinlich,
wenn öffentlich vorgerechnet werden konnte, dass sogar Daten im Statistischen
Jahrbuch der DDR gefälscht waren. Z.B. waren bei der Schwefeldioxidbelastung
der Luft trotz stark gesteigerter Braunkohleverbrennung eine Million Tonnen
des schädlichen Gases einfach aus der Bilanz „verschwunden“.
In dem Institut, in dem ich
arbeitete, befassten wir uns mit Korrosionsschutz. Im engeren Sinne ging es
dabei darum, das Rosten von Eisenwerkstoffen zu verhindern. Aber auch alle
möglichen anderen Metalle galt es zu schützen. In einem Sondereinsatz
entwickelten Kollegen von mir sogar mal ein Verfahren, mit dem ein berühmter
Sandsteinfelsen in der Sächsischen Schweiz, die „Barbarine“, vor
dem Zerbröseln gerettet wurde; durch Imprägnieren mit irgendwelchen Silikonwerkstoffen
wurde der Fels zusammengeklebt. Korrosion hat viel mit Luftschadstoffen zu tun.
Und davon gab es in der DDR mancherlei. Vor allem die hohen Schwefeldioxid-Konzentrationen,
verursacht durch die allgegenwärtige Verbrennung der schwefelhaltigen
Braunkohle, machten Eisen- und Stahlkonstruktionen schwer zu schaffen. Wir
versuchten, Anstrichstoffe zu finden, die das Eisen wenigstens ein paar Jahre
schützten. Aber an manchen Industriestandorten war die Luft derart aggressiv,
dass unsere besten und dick aufgetragenen Lackschichten schon nach einem halben
Jahr die ersten Rostflecke zeigten. Im Erzgebirge war die Stahlkonstruktion von
Gittermasten für Fernsehumsetzer, die eigentlich 50 oder 80 Jahre halten sollten,
schon nach 8 Jahren „hin“. Ehe ich das Wort Waldsterben gehört
hatte, wusste ich, dass in unseren Belastungskarten manche Erholungsorte des
Erzgebirges unter „Industrieklima II“ eingeordnet waren.
Wir testeten Anstrichstoffe
unter den konkreten Belastungssituationen an verschiedenen Industriestandorten.
Dienstreisen dorthin verschafften mir einen Einblick, was sich hinter
„Leuna I“ oder „Leuna II“, verbarg, was
„Buna“ in Schkopau bedeutete oder wie Industriegiganten wie
„Bitterfeld“, „Wolfen“, „Piesteritz“,
„Coswig“, „Schwarze Pumpe“ usw. aussahen. Der
„Blick von hinten“ in die DDR-Kombinate war sehr lehrreich. Diese
Vorzeigebetriebe waren großzügig, manchmal auch großkotzig errichtet worden,
aber im Laufe der Jahre war der Glanz verblichen. In Leuna forderte mich z.B.
ein Begleiter auf, den sowieso vorgeschriebenen Schutz-Helm doch wirklich
aufzusetzen, man wisse nie, was da von oben aus den Rohrbrücken heruntertropfe;
„wenn hinten aus einer Leitung nichts mehr rauskommt, legen wir lieber
gleich eine neue Leitung“. In Bitterfeld stiegen wir auf ein Dach hoch,
auf dem unsere Testplatten gelagert waren. Schon im Treppenhaus hatte ich mich
gewundert, warum da überall Glasvitrinen standen, in denen Gasmasken für
unterschiedliche giftige Gase gelagert waren. Oben auf dem Dach hatte ich das
Pech, in die dicke Abgasfahne aus einer benachbarten Produktionsanlage zu
geraten, hochkonzentrierter Ammoniak setzte mich schlagartig außer Gefecht;
zum Glück gelang es meinen Begleitern, mich schnell wieder wach zu klopfen.
Seit 1982 war ich als
Naturwissenschaftler bei der Kirche angestellt. Ich war für „Glaube und
Naturwissenschaft“ zuständig, sollte mich also um Fragen kümmern, wo
Entwicklungen in Naturwissenschaft und Technik, bei Weltbildern oder im
medizinischen Bereich Herausforderungen für den christlichen Glauben
darstellten. In der konkreten DDR-Situation mit ihren gravierenden Umweltproblemen
und dem staatlich verordneten Schweigen dazu war eine meiner Aufgaben, mich zu
konkreten Fragen sachkundig zu machen, darüber zu informieren und Betroffenen
Hilfe anzubieten.
Mein erster Fall hieß
„Dohna“. Dohna ist ein Städtchen in der Nähe von Dresden. Ein
Freund von mir war dort Zahnarzt und erzählte mir von bedrückenden
Beobachtungen. Praktisch alle Kinder und Jugendlichen aus dem Ort, die er
behandelte, hatten typische Zahnschäden. Die zweiten, bleibenden Zähne, die
nach dem Milchgebiss durchbrachen, waren oft gelblich bis schwarz verfärbt,
waren spröde, schnell brachen also Teile ab. Ein Blick in viele Münder zeigte
ein Ruinenfeld. Grund für diese Schäden war der Ausstoß von Schadstoffen aus
einem im Ort ansässigen Betrieb, dem „Fluorwerk“. Das Werk
arbeitete mit Flusssäure und ihren Salzen. Schon im Routinebetrieb wurden
schädliche Gase freigesetzt, manchmal gab es aber auch Havarien, und dann
wehten giftige Nebel durch den ganzen Ort. Das Trinkwasser war belastet, die
Früchte, die in den Gärten geerntet wurden, enthielten hohe
Fluorkonzentrationen. Nun wird ja manchmal Fluor Zahnpasten zugesetzt oder in
Tablettenform empfohlen, um die Mineralisation der Zahnsubstanz zu verbessern.
Aber in Dohna erhielten alle Einwohner zwangsweise und tagein tagaus eine extreme
Überdosis. Dadurch wurden die Zähne zu hart und spröde.
Das Problem war bekannt - und ein Fall für die Wissenschaft. Die betroffenen
Bewohner blieben im Unklaren. Ich erfuhr durch eine Indiskretion davon, dass
drei Zahnärztinnen an dem Problem geforscht hatten und nun ihre gemeinsame
Doktorarbeit verteidigen würden. Verteidigungen waren eine öffentliche
Angelegenheit, mein Freund lieh mir einen weißen Arzt-Kittel - woraufhin ich
prompt mit „Herr Kollege“ angesprochen wurde -, und dann saß ich im
Hörsaal und hörte das, was ich nie hätte hören dürfen – die Fakten zum
Schicksal der Kinder von Dohna.
Inzwischen hatte ich auch selbst recherchiert und in medizinischen Fachzeitschriften
der DDR einiges zu dem Fall gefunden. Einen der Autoren, Mediziner in Dohna,
suchte ich auf, um von ihm noch einiges über die Hintergründe zu erfahren.
Denkste. Vielleicht hatte er ja einfach Angst, weil er mich gar nicht kannte
und weil er wusste, in welch gefährlichem Terrain wir uns bewegten. Beunruhigt
hat mich aber doch - ganz grundsätzlich - seine Reaktion. Ich erzählte ihm,
was ich aus den Fachartikeln an Informationen entnommen hatte, worauf er
trocken meinte: „Da habe ich etwas falsch gemacht. Das, was ich da
aufgeschrieben habe, war nur für Fachkollegen gedacht. Sie hätten das nicht
verstehen dürfen.“
Das Institut, an dem ich
arbeitete, lag am Stadtrand. Genauer war es eine ehemalige Wohnbaracke, in der
wir nun forschten. Wir hatten moderne Chemie-Labors, eine hochkarätige Spezial-Bibliothek,
mehrere Werkstätten, ein Fotolabor, und es gab nette Kollegen. Eine meiner
Spezialaufgaben im „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ war es,
zu Geburtstagfeiern mit dem Auto zur Arbeit zu kommen, unterwegs beim Bäcker in
Weißig anzuhalten und eine Quarksahnetorte zu kaufen. Die musste ich dann - je
nach gerade vorhandener Zahl feierwütiger Kollegen – ganz gerecht in
exakt gleichgroße Stücke zu zerteilen, was bei 7 oder 11 gar nicht so einfach
ist. In der Weihnachtszeit schleppte ich auch schon mal meinen Plattenspieler
mit auf Arbeit und wir stellten uns gegenseitig unsere Lieblingsplatten vor.
Solche Sorgen also hatten wir manchmal.
Eines Morgens fuhr ich mit
dem Bus zur Arbeit, aber schon beim Näherkommen war klar: Irgendetwas stimmte
nicht. Auf den zweiten Blick Erschrecken: Dort, wo gestern noch mein
Arbeitsplatz gewesen war, standen rauchende Trümmer. Ein Teil unserer Baracke
war völlig abgebrannt, auch mein Zimmer existierte nicht mehr. Feuerwehrleute
räumten ihr Gerät ab. Einige Kollegen standen versteinert in Gruppen zusammen,
andere stürzten hektisch herum. Da kam ein Abteilungsleiter auf uns zu und
sprach mich gezielt an – man wolle mich als ersten befragen. In einem
provisorisch eingerichteten Untersuchungsraum saßen einige mir völlig fremde
Menschen - ich rate mal: Feuerwehrfachleute und Stasi -, und nun wurde ich
hochnotpeinlich ausgeforscht, was ich gestern als letztes getan, wie ich meinen
Arbeitsplatz verlassen, was ich in der letzten Nacht getrieben habe usw. Es
war schon ziemlich beklemmend und unheimlich. Und es sah nicht gut aus: Die
Experten hatten z.B. durch Untersuchung der zusammengeschmolzenen Reste aus
meinem Labor herausgefunden, dass ich den Hahn an der Propangasflasche nicht
zugedreht hatte; aus Faulheit sperrte ich immer nur die Gasleitung am
Bunsenbrenner ab. Aber ich durfte erst einmal gehen, andere Kollegen wurden
befragt. Zum Glück war einige Stunden später klar, dass es „nur“
eine normale Brandstiftung war - ein institutsfremder Mensch hatte aus
Liebeskummer gezündelt - und dass kein politischer oder staatsfeindlicher
Hintergrund bestand. Gerade dieser Verdacht aber, erfuhr ich später, hatte mir
die „Ehre“ eingebracht, als Hauptverdächtigter in Frage zu kommen.
Ich lag politisch etwas quer zur DDR, und das machte mich eben auch zu einem
potenziellen Brandstifter.
Wir hatten Kinder. All
unsere Freunde hatten Kinder. Wir hatten nach gemachten schlechten Erfahrungen
das Gefühl, dass wir in der DDR-Gesellschaft ziemlich AUTORITÄR behandelt
wurden. Darauf reagierten wir - es war die 68er Zeit, auch im Osten! -
allergisch und waren alle etwas ANTI.
Und da machten wir uns
Gedanken, über Erziehung im Allgemeinen, über neue Lebensentwürfe: Wer war
bereit, irgendwo auf dem Lande eine Kommune mit zu gründen?
Mit Heißhunger verschlangen
wir die Bücher des britischen Reformpädagogen Alexander S. Neill über sein
Projekt „Summerhill“, über seine Erfahrungen mit
„antiautoritärer Erziehung“, seine theoretischen Ansätze dazu.
Neill hatte wichtige Anregungen für sein Erziehungskonzept in Hellerau
erhalten, einem Stadtteil von Dresden, nur wenige Kilometer von uns entfernt.
SO ungefähr konnte es aussehen! Mehr Loslassen, mehr Freiheit, mehr Offenheit
– danach war uns doch auch zumute. Nicht immer vorschreiben, selber
suchen lassen, auch um den Preis von Irrwegen. Begleiter sein, nicht Spitze
einer Marschkolonne.
Die Berichte in den Büchern machten beschwingt und mutig. Die Praxis zu Hause
in unseren Wohnzimmern war etwas beschwerlicher. Die Kinder mussten nun nicht
mehr zu einer festen Zeit ins Bett, sie durften auch mal auf dem
Wohnzimmerteppich einschlafen, es war kein Problem, wenn sie Zucker aufs
Schnitzel wollten. Was aber tun, wenn sie nach eins in der Nacht immer noch im
Zimmer herumtobten, wenn sie den selbstgewünschten Essensmix nun gar nicht
mochten ...?
So richtig ein Programm mit
festeren Vorstellungen ist die Idee von der antiautoritären Erziehung für mich
nie gewesen, eher ein flockiger, verlockender Traum, der einen die gewohnten
Verkrustungen hinterfragen ließ.
In der alltäglichen
Erziehungspraxis ging´s bei uns bald wieder ziemlich „normal“ zu.
Ich ging mit Kollegen aus
dem Institut zum Mittagessen. Sie redeten über das Fußballspiel, das am
Nachmittag in Dresden stattfinden würde. Ich fragte: „War das nicht
gestern? Ich habe doch darüber was in der Zeitung gelesen.“ Mein Irrtum
ward aufgeklärt, das Spiel würde tatsächlich erst heute Nachmittag stattfinden.
Ich erzählte, dass ich im Traum Zeitung gelesen habe. Ich konnte mich noch
genau erinnern, dass ich die Zeitung erst herumdrehen musste, um den
Spielbericht zu lesen. Ich wusste natürlich auch das Ergebnis noch: 2:1.
Am Nachmittag fand das „echte“ Spiel statt. Es endete 2:1.
Schräg gegenüber von unserem
Wohnhaus im Dorf stand das kommunale Gemeindeamt. Ich dachte eigentlich, dass
wir zu einem ganz konstruktiven Verhältnis zwischen Kirche und Staat hier im
Kleinen gefunden hätten. Beim Lesen meiner Stasiakte Jahre später wurde ich
aber eines Besseren belehrt. Auf Vorschlag der misstrauischen Bürgermeisterin
wurde im Gemeindeamt jahrelang die ganze Wohnung im ersten Stock freigehalten.
Von dort hatte man freie Sicht auf unser Grundstück, um
„feindliche“ Bewegungen zu beobachten. Eine später tatsächlich
dokumentierte Beobachtung sah z.B. so aus, dass unsere Jungs gerade
„Pirat“ spielten und auf unserem Küchenbalkon eine selbstgefertigte
Totenkopfflagge gehisst wurde – da wurde nun lang und breit sinniert,
welchem Feind der Republik damit welche Botschaft signalisiert werden sollte
...
Jeder, der fortan mit dem Auto in unser Grundstück einfuhr, hatte die Chance,
aktenkundig zu werden.
