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weitere infos zu dem buch „fremde eltern

 

 

Christine Böhm

E-Mail 3.1.2017

 

… Danke, lieber Joachim dafür, dass Du die schwere Arbeit mit all seinen Schmerzen der Aufarbeitung der Vergangenheit unsres Volkes und besonders unsrer eignen Familiengeschichte auf Dich genommen hast, stellvertretend für Viele!

Ich habe im Lesen Deines Buches vieles meiner Familiengeschichte wiedergefunden. In meiner ach so streng-christlichen Familie war ein Nachfragen über das Dritte Reich nicht erwünscht. Nach einem Besuch im KZ Stutthof verließen meine Eltern bereits die erste Baracke, „weil sie sich diesen Anblick nicht zumuten wollten". Wir erwachsenen Kinder waren sehr erstaunt, so einen Ausbruch mitzuerleben und wagten es nachzufragen. Meine Mutter verteidigte sich, indem sie sagte: „Schließlich hatte ich 120 Mädchen unter mir beim BDM, da wollte ich doch dabei sein beim Prägen und Gewinnen". Mein Vater sprach: „Hitler hat all die Arbeitslosen von der Straße geholt und die Autobahn gebaut, das kann doch nicht falsch gewesen sein." Unser Einwand, dass Hitler die Autobahn doch nur für seine Panzer und Soldaten gebaut hat, ließ er nicht gelten. Mein Vater war Sanitäter bei der Armee und hat unendlich viel Leid gesehen, aber seine Angst vor allem Fremden konnte er bis zu seinem Tod mit 95 Jahren nicht überwinden.*

Ich lese viele viele Bücher zu diesen Themen und was es mit mir und meiner Prägung zu tun hat. Sehr bemerkenswert finde ich die Bücher von der Journalistin Sabine Bode: „Die vergessene Generation“ (Geschichte unsrer Eltern), „Kriegskinder“ (unsre Prägung durch Krieg  und unsere Eltern) und „Kriegsenkel“ (Prägung unsere Kinder durch uns und die Großeltern)". Ferner ein Buch meines Lehrers: „Um Haaresbreite“ von Alfred Morys ISBN 9 783942 606998" und von Claudia Seifert: „Wenn du lächelst, bist du schöner!“ (Kindheit in den 50er und 60er Jahren in der DDR und dem Westen). ISBN 978-3-423-34668-9.

Ich war erstaunt, wie in unterschiedlichen Lebensgeschichten ich die prägenden Sätze, Spiele, Essen wortlautgetreu wiedergefunden habe. Ich dachte immer es wäre meine verkorkste Kindheitserfahrung gewesen, aber ich teile anscheinend mit vielen meiner Altersgenossen diese Verbiegung.

Danke, dass Dein Buch mir die Möglichkeit des Austausches gibt. …

 

 

 

Erika Becker
aus Australien, Jahrgang 1915, sie hatte sich 1940 mehrmals mit ihrem Cousin Christian Krause getroffen und stand nach dem Krieg in ständigem Briefkontakt mit Christian und Margarete Krause)

Brief vom 28.5.2013

 

Welch großartige Leistung hast Du vollbracht, indem Du den Lebensweg Deiner Eltern und Deines Onkel Helmut während der Nazizeit dank der entdeckten tollen Korrespondenz, Taschenbücher und sonstigen Dokumenten zusammenstelltest und all die (Sütterlin) handgeschriebenen Briefe zu entziffern und in Druckdeutsch zu „übersetzen“ und lesenswert zu machen. Eine höchst aufschlussreiche Periode, die Euch als Familie betrifft. Es ist wahrlich unglaublich, dass Eure Eltern nie das Geringste angedeutet haben. Offenbar wollten sie die Zeit „vergessen“ oder verneinen oder waren beschämt, zu erfahren, was in Wirklichkeit war, und Ihr habt nie Fragen gestellt.

Der tiefe Glaube und die Überzeugung, dass „der Führer“ das Gute, Edle, Schöne, Wahre, Echte verkörpert und dem Volk vermittelt, brachte sogar den Theologen Christian zur Feststellung, dass er vereinen konnte, ein Nationalsozialist und Deutscher Christ zu sein. Und sie waren Mitglieder der Bekenntniskirche(?).

Mich wundert, wie es überhaupt möglich war, dass Christian und Helmut als Soldaten (Offiziere) Zeit fanden zu solch ellenlangen Ausführungen über einzelne Ereignisse, und ihre Gedankenwelt so ausgezeichnet in bestem Deutsch niederzuschreiben, und auch zum Lesen. – Dostojewski, Raabe, Tolstoi werden erwähnt. Christian musste seinen Wehrdienst leisten, war zeitweise Lagerpfarrer. Wie mein Vater besuchte er St. Afra in Meißen und sein theologisches Examen mit 2 zu bestehen, inmitten all dieser Umstände, ist schon fantastisch. – Der Tod von Hitler wurde von Deiner Mutter erstaunlicherweise sehr als Tatsache hingenommen. Amüsant finde ich, wie schnell sie dabei ist, in Englisch-Lehrbüchern zu kramen „zur Bereicherung ihres englischen Wortschatzes“! (Das Überleben war dann doch wichtiger!)

Gretels ausführliche Beschreibungen ihrer Tätigkeiten im Landdienst / Osten erinnern mich an „meinen“ Landdienst als Schulmädel, was ich prima fand – diesem jungen Ehepaar mit kleinem Buben bei der Ernte zu helfen – weniger gefiel mir, dass wir alle von einer Schüssel in der Mitte des Tisches aßen!

Und – wunderbar zu lesen – dass Deines Großvaters Willibald noch 2004 gedacht wurde in Meerane und für seine Verdienste ein W.-Krause-Platz eingeweiht wurde.

Ich 1915 Geborene hatte das Glück, während des Beginns der Nazizeit einige Jahre mit meiner Mutter zusammenzuleben, da meine Geschwister bereits ausgeflogen waren. Sie verachtete Hitler völlig („Schau Dir bloß sein grausames Kinn an“!), hatte er doch ihren jüngsten Sohn Hans, verheiratet mit einer entzückenden jüdischen Kunststudentin, zur Flucht nach Irland veranlasst. Sie grüßte mit freundlichem Nicken jüdische Freunde auf der Straße (gefährlich!), sie lehnte die Verleihung des Mutter-Ehrenkreuzes ab (gefährlich!). „Meine Kinder sind alle Gottesgeschenke.“ Sie ging regelmäßig und begeistert in den Matthäikirchen-Gottesdienst, gehörte der Bekenntniskirche an und die Bodelschwinghschen Anstalten lagen ihr sehr am Herzen – sie unterstütze sie und betreute ständig einen Kreis von Notdürftigen. – So war ich kritisch, aber nicht genug, um einer Antibewegung anzugehören. Ich war keine Sophie Scholl! In meiner Berufszeit war ich auf mich allein gestellt, hielt mich über Wasser mit geringem Gehalt und war ständig auf Nahrungssuche! Mein erster Job als Au Pair in England für ein Jahr (1937-38) war wunderbar und ich lernte England lieben. Und dann plötzlich sollte es unser Feind sein? Und noch jetzt (und weiterhin) werden wir „Nazideutschen“ an unsere Kollektiv-Schuld erinnert, verständlicherweise. …

Ich bin Dir so dankbar, dass Du mir das Lesen all der Einzelheiten „zugemutet“ hast. Die Jahre 39-45 (und bereits vorher) bleiben unvergesslich.

Ja, ich kann wohl als „Mitläufer“ bezeichnet werden, aber kein aktiver. Eine Zeitlang war ich BDM-Mädel, gehörte der „Kolonialschar“ an, weil diese eine dunkelbraune Jacke („Haha“) trugen – niemand, der nicht in der Nazizeit gelebt hat, kann verstehen, was sich so allmählich entwickelte. …

Im Rückblick sind wir oft klug.

