startseite

weitere infos genetik gentechnik

 

Fakten, Meinungen, Bewertungen
zu Gentechnik, Genetik, Fortpflanzungsmedizin, Klonen, Stammzellforschung usw.
(
Sammlung von den 1990er Jahren bis Januar 2018 (abgeschlossen)

© Joachim Krause, Hauptstr. 46, 08393 Schönberg )

 

(Die folgende Datei können Sie hier auch als PDF herunterladen - Stand Januar 2018)

 

A) Hier können die einzelnen Zusammenstellungen nach dem Datum ihrer Erstellung eingesehen werden, aktuellste Sammlungen zuletzt:

19.7.2000 , 1.8.2000, 1.11.2000 , 21.12.2000 , 4.1.2001 , 12.3.2001 , 7.8.2001 , 8.8.2001 , 11.9.2001 , 26.10.2001 , 7.1.2002 , 23.1.2002 , 24.1.2002 , 6.2.2002 , 5.3.2002 , 30.4.2002 , 3.7.2002 , 27.8.2002 , 21.11.2002 , 20.1.2003 , 4.2.2003 , 26.2.2003 , 17.4.2003 , 24.6.2003 , 27.8.2003 , 24.11.2003 , 28.4.2004 , 16.7.2004 , 30.11.2004 , 3.3.2005 , 2.6.2005, 2.9.2005, 20.1.06, 21.1.06, 30.5.06, 18.8.06, 2.1.2007, 7.6.2007, 20.7.2007, 7.11.2007, 1.2.2008, 20.5.08, 10.7.08, 7.1.09, 26.6.09, 16.12.09, 27.1.2010, 30.3.2010, 27.10.2010, 21.1.2011, 17.6.2011, 2.12.2011, 7.3.2012 (Nachtrag „historischer“ Fakten aus den 1990er Jahren), 9.7.2012, 14.12.2012, 28.5.2013, 14.9.2013, 23.1.2014, 10.7.2014, 29.1.2015, 7.1.2016, 8.1.2016, 2.3.2017, letzte Aktualisierung 8.1.2018 am Ende der jeweiligen Rubrik ROT

 

B) In der folgenden Zusammenfassung sind alle bisher erfassten "Lesefrüchte" in einer Datei vereinigt.

Sie sind nach den gleichen Stichworten sortiert wie in den Einzelerfassungen.
Die gesuchten Stichworte können auch direkt angeklickt werden; darunter sind die erfassten Beiträge in der Regel chronologisch aufgelistet (älteste Einträge zuerst, letzte Eintragungen am Ende).

Es kann allerdings vorkommen, dass etwas, was (eigentlich oder auch) unter „Gesetze“ fällt, hier unter einem anderen Sachstichwort, z.B. „Klonen“, zu finden ist.

 

 

FAKTEN – QUELLEN – ZUSAMMENHÄNGE

zum Themenbereich Genetik / Gentechnik
Zusammenstellung aller Einzel-Sammlungen
vom 19.7.2000 bis
7.1.2018

 

die Sammlung wurde bis Januar 2016 fortlaufend aktualisiert, die aktuellsten Einträge befinden sich jeweils am Ende der Zusammenstellung zu den einzelnen Stichworten

© Joachim Krause, Hauptstr. 46, 08393 Schönberg
abgeschlossen mit Stand vom Januar 2018

 

 

 

A) Genetik                             

B) Gentechnik                      

C) Gentechnik in der Humanmedizin

D) Gendiagnostik                 

E) Pränatale Diagnostik               

F) Präimplantationsdiagnostik            

G) Genetischer Fingerabdruck           

H) Gentherapie                             

I) somatische Gentherapie          

J) Keimbahn-Gen-Therapie                 

K) Grüne Gentechnik                   

L) Freisetzung und Anbau                          

M) Gentechnik in Nahrungsmitteln     

N) Gentechnik und 3. Welt          

O) Gen-Ethik                         

P) Patentierung                            

Q) Klonen                                     

R) Stammzellen und Embryonenforschung

S) Gentechnik bei Tieren                     

T) Verheißungen, Werbung         

U) IVF, Schwangerschaft, Eizellspende      

V) Gesetze                                    

W) Gentechnik militärische Nutzung  

 

 

 

Grundsätzliches:

·         Definitionen können nicht wahr oder falsch sein, sondern allenfalls angemessen, zweckmäßig oder plausibel.
(Ethik in der Medizin, Reclam 2000, S. 302)

·         Wolfgang Huber:
Argumente werden nicht gezählt, sondern gewogen
(Gesellschaft für Evangelische Theologie, Tagung Berlin 17.-19.2.03 „Der machbare Mensch – theologische Anthropologie angesichts der biotechnischen Herausforderung“)

 

 

einige Definitionen:

·         Die Medizin ist der Prototyp einer Wissenschaft, die ihre Einheit in der Vielfalt ihrer Disziplinen von den Zielen her gewinnt, auf die sie gerichtet ist. Diese Ziele sind die Erkennung, Therapie und Heilung, Linderung sowie Verhü­tung von körperlicher und psychischer Krankheit. Die Medizin als Wissenschaft steht in einer instrumentellen Be­ziehung zu diesen Zielen. Sie stellt Mittel bereit – diagnostische, therapeutische, präventive – zu deren Errei­chung. Dieser instrumentelle Charakter wird durch die naturwissenschaftliche Ausrichtung der modernen Medizin verstärkt.
(EKD-Texte 71: Im Geist der Liebe mit dem Leben umgehen, Argumentationshilfe für aktuelle medizin- und bio­ethische Fragen, Hannover August 2002, S.9f., 39)

·         Biotechnologie:
ganz allgemein der Einsatz biologischer Systeme im Rahmen technischer Prozesse und industrieller Produktion
Gentechnologie:
Anwendung spezieller molekularbiologischer Methoden zur Änderung der genetischen Eigenschaften von Orga­nismen
FARBENLEHRE der Gentechnik:
Die Anwendung gentechnischer Methoden in der Pflanzenzüchtung, die Nutzung gentechnisch veränderter Pflan­zen in der Landwirtschaft und im Lebensmittelsektor wird als GRÜNE GENTECHNIK bezeichnet;
Bei der ROTEN GENTECHNIK handelt es sich um medizinische Anwendungen – etwa die Entwicklung neuartiger Arzneimittel sowie diagnostischer und therapeutischer Verfahren;
Bei der GRAUEN bzw. WEISSEN GENTECHNIK geht es um die Nutzung gentechnisch veränderter Mikroorganis­men zur Herstellung von Enzymen oder Feinchemikalien für industrielle Zwecke, in der Mikrobiologie und der Um­weltschutztechnik
(Das Parlament, Sondernummer „Chancen und Risiken der Gentechnik“, 6.3.06 S.2)

 

A) Genetik

·         Q: SPIEGEL 13/1996 S.194ff.
- Weltkongreß der Genom-Forscher
- schon für rund 700 erbliche Krankheiten wurden auslösende Gene lokalisiert, allein auf X-Chromosom Gene von über 200 Erbkrankheiten
- vor allem US-Wissenschaftler klären menschl. Erbgut im Eiltempo auf
- in wenigen Jahren werden sämtliche drei Milliarden Gen-Bausteine der menschl. Erbsubstanz entschlüsselt sein
- Einzelgene bestehen aus bis zu 300000 Nukleotiden
- die rund 100000 Erbinformationen, die alle Körperfunktionen des Menschen steuern, beanspruchen nur drei Prozent des DNS-Bandwurms
- an die 30000 Gene glauben Wissenschaftler mittlerweile geortet zu haben

·         Q: Gentechnik, Bayerisches Umweltministerium 1/94
- Vermutung: 4500 monogen bedingte vererbte Krankheiten
- Mensch 50-100000 Gene; davon bisher für 4000 Position im Genom bestimmt
- im Human Genom Project sollen nicht nur alle Gene kartiert, sondern auch alle 3 Mrd. Basenpaare sequenziert werden (bisher 10 Mill.)

·         GID 128 8/98 S.5
Genetischer Code nicht einheitlich?
1993 Hefepilz baut häufig statt Leucin Serin ein
„ungenau“ arbeitende t-RNA in Bäckerhefe eingebaut: funktioniert und bewirkt bes. Resistenz gegenüber Hitze, Schwermetallen, Antibiotika...

·         jede zweite Krebserkrankung soll auf einen Ausfall des Gens p53 zurückgehen; Pharmakonzern Pfizer erfolgverspre­chende Tierversuche, Gen zu reparieren (hier: Eiweiß soll korrekte Form einnehmen)
(GID 138/2000 S.29)

·         Titel: Der (fast) unsterbliche Mensch / Den Göttern gleich
Zellmechanismen, die zum Altern (Sterben) beitragen:
a) Verschleiß
in den Mitochondrien entstehen frei Radikale, schädigen M. und greifen andere Zellstrukturen an;
b) verkürzte Enden
an den Enden der Chromosomen als Schutzkappen Telomere; verkürzen sich bei jeder Zellteilung, wirken wie eine innere Uhr; ab best. kritischer Länge keine weiteren Zellteilungen mehr
c) defekte Gene
Enzym Helicase öffnet DNS-Doppelstrang, Basen-Fehler können korrigiert werden; bei defekter Helicase unter­bleibt die Korrektur
(Spiegel 17/2000 S. 159/180)

·         vollständiges Erbgut des Menschen besteht aus etwa 6,6 Mrd. DNS-Bausteinen
(GEO 2/2000 S.164)

·         p53 Wächter-Gen
Eiweiß kontrolliert ordentliche Zellteilung:
a) kleine Fehler werden repariert
b) zu große Fehler: Selbstzerstörungsprogramm für die Zelle wird eingeleitet
bei Mutationen von p53: entartete Zellteilung möglich, Krebs, 1 Zelle reicht;
60% aller Krebsfälle p53-Störung

·         Durchmesser einer Tierzelle im Mittel 20 Mikrometer;
Durchmesser DNS-Molekül Doppelhelix 3 x 10-9 m;
Gedankenspiel - Vergrößerungsfaktor 1:100000:
1 Mensch 170 km lang;
1 Zelle 2 m Durchmesser
DNS-Molekül-Faden einer Zelle: 170 km lang, 0,3 mm dick

·         einzelne Menschen weisen Abweichungen auf, durchschnittlich aller 500 Buchstaben = 10 Mill. Abweichungen ziem­lich willkürlich über den Text verstreut; das macht den genetischen Unterschied zwischen Individuen aus; Mann und Frau unterscheiden sich in einem Chromosom, in 2% der gesamten Information; der Unterschied zwi­schen Menschenmann und Schimpansenmännchen beträgt nur etwa 1,6 Prozent
(bdw 2/2000 S.44; Jens Reich)

·         väterliche mitochondriale DNS befindet sich (selten) auch noch im Acht-Zell-Stadium in embryonalen Zellen; also nicht nur mütterliche Vererbung!
(GEO 3/2000 S.188)

·         Doppelhelix, in sich verdrillte (Strick-)Leiter; die Sprossen der Leiter bilden je zwei Basen, die Holme (die Stricke) bestehen aus Phosphat- und Zuckermolekülen; die beiden Basen fügen sich paßgenau ineinander (verhaken sich perfekt), sie sind „komplementär“; stets bilden A und T sowie C mit G eine Leitersprosse; zum Ablesen der Gene oder zur identischen Verdopplung der DANN wird die Doppelhelix wie ein Reißverschluß geöffnet und ein neues Molekül mit komplementärer Basenfolge ergänzt

·         überall Proteine: Strukturproteine in Sehnen, Knorpeln, Knochen; Transportproteine befördern lebenswichtige Mole­küle, z.B. Sauerstoff; Enzyme sind verantwortlich für biochemische Reaktionen;
Werkzeuge, Boten- und Baustoffe des Lebens

·         Humangenom-Projekt:
zunächst nur bekannt: ein durchlaufender genetischer text ohne Komma; der nächste, entscheidende Schritt wird sein, den vorliegenden Text auch zu verstehen, welche Funktion kommt den schätzungsweise 80-100000 mensch­lichen Genen zu?

·         entschlüsseltes Erbgut:
Virus 1977: 5375 Basenpaare
Bakterium Haemophilus influenzae 1995
Bäckerhefe 1996: 6000 Gene (viele mit Genen des Menschen identisch!)
Fadenwurm Caenorhabditis elegans 1998: 959 Zellen, 6 Chromosomen, 100 Mill. Basenpaare

·         SNIP´s: genetische Variation: ein einzelner Nukleotidbaustein ist verändert; beim Menschen etwa aller tausend Basenpaare ein Nukleotid
(VFA: Gene und Genom)

·         Fruchtfliege Drosophila monogaster 13601 Gene 180 Mill. Basenpaare
von 289 Genen, die Mediziner für Krankheiten beim Menschen verantwortlich machen, gibt es 177 entsprechende Varianten bei der Fruchtfliege
(Spiegel 13/2000 S.286)

·         genetische Sprache ist - bis auf wenige Ausnahmen - für alle Lebewesen gültig; eine bestimmte Buchstabenfolge wird immer in das gleiche Protein übersetzt, Insulin entsteht in entsprechend veränderten Pflanzen-, Hefe- und Bakterienzellen
(VFA: Gentechnik)

·         270 Zellarten beim Menschen
(taz 14.7.2000 S.17)

·         Menschliches Genom 30000-150000 Gene
(taz 27.6.00)

·         kleinstes menschliches Chromosom entschlüsselt, Chr. 21 hat 225 Gene, von denen 127 eindeutig identifiziert sind;
Gesamtzahl menschlicher Gene wohl unter 40000
(FP 9.5.00)

·         Chr. 21: 33 Mill. DNS-Bausteine
(taz 9.5.00)

·         nur rote Blutkörperchen enthalten keine genetischen Informationen;
die Chromosomen selbst sind nur so etwas wie Behälter;
würde man die DNS aller 46 Chromosomen einer Zelle aneinander reihen, zwei Meter lang; Strang aber nur 1/500000 mm dick;
(Stern 27/2000 S.59ff)

·         Doppelfäden der DNS, die sich im Kern jeder Körperzelle zusammenknäueln, enthalten Anweisungen für alles, was Leben ausmacht;
menschliche Erbgut-Sequenz entschlüsselt: was Forscher bis jetzt geleistet haben, sieht wie ein Text in einer fremden Sprache aus, in dem die Wörter nicht getrennt sind, Punkt wie Komma fehlen und (sinnvolle) Sätze durch lange Strecken sinnlosen Gebrabbels unterbrochen werden. Die Wissenschaftler sehen den genetischen Bauplan des Menschen, verstanden haben sie ihn noch nicht.;
nur drei bis 5 % der DNS-Fäden enthalten die wertvollen Erbinformationen, der Rest ist vielleicht nichts als eine Art Biomüll;
(Spiegel 26/2000 S.78ff.)

·         Tomate eines der 28 Gene für Größe der Frucht isoliert; hohe Übereinstimmung der Aminosäure-Sequenz mit ei­nem Gen, das beim Menschen Krebs entstehen lassen kann
GEO 10/2000 S.213

·         selbst „schlechte“ Gene haben gute Seiten... z.B. Mukoviszidose: Menschen, bei denen auf beiden Chromosomen­sätzen das entsprechende Gen defekt ist, leiden unter einer schweren Stoffwechselkrankheit. Un­behandelt sterben sie schon als Kinder. Die Krankheit ist aber so weit verbreitet, daß sie einen Vorteil für heterozy­gote Träger haben muß. Das sind Menschen mit einem gesunden und einem kranken M.-Gen. Experimente an Mäusen haben gezeigt, daß diese Genkombination sie vor dem Tod durch Cholera schützt. Diese Krankheit war früher weit verbreitet und damit ein wichtiger Evolutionsfaktor.
bild der wissenschaft 10/2000 S.30

·         zunehmende Unsicherheit, was unter einem GEN überhaupt zu verstehen ist...
bis vor einigen Jahren ein GEN als ein Abschnitt auf der DNA definiert, der die Information für ein Protein enthält; inzwischen weiß man aber, daß bei vielen Genen ein Teil der zunächst abgelesenen Information nachträglich wie­der entfernt wird; darüber hinaus wurden überlappende GENE und
GENE innerhalb anderer Gene gefunden; kann ein Gen nicht mehr als ein Abschnitt auf der DNA definiert wer­den...
GID 141 8-9/2000 S.5

·         Wer ist eigentlich der Mensch, dessen Erbgut im Humangenomprojekt entschlüsselt wurde?
Im öffentlichen Projekt: nicht ein einzelner Mensch, sondern ein „Mosaikmensch“ aus 13 Männern und Frauen;
bei CELERA: 5 US-Bürger (2 weiße Männer und drei Frauen: afrikanischer, mexikanischer und chinesischer Her­kunft), dazu ein anonymer Spender;
zwei menschliche Individuen sind zu 99,9% genetisch identisch; das ergibt Abweichungen in 3 Millionen „Buchsta­ben“;
der Pferdespulwurm verpackt sein Erbgut in zwei Chromosomen, der Natterfarn verteilt es auf rekordverdächtige 630; selbst bei Säugetieren starke Schwankungen: der urtümliche Muntjak-Hirsch hat sechs Chromosomen, Schimpanse 48
GEO 9/2000 S.59

·         im Mai saß in einer Kneipe in Cold-Spring-Harbor USA die High Society der Humangenetiker zusammen; Wette um die Gesamtzahl der menschlichen Gene: Gebote zwischen 27462 und 200000
GID 141 8-9/2000 S.39

·         Telomerase, Hoffnungsträger vieler Mediziner und Altersforscher, ist in die Kritik geraten;
das so genannte Unsterblichkeits-Enzym kann ein Onkogen aktivieren (Onkogene können Entstehung von Krebs begünstigen oder sogar selbst auslösen):
[Enzym Telomerase „repariert“, verlängert die Telomere, die Schutzkappen auf den Chromosomen, die bei jeder Zellteilung kürzer werden]
bild der wissenschaft 10/2000 S.9

·         die 100000 Gene des Menschen produzieren zirka 20 Millionen verschiedene Proteine;
Längst ist das einstige Dogma der Molekularbiologie - ein Gen kodiert für ein Protein - hinfällig. Denn häufig wer­den die frisch produzierten Proteine in kleinere Teile zerschnitten, und die übernehmen ganz unterschiedliche Funktionen. Zudem verknüpfen Zellenzyme neue Eiweiße mit unterschiedlichen Zuckermolekülen, beladen sie mit Phosphaten oder Metallionen. Das wiederum verändert die Eigenschaften der Eiweiße drastisch.
Die Zeit 13.7.2000 S.33

·         Basenpaare im Erbgut verschiedener Organismen;
Mycoplasmen sind die einfachsten bisher bekannten Lebewesen (Parasiten in Pflanzen und Tieren);
Mycoplasma genitalium besitzt nur 517 Gene;

Lebewesen

Basenpaare

Mycoplasmen

1 x 106

1          x 106

Bakterien

4,2 x 106

4,2       x 106

Hefen

1,3 x 107

13        x 106

Schleimpilze

5,4 x 107

54        x 106

Würmer

8,0 x 107

80        x 106

Insekten

1,4 x 108

140       x 106

Vögel

1,2 x 109

1200     x 106

Amphibien

3,1 x 109

3100     x 106

Säugetiere

3,3 x 109

3300     x 106

Die Zeit 19.4.2000 S.38

·         künstliche Chromosomen, die man zusätzlich in den menschlichen Körper schleusen könnte;
dorthinein die gewünschten zusätzlichen Gene einbringen;
wenn der so veränderte Mensch die Autotherapie nicht nutzen will, schaltet er die zusätzlichen Gene eben nicht an (z.B. Schalter in Form eines Medikamentes);
es könnten molekulare Scheren mit verpackt werden, die bei der Reifung von Ei- und Samenzellen jedes zusätzli­che künstliche Erbstück wieder entfernen, damit künftige Generationen nicht mit veralteten Genen herumlaufen müssen...
Die Zeit 25.5.2000 S.18

·         das Dogma „ein Gen à ein Protein“ gilt nicht mehr;
TU Dresden, Vortragsreihe Biotechnologie – Zukunft der Menschheit? Prof. Claus Bartram, Heidelberg, 16.11.2000 „Prädiktive Diagnostik – Chancen und Probleme“

·         Wette der Elite der Erbgutforscher: wie viele Gene hat der Mensch? Antworten zwischen 27462 und 312462; Hoff­nung, es im Jahre 2003 zu entscheiden
(Der Spiegel 1/2001 S.68)

·         Zelle hat sich als der Welt komplexeste Maschine entpuppt; gleichzeitig werden in jeder Zelle Tausende unterschiedli­cher Eiweiße in exakt kontrollierten Mengen hergestellt, maßgerecht zurechtgeschneidert und –gefal­tet, in abgemessene Portionen gepackt und an genau vorgegebene Adressen befördert; müssen ihr Tun sorgfältig abstimmen mit Milliarden von Schwesterzellen;
Fadenwurm Caenorhabditis elegans; besteht aus genau 959 Zellen; hat knapp 20000 Gene
(Der Spiegel 50/2000 S.148ff.)

·         210 bekannte Typen menschlicher Körperzellen
(Der Spiegel 1/2001 S.142ff.)

·         der Mensch hat nur doppelt so viele Gene wie die Fruchtfliege, kaum 300 mehr als die Maus, fünfmal so viel wie die Hefe;
statt der vermuteten 80000 bis 100000 Gene nur rund 30000;
Craig Venter: „Wir sind nicht fest verdrahtet...Es gibt einfach nicht genug Gene, um die These von der biologischen Bestimmung des Menschen aufrechtzuerhalten.“:
3% des Genoms sind Gene; Rest: sich häufig wiederholende Abfolgen, deren Bedeutung weitgehend ungeklärt ist (Steuerung von zeitlicher Entwicklung?);
(taz 12.3.2001)

·         Familie der sog. 7-Transmembran-Rezeptoren, lassen sich mit Briefkästen vergleichen, über die die Zelle Informatio­nen aus dem Körper empfängt;
im Schnitt unterscheiden sich zwei Menschen nur in jedem 1250. Gen-Buchstaben
(Der Spiegel 8/2001 S.209)

·         Mensch 32000 bis 39000 Gene; Fadenwurm 18000, Ackerschmalwand 26000,;
menschliche Gene können, anders als bei Wurm oder Fliege, nicht nur ein Protein herstellen, sondern durch­schnittlich drei, manche sogar Tausende, ;
das Genom des Menschen besitzt laut Venter die Fähigkeit, etwa 250000 verschiedene Proteine herzustellen;
(taz 1.3.2001)

·         Versuche, ein drittes Basenpaar in die DNA einzufügen; die zum Leben unbedingt nötigen Sequenzen ließen sich von Synthesemaschinen künstlich herstellen: künstliches Leben;
(bild der wissenschaft 1/2001 S.100ff)

·         Telomerase (Unsterblichkeitsgen) kann ein Onkogen aktivieren (Brustkrebsvariante, an der in den USA jährlich 70000 Frauen sterben);
beim Wurm h.elegans verhindert ein Gen die Eiablage, das beim Menschen mit verantwortlich ist für Alzheimer
(bild der wissenschaft 10/2000 S.9)

·         Schweiz: Mutation auf Gen 21 Ursache für angeborene Taubheit
(Sächsische Zeitung 12.1.2001)

·         Y-Chromosom des Menschen hat mehr als 2 Dutzend Gene, X-Chromosom über 2000
(GID 143 S.33)

·         Schätzung, dass es etwa für die Hälfte aller Hefe-Gene und für 60% bei der Fruchtfliege ein menschliches Pen­dant gibt, ebenso für rund 80% aller Erbanlagen des Zebrafisches und für 95% bei der Maus;
ein DNS-Abschnitt kann die Blaupause für mehrere Eiweiße sein;
weniger als 2% aller Erbgut-Buchstaben ergeben einen sinnvollen Text;
während in einer Nervenzelle Zehntausende Gene aktiv sind, reichen einem roten Blutkörperchen ganze 500
(Das Parlament 11/2001 S.5)

·         jedes Gen hat auch seinen Sinn. Es gibt Hinweise, dass Genträger durch das Mukoviszidose-Gen gegen Cholera resistent sind, würde die Häufigkeit des Auftretens erklären
(Arbeitskreis Leben mit Mukoviszidose, Folien PID 9/2000 Folie 7)

·         das längste menschliche Gen überspannt 2,4 Millionen Basen (Bauplan für Muskelprotein Dystrophin), besteht aller­dings größtenteils aus nichtcodierender DNA; Rekordhalter bei codierenden Sequenzen: Gen für Muskelpro­tein Titin (178 Exons, größtes enthält 17106 Basen);
das alte Dogma: „Ein Gen für ein Protein“ gilt nicht mehr; die bruchstückhafte Zusammensetzung menschlicher Gene ermöglicht es, viele verschiedene Proteine aus demselben Gen zu bilden, indem Exons wie Filmschnipsel unterschiedlich kombiniert werden; für jedes Gen gibt es einige alternative „Lesarten“ (trifft auf mind. 35% der menschlichen Gene zu);
Hox-Cluster, die die normale Entwicklung steuern, enthalten nur 2% wiederholte Elemente;
(Die Zeit 15.2.01 S.31ff)

·         einige wenige Gene für hohes Alter verantwortlich, auf Chromosom 4 entdeckt
(Freie Presse Chemnitz 28.8.01)

·         Gene silencing (gezieltes Abschalten von Genen) als schnellerer Weg zur Identifizierung der Gen-Funktionen;
RNA interference (RNA-Einmischung, RNAi);
in Säugetierzellen jetzt auch Erfolge durch Verwendung kürzerer (doppelsträngiger) RNA´s, die die Umsetzung der Zell RNA durch chemische Anlagerung verhindern
(BioMedNet News 27.7.01)

·         Weizen besteht durch Kreuzung von Getreidesorten aus drei verschiedenen Gräsern und hat von drei weiteren Pflan­zen Chromosomenanteile
(dpa August 2001)

·         Eric Lander ((in seinem Inst. 1/3 des menschlichen Erbguts entschlüsselt):
Der letzte Satz in unserer Veröffentlichung zum Humangenom lautet: Je mehr wir über das Erbgut lernen, desto mehr Fragen tun sich auf. Das ist die einzige wahre Aussage, die wir im Moment über seine Arbeitsweise machen können. Ich entdecke mehr und mehr Rätsel im Genom...;
repetitive DNA – Schrott im Erbgut? – es gibt nichts Triviales im menschlichen Erbgut.;
Zahl der Gene etwa 35000;
als hätte die Evolution mit Bauklötzen gespielt, nur etwa 7% der genetisch gesteuerten Proteinfunktionen sind echte Neuerfindungen in der Geschichte der Wirbeltiere bis zu uns Menschen, der Rest beruht auf Verdoppelung und Neukombination alter Gene – offenbar ein machtvoller Mechanismus
(Die Zeit 23.8.01 S.25)

·         Günter Blobel: Modell: Zelle als Großstadt, Briefträger verteilen die Stoffe über Postleitzahlen; 20000 verschie­dene Arten von Eiweißmolekülen besitzt jede Zelle, eine Milliarde insgesamt; jede Eiweißsorte ist für eine andere Zellfunktion zuständig; die Zelle muss ständig neue Eiweiße machen, und sie muss sie an die richtigen Stellen schicken; deshalb hat jede Zelle Postleitzahlen, einen Code – diese Codes weisen den Eiweißmolekülen den Weg
(Freie Presse 28.11.01)

·         beim Menschen enthält das Zellplasma der Eizelle 13 proteinkodierende Gene der mitochondrialen DNA, die aber mit etwa 0.01 bis 0,02 Prozent nur einen winzigen Teil des Gesamtgenoms des Menschen ausmachen
(Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Recht und Ethik der modernen Medizin“, Teilbericht Stamm­zellforschung, 12.11.01, S.33)

·         Die 30000 bis 40000 Gene, die der Mensch wahrscheinlich in seinen Zellen trägt, können allein nicht erklären, wie die ungeheure Komplexität des Lebens entsteht; nicht im Genom liegt „Biotechs nächster heiliger Gral“, son­dern im Proteom, der Gesamtheit der Eiweißmoleküle mit all ihren Eigenschaften und Funktionen; Forschungs­richtung heißt: Proteomik; die meisten Eiweiße lagern sich mit anderen der vielleicht Zehntausende Mitglieder zählenden Familie der Proteine zu Verbänden zusammen; gefunden: Multiprotein-Verbände aus 1440 Eiweißen; Proteinteams durchschnittlich 12, höchstens 83 Eiweiße;
(Der Spiegel 3/2002 S. 168)

·         wenig bekannt über Wirkung der Eiweiße, die ja auch Gene an- und abschalten; die Produkte der Gene, die Prote­ine, bergen das eigentliche Geheimnis; ein Botenmolekül (m-RNS) dient als Bauvorlage für verschiedene Proteine, die dann wiederum zu Komplexen zusammentreten
(ZDF 16.1.02 Bublath; Gene: zerstörte Hoffnungen?)