Nach der Wende entdeckten
wir in einem kleinen Nebenraum im Gemeindeamt ein Bündel dünner Drähte, das
aus der Wand kam; hier bestand die Möglichkeit, in kritischen Zeiten die
Telefone im Ort gezielt anzuzapfen.
Familie Schubert
Unser Freund B.
hatte – mit einem Plakat auf dem Rücken – gegen die Verhaftung von
Rudolf Bahro protestiert, und nun saß er in Untersuchungshaft. Verschiedene
Leute aus seinem Umfeld bekamen in den nächsten Tagen Besuch. Herren erschienen
an der Wohnungstür und wollten Gespräche führen. Für einen solchen Fall hatten
wir unter uns immer den Tipp weitergegeben, penetrant nach dem Namen zu fragen.
B.s Freund in Leipzig fragte also seinen Besucher, der ordentlich mitteilte, er
hieße Schubert. Bei einer Befragung in Dresden in gleicher Sache stellte sich
heraus, dass auch hier der Mann vom „Organ“ Schubert hieß. Als dann
an noch anderer Stelle wieder der gleiche Name genannt wurde, roch das doch
sehr nach geschulter Identität.
Anfang der 70er Jahre bekam
ich ein dünnes Büchlein in die Hand, das mein Weltbild und meinen weiteren
Lebensweg nachdrücklich verändert hat. Der „Club of Rome“
beschäftigte sich schon länger mit Krisensignalen in der Welt wie
Bevölkerungswachstum, Rohstoffverbrauch und Umweltbelastung, und er hatte
einen Bericht dazu erstellen lassen, der die „Grenzen des
Wachstums“ ansagte. Das war in einer Welt, die in Ost und West auf
„schneller-höher-weiter“ orientiert war, in der Fortschritt
gleichgesetzt wurde mit Expansion und Wachstum, unzeitgemäß und ein Schock.
Mein Fortschrittsoptimismus jedenfalls kriegte einen deutlichen Knacks und wich
der Nachdenklichkeit. Ich habe sofort das ganze Buch mit Hilfe unseres
freundlichen Institutsfotografen als Fotokopie vervielfältigt und in Umlauf
gebracht. Ich habe Dias von Grafiken angefertigt und begonnen, im kleinen Kreis
meiner Freunde Vorträge zu halten. Ich habe mich mit dem Autor des Buches in
den USA in Verbindung gesetzt, und er schickte mir sein einziges
deutschsprachiges Belegexemplar – aber auch den ausführlichen
wissenschaftlichen Bericht. Dass ich den besaß und bereit war, ihn zur
Auswertung zur Verfügung zu stellen, habe ich damals der Strategieabteilung
beim ZK der SED mitgeteilt, die sich zwar mit einem freundlichen Brief
bedankte, aber das Buch (offiziell) nicht lesen wollte – oder nicht lesen
durfte.
Bei der Beschäftigung mit
dem Thema UMWELT begegneten mir in Dresden Gleichgesinnte, was in den nächsten
Jahren zu einer intensiven Zusammenarbeit führte. Ende der 1970er Jahre ging
ich mit einem Freund gemeinsam in die breitere Öffentlichkeit. Ein meditativer
Diavortrag in der zentralen Kreuzkirche mit anschließender Diskussion war der
Startschuss für eine organisierte Beschäftigung mit Umweltfragen im Raum der
Kirche. Der „Ökologische Arbeitskreis“ wurde gegründet, und in
Arbeitsgruppen wurde fortan ein schnell breiter werdendes Themenspektrum naturwissenschaftlich-fachlich,
gesellschaftspolitisch, pädagogisch und theologisch bearbeitet.
Zur gleichen Zeit hörte ich
auch zum ersten Mal vom „Kirchlichen Forschungsheim“ in der Lutherstadt
Wittenberg, einer kleinen, aber schlagkräftigen Einrichtung, die in den
folgenden Jahren ein dicker Knoten im Netz der kritischen kirchlichen
Umweltarbeit in der DDR wurde. Ich kam zu spät nach Wittenberg, denn die gerade
noch unbesetzte Stelle eines naturwissenschaftlichen Mitarbeiters in dem
Institut, mit der ich geliebäugelt hatte, war nicht mehr zu haben ... Ich
lernte aber neue interessante Leute kennen. Ein Dutzend kritische
Wissenschaftler aus allen Teilen der DDR arbeiteten im
„Erde-Kreis“ zusammen. Er hieß so, weil hier eine Broschüre
entstand, die mit dem doppelbödigen Titel „Die Erde ist zu retten“
sowohl eine fundierte Analyse des Zustands der Umwelt in der DDR versuchte als
auch Handlungsempfehlungen - für die Gesellschaft, für die Kirche, für den
Einzelnen - vermittelte. Das Heft erschien in mehreren, immer wieder
aktualisierten Auflagen und fand Verbreitung weit über den kirchlichen Bereich
hinaus. Vervielfältigt wurden die Hefte im kirchlichen Halb-Untergrund. Der
Aufdruck „Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“ war für den
Staat immer ein Signal zur Zurückhaltung, weil er sich nicht offen mit der
Kirche anlegen wollte, der hier auch gewisse Freiräume zugestanden wurden. Das
Forschungsheim gab in mehrmonatigen Abständen eine Zeitschrift mit einer
Auflagenhöhe von 2000 Stück heraus, in der auch aktuelle Probleme dargestellt
und diskutiert werden konnten, die „Briefe zum Konflikt Mensch –
Erde“. Es erschienen weitere Broschüren, z.B. zum Thema Waldsterben
(„Wie man in den Wald rußt ...“), zu „Anders Gärtnern macht
Spaß“. Ich begann, mich auch als Autor zu versuchen, schrieb ein
Mutmach-Heft „Fang an – Tipps für umweltgerechtes Verhalten im
Alltag“ und nach dem Unfall in Tschernobyl ein Papier mit grundlegenden
Informationen zur Nutzung der Kernenergie und das Pro und Contra dazu
(„... nicht das letzte Wort – Kernenergie in der
Diskussion“). Der Staat fand unsere publizistische Tätigkeit gar nicht
gut, intervenierte auch immer wieder bei der kirchlichen Obrigkeit, aber von
dort her stärkte man uns immer wieder den Rücken und verteidigte unseren
Einsatz als Aufgabe der Kirche in der Gesellschaft, und so waren wir unbequem,
wurden aber geduldet. In der Dresdner Ökogruppe hatten wir diskutiert, ob das
Thema Umwelt nicht zu wichtig sei, um es nur so nach Feierabend nebenbei zu
bearbeiten. Wir hatten erwogen, dass ein Freundeskreis von Spendern in einem
gesicherten Arbeitsverhältnis durch verbindliche monatliche Zahlungen eine
Stelle finanzieren könnte. Wir schrieben auch Appelle an kirchliche
Dienststellen, für diesen Themenbereich hauptamtliche Stellen zu schaffen.
Dann stellte sich heraus, dass bei der Sächsischen Evangelischen Kirche gerade
eine Stelle frei geworden war, deren Inhaber sich damit beschäftigt hatte, wie
christlicher Glaube aussehen und gelebt werden kann in einer Welt, die von
Naturwissenschaft und Technik nachhaltig geprägt ist, welche weltanschaulichen
und ethischen Fragen sich daraus ergeben. Die Stelle war da und sollte auch
wieder besetzt werden, unser Antrag auf Einrichtung einer hauptamtlichen Stelle
mit Schwerpunkt Umwelt lag auf dem Tisch, ich führte einige Gespräche im
Landeskirchenamt – und dann wurde ich gefragt, ob ich das nicht machen
wolle. Ich entschied mich für den Berufswechsel, und fortan war ich auch
Umweltbeauftragter meiner Kirche. Das eröffnete mir gute neue Arbeitsmöglichkeiten,
und die weiter bestehenden Kontakte zu den Netzen in Wittenberg und anderswo
erwiesen sich in den Folgejahren als sehr hilfreich.
Bedrucktes Papier hatte in der
DDR einen ganz anderen Stellenwert als in der Postwurfgesellschaft des
Westens. Unsere Materialien zu Umweltthemen erschienen nur in begrenzter Auflagenhöhe,
ein paar hundert bis wenige tausend Exemplare je Heft, aber die wurden uns aus
der Hand gerissen, durchgelesen, zu Hause als Rarität archiviert oder
zerfledert an Dritt- und Viertleser ausgeliehen. Dabei war die Qualität
manchmal grottenschlecht. Eine Variante der Vervielfältigung hieß ORMIG. Der
Text wurde - möglichst im ersten Anlauf fehlerfrei, man hatte nur einen Versuch!
- auf eine besondere Matrize geschrieben. Von einem zweiten, untergelegten
Blatt übertrug sich dabei blaue Farbe auf die Buchstaben, die angeschlagen
wurden. Die Matrize wurde dann in einem Gerät auf eine Rolle gespannt, die sich
mit einer Handkurbel drehen ließ. In einem Vorratsgefäß befand sich Alkohol,
der einen Filz nässte, der seinerseits Papierblätter befeuchtete, die auf
einer zweiten Walze gegenläufig an die Druck-Vorlage gepresst wurden. Dabei
übertrug sich immer ein wenig von dem blauen Farbstoff auf das Papier. Von
Umlauf zu Umlauf und von Blatt zu Blatt verblassten die Kopien. Wenn man Pech
hatte, waren nur 20 Exemplare lesbar, bei frischen „West“-Vorlagen
gingen auch mal 120 durch.
Für größere Auflagen eignete
sich ein Verfahren, bei dem auch Matrizen beschrieben wurden, allerdings
wurden hier die Buchstaben durch den Schreibmaschinenanschlag fein
herausgestanzt, und durch die entstandenen Öffnungen wurde dann Druckfarbe
gepresst, die zähflüssig auf einer Walze verteilt war.
Jedes Mal, wenn wir etwas drucken wollten, hatten wir auch mit anderen
DDR-spezifischen Problemen zu kämpfen. Woher sollten wir das Papier kriegen?
Wir brauchten für eine Auflage einer Broschüre z.B. 80 500-Blatt-Pakete
A-4-Papier. Der Drucker wünschte sich zwar eine bestimmte Papierqualität, aber
er kriegte immer eine Mischung quer durch das DDR-Angebot. Konkret fuhr ich,
wenn es wieder einmal so weit war, mit dem Trabbi auf Dienstreise, Anhänger
hintendran. Ich informierte mich im Telefonbuch von Dresden oder
Karl-Marx-Stadt oder wo ich gerade war, über die Anschriften von Geschäften mit
Bürobedarf. Die klapperte ich dann systematisch ab. Rein in den Laden, Frage
nach Papier: Gab´s überhaupt welches?. Spätestens bei der nächsten Frage, wie
viele Pakete ich denn nun bekommen könne, guckten manche Verkäufer schon
misstrauisch. Also lieber etwas weniger, um keinen Verdacht zu erregen, und
weiter zum nächsten Laden. Der Hänger füllte sich, da lagen nun 13 Pakete mit
handgeschöpft Bütten, 18 hatten weiße holzfreie Qualität, 25 Päckchen
enthielten eine gelblich-graue raue Papiersorte, bei der kleine Holzspänchen
zu erkennen waren usw. Entsprechend „bunt“ sahen später auch die
gedruckten Hefte aus.
Wenn wir die fertigen Drucke
endlich abholen durften, bekamen wir sie als lose Blätter in die Hand, als
Bündel von je einer Seite. Dann wurden ein paar Freunde zusammengetrommelt, der
erste ging mit Seite 1 im Kreis um einen großen Tisch herum und legte die
Blätter nebeneinander, dahinter lief der nächste und legte jeweils Seite 2
drauf, dann kam Seite 3 usw. usw.
Der Trabbi war ein
Allroundgerät. Man konnte mit ihm einfach „Auto“ fahren. Aber da
ging noch mehr! Bei den jährlichen Urlaubsfahrten war er uns ein zuverlässiger
Lastesel. Es musste ja der gesamte Haushalt für die Familie für drei Wochen
Camping transportiert werden, einschließlich Kinderbett und Küchenzelt und
Lieblingsbär. Also wurde ein Anhänger geliehen und beladen, bis die Räder
schief standen. Dann kam ein Dachgitter auf den Trabbi, das die Zeltsäcke
aufnahm, umhüllt von einer haltbaren, aber hässlichen Plaste-Plane. Innen war
das Auto auch gut gefüllt, es musste nur etwas Platz bleiben für die zwei
Kinder, die bei der nächtlichen Fahrt in der Hutablage ruhten.
Noch Schlimmeres hatte der
Trabbi zu bewältigen, wenn es eine reichliche Apfelernte gegeben hatte. Dann
wurde das Fallobst zur Mosterei gebracht, und damit sich´s lohnte, das Auto
bis unters Dach vollgestopft und der Rest im Hänger verzurrt. Als Rekord
erinnere ich mich an 28 Säcke zu je 30 bis 50 Kilogramm auf einer Fahrt.
Ein bisschen
gewöhnungsbedürftig waren für die Mitdörfler hinter dem Gartenzaun unsere
jährlichen Fahrten mit dem Schaf. Bei uns standen immer ein paar Schafe im
Garten, die die Wiese kurz hielten. Einige wurden im Herbst verkauft, weil wir
nur einen Mini-Stall hatten. Aber ein weibliches Tier blieb immer da, und
seine Aufgabe war es, uns die Lämmer fürs nächste Jahr ins Haus zu bringen.
Das passiert aber auch bei Schafen nicht von allein, da musste man „zum
Bock“ fahren. Der stand bei einem Bauern im Nachbardorf, und ihm wurden
im Herbst die Schafe zugeführt zum nachwuchszeugenden Sprung. Einmal nur
hatten wir versucht, das Schaf an einer Leine durchs Dorf zu führen, aber
halb, weil wir vor Lachen nicht mehr konnten, halb, weil wir ziemlich
ohnmächtig an dem Tier zerrten, gaben wir auf und machten´s fortan anders. Im
Trabbi wurde vorn der Beifahrersitz ausgebaut. Das Schaf wurde hineingeschoben.
Hinter dem Schaf auf der Rückbank saß meine Frau und hinderte das Tier daran,
sich zu setzen. Während der Fahrt guckte das Schaf etwas verdutzt durch die
Frontscheibe – und die Passanten guckten noch verdutzter zurück. Aber es
lohnte sich, denn im nächsten Jahr blökten wieder junge Lämmer im Garten.