Ja, ich las natürlich die Seiten 216 und 218/219, Christians kritische Gedankengänge, – die Tragödie wurde ihm bewusst – welche Schmerzen erlitt er!! Und welche Treue seiner Frau gegenüber!, die mit ihm wenig übereinstimmte, aber später doch! …

Oft sagte ich mir: Ja, das kann ich verstehen, es war eine verwirrende Zeit. Auch ich war bereit, etwas Gutes zu entdecken. Vor allem hatten wir „unsere Soldaten“ zu unterstützen, die ihr Leben einsetzten … für was eigentlich? Die Tragödie war vollkommen – „History“ (es ist Geschichte, lange her …) – aber die Menschheit lernt nicht aus Erfahrungen. …

 

 

Frank Jungnickel

11.12.2016

 

… Soeben habe ich die „Fremden Eltern“ ausgelesen, und mich drängt es, Dir einen Brief zu schreiben. (lnge will das Buch anschließend lesen.) Ich möchte Dir meinen Dank und Respekt aussprechen für die Entscheidung, diese sehr persönlichen Dokumente zu veröffentlichen und für die große Mühe und für die hohe Qualität der Zusammenstellung und Kommentierung. Ich kann nur hoffen, dass es ein großes Publikum findet.  Briefe und Tagebücher sind unverfälschte Einblicke in das Denken und Fühlen in der jeweiligen Zeit. ich möchte sie mit einem Bohrkern in den Eispanzer der Antarktis vergleichen, in dem man exakt das Klima der jeweiligen Epoche ablesen kann. Erzählungen und Berichte, auch von Historikern, bergen immer das Risiko der Verfälschung und Umbewertung. Für mich eine erstaunliche Feststellung: Deine Eltern sind mir durch diese Lektüre nicht unsympathisch geworden. Ihr Denken allerdings hat mich sehr sehr traurig gemacht. Was kann man nicht alles mit uns Menschen anstellen! Wie sind wir Heutigen manipuliert? Wie werden wir vom Wesentlichen abgelenkt? Ich habe vor ca. 2 Jahren ein sehr aufschlussreiches Buch von Hermann Glaser (ehemaliger Kulturreferent von Nürnberg, wohnt in Roßtal - ich kenn ihn ganz gut). Das Buch heißt „Adolf Hitlers Hetzschrift >Mein Kampf< - Ein Beitrag zur Mentalitätsgeschichte des Nationalsozialismus". Darin wird überzeugend herausgearbeitet, dass die Voraussetzungen für den NS schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden sind (Nationalismus, Antisemitismus). Sie wurden über die Schulen und über die Kanzeln verbreitet. Was mich u.a. überrascht hat, ist die schwülstige Sprache Deiner Eltern. Diese Erkenntnis führt mich weit über die Lektüre des LTI von Klemperer hinaus. Die geäußerten hohen Ideale dienten offenbar auch zu Selbstüberhöhung, dem Gefühl „lch bin der bessere Mensch". Mir fielen spontan die Kitschpostkarten aus dem Kaiserreich, insbesondere während des 1. Weltkriegs, ein. Ich hatte sie bisher eher als Parodien aufgefasst. Jetzt keimt in mir der Verdacht auf, dass sich damit ein authentisches Lebensgefühl äußerte. Hat das Zeitalter der Romantik die Volksseele verwirrt und sie gelehrt, die Wirklichkeit auszublenden? Ich vermute, dass im 3. Reich viele Menschen so gedacht haben wie Deine Mutter und Dein Onkel Helmut. Bei Deinem Vater entdeckt man im Verlaufe des Krieges ein Umdenken. Vielleicht hat er sich (wegen der Gefahr der Zensur der Briefe) sogar zurückhaltender geäußert als er gedacht hat. Von meinen Vorfahren war niemand in der NSDAP. Meine Mutter (Jahrgang 1924) war eine naive Anhängerin des NS und glaubte bis 1945 an den Endsieg. lhre Mutter stand dem System kritischer gegenüber, weil sie viel Empathie, auch für Ausländer, hatte. Sie hat als Gastwirtin russische Kriegsgefangene systematisch mit Lebensmitteln unterstützt und sich damit in Gefahr gebracht (Darüber habe ich mal ein kleines Essay geschrieben. Kennst Du es?) Mein Vater (Jahrgang 1920) war Unteroffizier bei den Nachrichten und machte den ganzen Russlandfeldzug mit. Er hat auch unter Guderian gedient. Er war kein Antifaschist, aber eher vorsichtig und distanziert. Briefe o.ä. aus dieser Zeit liegen mir aber nicht vor, so dass meine Interpretation mit Vorsicht zu genießen ist.  Der Bruder (Jahrgang 1915) meines Vaters war auch Theologe. Er hat sich 1941 in Serbien erschossen (kein Unfall, sondern Selbstmord). Mein Vater hatte mir stets erzählt, er sei gefallen, obwohl - wie ich später erfuhr - er es besser wissen musste. So hat jede Familie ihre echten und unechten Geschichten. Es bleibt die Erkenntnis, dass Briefe und Tagebücher von höchstem Wert sind. Und es bleibt die Mahnung, die eigene Wahrnehmung immer wieder kritisch zu hinterfragen. Welche Sprache spricht die heutige Jugend? Welche ideale hat sie? Sind sie realistisch oder romantisch oder realitätsfremd? Du hast mit Deinem Buch viele Fragen angestoßen. …

 

 

 

Frieder Burkhardt

E-Mail 22.5.2013

 

… mitten in meine Kommunikationsversuche mit "Pfingsten", 'Türmen und Babeln' einerseits und der nie zu einer definitiven Antwort kommenden Frage nach dem 'Geist der Wahrheit' andererseits, erreicht mich Deine Post. Ich habe mich ein wenig eingelesen und bin Dir sehr verbunden darin, dass diese 300 Seiten viele Fragen aufwerfen, bei deren Beantwortung man nicht allein bleiben möchte. Danke, dass Du uns also mit einbeziehst als Mitwisser und solche, die sich dazu äußern, wohin das "Werk" führen kann. Ich brauche noch ein wenig Zeit, um mich konkreter zu äußern, wollte mir aber auch eine spontane Rückmeldung nicht verkneifen. Zunächst: Das ist ja ein "Stoff" von unglaublicher Brisanz. Die Texte entbergen ein Gewebe von Beziehungen, Äußerungen, Ambivalenzen, Ausreden usw., die im Dunkel des Dachbodens wirklich nichts zu suchen haben. Ich ahne, welche Anstrengung das macht, diese vielen Seiten dem eigenen wachen Bewusstsein zuzumuten und die Tür zum Vergessen mit wahrscheinlich großem Kraftaufwand offen zu halten. …

 

 

 

Gabriel Brand

E-Mail 15.11.2016

 

… ganz herzlichen Dank für das Buch, das Du mir geschickt hast.

Ich habe es gelesen als jemand, der zu den Akteuren eine Distanz hat. Das ist sicher eine ganz andere Leseerfahrung als Ihr sie als Familie gemacht habt. Trotzdem habe ich Christian, Margarete und Helmut nicht als "Figuren" eines Briefromans betrachtet, sondern stets als junge Leute in dieser furchtbaren Zeit, die versucht haben, Ihren Weg zu finden. Von daher war meine Lektüre über Strecken auch etwas von Scham erfüllt, gerade bei den intimen Passagen. Auf der anderen Seite hat mich die Lektüre in den Bann gezogen: Wie haben sie damals gedacht? Was haben die jungen Leute wahrgenommen, für wichtig befunden und was ausgeblendet? Wo haben sie sich schuldig gemacht? Das Ringen Christians zwischen christlicher Bibelüberzeugung und dem Zeitgeist hat mich sehr berührt und ich verstehe jetzt besser, welche Berechtigung diese Art von Theologie hat, die mir selbst eher fremd ist.

Offen ist die Frage geblieben, wie es zum Gesinnungswandel von Margarete kam. Ihre Kinder haben ja sehr glaubhaft versichert, dass das Nationalsozialistische später bei ihr keine Rolle mehr gespielt hat. Aber wo war der Wendepunkt? Schade, dass das in den Briefen nicht dokumentiert ist. Das würde mich sehr interessieren.

Schließlich finde ich die Veröffentlichung sehr mutig. Das hättet Ihr ja nicht machen müssen. Es ist ein Ausrufezeichen: Ganz normale Menschen waren in das System integriert, haben es mitgetragen, haben auch damit gerungen und sich gefügt, hatten vielleicht auch oft keine andere Wahl. Natürlich weiß man das. Aber jetzt sind einem drei ganz konkrete Menschen mit ihren Geschichten begegnet.

Hilfreich ist dabei die Stellungnahme der Kinder. Das habe ich als distanzierter Leser als sehr hilfreich empfunden. Es wird deutlich: Ihre Geschichte ging weiter. Die Zeugnisse sind Momentaufnahmen aus der Zeit damals vor 1945. Sie haben eine Wandel durchlebt. Selbst die Kinder haben sie in den Briefen oft nicht wiedererkannt. Wie ist es Margarete und Christian gelungen, ihre Geschichte in das spätere Leben zu integrieren? Wie gelingt das den Nachfahren heute?

Gefragt habe ich mich, warum Ihr Christoph Dieckmann den Raum für das Nachwort gegeben habt. Ich finde seine Stellungnahme grob. Er wird den Akteuren nicht gerecht. Eine differenzierte Einordnung in das Zeitgeschehen hätte ich mir eher gewünscht.