·         Vor Tumoren geschützt und doch krank
Eiweiß "p53" schützt vor Krebs, hat aber Nebeneffekte;
Genveränderte Mäuse, die ein Krebs hemmendes Eiweiß im Übermaß produzieren, sind zwar besser vor Tumoren geschützt als genetisch normale Vergleichstiere. Doch gleichzeitig altern sie offenbar schneller.
(Berliner Zeitung vom 8.1.2002)

·         Das Erbgut DNA setzt sich aus vier Bausteinen zusammen - abgekürzt als A,T,G und C. Jeweils zwei Bausteine bilden ein Paar. Die etwa 3,2 Milliarden Paare des menschlichen Genoms reihen sich zu einer Kette auf. Die Kette besteht nicht aus einem durchgehenden Strang, sondern verteilt sich auf die Chromosomen. Außer den Ge­schlechtschromosomen "X" und "Y" besitzt der Mensch 22 weitere Chromosomen. Sie sind der Größe nach num­meriert - Chromosom "22" ist das kleinste.
(Berliner Zeitung 20.12.2001)

·         4.1.10 Die Totipotenz vom Embryonen ist demnach für sich genommen kein hinreichendes objektives Kriterium für das Vorhandensein eines neuen Menschen. Einerseits lässt sich im Gedankenexperiment durchspielen, dass man aus einer Blastozyste vorübergehend eine totipotente einzelne Zelle entfernt und nach einer Weile reimplantiert. Eine substanzontologische Betrachtungsweise des Embryos gerät in diesem Fall in Konfusionen, weil sie anneh­men müsste, dass mit der Entnahme einer Zelle aus der Blastozyste ein weiterer Embryo – d..h.ein werdender Mensch – entstanden ist,, der mit der Reimplantation der Zelle verschwindet bzw. “stirbt ”.Sodann besteht inzwi­schen – zumindest prinzipiell – die Möglichkeit,, jede Körperzelle eines Menschen in eine totipotente Zelle zurück­zuverwandeln. Dadurch vermehren sich die argumentativen Konfusionen. Dies spricht nicht gegen einen umfas­senden Embryonen- schutz,wohl aber gegen seine substanzontologische Begründung,die der Totipotenz die Hauptlast der Argumentation zumutet.
8.10 Zu klären ist auch die derzeit strittige Frage,ob es sich bei embryonalen Stammzellen tatsächlich nur um pluri­potente oder aber doch noch um totipotente Zellen handelt,die sich wie der Embryo,dem sie entnommen wur­den,noch immer zu einem vollständigen Menschen entwickeln könnten.Hierfür gibt es einige Indizien aus der For­schung an Embryonen von Affen,denen bislang nicht weiter nachgegangen wurde.Die Argumentation der DFG aber stützt sich stark darauf,dass Totipotenz für embryonale Stammzellen auszuschließen sei. Die Frage der Toti-bzw.Pluripotenz bedarf der Klärung,weil im Sinne der Beweislastum-kehr nicht das Verbot,sondern die Zulassung der Forschung an embryonalem Gewebe in be- sonderer Weise begründungsbedürftig ist.
(Verantwortung für das Leben; Eine evangelische Denkschrift zu Fragen der Biomedizin; Im Auftrag des Evangeli­schen Oberkirchenrats A.und H.B.der Evangelischen Kirche A.und H.B.in Österreich erarbeitet von Ulrich H.J.Körtner in Zusammenarbeit mit Michael Bünker; Wien 2001)

·         zentralasiatische Kröte hat in jeder Zelle einen dreifachen Chromosomensatz;
bei der Produktion der Keimzellen drittelt das Männchen seine dreifachen Erbgutstränge; das Weibchen tut das zunächst auch, verdoppelt aber nach dieser Phase noch einmal einen seiner Chromosomensätze; auf diese Weise stecken in den Nachkommen zwei Drittel mütterliche und ein Drittel väterliche Gene
(Die Zeit 21.2.02)

·         für das Leben im Eiswasser sind antarktische Fische mit einem fabelhaften Frostschutzmechanismus gerüstet: Sie produzieren in der Leber einen Cocktail spezieller Eiweiß-Zucker-Verbindungen. Diese so genannten Glykopeptide  heften sich an die Oberfläche mikroskopischer Eiskristalle und verhindern deren weiteres Wachstum. Die moleku­lare Gefrierbremse funktioniert bis –2,7 Grad Celsius
(Die Gene dafür wurden meiner Kenntnis nach in der Vergangenheit in Pflanzen eingebracht, deren Früchte damit gegen Frühfröste unempfindlich wurden, JK)
(GEO 3/2002 S.210)

·         DNA von Agrobacterium tumefaciens komplett entschlüsselt; Genom besteht aus vier Teilen: je einem ringförmi­gen und einem linearen Chromosom und zwei ringförmigen Plasmiden;
At kann 600 verschiedene Pflanzenarten infizieren (Wucherungen bilden sich = Gallen; Pflanze produziert andere Zucker, die dem Bakterium als Nahrung dienen);
(GID 150/2002 S.20)

·         ein Mensch hat etwa 100 Billionen Zellen
(Fax Detlef Ganten an JK 11.4.02)

·         Genom von Reis ist fast komplett entschlüsselt
(Berliner Zeitung vom 5.4.2002)

·         bisher waren 21 Aminosäuren als Bausteine für Proteine von Lebewesen bekannt; jetzt Aminosäure Nr. 22 Pyrroly­sin in einem Einzeller entdeckt
(Der Spiegel 22/2002 S.165)

·         primitivstes Wesen der Welt entdeckt; Bakterie in 120 m Tiefe auf dem Meeresgrund; bei knapp 100 Grad; Erbgut wahrscheinlich weniger als 500000 Basenpaare; etwa 400 Gene
(Der Spiegel 19/2002 S.?)

·         Reisgenom entschlüsselt, mit 45000 bis 56000 bzw. 42000 bis 63000 Genen mehr als der Mensch (30000 bis 40000); 41 ärmste Länder dürfen Ergebnisse für sich kostenfrei nutzen
(GID 151 4-5/2002 S.16)

·         Genom des wichtigsten Malaria-Erregers bald entschlüsselt
(GID 151 4-5/2002 S.29)

·         Zwillingsforschung: dass die charakterlichen Unterschiede mindestens zu 40 bis 50% von der Umwelt geprägt wer­den;
(Spiegel 8/2002 S. 186)

·         Jeder Biologe weiß, dass die winzigen Kraftwerke in den Zellen von Säugetieren, Mitochondrien genannt, nur von der Mutter vererbt werden. Zwar besitzen auch Spermien Mitochondrien, doch diese werden - so steht es in jedem Lehrbuch - mit dem Schwanzteil bei der Befruchtung der Eizelle abgestoßen. So sicher waren sich einige Biologen dieser Regel, dass sie gar die Evolutionsgeschichte der Menschheit darauf aufbauten: Die Afrika-These, wir stam­men alle von einer Urmutter aus Afrika ab, hatte vor allem durch die genetischen Untersuchungen der Mitochond­rien und deren weltweite Verteilung Auftrieb bekommen. Mediziner an der Kopenhagener Universitätsklinik haben jetzt das Dogma gekippt. Sie fanden erstmals einen Menschen, dessen Mitochondrien zum großen Teil vom Vater stammen.
(taz 30.8.2002)

·         DNAH11 heißt ein Gen auf Chromosom 7, das entscheidend dazu beiträgt, dass bei der Entwicklung von Embryo­nen die inneren Organe ihren richtigen Platz zugewiesen bekommen.
(taz 21.8.02)

·         300 bis 500 Millionen Menschen infizieren sich jährlich mit Malaria, 1 bis 2 Millionen sterben daran; seit 1996 Entziffe­rung der Gensequenz des Malariaerregers, jetzt Datenbank mit 25 Mill. Bausteinen im Internet; Wissen­schaftler in Gießen haben Genschnipsel aufgespürt, der einen Stoffwechselschritt bewirkt, der im menschlichen Organismus nicht vorkommt; ein Wirkstoff, der diesen Mechanismus abschalten würde, schadet den Erregern, aber nicht den menschlichen Zellen...; Problem: Malaria ist eine Krankheit der Armen, Konzerne scheuen Entwicklungs­kosten von mindestens 500 Mill. US-Dollar für Medikament;
auch Genom des Überträgers (Stechmücke Anopheles) inzwischen vollständig entschlüsselt
(Die Zeit 22.8.02 S.29; 10.10.02)

·         Telomere sind Endstücke der Chromosomen, umhüllen die Enden wie Kappen bei Schnürsenkeln und halten sie zusammen, bestehen aus sich ständig wiederholenden DNA-Sequenzen und sind für die Verdopplung der Chro­mosomen vor einer Zellteilung unverzichtbar; da bei diesem Prozess aber jedes Mal ein Stück der TELOMERE VERLOREN GEHT; VERMUTETEN Biologen in den 90er Jahren, dass in diesen Strukturen unsere Lebensuhr tickt; für Zellen, die sich stark vermehren, (Haut, Darmschleimhaut, Leber) stimmt das auch, sie sterben, wenn ihre Chromosomen-Enden aufgebraucht sind und werden durch andere ersetzt;
aber dass Telomere damit die Lebensspanne eines höheren Organismus wie des Menschen bestimmen, ist inzwi­schen widerlegt
(bild der wissenschaft 11/02 S.28)

·         für den Menschen gibt es nicht nur 30000, sondern 40-50000 Gene; lieber von Gen-Orten sprechen: ein solcher Ge­nort stellt viele verschiedene Produkte her, wir kennen viele Beispiele, wo ein Gen 5 verschiedene Produkte macht; man weiß fast nichts über die Abschnitte neben den eigentlichen Genen, die Kontrollregionen, sie entschei­den darüber, ob ein Gen Aktiv ist und welches Produkt am Ende entsteht;
(Die Zeit 10.10.02 S.34)

·         Andre Reis, Deutsches Humangenom-Projekt: kündigte für Frühjahr 2003 die vollständige Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes an, bisher seien mehr als 90% der Sequenz erforscht
(epd-wochenspiegel ost 40/02 S. 11)

·         bisher hieß es, 98,5% des menschlichen Genoms seien mit dem Erbgut des Schimpansen identisch;
Forscher Kalifornien: wenn auch Einschübe und Verluste in den Genabschnitten berücksichtigt werden, beträgt der Abstand zwischen Affe und Mensch 5%
(taz 27.9.02)

·         in den letzten 500 Jahren 60 Geburten von Nachkommen von Maultieren dokumentiert; eigentlich unfruchtbar; Pferde haben 32 Chromosomenpaare, Esel nur 31; Maultiere haben danach 63 Chromosomen – eine ungerade Zahl, die sich nicht in Paare teilen lässt; bei einer Geburt in Marokko wird jetzt geprüft, ob das Muttertier (Maultier) bei der Paarung mit einem Eselshengst vielleicht nur seine Esels-Chromosomen vererbt hat
(Der Spiegel 43/02 S.215)

·         Genmutation bei Fruchtfliege beschrieben, die die Lebensdauer des Tieres etwa verdoppelt; das veränderte Langle­bigkeitsgen bremst die Umwandlung von Eiweißen, Fetten und Kohlenhydraten in Energie
(taz 30.10.02)

 

·         entschlüsselte Genome:

Art

Chromosomen

Basenpaare

Anzahl
der Gene

Jahr der
Entschlüsselung

Mensch

23

3286 Mill

30-40000

2001

Maus

20

2700 Mill

30000

2002

Fruchtfliege

4

317 Mill

13500

2000

Ackerschmalwand

5

125 Mill

26000

2000

Reis

12

466 Mill

50000

2002

Bäckerhefe

16

13 Mill

6500

1996

E-coli K12

1

4,6 Mill

4400

1997

Fadenwurm

männl. 5 /
weibl. 6

97 Mill

20000

1998

(GEO Wissen Nr.30: „Die neuen Wege der Medizin“ 2002, S.162ff))

·         Genom des Menschen:
8% Heterochromatin;
53% der DNS vielfach kopierte, ständig wiederholte Sequenzen;
13,5% nicht zuzuordnen;
25,5% Gene, davon 24% Introns und nur 1,5% Exons (proteincodierende Regionen)
die Zelle schreibt zunächst unterschiedslos informationstragende Exons und die dazwischen liegenden Introns in RNS um; erst ein Zellwerkzeug, das Spleißosom, trennt dann die Introns heraus und fügt die Exons zusammen; die sinnvollen Abschnitte eines menschlichen Gens umfassen im Mittel nur 1000 bis 2000 Basenbausteine, die sinnlosen Einsprengsel können ein Vielfaches ausmachen (Beispiel: Bauplan für Muskeleiweiß Dystrophin steckt in 14000 Basen von insgesamt 2,4 Millionen des entsprechenden Gens); die Zellen können die Exons in unterschied­licher Weise miteinander kombinieren (aus „kreisen“ die Wörter Kreis, Reise, Reis, Eis, reisen, Krise bilden);
rund 60% der menschlichen Gene bieten eine Vorlage für zwei oder mehr Proteine;
nicht mehr: „ein Gen = ein Protein“, sondern: „Gen ist Sinneinheit im Genom, die für ganze Proteinfamilien zustän­dig ist“;
(GEO Wissen Nr.30: „Die neuen Wege der Medizin“ 2002, S.46ff)

·         Bauplan des menschlichen Chromosoms Nr. 14 entziffert; 1050 Gene und Genfragmente; mehr als 60 Gene, die Krankheiten auslösen können; 87.410.661 Basenpaare
(taz 3.1.03)

·         Craig Venter will (mit finanziert vom US-Energieministerium mit drei Millionen Dollar) einen einzelligen Organis­mus aus Einzelbausteinen künstlich erzeugen, der die Mindestzahl von Genen besitzt, die für ein eigenständiges Leben notwendig sind, der sich teilen und selbst reproduzieren könne;
die Arbeit könnte die Fähigkeit der USA verbessern, existierende biologische Waffen zu entdecken und zu be­kämpfen
(taz 22.11.02)

·         ein hervorragendes Buch für das Verstehen der Grundlagen von Genetik und Gentechnik (nicht nur für Kinder!!!): Was ist Was? Band 111: „Die Gene“, Tesloff Nürnberg, 2001, 48 Seiten, 16,80 DM

·         wissenschaftlich bestätigt: Maultiermutter in Marokko hat echtes Fohlen geboren, eigentlich passen die Chromoso­mensätze nicht, Pferde haben 64, Esel 62 Chromosomen (taz 7.2.03)

·         James Watson:
Kenntnis des Genoms: Bisher haben wir ein Buch aufgeschlagen, aber das können wir noch nicht lesen. Bis wir es vollständig verstehen, kann es noch 500 Jahre dauern
(Spiegel 9/2003 S. 168)

·      Wolfgang Schäuble: eineiige Zwillinge haben nicht den gleichen Fingerabdruck
(Gesellschaft für Evangelische Theologie, Tagung Berlin 17.-19.2.03 „Der machbare Mensch – theologische Anth­ropologie angesichts der biotechnischen Herausforderung“)

·      vor 50 Jahren Struktur der DNS entdeckt;
Jens Reich:
dass man heute das Genom lebender Organismen wie mit einem Textverarbeitungsprogramm bearbeiten kann: Textbausteine aufsuchen und identifizieren, kopieren, löschen, korrigieren, entwerfen und optimieren. Genauer ge­sagt: es waren Erfindungen nicht des Menschen, sondern von Bakterien: Nahezu alle Gentechnologie beruht näm­lich heute auf biochemischen Werkzeugen, die von diesen winzigen Zauberern der Überlebenskunst erfunden und vom Menschen lediglich in einer Art geistigen Diebstahls fürs Labor adaptiert wurden.
(Die Zeit 20.2.03 S.31)

·      In frühhistorischer Zeit muss eine furchtbare Seuche über Europa gezogen sein. Überlebt haben damals offenbar vor allem Menschen mit einem Genfehler, der vor dem unbekannten Erreger schützt. Dieses defekte CCR5-Gen ist noch immer in der nordeuropäischen Bevölkerung weit verbreitet. Das hat auch heute noch Folgen: die CCR5-Va­riante bietet nämlich auch einen gewissen Schutz vor einer Ansteckung mit HIV.
(Die Zeit 20.2.03 S.34)

·         durch gezielte Ausschaltung einzelner Gene für Wachstum und Energiestoffwechsel können Genetiker dem natürli­chen Tod von Würmern, Fliegen und Mäusen Einhalt gebieten; Mäuse leben ein Viertel länger, Würmer dop­pelt so lange
(Die Zeit 23.1.03 S.23)

·         Jede der etwa 100 Billionen Zellen des menschlichen Körpers enthält im Zellkern 23 Chromosomenpaare mit der Erbsubstanz DNS (Desoxyribonukleinsäure). Die Erbsubstanz wiederum liefert das genetische Programm zur Steuerung aller Lebensfunktionen der Zellen. Dazu gehören: Zellteilung; Funktion von Nerven, Sinnesorganen und Muskeln; Erhaltung der Stabilität von Knochen und Bindegewebe; Energiegewinnung aus der Nahrung; Immunab­wehr; Bildung, Transport und Abbau von biologisch wichtigen Molekülen; Signalübertragung und die Regulation aller dieser Vorgänge. Die zellulären Funktionen der verschiedenen Gewebe sind mit dem Ziel eines harmonischen Zusammenwirkens des Gesamtorganismus aufeinander abgestimmt.
(Deutsche Forschungsgemeinschaft: Prädiktive genetische Diagnostik, Stellungnahme März 2003, S.5)

·         Neben den Chromosomen im Zellkern („nukleäres Genom“) befindet sich in den Mitochondrien, die in großer Zahl im Zytoplasma der Zelle vorkommen, ein weiteres Genom („mitochondriales Genom“), das aus einer ringförmigen DNA besteht. Es enthält 16569 Basenpaaare mit insgesamt 37 Genen... ;
äußerst selten führen Mutationen auch einmal zu einer funktionellen Verbesserung;
Vergleich der Genome zweier Menschen: 0,1% d.h. 3 Millionen Sequenzunterschiede (Reihenfolge der Basen­paare);
(Deutsche Forschungsgemeinschaft: Prädiktive genetische Diagnostik, Stellungnahme März 2003, S.7ff)

·         früher: 1 Gen à 1 Boten-RNA à 1 Protein
ABER: im Genom herumspringende Gene, Gene die sich vielfach wiederholen, Gene deren codierende Teile (Exons) immer wieder von den nicht codierenden Introns unterbrochen werden (zwar wird ganze Gensequenz ab­gelesen, aber die Introns später herausgeschnitten)
(bild der wissenschaft 4/03 S.26)

·         Prof. Ganten:
vor 1 Jahr publiziert: vor 100000 Jahren gab es Veränderungen im menschlichen Erbgut; 1 Gen hat sich so verän­dert (Chromosom 14, 1 Aminosäure ausgetauscht), dass Feinmotorik im Gesicht, für Sprache usw. möglich gewor­den ist; Beginn der Kulturfähigkeit des Menschen
(ÖKT 2003, Religion und Wissenschaft, Französische Friedrichstadtkirche, 30.5.03, 10.30 Uhr)

·         die Entzifferung des menschlichen Erbgutes ist nach 15 Jahren Arbeit praktisch abgeschlossen, die Human-Ge­nom-Organisation (HUGU) hat die endgültige Reihenfolge aller rund 3 Milliarden Bausteine des Erbgutes in ihren Datenbanken gespeichert
(taz 11.4.03)

·      Mücken, die den Malaria-Erreger oder das gefürchtete West-Nil-Virus übertragen, werden durch eine winzige Muta­tion in ihrem Erbgut unempfindlich gegen Insektengifte (ein einziger Genbaustein ist ausgetauscht)
(taz 9.5.03)

·       RNA trägt nicht nur Kopien der DNA im Zellkern zu den Ribosomen, wo nach dem Bauplan Proteine hergestellt wer­den;
RNA entscheidet auch, welche Gene abgelesen werden (organisiert die „Verpackung“ der Erbinformation, das Heterochromatin);
andere RNA verhindert, dass Gene ihren Platz im Chromosom verlassen (beim „Gen-Sprung“ könnten andere Gene beschädigt werden);
diese zusätzlichen Funktionen werden von sehr kleiner RNA durchgeführt, die bisher als uninteressanter „Zell­schrott“ galt
(Bild der Wissenschaft 6/2003 S.40)

·       Progerie: frühzeitige Alterung im Zeitraffer; in einem Gen 1 Buchstabe (Base) verändert
(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20. April 2003, Nr. 16)

·    durch (sanften) Druck, der auf Fruchtfliegen von außen  ausgeübt wurde, wurden Gene aktiviert, die das Ausbilden der Bauchorgane steuern
(Spiegel 39/03 S.178)

·    Untersuchung 2001: Erbgut von Mensch und Schimpanse unterscheidet sich um 1,24%, Schimpanse und Gorilla um 1,63%, Mensch und Orang Utan um 3,08%
(GEO 9/03 S.122ff)

·    Insulin-Gen enthält nur 2 Introns, das Dystrophin-Gen 78 (nur 1% der Gesamtlänge sind kodierende Sequenzen);
(GSF-Forschungszentrum Neuherberg: mensch + umwelt spezial 16/2003: Was verraten unsere Gene? 82 Seiten S.8)

·       RNA-Interferenz, RNAi:
gezielt einzelne Gene ausschalten (genauer: die Produktion der codierten Eiweiße verhindern);
natürlicher Vorgang: nicht immer sind Proteine, die in den Ribosomen produziert werden, für die Zelle nützlich (un­kontrollierte Produktion im Übermaß oder Proteine, deren Bau von Viren veranlasst wird); Zellen fangen die uner­wünschte Boten-RNS ab, ehe der Bau der Proteine beginnt; Regulierungsgene senden doppelsträngige RNS in die Zellen, diese Moleküle werden gehäckselt; kleine RNS-Schnipsel werden in Blockereinheiten eingebaut; lagern sich an gesuchte Boten-RNS an und blockieren Eiweißsynthese;
man kann künstlich solche RNS-Suchsequenzen im Labor zusammenbauen und losschicken: z.B. gegen Grippevi­rus oder Erreger der Kinderlähmung im Labor bereits erfolgreich
(Der Spiegel 50/03 S.190)

·       Mitochondrien-DNA: (mtDNA) ist ein kleines ringförmiges DNA-Molekül mit ungefähr 16600 Basenpaaren; jedes Mitochondrium enthält 5-10 mtDNA-Moleküle, und eine Zelle kann Hunderte oder Tausende Mitochondrien haben
(EIBE Einheit 2 DNA Profilanalyse, 2000, S.8)

·       nach dem Genom von Mensch und Maus nun das Genom der Ratte bekannt:
25000 Gene; nahezu alle Gene, die bei der Entstehung von Krankheiten beim Menschen eine Rolle spielen, so oder mit ähnlicher Struktur auch bei der Ratte gefunden
(taz 2.4.04)

·       Entwicklung von affenähnlichen Vorfahren zum Menschen durch Mutation an einem Gen?
MYH16 produziert bei Affen ein Protein, das ihnen zwischen Schädel und Kiefer zwei extrastarke Muskeln wach­sen lässt; ermöglicht 10x stärkeres Zubeißen als beim Menschen; Mutation vor 2,4 Mill Jahren: Kaumuskel ver­schwindet, aber Schädel wird nun nicht mehr zusammengeschnürt, sondern zum Wachstum befreit (größeres Ge­hirn)
(Der Spiegel 14/04 S.175)

·       Forscher MPI-Leipzig: wollen Nachweis erbracht haben, dass FOXP2, ein wahrscheinlich für die Steuerung der Sprechmuskulatur notwendiges Gen, nur beim modernen Menschen vorkommt, nicht aber bei Menschenaffen oder Mäusen
(taz 13.2.04)

·       ein Gen aus einer Zelle im Innenohr von Hühnern kann 576 verschiedene Proteine produzieren; Rekord: ein Gen der Fruchtfliege, das bis zu 38000 verschiedene Proteinvarianten erzeugen kann
(GID 162/2004 S.35)

·       vor einigen Jahrzehnten glaubte man, dass die Erbanlagen nur zu 30% den Menschen bestimmen, heute, dass sich Gene und Umwelteinfluss etwa die Waage halten
(Bublath: Die neue Welt der Gene, München 2003, S.163)

·       der Lurch besitzt in seiner DNS 30x so viele Bausteine wie der Mensch
(Bublath: Die neue Welt der Gene, München 2003, S.223)

·       Beim RNA-Editing wird das von der DNA abgelesene ursprüngliche RNA-Transkript nicht bloß auseinander geschnit­ten und Teile davon neu zusammengesetzt, wie das beim Genspleißen der höheren Organismen der Fall ist. Vielmehr werden bestimmte Nukleotide mit Hilfe von Leit-RNAs und Enzymen aus der Sequenz herausge­schnitten und durch andere Nukleotide ersetzt, bevor die Messenger-RNA in ein Protein übersetzt wird. Bei diesem Vorgang geht die ursprüngliche Komplementarität zum Genort auf der DNA, von dem die RNA abgeschrieben wurde, verloren ... Wo ist das Gen? Wo ist die Information? ...
(GID-Spezial Nr.4 Dezember 2003 S.38)