In den 1980er Jahren
begannen wir in der „kirchlichen Umweltbewegung“, systematisch die
Umweltsituation in der DDR „aufzuklären“ - im doppelten Sinne
verstanden, als Erfassung der Fakten und als Information der Bevölkerung.
Mitstreiter M. hatte - als Autodidakt - begonnen, sich mit den materiellen
Hinterlassenschaften und den Gesundheitsschäden zu beschäftigen, die im Gefolge
des Uranbergbau der „SDAG WISMUT“ („Sowjetisch-Deutsche
Aktiengesellschaft“) in Sachsen und Thüringen auftraten.
Freunde aus der grünen Bewegung im „Westen“ hatten für ihn einen
Geigerzähler besorgt. Ein netter „Grenzgänger“ schmuggelte ihn in
die DDR. Interessant war für mich, später in der Stasiakte zu lesen, dass die
Stasi von Anfang an gewusst hatte, dass wir dieses Gerät besaßen, aber sie
griffen nicht zu, sondern ließen uns messen. Offenbar war die Stasi selbst
daran interessiert, so indirekt etwas über den WISMUT-Bereich zu erfahren,
der nämlich auch für diese sonst allmächtige Organisation weithin tabu war.
Wir hatten nun jedenfalls
ein richtiges Messgerät, das uns brauchbare Aussagen über die Strahlenbelastung
lieferte. Wir fuhren zu zweit im Trabbi über Land, besuchten alte Bergbauanlagen,
inspizierten Halden und – heimlich – noch aktive
WISMUT-Einrichtungen. Immer tickte der Geigerzähler und wir notierten die
Messwerte.
Wir bemerkten, dass es überall „tickte“, vor allem, wo Granit aus
dem Erzgebirge lag. Aber auf manchen Halden oder an Becken mit
Abfallschlämmen aus der Urangewinnung war die Aktivität noch deutlich höher.
Und oft waren diese Anlagen ja auch längst für die normale Bevölkerung zugänglich.
Die weitaus höchsten Messwerte ergaben sich an völlig unerwarteten Stellen,
z.B. im Keller von alten Häusern im Erzgebirge, wo es hinter dem Regal mit dem
Eingemachten einen direkten Weg, einen alten Schachteingang in den Berg gab,
oder im Schotter auf Feldwegen Dutzende Kilometer weit weg vom Bergbau. Die
WISMUT hatte Gestein, das als minderwertiges Erz eingestuft worden war, als
Wegebaumaterial verschenkt, manche LPG hatte es dankbar abgeholt und zur
Befestigung ihrer Wege eingesetzt – da lag nun aber manches Stück stark
radioaktives Erz in der Landschaft herum und strahlte.
M. schrieb eine Studie zum
Uranbergbau und seinen Folgen in der DDR mit dem doppelbödigen Titel
„Pechblende“. Das Heft wurde 1988 „Nur für innerkirchlichen
Dienstgebrauch“ in Tausend Exemplaren gedruckt und in den betroffenen
Gebieten gezielt verteilt. Für M. hatte das bedrückende Folgen. Ich erinnere
mich, dass er einmal zu einem Vortrag gebeten worden war in eine Kirchgemeinde
in Thüringen. Im Vorfeld gab es massive Versuche staatlicher Behörden, über
die Kirchenleitung die Veranstaltung verbieten zu lassen, der Ortspfarrer
erhielt die unverblümte Mitteilung, dass „empörte Bergleute“ bei
der Veranstaltung erscheinen würden und die Sicherheit des Referenten leider
nicht zu garantieren sei ... Ich hielt dann an M.s Stelle einen Vortrag in der
voll besetzten Kirche über „Bewahrung der Schöpfung –
konkret“, und so hörten die WISMUT-Gesandten mancherlei über
DDR-Umweltprobleme.
„Unser Schulhof strahlt“
Es war im April 1989. Meine
Familie saß beim Mittagessen zusammen. Ich war gerade mit M. von einer Tour
zurückgekommen, bei der wir nach strahlenden Altlasten des Uranbergbaus gesucht
hatten. Dabei fahndeten wir nicht nur gezielt an verdächtigen Orten, sondern
wir legten während der Autofahrten den Geigerzähler einfach eingeschaltet auf
den Rücksitz, und wenn die Piep-Töne in schnellerer Folge erklangen, dann waren
wir wieder einmal „fündig“ geworden; in solchen Fällen war das
uran-haltige, strahlende Gestein als Schotter im Straßenbau eingesetzt worden.
Wir diskutierten über unsere neuesten Entdeckungen, als meine Tochter plötzlich
mitteilte „Auf unserem Schulhof strahlt es auch.“ Nun konnte sie
das zwar so genau nicht wissen, aber einer ihrer Klassenkameraden hatte mal
erzählt, dass beim Anlegen des Schulgeländes vor 10 Jahren auch Gestein aus dem
Uranbergbau verwendet worden sei. Die Mitteilung elektrisierte uns. Eine halbe
Stunde später schlichen wir auf dem Schulgelände im Nachbardorf herum und
ließen den Geigerzähler piepsen. Und der Verdacht bestätigte sich: Hier steckte
zweifellos WISMUT-Material unter der Asphalt-Decke! Schnell wurden einige
besonders auffällige Messorte grob auf einer Lageskizze eingetragen. Ein paar
Wochen später schickte ich per Brief eine Auflistung der Messwerte von einigen
„Fundstellen“ in der Region – auch die vom Schulhof meiner
Kinder - an das dafür zuständige „Staatliche Amt für Atomsicherheit und
Strahlenschutz“ (SAAS), um so auf die von uns entdeckten Gefahren
aufmerksam zu machen. Damit hängten wir uns ziemlich weit aus dem Fenster, denn
es war nicht abzuschätzen, was nun passieren würde. Natürlich bekam die Stasi
sofort Wind davon; eine Kopie des Briefes wurde in „meiner“
Stasi-Akte abgeheftet. Aber offiziell erfolgte eine sehr „normale“
Reaktion, die wir so gar nicht erwartet hatten. Das SAAS schickte umgehend
seine eigenen Leute zwecks amtlicher Kontrollmessungen auf den Schulhof. Dort
wurde an verschiedenen Stellen die Asphaltdecke aufgehackt. Gesteinsproben
wanderten zur Untersuchung nach Berlin. Und dann gab es viel Aufregung und
Stress, denn der auch nach DDR-Maßstäben (das heißt wegen Nicht-Einhaltung von
Grenzwerten) unzulässige Zustand wurde tatsächlich umgehend in Ordnung
gebracht. Noch im Juli wurden alle betroffenen Flächen mit erheblichem Aufwand
durch eine zusätzliche 10 Zentimeter dicke Schicht aus Beton und Bitumen
abgedeckt und abgeschirmt. Danach lagen die Messwerte – das bestätigten
auch meine heimlich durchgeführten Kontrollmessungen – im zulässigen
Bereich.
Die Schulhof-Affäre hatte noch ein paar pikante, DDR-typische
Begleiterscheinungen. Bei unserer ersten Messung war der Hausmeister der Schule
aufmerksam geworden und hatte dann interessiert unser Tun verfolgt. Er erzählte
aufgeregt dem Physiklehrer vom Ticken und Pfeifen des Geigerzählers - der aber
meinte, er solle sich nicht verrückt machen lassen, das sei nur Panikmache.
Sofort anschließend aber lief der Lehrer, Genosse zudem, eilends zum
Bürgermeister und informierte diesen von den gefährlichen und illegalen
Aktivitäten des Vaters K. Der wütende Bürgermeister wiederum wies den
Hausmeister der Schule an, „ab sofort jeden vom Schulhof zu schmeißen,
der da irgendwelche Messungen macht“. Ich ahnte von alledem nichts, und
weil ich eigentlich immer versuchte, mit offenen Karten zu spielen, besuchte
ich einige Tage später ausgerechnet den Physiklehrer in der Schule und berichtete
ihm von meinen Entdeckungen - mit wenig Resonanz.
Und in meiner Wahrnehmung gehörte auch folgende Episode noch zu den
Nachwirkungen: Ende September 1989 wurde ich mit meiner Frau offiziell zu einem
Elterngespräch in die Schule „geladen“. Es ging um den weiteren
Bildungsweg unseres 15-jährigen Sohnes. Anwesend war neben dem alten
Schuldirektor und der neuen Direktorin auch der Physiklehrer, der zugleich
Klassenlehrer war. Und nun erfuhren wir: Der Zugang zum Abitur sei für unseren
Sohn leider nicht möglich, er „würdige das Fach Russisch herab“ und
„stelle die Errungenschaften des Sozialismus in Frage“. Konkret
hatte er z.B. in einer Diskussion gemeint, wenn derzeit im Staat DDR offenbar
vieles zwischen Gesellschaftstheorie und Lebenspraxis nicht mehr übereinstimme,
dann müsse man vielleicht auch bereit sein, die Verfassung ändern. Das alles
geschah zwar spät im Herbst ´89, aber noch immer lief eben vieles in den alten
Gleisen und pädagogischen Denkgewohnheiten! Jetzt aber überschlugen sich die
Ereignisse, und schon am gleichen Abend diskutierten auf dem
„Klassen-Elternabend“ mutig gewordene Mütter und Väter kritisch und
heftig und laut mit der schulischen Obrigkeit über die Gefahren von
Wismutschotter auf dem Schulhof und Asbeststaub in der Turnhalle. Und die Verfassung
der DDR änderte sich wenig später auch.
Der Bürgermeister war übrigens einer von ganz wenigen, die nach der Wende
eingestanden, Fehler gemacht zu haben. Er entschuldigte sich für sein Verhalten
in der Schulhofgeschichte bei mir.
Anfang des Jahres 1989 war
ich auf Dienstreise in Norwegen, also im Westen, oder doch mehr im Norden ...
Wir hatten etwas Freizeit.
Drei Ossi-Teilnehmer erkundeten Oslo. Wir besuchten das Munch-Museet mit den
großformatigen Munch-Gemälden, die Ausstellung am Hafen über Thor Heyerdahls
Weltreisen, und dann hatten wir Hunger. In einem normalen Lebensmittelgeschäft
entdeckten wir in der Auslage ein kleines rundes Pfund-Brot – und mussten
dafür 8 Westmark bezahlen. Nahrungsmittel sind hier so teuer, weil sie uns das
wert sind - so erfuhren wir später von Eingeborenen. Norwegen möchte weiter
eine eigene bodenständige Landwirtschaft haben, die auch produziert. Aber nach
Weltmarktkriterien lohnt sich das überhaupt nicht, Importe wären viel
günstiger. Die Norweger sind bockig und sagen: Das leisten wir uns! Aus
solcherlei Gründen sind sie später auch nicht der EU beigetreten.
Ich habe dann noch eine
private Extratour gestartet. Mit der Straßenbahn hinauf zur berühmten
Holmenkollen-Schanze. Herrlicher Blick auf die Bucht vor Oslo,
Spielzeug-Flugzeuge, die weit unter mir zur Landung einflogen. Und dann stand
ich vor einem Denkmal. Es wurde von den dankbaren Norwegern für ihren König
errichtet. Nach der deutschen Besetzung Norwegens im April 1940 stand König
Haakon zwei Monate lang an der Spitze des Widerstands, erkannte die von den
Nazis eingesetzte Regierung nicht an, ging dann nach England und stand dort
der norwegischen Exilregierung vor. Das Denkmal machte mich nachdenklich. Hier
stand kein Herrscher mit Fernblick auf einem Sockel, kein Krieger hoch zu Ross
– nein, ich stand vor der lebensgroßen Bronzeskulptur eines skilaufenden
Königs, begleitet von seinem – ebenfalls in Bronze gegossenen - Hund.
Wir wohnten auf dem Dorf.
Wir hatten Kinder. Wir hatten eine Riesen-Wiese, die bewirtschaftet werden
musste. Gründe über Gründe, auch Schafe zu halten. Nun sah´s im Garten ländlich
aus, die Kinder konnten streicheln gehen, das Gras blieb kurz – und man
konnte mit dem Verkauf von Schafwolle in der DDR richtig Geld verdienen.
Unser Mutterschaf hatte drei Lämmer geworfen. Aber ein Schaf ist biologisch
nur für zwei Junge eingerichtet, am Euter gibt es nur zwei „Zapfstellen“
zum Milchtrinken. Das Muttertier wusste das wohl, und es hat daher
konsequenterweise ein Junges „verstoßen“ – es wurde im
Wortsinne immer wieder beiseite gestoßen, bekam nichts zu trinken und wurde
schnell schwächer. Erfahrene Bauern, die wir befragten, sagten:
„Duutschlahn!“ Das hieß: totschlagen, das wird sowieso nichts. Das
konnten und wollten wir nicht. So stellten wir eine Plaste-Wanne, gefüllt mit
Heu, als Liegestatt in die Küche, kochten Milasan-Babynahrung, füllten dies
Lebenselixier in eine Babyflasche - und das Schaf trank, taumelte und stand! Es
hat, auch dank mancher Fütter-Nachtschichten, überlebt. In den nächsten Tagen
hatten wir Besuch. Die Freundin hörte ein zartes Blöken aus der Küche, deutete
es aber falsch. „Ich wusste ja gar nicht, dass ihr noch ein Kind
...“. Das Schaf gehörte in den nächsten Wochen richtig zur Familie. Wir
mussten uns mit allerlei Tricks aus dem Grundstück schleichen, weil uns das
Tier gern auch auf der Straße begleitete. Wir haben mit ihm auch Fußball
gespielt. Und als das Schaf später längst normal im Garten wohnte, klingelten
eines Tages früh zeitig die Handwerker, da schlüpfte als erstes das Schaf ins
Haus, rannte die Treppe hoch und bettelte in der Küche.
Am Zaun vor unserem Haus hing
der Schaukasten der Kirchgemeinde. Er war da, manchmal sah auch jemand nach den
Aushängen, aber ein Blickmagnet war er nun nicht gerade. Umso erstaunter war
ich, als ich eines Morgens gegen fünf – normalerweise war ich so früh
sonst nicht auf den Beinen - einen Blick aus dem Fenster warf und ungewohnte
Betriebigkeit vor unserem Grundstück bemerkte. Im Dämmerlicht sah ich einen
Trabbi am Straßenrand stehen. Zwei Männer bauten ein Fotostativ auf und
fotografierten – den Schaukasten!