Ich selbst bin bei der Lektüre ins Nachdenken gekommen, wie ich mich selbst verhalten hätte, wo mein Platz gewesen wäre damals. Leider muss ich gestehen, dass ich kein sehr mutiger Mensch bin. Wahrscheinlich hätte ich vieles mitgetragen, hingenommen, akzeptiert, geteilt. Ich finde Christian sehr mutig. Und wie sieht es heute aus? Was nehme ich hin, was trage ich mit, wo leiste ich Widerstand? …

 

 

 

Günther Pannier

Jahrgang 1928, Oktober 2013

 

… meine höchste Anerkennung für Deine auch mir überlassene und mit viel Fleiß und Mühe zusammengetragene und geordnete Sammlung von Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, die nicht nur Erinnerungswert für Eure Familie besitzt, sondern zugleich ein unverfälschtes Zeitdokument darstellt. Ich glaube, dass es nicht mehr viele so vollständig und gut erhaltene, darüber hinaus auch inhaltsreiche Aufzeichnungen aus der Zeit von 1933 bis 1945 gibt. Deine Dokumentation hat daher einen besonderen Wert und sollte der Nachwelt zum Verständnis, aber auch zum Nachdenken über diese Geschichtsperiode verhelfen. Sie hat auch mich zum Nachdenken angeregt.

Ich war zu jung, um den Kern der Vorstellungen eines A. Hitler rechtzeitig zu verstehen und beurteilen zu können. Ich verhielt mich so (lief mit) wie die meisten Deutschen der damaligen Zeit und erlebte lediglich die folgenschweren Konsequenzen, die die gewaltsame Durchsetzung der „Ideen“ des Nationalsozialismus nicht nur für unser Volk hatte. Auch Helmut – bis zu seinem Tod – und Margarete haben dies nicht oder zu spät erkannt.

Wir waren alle von den wirtschaftlichen und militärischen Anfangserfolgen geblendet und begeistert und übersahen dabei – wissentlich oder unwissentlich – auch den vorhandenen Widerstand, der ideologisch, christlich und schließlich (siehe das Attentat auf Hitler vom 20.7.1944) auch militärisch begründet war und hatten keine Vorstellung von dem unmenschlichen Geschehen in den Konzentrationslagern.

In diesem Sinne ist das Verhalten Deines Vaters bemerkens- und anerkennenswert, der sich rechtzeitig vom Nationalsozialismus und seinen inhumanen Anschauungen distanzierte und er christlichen Lehre zuwandte und auch als Soldat im Einsatz (als Truppenpfarrer) „seinem“ Gott treu blieb.

Ich überlasse natürlich Dir die Entscheidung, ob Du die Sammlung, die einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt der Briefschreiber gibt, veröffentlichen oder lieber als Chronik für den Familienkreis zurückhalten solltest. Ich neige zur 2. Variante; oder aber Du versuchst, vor einer Veröffentlichung eine verkürzte Form zu finden – ohne allzu sehr ins Familiendetail zu gehen – die durch das Herausfiltern entscheidender Ausschnitte in chronologischer Folge nicht nur die geistige und unterschiedliche politische Einstellung und Entwicklung der Schreiber in der NS-Zeit erkennen lässt und damit ihre jeweiligen Verhaltensweisen, sondern auch den geschichtlich interessierten Außenstehenden in gedrängter Form ein Bild der Gedankenwelt der damaligen Zeit gibt, selbst wenn es nur am Beispiel eines kleinen, aber sicher nicht untypischen Familienkreises illustriert wird.

Du hast eigentlich mit der Zusammenfassung (Gebündelte Einsichten“ schon den richtigen Weg gefunden, der mir sehr gut gefällt. …

Das Herausheben der Entwicklung des Verhältnisses zwischen Christian und Margarete würde nicht nur die Problematik ideologischer Differenzen in den Beziehungen zweier Menschen dieser Zeit verdeutlichen, sondern der Sammlung zugleich einen verbindlichen Rahmen geben.

Ich habe die in klarer und literarisch beeindruckender Form geschriebenen Briefe und Tagebucheintragungen von Helmut, Christian und Margarete mit großem Interesse gelesen.

Es sind echte Zeitdokumente und sie geben offen und deutlich Einblick in die Gedankenwelt der Schreiber in der damaligen, für Deutschland so schicksalhaften Periode. Aus ihrer verschiedenen Sichtweise resultieren unterschiedliche Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber dem NS-Regime und zu kirchlichen Fragen.

Alle schildern aus dem aktuellen Tagesgeschehen heraus ihre Befindlichkeiten und beschreiben die Hoffnungen für die eigene Zukunft und auch die ihres Vaterlandes, wenn auch aus verschiedenen Blickwinkeln. Aus heutiger Sicht ist es schwer, den Nachgeborenen die damaligen Vorstellungen und Handlungsweisen eines ganzen Volkes verständlich zu machen und warum z.B. der Widerstand gegen diese Entwicklung, die den Zeitgenossen doch deutlich erkennbar gewesen sein müsste (siehe „Mein Kampf“ und „Mythus des 20. Jahrhunderts“), nicht größer und damit erfolgreicher war.

Heute können wir die Reden eines A. Hitler, wenn wir sie noch einmal hören und den Sprecher in seiner Gestik beobachten, nur belächeln und verwundert den Kopf schütteln über die Wirkung, die sein Auftreten vor allem in den Jahren bis zum Kriegsbeginn auf die meisten Menschen hatte. Die damaligen Zuhörer und Zuschauer erlebten beeindruckende Veranstaltungen: Großkundgebungen, Aufmärsche und Paraden, die geschickt inszeniert und unter anderem in Filmen von Leni Riefenstahl (siehe Parteitags-Filme) propagandistisch erhöht wurden, und auch der neu und preiswert auf den Markt geworfene „Volksempfänger“ hatte keine geringe Wirkung auf die geistige Beeinflussung eines ganzen Volkes.

Dies alles macht uns heute nachdenklich in Anbetracht der Folgen dieser Massenhysterie nicht nur für das eigene Volk. Unverständlich ist aus heutiger Sicht das blinde Vertrauen vieler Deutscher in das im Grunde menschen- und völkerverachtende nationalsozialistische Ideengut. Dies gilt auch für meine Generation, die wir diese Periode als halbe Kinder erlebten und uns erst gegen Ende des Krieges bewusst wurde, wie wir durch Erziehung und Schule durch die Naziideologie geprägt und verbogen worden waren.

Als ich im März 1928 geboren wurde, hatte sich nach ihrem Verbot 1923 die NSDAP wieder neu formiert und wurde auch die SS gegründet. Bei den Reichstagswahlen 1930 war die NSDAP bereits die zweitstärkste Partei mit fast 19% und sie war bei der 6. und 7. Wahlen zum Reichstag 1932 mit 37,4 bzw. 33,7% zur stärksten Partei in Deutschland geworden.

1933 schließlich erfolgte die Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten und nach dem Tod Hindenburgs wurde Adolf Hitler Reichsoberhaupt. Die Wahlergebnisse lagen danach für die NSDAP bei 99%. Andere Parteien gab es nicht mehr. Mit Hitlers „Mein Kampf“ und dem „Mythus des 20. Jahrhunderts“ von Alfred Rosenberg wurde die Ideologie und völkisch-rassische Religiosität der neuen Machthaber offen dargestellt. Bereits 1926 fand der Gedanke einer Expansion Deutschlands in Richtung Osten im Roman „Volk ohne Raum“ von Hans Grimm einen viel beachteten Niederschlag und entsprach auch den ideologischen Vorstellungen Hitlers und seiner Partei.

Viele Deutsche empfanden den Versailler Friedensvertrag (1919) als Schmach und Demütigung und verlangten eine Revision.

Die Folgen der Banken- und Finanzkrise (Inflation 1923), Einbruch der wirtschaftlichen Entwicklung (1932 mehr als 6 Millionen Arbeitslose), die auf dem Parteitag 1934 von den Nazis laut verkündete „Blut- und-Boden“-Ideologie, verbunden mit dem Aufruf „Deutschland erwache“ verhalfen den Nazis zur Stärkung ihres Einflusses auf das Gedankengut vieler Menschen.

Dazu kam die in den ersten Jahren nach der Machtübernahme für alle spürbare Aufwärtsentwicklung der Volkswirtschaft, der Verbesserung der Infrastruktur (Straßen- und Wohnungsbau – verbunden mit der Beseitigung der Arbeitslosigkeit) und damit der allgemeinen Lebensbedingungen. Es entwickelte sich der Gedanke der sogenannten „Volksgemeinschaft“, überall erscholl der Ruf „Führer, wir danken Dir!“. Adolf Hitler wird wie ein Gott verehrt und wusste diesen „Führerkult“ zu nutzen (Glaube an die „Vorsehung“).