·       Fadenwurm c. elegans; Lebenserwartung von 20 auf durchschnittlich 124 Tage gesteigert; ein Gen verändert, das es dem Wurm ermöglicht, bei mangelndem Nahrungsangebot oder Stress in eine Art Starre zu verfallen (bis zu 2 Monate) – diese Lebensverlängerung nun auch ohne Starre erreicht; zusätzlich Fortpflanzungssysteme entfernt, was Lebensspanne um weitere 60% erhöhte (Effekt nicht auf Unfruchtbarkeit, sondern Veränderungen in der Übertragung hormoneller Signale zurückzuführen)
(bdw 1/2004 S.17)

·       Detlev Ganten: wir wissen bei konservativer Schätzung, dass bei einer Zellteilung (beim Menschen) ungefähr 12 Able­sefehler passieren; nicht viel, bezogen auf die 3 Milliarden Einzelbausteine, die jedes Mal kopiert werden müs­sen; aber ein Mensch hat 100 Billionen Zellen, also 12 x 100 Billionen Ablesefehler in nur einem Menschen; das bedeutet, das Genom, das von Vater und Mutter kommt, ist dann nicht nur in der befruchteten Eizelle, sondern in jeder Zelle wieder anders
(Publik-Forum 16/2003 S.48)

·       speziell die für grundlegende Funktionen der Zellen verantwortlichen „Haushaltsgene“ und ihre Produkte sind von der Bierhefe bis zum Menschen weitgehend gleich aufgebaut; das Protein Cytochrom C ist sogar zwischen MENSCH und Schimpanse vollständig identisch, unterscheidet sich zum Rhesusaffen aber in einer, zum Wal in 10 Aminosäuren;
die funktionell wichtigen Abschnitte der DNA stimmen bei Schimpansen und Menschen zu 99,4% überein und zei­gen damit eine größere genetische Nähe des Sch. zum Menschen als zu anderen Menschenaffen; eine neue Na­mensgebung beginnt sich folgerichtig durchzusetzen: Schimpanse (Pan troglodytes) uns Bonobo (Pan paniscus) werden neuerdings in brüderlicher Weise als Homo troglodytes und Homo paniscus bezeichnet;
gut ein Zehntel unserer menschlichen DNA besteht aus Retrotransposons, verstümmelten Resten von Viren, die sich im Laufe der Entwicklungsgeschichte in unser Erbgut eingeschlichen haben; viele Gene des Menschen haben sich ursprünglich in Bakterien entwickelt;
gegenüber der DNA von Chromosomen des Zellkerns zeichnet sich die der Mitochondrien durch eine ungenauere Fehlerkorrektur bei der Vererbung und deshalb durch eine zehnfach höhere Mutationsrate aus;
(Henn, W.: Warum Frauen nicht schwach, Schwarze nicht dumm und Behinderte nicht arm dran sind – Der Mythos von den guten Genen, Herder Freiburg 2004 S.14ff., 58)

·       das menschliche Genom liegt jetzt beinahe vollständig entziffert vor
(Freie Presse Chemnitz 29.10.04)

·       Schnabeltier (Australien) besitzt 10 Geschlechts-Chromosomen
(Der Spiegel 45/2004 S.172)

·       Anzahl der Gene:
Mensch 20-25.000 (3,3 Mrd. Basenpaare); Wurm C.elegans 19.500; Pflanze Ackerschmalwand 27.000 (115 Mill. Basenpaare)
(taz 21.10.04)

·       genetischer Code relativ flexibel: die meisten Aminosäuren sind nämlich nicht durch drei Basen eines Tripletts defi­niert, sondern bereits durch die beiden ersten, die dritte Base ist in diesen Fällen variabel; betrifft eine Mutation die dritte Base eines Tripletts, codiert das Codon in der Regel weiterhin die gleiche Aminosäure
(NZZ 24.4.03)

·       siRNA small interfering RNA; neu entdeckte (2001), besonders kleine RNA-Spezies steuert das Werden der Organis­men, wehrt Virenattacken auf das Erbgut ab und reguliert die Aktivität der Gene (wie oft ein Gen abgelesen wird); nur 21 bis 23 Basenpaare lang; Boten-RNA wird damit blockiert; inzwischen wird mit maßgeschneiderten künstlichen Schnipseln gesucht

·       wissenschaftliche Experten der Rockefellerstiftung in den 30er Jahren des 20. Jh.: „We can hope to breed, in the fu­ture, superior men“ (Züchtung des Übermenschen) (234);
Ebene der RNS-Moleküle als eigenständige Schicht, die mitbestimmt, was mit der gegebenen genetischen Infor­mation (DNS) passiert und welche Proteine dabei entstehen; Vorschlag: Genotyp
à Ribotyp à Phänotyp (256)
Lehrbuch der Molekularbiologie 2000:
“Ein Gen ist eine identisch reduplizierte Nukleotidsequenz, die entweder in eine Ribonukleotidsequenz ohne Mes­senger-Funktion oder in diejenigen Abschnitte einer reifen Messenger-RNA transkribiert wird, die ein spezifisches Polypeptid kodieren“ (260);
Polymerasekettenreaktion:
DNS besteht aus zwei Strängen, die durch Wärme getrennt werden können. Aus einem Einzelstrang können Zel­len einen Doppelstrang machen, und zwar mit Hilfe eines molekularen Katalysators, der den Namen Polymerase trägt. Nun stellt die Natur dieses Werkzeug in einer Form zur Verfügung, die miterhitzt werden kann. Wer ein ge­gebnes (doppelsträngiges) Stück DNS vermehren will, fügt neben den notwendigen Rohmaterialien etwas von der stabile Polymerase zu, und dann kann es losgehen. Die Temperatur wird erhöht, zwei Einzelstränge entstehen. Die Temperatur wird gesenkt, zwei Doppelstränge entstehen. Die Temperatur wird erhöht, vier Einzelstränge entste­hen, die erneut ergänzt werden: die Temperatur wird gesenkt, vier Doppelstränge entstehen. ... Wenn dies rasch genug geschieht, kann man in einer Stunde ein DNS-Molekül so oft kopieren, dass es für eine Analyse ausreicht. (266);
Anders als die entsprechenden Gen-Einheiten zum Beispiel bei einem Wurm oder einer Fliege verfügen menschli­che Zellen über die Fähigkeit, aus einem Gen nicht nur ein Protein, sondern mehrere (verschiedene JK) solcher aktiver Substanzen anzufertigen. (268);
das Gen für Mukoviszidose schützt in Kindheit und Jugend gegen Asthma (339)
(EP Fischer: Die andere Bildung – was man von den Naturwissenschaften wissen sollte, Ullstein 2003, S.234)

·       beim erwachsenen Menschen etwa 350 unterschiedlich spezialisierte Zelltypen, die sämtlich über die gleiche Biblio­thek verfügen;
gebraucht wird in allen Zellen die in den „Haushalts-Genen“ gespeicherte Allgemeinliteratur (Anleitungen für überall benötigte Alltagsproteine);
in den spezialisierten Zellen dürfen nur die genetischen Informationen für die spezielle Aufgabe gelesen werden, und das auch nur zu bestimmten Zeitpunkten;
der ganze große Rest der völlig überausgerüsteten Bibliothek muss ständig unter Verschluss stehen;
Steuerung des Bauplans bei Drosophila:
Das Muttertier sondert vier Substanzen ab, die im Ei strategisch wichtige Punkte besetzen, damit wird dreidimensi­onales Koordinatensystem festgelegt (vorn/hinten, oben/unten); nach der Befruchtung lösen diese Signalstoffe im Ei eine Nachrichtenkaskade aus, bestimmte Gene werden aufgespürt, aufgeweckt und angeknipst, legen erste Grobeinteilung des Insekts fest, Kaskade erreicht ihren Höhepunkt, wenn die sog. HOX-Gene (homöotische G.) eingeschaltet werden - steuern die Ausbildung vergleichbarer Körperteile entlang der Längsachse;
HOX-Gene bei allen Lebewesen grundsätzlich gleich (Zahl verschieden: Fruchtfliege 8 Mensch 38; eingesetztes menschliches Hox-Gen steuert auch Entwicklung des Kopfes einer Fliege);
Mensch: erst am 6. bis 8.Tag nistet sich Blastozyste in der Gebärmutter ein; in dieser Phase Starschuss zur Mus­terbildung: vermutlich lagern sich Signalstoffe an bestimmte Rezeptoren an und betätigen Klingelknopf, über den sie die ersten Entwicklungsgene aktivieren, diese definieren dann das Grundmuster des zukünftigen Organismus, ob die Stoffe von der Mutter stammen oder benachbarte Zellen sich absprechen, ist unklar;
Zellteilung: 7-8 Stunden, Kopiervorgang der DNA beginnt an 30000 Punkten des Zellfadens gleichzeitig, 50-60 Bausteine pro Sekunde; nicht nur der gesamte Datenbestand muss weitergegeben werden, Zellen müssen auch die gesamte Leseanweisung mitgeteilt bekommen, welche Gene genutzt werden sollen /dürfen und welche nicht
(GEO 1/1996 S. 82f)
Kopieren des Erbmaterials bei der Teilung einer menschlichen Zelle: 8 Stunden, an 10.000 Startpunkten gleichzei­tig; im Durchschnitt am Ende zwei bis drei Kopierfehler erhalten (353,367)
jedes Gen Bauplan für mehrere Proteine; 30000 Gene; 1 Million Eiweiße (354)
für die Farbe des Fells einer Maus sind 63 voneinander unabhängige Gene verantwortlich (355)
Genom von zwei Menschen unterscheidet sich im Durchschnitt in jedem 1000. Baustein (3 Mill. Basenpaare); lie­gen z.T. außerhalb von Genen, oder der Buchstabe verändert das codierte Gen nicht; nur 40.000 davon führen wirklich zu molekularen Unterschieden (in Genen) (357)
Dickdarmzellen leben 10 Tage, rote Blutkörperchen 120 Tage, Knochenzellen 10 Jahre, Nervenzellen ein ganzes Leben lang (361)
(Detlev Ganten u.a.: Leben., Natur, Wissenschaft; Eichborn Ffm. 2003)

·       DNS-Replikation Geschwindigkeit rund 500 Nukleotide je Sekunde;
bei der Verdopplung werden jeweils beide DNS-Stränge kopiert, der eine „vorwärts“ (das geht kontinuierlich), der andere rückwärts (das geht nur
stückweise; die Einzelteile müssen durch das Enzym DNS-Ligase zu einem durch­gehenden Strang verbunden werden);
Es müssen nicht nur Informationen weitergegeben werden, die die Erhaltung der Form und der Funktionen eines Organismus beinhalten, sondern auch der gesamte Bau- und Entwicklungsplan für den zukünftigen Organismus (Struktur und Anordnung der Proteine);
(Lesch/Müller: Big Bang zweiter Akt – Auf den Spuren des Lebens im All, Bertelsmann München 2003, S.63; 140)

·       genetischer Code ist nicht (immer) universell: 1985 entdeckt: bei verschiedenen Ciliaten (Wimpertierchen) werden die STOPPCODONS UAA und UAG von t-RNA-Molekülen abgelesen; sie codieren jeweils die Aminosäure Gluta­min
(Schrödel, Lehrbuch Biologie Sek. II 1995 S. 195)

·       Gene überschreiten Grenzen zwischen den Arten auch auf natürliche Weise; im Erbgut eines Süßwasserpolypen aktives Pflanzengen entdeckt, stammt von einer Alge, mit der das Nesseltier in Symbiose lebt
(Die Zeit 25.5.05)

·       Überwindung von Art- und Gattungsgrenzen ohne Anwendung gentechnischer verfahren: Beispiel: Zucht der Gat­tungshybride Triticale., einer Kreuzung aus Weizen und Roggen
(Grüne Gentechnik in Forschung und Anwendung; Magazin des GSF Neuherberg, 2004/2005, S. 6)

·       normale Kartoffelsorten besitzen einen vierfachen Chromosomensatz
(Grüne Gentechnik in Forschung und Anwendung; Magazin des GSF Neuherberg, 2004/2005, S.42)

·       zur Zeit sind bereits mehr als 100 Genome von Baktrien, Archaeen, Pflanzen, Tieren und Mensch sequenziert (Basen­sequenz der DNA in der Reihenfolge entschlüsselt JK) und über 100 weitere sind in Bearbeitung; weitere Informationen im Internet: http://eutils.ncbi.nlm.nih.gov/Genomes/index.html;
die Bakterie E.coli hat 17% ihrer Gene in den letzten 100 Millionen Jahren durch horizontalen Gentransfer erwor­ben (von anderen Lebewesen übernommen); ...
DNA-Fragmente von Pflanzen sind zwei und mehr Jahre in Böden nachweisbar; können von Bakterien aufgenom­men werden ...
Modellversuche weisen darauf hin, dass ein Gentransfer von Pflanzen auf Mikroorganismen prinzipiell möglich ist und wohl auch während der Evolution stattgefunden hat
(Grüne Gentechnik in Forschung und Anwendung; Magazin des GSF Neuherberg, 2004/2005, S.60ff, 81)

·       Genomgrößen:

Organismus

Genomgröße
Anzahl der
Nukleotid-
Bausteine

Anzahl
der Gene

Bakteriophage (Lambda)

48.000

70

Bakterium (Escherichia coli)

4.600.000

4.300

Bäckerhefe Saccharomyces cerevisiae)

12.500.000

6.200

Fadenwurm (Caenorhabditis elegans)

97.000.000

19.100

Ackerschmalwand (Arabidopsis thaliana)

125.000.000

25.000

Fruchtfliege (Drosophila melanogaster)

180.000.000

14.100

Reis (Oryza sativa)

430.000.000

40.000 - 60.000

Maus (Mus musculus)

2.500.000.000

30.000

Mais (Zea mays)

2.500.000.000

50.000

Mensch (Homo sapiens)

2.900.000.000

20.000 – 25.000

Weizen (Triticum aestivum)

16.500.000.000

50.000

(Grüne Gentechnik in Forschung und Anwendung; Magazin des GSF Neuherberg, 2004/2005, S.66)

·         Mensch nur 20- 25.000 Gene
(bdw 2/2005 S.12)

·      Prof. Hans Mohr S.30:
Gattungshybrid zwischen Roggen und Weizen, TRITICALE, ohne erkennbare Skrupel auch im ökologischen Land­bau eingesetzt, obwohl bei der Herstellung (um 1980) ganze Genome gemischt wurden
(Kongress: Die Zukunft des Menschen“, Stuttgart 8./9.7.2002, Dokumentation)

·      Epigenetik
Entzifferung der rund 25.000 Gene des Menschen, in denen die wesentlichen Erbinformationen gespeichert sind, genügt nicht, um das Geschehen in Zellen und Organen des Menschen vollständig zu erklären;
den Forschern wurde klar, dass eine übergeordnete Instanz in der Zelle die Funktion der Gene kontrolliert (Epige­netik; epi = über);
man weiß z.B., dass Enzyme chemische Gruppen an die Erbsubstanz DNA anheften, die dann wie molekulare Schalter wirken, sie entscheiden darüber, welche Gene zu welchem Zeitpunkt im Organismus abgelesen werden; der Einfluss ist immens – diese Kontrolleure entscheiden darüber, ob sich aus einer unreifen Zelle des Embryos eine Muskel-, Blut- oder Leberzelle entwickelt;
manche Bausteine der DNA können mit so genannten Methylgruppen bestückt werden (Methylierung), dadurch wird das benachbarte Gen ausgeschaltet, bei Bedarf entfernt die Zelle die Methylierung wieder und reaktiviert das Gen;
schon am Anfang des Lebens spielt die Epigenetik eine wichtige Rolle, wenn sich das befruchtete Ei in die Gebär­muttereingenistet hat, werden zunächst alle vorhandenen Methylgruppen entfernt und neu platziert
(Berliner Zeitung 20.4.05)

·      Erbsubstanz von Reis entschlüsselt, 389 Millionen Basenpaare, schätzungsweise mehr als 37.500 Gene
(taz 12.8.05)

·      Gen-Synthese beim Regensburger Unternehmen Geneart;
erfindet Gene, die in der Natur nicht vorkommen;
soll ein Gen von einem Menschen in Coli-Bakterien eingepflanzt werden, muss man es vorher in die „Bakterien­sprache“ übersetzen; der menschliche Gen-Code für Insulin und die Coli-Variante unterscheiden sich etwa in je­dem 6. Buchstaben; würde man das menschliche Gen für Insulin geradewegs in das Coli-Bakterium einsetzen, würde es nur mehr schlecht als recht Insulin produzieren, weil das Bakterium mit dem menschlichen Bauplan nicht viel anfangen kann; Gene von Bakterien sind in einer anderen Sprache geschrieben als die von Viren oder Men­schen; alle Organismen nutzen zwar die gleichen biochemischen Buchstaben –A,C,G,T – um ihr Erbgut niederzu­schreiben, aber sie haben alle einen eigenen genetischen „Dialekt“ – verwendet z.B. der Mensch UGA für einen Befehl, würde ein Einzeller stattdessen UAG benutzen;
eines der ersten gentechnisch hergestellten Medikamente, das Wachstumshormon Somatropin gegen Zwerg­wuchs, wird bis heute mithilfe eines künstlichen Gens hergestellt;
mittlerweile fließen die Gene kostengünstig aus modernen Automaten; in diesen Synthesemaschinen werden die Basen wie Glieder einer Kette miteinander verknüpft; in vier bis fünf Wochen lassen sich mehr als eine Million ver­schiedener synthetischer Gene fertigen; ein Basenpaar kostet inzwischen nur noch etwa 1,50 Euro;
zur Zeit rund 10 verschiedene Enzyme in Waschmitteln, mittlerweile werden sie fast nur noch über künstliche Gene in ausgewählten Mikroorganismen hergestellt; z.B. natürliche Enzyme nicht hitzbeständig – Einbau von Sequenzen aus Bakterien, die in Geysiren bei 100 Grad überleben
(bdw 9/2005 S.36ff)

·      Bakterium entdeckt in 120 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund bei Island, das in einer knapp 100 Grad heißen Schwefelbrühe prächtig gedeiht; mit Durchmesser von nur 400 Millionstel Millimetern eines der kleinsten Lebewe­sen der Welt; offenbar nur lebensfähig, wenn es auf einem wesentlich größeren anderen Bakterium sitzt; Zahl der Basenpaare im Erbgut unter 500.000 (400 Gene)
(Der Spiegel 19/2002 Wissenschaft)

·      Labormaschine ermöglicht es, Erbgut hundertmal so schnell wie bisher zu entschlüsseln; 99% Genauigkeit, bis zu 25 Mill. DNA-Basenpaare in 4 Stunden
(Die Zeit 4.8.05 S.31)

·      Mikrobe an Schloten auf dem Meeresgrund vermehrt sich noch bei 113 Grad Celsius;
für das leben im Eiswasser sind antarktische Fische mit einem Frostschutzmechanismus gerüstet: sie produzieren in der Leber einen Cocktail spezieller Eiweiß-Zucker-Verbindungen, diese Glykopeptide heften sich an die Oberflä­che mikroskopischer Eiskristalle und verhindern deren weiteres Wachstum, Gefrierbremse funktioniert bis –2,7 Grad Celsius
(GEO 3/2002 S.210)

·      (S.38) Proteine: Baustoffe und Werkzeuge;
(39) rund 50 Millionen Körperzellen gehen in 1 Sekunde zugrunde, ebenso viele entstehen durch Teilung (200 g pro Tag); Lebensdauer Schleimhaut Dünndarm 3-5 Tage, Haut 19 Tage, Leber 7 Monate, manche weiße Blutkör­perchen mehrere Jahre, Knochenzellen 25-30 Jahre, Nervenzellen lebenslang; massereichste Zellen sind Eizellen (100-120 Mikrometer, die kleinsten die Spermien mit 3-5 Mikrometer
(72) rote Blutkörperchen, 25 Billionen, ohne Zellkern, Lebensdauer 120 Tage, in jeder Sekunde werden im Kno­chenmark 2 ½ Millionen ersetzt; Leukozyten haben Zellkern, Lebensdauer wenige Stunden bis Jahre
(Geo kompakt Nr.2: Das Wunder Mensch, 2005)

·         S.10: 2003 Genome von über 100 Arten entziffert;
S.17: das menschliche Genom enthält vermutlich nur etwa 30000 Gene und nicht – wie vorher angenommen – 100.
000 oder gar 200.000; damit unterscheiden wir uns in der Anzahl der Gene nicht sonderlich von der Taufliege Drosophila mit ihren rund 20.000 Genen. der menschliche Organismus nutzt allerdings das begrenzte Repertoire in trickreicher Weise. Er kann daher hunderttausende Proteine produzieren, unter anderem, da die Zellen die Struktur der fertigen Proteine nachträglich modifizieren. .. die wahren Geheimnisse des Lebens sind jedoch nicht in der DNA-Sequenz, sondern in der komplexen Interaktion der unterschiedlichen biologischen Moleküle zu suchen ...
Gesamtheit der Boten-RNS = Transkriptom
à Transkriptomik
Gesamtheit der Proteine = Proteom
à Proteomik;
S.52: Wer sagt, das menschliche Genom enthalte etwa 27.000 Gene, meint damit solche für Proteine
S.21: genetischer Codegrundsätzlich arbeitet die Proteinsynthese selbst bei Organismen, die so verschieden sind wie Menschen und Bakterien, nach denselben Regeln, und das seit Milliarden von Jahren (im Wesentlichen unver­ändert);
doch inzwischen kennen die Genetiker mindestens 16 Varianten, bei denen einzelne Codons abweichende Be­deutungen haben, sie finden sich verstreut auf ganz verschiedenen Ästen im Stammbaum des Lebens, auch bei den Varianten stehen drei Basen für eine Aminosäure, aber die Zuordnung divergiert: wo fast alle Lebewesen CUG mit Leucin übersetzen, interpretieren es einige Arten der Pilzgattung Candida als Befehl zum Einbau von Serin... In den Mitochondrien der Bäckerhefe Saccharomyces cerevisiae stehen vier der sechs Tripletts, die üblicherweise Leucin bedeuten, für Threonin;
S.23: bei der Sichelzellanämie verändert eine Genmutation ein einzelnes Codon der Hämoglobin-Beta-Kette von GAG in GUG. Dadurch wird statt des hydrophilen (wasserfreundlichen JK) Glutamats das hydrophobe (wasserab­weisende JK) Valin eingefügt. Die so entstandenen wasserabweisenden Punkte an der Oberfläche haben die Ten­denz, sich zusammenzulagern. Folglich verklumpen die Hämoglobinmoleküle ... sodass sich die roten Blutkörper­chen sichelartig verformen.;
S.24: bauen Vertreter aus allen drei großen Organismenreichen ((Archaea, bakterien und Eukaryoten) dort, wo sich das Stoppcodon UGA befindet, vereinzelt Selenocystein (chemisch modifiziertes Cystein) in ihre Proteine ein (21. Aminosäure satt üblicherweise 20!); manche Archaea und Bakterien interpretieren das Stoppcodon UAG als Anweisung der (22.!) Aminosäure Pyrrolysin (cehmisch modifiziertes Lysin).;
S.25: die Codewörter für die Zuordnung derselben Aminosäure werden von Bakterien und Säugetieren nicht gleich häufig benutzt; für Arginin überwiegen im menschlichen Genom z.B. AGA und AGG, die Bakterie e.coli verwendet AGA nur sehr selten und macht bei der Übersetzung (Translation) oft Fehler; kennt man diese Präferenzen, kann man eine Version des Gens konstruieren, die in verschiedenen Organismen gleich verlässlich funktioniert;
S.26ff: Das verkannte Genom-Programm – Der Schlüssel zum Verständnis von Embryonalentwicklung und Evolu­tion könnte in einem bisher wenig erforschten Regulationssystem liegen, das sich auf RNA stützt – statt auf Prote­ine.;
Seit fast einem halben Jahrhundert besteht nunmehr das zentrale Dogma der Molekularbiologie. Es besagt, dass von genetischer Information, die in der DNA-Sequenz gespeichert ist, zunächst spezielle Arbeitskopien aus RNA erstellt werden – und diese dienen dann als Matrizen für die Produktion des jeweiligen Proteins aus Aminosäure­bausteinen. Auch in der alten Formel „ein Gen – ein Protein“ drückte sich die vorherrschende Ansicht aus, Gene kodierten im Allgemeinen für Eiweißstoffe. Entsprechend mussten Proteine, neben ihrer Funktion etwa als Struk­turelemente und Enzyme, auch die Hauptrolle bei der Regulation der Gne selbst spielen.. Die(se) Schlussfolgerung beruht vorwiegend auf Studien an Bakterien ... und anderen einzelligen Lebewesen ohne Zellkern.. Für diese Or­ganismen ... ist sie sogar nach wie vor im Wesentlichen korrekt. Deren DNA umfasst nämlich fast ausschließlich Proteingene, flankiert von Steuersequenzen ...
beschreibt das zentrale Dogma die Molekularbiologie der Eukaryoten (= zellkerntragenden Lebewesen JK) nur sehr unzureichend. Proteine spielen zwar durchaus auch dort eine Rolle bei der Genregulation, doch parallel dazu existiert ein zweites, bisher übersehenes Regulationssystem,. Es basiert auf RNAs, die direkt mit der DNA, ande­ren RNAs sowie Proteinen interagieren;
Bauanweisungen für Proteine bei Eukaryoten nicht als zusammenhängender Text im Erbgut festgelegt, verteilen sich auf mehrere Abschnitte, diese so genannten Exons (die „aus“-gelesen werden JK) sind durch teils sehr lange dazwischengeschobene DNA-Sequenzen getrennt („Ein“schübe, Introns JK), die keine Proteininformation tragen; die Einschübe werden im Zellkern zunächst mit abgelesen, aber dann aus der langen primären RNA-Abschrift he­rausgeschnitten, ein als Spleißen bezeichneter Prozess fügt dabei die RNA-Exons zu einer durchgehenden Bauanweisung, der Boten-RNA, zusammen; erst diese Arbeitskopie (S.36: reife Boten-RNA) verlässt den Zellkern in Richtung Proteinfabriken; ein durchschnittliches menschliches Proteingen besteht zu mindestens 95% aus Introns; evolutionärer Schrott, funktionsloser Müll???
weniger als 1,5% der menschlichen DNA trägt Baupläne für Eiweiße, trotzdem wird der größte Teil des Rests in RNA umgeschrieben; Befunde legen nahe, dass bei komplexen Lebewesen ein Großteil. bei Säugern vielleicht sogar die Mehrzahl der Gene nicht für Proteine kodiert, sondern RNAs mit direkten regulatorischen Aufgaben bereitstellt; die von diesen RNAs übermittelten Informationen könnten entscheidend für die Entwicklung vom Ei zum reifen Organismus sein und auch in der Evolution eine wesentliche Rolle spielen;
bei Säugetieren konnten inzwischen Tausende von RNAs identifiziert werden, die nicht der Proteinsynthese dienen, so genannte nicht kodierende RNAs. Mindestens die Hälfte, vielleicht sogar mehr als drei Viertel aller Genabschriften fallen in diese Kategorie;
Zellen haben die Wahl, welche Proteine (aus einem Gen) gebildet werden sollen; beim Spleißen (Herausschneiden von Introns) gibt es oft Wahlmöglichkeiten, durch alternatives Spleißen lassen sich – trotz gleicher genetischer Ausstattung – unterschiedliche Repertoirs an RNAs und Proteinen erzeugen (S.34: dabei wird die molekulare Abschrift eines so genannten Mosaikgens zerlegt und zu Bauanweisungen für zwei oder mehr verschiedene Proteine zusammengesetzt); (S.37: dabei kann ein Exon ausgelassen werden, oder ein Intron bleibt erhalten); ein Gen kann dadurch eben mehr als nur eine Sorte Protein erzeugen; es entstehen dabei nicht für Proteine kodierende RNAs und auch Intron-RNAs, die direkt bei der Genregulation mitwirken;
S.34ff: Jede DNA-Sequenz, von der eine RNA-Version abgeschrieben wird, ist per Definition ein Gen, nicht unbedingt aber (die Bauanleitung JK) für ein Protein.
Aus einem kleinen Grundbestand von proteincodierenden Genen kann eine Zelle ein viel größeres Sortiment an Eiweißstoffen herausholen, indem sie Teile der abgeschriebenen rohen Bauanweisung zu unterschiedlichen fertigen Versionen zusammenspleißt...
Dass hochkomplexe Organismen mit so wenig Genen auskommen, verdanken sie dem alternativen Spleißen und seiner Choreografie. Von ihr hängt ab, wann wo welche Arten von Proteinen entstehen...
ein menschliches Proteingen ist durchschnittlich 28.000 Basenpaare lang, verteilt im Mittel auf 8,8 Exons und 7,8 Introns;
mindestens 15% aller Genmutationen, die zu Erbkrankheiten und vermutlich auch zu manchen Formen von Krebs führen, beeinträchtigen das Spleißen von Primärabschriften;
im Durchschnitt wird jedes der menschlichen Gene in seiner RNA-Form auf mehr als drei verschiedene Arten gespleißt;
die fast identischen Gene von Mensch und Schimpanse produzieren zwar in den meisten Geweben weitgehend die gleichen Proteine. In Teilen des menschlichen Gehirns sind jedoch einige Gene aktiver und andere liefern durch alternatives Spleißen erheblich abweichende Proteine;
Mutationen in den Introns können (zufällig) neue Spleißstellen schaffen, das bisherige Intron zum Exon machen; es gibt danbn unter Umständen sowohl die alte funktionsfähige Variante des Proteins und zusätzlich eine neue; das menschliche Erbgut enthält potenziell 25.000 Intronstellen, aus denen durch eine Punktmutation ein Exon werden könnte;
S.42ff: Regulationsmechanismen
damit nur die benötigten Gene abgelesen werden, gibt es in der DNA Abschnitte mit Regulatorfunktion, nur dann wird das Gen abgeschrieben, wenn sich in der regulatorischen Region ein aktivierender Proteinkomplex angelagert hat;
wenn virale Gene in die Zelle eindringen und sich der Proteinsynthesemaschine bemächtigen wollen, unterbindet das Interferon-System brachial jede Genexpression (alle Maschinen werden gestoppt);
RNA-Interferenz: potenziell gefährliche RNA-Abschriften von Genen werden zerstört;
S.50ff: zentrales Dogma der der molekularen Genetik: DNA erzeugt RNA, RNA erzeugt Protein – und Proteine erledigen praktisch alle relevanten Aufgaben in der Biologie.
Begriff des GENS war schon lange unscharf formuliert; Um Unklarheiten zu vermeiden, verwenden wir den Begriff des Gens möglichst gar nicht mehr: wir nennen jeden DNA-Abschnitt, der (in RNA abgeschrieben, also) transkribiert wird, eine Transkriptionseinheit.; bei Mäusen Zahl solcher Einheiten auf 70.000 bis 100.000 geschätzt, etwa bei der Hälfte könnte es sich um Transkriptionseinheiten handeln, die nicht für Proteine kodieren;
S.58: dritter Bestandteil der genomischen Maschinerie: epigenetische Informationen in den Proteinen und niedermolekularen Substanzen, welche die DNA umgeben oder dort gebunden sind (griechisch epi bedeutet auf, nach); epigenetische Marker (chemische Markierungen auf der DNA, außerhalb der DNA-Sequenz, auch an den die DNA umhüllenden Proteinen) werden ständig neu gesetzt und entfernt; z.B. Methylierung: Methylgruppe CH3- verankert sich – vorwiegend  an Cystein; deckt damit die DNA ab, kann nur noch schwerer abgelesen werden, werden „stummgeschaltet“; auch das Verpackungsgerüst der vielfach verknäuelten DNA kontrolliert den Zugang zu den Genen;
(Spektrum der Wissenschaft, Dossier: Das neue Genom, 1/2006)