Mir war sofort klar, dass
sie ein (geheim-)dienstliches Interesse hergeführt hatte. Die Jugendlichen in
der „Junge-Gemeinde“-Gruppe der Kirchgemeinde hatten zwei Tage
zuvor eine heftige Diskussion geführt. In wenigen Tagen stand die
Kommunalwahl in der DDR an - es war die letzte im Frühjahr ´89 -, und da war
viel Kritisches zu bereden über „Wahlen“ generell. Im Ergebnis des
Abends hatten die Jugendlichen ihre Einsichten und Gefühle zum Thema in
Plakaten gestaltet, und diese waren in den Schaukästen der Kirchgemeinde öffentlich
ausgestellt. In unserem Schaukasten war ein Bild zu sehen, bei dem ein Mensch
durch eine Gasse von grauen Gestalten den Weg zur Wahlkabine ging. Überhaupt in
die Wahlkabine zu gehen, war nach dem Staatsverständnis der DDR schon ein
öffentliches Ärgernis, und wenn, dann ähnelte das Ganze tatsächlich einem Spießrutenlauf.
Die Leute von „Horch und Guck“ hatten nun jedenfalls ihre Beweise
für die Untat im Kasten. In den nächsten Tagen gab es einige heftige Gespräche
zwischen Pfarrer und Staatsmacht, was in der Öffentlichkeitsarbeit der Kirche
zulässig sei und was nicht.
Ich „durfte“ auf
Dienstreise in die Schweiz fahren, in ein idyllisches Schlösschen am Genfer
See. Erste Entdeckung: Es gibt Privateigentum ...
Zweite Entdeckung: Schweizer sind stolz darauf, Schweizer zu sein. ...
Dritte Entdeckung: Ich war
mit der Bahn unterwegs. Und da ich nicht wusste, ob ich jemals wieder in die
Schweiz kommen würde, hatte ich die Reiseroute als Rundfahrt geplant. Es ging das
Rheintal runter, über Basel rein, Genf, zurück über Bern, Zürich, Bodensee,
München. Deshalb war es mir ein wichtiges Anliegen, gleich nach der Ankunft
einen Fahrplan zu inspizieren, um optimale Termine für die Rückfahrt zu finden.
Enttäuschung, denn von den sonst so ordentlichen Schweizern hatte niemand
einen Fahrplan. Weil, so lernte ich, der Schweizer keinen Fahrplan braucht. In
der Schweiz kann man sich darauf verlassen, dass man von zeitig morgens bis
nach Mitternacht sicher überall noch einen Zuganschluss bekommt. Von jedem
Bahnhof bzw. von jeder Haltestelle fährt mindestens im Stundentakt - auf stark
frequentierten Strecken auch häufiger - immer zur gleichen Minuten-Zeit, also
8.05, dann 9.05, 10.05 usw. ein Zug ab. Bei der Ankunft am nächsten Knotenpunkt
kann man sich darauf verlassen, dass zur gleichen Zeit Züge auch aus allen
anderen möglichen Richtungen eintreffen, man steigt in Ruhe um, und nach 5 bis
8 Minuten fährt alles wieder sternförmig auseinander. Die gleiche Passung
gibt es auch am nächsten und am übernächsten Knotenpunkt, und das alles klappt
auch um Mitternacht noch; wenn sich die Fahrt eines ganzen Zuges nicht mehr
lohnt, kann der Kunde zum Bahntarif ein Taxi kommen lassen. Auch viele Busse,
Schiffe und Bergbahnen sind an das System angetaktet. Praktisch alle
Schweizer, die hin und wieder mit der Bahn fahren, hatten damals schon ein
„Halbpreisabo“: Man kauft sich einen Pass für reichlich hundert
Schweizer Franken, und dann gelten halbe Preise auf allen Verkehrsmitteln. Mich
hat das damals sehr beeindruckt, weil wir zu Hause gerade in Überlegungen
steckten, wie das marode Reichsbahn-System der DDR modernisiert werden könnte
– das Vorbild Schweiz wäre ein Modell nicht nur für uns, sondern auch
für die Bundesrepublik West gewesen.
Kurz vor der Wende besuchten
uns vier junge Männer aus Münster. Sie waren noch nie in der DDR gewesen und
konnten sich über Dinge wundern, die wir gar nicht mehr beachteten. Eines
Tages fuhren sie im Nieselregen in unsere triste Kreisstadt auf
Erkundungstour. Erst nach Stunden kamen sie zurück, und sie erzählten
beeindruckt von ihren Entdeckungen. Da hatten sie doch z.B. einen Laden
gefunden, da wurden wirklich Regenschirme repariert! Im Westen war so was
längst ein Wegwerfartikel, aber hierzulande wurden Risse und Löcher kunstvoll
gestopft.
Wenn an unserem großen
Urlaubszelt ein Reißverschluss klemmte, gab es selbstverständlich eine
Werkstatt, die das richten konnte, da wurden schon auch mal rundum neue Ösen
eingesetzt oder neue Fensterfolien eingenäht.
Man hatte in der DDR einen
rechtlich verbrieften Anspruch darauf, dass es für jeden Gegenstand, den man
gekauft hatte, mindestens 10 Jahre lang alle Ersatzteile geben musste. Die
konnte man im Notfall auch direkt beim Hersteller besorgen. Wenn also der Griff
an der Thermoskanne gebrochen war, wurde er für 70 Pfennige als Päckchen
losgeschickt, und ein paar Tage später kam das Ersatzteil. Auch zerbissene
Mundstücke für meine Pfeife fanden so immer wieder Nachfolger.
Ende der 80er Jahre gärte es
in der DDR. Politische Bevormundung, Umweltprobleme, militaristische
Kraftprotzerei ... es gab einen regelrechten Problemstau. Alle merkten es, seit
Gorbatschow gab es auch neue Spielräume, die Zeit war einfach reif.
Irgendjemand musste doch wenigstens anfangen, darüber zu reden!
Die Kirchen –
weltweit, aber nun auch in der DDR – waren bereit, dafür eine Plattform
zu bieten, stellvertretend für die Gesellschaft ein Gespräch zu beginnen, in
dem Bestandsaufnahme, aber auch Zukunftsperspektiven Thema sein sollten. Welche
Themen aber bewegten die Menschen vorrangig? Der Prozess startete mit einer
offenen Frage, die ins Land hinaus ging: Welche Probleme bewegen DICH, welche
inhaltlichen Fragen sind in unseren Tagen, in unserer Gesellschaft besonders
dringlich? Die Resonanz war überwältigend. 11.000 Zuschriften kamen zurück,
teils Stichworte auf Postkarten, teils mehrseitige Konzeptentwürfe für die
Gestaltung einer neuen Gesellschaft.
Ich saß damals in einer Gruppe, die alle Vorschläge auszuwerten hatte, die sich
mit Umweltfragen, Lebensstil, Schöpfungsverantwortung usw. beschäftigten. Es
war beeindruckend, mit wie viel Herzblut da manches geschrieben war, und in
welcher Deutlichkeit sich schnell auch Schwerpunkte für die weitere Arbeit
herauskristallisierten.
Die Vorschläge unserer und
anderer Auswertegruppen bildeten die Grundlage für die Arbeit der
„Ökumenischen Versammlung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der
Schöpfung“, die nun ihre Tätigkeit begann. In dieser Versammlung saßen
Vertreter aller wichtigen Kirchen der DDR, „Amtliche“ und Laien in
guter Mischung, Theologen und Naturwissenschaftler und Lehrer und Arbeiter.
Die Vollversammlung tagte dreimal, aber in dem Jahr ihrer Existenz wurde in
insgesamt 12 thematischen Arbeitsgruppen zwischendurch heftig gesessen,
gestritten und um Formulierungen für Texte gerungen, die als Ergebnis der
DDR-Öffentlichkeit als Diskussionsangebot vorgestellt werden sollten. Es ging
um deutliche, klare Aussagen zu schmerzlich verdrängten Themen, es galt aber
auch aufzupassen, dass die Staatsmacht nicht durchdrehte, sondern sich auch
als Gesprächspartner verstehen konnte.
Ich war als Berater der
Ökumenischen Versammlung berufen worden und war dann fachlicher Leiter der
Arbeitsgruppe, „Energie für die Zukunft“, die die Energiepolitik
der DDR analysieren, ihre Folgewirkungen vor allem im Umweltbereich darstellen
und mögliche Perspektiven für die Zukunft skizzieren sollte.
Die Themengruppen rauften
sich zu gemeinsam getragenen Formulierungen zusammen. Die Aussagen waren klar
und deutlich, manches vielleicht auch etwas blauäugig. Der Staat bellte heftig,
aber er biss nicht.
Leider sind dann im Vereinigungstaumel die zusammengetragenen Ideen schnell
weggespült worden. Manches davon war noch in die Programme neuer politischer
Bewegungen wie „Demokratie Jetzt“ oder „Neues Forum“
eingeflossen. Es wäre spannend gewesen zu erkunden und zu erproben, ob da
vielleicht auch Einsichten und Ansätze drinsteckten, die einem wirklich
erneuerten Deutschland gut getan hätten ...
In der kirchlichen
Umweltarbeit der DDR hatte ich mich schon länger mit Energiefragen beschäftigt.
Ich galt darum wohl als exotischer Geheimtipp. Jedenfalls erhielt ich Anfang
1989 eine ungewöhnliche Einladung nach Berlin. Kein innerkirchlicher Zirkel,
wurde mir gesagt, Fachleute. Etwas geheimnisvoll die Vorbereitung, kein
Veranstaltungsort („wir holen Sie am Bahnhof ab“). Ich fuhr hin,
den üblichen POLYLUX (Overheadprojektor) in der Hand, und wurde von einem mir
unbekannten Herrn per Auto in die Stalinallee kutschiert; die hieß natürlich
schon lange „Frankfurter“, aber sie sah immer noch aus wie
„Stalinallee“. Wir betraten ein Eckhaus, kamen in eine höchst
geräumige „Bonzen“-Wohnung, ich schätze mal: 50 Quadratmeter
Wohnzimmer mit riesigen Fenstern, wo sich nach und nach 50 Menschen
versammelten. Damen und Herren mittleren Alters, die interessiert meinen
Ausführungen lauschten, offenbar ziemlich sachkundig und kompetent waren;
wahrscheinlich arbeiteten die meisten in irgendwelchen Behörden oder
Ministerien. Wir habe zwei Stunden lang im offenen Gespräch um Fragen
gerungen, die unsere gemeinsame Zukunft betrafen. Und das ging, obwohl wir
eigentlich auf verschiedenen Seiten standen. 1989 eben - Aufbruch.
Es war 1989, da standen
manche Mauern schon nicht mehr ganz fest. Ich leitete damals eine Arbeitsgruppe
der DDR-Kirchen zu Energiefragen, suchte Informationen und Gesprächspartner,
und so stand ich eines Tages im Institut für Energetik in Leipzig. Ein
interessantes Gespräch lag schon hinter mir, darin war es auch um
Energieperspektiven für eine erneuerte DDR gegangen. Mein Gesprächspartner
hatte aus seinem Tresor ein paar Papiere mit strategischen Überlegungen geholt,
Geheimhaltungsstempel drauf, und mir zur halblegalen Einsicht mal kurz mit in
die Bibliothek gegeben. Eine Stunde Zeit, viel zu wenig, um sich Sinnvolles aus
den vielen Tabellen zu merken. Ich habe flink die Papiere in meine Tasche
gepackt, still die Bibliothek verlassen, draußen den Trabbi angeworfen und bin
zu einer kirchlichen Einrichtung gerast, von der ich wusste, dass dort ein
Kopiergerät stand - es war noch DDR, und solche Geräte waren eine Rarität! Ich
habe hektisch Dutzende von Seiten kopiert, dann ging´s schnell den ganzen Weg
zurück, Haare gekämmt, und die Papiere wurden mit Unschuldsmine dankbar wieder
abgeliefert.
Die Kopien in meiner Tasche haben uns dann sehr viele spannende Informationen
gebracht.
Heißer Herbst
Im Herbst 89 überschlugen sich
die Ereignisse. Auf der einen Seite war die DDR nach außen hin noch ziemlich
robust. So habe ich im Oktober 1989 – drei Wochen später war die Mauer
weg – noch bange 12 Stunden in Berlin gesessen, weil ich den Pass für
eine längst genehmigte Dienstreise nach Wilhelmshaven nun doch nicht bekommen
sollte.
Dabei kochte und brodelte es
schon seit Wochen. Nach und nach ließen oppositionelle Gruppierungen die
Tarnkappen fallen und wurden öffentlich erkennbar. Aber das meiste geschah auch
im September noch höchst konspirativ - so konspirativ, dass sogar in meinem
Terminkalender ein falsches Datum und ein falscher Ort für die folgende
Begebenheit eingetragen sind. Es war wohl am 17.9., es war aber nicht in
Leipzig, wie da steht, sondern es war in Berlin, und es war keine Vortragsveranstaltung,
sondern ein Treffen, zu dem ich von einem Freund – telefonisch, erkennbar
dringlich, aber ohne konkrete Inhaltsangabe - eingeladen worden war. Ich fuhr
nach Pankow. Dort versammelten sich im Haus und im Garten der Evangelischen
Superintendentur immer mehr Menschen, schweigsam - man kannte nur wenige von
den anderen -, Grüppchenbildung. Es waren fast nur Leute aus Berlin, und ich
stellte gemeinsam mit zwei weiteren Freunden fest, dass wir die einzigen aus
der „Provinz“ waren, weil man offenbar gemerkt hatte, dass Berlin
eben doch nicht die ganze DDR abdeckte. Je 1 oder 2 Vertreter der wichtigsten
oppositionellen Gruppen waren da, vom „Neuen Forum“, von
„Demokratie jetzt“, vom Demokratischen Aufbruch“, von der
DDR-SPD. Es war wohl auch das erste Mal, dass diese Gruppierungen formell
Kontakt miteinander hatten. Alle hatten ihre - legendären und für uns in der
„Provinz“ bis dahin nicht greifbaren - Verlautbarungen, Programme
und Aufrufe dabei, die ich natürlich begierig einsackte. Die zwei
SPD-Bundestagsabgeordneten, mit denen wir uns eigentlich treffen wollten,
wurden an der Grenze gestoppt, aber die Kontaktgespräche „unter
uns“ waren doch sehr ergiebig.