In diese Zeit wurde ich hineingeboren. Sicher blieben auch meine Eltern nicht unbeeinflusst von dieser Entwicklung, vor allem aber haben unsere Schul-Lehrer, meist Anhänger oder Mitglieder der NSDAP oder ihrer Organisationen (z.B. SA), ehemalige Teilnehmer des 1. Weltkriegs oder Offiziere der kaiserlichen Armee. meine (unsere) Vorstellungen über die „neue Zeit“ und unsere Verhaltensweisen schon vor der Mitgliedschaft im Jungvolk oder in der HJ wesentlich mitbestimmt. Unsere Elterngeneration waren „Volksgenossen“ und wenn nicht direkt Mitglieder der NSDAP (SA, SS), so doch meist eingegliedert in den von den Nazis organisierten Vereinigungen zur Unterstützung und Förderung der nationalsozialistischen Ideenwelt (NSBO = nationalsozialistische Betriebsorganisation, Frauenschaft, Studentenschaft usw.).

Die Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935 und der Einmarsch deutscher Truppen in das entmilitarisierte linksrheinische Gebiet 1936, der Erlass der Nürnberger Rassengesetze als Ergebnis des ideologischen Antisemitismus und die Auswirkungen der „Reichskristallnacht“ 1938 auf die Juden haben uns Jugendliche – wir waren ja noch Kinder von 8-10 Jahren – wenig berührt oder gar ihre Bedeutung erkennen lassen. Ein Judenhass hat sich bei mir nicht entwickelt, hatte ich doch, wie viele meiner Altersgenossen – zumindest in Bitterfeld – eigentlich keinen Kontakt mit Juden.  Sie waren ja meist schon ausgewandert oder abgeschoben und abgesondert. Eine Erinnerung an die „Kristallnacht“ 1938 verbindet sich für mich nur mit einer Tracht Prügel von meiner Mutter wegen Diebstahls, hatte ich doch aus einem zerstörten jüdischen Schuhgeschäft ein paar Schnürsenkel und Lederabsätze mit nach Hause gebracht. Weiter sehe ich noch eine alte Frau, die etwa 1942 mit einem gelben Judenstern durch die Stadt lief. Der Begriff KZ (Konzentrationslager) hatte in unserem jungen Gehirn noch keine Vorstellung. Der Besuch des Kinofilms „Jud Süß“ war uns wegen unseres Alters noch verwehrt. Die Verfolgung der Juden  und aller politischen und kirchlichen Gegner des „Systems“, ihre Sammlung in KZ-Lagern und schließlich ihre Vernichtung, die Beseitigung „unwerten Lebens“ (Euthanasie) oder auch die die Hetze und schließlich das Verbot der „entarteten Kunst“ wurde von uns Jugendlichen kaum wahrgenommen und entzog sich unserer Aufmerksamkeit, vor allem durch das Kriegsgeschehen. Wir kannten zwar den Begriff KZ, hatten aber keine Vorstellung der Bedingungen und Vorkommnisse in diesen „Lagern“ oder von der „Vergasung“ von Menschen. Da wir noch nicht im Berufsleben standen, hatten wir auch keinen Kontakt zu den sogenannten „Fremdarbeitern“.

Vom Widerstand von Teilen der Kirche drang nur wenig an die Öffentlichkeit und wurde daher von unserer jungen Generation (jünger als 15 Jahre) kaum oder gar nicht registriert.

Wir hatten in den Schulen Religionsunterricht, getrennt nach Konfessionen. Mein Klassenlehrer in der Oberschule, der uns in Deutsch und Latein unterrichtete, war zugleich Religionslehrer. Es gab Taufen, kirchliche Trauungen und Beisetzungen. Ich erinnere mich an den regelmäßigen Besuch der Gottesdienstes am Sonntag in unserer evangelischen Kirche in Bitterfeld, zumindest bis zum Eintritt in das Jungvolk, und ich wurde 1942 konfirmiert.

Mein Vater war aus der Kirche ausgetreten und nannte sich „gottgläubig“.

Adolf Hitler, der selbst den Gottesglauben nicht abgelegt hatte (siehe seinen Glauben an die „Vorsehung“ und wiederholtes „Amen“ zum Ende seiner Reden) hatte schon frühzeitig erkannt, dass sich ein Großteil der Deutschen offen zu den kirchlichen Glaubenslehren bekannte und nicht bereit war, sich einfach den nationalsozialistischen Vorstellungen unterzuordnen. Bereits mit dem zwischen A.H. und dem Papst 1933 abgeschlossenen Konkordat wurde versucht, den Einfluss der Kirche auf den Staat zurückzudrängen. Heute wissen wir, dass A.H. die endgültige Lösung im Umgang mit der Kirche auf das von ihm erhoffte siegreiche Kriegsende verschieben wollte.

Wir wuchsen auf, wie Richard David Precht in seinem Buch „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ feststellt, in einem System, „das fast keine Diskussion und keine eigene Meinung kannte, sondern Unterordnung, Konformität und Autorität“ (S.251).

Als Mitglieder des „Jungvolks“ und der „Hitlerjugend“, sie waren seit 1936 Staatsjugend und verantwortlich für die Erziehung aller Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren bei gleichzeitiger Ausschaltung aller kirchlichen und bündischen Jugendverbände, fanden wir es als selbstverständlich, in Gemeinschaft mit anderen Jugendlichen zu handeln, unabhängig von der sozialen Stellung der Eltern. Wir waren beeindruckt von Fackelumzügen, Sonnenwendfeiern,, vom Marschieren im Gleichschritt hinter den rhythmischen Schlägen der Landsknechtstrommeln und von Fanfarenklängen, trieben Sport, nahmen Teil an „Heimabenden“, Zeltlagern, machten Geländespiele (für uns reine Abenteueraktionen), legten bei Nachtmärschen „Mutproben“ ab und waren stolz, wenn wir das sogenannte „Fahrtenmesser“ tragen durften. Wir sangen Lieder, aber nicht nur „Denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“ oder „Die Fahne ist mehr als der Tod“ und anderes nationalsozialistisch geprägtes Liedergut, sondern auch Volkslieder und solche, die auch heute noch gesungen werden. Wir sammelten Geld und verkauften Anhänger für das WHW („Winterhilfswerk“). Daneben gab es spezielle Ausbildungen in der Flieger-, Marine- und Nachrichten-HJ, auch als „Streifendienst“ und Feuerwehr (der ich im 1. Halbjahr 1944 angehörte). In den letzten beiden Kriegsjahren erfolgte dann aber eine deutlich auf Kriegseinsatz vorbereitende Ausbildung in sogenannten „Wehrertüchtigungslagern“. Ich selbst habe an einer solchen Ausbildung nicht teilgenommen, hatte mich aber schon, wie viele meines Jahrgangs, als „Kriegsfreiwilliger“ und zur Ausbildung als Offiziersanwärter im Heer eintragen lassen.

Wir erlebten das Kriegsgeschehen mit dem Gefühl der militärischen Überlegenheit Deutschlands. Wir verfolgten täglich den über die Wehrmachtsberichte angegebenen Frontverlauf und trugen ihn mit kleinen Fähnchen in große Karten ein. Wir feierten die mit hohen Orden ausgezeichneten „Helden“, lasen vorwiegend Kriegsliteratur und wollten selbst möglichst bald als Soldaten kämpfen.

SO meldete ich mich schon mit 16 Jahren als Kriegsfreiwilliger und wurde bereits im Herbst 1944 zunächst zum Arbeitsdienst (RAD) einberufen und einige Wochen später bereits einer Reserveoffiziersausbildungseinheit des Heeres überstellt. Endlich Soldat! Als kaum 17-jähriger nahm ich noch an einigen Kampfhandlungen in der östlichen CSR teil., blieb ohne Verwundungen bis auf eine kleine Splitterverletzung am Halsrücken. Als Deutschland kapitulierte, kam ich in amerikanische Gefangenschaft (ein Wiesenlager nahe Linz), erreichte es aber, schon nach einigen Wochen entlassen zu werden, da ich noch meine Papiere hatte, die mich als „Arbeitsdienstler“ auswiesen. Die Aufforderung „Geht nach Hause zu euren Mamis“ fanden wir weniger passend. Nach einem fast 800 Kilometer langen Fußmarsch über Deggendorf und Hof zusammen mit zwei Kameraden erreichte ich meine Heimatstadt Bitterfeld, die zumindest im Stadtgebiet unbeschädigt geblieben war, und konnte auch schon meinen Vater begrüßen, der zuletzt in der Nähe von Chemnitz als Soldat eingesetzt war.

Wir glaubten bis zum bitteren Ende nicht an eine Niederlage Deutschlands, auch als sich die Fronten immer enger um Deutschland zusammenzogen und bereits auf deutschem Gebiet gekämpft wurde. So leisteten denn auch – wie die Alliierten bestätigen – gerade junge Soldaten im Alter von 16-18 Jahren, unter anderem in HJ-Divisionen zusammengezogen, fanatischen Widerstand. Viele mussten ihren Aushaltewillen, auch als der Kampf schon sinnlos war, mit ihrer Gesundheit oder ihrem Leben bezahlen. Für die, die überlebten, brach nach der endgültigen Niederlage eine Welt zusammen. Wir erkannten zu spät die Folgen der uns eingeimpften Ideen von „nationaler Größe“ des deutschen Volkes, der Rassenideologie und der absoluten Unterordnung in einem Führerstaat als Teil des sogenannten „Volkskörpers“.