·         Nationales Genomforschungsnetz (NGFN) Bonn: Übereinstimmung Erbgut Mensch und Schimpanse 98,7%; untersucht auch Aktivität von 21.000 Genen in Herz, Leber, Niere, Hoden und Gehirn; im Hoden mehr als 1/3 der Gene unterschiedlich aktiv, im Gehirn die wenigsten Unterschiede; Unterschiede sind noch immer 10x so groß wie zwischen zwei Menschen;
(Freie Presse Chemnitz 1.9.05)

·         Das menschliche Genom enthält etwa 3,2 Milliarden „Bausteine“ (zumeist als zweifache Kopie). Sie bilden etwa 25.000 Gene und enthalten eine noch unbekannte, sicher aber viel höhere Anzahl regulatorischer Elemente. ... Bei zwei nicht miteinander verwandten Menschen stimmen etwa 99,9% ihrer Bausteine überein
(Nationaler Ethikrat: Prädiktive Gesundheitsinformationen bei Einstellungsuntersuchungen, Stellungnahme 16.8.05, Druckfassung A4)

·         Genom Schimpanse entschlüsselt: etwa aller 80 Buchstaben Abweichung zum Genom des Menschen; 35 Millionen Mutationen, aber nicht einmal 1% davon führt zur Herstellung mutierter Proteine (Rest liegt in nicht codierenden Abschnitten der Erbsubstanz); Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass nur wenige Gene entscheidend für die Menschwerdung waren; der gemeinsame Urahn war dem Schimpansen viel ähnlicher als dem heutigen Menschen;
schneller verändert beim Menschen: a) Transkriptionsfaktoren, die zuständig sind für Entwicklungsprozesse; b) im Genom des Menschen finden sich häufiger Verdopplungen von Genen oder Genabschnitten (eine Kopie funktioniert normal weiter, die andere kann frei mutieren); c) Aktivität von Genen im Gehirn hat sich beim Menschen in den letzten 6 Mill Jahren deutlich mehr verändert als beim Schimpansen;
familiäre Mikroenzephalie, eine erblich bedingte Entwicklungsstörung, bei Betroffenen wächst das Hirn nur auf die Hälfte der normalen Größe; dabei ist eines von zwei Genen defekt (könnten eine Rolle spielen bei der Teilung der Vorläufer von Nervenzellen;); genetischer Regler, der das Hirn anschwellen ließ?;
ein Gen, bei dem kleinste Defekte ausreichen, um Artikulation und Sprachvermögen des Menschen erheblich zu beeinträchtigen; nur an zwei Stellen unterscheiden sich Menschen- und Schimpansenvariante; wahrscheinlich erst im verlauf der letzten 200.000 Jahre Veränderungen vollzogen
(Spiegel 36/05 S.142)

·         bei jeder Zellteilung verkürzen sich die Enden der Chromosomen, die so genannten Telomere; diese Sequenzen sind so etwas wir die Lebensuhr einer Körperzelle: je kürzer die Chromosomenenden sind, desto weniger Teilungen kann sie noch vollziehen; Großbritannien: 1100 Frauen im Alter zwischen 18 und 78 Jahren untersucht, Telomerlänge bestimmt: bei jungen Frauen 7500 Basenpaare lang, mit jedem Lebensjahr Verlust von 27 Basenpaaren
(bdw 12/05 S.37)

·         Manche Gene beim Menschen haben – je nachdem, wie man sie aus der Erbmasse schneidet – 20 oder 30 Varianten (d.h. aus ihnen können ebenso viele verschiedene Eiweiße abgeleitet werden);
in einer einzelnen Zelle arbeiten bis zu 40.000 verschiedene Proteine;
über ihre endgültige Gestalt und ihre Funktion entscheidet nicht nur die in den Genen festgelegte Abfolge der Aminosäuren, sondern das gesamte Zellmilieu mit all seinen Eiweißen und anderen Bestandteilen;
Mikro-RNAs (19-25 Basenpaare) haben nichts mit Eiweißproduktion zu tun, steuern die Aktivität anderer Gene; es soll fast 2.000 davon im menschlichen Erbgut geben;
(Das Parlament, Sondernummer „Chancen und Risiken der Gentechnik“, 6.3.06 S.3)

·         normalerweise sterben Zellen nach etwa 50 Zellteilungen ab, nur Krebszellen teilen sich unaufhörlich weiter und sind potenziell unsterblich;
ein wichtiges Programm für das Uhrwerk der Zellen: besteht aus etwa tausend aneinender gereihten, identischen Kopien einer kurzen DNA-Sequenz TTAGGG, das Programm ist in den Chromosomen gespeichert, sitzt an deren Enden und bildet die so genannten Telomere,, diese Endstücke halten wie die Plastikkappen an Schnürsenkeln das „Ausfransen“ der Enden; Telomere werden bei jeder Zellteilung kürzer; kritischer Punkt nach etwa 50 Zellteilungen erreicht, dann wird der Zelltod eingeleitet
(Das Parlament, Sondernummer „Chancen und Risiken der Gentechnik“, 6.3.06 S.18)

·         Bisher überhaupt nur ein Fall bekannt geworden, wo ein Mensch sowohl vom Vater als auch von der Mutter die Mitochondrien mitbekommen hatte
(Das Parlament, Sondernummer „Chancen und Risiken der Gentechnik“, 6.3.06 S.17)

·         EMNID-Umfrage: rund die Hälfte der Befragten waren überzeugt, dass gentechnikfreie Nahrungsmittel keine Gene enthalten
(Das Parlament, Sondernummer „Chancen und Risiken der Gentechnik“, 6.3.06 S.8)

·         Mendel´sche Vererbungsgesetze widerlegt?;
Frankreich: bei genetisch veränderten Mäusen eine Erbanlage per RNA auf die nächste Generation übertragen;
in der DNA von Mäusen wurde das so genannte Kit-Gen verändert (zuständig für gepunktete Schwanzfärbung); genetisch manipulierte Tiere wurden mit normalen Mäusen gepaart; alle Nachkommen hatten gepunktete Schwänze, auch wann manche Tiere keines der veränderten Kit-Gene besaßen; Erklärung: die veränderten Kit-Gene produzierten riesige Mengen übergroßer RNA, diese fand sich auch in den Spermien der genetisch veränderten Mäuse; wenn RNA aus mutierten Zellen direkt in normale Mäuseembryonen injiziert wurde, hatten die geborenen Tiere gepunktete Schwänze
(taz 26.5.06)

·         Vorfahren von heutigen Menschen und Schimpansen haben Millionen von Jahren nebeneinander gelebt und sich vermutlich auch gepaart; beide Arten gingen wohl erst vor 1,2 Millionen Jahren endgültig getrennte Wege; bisherige Annahme: seit 6,5 bis 7,2 Millionen Jahren keine gemeinsamen Nachkommen mehr gezeugt;
(taz 19.5.06)

·         Kreuzungen von Schimpansen und Menschen bis vor gut 2 Millionen Jahren
(Zeit 18.5.06 S.37)

·         Genabfolge des Chromosoms Nr.1 beim Menschen vollständig entziffert; darauf 3141 der etwa 25.000 menschlichen Gene; über 350 Krankheiten stehen mit Veränderungen auf diesem Chromosom in Verbindung
(Freie Presse Chemnitz 19.5.06)

·         Mensch 100.000 Milliarden (100 Billionen) Zellen, jede hat etwa 1/100 mm Durchmesser, Anatom erkennt mehr als 200 Zelltypen;
der so grundverschiedene Entwicklungsprozess bei Taufliegen wird von den weithin gleichen, zumindest artverwandten Steuermolekülen und Steuersignalwegen geregelt wie bei Säugetieren, z.B. steuern evolutionär eng verwandte Regulatorgene die Ausbildung der doch grundverschiedenen Augenanlagen bei Insekten und Säugern
(Zeit 5.1.06 S.31)

·         These erhärtet, dass HIV ursprünglich vom Affen auf den Menschen übertragen wurde: Urform des Aids-Erregers bei wildlebenden Schimpansen im Süden Kameruns gefunden
(bdw 8/2006 S.7)

·         für Unterschied zwischen Affen und Menschen möglicherweise ein Gen verantwortlich; Entwicklung des menschlichen Gehirns durch Veränderungen in Gen HAR1F; 18 Unterschiede zum gleichen Gen bei Schimpansen; Veränderungen in wenigen Millionen Jahren erfolgt, dieser Teil des menschlichen Genoms 70 x so schnell verändert wie der Rest;
(Freie Presse Chemnitz 18.8.06; ZEIT 17.8.06 S.30)

·         Verwirrende „Stammbäume“:
Genom von Bakterien, Pilzen, Viren ist extrem instabil; Gene wandern häufig von einem in den nächsten Organismus = „lateraler Gentransfer“; nahe Verwandte unterscheiden sich oft in ihrer Erbinformation; und deshalb verzweigt sich die Ahnenreihe der Mikroben nicht wie bei einem Baum, sondern entwickelt sich durch die Aufnahme spezifischer Erbbausteine teilweise sogar wieder zurück. Es entstehen Büsche, Ringe, Kreise mit Ästen und andere seltsame Gebilde
(taz 1.9.06)

·         kleinstes bisher bekanntes Genom entschlüsselt, Bakterie Carsonella ruddii besitzt nur 159662 Basenpaare und 182 Gene; Bakterien haben normalerweise mehrere Millionen Basenpaare;diese Bakterien können nur in Symbiose mit Blattflöhen überleben, auf die die Bakterien im Laufe der Evolution einen Teil ihrer Erbinformation übertragen haben („natürliche Gentechnik“; Gene für den Aufbau der Zellhülle und den Stoffwechsel); Die Bakterien liefern im Gegenzug Aminosäuren, die die Flöhe nicht selbst herstellen können
(bdw 1/2007 S.9)

·         über 50% aller menschlichen Gene kodieren Struktur, Stoffwechsel und Funktion des Gehirns
(bdw 9/2006 S.31)

·         erstmals Erbgut eines Baumes vollständig kartiert (Westliche Balsampappel); 485 Millionen Basenpaare, nach Ackerschmalwand und Reis dritte entschlüsselte Pflanze
(bdw 12/06 S.7)

·         (496f) Gregor Mendel ... hatte am Philosophischen Institut von Olmütz und an der Wiener Universität Physik und Mathematik studiert und betrieb seine Arbeiten mit strenger wissenschaftlicher Disziplin; Bibliothek im Kloster in Brünn 20.000 Bände;
Mendels Beobachtungen nicht völlig unbeachtet: Eintrag in der Encyclopedia Britannica und Zitate beim deutschen Forscher Focke
(Bill Bryson: Eine kurze Geschichte von fast allem, Goldmann München 2004)

·         (156) Chromosomen: q28 ??? der Buchstabe q drückt dabei aus, dass es sich um den langen Arm des Chromosoms handelt (der kurze wird mit p nach dem französischen petit bezeichnet), und mit der Zahl werden mikroskopisch sichtbare Banden abgezählt;
(201) jeder neu gebildete menschliche Embryo weist etwa hundert Veränderungen (Mutationen) auf, die es bei seinen Eltern nicht gab. Nur einige davon – etwa drei bis vier – werden unmittelbar die Wirkung von Proteinen beeinflussen ... Wir Menschen sind alle Mutanten.
(204) Embryo = „das drinnen Keimende“
Fötus oder Fetus = „Junges“;
(208) Embryo: ab 32 Zellen geht es bei der Teilung mit „krummen“ Ergebnissen wie 58 und 107 weiter; E. sucht am 5. Tag seines Vorhandenseins einen festen Platz in der Gebärmutter;
(214) am 13. Tag Übergang vom Anheften zum Einnisten
(220f) Zellhaufen an sich haben natürlich keine Seele, wohl aber Zellhaufen, die der menschlichen Wahrnehmung zugänglich sind, und das trifft vor allem von dem Augenblick an zu, in dem aus dem Embryo ein Fötus wird. Er wird nicht von Gott beseelt, sondern von dem Menschen, der sich ihm zuwendet, Und die Frage, wann menschliches Leben – mit der dazugehörenden Würde – beginnt, kann unter dieser Vorgabe von jedem einzelnen Menschen beantwortet werden. Es beginnt dann, wenn das sich regende Leben die Formen zu erkennen gibt, die unsere Wahrnehmung als menschenähnlich deutet.
Entwicklung des Menschen ab Eizelle (199ff);
(234) Die Entwicklung eines Organismus geht natürlich regelmäßig und naturgesetzlich vonstatten. Aber damit ist sie noch lange nicht programmiert. Die Welt und das Leben stecken voller regelmäßiger Abläufe, die ohne Programmierung auskommen, und es wird vorgeschlagen, diesen Begriff aus der Welt der Computer ad acta zu legen, da er das Denken mehr behindert als fördert.;
(243) das ABC des Lebens, besser: das ATGC des Lebens;
(246) die Veränderung in einem homeotischen Gen führt dazu, dass zum Beispiel die Maschinerie, die ein Bein herstellen soll, dort in Schwung gebracht wird, wo eigentlich eine Antenne nötig ist. Tatsächlich gibt es Fliegen, denen Beine aus dem Kopf wachsen ... kein Genetiker hätte sich ein solches Wesen in seinen wildesten Träumen ausdenken können;
dass die Genvariationen zu einer Fehlidentifizierung des Körpersegments führen, was dann die Anfertigung von gebrauchfähigen Organen am falschen Ort nach sich zieht;
(250) Nicht nur Insekten verfügen über eine Homeobox. Der entsprechende Genbereich konnte bei Würmern, Fröschen, Mäusen und zuletzt auch im Menschen gefunden werden. Das Überraschende dabei war nicht nur, dass in der Entwicklung von Wirbeltieren und Wirbellosen ein gemeinsames Prinzip erkennbar wurde, sondern dass homeotische Gene auch dort funktionierten, wo sich – auf den ersten Blick – keine Körpersegmente erkennen ließen.
Wenn man genauer hinschaut, erkennt man natürlich, dass Menschen innerlich sehr wohl Segmente erkennen lassen, und zwar die berühmten Rippen ... auffallend häufige Fehlbildungen an dieser Stelle. Etwa einer von 10 Erwachsenen hat eine andere Rippenzahl (als die normalen 12 auf jeder Seite ... das Muster, das zu dieser Bildung führt, wird dadurch gestört, dass eines der homeotischen Gene des Menschen nicht funktioniert)
(253) Erklärung für die Ähnlichkeiten in der Embryonalentwicklung, die Fische, Salamander, Hühner, Kaninchen und Menschen zeigen; dass Organismen für ihre Entwicklung sehr eng miteinander verwandte Gene benutzen, um die (An- JK) Ordnung ihrer Teile festzulegen;
(254) die homeotischen Gene enthalten Informationen über Proteine, die in der Lage sind, Einfluss auf die Art und Weise zu nehmen, mit der (andere) Gene genutzt werden.; Proteine von homeotischen Genen dienen als molekulare Schalter und aktivieren oder deaktivieren andere Gene.;
alle homeotischen Gene treten als Block (Cluster) auf, liegen in einer bestimmten Reihenfolge aufgereiht (manchmal auf einem Chromosom, beim Menschen auf vier verteilt;
(264) Gene spulen keine Programme ab, Gene reagieren vielmehr kreativ. Die Gesamtheit der Gene – das Genom – verfügt über Kreativität.;
(292f) Huxley: „Schöne neue Welt“; hier werden zuerst Menschen geklont, aber es entscheiden nicht nur die so festgelegten Gene - der „neue“ Mensch kommt erst danach durch Gehirnwäsche und andere Arten der Konditionierung zustande;
(382) Aus dem ursprünglich so übersichtlichen Grundgedanken, dass ein Gen ein Protein macht, ist heute die feinere Einsicht geworden, dass ein Gen-Stück ein Protein-Teil macht – ein Exon kodiert eine Domäne ...;
(457) 2004 wurde bekannt, dass der väterliche Same mehr als nur seine Hälfte zum gesamten Genom in Form von DNA-Molekülen liefert. Er stellt zudem einzelne Stränge aus RNA für den Nachwuchs bereit; z.B. Funktion beim Anschalten der Gene
(Ernst Peter Fischer: Die Bildung des Menschen -  was die Naturwissenschaften über uns wissen; Ullstein Berlin 2006)

·         (40) Ribosomen haben nur ca. 25 nm Durchmesser, sind mit Lichtmikroskop nicht zu erkennen; eine einzige Leberzelle des Menschen enthält bis zu 10 Millionen Ribosomen;
(73) Apollo 12 bringt vom Mond Geräte zurück, die dort 2 ½ Jahre gewesen waren: darauf Bakterienkolonie entdeckt, die überlebt hatte!
(Hansjürg Geiger: Auf der Suche nach Leben im Weltall, Wie Leben entsteht und wo man es finden kann, Franckh-Kosmos Verlag Stuttgart 2005)

·         (10) Hox-Gene sind bei Insekten unter dem Namen Homeobox-Gene für die Segmentierung des Körpers zuständig. Die Hox-Gene steuern sowohl bei Wirbellosen als auch bei den Wirbeltieren den Aufbau des Körpers entlang der Achse vom Kopf zum Körperende ... Die homeobox ist ein so genanntes Motiv im Erbmolekül DNS, das 180 Bauteile oder Basen lang ist. Drei Basen bestimmen eine Aminosäure, die Bauteile der Eiweiße, also ist das Produkt der homeobox, die so genannte homeodomain, etwa 60 Aminosäuren lang. Nur bei den Wirbeltieren spricht man von Hox-Genen.
(219) Hox-Gene gibt es nur bei Metazoen, höheren Tieren mit verschiedenen Zelltypen und Geweben wie Ringelwürmern, Krebsen, Insekten und Wirbeltieren. Diese Gene stammen von den so genannten Hoemeobox-Genen ab, die es auch bei Einzellern und Pflanzen gibt. Die Hox-Gene sind in Gruppen entlang eines oder mehrerer Chromosomen angeordnet. Bei Schwämmen gibt es nur ein Gen, vier oder fünf bei den Cnidaria, sechs bis zehn Gene bei den meisten anderen Tierstämmen, aber bis zu 39 Gene in vier Gruppen bei den Säugetieren. ...
(220) (Veränderung von Gliedmaßen und Bauplänen möglich) ... In dieser komplexen Abfolge von genetischen Schaltern können in jedem Schritt Erbänderungen auftreten, deren Folgen von den klassischen Modellen der Evolutionsgenetik nicht erfasst werden können.;
In langen geologischen Zeiträumen sind die massiven Änderungen der Erde ebenso ein Motor der Evolution wie Umbauten in der genetischen Architektur.;
(228) Manche Gene werden von den Eltern mit einem chemischen „Etikett“ versehen, das die Tätigkeit des Gens im Nachwuchs steuert;
(229) Nicht nur Gene verursachen die Ähnlichkeit von Eltern und Nachwuchs. Manipulation der Umwelt, chemische Markierung des Erbmoleküls oder die Weitergabe von symbiontischen Mikroorganismen tragen ebenfalls zur Ähnlichkeit aufeinander folgender Generationen bei.;
(232) Geschlechtsbestimmung der Organismen; oft genetische Ursache (Männer beim Menschen XY, Frauen XX; bei Vögeln und Schmetterlingen umgekehrt);
Viele Eidechsen, Schildkröten und alle Krokodilarten lösen das Problem der Geschlechtsbestimmung dagegen völlig anders. Die Umweltbedingungen bestimmen, welche Individuen männlich oder weiblich werden. Welche Umweltbedingung verantwortlich ist, ist artspezifisch: Temperatur, Nahrungsangebot oder Bevölkerungsdichte. bei manchen Arten entwickeln sich Eier bei hohen Temperaturen zu Männchen, bei niedrigen zu Weibchen, bei anderen ist es umgekehrt und bei wieder anderen gibt es bei mittleren Temperaturen Männchen und bei hohen und niedrigen Extremtemperaturen Weibchen.;
(240) Und nicht nur Erbmoleküle haben die Fähigkeit, sich im Laufe einer Zellteilung selbst zu vermehren – sie benötigen sowieso die (innere JK) Umwelt der Zelle, um dies zu bewerkstelligen. Auch Zellmembranen werden vererbt. Neue Zellmembranen können nur mit Hilfe anderer Zellmembranen aufgebaut werden.
(Thomas P. Weber: Darwin und die neuen Biowissenschaften, DuMont Köln, 2005)

·         Paläogenomik: zwei Forschergruppen haben die ersten Teile des Neandertaler-Genoms entschlüsselt; 38.000 Jahre alte Knochensplitter; 65.000 bzw. 8 Millionen Basenpaare isoliert; Zuordnung in die richtige Reihenfolge durch Vergleich mit der DNA von Mensch und Schimpanse
(Spiegel 47/06 S.180)

·         Klonforscher gefragt: Wie weit prägen Gene ein Wesen? Darüber haben wir ziemlich genaue Vorstellungen. Zu 30 bis 35 % sind die Gene verantwortlich, was wir sind und was wir tun. Der Rest ist die Umwelt.
(Die Zeit 15.2.07 S.56)

·         (151) dass das Karyoplasma des Zellkerns die Funktion der Fortpflanzung und Vererbung besorgt. Diese Ansicht hatte ich zuerst 1866 ... ausgesprochen ...später genauere empirische Bestätigung durch ... Strasburger , Hertwig u.a. ... Die verwickelten feineren Verhältnisse, welche diese Forscher bei der Zellteilung aufdeckten, führten zu der Annahme, dass der färbbare Bestandteil des Zellkerns, das „Chromatin“, die eigentliche Erbmasse sei, das materielle Substrat der „Vererbungsenergie“. Weismann fügte nun zu dieser Erkenntnis die Annahme, dass dieses Keimplasma vollkommen von den übrigen Substanzen der Zelle gesondert lebe, und dass letztere (- das Somaplasma -) die durch Anpassung erworbenen neuen Eigenschaften nicht auf das Keimplasma übertragen können; gerade auf dieser Annahme beruht seine Opposition gegen die progressive Vererbung oder die „Vererbung erworbener Eigenschaften“. Die Verteidiger der letzteren, zu denen ich gehöre, nehmen an, .... dass eine teilweise Mischung beider Plasmaarten eintritt.
(153) Darwin war von der hohen Bedeutung der „Vererbung erworbener Eigenschaften“ und insbesondere von der Erblichkeit funktioneller Anpassungen ebenso fest überzeugt wie Lamarck und wie ich selbst; er schrieb ihnen nur einen beschränkteren Wirkungskreis zu als Lamarck.
(151) Mutation (bedeutet bei Haeckel noch Makro-Mutation, d,h. Mechanismus für plötzliches Auftreten neuer Arten JK)
(Ernst Haeckel: Die Lebenswunder, Alfred Kröner Verlag Stuttgart 1906)