Für den 1. Oktober hatte ich
erneut eine Einladung nach Berlin erhalten. Diesmal sollte der „Demokratische
Aufbruch“ offiziell als Organisation gegründet werden. Ich hatte bei
einem Freund übernachtet, der dann – neugierig geworden - gleich mitkam. Als wir die Straße zur
Samariterkirche hinaufliefen - dort wollten wir uns bei Rainer Eppelmann
treffen -, standen schon Stasiautos und Stasibeobachter demonstrativ auffällig
und in großer Zahl herum. Wir trafen zwei weitere „Spaziergänger“
aus Dresden, die zu dem Treffen wollten, und die hatten schon neue Zielkoordinaten
erfahren: Das Treffen sollte nun in Ehrhart Neuberts Wohnung in der Innenstadt
stattfinden. Wir fuhren ein Stück weit mit dem Auto der Dresdner, wurden aber
erkennbar verfolgt. Wir stellten das Auto ab, flitzten in die U-Bahn und
fragten uns zum Treffpunkt durch. Aber vor Neuberts Haus standen schon
bewaffnete Polizisten, die niemanden hinein ließen. Andere Ausgesperrte auf der
Straße flüsterten uns einen weiteren Ausweich-Treffpunkt zu. Also neue
Verfolgungsjagd in U-Bahn-Schächten – es ging nun zum Kirchgemeindehaus
Alt-Pankow im Berliner Norden. Dort warteten schon einige bekannte Gesichter.
Etwas ratlos angesichts der Situation saßen wir herum. Aber nach kurzer Zeit
waren alle wieder draußen. Aufregung: Polizei war vorgefahren, einer stand am
Gartentor, auch hier durfte jetzt niemand mehr rein oder raus! Ein paar Meter
weiter am Gehsteig war ein LO geparkt (sprich Ello, ein DDR-LKW-Typ, der vor
allem bei Polizei und Feuerwehr im Einsatz war), dessen Motor lief und bei dem
hinten die Plane geöffnet, die Klappe heruntergelassen und eine Leiter
angestellt war – fertig zum Einladen! Eine Drohgebärde nicht ohne
Wirkung! Es lief dann aber nicht ganz so heiß. Teilweise wurde es sogar
grotesk. Wir - drinnen - bekamen Hunger, durften aber nicht raus. Aber wir
konnten über den Gartenzaun mit den Uniformierten und den unsrigen, die
ausgesperrt waren, reden – und dann durften die draußen für uns drinnen
was zu essen besorgen, gaben es dem Uniformierten und der gab´s uns über den
Zaun. Gründen konnten wir nun nichts. Aber wir haben natürlich diskutiert. Zu
meiner Rechten saß Ibrahim Böhme, später Vorsitzender der DDR-SPD - und
Stasi-IM! -, zu meiner Linken saß Wolfgang Schnur, später Vorsitzender des
„Demokratischen Aufbruchs“ - und ebenfalls Stasi-IM! – was ich
damals natürlich weder wusste noch ahnte. Die Situation war ungemütlich, und
eigentlich wollte ich auch nach Hause. Zur Entkrampfung der Situation tauchte
dann der Berliner Bischof auf, er war bereit, mich in seinem Auto ein Stück
mitzunehmen, und so war ich wieder draußen.
Am 28. Oktober gab es dann
einen zweiten Anlauf zur Gründung des „Demokratischen Aufbruchs“.
Die Versammlung unter Leitung von Schnur lief teils erzbürokratisch, teils sehr
basisbewegt ab. Die inhaltlichen Ziele waren für mich nicht klar erkennbar,
oder sie waren nicht die meinen. So habe ich dann auch Nein gesagt auf die
Frage nach einem Sitz im Vorstand. Überhaupt bin ich danach wieder zu meiner
alten Gewohnheit zurückgekehrt, keinem politischen Verein beizutreten, damit
ich unverkrampft mit allen reden kann.
Ich hatte das Glück, nach
der Wende in meinem Beruf weiterarbeiten zu können. Manche Fragen, mit denen
ich vorher intensiv zu tun hatte, z.B. die Auseinandersetzung mit
DDR-spezifischen Umweltproblemen, waren nun nicht mehr aktuell. Andere Fragen
sind systemneutral spannend geblieben – z.B. der sich abzeichnende
Klimawandel – oder stellten sich nun neu, wie etwa ethische Fragen am
Anfang und am Ende des menschlichen Lebens.
Im Folgenden sind auch
einige Ausschnitte aus meinen „Jahresbriefen“ wiedergegeben, in
denen ich Freunden und Bekannten davon berichte, was ich im letzten Jahr erlebt
habe und was mich bewegt.
Wende I
(aus meinem Jahresbrief über das Jahr 1989)
... jetzt ist wieder
Dezember. Aber eben Dezember im 89er Jahr, und da steht alles Kopf. Ich kneife
mich manchmal und frage, ob das alles wirklich wahr ist, oder ob ich in einem
Traum - ein sehr schöner meist, manchmal inzwischen aber auch ein Albtraum -
eingefangen bin. Totale Reisefreiheit - für uns, bisher nicht für Euch drüben!
-, völlig verwandelte Menschen, daneben schnell verfallende Monumente, Entlarvungen
über einen Feudalstaat im 20. Jahrhundert, aber eben nicht nur Empörung,
sondern auch Rache-Geschrei, viele haben einfach vergessen, dass sie alle bis
vor wenigen Wochen noch dieses blöde Spiel perfekt mitgespielt haben, dass in
diesem Klima sehr viele korrupt und bestechlich gewesen sind, jeder stolz war
auf seine „Beziehungen“. Ich bin hin- und hergerissen. Keine Nachrichtensendung
möchte man verpassen, um den Lauf der Zeit nicht zu verschlafen. Überall möchte
man sich nun einmischen, mitgestalten, endlich gibt es die Möglichkeit dazu.
Aber dann auch schnell Resignation: Auf der Straße, das ist nicht mehr nur der
Aufbruch des Volkes („Wir sind das Volk!“), das hat jetzt auch die
Dimension einer DEMO-kratie, eines Erzwingens ständiger Veränderungen unter
dem Druck der Parolen von der Straße. Andere - meist mäßigende - Meinungen werden
in Sprechchören niedergeschrieen, auch Leute vom „Neuen Forum“
müssen sich inzwischen als „Verräter“ titulieren lassen. Es gibt
einen starken Trend ins Nationale und nach rechts. Die Bonzen, die den
Sozialismus gepachtet hatten, haben auch alle guten linken Ideen für die Leute
höchst verdächtig gemacht. Ich kenne SED-Genossen und Lehrer, die Morddrohungen
erhalten oder deren Kinder verprügelt werden. Ich lese in der Zeitung, dass
über Beschlüsse von Gerichten – es geht um ganz zivile Sachen wie Zahlung
von Mietrückständen oder Unterhalt - die Verurteilten laut lachen und sich
nicht daran zu halten gedenken. Die ehemals berühmte Demo von Leipzig erinnert
jetzt schon wieder ein wenig an Weimarer Zeiten. Rücktritte sind bis in die
unteren Ebenen an der Tagesordnung, unter dem Druck von Demos und
Unterschriftensammlungen schließen Betriebe ... Meine Tochter Birgit hat immer
mal gefragt, was ANARCHIE ist. Ich glaube, jetzt erleben wir so etwas, aber
das nun in Mitteleuropa – viele hier haben zunehmend Angst. Es geht
alles so schnell und trifft uns unvorbereitet. Demokratie will gelernt sein,
dieses mühselige Geschäft haben wir noch vor uns. Neuwahlen müssen sicher
schnell stattfinden, um diesem Land eine legitimierte Regierung zu geben, aber
wenn ich mir die neuen Gruppierungen und Parteien ansehe und die alten in
ihrem schlechten Zustand dazu – angesichts der fehlenden inhaltlichen und
personellen Profile wird eine sinnvolle Wahl eigentlich unmöglich. Im
Hintergrund ja auch immer die Frage, ob es eine eigenständige DDR überhaupt
noch lange geben wird. Ich befürchte, die schweigende Mehrheit hat schon
entschieden, bewusst oder resigniert: Wir lassen uns einkaufen und vom reichen
Westonkel sanieren. Mir gefällt das nicht ganz, das scheint mir doch ein zu
einfacher Weg zu sein. Wir sollten unsere Schwierigkeiten hier, an denen wir
doch alle ein bisschen mit Schuld haben, erst einmal selbst in Ordnung bringen.
Natürlich mit westlicher Hilfe und von mir aus in einer konföderativen Ordnung
– aber so viel Stolz sollten wir doch haben, den Karren selbst aus dem
Dreck zu ziehen und erst einmal in Ruhe zu erkunden, was wir unter neuen Bedingungen
leisten können, was aus unseren letzten 40 Jahren wir retten und sichern
wollen. Ich glaube, viele hier ahnen gar nicht, was das neben Apfelsinen und
Bananen noch heißen würde, wenn uns der reiche Nachbar jetzt gleich schluckt:
härtere Bandagen im Sozialen, weit höherer und ungewohnter Arbeitsstress,
Sich-selbst-um-alles-kümmern-dürfen aber auch –müssen ... Ihr merkt, ich
alter Mann hätte gern eine etwas ruhigere Gangart.
Dabei ist das alles doch so
wunderschön. Eine spontane Bürgerversammlung in unserem Dorf macht sich
Gedanken um eine politische, kulturelle, ökologische Verbesserung der Heimat.
Freunde berichten mit belegter Stimme am Telefon, dass sie dabei waren bei der
Erstürmung der Bastille, sprich der Besetzung des verhassten Stasi-Hauptquartiers
durch Bürgerkomitees. Das gute Gefühl, dass nun nachts keine Anrufe mehr kommen
werden, dass Freunde verhaftet sind, dass man vor Angst Schriftstücke verbrennt
...
Schafe
sehen schön aus in einem ländlichen Garten. Schafe zu halten brachte aber zu
DDR-Zeiten auch richtig Geld. Der Staat DDR kaufte Schafwolle für etwa 70 Mark
pro Schaf auf. Und zusätzlich brachten Schafe ja auch noch Fleisch in den
Kochtopf. Nach der Wende war alles schlagartig anders. Es gab keinen Staat
mehr, der Wolle kaufte, also wohin damit? Eines Tages stand eine Annonce in
der Zeitung: In Lengefeld, 40 Kilometer weit weg, würde dann und dann Schafwolle
aufgekauft. Wir luden ein paar Säcke mit Wolle, die sich angesammelt hatte,
frohgelaunt in den Trabbi und fuhren hin. Lange Schlange, na ja, das kannten
wir noch, also anstellen. Dann aber gab´s lange Gesichter. Für 1 Kilogramm
Wolle - das ist etwa das, was auf einem ganzen Schaf drauf ist - erhielten wir
70 Pfennige! Da war es auch kein Trost, dass das West-Pfennige waren.
In den ersten Wochen und
Monaten nach der Währungsunion (1.7.1990) hatten wir zwar Westgeld in der Hand,
aber noch gab es keine West-Läden in unserer Nähe. Lange Kolonnen von Trabants
und Wartburgs wälzten sich Tag für Tag über die Grenze, hin zu den Tempeln des
Glücks in Hof oder Bayreuth. Auch wir hatten uns anstecken lassen und machten
uns auf die Reise. Irgendwo hielten wir dann vor einem ALDI. Der Markt war
hoffnungslos überfüllt, also: Schlangestehen bei der Wagenausgabe,
Schlangestehen vor dem Eingang. Dann waren wir endlich drin. Aber auch hier gab
es nur eine einzige dichte Menschentraube, die langsam in Dreierreihen in
Richtung Kasse weiterrückte und in der wir willenlos mitschwammen. Aus den Regalen,
an denen wir vorbeigedrängt wurden, packten wir das eine oder andere in unseren
Wagen. Mitten im Gewusel zogen sich ungerührt Leute an und aus, um
Kleidungsstücke zu probieren. Die Viertelstunden vergingen, das Knurren in der
Masse wurde merklich lauter. Irgendwann verloren wir schlicht die Nerven,
ließen einfach unseren Einkaufswagen stehen und flohen.
Wende II
(aus meinem Jahresbrief über das Jahr 1990)
... Die Schule im allgemeinen ist überhaupt ein
Phänomen. In gerader, kaum gebremster Fahrt nebst fast allen Lehrern aus der
alten Zeit fährt der Zug weiter. Neue Schlagworte (wie im Westen), neue
Schulmodelle (wie im Westen), neue Strukturen (ich sitze jetzt in einer
Schulkonferenz) – man staunt. Manches ändert sich auch wirklich, aber die
Menschen - auch die Lehrer sind ja solche - wohl viel langsamer. Befreiung und
gleich wieder neue Anpassung; mir ging da vieles zu glatt.
Was
ist über mich zu sagen? Fetter geworden - ist´s der Kummer oder der Wohlstand?.
Anzug gekauft - die Zeiten machen´s nötig. Viel zu tun - das ist ja für uns
Ossis plötzlich auch was Wertvolles geworden nebst zugehörigem Arbeitsplatz. Im
vergangenen Jahr war ich zum Teil in ganz neuer Weise gefordert. Da fand ich
mich eingeladen an die verschiedensten Runden - oder eckigen - Tische. Mitreden
beim Aufarbeiten der Vergangenheit und bei Neu-Entwürfen für die Zukunft. Das
war spannend, sehr lehrreich, wenn auch im Rückblick meist auch Nulleffekt vom
wirklichen Ergebnis her - die
Wirklichkeit veränderte sich einfach noch schneller. Schule der
Demokratie, Bändigen der Aggressionen der alten und neuen Kräfte - es war schon
der Mühe wert, dass der Umsturz im Gespräch stattfand. Plötzlich waren unsere
lange im Untergrund ausgebrüteten Ideen salonfähig. Mancher staatliche Widersacher
aus alten Tagen klopfte unsereinem locker marktwirtschaftlich-gewendet auf die
Schulter: „Wir konnten doch schon immer gut miteinander ...". Bärtige
Gesichter waren gefragt im Fernsehen. Ich hatte ja mal im heißen Herbst ´89 den
„Demokratischen Aufbruch" mit gegründet. Schon vergessen? Das war
die „Allianz-für-Deutschland-Partei“ mit Stasi-Häuptling Schnur an
der Spitze. Aber die politische Richtung war mir sehr schnell verdächtig, und
so war ich bald, wie früher immer, in keinem Verein mehr, habe es genossen,
dass man so mit allen weiter gut reden konnte, ohne gleich in Schubladen
einsortiert zu werden.