Die hier aus heutiger Sicht nachgezeichnete Jugendzeit war durch die Umwelt und eine nationalsozialistische Ideenwelt kontaminiert und bestimmte nicht nur mein damaliges Handeln, den Gehorsam, den Glauben an unser Vaterland und natürlich auch den an „unseren“ Führer. Insofern besteht eine Ähnlichkeit mit den von Helmut und Margarete in ihren Aufzeichnungen dokumentierten Denkweisen.

Es waren verlorene Jahre. Eine tiefgreifende geistige Umstellung war erforderlich und blieb bei vielen nicht ohne Einfluss auf ihre weitere gesellschaftspolitische Einstellung und ihr kritisches Verhalten gegenüber neuen Weltanschauungen.

Sicher haben Helmut, Christian und Margarete, 1914/1915 geboren, die für die Zukunft Deutschlands entscheidende Ablösung der Weimarer Republik durch den nationalsozialistischen Staat bewusster erlebt als es uns fast 15 Jahre Jüngeren zeitlich möglich war und der Nationalsozialismus bereits weitgehend das Denken vieler Deutscher bestimmte.

Alle drei kamen aus gutbürgerlichen und damit sicher auch christlich eingestellten Elternhäusern und standen bereits in früher Jugend den Ideen Hitlers offensichtlich positiv gegenüber, denn selbst Christian bezeichnet sich anfangs als Nationalsozialist und war in der HJ als Führer aktiv.

Diese ideologische Übereinstimmung der beiden Brüder änderte sich aber mit der Entscheidung Christians, Theologie zu studieren. Dies setzte natürlich ein kritisches Umdenken voraus vor allem gegenüber dem von den Nazis vertretenen Rassegedanken und ihrem Antisemitismus. Nach einer kurzen Periode des Zweifelns festigt sich Christians Grundeinstellung auch gegenüber der von den Nazis praktizierten Euthanasie, vor allem nach seinem Aufenthalt in der Schweiz und in Bethel, und bestimmte nun seinen weiteren Lebensweg. Helmut und Margarete blieben dagegen aktive Vertreter der „neuen Zeit“.

Helmut, Christian und Margarete blieben aber trotz ihrer sich unterschiedlich entwickelnden Weltanschauungen – Helmut bis zu seinem frühen Tod – in engem brieflichem Kontakt. Sie schildern ihre Lebenssituationen, ihre Erlebnisse, aber auch ihre Gedanken offen und ehrlich, trotz abweichender Einstellungen zur Judenfrage oder dem Umgang mit „unwertem Leben“ oder mit militärischen Gegnern und dem „Bolschewismus“. Dennoch sind die Briefe frei von gegenseitigen Vorwürfen oder Belehrungen. Es ist fast schade, dass dieser Gedankenaustausch mit Helmut so früh enden musste.

Die meisten Menschen unserer Zeit haben es verlernt, ihre Gedanken in Schriftform festzuhalten. Hierin sehe ich die Bedeutung der mit großem Fleiß gesammelten und geordneten Aufzeichnungen von Helmut, Christian und Margarete in Briefen und Tagebüchern.

Leider wurde nach dem Krieg vielfach versucht, die schrecklichen Ereignisse der Vorjahre, an denen man selbst beteiligt war, möglichst schnell zu verdrängen oder zu verschweigen. Daraus resultiert eine Verständigungslücke zwischen den Zeitzeugen und vor allem den direkten Kriegsteilnehmern und den folgenden Generationen. Abgesehen von den „68igern“ in Westdeutschland, die Aufklärung, Rechtfertigung und auch Übernahme von Verantwortung für das Geschehene während der Nazizeit von ihren Eltern forderten, scheint erst wieder die Enkelgeneration Fragen an die Großeltern zu stellen, soweit sie noch am Leben sind oder sich entsprechende Dokumente aus dieser Zeit finden lassen, vor allem solche aus Familienbesitz.

 

 

 

Hans Becker

Jahrgang 1939, Brief 27.5.2013

 

… Das ist eine interessante Lektüre, weil sie eine durchschnittliche, normale Situation in der Gesellschaft während des Dritten Reiches widerspiegelt. Die meisten Leute waren eben weder Widerstandskämpfer noch KZ-Aufseher, sondern haben sich mit ihrem Alltag im System eingerichtet. Die Mehrheit ist von der nationalsozialistischen Aufbruchsstimmung mit dem Stolz auf Deutschland und das deutsche Volk sehr beeindruckt gewesen. So ist auch die teils bis zum Ende anhaltende Begeisterung für Hitler verständlich – wenn man eben nicht von unserem heutigen Wissen und unserer heutigen Erfahrung ausgeht, sondern ein wenig versucht, sich das Denken und Fühlen von damals vorzustellen.

Mit großer Selbstverständlichkeit lebt und bewegt man sich im Rahmen eines begrenzten Koordinatensystems. Die Grenzen dieses Raumes sind von außen vorgegeben und/oder werden selbst gesteckt. Jeder Einzelne nimmt irgend einen Teil dieses Raumes in Anspruch, begnügt sich damit, stößt auch an Grenzen, überschreitet sogar die Grenzen, ohne das Koordinatensystem selbst zu verlassen. Auf diese Weise ist man mit aller Selbstverständlichkeit an manchem Unheil beteiligt, was man aber erst aus einem anderen Koordinatensystem als Unheil wahrnimmt. Wie stets sind die Übergänge fließend. Manchmal bedarf es großer Erschütterungen, um die Selbstverständlichkeit des eigenen Koordinatensystems in Frage zu stellen.

Die Krause-Sammlung aus Tagebüchern und Briefen von 1933 bis 1945 ist deshalb so interessant, weil sie ziemlich unspektakulär ein Gefühl für die Selbstverständlichkeit vermittelt, mit der normale Leute damals in den Räumen ihres Koordinatensystems gefühlt, gedacht, gewirkt und gelebt haben – und auch an Grenzen geraten sind.

Ein Aspekt ist die Offenlegung intimer Angelegenheiten und die würdevolle Erinnerung an die Personen, von denen die Zitate stammen. Das ist für mich kein ernstes Problem. Ohne dass ich weitere Einzelheiten kenne wird aus meiner Sicht die in anderem Zusammenhang zu gewährende Hochachtung für die besagten Personen nicht beschädigt. Wenn genau diese Texte jetzt von meinen Eltern, Großeltern usw. aufgetaucht wären, hätte ich nichts gegen eine Veröffentlichung. …

Es war verblüffend: An vielen Stellen habe ich gedacht, es ist von meinen Eltern die Rede. Natürlich waren die Lebensumstände der Eltern Becker andere als die der Eltern Krause. Aber in den Grundbefindlichkeiten habe ich sehr viele Ähnlichkeiten wahrgenommen, soweit ich das jetzt noch beurteilen kann.

Von meinen Eltern gibt es leider keinen solchen schriftlichen Nachlass. Nachträglich fragen wir uns ebenso, warum wir diese Zeiten nicht intensiver mit unseren Eltern besprochen haben. Aber ich war 6 Jahre alt, als der Krieg zu Ende ging, und da weiß man dann schon einiges, und manches ist bestimmt auch beredet worden, und was einem noch fehlt, das ahnt man eben.

Mein Vater (geb. 1903) war, aus einfachen Verhältnissen kommend, Lehrer geworden und konnte (1935?) Leiter einer Berufsschule in Liebertwolkwitz werden. Da gehörte es dazu, dass er NSDAP-Mitglied wurde. Ich glaube/weiß/ahne mit Sicherheit, dass er an dieser Stelle kein Aktivist oder Scharfmacher war. Aber an seinem Beruf hat er sehr gehangen, und seine Aufgaben hat er mit sehr großem Engagement angepackt, und da hat er das, was dazu nötig war, mitgemacht. Wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft wurde er 1945 aus dem Schuldienst entlassen, aber in der Bevölkerung war er in den ersten Nachkriegsjahren sehr geachtet. Nachträglich attestiere ich meinem Vater eine sozialdemokratische Gesinnung. Ich vermute, dass mit dieser Zuweisung ein guter Teil des NS-Programms für ihn verständlich bzw. attraktiv war. Und u.a. darüber würde ich mich jetzt gerne mal mit ihm unterhalten.