·         nicht Schäden an der DNA, sondern an Proteinen, die für ihre Reparatur zuständig sind, sind möglicherweise entscheidend für die negativen Folgen von Strahlung; in manchen strahlungsresistenten Bakterien sind diese wichtigen Proteine besonders geschützt
(ZEIT 22.3.07 S.52)

·         die weiße Hautfarbe entstand erst vor 5300 bis 6000 Jahren, lange nach der Ankunft des modernen Menschen in Europa; zwei Varianten eines Gens für die Produktion eines Eiweißes in den Melaninkörperchen der Pigmentzellen der Haut; Folge eines Austauschs einer Aminosäure führt zu Defekt und hellerer Haut
(ZEIT 26.4.07 S.41)

·         Genom des Rhesusaffen entschlüsselt; 93% Übereinstimmung mit dem des Menschen
(GID 181 4/2007 S.38)

·         (357) Die DNA, die ein Organismus geerbt hat, bestimmt die Ausprägung spezifischer Merkmale, indem sie der Zelle die Synthese gewisser Proteine vorschreibt. DNA ist also nicht der Bauplan eines Lebewesens, sonder der Bauplan seiner Baustoffe (Strukturproteine) und Bauarbeiter (Enzyme, Transportproteine, regulatorische Proteine). Proteine sind das Bindeglied zwischen Genotyp und Phänotyp.;
(359) Ein-Gen-ein-Polypeptid-Hypothese (z.B. besteht Hämoglobin-Molekül aus zwei Arten von Polypeptiden);
(365) die Transkription verläuft bei Eukaryoten mit einer Geschwindigkeit von rund 60 Nucleotiden je Sekunde;
ein einzelnes Gen kann gleichzeitig von mehreren Molekülen der RNA-Polymerase transkribiert werden, die wie Lastwagen in einem Konvoi hintereinander über die DNA fahren.;
(368) Man kennt eine Reihe von Genen, die zwei oder mehr Polypeptide codieren, je nachdem, welche Segmente beim RNA-Spleißen als Exons behandelt werden. alternatives Spleißen als Erklärung dafür, weshalb der Mensch mit vergleichbar wenigen Genen auskommt (nur doppelt so viele wie die Fruchtfliege);
Introns erhöhen die Wahrscheinlichkeit potenziell vorteilhafter Crossing-over-Ereignisse (bei der Chromosomen-ver-teilung JK);
(369) tRNA als „Adapter“ zwischen Aminosäure und mRNA;
tRNA-Molekül als Spielkarte mit dem „Nucleinsäurewort“ (Anticodon) auf der einen Seite und dem entsprechenden „Proteinwort“ (Aminosäure) auf der anderen Seite;
jedes tRNA-Molekül kann wiederholt verwendet werden;
es gibt durchschnittlich etwa 45 verschiedene tRNA-Moleküle;
(374) eine ganze Gruppe von Ribosomen wandern simultan hintereinander an demselben mRNA-Molekül entlang;
(375) das Protein Insulin wird zunächst als ein durchgehendes Polypeptid synthetisiert, dann wird dessen Mittelteil enzymatisch entfernt, und das zurückbleibende aktive Hormon besteht aus zwei Polypeptidketten, die durch Disulfidbrücken zusammengehalten werden.;
(381) Definition:
Ein Gen ist ein Abschnitt der DNA, der zur Herstellung eines RNA-Moleküls benötigt wird.
(Neil A. Campbell / Jane B. Reece: Biologie, Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg Berlin, 6. Auflage, 2003)

·         Vorschrift „ein Gen ergibt ein Produkt“ gilt nicht mehr;
entgegen früherer Annahmen sind die Schalter für das Ablesen von Genen diesen nicht nur vorgeschaltet, sondern auch dahinter zu finden; das, was bisher häufig als JUNK-DNA bezeichnet wurde, ist nicht einfach nur „Müll“: diese Sequenzen werden in den Zellen auch abgelesen, müssen also eine Funktion haben
(taz 15.6.07)

·         Krebszellen haben „falsche“ Anzahl von Chromosomen (Aneuploidie, mehr als normal) und Chromosomen mit Strukturanomalien;
etwa die Hälfte aller bekannten krebserregenden Stoffe – darunter Asbest, Nickel, bestimmte Hormone – lösen keine Schäden an den Genen aus, sondern greifen massiv die Chromosomen an oder stören deren Verteilung bei der Zellteilung;
je bösartiger ein Tumor ist, desto mehr Chromosomen enthält die einzelne Krebszelle und desto schwerer ist der Chromosomenschaden;
(bdw 8/2007 S.33)

·         Maus-Gen macht Fliegenauge:
Fliege und Mensch können unterschiedlicher nicht sein. Doch ihre Gene sind sich so ähnlich, dass sich eine Gen-Mutation des Insekts, die zum Verlust der Komplexaugen führt, mit dem intakten Säugetier-Pendant kurieren lässt. Was in Säugern die Entwicklung des Linsenauges induziert, stößt bei der Fliege die Entwicklung eines kompletten Komplex-Auges an. Und zwar nicht nur am Kopf, sondern in jedem Gewebe, in dem das betreffende Gen experimentell eingeschaltet wird, sodass dieser Fliege auch an den Antennen kleine, sehfähige Augen wachsen können. Offenbar haben sich nicht nur das Gen, sondern auch wesentliche Teile des nachgeschalteten frühen Entwicklungsprogramms seit über 500 Millionen Jahren kaum verändert
(bdw 7/2007 S.31)

·         Das komplette Genom des Genetikers James Watson wurde im Mai 2007 entziffert; Prozess dauerte nicht einmal 3 Monate;
von der Auffassung trennen, dass menschliche DANN aus einer relativ kleinen Zahl von aktiven Genen besteht, in denen die lebensnotwendigen Informationen für den Bau von Proteinen stecken, und dass diese Gene durch lange Abschnitte inaktiver, unnützer Sequenzen voneinander getrennt sind; tatsächlich sind diese Sequenzen keinesfalls DNA-Müll, sondern sie enthalten unzählige regulatorische Einheiten, die den Gegen sagen, wann und wo sie aktiv werden sollen
(bdw 9/2007 S.22)

·         US-Forscher Craig Venter hat bis März 2007 sechs Millionen neue Gene aus Meereslebewesen bekanntgegeben, damit die Zahl aller bis dahin bekannten Gene mal eben verdoppelt
(Spiegel 44/07 S.173)

·         Noch im Paradies, so sagt die Bibel, bekam Adam den Auftrag, für jedes Tier unter dem Himmel einen Namen zu finden. Es muss eine höllische Aufgabe gewesen sein, die Adam aber offenbar mühelos meisterte. Ähnliches vermag heute niemand mehr: Schon bei den Vögeln wird es schwierig, niemand kennt alle Schmetterlinge, und kein Sterblicher wird je alle Arten von Ameisen aufzählen können ... Zauberhaft ist die Artenvielfalt – aber mit rund 1,8 Millionen bekannten und viel mehr unbekannten Arten ...;
der Kanadier Paul Hebert will die Arten anhand ihrer Gene ordnen;
Bestimmung über ihre Erbsubstanz; dazu reicht ihm die Kenntnis eines einzigen Gens namens COI (Cytochrom-c-Oxidase I); alle Tiere der Welt haben es, doch offenbar hat fast jede Art ein anderes;
COI ist Teil des Erbgutes der Mitochondrien; kurzer Abschnitt mit rund 650 Basen-Bausteinen; charakteristisches Muster für jede Art zu finden: „Barcode des Lebens“; globale Datenbank BOLD geplant (Barcode of Life Data Systems);
für Pflanzen müssten andere Gen-Ausweise gefunden werden
(Spiegel 40/07 S.166)

·         Erbgut der Hauskatze entziffert; 20.285 mutmaßliche Gene
(taz 2.11.07)

·         James Watson (ein Erklärer der Struktur der DNS);
hatte erklärt,
Schwarzafrikaner hätten eine geringere Intelligenz als Hellhäutige;
das ist wissenschaftlich durch nichts belegbar;
Watson hat seine eigene DNS entziffern lassen; Entschlüsseler fanden auch heraus, dass er eine genetisch bedingte Disposition für Alzheimer-Erkrankung hat; außerdem: Watsons genetische Struktur ähnelt auffällig der von Asiaten und - noch krasser - der von Schwarzafrikanern; er wurde als (in seiner Sprache) „Neger“ mit hellem Teint enthüllt;
Biomediziner Eric Kandel (Nobelpreis 2000): „Intelligenz ist Arbeit, Training und Erfahrung, also immer umweltgeprägt. Unsere Gene sind gar nichts, außer man nutzt sie.“
(taz 13.12.07)

·         Durch Kreuzungen verschiedener Fische (Höhlensalmler), die seit Millionen Jahren blind zur Welt kommen, aus weit entfernten Höhlen; bereits in der ersten Generation konnten einige Fische sehen;
Fische haben nicht alle denselben genetischen Defekt, sondern sind aus unterschiedlichen Gründen blind geworden, und er betrifft nicht das gesamte Sehorgan;
Funktion durch Mutationen einiger Schlüsselgene deaktiviert;
neu: genetische Entwicklungen, die Millionen von Jahren gedauert haben, lassen sich in kürzester Zeit rückgängig machen; Defekte kein irreparabler Schaden;
(taz 18.1.08)

·         (22) Zahl der verschiedenen Proteine beim Menschen wird auf rund 500.000 geschätzt
(Stefan Rehder: Gott spielen – Im Supermarkt der Gentechnik, Pattloch, München, 2007)

·         Universität Mainz; Genome mehrerer hundert Tierarten analysiert; bei allen Arten ist nur ein geringer Teil des Genoms für die Lebenserwartung zuständig; im mitochondrialen Genom, das nur von der Mutter vererbt wird und aus meist 13 Genen besteht, die alle mit Energiegewinnung, Atmung und Sauerstoffverbrauch zu tun haben; Tiere mit besonders stabilem chemischem Aufbau dieser Gene –etwa Riesenschildkröten- leben deutlich länger als solche, die einen weniger stabilen Aufbau besitzen; durch Messung der genetischen Stabilität des mitochondrialen Genoms lässt sich die maximale Lebenserwartung einer Tierart bestimmen
(bdw 3-2008 S.13)

·         Eisenspeicherkrankheit, Hämochromatose:
eine der häufigsten erblichen Stoffwechselstörungen, jeder 8. Europäer hat Veranlagung dafür; auf Chromosom Nr.6 ist eine Punktmutation (1 falsche Base in der DNS): statt Aminosäure Cystein wird an einer Stelle Thymin hergestellt; das im Auftrag des Gens hergestellte Membran-Protein büßt seine Funktion ein;
“Überfall auf Boten-RNS“:
1. aus doppelsträngiger RNS macht ein Proteinkomplex mit dem Namen „Dicer“ (Häcksler) kurze siRNS-Stücke (small interfering RNA);
2. an die Schnipsel lagert sich ein weiterer Protein-Baustein an;
3. der Proteinkomplex spaltet nun die siRNS in Einzelstränge;
4. das aus siRNS und Protein zusammengesetzte Molekül wirkt als „Slicer“ (Schlitzer): es erkennt eine passende Stelle auf einem Boten-RNS-Molekül, das gerade zum Ribosom unterwegs ist, zerlegt diese mRNS und bringt so das Gen zum Schweigen;
mit ihrer Hilfe entscheidet die Zelle, welche genetischen Informationen nach der Abschrift von der DNS (Transkription) überhaupt in Proteine umgesetzt werden sollen und welche nicht = „posttranskriptionelle Genregulation“
(bdw 3-2008 S.36ff)

·         Erbgut in Auflösung
Das Genom galt als unveränderlicher Bauplan des Mensche, der zu Beginn des Lebens festgelegt wird. … In Wirklichkeit sind unsere Erbanlagen in ständigem Wandel begriffen;
das Erbgut eines
jeden ist in beständigem Umbau begriffen. Die Folge: Jeder Organismus, jeder Mensch, selbst jede Körperzelle ist ein genetisches Universum für sich;
das Genom ist kein stabiler Text;
die jüngsten Erkenntnisse zeigen mehr denn je, dass der Mensch ein Produkt genetischer Prozesse ist. Aber auch, dass diese Prozesse mit vielen Freiheitsgraden ausgestattet sind. Sie bilden ein offenes System, in dem keineswegs alles vorbestimmt ist;
genaue Analysen zeigen nun: keine Zelle gleicht der nächsten;
Umweltbedingungen können sich im Erbgut niederschlagen, und auch eineiige Zwillinge sind nicht, wie bisher angenommen, identische Kopien voneinander;
bis vor wenigen Monaten galt die Annahme, dass sich das Erbgut zweier beliebiger Menschen nur in etwa einem Promille (0,1 %) aller DNA-Bausteine unterscheidet; vom wahren Ausmaß der Differenzen überrascht: In nahezu jedem zweiten Gen (von Craig Venter) stießen die Forscher auf Unterschiede zwischen den mütterlichen und väterlichen Genkopien … stellten zudem zuhauf sogenannte Inversionen (ganze Abschnitte der Erbmoleküle in neuer Reihenfolge eingebaut) oder Deletionen (Erbinformationen sind verschwunden) fest; andere Abschnitte hatten sich aus ihrer Umgebung herausgelöst und umgedreht wieder eingefügt;
Unzutreffend ist auch die bisherige Überzeugung, jedes Gen existiere in der Regel nur zweimal im Erbgut (einmal im väterlich, einmal im mütterlich ererbten Satz der Chromosomen). In Wahrheit unterliegen zahlreiche Erbinformationen einem Vervielfältigungsprozess und existieren in bis zu 16 Kopien in einem Zellkern. Bei mindestens 1500 menschlichen Genen wurden bisher solche Kopievarianten (CNVs = copy number variants) entdeckt; jeder Mensch weist sein eigenes CNV-Profil auf; CNV-Muster unterscheidet sich selbst in den Körperzellen eines bestimmten Menschen von dem anderer Zellen;
vervielfältigen sich so etwa Gene für die Produktion von Signalstoffen oder für deren Empfängermoleküle, verändern sich die Kommunikationssysteme des Organismus; CNVs beeinflussen die Genaktivität;
um den wahren Umfang der Baumaßnahmen im Genbestand zu ermitteln, wurde nun das „1000 Genomes Project“ gestartet. Im Verlauf von drei Jahren soll das Erbgut von 1000 Menschen aus aller Welt sequenziert werden;
das Wechselspiel im Menschengenom vermag nicht nur die individuellen Eigenheiten des Einzelnen zu erklären, es produziert auch das genetische Sortiment, aus dem die Evolution den Menschen weiter formt. Das macht einen weiteren verstörenden Befund verständlich: Die Spezies homo sapiens unterliegt offenbar einer Turboevolution. Hunderte Bereiche im Erbgut haben sich weit schneller gewandelt als bei anderen Primaten. … dass die Zivilisation seit Beginn der Jungsteinzeit die menschliche Evolution um das 100-fache beschleunigt haben muss;
noch bevor die Frage beantwortet werden konnte, was in unserer DNA uns menschlich mache (im Unterschied etwa zur DNA von Schimpansen), stand die nächste Frage im Raum: Was in meiner DNA macht mich zu mir?; alles deutet auf eine bestürzende Antwort hin: Ich bin viele;
zumindest physisch erscheint der Mensch nicht länger als Individuum, sondern als Verband egoistischer Zellkolonien. Bei bis zu 10 % aller Erbanlagen – und vielleicht weit mehr – ist entweder nur die mütterliche oder nur die väterliche Variante aktiv („autosomale monoallelische Expression“); davon sind besonders häufig Gene betroffen, die im Verlauf der Menschwerdung einer beschleunigten Evolution unterlagen, und solche mit wichtiger Funktion im zentralen Nervensystem;
selbst die biologische Identität des Individuums steht wohl zur Disposition; „Ich mag die Idee, dass wir Mosaiken sind“;
Auch soziale und materielle Außenfaktoren können einen Menschen auf dem Umweg über die Biologie prägen – indem sie seine Genfunktionen verändern. Durch sogenannte epigenetische Prozesse können offenbar Stress oder Folter, Ernährungsmangel oder Liebesentzug bis in den Zellkern hinein wirken;
auch die Biowissenschaftler rätseln nun über the dark matter of the genome, die dunkle Materie des Erbguts. Finden könnten sie das dunkle Geheimnis in jenem Teil des Erbguts, den sie bisher als Müll abgetan haben, als „Junk-DNA“. Relevant waren für sie nur jene wenigen Prozent des Genoms, die als Gene herkömmlicher Definition die nötigen Informationen für den Aufbau der Eiweiße in den Zellen enthalten. Der Rest galt als evolutionärer Schrott; inzwischen hat sich herausgestellt, dass diese vermeintliche Müllhalde des Genoms wichtige biologische Funktionen erfüllt. In ihr verbirgt sich offenbar der gesamte hochkomplexe Steuerungsapparat, der die Aktivität der Gene reguliert und koordiniert;
vor allem sogenannte microRNAs, eine bis vor kurzem unbekannte Klasse von Erbinformationen, regeln eine Vielzahl von Entwicklungs- und Krankheitsprozessen
(DIE ZEIT 12.6.08 S.33f.)

·         Erstmals Genom einer Frau vollständig entziffert
(Dresdner
Neueste Nachrichten 10.6.08)

·         Gewalt-Erfahrungen in der Kindheit: epigenetische Unterschiede zu Nicht-Opfern: Genaktivität durch das Ereignis verändert
(GID 188 Juni 2008 S.39)

·         Die gesamte Population von Epithelzellen des Magen-Darm-Traktes wird Woche für Woche komplett erneuert werden, verändern ihre chemische Zusammensetzung ständig, sodass nach einigen Monaten nahezu alle Moleküle des Körpers durch neu gebildete ersetzt sind … warum altert ein Körper, der sich in Wahrheit ständig neu synthetisiert?
(ZEIT 19.3.08 S.38)

·         Alterungsprozess / Verschleiß eines Organismus an Telomeren erkennbar; T. sind die Endstücke des auf den Chromosomen aufgespulten DNA-Fadens; werden beim Menschen bei jeder Zellteilung um etwa 20 Basenpaare kürzer
(bdw 8/2008 S.37)

·         amerikanisch-russisches Forscherteam hat das Erbgut des Mammuts zu weiten Teilen entziffert; etwa 80 % rekonstruiert;
(taz 21.11.08)

·         Erstmals Erbgut eines Käfers entschlüsselt; Mehlkäfer besitzt 16.000 Gene
(bdw 6-2008 S.12)

·         Forschungen am Weizmann-Institut in Israel;
Das Genom ganzer Organismen wurde durchgescannt und in Datenbanken gespeichert; Was haben wir jetzt? Nur eine Inventarliste des
Lebens, was fehlt, ist die Betriebsanleitung;
drei DNA-Abschnitte gefunden, die am Wachstum von Pflanzen beteiligt sind; Überraschung: sie sind keine Wachstums-, sondern Stopp-Faktoren; Wachstum ist der Grundzustand, damit es aufhört, wird es von der Pflanze aktiv gehemmt; wird das Wetter ungünstig, kann eine Pflanze ihr Wachstum in jedem Alter stoppen;
Versuche, Evolution im Computer zu simulieren; immer bleibt die Evolution stecken;
Lösung: wechselnde Umweltbedingungen, die Ziele wechseln ständig, weil die Umgebung sich ständig ändert; wechselnde Bedingungen in die Computermodelle eingeführt (aller 20 Generationen mal trockener, mal feuchter), Folge: die Evolution beschleunigte sich drastisch – bis zu 1 Milliarde mal schneller als zuvor
(bdw 6-2008 S.19ff)

·         Etwa 1 Trillion verschiedener Proteine gibt es auf der Erde
(Korrektur nach Rückfrage beim Autor: er hat britische trillions gemeint, die unseren deutschen Billionen = 10 hoch 12 entsprechen JK)
(Die Zeit 31.12.08 S.32)

·         Die codierenden DNA-Abschnitte müssen … komplexere Aufgaben wahrnehmen (nicht nur Information für 1 Protein JK) den rein rechnerischen Rekord bei multifunktionalen Genen hält die Fruchtfliege: Hier werden einem einzelnen Gen bis zu 38.000 verschiedene Gen-Produkte, das heißt Eiweiße (Proteine) zugeordnet …
am spektakulärsten ist wohl die Entdeckung, dass Stoffe, die lange Zeit für passive Botenstoffe gehalten wurden, in Wahrheit die Funktion der Gene bestimmen, auswählen und verändern können: Heute weiß man, dass die RNA keineswegs immer zuerst in ein Protein umgesetzt werden muss, um wirksam zu werden. Sie kann vielfältige direkte biologische Wirkungen haben. Sie kann die Aktivität der DNA steuern, Gene stilllegen oder andere RNA und die daraus resultierenden Gen-Produkte verändern. …
Es sind gerade die Gen-Strukturen, die bisher für inaktive „Junk“- oder „Nonsense“-DNA gehalten wurden und die über 90% des menschlichen Erbgutes ausmachen, denen jetzt eine entscheidende Rolle zugeordnet wird. Sie stellen RNA-Sequenzen her, die das komplexe Geschehen der Zellregulation auf verschiedenen Ebenen steuern …
(2007:) das menschliche Erbgut wird in Gänze genutzt; Junk-DNA gibt es nicht. Für die allermeisten Abschnitte gibt es verschiedene Abschriften, die so genannten RNA-Transkripte. Zudem sind die einzelnen Abschnitte im Erbgut nicht klar voneinander abgegrenzt, sondern werden jeweils überlappend abgelesen, ein DNA-Abschnitt kann sich in seiner Funktion mit einem benachbarten DNA-Abschnitt überschneiden …
Übersetzung der DNA-Information in Proteine mit dem Zwischenschritt der RNA-Synthese als Botenstoff … ursprünglich nahm man an, dass dies die einzige Art der Gen-Regulierung ist. Dabei ging man von Beobachtungen an Bakterien aus, bei denen dies für die Mehrzahl der DNA-Abschnitte auch tatsächlich gilt. Doch bei höheren Lebewesen wird nur ein relativ kleiner Teil der DNA auf diese Weise genutzt. So dient nur etwa 1 bis 2 Prozent Heute gehen Wissenschaftler davon aus, dass die codierenden Bereiche der DNA für durchschnittlich 5 bis 6, im Ausnahmefall für bis zu mehrere Tausend verschiedene Proteine die Informationen liefern …
2003 wurde in der Fachzeitschrift Nature Genetics ein Artikel veröffentlicht, demzufolge die Änderung eines einzigen – für den Geruchssinn wichtigen – Gens bei der Fruchtfliege zu Auswirkungen auf die Aktivität von 530 anderen Genen geführt hat. Betroffen sind das Immunsystem, das Zellskelett und andere Stoffwechselfunktionen …
Genmanipulierte Bakterien (Einzeller) können in einem geschlossenen System mit einer gewissen Zuverlässigkeit dazu gebracht werden, Substanzen wie Arzneimittelgrundstoffe zu produzieren. Möglicherweise sind Bakterien aufgrund ihrer natürlichen Fähigkeit, einzelne Gene auszutauschen, für derartige Verfahren tatsächlich wesentlich besser geeignet als andere Lebensformen …
(GID Spezial Nr.8 Dezember 2008: Gen in der Krise – Daten im Rausch, S.10ff.)

·         „Epigenetik“ …
Es handelt sich im Prinzip … um eine molekularbiologische Wissenschaft, die sich im Wesentlichen mit drei Gruppen von Molekülen beschäftigt, die innerhalb der Zelle die Genregulation beeinflussen: mit Methylgruppen und Enzymen für die Methylierung, mit Histonen, Acetyltransferase und Deacetylase, sowie mit kleinen RNA-Molekülen (sRNA). Gemeinsam ist diesen Molekülen, dass sie die genetische Sequenz der DNA nicht verändern, aber die Genexpression beeinflussen können. Diese Wirkung ist unabhängig von Zellteilungen und kann sogar von einer auf die andere Generation übertragen werden. Es handelt sich also um die Vererbung der Genexpression oder eines Phänotyps, die nicht auf der genetischen Sequenz beruht.
Die Bindung einer Methylgruppe (aus einem Kohlenstoffatom und drei Wasserstoffatomen – CH3) an den Cytosinrest der genetischen Sequenz vermag die Genexpression zu unterdrücken, indem sie die Transkription der DNA verhindert. In ähnlicher Weise kann die Acetylierung und Deacetylierung von Histonen die Information des Chromatins beeinflussen. Histone sind Proteine, um die sich die DNA wie um eine Spule herumwindet und die dadurch dem Chromatin seine Struktur verleihen. Wird eine Acetylgruppe hinzugefügt oder abgezogen, verändert dies die Wicklungsstärke der DNA um die Histone und mittelbar die Genexpression, weil die Gne dadurch besser bzw. schlechter für die Expression zugänglich sind
(GID Spezial Nr.8 Dezember 2008: Gen in der Krise – Daten im Rausch, S.42ff.)