Irgendwann
hatte ich dann das Gefühl, schon wieder unbequem zu sein; Opposition, wie in
den letzten 20 Jahren gelernt. Ich geb´s zu: Mir ging das alles viel zu
schnell. Ich wünsche mir noch immer mal ein paar Monate Zeit, das alles zu
kapieren, was sich da gedreht hat. Wenn´s nach mir gegangen wäre, säßen wir
vielleicht heute noch irgendwo zwischen Krenz und de Maiziere mit einer erst
halb eingerissenen Mauer. Fürchterliche Vorstellung - aber ich bin eben ein
vorsichtiger Mensch, der einen durchschaubaren Schritt nach dem anderen machen
möchte.
Aber ich hab´s schon genossen, was da so passierte. Die bisher so unterwürfig-angepassten DDR-Menschen:
Plötzlich waren sie aufgewacht und gingen selbstbewusst zu ihren revolutionären
Wanderungen, pünktlich montags nach Feierabend - zum Glück war im Herbst ´89
das Wetter stabil gut. Da kippte die verhasste Mauer unter dem Druck von
fröhlichen Menschen, die zunächst „rüber“ gingen mit der
freundlichen Drohung „Wir kommen wieder!"; viele davon sind dann
doch endgültig gegangen, dahin, wo es mehr Geld gibt und weniger Probleme. Bis
nachts gegen zwei habe ich am Fernseher erlebt, wie – ausgelöst durch ein
paar nebulöse und deutbare Sätze in einem Interview des Politbüromitglieds
Schabowski - das Bauwerk von einer Flut fröhlicher Menschenmassen einfach
überspült wurde, das mein Leben seit meinem 14. Lebensjahr so sehr geprägt
hatte. Da kam
die späte Erfüllung meiner 68er Träume: Wieder versammelten sich - und diesmal
siegreich - fröhliche Menschen auf Prager Straßen, und die Tschechen hatten
einen sympathischen Dissidenten-Präsidenten; solch ein Analytiker mit Tiefgang
und Durchblick hat uns in der „DDR“ sehr gefehlt.
Und
noch vieles hat mir Spaß gemacht. Manchmal muss ich mich mit Gewalt daran
erinnern, dass es schon ein Wunder ist, als „OV" nicht vorsorglich
in ein Lager gebracht worden zu sein. Ich war solch ein „Operativer
Vorgang“ bei der Stasi. Der „Firma“ habe ich überhaupt
einiges zu verdanken; z.B. einen „Ehrendoktor-Titel“: Ich werde in
meinen Stasi-Akten als „Dr. Krause“ geführt – hihi. Oder wie
herrlich entkrampft das Verhältnis zwischen Ost und West ist, wenigstens im
militärischen Bereich: keine Feinde weit und breit in Sicht, welch mühsames
Geschäft für Generäle! Und gleich daneben auch Angst an der gleichen Stelle:
Wie gestalten wir reich-gemachten Ossis und alle Deutschen unser neues Verhältnis zu den östlichen Nachbarn, die es ja
mit einem Neuanfang - ohne reichen Westonkel - noch viel schwerer haben?
Schon zeigen es denen manche meiner Mitbürger gern: Dicke Brieftasche mit
richtigem Geld – und nun tischt mal auf! In Tschechien kostet 1 x
Mittagessen plus Getränke für die ganze Familie 5 DM.
Jaja, meine Mit-Ossis habens nicht leicht mit mir.
Weil ich das Gerede von „Revolution“ nicht hören kann (die Zeit
war reif, Gorbi sei Dank); weil ich das Gejammere nur schwer ertrage vom
Wie-sind-wir-doch-betrogen-worden (da haben doch viele ihr Schäfchen im
Trockenen gehabt und sich selbst und andere kräftig mit betrogen); weil ich mir
zwischen fast 16 Millionen Widerstandskämpfern etwas merkwürdig vorkomme.
Dass viele auf die D-Mark hin gehofft und gewählt
haben, ist mir irgendwo verständlich, wie auch das schnelle Lossagen von der
eigenen Vergangenheit. Aber dass die gewünschte Hochleistungsgesellschaft
ihre Kehrseite hat, dass hartes Geld auch hart erarbeitet sein will, dass man
nur aus einer starken Position heraus ein großes Stück vom Kuchen kriegt - das
haben viele sich nicht vorstellen können und erleben es nun schmerzlich am
eigenen Leibe. Arbeitslosigkeit, mit der man nicht gelernt hat umzugehen, die
ist längst Realität in allen Nachbarhäusern. Die Industrie in unserer Heimat
bricht flächendeckend zusammen. Fernost macht Textilien billiger und Trabis
will keiner mehr - also gibt es
Zehntausende freigesetzte Arbeitskräfte und wenig Hoffnung auf eine schnelle
Trendwende.
Da sind die vielen neuen
Freiheiten und Werkzeuge, mit denen wir nicht gelernt haben umzugehen, z.B.
Streiks. Der Reichsbahnstreik im November brachte mir einen Zwangsaufenthalt
im Westen ein. Ich denke da auch an Drogen, neue Kriminalität, PS-Raserei,
Kreditversuchungen. Für mich ist das schon ein richtiger Kulturschock, was wir
so erleben. Hineingeworfen in eine völlig anders aufgebaute Gesellschaft - die
gleiche Sprache kann da sehr irreführen-, die auf Hochtouren läuft, dazu noch
belastet mit Sorgen um den Arbeitsplatz, Schwierigkeiten mit der eigenen
Identität usw. - da fällt es schon schwer, innerhalb von wenigen Monaten all
das zu verstehen und richtig anzuwenden, was die lieben Wessis im Laufe von 40
Jahren langsam und ohne Bruch gelernt haben. Wie fülle ich die vielen nicht
vertrauten Formulare aus, um meine Rechte und Pflichten wahrzunehmen, wie gehe
ich mit Konsum-Versuchungen um, ohne mich zu verschulden, wie lebe ich mit
Risiko sinnvoll und wo wird´s gefährlich, wie beiße ich mich durch den für mich
zutreffenden Berg von Gesetzen, welches neue Amt ist wo und was muss ich dort
...? Da kriegt man schon manchmal seine Wut, wenn man aus Wessi-Mund erfährt,
dass in der DDR eine ordentliche Verwaltung ja überhaupt erst einmal aufgebaut
werden muss - das klingt, als kämen wir aus der Steinzeit, dabei hatten wir
eine aufgeblähte, aber leider ungeeignete Bürokratie deutschester Art . Und
dass West-Fachleute in Justiz und Verwaltung unverzichtbar sind für die
„FNL" (die „fünf neuen Länder“) - die kennen eben
einfach ihr altes und unser gemeinsames neues System und wir nicht. Immer
kriege ich gute Ratschläge von Wessis, die nichts, aber auch gar nichts neu
lernen müssen, die so weiterleben dürfen wie gewohnt, da fühle ich mich doch
bestraft von den neuen wie von den alten Besserwissern. Das ist auch die
Quittung für 40 Jahre fürsorgliche staatliche Aufsicht mit Maulkorb, für das
DDR-Leben ohne Risiko im warmen, wenn auch nicht zu komfortablen Nest.
Ich jammere dem Alten keine Träne nach, aber ich
befürchte, wir werden noch viele Verschiedenheiten und Missverständnisse
entdecken, ehe wir EIN VOLK sind. Die Losung „Wir sind d a s
Volk" hat mir übrigens damals besser gefallen; aber das mit
dem e i n e n Volk ist ja irgendwo auch sehr sehr normal,
nur hatte man´s fast vergessen.
Hoch hinaus
Eines meiner Kinder hatte
mir einen Zettel auf den Schreibtisch gelegt: Ich solle mal beim Bischof
anrufen, es gehe um eine Terminabstimmung. Solche Kontakte gab es nicht allzu
häufig. Ich suchte also die Telefonnummer heraus, griff nach dem Hörer und
wählte. Zunächst knisterte es, dann meldete sich eine weibliche Stimme:
„Hier Herrgott.“ Ich musste etwas schlucken und stotterte dann:
„So weit nach oben wollte ich eigentlich gar nicht – kann ich
vielleicht mal den Landesbischof sprechen?“ Die Verwirrung wurde
aufgeklärt. Die Chefsekretärin des Bischofs hieß tatsächlich Herrgott.
Die Wendezeit brachte mir
erstaunliche Ehrungen und neue Aufgaben ein.
So wurde ich für ein halbes Jahr Vorsitzender von GREENPEACE für das Land DDR -
ein Land in Abwicklung. Das brachte erstaunliche und ernüchternde Einsichten
in das Machtgefüge und die Arbeitsweise eines Umweltkonzerns.
„Greenpeace DDR
e.V.” wurde im Juni 1990 in Berlin als Verein gegründet. 17
Gründungs-Mitglieder waren formell dabei, das war dann aber auch schon
„Greenpeace DDR“ im eigentlichen Sinne. Alle Leute, die in der
Folgezeit Mitglieder bei Greenpeace wurden, waren nur Mitgliedsbeitrag
zahlende Fördermitglieder ohne Stimmrecht bei irgendetwas.
Ich wurde – für mich
etwas überraschend – zum Vorstandsvorsitzenden gewählt, hatte aber, da
die Geschäfte straff von Greenpeace International und aus Hamburg ferngesteuert
wurden, in der Folgezeit kaum etwas zu entscheiden. Nur die Abwicklung des
Vereins ein halbes Jahr später musste ich selbst tätigen. Das war relativ
schwierig, weil das vor einem richtigen Notar passieren musste, mit Siegel und
so, und ein solcher war 1990 in Ostdeutschland nur mühsam und erst in 30
Kilometern Entfernung zu finden.
Mit der Vereinigung übernahm
die Bundesrepublik Deutschland-West auch die Zuständigkeit über einige
schwierige Hinterlassenschaften der DDR im Umweltbereich. Dazu gehörte die
„SDAG WISMUT“ (Sowjetisch-deutsche Aktiengesellschaft), ein Staat
im Staat DDR, der bei der Gewinnung von Uran ganze Landstriche verwüstet und
durch radioaktive Altlasten verseucht hatte, und durch dessen hartes
Arbeitsregime Tausende von Bergleuten zu Tode gekommen oder schwer geschädigt
worden waren. Diese Vergangenheit galt es nun aufzuarbeiten, die Umweltschäden
mussten saniert und den Geschädigten zu ihrem Recht verholfen werden.
Im Umweltministerium in
Bonn hatte man anfangs kaum Vorstellungen vom tatsächlichen Umfang der
anstehenden Aufgaben. „Wir dachten, wir schicken da mal ein paar Beamte
hin, und dann läuft´s ...“ sagte mir später ein Ministerialer. Immer mehr
Probleme wurden in der Presse publik, die Wut in der Bevölkerung wuchs.
Umweltminister Töpfer kam nach Schneeberg, um sich selbst einen Eindruck von
der Situation zu verschaffen. In einer bis auf den letzten Platz besetzten
Kirche hörte er sich die Vorwürfe und Fragen der Bevölkerung an und versuchte,
Antworten zu geben. Ein Verdacht, der ihm entgegenschlug, war: Könnte die
WISMUT jetzt, in der unklaren Übergangssituation, vielleicht belastende
Unterlagen über die gesundheitlichen Auswirkungen des Uranbergbaus auf die Bergleute
und die Bevölkerung manipulieren oder verschwinden lassen? Töpfer versprach,
da schnell etwas zu tun.
Ein paar Tage später bekam
ich aus heiterem Himmel einen Anruf aus dem Bonner Ministerium. Ob ich - doch
wohl einigermaßen sachkundig im Uranbergbau, bekanntermaßen in kritischer Distanz
zum DDR-System und wegen meiner Tätigkeit bei der Kirche auch in einer
neutralen Mittler-Position - mir vorstellen könne, Herrn Töpfer bei der
Sicherung der Gesundheitsunterlagen der WISMUT zu beraten. Ich konnte, und
dann saßen ein paar Tage später zwei Ministeriale in meinem heimatlichen
Arbeitszimmer und besprachen mit mir Genaueres. Dann musste ich noch
„amtlich“ beauftragt werden, was mir eine nächtliche Fahrt mit dem
Zug im schwarzen Anzug nach Bonn einbrachte. Dort wurde ich sehr förmlich die
Leiter der Hierarchie hochgereicht, plauderte also erst einmal eine halbe
Stunde mit meinem Kontaktmann, dann wurde ich weitergereicht zum Abteilungsleiter
(der offensichtlich Schwierigkeiten damit hatte, dass auch ich Fragen stellte
oder Position bezog), und dann saß ich endlich beim Staatssekretär, der mir
feierlich eine Urkunde über meinen Beraterstatus aushändigte. Anschließend
ging´s als Abschluss feierlich zum Essen, und obwohl das Lokal, wie sich
herausstellte, nur einige Hundert Meter entfernt war, zwängten wir uns zu
fünft in die gepanzerte Dienstlimousine des Ministeriums, fuhren um die Ecke,
und dann tafelten und tranken wir ausgiebig.
Zu Hause angekommen habe ich
mich dann in diese „ehrenamtliche Nebentätigkeit“ gestürzt. Erst
nach und nach wurde mir die wirkliche Dimension des Molochs WISMUT deutlich.
Da gab es nicht nur Dutzende von Standorten, an denen im Laufe von 40 Jahren
nach Uran gesucht und gegraben worden war. Da gab es noch mehr Einrichtungen
des eigenständigen „Gesundheitswesens WISMUT“: Arztpraxen,
Ambulatorien, Polikliniken, Krankenhäuser, Rehabilitationseinrichtungen, Archive
usw.. Ich musste mir mühsam einen Überblick verschaffen; die WISMUT-Insider
waren mit Unterstützung sehr zurückhaltend. Und dann habe ich eine Einrichtung
nach der anderen besucht und Berichte über den vorgefundenen Zustand
geschrieben und Empfehlungen für die Sicherung der Akten gegeben. Zum Glück hat
sich nach meinen Beobachtungen in keinem Fall der Verdacht bestätigt, dass
gezielt gesundheitsrelevante Unterlagen „beiseite geschafft“ worden
wären. Aber es gab schon manchen Missstand. Ich fand Karteikästen in der Besenkammer
einer Baracke, es gab Einrichtungen, die hatten den Kumpels einfach
„ihre“ Unterlagen mit nach Hause gegeben, ich musste einem
ehemaligen WISMUT-Arzt seine halbe Krankenkartei wieder wegnehmen lassen; er
hatte einfach die Akten aller Bergleute, die früher bei ihm in Behandlung
waren, bei der Privatisierung seiner Praxis als Kundenstamm mit
„übernommen“.