Meine Mutter (geb. 1904), aus einem national gesinnten bürgerlichen Elternhaus, war (in ihrer Generation noch nicht so üblich) Sportlehrerin geworden. Ehrgeiz und Erfolg waren selbstverständliche Tugenden für sie. Da fiel die NS-Ideologie bei ihr auf fruchtbaren Boden. Zum Glück war sie kein politischer Mensch, sonst hätte sie womöglich sogar noch Karriere gemacht. Aber das allgemeine Hurra-Getöse hat sie bis zum Ende mit Begeisterung begleitet. Der 18. April 1945, der Tag des (friedlichen) Einzugs der Amerikaner in Liebertwolkwitz, war für sie ein Tag der Schmach und der tiefen Demütigung. – Ein großer Teil der Texte von Margarete Krause könnte auch von meiner Mutter stammen. …

 

 

 

Harald Jatzke

E-Mail, 11.11.2017

 

… vielen Dank für Ihr Buch, das ich innerhalb von ca. zwei Wochen gelesen hatte. Schon direkt danach wollte ich Ihnen meine Eindrücke schildern; nun komme ich endlich dazu. Ich tue das aus der Perspektive eines Zeitgenossen, der etwas jünger als Sie ist und dessen Eltern (*1921 bzw. 1930) auch in Sachsen geboren wurden – allerdings übersiedelten sie anders als Ihre 1956 nach Westdeutschland.

 

1. Ich bewundere den Idealismus und die Begeisterungsfähigkeit aller drei Protagonisten in Ihrem Buch. Das steht doch, finde ich, in großem Gegensatz zu späteren Generationen, die gerade nach enttäuschten Hoffnungen auf „Heilsbringer“ skeptisch gegenüber allen Autoritäten eingestellt sind: Weder erwies sich Hitler als der Messias, noch brachte der Kommunismus das Paradies, aber auch die Kirche agierte in den Augen vieler in der NS-Zeit kritikwürdig, nicht nur die Deutschen Christen. In Krieg und Holocaust verloren viele ihren Glauben. Idole sind heute /out/; es gibt die Null-Bock-Generation, Desillusionierung und Zynismus. Zumindest ist man /cool/, fiebert keiner Idee nach. Aber sowohl Ihre Eltern wie Ihr Onkel suchen in stellenweise schwärmerischer Art nach dem richtigen Leben, ringen mit sich – stellen Fragen, die sich heute viele vielleicht nicht mal mehr im Geheimen stellen. Dieser Anspruch an sich selbst ging wohl zumindest teilweise verloren.

 

2. Die Begeisterungsfähigkeit zeichnete auch Ihren Onkel aus, sogar im besonderen Maße. Sie richtete sich zwar auf ein Gedankengebäude, mit dem sich keine gerechte Welt aufbauen lässt. Aber von der Ideologie war er überzeugt und bereit, für eine Idee zu sterben. Er muss gewusst haben, wie seine Lebenserwartung als Frontsoldat war. Je länger der Krieg ging, desto höher wurde die Wahrscheinlichkeit, dass er ihn nicht überleben würde. Ich nehme an, dass er auch deshalb 1941 keine engere Beziehung zu einer Frau anstrebte. Mit dieser Konsequenz den Weg zu gehen, den man für richtig gehalten hat, zeugt von großem Idealismus, wenn auch in diesem Fall von fehlgeleitetem.

 

3. Ich habe mal gegoogelt, wie viele Schüler in den 1930er Jahren aufs Gymnasium gingen. Die Zahlen liegen in der Größenordnung von 10 – 15%. Ihre Hauptdarsteller waren daher gewissermaßen nicht repräsentativ für den Durchschnitt, sondern höher gebildet. Aber wenn nicht mal sie viele Zweifel hatten – um wie viel einfacher muss es für die Nazis gewesen sein, die Volksschüler „einzuwickeln“? (Natürlich kann man mit drei Leuten keine Statistik machen, deren Aussagen sind eher ein Indiz für die Durchschlagskraft nationalsozialistischer Ideen in der damaligen Zeit.)

 

4. Viele am Anfang des 20. Jahrhunderts Geborenen hatten mehr als einen Bruch in ihrer Biografie. Es ist nicht einfach, den Wandel nachzuvollziehen, am ehesten noch bei Ihrem Vater, der sich durch seine kirchliche Orientierung eine kritische Distanz zu NS-Ideen bewahrt hatte. Vielleicht haben diejenigen später am meisten an ihrer Lebensleistung zweifeln müssen, die erst Hitler und dann Ulbricht & Co. vertraut hatten. So eine „Umerziehung“ hat ja aufs ganze Volk bezogen eher Jahrzehnte als Jahre gedauert, wobei die DDR jegliches Nazi-Erbe schlicht verleugnete. Bei Ihrer Mutter halfen die neue Westorientierung in der Familie und der Gegensatz Kirche – Kommunismus vermutlich bei der Änderung ihrer Einstellung. Aber wann sie wohl völkische Ideen endgültig abgetan hat?

 

5. Es gibt entfernte Ähnlichkeiten zu meinen Eltern: Mein Vater wurde, beeinflusst von seinem Vater, skeptischer als andere, aufnahmefähiger für Widersprüche im System. Er nahm Stalingrad als Wendepunkt wahr und traute der Propaganda danach nicht mehr. Meine Mutter kam wohl eher aus einer Familie, die autoritätsgläubiger war, weniger kritisch, hatte Verbindungen zum Frauenbund; Hitler wurde als jemand angesehen, der dem Vater wieder zu Arbeit verholfen hatte. Ich weiß auch nicht, inwieweit familiäre Einflüsse oder die Veranlagung wichtiger waren, um die eigene Meinung zu bilden. Nach 1948 machten sie sich wie Ihre Eltern als Regimegegner kenntlich, indem sie die Wahlkabine benutzten, und entzogen sich 1956 sozusagen durch Ausreise dem System. Im Westen war nach meiner Wahrnehmung allerdings ihr Antikommunismus ausgeprägter als ihr Antifaschismus, vor allem bei meiner Mutter. Vielleicht kommt das aus einer der letzten Ideen der braunen Machthaber, mit Amerikanern und Engländern den Kampf weiterzuführen. Wie Ihre Eltern haben sie die Wiedervereinigung als großes Glück empfunden. Zum Staat und seinen Organen bewahrten sie aber auch im Westen eine gewisse kritische Distanz (siehe oben: mehrfache Enttäuschung...).

 

6. Ihr Ansatz fügt sich sehr schön in die „Geschichte von unten“ ein, wo Tagebücher, Feldpostbriefe etc. systematisch ausgewertet werden, wie es Friedrich Kellner, Victor Klemperer und andere getan haben. Er ist ein Baustein im Gesamtbild der Aufarbeitung des Dritten Reiches, die ja in den Familien noch lange nicht so weit wie im Staat gediehen ist. Besonders schwierig wird es naturgemäß für die Familien, deren Vorfahren verurteilt wurden. In unserer Gegend lebt Jens Kaldewey, dessen Vater Walter Täter im NS-Euthanasieprogramm war. Er hat dessen Geschichte genauso objektiv geschildert, geurteilt, aber nicht verurteilt – wie Sie. Er sah nun eher zwei völlig verschiedene Seiten seines Vaters, eine grausame und eine fürsorgliche; Sie wohl eher eine schwankende (aber nicht verbrecherische) und dann eine gefestigte.

 

Vielleicht sind wir Naturwissenschaftler von Hause aus eher in der Lage, eine solche Sachlage nüchtern-distanziert darzustellen, selbst wenn wir persönlich involviert sind...

 

Zum Schluss vielen Dank für Ihren wertvollen Beitrag …

 

 

 

Klaus Auerswald

E-Mail 15.05.2017

 

… das Buch hat mich ja umgehaun oder besser die Briefe. Noch nie sind mir so klare, geistvolle und humanisierende Gedanken begegnet, die eine so gefährliche, menschenverachtende, inhumane Ideologie bewundern und sogar versucht haben, sie teilweise zu begründen. Bisher war ich immer nur, bei diesem Thema, auf dumpfe, krude Parolen gestoßen, auf Stammtischphrasen von Menschen, die keine Lust hatten, tiefer nachzudenken. Aber hier… Studiertes, christliches, humanistisches Bildungsbürgertum, mit einer tiefen geistvollen Denk- und Schreibweise, zueinander so liebevoll und mit Verständnis gesegnet und sprechen da so wie nebenbei davon, dass die Vernichtung der Juden notwendig sei. Das ist mir tatsächlich noch nicht untergekommen. Ich habe ja ähnliche Verhältnisse in meiner Familie. Alle Familienmitglieder mütterlicherseits (ebenfalls hochbegabt und gebildet) waren in der NSDAP, HJ usw. Und da gibt es ebenfalls eine Menge Briefe an die Front und von der Front, worin ebenfalls eine Zustimmung zu den nat.-soz. Verhältnissen zu erkennen ist, aber weitestgehend fatalistisch: Es ist ebenso, da müssen wir uns rein schicken, hoffentlich bald wieder Frieden und hoffentlich ein Sieg für uns. Aber solch eine klare Zustimmung zum Nationalsozialismus, beinahe wissenschaftlich begründet, von gebildeten Menschen, die von humanistischen Werten geprägt waren, zu solch einer primitiven Ideologie habe ich noch nicht erlebt oder gelesen, wenn auch hier und da gewisse kleine unbedeutende Unstimmigkeiten bezüglich der Kirchen ausgefochten wurden. Ja, die Werte! Sie hätten sich einfach mal die Werte anschauen müssen – die Diskrepanz hätte doch auffallen müssen. Mit der Zeit des Lesens hat man ja fast den Eindruck, sie haben Recht, als gäbe es tatsächlich nur eine richtige Lebensweise und Gesellschaftsform, den Nationalsozialismus! Er wäre viel besser als die freiheitlich-demokratische Ordnung! Denn auch sie sprechen ja von Freiheit. Deutschland ist jetzt frei, seit Hitler. Hitler hat ihnen die Freiheit gebracht! Es ist nicht zu begreifen!