·         die beiden Stränge des menschlichen Erbguts werden, anders als bisher gedacht, nicht nur in eine Richtung abgelesen (Science, Vorabveröffentlichung). Diese Entdeckung ist deswegen überraschend, weil die Abfolge der Basen in der DNA nur in einer Richtung Sinn ergibt. Die verkehrten DNA-Transkripte könnten dazu dienen, den Strang für das echte Ablesen bereitzuhalten. (? JK)
(Die ZEIT 11.12.2008 S.48)

·         US-Forscher haben nachgewiesen, dass Viren sich in der menschlichen DNA fest einbauen können und sogar vererbbar sind; Herpesviren bei Babys in Haarwurzelzellen gefunden, bei denen zumindest 1 Elternteil selbst befallen war; offenbar infiziert der Virus den Vorläufer einer Ei- oder Samenzelle, wenn diese Zellen es zur Befruchtung schaffen, entsteht ein Lebewesen mit einer Kopie des Virus in jedem Zellkern
(bdw 1/2009 S.9)

·      Tatsächlich mehren sich die Zweifel, ob die Gene im Verlauf der Evolution wirklich die Regie geführt haben. Immer mehr Indizien sprechen dafür, dass sie keineswegs die allein bestimmende Rolle, möglicherweise nicht einmal die entscheidende gespielt haben. "Unser Blick war viel zu sehr auf die Gene allein konzentriert", erklärt Carroll. Er fragt sich, ob die tatsächlichen Stellschrauben der Evolution nicht an ganz anderen Stellen zu finden sind.
Besonders eine Entdeckung beschäftigt die Forscher: Bei der Untersuchung von Embryonen sind sie auf eine Art Bausatz gestoßen, der sich im Erbgut eines jeden Tieres findet. Er besteht aus einigen hundert Genen, die allesamt rund 600 Millionen Jahre alt sind. Über diesen unermesslich langen Zeitraum wurde der genetische Masterplan zur Konstruktion von Tierkörpern fast unverändert von Kreatur zu Kreatur weitergegeben.
Einige der Bausatzgene lassen im Embryo Gliedmaßen wachsen - ganz egal, ob es nun Fischflossen, Adlerschwingen oder Fliegenbeine sind. Andere wiederum steuern die Bildung von Augen - und zwar gleichermaßen die Facettenaugen der Käfer, die Linsenaugen der Tintenfische oder die Schlitzaugen der Chinesen.
Verblüffend aber ist, dass sich diese Gene im Verlauf der Evolution kaum verändert haben. Aus Flossen wurden Beine, Arme oder Flügel, einfache Pigmentflecken entwickelten sich zu Fliegen- oder Menschenaugen. Doch die Bausatzgene, die diesen Prozess steuern, blieben gleich. Es veränderte sich nur die Art und Weise, wann und wo im Organismus sie angeschaltet werden.
Ähnlich wie sich aus einigen wenigen Legosteinen eine kaum begrenzte Vielzahl verschiedener Fahrzeuge, Gebäude oder Figuren bauen lässt, so schuf die Natur offenbar neue Organismen, indem sie einige wenige Bausatzgene auf immer neue Weise an- und abschaltete, regulierte und kombinierte. Dieses komplexe Regelungs-Netzwerk wollen die Forscher jetzt entflechten.

Das Erbgut von rund 50 Tierarten ist derzeit bekannt. …
Ende vergangenen Jahres erst wurde eine Skizze großer Teile des Mammut-Genoms publik gemacht. In diesem Jahr ist dann, wenn alles nach Plan läuft, der Neandertaler dran …

Der rote Blutfarbstoff Hämoglobin zum Beispiel hat schon sehr früh das Interesse der Evolutionsbiologen auf sich gezogen. Das Ur-Wirbeltier, so viel wissen sie aus Gen-Vergleichen, besaß ein einzelnes Hämoglobin, dessen Funktion darin bestand, das Gewebe mit Sauerstoff zu beliefern.
Vor einer halben Jahrmilliarde etwa wurde dieses Gen dupliziert. Seither hat es sich in verschiedenen Varianten im Erbgut verbreitet. Deshalb verfügt der menschliche Fötus heute über ein spezielles Hämoglobin, das ihm hilft, seinen extrem hohen Sauerstoffbedarf zu decken. Herz- und Skelettmuskel wiederum greifen auf ein anderes Molekül zurück - auch dieses hervorgegangen aus einer Globin-Kopie.
Eine zweite Klasse von Proteinen, über die inzwischen sehr viel bekannt ist, sind die Opsine. Ihnen verdankt der Mensch, dass er sehen kann.
Dicht gepackt finden sich diese Moleküle in den zapfenförmigen Lichtdetektoren der Netzhaut. Drei Arten dieser Zapfen stellen dabei jeweils unterschiedliche Opsine her, von denen jedes auf Licht etwas anderer Wellenlängen reagiert.
Die Natur hat ihre Geschöpfe sehr unterschiedlich mit solchen Zapfen-Opsinen ausgestattet - mit gewaltigen Folgen für das Sehvermögen. Eine winzige Änderung an der richtigen Stelle zum Beispiel kann bewirken, dass das Molekül plötzlich auf ultraviolettes Licht anspricht. Bei vielen Vögeln ist genau das der Fall: Die volle Federpracht männlicher Blaumeisen und Stare etwa, die deren Weibchen nachweisbar erregt, ist für den Menschen völlig unsichtbar
Erst die Vorfahren des Menschen erlernten dann wieder, was deren Urahnen verloren hatten: Vor etwa 30 Millionen Jahren entstand im Erbgut irgendeines Primaten eine neue Opsin-Variante, die das Farbensehen verbesserte. All seine Nachfahren - darunter Meerkatzen, Paviane, Schimpansen und der Mensch - erbten sie. Deshalb können sie Rot von Grün gut unterscheiden.
Was damals geschah, konnten die Forscher sogar im Labor nachvollziehen: Sie bauten einer Maus ein menschliches Opsin-Gen ins Erbgut ein - und siehe da, sie konnte einen rot und einen grün markierten Futterspender auseinanderhalten, während ihre Artgenossen blind für den Unterschied sind. Vermutlich könnte eine ähnliche einfache Gen-Manipulation dem Menschen die Augen für die Schönheit der UV-Welt öffnen. …
… wie einige wenige Bauplangene, auf immer wieder andere Weise angesteuert, solche Muster hervorbringen können. Er ist dabei auf ein unerhört komplexes Netzwerk von genetischen Schaltern gestoßen. Und er ist überzeugt: Dies ist die eigentliche Steuerzentrale der Evolution. Die Schalter, von denen Carroll spricht, liegen in Regionen des Erbguts, denen die Wissenschaftler lange wenig Beachtung geschenkt haben. Sie interessierten sich nur für jene Passagen des DNA-Texts, die im genetischen Code abgefasst sind. Seit dieser Mitte der sechziger Jahre geknackt wurde, waren diese Teile des Erbguts leicht zu lesen: Sie enthalten Instruktionen zur Herstellung von Proteinen.
Doch nach diesem Code sind gerade einmal 1,5 Prozent des menschlichen Genoms verschlüsselt. Die anderen "nichtcodierenden" 98,5 Prozent sind größtenteils wirr und unverständlich. Die Forscher taten sie als bloßen DNA-Müll ab - als bedeutungslosen Buchstabensalat, der sich eben im Laufe der Jahrmillionen angesammelt habe.
Inzwischen jedoch sind die Forscher ins Grübeln geraten. Riesige Wüsten im Erbgut haben sie entdeckt, in denen sich nicht ein einziges Gen findet. Und doch wurden diese Regionen des DNA-Texts über viele Jahrmillionen hin verblüffend wenig verändert. Warum, so fragt sich, sind sie so gut erhalten, wenn sie wirklich nur sinnloser Abfall sind?
Seit die Forscher diesen vermeintlichen Müll näher unter die Lupe nehmen, entdecken sie, dass manche dieser Textpassagen von Schaltern übersät sind, die Gene an- und abschalten können. Bei jedem Gen, so zeigt sich nun, wetteifern mehrere, nicht selten Dutzende solcher Schalter um ihren Einfluss.
Und noch etwas spricht dafür, dass die nichtcodierenden Regionen wichtiger sind als lange geglaubt. Von ihnen erhoffen sich die Genforscher die Antwort auf eine Rätselfrage, die ihnen schon seit Jahren Kopfzerbrechen bereitet: Wieso eigentlich hat der Mensch nur so wenige Gene?
Letzte Einigkeit über die genaue Anzahl der Menschengene ließ sich noch immer nicht herstellen. Die Schätzungen schwanken, aber derzeit gilt ein Wert um etwa 22 000 als wahrscheinlich. Das ist kaum mehr, als der einen Millimeter lange Fadenwurm (20 000 Gene) und die primitive Seeanemone (18 000 Gene) vorzuweisen haben, und sogar etwas weniger als der Wert der Maus (23 000 Gene).
Mensch und Wurm in derselben Liga - wie ist so etwas möglich?
Diese Zahlen erlauben nur eine Deutung: Die Gene allein spiegeln die Komplexität eines Organismus nur ungenügend wider. Wenn aber nicht in den Genen, wo ist das Geheimnis der Komplexität dann verborgen?
Gerade ist eine US-amerikanische Forschergruppe auf ein wesentlich besseres Maß gestoßen - und zwar in den nichtcodierenden Regionen. Die Wissenschaftler untersuchten sogenannte miRNA, eine erst vor wenigen Jahren entdeckte Art von kleinen Steuermolekülen, die in vielfältiger Weise eingreifen in die Regulierung des Zellstoffwechsels.
Forscher zählten schlicht ab und stellten fest: 677 dieser Schnipsel finden sich beim Menschen, die Maus liegt mit 491 schon deutlich dahinter. Der Fadenwurm bringt es gerade einmal auf 154 miRNA, die Seeanemone ist mit 40 ganz abgeschlagen. Im Großen und Ganzen geben diese Zahlen recht gut das Maß von Komplexität wieder, das Biologen diesen Organismen zubilligen. …

(microRNA (micros = griech. klein), abgekürzt miRNA oder miR, sind kurze, hoch konservierte, nicht kodierende RNA-Moleküle, die eine wichtige Rolle in dem komplexen Netzwerk der Genregulation, insbesondere beim Gen-Silencing (Stilllegen von Genen) spielen. MicroRNAs regulieren die Genexpression hochspezifisch auf post-transkriptionalem Level. microRNAs weisen im Allgemeinen eine Größe von 21 bis 23 Nukleotiden (nt) auf.
(Quelle: Wikipedia))


Und tatsächlich gibt es experimentelle Befunde, die diese Sicht stützen: Craig Venter zum Beispiel, der Tausendsassa, der schon mit der Entschlüsselung des Menschengenoms für Furore sorgte, interessiert sich inzwischen auch für die nichtcodierenden Bereiche. Bei Mensch und Hai hat er sie verglichen und dabei gezielt nach Abschnitten gesucht, die in beiden Arten fast identisch sind. Sein Argument: Wenn sie sich in den rund 500 Millionen Jahren, die beide Arten voneinander trennen, nicht verändert haben, dann müssen sie biologisch wichtig sein.
Verblüffend häufig wurde Venter fündig: Etwa 5000 Stellen im Erbgut spürte er auf, die sich bei Mensch und Hai gleichen. Besonders interessant dabei: Bevorzugt liegen sie in der Nähe von Werkzeugen aus dem Genbaukasten. Das spricht dafür, dass sie deren Schalter sind.
Für besonderes Aufsehen aber sorgte ein Ergebnis aus Kalifornien: Von Datenbanken lud die Evolutionsforscherin Katherine Pollard sich die DNA-Sequenzen von Maus, Ratte, Huhn, Schimpanse und Mensch herunter und verglich sie miteinander. In den endlosen Ketten der Buchstaben A, G, T und C ließ sie ihren Computer speziell nach solchen Passagen fahnden, die sich bei all diesen Tieren gleichen, beim Menschen jedoch auffällige Veränderungen aufweisen. Diese, so ihre Vermutung, haben dann höchstwahrscheinlich etwas mit dem menschlichen Sonderweg zu tun.
Insgesamt 49 solcher Regionen spürte Pollard auf. Nur zwei davon erwiesen sich als Gene, die Bauanleitungen für Proteine enthalten. Alle anderen 47 liegen im nichtcodierenden Bereich.
Einer der 49 Hot Spots der menschlichen Evolution stach besonders hervor, HAR1 hat Pollard ihn getauft. Bei Huhn und Schimpanse, deren evolutionäres Schicksal sich vor mehr als 300 Millionen Jahren schied, ist dieses DNA-Stückchen bis auf zwei Abweichungen identisch; Mensch und Schimpanse hingegen, die gerade einmal sieben Millionen Jahre Stammesgeschichte trennen, unterscheiden sich in 18 der HAR1-Buchstaben.
300 Millionen Jahre lang muss dieses Erbgutstückchen also von der Evolution sorgfältig beibehalten worden sein. Dann aber, in der kurzen Zeit der Menschwerdung, häuften sich plötzlich 18 Mutationen an. Was nur war da geschehen?
Die kalifornischen Forscher fanden heraus, dass das rätselhafte Stück des Gentexts nur von der siebten bis zur neunzehnten Schwangerschaftswoche in Aktion tritt, und zwar in Zellen, die eine Schlüsselrolle bei der Ausbildung der sechs Großhirnschichten des Menschen spielen.
Liegt da nicht der Verdacht nahe, dass die Wissenschaftler dem Geheimnis des explosiven Hirnwachstums des Menschen schon sehr nahe gekommen sind?

(Spiegel 4-2009 S.98ff. – gesamter Text: http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=63637476&top=SPIEGEL)

·         Der Bausatz des Lebens;
Dienen die Gene gleichsam als Fertigungsvorschrift für den Organismus wie der Konstruktionsplan des Architekten bei der Errichtung eines Gebäudes, sind Proteine die Ziegelsteine, der Mörtel und die Stahlträger, aus denen das Haus in Wahrheit besteht;
derzeit Biodaten von etwa 20.300 humanen Eiweißen gehortet, dazu kommen fast 14.000 so genannte Iso-Formen, menschliches Proteom könnte mehr als hunderttausend Eiweiße umfassen;
zu jedem Protein lässt sich (anhand der Aminosäure-Sequenz) auch ein Gen im Erbgut finden;
neulich konnten Wissenschaftler in einem Arbeitsgang 4400 Eiweiße aus Hefezellen identifizieren; bei ihnen gilt die „Ein Gen macht ein Protein“-Regel noch weitgehend;
beim Menschen sind mehrere Eiweiße aus einem Bauplan durch Modulkombination herstellbar;
inzwischen kann man auch sehr seltene Eiweißmoleküle in einer Zelle finden (weniger als 100 pro Zelle; manche anderen schwimmen millionenfach in einer Zelle);
eben wurden 12.000 Eiweiße des Fadenwurms analysiert (die Hälfte des Gesamtinventars) und dabei sogar die jeweiligen Mengen der Proteine bestimmt; Gegenüberstellung mit gleichartigen Eiweißen der Fruchtfliege ergab: obwohl durch 600 Millionen Jahre Evolution getrennt, waren die Mengen, die von einem großen Teil der Eiweiße gebildet wurden, nahezu gleich groß. Ein klarer Hinweis, dass die Dosis der Proteine in den Zellen ebenso wichtig ist wie ihr Aufbau … wichtige Aufgabe: in Zukunft nicht nur den Aufbau, sondern auch die Molekülzahl der Zelleiweiße ermitteln
(ZEIT 26.3.09 S.35)

·         Bleiben nach den großen Einsichten im Jahrhundert der Biologie überhaupt noch grundsätzliche Fragen offen? Ganz sicher genug, um Generationen von Evolutionsforschern herauszufordern. So wissen wir zwar viel über den Partner des Genoms in der lebenden Zelle, den Stoffwechsel, aber viel zu wenig, um die Wechselwirkung zwischen beiden auch nur annähernd zu durchschauen. Gegenwärtig scheint es noch so, als würde die im Erbgut gespeicherte Information alles steuern. Doch erstens trifft die Annahme, dass jedem Gen eine Eigenschaft zukommt, nicht so direkt zu, wie anfänglich angenommen, und zweitens kann das Genom nur tätig werden, wenn ein Stoffwechsel stattfindet. Im Virus ist das Genom inaktiv, weder lebendig noch tot. Zu arbeiten fängt es erst an, wenn eine passende »Wirtszelle« gefunden ist.
Spiegelt sich darin womöglich der Ursprung des Lebens? Hatten sich vor rund vier Milliarden Jahren »Informationsträger« mit »Stoffwechslern« zusammengefunden und so die erste Zelle und das Leben hervorgebracht – stand eine Symbiose am Anfang? Der Schwerpunkt der gegenwärtigen Forschungen liegt klar aufseiten der Informationsträger. Sie sind die Vorstufen des Erbgutes. Aber wie differenziert sie auch ausgebildet sein mögen, sie benötigen einen Stoffwechsel, um »lebendig« zu werden. Umgekehrt braucht der Stoffwechsel nicht unbedingt ein Genom zur Steuerung. Das zeigen unsere roten Blutkörperchen. Sie haben keinen Zellkern mit Genom, bleiben aber nach ihrer Bildung rund 100 Tage lebensfähig. Sie sollten viel gründlicher untersucht werden.
(Evolutionsbiologe Reichholf, ZEIT 18.9.08 S.41 ---
gesamter Text unter http://www.zeit.de/2008/39/N-Evolution?page=all)

·         USA, neue Bestimmung der Anzahl der Gene: Maus: 20.210, Mensch 19.042; 15.178 Gene sind bei Maus und Mensch funktional verwandt und stammen von einem gemeinsamen Vorläufer ab (Trennung vor 90 Millionen Jahren)
(taz 29.5.09 S.18)

·         DFG-Forschungszentrum für Regenerative Therapie Dresden: Mithilfe eines bestimmten Gens (smp) können Zebrafische nach dem Verlust von Körperteilen Gewebe nachbilden, etwa wächst Schwanzflosse nach
(taz 16.1.09 S.18)

·         das Genom des Rindes ist entschlüsselt; 22.000 Gene; Kuh ist näher mit dem Menschen als mit Mäusen und Ratten verwandt
(Freie Presse Chemnitz 24.4.09 S.12; bdw 7-2009 S.10)

·         nicht nur die genetische Verwandtschaft, sondern auch eine Kette von Fossilien belegen die Abstammung der Wale von landlebenden Huftieren (z.B. Nilpferde);
(bdw 7-2009 S.48)

·         mit Kaiserschnitt entbundene Kinder haben ein erhöhtes Krebs- oder Asthma-Risiko, Ursache ist vermutlich eine veränderte Genregulation;
schwedische Forscher entdeckten an weißen Blutkörperchen chemische Veränderungen an den Grundbausteinen der Erbsubstanz; drei bis fünf Tage nach der Geburt nicht mehr feststellbar, dann vergleichbar wie bei normalen Geburten; veränderte Methylisierung (regelt Aktivität einzelner Gene)
(taz 3.7.09 S.18)

·         internationales Wissenschaftlerteam will Genome von 10.000 Wirbeltierarten komplett entschlüsseln („Genome 10k“);
neuer Blick au die Entstehung der Arten, welche genetischen Mechanismen ließen aus einem gemeinsamen Vorfahren der Wirbeltiere, der vor etwa 500 bis 600 Millionen Jahren lebte, die heutige Artenvielfalt entstehen?;
welche DNA-Abschnitte sind bei allen Tieren gleich, welche haben sich verändert, ver4doppelt, verkürzt? Welche sind für wichtige Proteine verantwortlich, welche nichts als Erbgut-Müll?
derzeit sind neben dem Erbgut des Menschen Erbinformationen von rund 30 Säugetierarten und 24 weiteren Wirbeltierarten analysiert; für die erste Rohfassung des menschlichen erbgutes brauchten Forscher 10 Jahre, Kosten: rund 300 Millionen US-Dollar;
das Projekt „Genome 10k“ soll nach rund 5 Jahren abgeschlossen sein und 50 Millionen Dollar kosten;
Erbgut von Mammut und Neandertaler größtenteils entschlüsselt;
(Spiegel 49-2009 S.144ff)

·         dass der Mensch keineswegs nur die ausführende Marionette seines erbgutes ist – im Gegenteil, jede einzelne Zelle entscheidet, was sie aus ihren Genen macht, sie hat dafür eine Vielzahl von Schaltern uns sinnreichen Mechnismen; welche davon betätigt werden, hängt auch davon ab wie viel der Mensch zu essen hat, ob er raucht oder wie viel er sich bewegt. Und manchmal scheint die Schalterstellung, die sich aus Umwelt und Lebenserfahrung ergeben hat, sogar vererbt zu werden
(Spiegel 30-2009, S.107)

·         irische Forscher konnten drei Gene identifizieren, die ausschließlich beim Menschen vorkommen; im Schimpansen-Genom fehlen sie, beim Menschen hingegen erfüllen sie eine Aufgabe; es ist das erste Mal, dass menscheneigene Gene gefunden wurden, die sich nicht wenigstens auf Vorläuferversionen im Genom anderen Tiere zurückverfolgen lassen
(Die Zeit, 10.9.09, S.40)

·         die Protein-Faltung in den menschlichen Körperzellen entscheidet über Krankheiten, Alter und Tod;
knapp ein Jahrzehnt nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms hat sich gezeigt, dass die Hoffnung auf die allumfassende Erklärungskraft der Gene überzogen war. Inzwischen offenbart sich nin immer mehr Fällen, dass nicht die Information der Gene, sondern eher die dreidimensionale Faltung der Proteine über Wohl und Wehe im menschlichen Körper bestimmt;
“Protein“ aus dem griechischen „proteios“ = an erster Stelle stehend;
schätzungsweise 100.000 verschiedener Proteine im menschlichen Körper;
eine falsche Proteinfaltung führt beispielsweise bei Mukoviszidose-Patienten dazu, dass der Schleim ihrer Bronchien zäher ist ;
junge, frische Zellen haben Mechanismen, um mit fehlgefalteten Molekülen umzugehen; Ausschussware wird von den Proteinfabriken der Zelle normalerweise umgehend ausgesondert; Außerdem gibt es diverse Aufpasser, so genannte Chaperone (Engl.: Anstandsdamen), die dafür sorgen, dass halb fertige Zwischenstufen sich nicht (mit anderen Proteinvorstufen) verknäulen, sondern am Ende immer die richtige Form finden;
erst strauchelt die Qualitätskontrolle des Proteins, dann erst folgt die Instabilität des Erbgutes; die DNA braucht die Proteine, um sich zu vervielfältigen
(Die Zeit 10.9.09 S.33f)

·         US-Forscherteam; einem (einzigen) Eiweiß verdanken wir Menschen die Entwicklung der Sprache; die Menschen- und die Affenvariante (bei Schimpansen) dieses Schlüsseleiweißes arbeiten trotz ähnlichen Aufbaus unterschiedlich; Bauplan ist in einem Gen namens FOXP2 gespeichert, das den Beinamen „Sprachgen“ trägt; die menschliche Variante des Gens unterscheidet sich nur in zwei Bausteinen von der des Schimpansen; gerade diese Veränderung könnte jedoch eine feinere motorische Kontrolle der Gesichtsmuskeln, eine größere Flexibilität des Gehirns und damit die Basis für Sprache gelegt haben
(Freie Presse Chemnitz 12.11.09 S.1)

·         im Laufe des Lebens weicht auch das Erbgut eineiiger Zwillinge voneinander ab;
abhängig vom Lebensstil werden Gene ein- oder ausgeschaltet;
Welches Schicksal menschliche Zellen nehmen, hängt davon ab, welche Gene im Laufe ihrer Entwicklung wie aktiv sind. Teils wird das durch Steuerungs-Gene reguliert, die in den auf 46 Chromosomen verteilten … DNA-Strang integriert sind. Doch seit einigen Jahren zeigt sich immer deutlicher: Entscheidende Einflüsse auf die Genaktivität kommen von außen, von molekularen Steuermechanismen, die nicht in der DNA selbst stecken, sondern vielmehr auf ihr. Solche epigenetischen Faktoren kontrollieren die Genomfunktion, indem sie beispielsweise Gene anschalten oder stilllegen. Die DNA sei wie ein Tonband, auf dem Informationen gespeichert sind … Doch ein Tonband nützt uns ohne Abspielgerät rein gar nichts. Die Epigenetik befasst sich mit dem Abspielgerät …;
Als „Anschalter“ fungieren die Acetylgruppen; hängen sich an die Histon-Proteine, um diese ist die DNA gewickelt, sind die Histone acetyliert, geben sie die DNA zum Ablesen frei;
als epigenetische „Abschalter“ wirken Methylgruppen; binden an bestimmte Sprossen der DNA-Strickleiter und verhindern das Ablesen der Gene;
persönliche Erfahrungen und Umwelteinflüsse schlagen sich im epigenetischen Muster individuell nieder (Unterschiede auch bei eineiigen Zwillingen);
Während die Genetik über Millionen von Jahren wirkt, verändert die Epigenetik Organismen innerhalb einer Generation;
Epigenetische Veränderungen sind metastabil, sie entstehen schneller, sind aber auch leichter wieder rückgängig zu machen als Veränderungen der Gene selbst;
4000 menschliche Gene untersucht: bei mehr als 300 davon wird mal nur das eine (väterliche), mal nur das andere (mütterliche) Allel abgelesen, manchmal werden beide verwendet (hochgerechnet auf alle 20-25.000 Gene des Menschen: bei 1000 Genen nur ein Allel „in Betrieb“ genommen)
(bild der wissenschaft 6-2009 S.18ff)

·         (Nur) in einer bestimmten Phase der Zellteilung (Metaphase) liegen die DNA-Fäden als mikroskopisch gut sichtbare „Wäscheklammern“ vor (in der Mitte eine Einschnürung, dort sind die vier Arme verbunden, zu beiden Seiten gehen unterschiedlich lange Arme ab)
(bild der wissenschaft 6-2009 S.42ff)

·         Springende oder auch mobile genetische Elemente … „Transposons“ … nutzen die zelleigene Maschinerie gelegentlich dazu, sich selbst zu kopieren, und die Kopien bauen sich dann an x-beliebiger Stelle im Genom neu ein; einige wenige Elemente schneiden sich auch wieder aus der DNA aus, um weiter zu wandern;
Je nachdem, wo die springenden Gene auf ihrem Ziel-Chromosom landen, hat das unterschiedliche Folgen:
a) Stellen, wo keine Gene sitzen, in der Regel keine Auswirkungen für den Organismus
b) mitten in Genen, wo sie kodierende Sequenzen (Exons) zerstören; mögliche Folge: krankhafter oder tödlicher Ausfall lebenswichtiger Gene
c) mitten in Genen, aber neben Exons; können dann später in der Evolution selbst zu Exons werden, also die Funktion eines Gens verändern oder erweitern;
derzeitiger Kenntnisstand: nur 5% unseres Genoms haben überhaupt eine Funktion; mindestens 45% unseres Genoms gehen auf mobile genetische Elemente zurück, waren einmal mobil oder sind es noch;
unsere Gene sind “Inseln“ in einem Meer von springenden Elementen …;
vor gut drei Milliarden Jahren: kleine RNA-Schnipsel, die sich selbst kopieren konnten, waren die erste Erbsubstanz in einfachsten Zellen. Erst später „erfand“ die Evolution als Sicherungskopie der Erbsubstanz die DNA. Ihr Vorzug: Sie ist stabiler als RNA, und bei der Vermehrung schleichen sich nicht so oft Fehler ein;
Springende Elemente schaffen gute Voraussetzungen für genetische Variabilität, wie es kein anderer Mechanismus vermag. Sie tun dies zum einen, indem sie Kopien von Genen im Genom verstreuen. Gelegentlich nehmen mobile Elemente bei ihrer Wanderung benachbarte Gene oder Teile von Genen quasi huckepack an einen neuen Ort mit. Zum anderen kann eine Reverse Transkriptase auch manchmal „irrtümlich“ vorbeischwimmende mRNA eines Gens in einen DNA-Doppelstrang umschreiben, der sich dann später ins Genom integriert …
Keinesfalls erlauben mobile genetische Elemente eine zielgerichtete Evolution ….Transposons agieren blind, rein zufällig im Genom … Darwin ist nach wie vor gültig
(bild der wissenschaft 9-2009 S.38ff)

·         Springende Gene klären die Säuger-Evolution;
seit wenigen Jahrzehnten helfen molekulare Techniken, die Struktur der Stammbäume durch Vergleich des Erbgutes zu ergründen; Punktmutationen treten auf und werden vererbt; eines solche Punktmutation kann jedoch auch unabhängig von der ersten Veränderung ein zweites Mal auftreten oder es kann zu einer Rückmutation kommen; es gibt also stammesgeschichtlich informative und stammesgeschichtlich irreführende Daten; je längere Zeiträume der Evolution untersucht werden, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit solcher irreführender Mutationen im Datensatz, wodurch sich das Risiko erhöht, einen falschen Stammbaum zu rekonstruieren;
von Studie zu Studie, von Gen zu Gen unterscheiden sich die Säugetierstammbäume gewaltig;
das Bauplanbuch des Menschen namens Erbgut besteht nur zu etwa 1,5% aus Bauplänen, den Eiweiß-kodierenden Genen. Die Springenden Gene oder Retrotransposons machen hingegen mehr als 40% aus;
Springende Gene tragen ihren Namen, weil sie nicht nur an ihrer festen Position im Erbgut an die Nachkommen vererbt werden. Sie vermehren sich vielmehr auch innerhalb eines einzigen Genoms. Dabei wird zunächst das Springende Gen durch Enzyme kopiert. Diese Kopie wird dann an einer anderen Stelle wieder (zusätzlich JK) eingefügt. Die Stelle, an der diese Kopie eingefügt wird, ist zufällig. Ist die Kopie des Springenden Gens an der neuen Position fixiert, wird sie mit dem restlichen Genom an die Nachfahren weitervererbt. Über lange Zeit teilen sich dann mehrere Arten oder gar ganze Artengruppen diese Kopie an einer bestimmten Stelle im Erbgut. Alle Arten, die nicht vom Vorfahren abstammen, in dessen Genom sie eingefügt wurden, tragen sie dementsprechend nicht. Die Zufälligkeit des Einbaus ist dabei entscheidend: Da das gesamte Genom (des Menschen JK) etwa 3 Milliarden „Buchstaben“ enthält, ist es praktisch ausgeschlossen, dass ein Springendes Gen zweimal an genau die selbe Stelle im Genom eingefügt wird. Sprich: Alle Träger derselben Kopie des Gens an derselben Stelle im Erbgut müssen von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen;
Die Daten liefern zweifelsfreie Erkenntnisse über die Entstehungsgeschichte der heutigen Säuger.
(bild der wissenschaft plus; Klaus-Tschira-Preis für verständliche Wissenschaft, Die Preisträger 2008, 2009, S.20ff.)