Der Briefbogen, auf dem
ich zum „Beauftragten“ ernannt worden war, erwies sich als ein
Generalschlüssel. Wo ich auch anklopfte im ehemals hermetisch abgeschlossenen
„WISMUT“-Imperium – plötzlich öffneten sich mir alle Türen.
Ich konnte - auch wenn es jetzt gleich sein sollte! - mit jedermann reden, ich
durfte in Akten lesen, die mich interessierten und ich konnte besichtigen, was
mir wichtig erschien. So bin ich eines Tages auch noch zu der Ehre gekommen,
in den tiefsten Schacht Europas einzufahren. In zwei Etappen ging es mit dem
Fahrkorb bis auf 1800 Meter hinunter. Da es in dieser Tiefe eigentlich 60 oder
70 Grad heiß ist, gab es „im Berg“ eine gigantische Klimaanlage,
die mit kalter Frischluft („Bewetterung“) das Arbeits-Klima
erträglich machte. Weil die Wege vom Fahrschacht bis zum Arbeitsplatz oft
mehrere Kilometer weit waren, fuhr da unten eine Kleinbahn. Und dann standen
wir vor dem „Erz“. Von Uran wurde in der DDR nie gesprochen, bei
der WISMUT war immer nur von „Erz“ oder „Metall“ die
Rede. Mein Geigerzähler tickte nicht mehr, sondern ging zu einem fiependen
Pfeifton über. Ich durfte auch einmal versuchen, mit einem der schweren Presslufthämmer
ein Loch ins Gestein zu bohren und bekam ein Gespür dafür, welch harte Knochenarbeit
das auch heute noch ist.
Ein andermal besuchte ich
eine Abteilung, die sich mit den Berufskrankheiten der Uranbergarbeiter
beschäftigt hatte. Etwas bedrückend war es schon, in nüchternem
Mediziner-Latein Erläuterungen zu Tausenden von Gewebe-Proben zu erhalten,
wenn diese Präparate jeweils der Beleg für den tödlich verlaufenen Lungenkrebs
eines Menschen sind.
Irgendwann später habe ich
einmal auf einer Tagung vor Fachleuten über meine Rechercheergebnisse
berichten sollen. Ich hatte mir ein Stück Uranerz mitgebracht, das ich vor mir
auf den Tisch legte. Im Laufe des Gesprächs holte ich meinen Geigerzähler aus
der Tasche, um die vorhandene Radioaktivität „hörbar“ zu machen.
Interessant war, wie meine Nachbarn zur Rechten und zur Linken, allesamt
nüchterne Naturwissenschaftler und beim Thema Strahlung eigentlich recht
gelassen, von einer Sekunde auf die andere unruhig wurden und darum ersuchten,
dass das Erzstück aus dem Raum verschwand. Über Strahlengefahren theoretisch zu
reden oder ihnen wahrnehmbar zu begegnen, das war eben doch zweierlei.
Ich wollte mich kundig machen,
welche modernen Untersuchungsmethoden und Messgeräte es gab, um Radioaktivität
nachzuweisen, in der Luft, im Gestein, in Lebensmitteln. In Schlema im
Erzgebirge existierte eine Arbeitsgruppe, zusammengesetzt aus diplomierten und
promovierten Naturwissenschaftlern, die bereit waren, mich einen ganzen Tag
lang zu betreuen.
Eines blieb mir besonders
eindrücklich. Wir waren hinaus gefahren auf eine Bergwiese, um dort die
Radonbelastung im Erdboden zu messen. Und damit wir ordentlich was messen konnten,
sagte man mir, müssten wir an einer Spalte messen, wo der Untergrund zerklüftet
war. Man zeigte mir zunächst, dass in der Landschaft in einigen hundert Metern
Entfernung deutlich eine geologische Verwerfung zu sehen war, eine Bruchkante,
an der sich schon vor langer Zeit Gesteinsschichten um hundert oder mehr Meter
gegeneinander verschoben hatten.
Nun galt es, diesen Spalt
auch in der Nähe zu orten, um Messungen durchzuführen. Um den Spalt zu finden,
ging einer der Geologen an sein Auto und holte ein paar gebogene Drähte hervor.
Als ich interessiert guckte, war es ihm irgendwie peinlich, aber er sagte: Das
ist eine Wünschelrute, das machen alle so, das funktioniert noch am besten.
Wünschelrute – das war für mich was Verdächtiges, aus dem Esoterikkabinett,
und nun gar noch in der Hand eines WISMUT-Geologen? Die Wissenschaftler
bemerkten meine Irritation und meinten, das könne ich gleich auch selbst einmal
ausprobieren. Auf der Wiese war ein Entwässerungssystem installiert worden,
von dem nur im Abstand von jeweils einigen zig Metern Betondeckel zu sehen
waren. Von einem dieser Gullys zum nächsten verliefen jeweils in gerader Linie
Rohrleitungen, das war klar. Nun bekam ich die Wünschelruten in die Hand
gedrückt; in diesem Fall waren es etwa 4 Millimeter dicke Drahtstangen aus
Schweißdraht (Eisen), etwa 60 Zentimeter lang, davon die letzten 15 Zentimeter
rechtwinklig nach unten gebogen. Ich sollte in jede Hand einen der Drähte
nehmen, die Hand um die kurze Seite geschlossen, locker, damit sich die Drähte
bewegen konnten. Nun wurde ich an eine Stelle geführt, die etwas außerhalb der
Verbindungslinie zwischen zwei Gully-Öffnungen lag. Und dann hieß es: Einfach
geradeaus losgehen, Stäbe voran. Es war verrückt, aber die langen Seiten der
Stäbe bewegten sich nach einigen Schritten plötzlich erkennbar nach außen! Ich
ging ein Stück weiter, versuchte es diesmal in der Gegenrichtung – und
wieder kam ein Ausschlag, genau über der unter mir liegenden Wasserleitung.
Ich war etwas durcheinander.
Später zu Hause habe ich mir
aus verschiedenen Metalldrähten solche Stäbe gebaut. Nur Eisen funktionierte
gut. Ich bin im Garten umher gegangen, dort, wo wir vor 20 Jahren unsere Hauswasserleitung
vergraben hatten, ich habe die unterirdische Telefonleitung geortet, ich habe
in einem anderen Grundstück erfolgreich die Abwasserleitung gesucht, ich habe
Mitmenschen die Drähte in die Hand gedrückt.
Der heiße Test fand statt,
als Monate später mitten auf unserer großen Wiese plötzlich Wasser zutage trat.
Die Vermutung war, es könne die alte Wasserleitung sein, die vom Sammelbecken
hinten im Garten das Wasser ins Haus führte. Ich bin mit meinen Drähten ein
paarmal hin- und hergegangen, und dann habe ich mutig mit dem Spaten ein
tiefes Loch gegraben. In anderthalb Metern Tiefe stieß ich tatsächlich auf die
Leitung, die aus Eichenholzröhren gefügt war. Ich hatte mit meiner Wünschelrutenmessung
nur 10 Zentimeter daneben gelegen!
Fazit spielerischer Studien:
Manchmal klappt´s und manchmal klappt´s nicht. Wenn ich sicher bin, dass da
wirklich was zu finden ist, dann habe ich relativ gute Chancen, auch fündig zu
werden. Ich würde mir aber nie wagen, für jemanden eine Wasserader oder Quelle
zu suchen, wo der Erfolg unsicher und die (Fehl-)Investitionen erheblich sein
könnten. Und ich habe festgestellt: Wer relativ locker rangeht, kann´s besser,
als jemand, der verkrampft ist. Und bei benebeltem Kopf (Schnupfen z.B.) geht
gar nichts.
1991 (aus meinem
Jahresbrief)
Es war - den dürftigen
Auskünften der Sippe nach - wohl ein recht unauffälliges Jahr, normal eben.
Geschichten zum Lachen fallen mir keine ein, meinte meine Frau. Dieses Gefühl
hab ich auch, obwohl ich mich und andere eigentlich recht oft in Hektik und
Dauer-Stress erlebe, aber warum eigentlich? Das wird an den Zeiten liegen. Der
Umbruch greift doch viel tiefer in das Alltagsleben ein, als mancher zunächst
gemeint hatte. Unsicherheit mit dem Arbeitsplatz, ständig sich verändernde
Preise und Tarife, bisher unbekannte Formulare und Behörden in Hülle und Fülle,
die vielen Dinge, um die man sich jetzt selbst kümmern darf, aber eben auch
kümmern muss, das Balancieren zwischen notwendiger Hilfe und oft begleitender
Bevormundung aus dem Westen - solch ein Leben strengt einfach an. Und so hat
jeder viel mehr als früher mit sich selbst zu tun, einige Kontakte sind
eingeschlafen - mancher wird´s an ausbleibenden Briefen oder sparsameren
Besuchen gemerkt haben. Und ein Thema ist in jeder Runde, in der man
zusammensitzt, nach spätestens ein paar Minuten ganz vorn: GELD - woher, wieviel,
wohin? Das hab ich früher bei Gesprächen im Westen nie verstanden, wie man um
dieses eigentliche Hilfsmittel zum Leben so viel Gewese machen kann; jetzt
hat´s auch uns voll erwischt. ...
Wir stellen uns also um:
auf neue Teesorten (passionierte Teetrinker werden es nachempfinden können,
wenn die gewohnte Lieblingsmarke nicht mehr zu haben ist), auf neue
Einkaufsgewohnheiten (einmal in der Woche mit ein paar Kisten in den
Supermarkt statt wie bisher täglich mit Körbchen und Plausch in den
Dorf-„Konsum": der ist längst wegrationalisiert worden), auf mehr
Ellenbogen im menschlichen Miteinander, auf mehr Selbstdarstellung (ich denke
da an junge Möchte-gern-Manager in lila Modejäckchen). ...
Jammern kann man viel
hören, ich kann´s manchmal nicht mehr erhören, dieses
„Wie-haben-wir-doch-gelitten-wie-hat-man-uns-betrogen-wie-schlecht-gehts-uns-jetzt".
Natürlich haben manche schreckliche Repressionen erdulden müssen, manche haben
die Wahrheit wirklich nicht gewusst – (aber wo haben die eigentlich
gelebt?). Einige finden sich nun am Sozialhilferand dieser reichen Gesellschaft
wieder. Aber die meisten haben im „Sozialismus" in ihrer bequemen
Nische gekuscht, und den meisten geht es jetzt materiell deutlich besser als
vor einem Jahr. Die Bewältigung der Vergangenheit, der eigenen kleinen wie
der großen - mit all dem Stasi-Ballast -, wird uns noch eine Zeitlang
beschäftigen. Ich hoffe, dass wir uns auch die Zeit dafür nehmen und nicht zum
zweitenmal in diesem Jahrhundert im Aufbruchsrausch alles verdrängen. ...
In diesem Sommer ist
auch unser großer Teich vorm Haus verschwunden, schlicht eingetrocknet. Eines
Tages wurden vom Pächter die großen Fische gerettet, etwas später haben wir
einige hundert Winzlinge, die in den letzten Pfützen strampelten, in den Bach
befördert - und dann blieb tief aufgerissener Schlamm übrig. Es sah aus wie auf
manchen Fotos aus Dürregebieten. Nun jammern die Kinder im Dorf, weil erstmals
seit Jahren das beliebte Schlittschuhfahren ausfällt. Bange Frage: War´s nun
schon der Treibhauseffekt oder war´s nur ein normaler Schlenker im Wettergeschehen?
1992 (aus meinem
Jahresbrief)
... Ich fahre dann
gleich zu einem Seminar, bei dem wir nicht nur an Adventsplätzchen knabbern
wollen, sondern an der Frage, wie das eigentlich mit dem Christ-Sein in der
Marktwirtschaft aussieht: Kann sie wirklich so „sozial" und
„ökologisch" gemacht werden - und wie geht das? -, dass man laut JA
sagen kann ? Und wenn nicht, was dann ...? Jedenfalls ist das schon spannend,
mitten im weihnachtlichen Marktgetümmel solches zu tun. Es haben sich
übrigens ganze sieben Leute zum Seminar gemeldet; die anderen haben
offensichtlich mit dem Glück und mit den Tücken praktischer Marktwirtschaft
genug zu tun. ...
Eindrücke:
Das Leben ist hektischer geworden. Die Kontakte untereinander sind seltener
geworden, im Dorf, aber leider auch zu manchen von Euch – haben wir
wirklich keine Zeit ...? Beim Zahnarzt wird jetzt manchmal bar gezahlt. Wenn
man schon mal auf die Autobahn muss, trifft man auf LKW in lückenloser
Schlange, die die Segnungen des Westens in den Osten fahren. In der
Gegenrichtung nach Westen fahren die Pendler und die Wegzieher - die Jungen,
die Beweglichen - auf der Suche nach Arbeit und mehr Geld. Wenn ich Termine in
hundert Kilometern Entfernung habe, brauchte ich früher mit dem Trabi
anderthalb Stunden, jetzt muss ich zwei Stunden zusätzlich (!) einplanen, um
trotz Verkehrschaos und Umleitungen rechtzeitig dazusein (Aufschwung Ost?).
Der Wohlstandsmüll verstopft die Täler. Wir lesen weniger, meist nur noch
irgendwelche Formulare, die uns die Bürokratie schickt. Trotz gestiegener
Miete (jetzt 500 Mark West statt 39 Mark Ost vor vier Jahren) und ähnlicher
dramatischer Veränderungen - es geht uns gut. Materiell besser als in der alten
Zeit, wir haben Arbeit (schon ein Wert an sich), die auch noch Spaß macht. ...
Manchmal
sind es auch ganz kleine Dinge, die uns froh machen. So steht in unserer bisher
im Winter wegen eisiger Kälte kaum nutzbaren Küche jetzt ein von Nachbarn
ausrangierter Dauerbrandofen (25 Jahre alt!), es ist gemütlicher geworden.