.... Das Buch ist eine Bereicherung, aber auch eine Gefahr, eben in dem Sinne, dass wir aufpassen müssen, auf unser Leben, auf unsere Demokratie. …

 

 

 

Lorenz Franzisti

E-Mail 25.11.2017

 

… vorgestern habe ich die Lektüre des Buches

abgeschlossen, nachdem mich meine Frau auch zunehmend danach fragte, was denn das für Buch wäre was mich so in Anspruch nehme. Für die Offenheit und den Mut, die teilweise dunkle Seite ihrer Eltern zu veröffentlichen, möchte ich Ihnen und Ihren Geschwistern herzlich danken. Es ist ein Buch entstanden, welches tiefste Eindrücke in die Seelenlage ihrer Eltern vermittelt. Ihre Auseinandersetzung mit der damals vorherrschenden Ideologie aber auch ihr hoher moralischer Anspruch an sich selbst und Andere haben mich beeindruckt und ich habe mich oft gefragt wo ich damals gestanden hätte. Meine Mutter (Jahrgang 1923 ) hat ihre persönliche Wende nach 1945 nicht geschafft, sie ist mit ihrer dann etwas weichgespülten NS-Überzeugung und dem Antisemitismus gestorben. …

 

 

 

M. Dietrich

E-Mail 6.6.2017

 

ich habe ihr Buch "Fremde Eltern" gelesen (zum allergrößten Teil jedenfalls) und möchte mich bei Ihnen bedanken. Auch möchte ich die verschiedenen Sorgen ausräumen, die Sie oder Ihre Geschwister im Nachwort äußern, das Buch würde Ihre Eltern verunglimpfen oder bloßstellen (ich habe das Buch meiner Mutter (Jahrgang '33) weitergegeben und kann die genaue Formulierung gerade nicht nachschlagen, Sie wissen sicherlich was ich meine), dem ist nicht so.

Ich gebe zu, die ersten Briefe waren nur schwer zu ertragen. Diese Mischung aus Christentum und Rassismus, aus Christentum und Menschenverachtung, Christentum und Kriegsbegeisterung war nahezu schmerzhaft. Aber nach einigen Briefen (ungefähr einem Drittel) begann ich im Lesen dieses Gedankengut einzusortieren und diese Menschen zu sehen, in diesem Alter, einem Alter das auch für mich, wie ich mich erinnere ein Ringen um Erkenntnis und Lebenssinn war. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn man mit einer anderen Prägung aufgewachsen wäre. Wie weit können wir heute den Zeigefinger heben und kritisieren, dass eben viele nicht in der Lage waren, herauszuspringen? Und sich stattdessen in dem braunen Sumpf bewegten, denkende, vielleicht kritische Menschen, die aber alles Denken in diesem Sumpf vollführten. Wie wäre man selbst gewesen in diesem empfänglichen Alter?

Und ich muss sagen, ich habe diese Twens während der Lektüre sogar liebgewonnen. Wie sie sich austauschen, Briefe schreiben, formulieren, ringen. Ernüchternd, dass sie es nicht geschafft haben, auszubrechen aus diesem Gedankengebäude des Faschismus. Aber darum so lehrreich für heute, wenn man die Argumentation der neuen Rechten verfolgt.

Wir können die Menschen von damals nicht ändern, aber wir können daraus lernen wenn wir ungeschminkt von ihnen wissen. Das haben sie (und Ihre Eltern) getan und dafür meinen Dank …

 

 

 

Martin Schirrmeister

E-Mail 3.4.2017

 

… Ich habe Ihre Eltern als liebe und tüchtige Nachbarn geschätzt. …

So authentisch, direkt und literarisch unbearbeitet habe ich die Gedankenwelt und persönlichen Überzeugungen aus der NS-Zeit noch nie dargeboten bekommen.

Es ist faszinierend zu sehen, wie der intensive Briefverkehr Einblicke in die damalige Zeit gewährt und wie das politische und gesellschaftliche Geschehen junge Menschen damals interessiert, aber auch beeinflusst und geprägt hat. Das ist heute gar nicht mehr vorstellbar.

Immer wieder musste ich an meine eigenen Eltern denken, von denen ich ähnliches erfahren habe. Aber sie haben auch viel zu wenig von dieser Zeit erzählt. Manches möchte man sie gern noch fragen ...

Auch das Ringen Ihrer Eltern in Glaubensfragen hat mich sehr bewegt, ihre Ehrlichkeit und Offenheit füreinander und der gemeinsame Weg in aller Verschiedenheit.

Es ist schade, dass die letzten Briefe Ihrer Mutter nicht erhalten geblieben sind, auch dass von der unmittelbaren Nachkriegszeit so wenig bekannt ist. Wie haben die Eltern den Zusammenbruch des 3. Reiches und die völlig neue Situation innerlich verarbeitet und verkraftet. Da hätte ich gern noch mehr erfahren, und Sie bestimmt auch.

Alles in allem: Das Buch war für mich ein Gewinn!

Die Wertschätzung Ihren Eltern gegenüber ist nicht kleiner, sondern größer geworden. …

 

 

 

Mathias Gerth

21.8.2013

 

… Für mich ist deine Zusammenstellung eine sehr aussagekräftige Quellensammlung zum „3. Reich“. Die Briefe und Tagebucheintragungen decken ein sehr breites Spektrum an Themen ab, die in der Auseinandersetzung mit der dunkelsten Epoche der deutschen Geschichte von Bedeutung sind: Nationalsozialistisches Frauenbild, Christlicher Glaube und Nationalsozialismus, Fronterfahrungen, Antisemitismus, Euthanasie, Führerkult, Arbeitsdienst. Die Verfasser der Briefe und Tagebucheintragungen lassen wirklich nicht viel aus. Durch die große sprachliche Qualität der Dokumente lässt sich deine Sammlung zudem sehr flüssig lesen. Das heißt: Alle Beteiligten geben ihre Haltungen, Erlebnisse und Erfahrungen sehr vielschichtig, mitunter auch sehr direkt wieder und sparen nicht an Pathos und Leidenschaft. Und natürlich gibt es den familiären Bezug. Dieser machte das Lesen für mich zusätzlich „gänsehäutig“.

Besonders beeindruckend empfand ich die Gedankengänge deines Vaters. Diese sind ein sehr aussagekräftiges Beispiel für das Ringen mit der Naziideologie. Das Reiben und Zweifeln an der Diktatur gab es –glücklicherweise – eben auch. Die brieflichen Auseinandersetzungen Christians mit seinem Bruder und mit Gretel um die Einstellungen zur NS-Ideologie sind für mich das Highlight der „schwarzen Tasche auf dem Dachboden“. Dass sich die Linien der Konfrontationen durch die Familie und sogar durch Liebesbeziehungen ziehen, weist sehr genau auf die ganze Widersprüchlichkeit und ambivalente Lebenswirklichkeit im Nationalsozialismus hin.

Die Texte zeigen natürlich auch: Die Waldenburger Straße in Ehrenhain war - zumindest an der Stelle, an der sich mal das Grundstück der Familie Liebelt befand - kein Hort des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Ich bin deshalb beim Lesen aber nicht aus allen Wolken gefallen. So ungefähr wurde ich durch Hans über die Nähe der Familie Liebelt zum Nationalsozialismus informiert. Die frühe N.S.D.A.P-Mitgliedschaft meines Ur-Großvaters war mir z.B. bekannt.