·         Firma GENEART aus Regensburg ist in nur 10 Jahren zum Weltmarktführer im Bereich der „Synthetischen Biologie“ aufgestiegen; dort können Sie Gene kaufen, die Sie in der Natur nicht finden; in einer Fertigungshalle werden von Automaten, nicht größer als ein Bürokopierer, vollautomatisch sogenannte Oligonukleotide hergestellt, kurze Genschnipsel aus 40 bis 50 Informationseinheiten (die Basenbausteine A, T, G und C werden genau in der vorgegebenen Reihenfolge aneinander gehängt); in einem weiteren Schritt werden die „Oligos“ zu größeren Einheiten vereinigt; meist entstehen Gene aus tausend nis viertausend Bausteinen; 190 Mitarbeiter, Verarbeitung von 3 Millionen genetischer Buchstaben pro Monat; eine Gefahr: dass jemand z.B. Pockererreger-Virus in Auftrag gibt …
(Freie Presse Chemnitz 6.1.10 S.A2)

·         Etwa 3000 künstliche Gene pro Monat werden im Labor der Firma Geneart hergestellt. Forschungsinstitute auf der ganzen Welt, die US-amerikanische Gesundheitsbehörde, die Max-Planck-Gesellschaft, aber auch die Pharmaindustrie gehören zu ihren Kunden. "Praktisch jeder der großen Konzerne hat schon bei uns bestellt", sagt Geneart-Chef Ralf Wagner. Und er hat allen Grund, stolz zu sein: Etwa jedes zweite Kunstgen weltweit kommt aus Regensburg.;
Rund 20 Dollar kostete seinerzeit (vor 10 Jahren) jeder einzelne DNA-Buchstabe; Die Regensburger Biotech-Pioniere haben damit eine Entwicklung angestoßen, die schon in der Computertechnik ihr unerhörtes Potential bewiesen hat: Bekannt unter dem Namen "Moores Gesetz", gilt dort seit knapp 50 Jahren die Dynamik exponentiellen Wachstums. Doppelte Rechenkraft, doppelter Speicherplatz, und das zum halben Preis: So heißt dort immer aufs Neue die Devise.
Wie die Herstellung von Mikrochips, so beruht auch das Schreiben künstlicher Gene auf einer Technik, die wie geschaffen ist für unbegrenztes Wachstum. Schon ist der Preis eines DNA-Buchstaben auf unter 40 Cent gefallen.
Zwar ist die genetische Manipulation von Organismen eine längst vertraute Routinetechnik. Schließlich hatten die Molekularbiologen schon vor gut 30 Jahren molekulare Scheren gefunden, mit denen sich Erbgutstränge zerteilen lassen - und umgehend begonnen, im Erbgut herumzuschnippeln. Längst haben sie Fisch- und Quallengene in Getreidepflanzen geschleust und Darmbakterien beigebracht, menschliches Insulin oder Hepatitis-Impfstoff herzustellen.
Doch mit solchen Kabinettstückchen wollen sich die Synthetischen Biologen nicht länger begnügen. Ihnen schwebt weit Radikaleres vor.
Sie wollen nicht nur hier und dort ein Gen von Tier zu Tier transferieren oder auf gut Glück den einen oder anderen Genbaustein austauschen. Ihr Ziel ist es, selbst die Sprache der Natur zu lernen. Sie wollen völlig neue Gene konstruieren, Stoffwechselpfade bisher unbekannter Art im Erbgut programmieren - und am Ende schließlich Lebensformen schaffen, wie sie die Natur selbst nie hervorgebracht hat. ;
Medikamente zum Nulltarif, sauberes Benzin und rechnende Organismen; Materialien, die sich selbst reparieren, und Bakterien, die Treibhausgase in Baustoff verwandeln: Den denkbaren Anwendungen sind kaum Grenzen gesetzt. Irgendwann, so verkünden die kühnsten der Visionäre, würden sie auch genetische Programme schreiben, mit denen sich nicht nur die Natur, sondern sogar die Evolution des Menschen selbst steuern ließe.;
(Genforscher Craig Venter:)
im Jahre 2001, hatte er die Gensequenz des Menschen buchstabiert. Diesmal möchte er der Erste sein, der in einer Petrischale den Funken des künstlichen Lebens zündet.
Im Jahrestakt rückt er diesem Durchbruch näher: Vor gut zwei Jahren gelang es ihm erstmals, das Erbgut eines Bakteriums in ein andersartiges zu übertragen. "Wir haben die Software ausgetauscht und dadurch den alten Organismus ausgelöscht und einen anderen erschaffen", so beschrieb er seinen Triumph.
Ein Jahr später machte Venter Schlagzeilen, als er erstmals das vollständige Erbgut eines primitiven Bakteriums synthetisiert hatte. Aus Genen, die er teils aus Regensburg bezog, setzte er sämtliche 582 970 Basenpaare des Bakteriums Mycoplasma genitalium zusammen.
Im Jahr 2009 schließlich räumte er die womöglich letzte Hürde auf dem Weg zum Kunstwesen beiseite. Venters erster Versuch, das Kunstchromosom in ein Bakterium zu pflanzen, war nämlich gescheitert. Ähnlich wie ein menschlicher Körper fremde Organe abstößt, so schien auch das Wirtsbakterium das künstliche Erbgut als fremd zu erkennen und zu zerstückeln.
Nun aber stellten die Forscher um Venter fest, dass sich das Erbgut durch sogenannte Methylierung vor diesen Attacken schützen lässt. Deshalb wollen sie ihr Kunstchromosom mit Methylkappen wappnen. "Damit sollte der letzte Schritt zur Vollendung unseres Projekts gelungen sein", erklärt Nobelpreisträger Hamilton Smith, einer von Venters Mitarbeitern.
Schon im nun anbrechenden Jahr könnte es so weit sein: Erstmals würde sich dann in einem Labor tote Materie in lebendige Kreatur verwandeln. "Die Evolution geht damit, von Menschenhand geleitet, weiter", verkündet Genpionier Venter.
Freilich behauptet auch er nicht, dass sein Kunstorganismus, falls seine Herstellung wirklich klappen sollte, von Grund auf neues Leben ist. Nicht nur, dass sich Venter des genetischen Codes und damit der Sprache der Natur bedient. Er braucht auch den komplexen Mix aus Protein-, Fett- und Zuckermolekülen, den das künstliche Erbgut im Zellkörper des bakteriellen Wirts vorfindet. "Wir greifen also auf mehr als drei Milliarden Jahre Evolution zurück", gibt Venter zu.;
(Harvard-Forscher Jack Szostack, Nobelpreis Medizin 2010, will verstehen, wie das Leben auf der Erde einst entstanden ist:)
Szostak wendet sich damit einem jener drei großen Schöpfungsmomente zu, die wie kaum etwas anderes von jeher die Wissenschaftler in ihren Bann gezogen haben. Es handelt sich um jene drei Vorgänge in der Geschichte des Kosmos, im Verlaufe deren völlig Neuartiges geschaffen wurde: Am Anfang allen Daseins vor rund 13,7 Milliarden Jahren entstand im Urknall die Materie. Im jüngsten Kapitel der Universumsgeschichte dann verwandelte sich das Geschwätz von Neuronen unvermittelt in Menschengeist.
Dazwischen aber, gleichsam zur kosmischen Halbzeit, begannen auf einem kleinen Planeten namens Erde ein paar Moleküle zu leben. Sie hatten sich zu Organismen zusammengeschlossen, die fähig waren, sich zu wandeln und sich so ihrer Umgebung anzupassen. Und indem sie so um ihr Überleben kämpften, indem sie Nahrung suchten, vor Gefahren flohen und stets nach Vermehrung strebten, war plötzlich ein Zweck, ein Sinn, eine Bestimmung in die Welt gekommen. Wie nur war das möglich gewesen? War hier ein der Materie eigener Drang erwacht, den sie seit ihrer Entstehung im Urknall in sich getragen hatte? Oder verdankt das Leben seine Existenz einem einzigartigen Zufall?
Unweigerlich stoßen bei Fragen wie diesen Wissenschaft und Religion aufeinander. Denn es geht zugleich auch darum, ob die Wissenschaft die alleinige Hoheit für die Welterklärung für sich beanspruchen kann - oder ob noch Raum bleibt für etwa Göttliches.
Auch Szostak weiß: "Die exakten Umstände, unter denen das Leben entstanden ist, sind möglicherweise für immer für die Wissenschaft verloren." Denn nicht nur das Drehbuch des Dramas ist verschollen, auch die Bühne, auf der es sich abgespielt hat, liegt weitgehend im Dunkeln.;
Als gesichert kann nur gelten, dass der Planet hektischer als heute um seine Achse trudelte; ein Erdtag dauerte womöglich nicht länger als sechs Stunden. Auch stand der Mond deutlich größer am Nachthimmel und schleppte eine entsprechend mächtigere Flutwelle mit sich.
Vor allem aber stand die Urerde unter heftigem Beschuss. Schätzungen zufolge schlugen allein 15 gigantische Himmelskörper ein, die groß genug waren, um ganze Weltmeere verdampfen zu lassen; 4 von ihnen maßen gar mehr als 300 Kilometer im Durchmesser. Zum Vergleich: Der Meteorit, der vor 65 Millionen Jahren den Dinosauriern den Garaus machte, war 30-mal kleiner und wog gerade einmal ein 30000stel.
Zwischen den Einschlägen aber könnte es frostig gewesen sein. Denn die Sonne schwächelte, ihre Strahlkraft war um etwa ein Drittel geringer als heute; zudem dürfte der Staub zerborstener Meteoriten den Himmel immer wieder verdunkelt haben. Gut möglich deshalb, dass sich dicke Eispanzer auf die Urozeane legten.
Und irgendwo inmitten dieses Spektakels soll das junge Leben gekeimt haben? Nicht das Paradies, sondern vielmehr die Hölle soll seine Geburtsstätte gewesen sein?
Als der Münchner Patentanwalt Günter Wächtershäuser in den achtziger Jahren eine urzeitliche Schwefel-Eisen-Chemie ersann, aus der Leben hervorgegangen sein könnte, rückten die Schwarzen Raucher, die entlang der mittelozeanischen Rücken ihre brühend heiße Mineralfracht ins Tiefenwasser speien, in den Mittelpunkt des Interesses.
Inzwischen gelten die gutmütigeren Verwandten dieser heißen Quellen, die Hydrothermalquellen vom sogenannten Lost-City-Typ, als plausiblere Brutstätten des Urlebens. Auch sie finden sich am Ozeanboden, nur dass hier das Wasser mit moderateren Temperaturen aus dem Gestein schießt. Zudem sind die Schlote von einem Labyrinth feiner Kavernen und Kanäle durchzogen, die den Urorganismen als Heimstatt gedient haben könnten. ;
(Forscher aus Heidelberg und Barcelona:)
hatten sich vorgenommen, genau zu erfassen, was eigentlich das Minimum ist, dessen es bedarf, um lebendig zu sein.
Auf der Suche nach einem möglichst unkomplizierten Lebewesen entschieden sie sich für das Bakterium Mycoplasma pneumoniae, das mit rund 816 000 Genbuchstaben zu den schlichtesten eigenständig lebensfähigen Geschöpfen zählt.
Diese Mikrobe unterzogen die Forscher einer radikalen Molekular-Anatomie. Gründlich wie bei keinem Organismus zuvor vermaßen sie all ihre Gene, stellten fest, wann diese aktiv sind und wann sie abgeschaltet werden, wie die einzelnen Proteine miteinander wechselwirken und welche chemischen Reaktionen sie antreiben.
Stück für Stück offenbarte sich den Wissenschaftlern dabei ein vielmaschiges Geflecht von 189 Stoffwechselreaktionen, die von insgesamt 129 Enzymen gesteuert werden. Rund 200 molekulare Maschinen zählten die Forscher, 178 jeweils aus mehreren Proteinen zusammengesetzte Eiweißgebilde spürten sie auf.
Vor allem aber verblüffte die Forscher, wie flexibel dieses Regelwerk auf seine Umgebung zu reagieren vermag. Je nachdem welchen Nähr- oder Signalstoffen die Mikrobe begegnet, kann sie an einer Vielzahl von Stellschrauben die Wirkung einzelner Gene herauf-, die anderer hingegen herunterregeln.
Und das soll nun die einfachste Form allen Lebens sein?
Die Lücke zwischen der archaischen Chemie auf der Urerde und den ersten Lebensformen heutiger Bauart zu schließen ist auch deshalb so schwierig, weil in der Übergangsphase eine Form von Leben existiert haben muss, dessen Überbleibsel vollständig getilgt sind.
Während nämlich sämtliche heutigen Bewohner der Erde ihr Erbgut in Form von DNA-Strängen aufbewahren, war den ersten lebendigen Kreaturen diese Molekülsorte höchstwahrscheinlich fremd. Stattdessen nutzten sie vermutlich einen chemischen Verwandten der DNA, die sogenannte Ribonukleinsäure RNA.
Vor allem eine Eigenschaft dieses Moleküls fasziniert die Forscher: Es vereinigt Eigenschaften von Proteinen und DNA in sich und damit beider wichtigen Gruppen von Biomolekülen. Wie die DNA so taugt auch die RNA als Träger genetischer Information. Gleichzeitig aber kann ein RNA-Molekül, genauso wie ein Protein, gezielt ganz bestimmte chemische Reaktionen vorantreiben.
Deshalb gehen die Forscher davon aus, dass, ehe die ersten modernen Lebewesen die Bühne betraten, ihre einfacheren Vorfahren eine weniger komplizierte "RNA-Welt" bevölkerten, in der RNA-Moleküle die Aufgabe von Genen und Proteinen gleichermaßen übernahmen. ;
Als besonders bedeutsam gilt die Entdeckung eines britischen Teams. Den Wissenschaftlern der University of Manchester gelang es, einen Weg zu finden, wie unter den Bedingungen der Urerde die Bausteine der RNA entstanden sein könnten. Jahrzehntelang hatten sich ihre Kollegen vergebens bemüht, dieses Rätsel zu knacken.
Gleichzeitig tüftelten Gerald Joyce und seine Kollegen am Scripps Research Institute im kalifornischen La Jolla so lange mit RNA-Molekülen herum, bis sie zwei Exemplare mit außergewöhnlichen Eigenschaften gefunden hatten: Jedes der beiden ist fähig, eine Kopie des jeweils anderen zu verfertigen.
Indem sie sich also wechselseitig herstellen, pflanzen sich diese RNA-Kreaturen gleichsam fort. "Wir haben unsterbliche Moleküle", verkündet Joyce. Zwar sei es sicher verfrüht, sie lebendig zu nennen, lebensähnlich aber seien sie immerhin.
(http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-68525307.html; Titel: Die Schöpfung im Labor)

·         (156) … dass nur schätzungsweise ein Zehntel Prozent unserer Gene für das erkennbare Äußere zuständig sind, der Rest für die „inneren Werte“.
(345) So schön das Bild von der Doppelhelix als unendlich verschlungenem Schlangenpaar ist, so fatal sind die Missverständnisse aus der Buchmetapher. Die „Schrift“ aus den vier „Buchstaben“ A, T, C und G ist in Wahrheit nur eine Vorstufe, die erst nach der Decodierung gelesen werden kann – wie die digitale Spur auf einer Compact Disc. Erst das Programm des Dechiffriergeräts oder des biochemischen Apparats der Zelle erweckt den Inhalt zum Leben. Die Daten sind verschlüsselt wie in einer Morseschrift. Die eigentlichen „Wörter“ finden sich erst auf der Ebene der Eiweiße, die ihre komplexen Funktionen dem Aufbau aus wenig mehr als zwanzig unterschiedlichen Aminosäuren verdanken. Die Schrift hat also nicht vier, sondern über zwanzig Buchstaben.
(S. 346) Offenbar können aus einem Gen auch unterschiedliche Eiweiße hervorgehen. Außerdem können sich Gene aus DNA-Abschnitten zusammensetzen, die aus unterschiedlichen Regionen des Genoms stammen. Sie können unterbrochen sein, im Genom hin und her springen, durch chemische Anhängsel kurzzeitig oder dauerhaft aktiviert oder deaktiviert werden.
(349ff) lamarckistische Evolution (Vererbung erworbener Eigenschaften) … Das kann sich bis hinunter auf die Ebene der Gene auswirken … Der gesamte Stoffwechsel – und damit der biologische Kern unseres Seins – hängt davon ab, ob sie (die Gene) „ein-„ oder „ausgeschaltet“ sind. …
epigenetische Muster können sich offenbar auf Kinder und über mehrere Generationen auf deren Nachkommen übertragen 
dass ein Organismus ohne jede genetische Veränderung oder Mutation sein Genom auf eine Umwelt einstellen kann – was die Macht der Gene weiter beschneidet. … besagt auch, dass der Lebensstil der Eltern weitaus mehr Einfluss auf das Gedeihen ihrer Nachwuchses hat als bis vor Kurzem angenommen
(392) Mikroorganismen üben einen so starken Selektionsdruck aus (als Krankheitserreger, als Symbiosepartner JK), dass sie entscheidend zur Evolution der Arten beitragen
(394) Vermutlich hat sich während der Evolution auch das gesamte Genom mehrfach verdoppelt, mindestens dreimal seit Beginn der Wirbeltiere. Dadurch lassen sich Sprünge im evolutionären Fortschritt noch besser verstehen …
Dank eines von Zellen eingesetzten Verfahrens, „Splicing“ genannt, kann ihre Maschinerie denselben Abschnitt (der Erbsubstanz JK) auf sehr viele unterschiedliche Weisen „lesen“. Bei der Fruchtfliege sind mehrere Tausend unterschiedliche Eiweiße entdeckt worden, die alle von einem Gen abstammen. Beim Menschen werden bis zu sechzig Prozent aller Gene diesem Typus zugeordnet;
Das Konzept „Gen“ verliert mehr und mehr seine Bedeutung. Nach Ansicht der amerikanischen Wissenschaftshistorikerin Evelyn Fox Keller spielen Gene heute in der Biologie eine ähnliche Rolle wie das ptolemäische Weltbild in der Astronomie vor Kopernikus
(396) „Mastergene“, die das gesamte Geschehen auf einer nächsten (übergeordneten) Ebene kontrollieren. Sie hören auf Namen wie „hox“ oder „pax“, aktivieren als „Kerne“ ganze Regelkreise, haben sich in Hunderten Millionen Jahren während der Evolution fast unverändert erhalten und werden mitunter auch als Teil eines gemeinsamen „genetischen Werkzeugkastens“ des Tierreichs betrachtet. Acht von ihnen finden sich in nahezu allen untersuchten Mehrzellern.
Ob die Flügel einer Fliege oder die Arme eines Menschen, ihr Aufbau wird eingeleitet durch die Aktivierung eines solchen Mastergens. Um neue komplexe Formen hervorzubringen, braucht es statt Mutationen oft nur die Modifizierung vorhandener Gene und Entwicklungspläne … so lassen sich einmal mehr auch jene Sprünge in der Evolution erklären, mit denen Kreationisten ihre Kritik an Darwin untermauern. Fische etwa besitzen bereits die genetischen Anlagen für Gliedmaßen, die beim Übergang auf das Land „nur“ aktiviert werden müssen.
(Jürgen Neffe: Darwin – das Abenteuer des Lebens, Goldmann München 2010)

·         Leipziger Institut für Evolutionäre Anthropologie; 40.000 Jahre altes Neandertaler-Erbgut zu 70% sequenziert; Vergleich mit Genomen von 5 unserer Zeitgenossen (China, Frankreich, Papua-Neuguinea, Südafrika, Westafrika); Ergebnis: nicht Afrikaner, wohl aber Europäer, Asiaten und Papua-Neuguineaner tragen heute zwischen 2 und 4 % Neandertaler-Erbgut in sich; Homo sapiens und Neandertaler hatten Sex miteinander und gemeinsame Nachkommen;
Unterschiede zwischen modernen Menschen und Neandertalern vor allem in Genen, die mit kognitiven Funktionen zusammenhängen, mit dem Stoffwechsel, der Entwicklung des Schädels und des Brustkorbs;
erstmalige Sequenzierung des menschlichen Erbguts 2000 dauerte 13 Jahre und kostete 1,5Milliarden Euro;
Heute erbringen die Forscher in Leipzig diese Leistung innerhalb 1 Woche für 5000 Euro
(taz 7.5.2010 S.18)

·         die Gene steuern uns, aber auch wir steuern die Gene, durch unseren Lebensstil;
äußere Einflüsse können Gene chemisch verändern und sie auf diese Weise an- und ausschalten. Körperliche Aktivität, aber auch zwischenmenschliche Beziehungen und soziale Faktoren prägen das Erbgut.
Neben dem Inhalt der Gene, der Abfolge der DNA-Bausteine, trägt das Erbgut eine übergeordnete Ebene von Informationen. Diese epigenetischen (auf den Genen liegenden) Mechanismen steuern das Verhalten von Genen. Die Epigenetik stellt das lange gesuchte Scharnier dar, über das die Umwelt auf die Erbanlagen wirkt.;
An immer mehr Beispielen erkennen Forscher, wie die Umwelt dem Erbgut ihren Stempel aufdrückt. Babys, die von der Mutter liebevoll gestreichelt werden, sind darum offenbar als Erwachsene gegen Stress gefeit, wie es eine Ende Juli veröffentlichte epidemiologische Studie bestätigt hat. Menschen, die meditieren, verändern tatsächlich die Architektur ihres Gehirns. Heimkinder, die in eine Adoptionsfamilie kommen, blühen auf. Und eineiige Zwillinge können in ihrem Verhalten grundverschieden sein.;
Die epigenetischen Informationen (zu denen verschiedene chemische Veränderungen des Erbguts zählen) werden von den Zellen sogar auf die Tochterzellen weitergegeben - der Körper hat ein Gedächtnis. Das Körpergedächtnis kann allerdings verblassen und überschrieben werden, weil die epigenetischen Inschriften löschbar sind. Die Prägungen an den Genen beruhen auf umkehrbaren chemischen Reaktionen;
Die Gene sind kein Schicksal, sondern wunderbar wandelbar - diese bahnbrechende Erkenntnis der Epigenetiker räumt auf mit alten Vorstellungen. Lange hielten Biologen die Gene für fixiert: Nur durch Änderungen der Abfolge der DNA-Bausteine, durch Mutationen, könnten neue Eigenschaften entstehen - darunter Talente, Verhaltensweisen und Anfälligkeiten für Krankheiten.;
Es gibt rund 7000 dieser monogenen Erbkrankheiten; ihre Verbreitung in der Bevölkerung ist allerdings sehr gering.;
Die vielbeschworene genetische Anfälligkeit für Krebs wird überschätzt; die Umwelt ist weitaus wichtiger.;
"Die neuere Forschung legt nahe, dass diese Gene wahrscheinlich gar nicht existieren oder, wenn sie es denn doch tun, dass sie wahrscheinlich keinen nennenswerten Einfluss auf die Häufigkeit von Krebs haben.";
Manche Gene in Krebszellen trugen kleine chemische Markierungen, sogenannte Methylgruppen. Durch die Methylierung wird ein Gen selbst nicht verändert - jedoch wird es dadurch abgeschaltet. Das bedeutet: Die Methylierung kann die Wirkung eines Gens verändern, ohne dessen Inhalt zu verändern.;
Damals hielten Biologen die Methylierung für ein Phänomen, das nur in der frühesten Phase des Lebens eine Rolle spielt. Wenn der Samenfaden die Eizelle befruchtet und der Embryo entsteht, dann werden fast alle Methylgruppen im Erbgut gelöscht - in diesem Zustand gleichen die Zellen unbeschriebenen Blättern. Reift der Körper heran, werden in den entstehenden Geweben nun ganz bestimmte Gene gezielt eingeschaltet: Auf diese Weise entwickeln sich manche Zellen zu Nervenzellen, andere zu Leberzellen, wieder andere zu Herzzellen - und das, obwohl alle Zellen das gleiche Erbgut haben.
(Spiegel 32-2010 S.111ff.)