Noch knarrt im Wohnzimmer vor dem Kachelofen die Ofenbank, nächstes Jahr soll
im Haus eine Heizung gebaut werden. Jemand hat uns aus gehamsterten
DDR-Alt-Beständen ein neues (geruch-dichteres) Becken für unser Plumps-Klo
versorgt - bis bald auch hier ein WC
sein soll.
1993 (aus meinem
Jahresbrief)
Idyllisches Landleben in
Schönberg? In diesem Jahr auch Alarm, der uns ziemlich in Trab gebracht hat.
Wir erfuhren nur durch Zufall, dass eine wildgewordene West-Firma den Antrag
gestellt hatte, das ganze Gebiet zwischen Meerane und Schönberg bei der Suche
nach Kies, Lehm, Kalkstein usw. in einen 340 Hektar großen Tagebau zu
verwandeln, und der sollte gleich hinter „unserem“ Teich beginnen.
Große Aufregung, Gründung einer Bürgerinitiative, Suche nach Verbündeten in
den Verwaltungen, Briefe, Zeitungsartikel, Unterschriftensammlungen ... Wir
immer mittendrin, selbst Karen – unsere Jüngste - trat eines Morgens im
Nachthemd durch die Küchentür und sprach: „Ich komme wegen dem Gesteinsabbau
und möchte Unterschriften sammeln." Nebenher war es interessant zu
beobachten, wie die Leute im Dorf, weil es um ihre Heimat ging, aus dem
gewohnten Trott kamen, sich interessierten und auch engagierten. Eine wichtige
Erfahrung für uns brachten auch die kleinen Gespräche an den Haustüren beim Unterschriftensammeln
- man redete mit Leuten, zu denen es sonst kaum Kontakte gegeben hätte, nicht
nur über Gesteinsabbau, sondern auch über Arbeit, Familiäres; es war
spannend. Und es war hektisch und schön alternativ: Der Landesbeauftragte (der
ich bin) fuhr in bunten Bermudashorts und grellrotem T-Shirt nebst Gattin auf
dem Fahrrad in die Stadtverwaltung, und dort war Krisensitzung mit dem Bürgermeister,
der nebenbei sein Schnitzel „mampfte" ... Aber das gute Fazit nach
all der Aufregung lautet: Der Aufstand hat sich gelohnt, die Bagger kommen
endgültig nicht!
XIV 1148/83 - sagt das
jemandem was? Oder die Erläuterung „OV Grüner", TV 4 im ZOV
„Konflikt"? Für mich waren das auch Böhmische Dörfer, bis ich im
Frühjahr anfing, meine Stasi-Akten zu lesen. 1993 auch als Jahr der Akten. Da
fand sich - in vier „Vorgängen" seit 1968 zusammengetragen - viel
Banales und Belangloses, Dummes, Bösartiges und Giftiges, neben- und durcheinander,
es gab Wahres und Falsches. Namen von Informanten tauchten auf, auch aus dem
näheren Umfeld, z.B.███████████████
Mit solchen schwarzen Balken ist in den Akten das gelöscht, was den Leser
nichts angeht, also mach ich´s auch hier so, weil´s nicht so wichtig ist und
nicht weiterhilft. Schmerzlich und das Haupt-Problem war eigentlich, dass wir
zwar gerne abschließend mit einigen hätten reden wollen, damit man normal
weiter miteinander leben kann, dass ein solches Gespräch aber nicht zustandekommt.
(Späterer Nachtrag: Ich habe den Stasihauptmann, der mich in Berlin jahrelang
in einem „Zentralen Operativen Vorgang“ bearbeitet hat, nach der
Wende mal bei einer Buchlesung getroffen. Dort stellte er seine Lesart der
Dinge dar, konnte sich an vieles erst erinnern, wenn man faktensicher bohrte,
Wahrheit scheibchenweise. Und er schrieb mir als Widmung in sein Buch
„Mit frdl. Grüßen“!)
Ich saß in der Bezirksstelle
der Gauck-Behörde und las in meinen Stasiakten. Der für mich zuständige
Bearbeiter hatte mir ein Formular auf den Tisch gelegt. Wenn ich bei der
Lektüre auf Decknamen stoßen sollte, die ich entschlüsseln konnte, sollte ich
das aufschreiben. An einer Stelle der Akte berichtete ein „IM“,
dass er gezielt Kontakt mit mir gesucht hatte, und dass wir uns dann
tatsächlich auch einmal getroffen und unterhalten hatten. Die Schilderung war
so präzise, dass mir der Vorgang wieder klar vor Augen stand: Da war ich bei
einem Arzt gewesen, der sich lange um einen Gesprächstermin bemüht hatte, und
der sich nun mit mir ausführlich über Umweltprobleme in der DDR unterhielt.
Der Name fiel mir auch ein, und ich schrieb ihn in das Formular. Als der
Bearbeiter den Zettel an sich nahm, stutzte er und meinte, das könne nicht
stimmen. Er lief weg, kam nach 10 Minuten wieder und sagte: Sie hatten recht.
Peinlich. Der von mir „enttarnte“ IM arbeitete inzwischen als
Betriebsarzt bei der Gauck-Behörde.
Vom Kiffen und Bremsen
Eines Tages kam Besuch
für mich. Zwei Leute klingelten uns früh aus dem Bett. Polizeiausweis, Haussuchungsbefehl,
Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz - eine Anzeige läge vor. Die aber
hatte ich - in Doofheit und Unkenntnis der Gesetze - selbst erstattet! Ich
hatte nämlich in der Zeitung gelesen, dass der Anbau von Hanf, soweit er kein
THC enthält (Tetrahydrocannabinol ist der Hauptwirkstoff von Cannabis / (Haschisch), also zum Rauchen als Marihuana nicht geeignet ist, in Deutschland
nicht mehr genehmigungspflichtig ist, sondern nur noch „angezeigt"
werden muss. Zusammen mit einem Buch über die Wunderpflanze Hanf hatte ich ein
Tütchen Samen erhalten, ich wollte die Pflanzen einmal wachsen sehen und habe
die Körnchen in die Erde gestreut. Und dann hatte ich, um nichts falsch zu
machen, in deutscher Gründlichkeit der Behörde davon Mitteilung gemacht. An
der fraglichen Stelle im Garten, wo nichts gewachsen war, hat die Kripo sich
das „nichts" zeigen und erläutern lassen. Ich musste danach noch zu
einer amtlichen Vernehmung reisen, und Monate später bekam ich es schriftlich,
dass außer Spesen nichts gewesen war.
Endlich hat sich für
mich auch ein (Alp-)Traum erfüllt. Ich wollte immer schon wissen, wie das ist,
wenn man im Zug die Notbremse zieht. Das weiß ich jetzt. Ich saß etwas
aufgeregt in einem Zug, weil ich Angst hatte, meinen Anschlusszug nach Hause
nicht mehr zu erreichen. Als nun der Zug auch noch – kurz vor dem
Dresdner Hauptbahnhof - auf freier Strecke anhielt, wollte ich sehen, was los
war, griff blind nach oben und zog den vermeintlichen Fensterriegel nach unten
- es war aber der Griff der Notbremse, den ich erwischt hatte. Großes Zischen
setzte ein, Bremsengerumpel. Ich hatte erst einen Fluchtreflex, fand aber dann
doch den Weg zum Zugbegleiter, der noch gar nichts bemerkt hatte, der Lokführer
kam aber schon gesaust, und zum Glück ließ sich der Schaden so schnell beheben,
dass wohl keiner der anderen Fahrgäste überhaupt etwas mitbekommen hat. Also
hatte ich den „Test“ doch recht geschickt gemacht! Natürlich wurde
noch ein Protokoll ausgefüllt wegen möglicher Schadensforderungen, aber da kam
später nichts mehr nach ...
1998 (aus meinem
Jahresbrief)
... Irgendwann im Frühsommer
lag eine Gruppe jugendlicher Entdecker bäuchlings am Teichufer und staunte,
was da im flachen Wasser alles krabbelte und schlängelte und ruderte. Mein
Töchterchen hat dann mit mir ein altes Aquarium mit Steinen und Wasser gefüllt
und es wohnlich mit Wasserpflanzen eingerichtet. Ein paar
„Froschkinder“ (Kaulquappen) wurden vorsichtig eingefangen und
zusammen mit Schnecken, Wasserkäfern und weiteren Krabbeltieren in die neue
Heimat umquartiert. Als Ehrengäste - und ziemlich mühsam zu fangen - nahmen
wir noch ein Pärchen Teich-Molche mit. Das Männchen entpuppte sich als ein
kampflustiger kleiner Drache mit gespreiztem Kamm, schwarz-weiß gestreiftem
Gesicht und einem himmelblau-orangenen Bauch. In den nächsten Tagen drückten neugierige
Kinder sich die Nasen an der Glasscheibe platt. Bald wuchsen den ersten
Froschbabys Beine ... Für mich war das alles nach 45 Jahren eine schöne zweite
Entdeckungsreise durch die Natur gleich vor der Haustür.
1999: Neulich bin ich nachts
gegen vier Uhr aufgewacht. Und dann habe ich gewartet auf das, was immer um
diese Zeit passiert: dass der alte Trabi vorfährt, dass später in der Wohnung
die Türen krachen, geschäftiges Teller-Klappern in der Küche einsetzt. Ich
wollte mich wie immer kurz ärgern - aber es ist diesmal still geblieben.
Eigentlich hatten wir uns
schon fast damit abgefunden, mit den Turbulenzen, die das Zusammenleben mit
erwachsen werdenden Kindern bringt. Manchmal kann einen das schon nerven, diese
Zeit der Umbrüche, des Ausprobierens, die quälend langen Monate zwischen Schule
und Bundeswehr und Beruf und Studium. Wenn die groß gewordenen
„Kinder“ zwar noch im elterlichen Hause sind, aber so ganz anders
leben, ihren völlig eigenen Rhythmus haben, nachts spät oder gar nicht nach
Hause kommen, dafür mittags noch im Bett liegen. Computer-Partys, Disco, Sport
- immer unterwegs, nie richtig zu greifen, für häusliche Pflichten schon gar
nicht zu begeistern. Manchmal kommen wir Eltern uns ein wenig vor wie
Verpflegungsstelle und Hotel und Wäsche-Service: alles organisieren, aber ja
keine Fragen stellen oder Ratschläge geben! Die bange Frage taucht auf: Haben
wir was falsch gemacht? Und dann wünscht man den Kindern (und sich selbst):
Flieg doch endlich aus, bloß raus aus dem Nest, mach endlich alleine, was dir
Spaß macht ...!
Und eines Tages ist es dann
wirklich so weit. Der Termin für den Studienbeginn oder die Aufnahme einer
„richtigen“ Arbeit ist da. Umzug, ein eigenes Zimmer ist gemietet.
Im bisherigen Kinderzimmer wird sortiert und ausgemistet. Wäsche und andere
nützliche Dinge wandern päckchenweise aus dem Haus. Anderes nimmt seinen Weg
auf den Dachboden, dorthin, wo schon das alte Spielzeug aus Kindertagen liegt,
wo die Schulhefte verstauben - Erinnerungen an frühere Abschiede.
Elterliche Augen verfolgen
aufmerksam jeden Schritt (sie dürfen sich´s nur nicht anmerken lassen!). Bange
Fragen: Was erwartet unsere Kinder da draußen? Haben wir sie genügend darauf
vorbereitet, nun auf eigenen Füßen zu stehen, wirklich für sich selbst
verantwortlich zu sein?
Und was wird aus uns Zurückbleibenden? Der Abschied war ersehnt und doch ist er
schmerzlich. Bedeutet der frei gewordene Platz am Tisch mehr Erleichterung und
Freiheit, oder ziehen nun auch Leere und Einsamkeit ein?
Abschied nehmen, loslassen, Neues beginnen - das gehört zum Kreislauf des
Lebens.
Mach´s gut,
„Kind“, du darfst gehen, du wirst ankommen, unsere Gedanken
begleiten dich und gute Wünsche sowieso.
Wir halten erst einmal ein
Zimmer und ein Bett frei. Vielleicht schreckt uns demnächst nachts wieder das
Aufheulen eines Trabi-Motors hoch. Dann wird auf jeden Fall vieles anders sein.
Seit 1982 bin ich im Auftrag
meiner sächsischen Landeskirche tätig als „Beauftragter für Glaube,
Naturwissenschaft und Umwelt.“
Im Alltag bedeutet das
hauptsächlich, dass ich im Lande unterwegs bin. Ich werde eingeladen von
Menschen, die in dieser Welt hier und heute leben, und die Antworten suchen auf
ihre Fragen. Ich habe die Antworten oft auch nicht, aber ich stehe zur
Verfügung, um Informationen zu geben und die Nachdenklichkeit zu befördern. In
Gesprächsrunden und Seminaren oder bei Fortbildungen ging es dabei in den
letzten Jahren z.B. um folgende Themen:
·
„Gentechnik
– Frevel oder Fortschritt?“
·
„Lebensstil
– gut leben statt viel haben!“
·
„Wir sind
Sternenstaub – der Mensch im Kosmos“
·
„Schöpfung
contra Evolution? – Glaube und Naturwissenschaft zwischen Weltbildern und
Bibelverständnissen, Ideologie und Ethik“
·
„Hirnforschung
und Willensfreiheit“
·
„Wie viele
Menschen (er-)trägt die Erde?“
·
„Organspende
– Pflicht aus Nächstenliebe oder Verstoß gegen die Menschenwürde?“
·
„Unter die
Lupe genommen – Biomedizin, Gentechnik, Ethik“
·
„Ist die
Welt ein Würfelspiel? – Entdeckungen der Chaosforschung“
·
„In Würde
sterben – Sterbebegleitung, Sterbehilfe, Euthanasie“
·
„Klimawandel
– vom Menschen verursacht?“
Mal bin ich bei
Jugendlichen, mal in einem Akademikerkreis, mal bei Senioren. Immer erlebe ich
andere Menschen, werden mir neue Aspekte deutlich, stellen sich unerwartete
Fragen. Die begonnenen Gespräche führe ich auch auf meiner Internetseite www.krause-schoenberg.de
weiter.
Ich muss schon von Berufs
wegen neugierig bleiben.