Meine Erinnerungen an die vielen Gespräche mit Hans müsste ich mal ordnen. Ich habe meinen Großvater Hans (mit Fritz Liebelt und Walter Gerth sind es ja in meinem Fall 3 Großväter) ja ganz schön ausgequetscht. Grob gesagt: Bei meiner Fragerei und Opas Antworten gab es verschiedene Phasen. Als Kleinkind hat er mir eher die politischen Verhältnisse um den 2. Weltkrieg herum und den Kriegsverlauf erklärt. Dann folgte die Phase, in denen er mir von seinen Kriegserlebnissen berichtete. (er schonte mich dabei – was ich ja auch keinesfalls wollte – nicht). Später – ich studierte Geschichte, Hans fand das toll und ich wurde mutiger – traute ich mich auch Fragen zur Judenverfolgung, zum Verhalten der Wehrmacht und seinen eigenen Empfindungen zu stellen. …

 

 

 

Frens Peters

E-Mail 21.11.2016

 

… als ich letzte Woche in Spiegel-Online zappte, rührte mich ein Bild an, in dem ich im ersten Moment meine Eltern sah. Beim weiteren Lesen des Artikels war ich noch mehr ergriffen, da die Parallelen zu meinen Eltern so frappierend waren. Es hat mich auch deshalb so angesprochen, da ich selbst gerade aktuell genau diesen Prozess hinter mir habe (nein: in mir): Ich habe genau wie Sie aus vielen Dokumenten meiner Familie die Bezüge zur Politik und Kirche im Dritten Reich herausgezogen und dabei viele Dinge erfahren, die in der Familie noch nicht bekannt waren. Und seit Oktober liegt das Buch gedruckt vor, vorerst nur für die Familie, denn es gab auch Bedenken gegen eine Publikation. Die werden sich hoffentlich noch legen.

Ich bewundere Ihren Mut, diese Tatsachen aus Ihrer Familie offen gelegt zu haben, und danke Ihnen dafür.

Die Parallelen sind erstaunlich, auch wenn meine Eltern etwas älter waren (geb. 1907 und 1914, Heirat 1936). So erlebte mein Vater (vermisst 1945) die "Machtergreifung" als Studienreferendar, SA und PG seit 1933, vorher Wandervogel und Studenten-Gilde. Die Familie: Lehrer und Pastoren in und um Flensburg /Schleswig-Holstein. Ein Großvater PG seit 1932 und Kirchenältester in einer Bekennende-Kirche-Gemeinde, immer hin und her gerissen. Der andere Großvater wurde 1933 als Propst (bei Ihnen Superintendent) entlassen, war aber dem "Nationalen" gegenüber weiter sehr aufgeschlossen.

Mich fasziniert die Ambivalenz der Äußerungen bei allen Personen, die ich zitiere. Man macht sich heute eine Beurteilung zu einfach, wenn man "braun-weiß" malt. Fast alle Menschen waren, zumindest anfangs, auch begeistert, auch wenn sie es später nicht mehr wahr haben wollten.

Ich beschränke mich auf die Zeit vor dem Krieg, da nachher die Offenheit schwindet und die Sprache auch anders wird. Aber ich habe auch viele Quellen aus der Zeit vor 1933, aus denen man ein wenig nachvollziehen kann, wieso sie so gedacht und gehandelt haben.

Wenn Sie Interesse haben, schicke ich Ihnen mein Buch gern …

 

 

 

Rainer Neutzling

5.11.2013

 

… ich habe alles gelesen und bin innerlich tief beschäftigt mit all den Dingen, Geschichten und Gedanken, die ich lesen durfte. Insofern kann ich sagen: Die Texte sind insgesamt absolut lesenswert, weil extrem lehrreich. Mir ist beim Lesen so viel durch den Kopf gegangen, dass ich nicht alles aufschreiben kann. Vieles muss ich auch nicht schreiben, denn viel davon hast du bereits in der „Dokumentation“ zusammengefasst. Es war interessant zu sehen, dass fast alles, worauf du hinweist, auch mir aufgefallen war.

Ich möchte deshalb nur ein paar Gedanken meinerseits ergänzen.

Faszinierend, aber noch mehr erschreckend ist die ungeheure Intellektualität deiner Eltern und deines Onkels. Ihre Sprache ist außerordentlich elaboriert und bildungsbeflissen; so etwas gibt es heute unter 20-30-Jährigen praktisch nicht mehr, und man ahnt, woher dein Hang zur Prosa rührt, die ich jedes Jahr lesen darf.

Aber in einem anderen Kontext noch ist das interessant: Meine Groß- und Urgroßeltern mütterlicherseits waren echte Proletarier, ungebildete Industriearbeiter, in der SPD und gewerkschaftlich organisiert, gegen Hitler und so anders als deine Eltern. Mein Großvater war ein Berserker, Alkoholiker und manchmal auch gewalttätig, ein „Tier“ und ein Demokrat. Und ganz sicher einer, über den deine Eltern die Nase gerümpft hätten wie über so viele andere Ungebildete, die einfacher, hedonistischer‘ und weniger rein lebten als sie (sich das wünschten). Ihr Elitendenken kommt immer wieder in den Briefen zum Ausdruck, ihr Sendungsbewusstsein, der Erziehungs- und Führungsgedanke… Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Großeltern auch nur eine Zeile mit vergleichbarem Durchdringungswunsch zu Papier gebracht haben. Eine faszinierende Gleichzeitigkeit von Sein; natürlich gibt es das heute auch noch, aber ich denke, die Klassenschranken waren damals viel höher.

Aber, und darauf möchte ich hinaus: Was nützte alle Intellektualität, wenn sie letzten Ende bloß dazu gebraucht wurde, auch die gequirlteste Scheiße in ein geschlossenes Denksystem zu packen. Mir stockte oft der Atem, und das finde ich das eigentlich Lehrreiche an den Briefen, wie geschickt es die Nazis verstanden haben, nicht nur in unfassbarer Weise die Herzen zu kolonialisieren, sondern auch das Bildungsbürgertum für sich zu gewinnen.

In diesem Zusammenhang sehe ich auch deinen Vater: Man fiebert mit ihm, dass ihm endlich die Augen aufgehen, und du weist zu Recht darauf hin, dass ihm früh Zweifel kamen und dass sich Mitleid in ihm regte, und ich war berührt von den Schilderungen seiner Erfahrungen in Bethel und wie er sie gegen Margarete verteidigte. Aber der größte Teil seiner Auseinandersetzungen sind doch mehr theologisch-theoretischer Art, er rettet sich zu einem anderen „Führer“ (Gott), dem bedingungslos zu gehorchen sei. Und wie du schreibst, bleibt er im tiefen Herzen doch ein Deutschnationaler, ein Soldat, der am Ende zwar am Endsieg zweifelt, für ihn aber doch bis zum Ende alles gibt.

Kein Vorwurf an ihn. Es war gefährlich genug, schon so etwas zu denken, aber auch solche Menschen haben diese Zeit zu verantworten, nicht nur die Hundertprozentigen wie dein Onkel. Und natürlich auch meine Großeltern, die im kriegswichtigen Betrieb gearbeitet haben, die ihren einzigen Sohn zur SS haben gehen lassen und verloren haben … Sie alle letzten Endes mitgemacht, weggeschaut oder gar das Unmenschlichste gutgeheißen – bei gleichzeitig tiefster Empfindsamkeit für die Fragen der eigenen Seele …

Es ist erschütternd, dass deine Mutter kein Wort über die Reichskristallnacht oder die Bücherverbrennung verliert, dass sich kein Mitleid und keine Scham darüber regen, was in den Konzentrationslagern geschehen ist. Insofern würde mich sehr interessieren, was sie später dazu gedacht und gesagt hat. Wie ist ihre Erkenntnis zum Ausdruck gekommen, dass sie einmal etwas völlig Abscheuliches gedacht und vertreten hat?

Beschäftigt hat mich beim Lesen auch die absolute Leibfeindlichkeit dieser Zeit, die sich auch in der Verachtung der Proletarier und alles „Schmutzigen“ und Unreinen ausdrückt. Alle Gefühle müssen immerzu überhöht und blumig stilisiert werden, und immer dieses schlechte Gewissen, unnütz, individualistisch und „oberflächlich“ zu sein, gierig, lebenshungrig, allzumenschlich eben. Schrecklich!

Ich hätte gerne mehr von Herrn Angst aus der Schweiz erfahren. Er ist der Beweis dafür, dass alles, wirklich alles Verdrehte und Menschenfeindliche am Denken und Fühlen dieser Bildungsbürgergeneration sozusagen auf der Hand lag, schon damals, zeitgenössisch, nicht nur aus heutiger Perspektive. Aber das Gedankengebäude der Nazibürgerlichen war letzten Endes so schlicht, dass es uneinnehmbar war.

Ich hoffe, meine schnell und ungeordnet hingeschriebenen Gedanken wirken nicht schroff. Deine Eltern sind gewiss faszinierende Menschen gewesen, und ich denke, sie waren eben einfach bestimmte Kinder ihrer Zeit, wie meine Großeltern dies auch waren. Ich verurteile sie nicht, und ich bin dir sehr dankbar, dass ich so tiefe Einblicke in ihr Leben haben durfte. …