·         ein Biologe fahndet nach DNA-Abschnitten, die bei so verschiedenen Organismen wie Mensch und Ackerschmalwand in ähnlicher Form vorhanden sind – auch wenn sie in beiden Arten verschiedene Wirkung haben. So beeinflussen Gene, die beim Menschen mit der Entstehung von Brustkrebs zu tun haben, das Geschlecht der Nachkommen von Würmern; Erbgutabschnitte, die bei Pflanzen die Wahrnehmung der Schwerkraft steuern, stehen beim Menschen in Zusammenhang mit einer Erbkrankheit, und was bei Mäusen die Bildung von Blutgefäßen lenkt, kann auch über das Wachstum von Hefezellen bestimmen.
(Der Spiegel 14-2010 S.107)

·         Uni Tübingen; erstmals künstlich eine Nacktschnecke gezüchtet; Zugabe von Platin bewirkte bei Embryonen einer Süßwasserschnecke, dass diese keine äußere Schale entwickelten, sondern eine kleinere, innere; Beeinflussung war nur innerhalb einer kurzen Zeitspanne von bis zu 2 Tagen möglich; es gibt in der Natur Schnecken sowie Tintenfische mit inneren Schalen;
eine geringfügige Modifikation eines Signals kann zu einer sprunghaften Veränderung des Organismus führen
(taz 15.10.2010 S.18)

·         schmerzhafte medizinische Eingriffe bei frühgeborenen Babys hinterlassen langfristig Spuren; sie zeigten noch im Alter von 11 bis 16 Jahren eine stärkere Gehirnreaktion auf schmerzhafte Reize als reif geborene Kinder
(taz 15.10.2010 S.18)

·         Forscher aus Italien und USA haben das Genom des Kultur-Apfels entschlüsselt (wie der Apfel vor etwa 4000 Jahren erstmals im Nahen Osten auftauchte); etwa 742 Millionen Basenpaare lang
(taz 30.8.2010 S.2)

·         erstmals komplettes Genom der Braunalge entschlüsselt; 16.000 Gene;
im Laufe der Erdgeschichte hat sich aus Einzellern 5 x unabhängig voneinander komplexes vielzelliges Leben entwickelt. Aus diesen 5 Linien sind die Tiere, die Pflanzen, die Pilze, die Rotalgen und die Braunalgen unabhängig voneinander entstanden;
die Wissenschaftler konnten jetzt die Theorie widerlegen, dass Braunalgen aus einer Verschmelzung von photosynthetisch inaktiven, farblosen Zellen mit einer einzelligen Rotalge entstanden. Stattdessen gehen Braunalgen aus einer Fusion einer Grünalge mit einer Rotalge hervor.
(taz 4.7.2010 S.18)

·         Team um Genforscher Craig Venter hat ein lebensfähiges Bakterium entstehen lassen, dessen Erbgut künstlich hergestellt wurde;
die Gensequenz eines Bakteriums (Mycoplasma) im Labor analysiert, im Labor synthetisiert und dann in ein anderes Bakterium eingepflanzt; dieser Organismus hat das Erbgut übernommen, sein eigenes abgestoßen, und mit den neuen Erbinformationen neue Stoffe produziert;
der katholische Erzbischof Bruno Forte von der Päpstlichen Theologenkommission sprach von „Aufmerksamkeit und Sympathie der Kirche“ für diese gentechnischen Experimente. Glaube und wissenschaftliche Vernunft stünden nicht im Gegensatz zueinander. Die Entdeckung solle für einen besseren Umweltschutz und wirksamere medizinische Therapien eingesetzt werden
(Freie Presse Chemnitz, Pfingsten 2010, S.1; taz 22.5.2010 S.10)

·         US-Wissenschaftler fanden in 80 Millionen Jahre altem Fossil eines Dinosauriers noch intakte Proteine, Sequenz der Nukleinsäuren ermöglichte Zuordnung zu Stammbäumen; bisher ging man davon aus, dass Proteine nach spätestens 1 Million Jahren durch Mineralien ersetzt sind
(bild der wissenschaft 8-2010 S.15)

·      ANTIBIOTIKA-RESISTENZEN - Veränderte Darmbewohner
Antibiotika beeinflussen die Darmflora wesentlich dauerhafter als bisher vermutet wurde. Schon nach kurzer Einnahme solcher Medikamente tragen nützliche Darmbewohner bis zu zwei Jahre lang Resistenzgene. Während dieser Zeitspanne könnten sie diese Abwehrmechanismen auch an bakterielle Krankheitserreger weitergeben, warnen Forscher des schwedischen Instituts zur Kontrolle von Infektionskrankheiten. Bislang ging man davon aus, dass der Einfluss von Antibiotika auf die normalen Darmbewohner nur von kurzer Dauer sei. "Die langfristige Präsenz von Resistenzgenen in Darmbewohnern steigert jedoch das Risiko drastisch, dass sie an gefährliche Mikroben weitergereicht werden, die den Darm durchlaufen und sich zu neuen Stämmen resistenter Bakterien entwickeln können", schreiben die Forscher in der Zeitschrift Microbiology. Die Wissenschaftler verweisen auch darauf, dass bakterielle Krankheitserreger immer häufiger gegen die bisher verfügbaren Mittel immun sind.
(taz 12.11.2010 S.18)

·         Amerikanische Wissenschaftler haben eine Entdeckung gemacht, die bisherige biologische Erkenntnisse auf den Kopf stellt: Bakterien, die sich von giftigem Arsen ernähren. Es handelt sich um Leben - aber um eine bisher völlig unbekannte Art. Die Forscher aus den USA sind verwirrt, aber auch hoffnungsfroh: Mit den neuen Erkenntnissen lässt sich außerirdisches Leben womöglich besser aufspüren.
Die Wissenschaftler, die von der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA unterstützt wurden, haben zwar keine Aliens entdeckt, aber durchaus eine wissenschaftliche Sensation: Bisher gilt unter Biologen die eiserne Regel, dass das Leben auf der Erde aus sechs chemischen Elementen besteht: Phosphor, Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Schwefel und Sauerstoff. Das für Menschen hochgiftige Arsen zählte nicht zu diesen Stoffen.
Jetzt fanden die Forscher, die ihre Ergebnisse im Wissenschaftsmagazin "Science" darlegen, im kalifornischen Salzsees Mono Lake Bakterien, die anstelle von Phosphor das giftige Schwermetall "verdauen". Die Bakterien bauen Arsen in Fette, Proteine und sogar in ihr Erbgut ein, berichten die NASA-Wissenschaftler. Damit wurde erstmals belegt, dass einer der zentralen Bausteine allen irdischen Lebens durch ein anderes Element ersetzt werden kann
(http://nachrichten.t-online.de/nasa-findet-komplett-neue-lebensform-auf-der-erde/id_43623880/index)

·         Kritisches zu vorstehendem Bericht:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/umstrittene-nasa-entdeckung-streit-um-arsen-bakterien-erreicht-naechste-runde-a-766179.html

·         „Arsen-Bakterien“ – Falschmeldung, keine Bestätigung! -
http://de.wikipedia.org/wiki/GFAJ-1

·         vor 2 Jahren Fingerknochen eines Urmenschen in der Denisova-Höhle im sibirischen Altai-Gebirge entdeckt; am Leipziger Max-Planck-Institut Genom entschlüsselt; es handelt sich um eine bisher unbekannte Menschenform; demnach trennte sich vor 200.000 bis 300.000 Jahren die Denisova-Linie von der des Neandertalers, besiedelte von Arabien aus den Festlandsteil Asiens
(Freie Presse Chemnitz 24.12.2010 S.3)

·         Das größte im Meer lebende Virus besitzt ein Genom von etwa 730.000 Basenpaaren, das übertrifft das Erbgut mancher Einzeller;
das größte bisher bekannte Virus (Mimivirus) hat 1,2 Millionen Basenpaare
(bild der wissenschaft 1-2011 S.10)

·         Wie würde ein Außerirdischer die Spezies Mensch beschreiben? Etwa so …
“Die irdische Lebensform besteht aus 988 verschiedenen Spinnentieren, 100.000.000.000.000 (einhundert Billionen) Bakterien, 1 Mensch, etwa 70 Amöben und manchmal bis zu 500 Madenwürmern.“;
Nachdem die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts nicht, wie erhofft, die Erklärung für viele Krankheiten brachte, setzen die Forscher jetzt ihre Hoffnung in die Erforschung des Ökosystems Mensch.;
(bild der wissenschaft 6-2011 S.19)

·         DIE AUFERSTEHUNG DES MONSIEUR LAMARCK
Organismen können erworbene Eigenschaften vererben. Das erinnert an eine längst beerdigte Evolutionstheorie: den Lamarckismus;
Die Epigenetik beschäftigt sich per Definition mit molekularbiologischen Informa- tionen, die Zellen speichern und an ihre Tochterzellen weitergeben, ohne dass sie im Erbgut enthalten sind. Epigenetische Strukturen können Gene dauerhaft ein- oder ausschalten. Das von ihnen festgelegte Gen-Aktivierungsmuster entscheidet über die Identität einer Zelle. Es bestimmt zum Beispiel, ob sie eine Nerven-, Haut- oder Blutzelle ist. Über eine Veränderung dieser Epigenome reagieren Zellen auch auf Umwelteinflüsse. Durch eine bleibende Umprogrammierung bestimmter Gehirnzellen kann ein frühkindliches Trauma einen Menschen zum Beispiel später im Leben anfällig für Depressionen machen. Oder eine Überernährung im Mutterleib kann Stoffwechselzellen so verändern, dass Menschen im Alter eher zu Typ-2-Diabetes neigen.;
Eva Jablonka, Genetikerin und Philosophin in Tel Aviv, sammelt seit Langem solche Belege für die Existenz der epigenetischen Vererbung. Nun hat sie eine Übersicht publiziert: Bei 13 Einzellern, 6 Pilzarten, 15 Pflanzen- und 10 Tierarten haben Forscher inzwischen mehr als 100 vererbbare Merkmale gefunden, die nicht genetischen, sondern epigenetischen Ursprungs sind. Das Leinkraut kommt zum Beispiel mit zwei verschiedenen Blütenformen vor, manche Petunien haben weiße Blüten, und die Ackerschmalwand gibt es auch im Zwergenformat – alles nur aufgrund epigenetischer Unterschiede.;
Karin Buiting aus der Arbeitsgruppe des Essener Genetikers Bernhard Horsthemke entdeckte 2003, dass manche Patienten mit Prader-Willi-Syndrom – einer schweren Entwicklungsstörung – eine natürliche epigenetische Veränderung der Großmutter väterlicherseits übernommen haben, die normalerweise von den Keimzellen des Vaters überschrieben wird. „Dies ist einer der ersten klaren Belege dafür, dass epigenetische Informationen auch beim Menschen vererbt werden können“, sagt Horsthemke.;
Gar nicht nachvollziehen kann Walter zudem, dass manche Forscher und viele Medien bereits die Lamarckschen Ideen reanimieren: „Mit Lamarckismus hat Epigenetik gar nichts zu tun. Die Genetik liefert die Grundbaupläne. Und die Epigenetik sorgt für eine gewisse Modulation, die unter Umständen mehrere Generationen anhalten kann. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.“
(bild der wissenschaft 3-2011 S.36ff.: http://www.bild-der-wissenschaft.de/bdw/bdwlive/heftarchiv/index2.php?object_id=32548185 )

·         Das Genom der Kartoffel ist entschlüsselt; Reihenfolge von 86% der 844.000 Basenpaare umfassenden DNS; mehr als 39.000 proteincodierende Gene;
die meisten Kartoffelsorten besitzen einen vierfachen Chromosomensatz
(Freie Presse Chemnitz 11.7.2011 S.1)

·         Lasst sie Menschen sein!
die Linien der Vorfahren heutiger Schimpansen und Menschen kreuzten sich noch über Millionen Jahre hinweg ziemlich regelmäßig. Vielleicht waren die Gruppen auch nie komplett getrennt. Einiges spricht dafür, dass sie sich bis heute miteinander fortpflanzen könnten;
der genetische Unterschied ist also je nach Zählweise größer oder kleiner. Die publizierten Werte schwanken entsprechend um den Faktor 10, nämlich zwischen 6,4 und 0,6 Prozent. Am häufigsten wird ein Wert um 1,5% genannt, in dem sich Schimpansen und Menschen unterscheiden – während übrigens durchschnittlich 2 bis 4 % zwischen einem Menschenmann und einer Menschenfrau liegen!;
Was hat das alles mit der Frage zu tun, ob Schimpansen und Bonobos in HOMO umbenannt werden sollten? Ganz einfach: Auch der letzte gemeinsame Vorfahr von Zebras und Pferden lebte vor 4 bis 6 Millionen Jahren, das Erbgut dieser Huftiere differiert um etwa 1,5% - und sie gehören zu derselben Gattung: „Equus“. Ähnlich verhält es sich mit Tigern und Löwen, die zur Gattung „Panthera“ zählen.;
kaum war ein Merkmal definiert, das die „Sonderstellung“ des Menschen begründen sollte, so fand sich bereits ein Affe, der sich nicht darum scherte – ob es sich um Werkzeugherstellung handelte, Zukunftsplanung, Zahlenverständnis, das Sich-Erkennen im Spiegel, Selbstmedikation, sprachliches Kommunizieren, politisches Agieren oder Empathie.
Somit liegt der Fall ganz klar: Schimpansen sollten in HOMO TROGLODYTES umbenannt werden und Bonobos in HOMO PANISCUS. Diese Klassifikation ist wissenschaftlich die einzig haltbare.
(bild der wissenschaft 10-2011 S.20ff.)

·         Nach der Entschlüsselung der menschlichen Erbsubstanz wollen Forscher jetzt die Gene aller Mikroorganismen in und auf dem Menschen entziffern. Im größten Lebensraum, dem Darm, sind die Bakterien nützlicher als gedacht;
Wie würde ein Außerirdischer die Spezies Mensch beschreiben? Etwa so, vermutet Wissenschaftsautor Jörg Blech: „Die irdische Lebensform besteht aus 988 verschiedenen Spinnentieren, 100 000 000 000 000 (in Worten: hundert Billionen) Bakterien, 1 Mensch, etwa 70 Amöben und manchmal bis zu 500 Madenwürmern.“ Der Mensch ist ein Mischwesen, ein „Superorganismus“, meint der US-amerikanische Genetiker und Nobelpreisträger Joshua Lederberg. Auf jede menschliche Zelle kommen zehn Bakterienzellen;
Nachdem die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts nicht, wie erhofft, die Erklärung für viele Krankheiten brachte, setzen die Forscher jetzt ihre Hoffnung in die Erforschung des Ökosystems Mensch;
(bild der wissenschaft 6-2011 S.19)

·         Forschungsfelder wie Soziobiologie und evolutionäre Psychologie haben ein eher deterministisches Verständnis von der Rolle der Gene. Welchen Einfluss könnten epigenetische Erklärungsansätze auf diese Forschungsfelder nehmen? Stellt die Epigenetik die alten Forschungsansätze in Frage oder führen sie in eine Phase der „Modernisierung“ deterministischer Forschungsprogramme?;
Ja, die Modelle der Soziobiologie und der evolutionären Psychologie werden sich als nicht mehr haltbar erweisen. Die Epigenetik spielt eine wichtige Rolle für die Evolution, doch der Reihe nach: Das „alte Denken“ war, dass der evolutionäre Prozess mitsamt der Entwicklung neuer Arten darauf beruhte, dass rein zufällig entstandene Mutationen von der natürlichen Selektion ausgewählt werden. Was neuerdings deutlich wird, ist die Tatsache, dass biologische Systeme ein eigenes Veränderungspotential haben, welches deutlich über das hinausgeht, was unter dem Stichwort „Zufall“ abgetan werden kann. Immer deutlicher zeigt sich, wie Recht die Nobelpreisträgerin Barbara McClintock hatte, die erkannte, dass biologische Systeme auf schwere ökologische Stressoren mit einer Selbstveränderung ihres Genoms reagieren können. Diese Veränderungen geschehen, wie wir heute wissen, nicht wahllos, sondern beinhalten Genduplikationen, die vor allem solche Gene betreffen, die stark in Gebrauch sind. Doch was hat das alles mit Epigenetik zu tun? Nun, die molekularen Werkzeuge, mit denen Organismen ihren genetischen Apparat umbauen, werden, solange keine schweren Stressoren vorliegen, durch epigenetische Mechanismen gehemmt. Schwere Stressoren haben zur Folge, dass diese Blockierung gelöst wird und transposable elements, welche den Umbau des Genoms in Angriff nehmen können, sozusagen wie Hunde von der Leine gelassen werden.
(http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/gid/207/interview-joachim-bauer/epigenetik-ende-gen-determinismus )

·         Ein Forschungsteam der ETH Zürich und des Institute for Systems Biology Seattle hat erstmals das Proteom eines Menschen kartiert. Die Forschungsgruppe unter der Leitung von Professor Aebersold hat mittels Massenspektroskopie 20.300 Proteine identifiziert. Die Daten sind im Internet über die Datenbank des von der Forschungsgruppe aufgebauten „Peptidatlas“ frei zugänglich. Sie sollen als „Gold-Standard“, das heißt als Referenzda¬tensatz für die Erforschung weiterer Proteome, dienen. Finanziert wird der Proteom-Atlas durch das US National Health Institute und Forschungsgelder der EU. Die jetzt als Referenzdaten festgelegten Proteomdaten sollen es ForscherInnen in Zukunft ermöglichen, Anzahl und Art der Proteine in einer Zellprobe mit Massenspektroskopie zu bestimmen. Das Referenzproteom ist eine methodische Vor¬aussetzung, um die einzelnen Proteine in einer beliebigen Zelle schnell und eindeutig zu identifizieren. Wie schon beim Genom wird damit aber auch ein Standard festgelegt, von dem aus Abweichungen bestimmt werden.
(ethlife.ethz.ch, 21.09.10; peptideatlas.org, 23.11.10) (vlx) (http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/gid/203/kurz-notiert-mensch-und-medizin )

·         Frankfurter Forscher haben das Erbgut des Braunbären entschlüsselt;
soll nun mit den kürzlich veröffentlichten Erbgutinformationen von Eisbären und Pandabären verglichen werden
(Freie Presse Chemnitz 6.1.2012 S.B5)

·         komplettes Genom des Denisova-Menschen aus der DNA in einem Fingerknochen entschlüsselt
(bild der wissenschaft 4-2012 S.12)

·       Genomanalyse: noch billiger
Die kalifornische Biotech-Firma Life Technologies hat jetzt ein Analysegerät entwickelt, das für 1.000 Dollar (ca. 760 Euro) den kompletten Genomscan an einem Tag ermöglicht. Die bisher billigsten Verfahren hatten zwischen 5.000 und 10.000 Dollar gekostet und ungefähr eine Woche gedauert.
http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/gid/210/kurz-notiert-mensch-und-medizin

·       (S.241) Die Biologielehrbücher wiederholen immer und immer wieder, die DNA sei eine „Blaupause“ für den Aufbau des Organismus. Das stimmt nicht. Eine echte Blaupause, beispielsweise für ein Auto oder ein Haus, gibt auf dem Papier 1:1 den tatsächlichen Aufbau des fertigen Produkts wieder. Daraus folgt, dass eine Blaupause in beiden Richtungen funktioniert. Vom Haus zur Blaupause gelangt man ebenso einfach wie von der Blaupause zum Haus … es ist sogar einfacher, denn das Haus muss man bauen, um die Blaupause zu zeichnen, braucht man dagegen nur ein paar Messungen vorzunehmen. Den Körper eines Tieres dagegen kann man noch so detailliert vermessen, es ist nicht möglich, daraus seine DNA zu rekonstruieren …
(Richard Dawkins: Die Schöpfungslüge – Warum Darwin recht hat, Ullstein Berlin, 2010)

·       Genom des Hausschweins und der Gurke neu entschlüsselt; Gurkengenom 350 Millionen Basenpaare; bislang wurde das Genom von rund zwei Dutzend Säugetierarten und sieben Pflanzenarten entschlüsselt
(taz 6.11.2009 S.18)

·       Fast alles Erbgut hat eine Funktion
LONDON | Ein weit größerer Teil der menschlichen Erbgutbausteine als bislang angenommen ist wichtig für das Zellgeschehen. Mehr als 80 Prozent besitzen zumindest eine Funktion, sinnlose Abschnitte - sogenannte Junk-DNA - gibt es kaum, wie das Mammutprojekt "Encode" ergeben hat. In der "Encyclopedia of DNA Elements" wird erfasst, welche Funktion die etwa drei Milliarden Basenpaare der menschlichen DNA haben. In Fachjournalen wie Nature und Genome Research sind rund 30 Beiträge zu den Ergebnissen veröffentlicht. Das Projekt erweitere das Wissen über Krankheiten, bei denen genetische Faktoren eine Rolle spielen, und sei eine wachsende Ressource für neue Ansätze in der Biomedizin, schreibt das "Encode"-Konsortium in einem Übersichtsartikel in Nature. Die "Junk-DNA" sei in Wirklichkeit ein gewaltiger Steuerungsapparat für die Abläufe in den Zellen. "In unserem Genom wimmelt es nur so von Schaltern: Millionen von Stellen, die dafür verantwortlich sind, ob ein Gen an- oder abgeschaltet wird", erläutert Encode-Analysekoordinator Ewan Birney.
(taz 7.9.2012 S.18)

·       Der Schaltplan des Menschen
Eine Enzyklopädie aller Steuerungsvorgänge des Lebens – das war das verwegene Ziel des Encode-Projekts, das jetzt seine Ergebnisse vorstellt. Ein Gespräch mit Ewan Birney über den Dschungel des Genoms;
DIE ZEIT: Das Humangenomprojekt hat schon vor zehn Jahren unser Genom entziffert und die menschlichen Gene erkundet. Jetzt haben Sie und 440 Kollegen im Projekt Encode noch einmal fünf Jahre daran gearbeitet. Wieso eigentlich?
Ewan Birney: Es gehört tatsächlich zu unseren Aufgaben, die Suche nach den Genen zu Ende zu bringen, auch wenn viele Leute denken, das sei längst geschehen. Doch die Gene machen nur einen winzigen Teil der Erbinformation aus. Das große Ziel von Encode war es, herauszufinden, wofür der ganze Rest des Genoms eigentlich gut ist – all die nicht kodierende DNA, die man abschätzig junk nannte, Müll.;
ZEIT: Und was haben Sie nun im Genom gefunden?
Birney: Es steckt voller Überraschungen. Es geht dort viel mehr vor sich, als wir je erwartet haben. Das Erbgut ist voller Aktivität.;
ZEIT: Also müssen wir die Idee beerdigen, dass unser Genom zum größten Teil aus Müll besteht?
Birney: So ist es. Junk-DNA war nie eine besonders treffende Metapher, wenn Sie mich fragen. »Die dunkle Materie des Erbguts« finde ich viel besser.
Birney: Man kann nicht sagen: Diesen Teil verstehen wir, jenen Teil nicht. Es gibt zu viele Funktionsebenen im Genom. Aber lassen Sie es mich so sagen: Wir haben nun 80 Prozent aller Erbanlagen einer biologischen Aktivität zugeordnet. Davon kodieren 1,2 Prozent für all die Eiweiße des Körpers, aber weitere 20 Prozent dienen der Steuerung dieser Gene.;
Welch unerforschter Wildnis wir da begegnet sind – das war eine echte Überraschung für mich. Das Erbgut ist ein Dschungel voll seltsamer Kreaturen. Kaum zu fassen, wie dicht es mit Information voll gepackt ist! Wir sind jetzt in der Situation eines Elektrikers, der in einem alten Haus die Elektrik kontrollieren soll und der feststellt: Alle Wände, Decken und Böden sind mit Lichtschaltern gepflastert. Wir müssen herausfinden, wie all diese Schalter mit Licht, Heizung und den Geräten in den Zimmern verbunden sind.;
Wir haben immer gewusst, dass die Unterschiede zwischen den Zellen verschiedener Organe und Gewebe durch die Stellung der genetischen Schalter bestimmt werden. Was wir nicht ahnten: Das Genom ist voll von ihnen, wir haben vier Millionen genetische Schalter entdeckt, mit denen Gene gesteuert werden. Man nennt sie Transkriptionsfaktor-Bindungsstellen – Kontaktpunkte zwischen DNA und Steuerproteinen.;
ZEIT: Und wie viele Zellarten haben Sie angesehen?
Birney: Untersucht haben wir gut 100 dieser Steuereiweiße in 147 Zellarten des Menschen. Wir denken aber, das es etwa 2.000 dieser regulierenden Proteine und etwa 1.000 Zelltypen beim Menschen gibt.
Ein Defekt im Schalter kann also so fatal sein wie ein Defekt im Gen selbst.;

das Akronym Encode steht für »Encyclopedia of DNA elements« (zu Deutsch: Enzyklopädie der DNA-Elemente).
Dieses ambitionierte Projekt wurde 2003 vom amerikanischen National Human Genome Research Institute initiiert und ist ein Nachfolger des Humangenomprojekts. Während dieses die Sequenzierung des menschlichen Genoms zum Ziel hatte, will das Encode-Projekt alle funktionellen Elemente des menschlichen Erbguts identifizieren und charakterisieren. Durchgeführt wird Encode von einem Forschungskonsortium, dem insgesamt rund 30 Arbeitsgruppen an verschiedenen (hauptsächlich amerikanischen) Instituten angehören.
(ZEIT 6.9.2012 S.40)

·       Nicht nur die Gene werden vererbt
EPIGENETIK Die Eigenschaften des Nachwuchses werden nicht nur durch die Sequenz der Gene bestimmt. Auch durch Umweltfaktoren veränderbare Aktivitätsmuster werden vererbt
Kürzlich hat eine US-Studie belegt, dass sogar eineiige Zwillinge bei ihrer Geburt unterschiedliche epigenetische Muster aufweisen.
Und es mehren sich die Hinweise, dass die Epigenetik der Zelle nicht nur eine Identität, sondern auch ein Gedächtnis verleiht. Mit ihr verstehen Wissenschaftler zunehmend, wie sich Umwelterfahrungen auf unser Genom auswirken.;
Nicht alles ist übertragbar
Das Fazit der Epigenetiker: "Wir sind, was unsere Mütter gegessen oder erlebt haben." Teilweise sind epigenetische Veränderungen sogar noch bei den Enkeln zu finden. Die Ergebnisse sind jedoch nur mit Vorsicht auf den Menschen übertragbar. So sind viele Studien im Tiermodell oder sogar nur in der Zellkultur gemacht worden.
(taz 24.8.2012 S.18)

·       Das Leben vor der Geburt
Krebs und Diabetes, Depression und Herzinfarkt: Das Fundament vieler Leiden wird bereits im Mutterleib gelegt. Vor allem Stress und Ernährung der Mutter hinterlassen Spuren - auch in der Psyche des Kindes.;
"Im Mutterleib entscheidet sich, wie funktionsfähig das Immunsystem später sein wird", erklärt Reproduktionsimmunologin Arck, "jede Art von Stress hat vermutlich Einfluss - egal, ob psychisch, durch Infektionen, Medikamente oder Ernährung.";
"Die ersten neun Monate entscheiden über das Schicksal unserer Kinder", glaubt Mediziner Andreas Plagemann, der an der Berliner Charité die Auswirkung mütterlicher Ernährung auf das spätere Gewicht und die Neigung zu Stoffwechselkrankheiten der Nachkommen erforscht. Für den neuseeländischen Wissenschaftler Peter Gluckman, einen der Pioniere auf dem Forschungsfeld, ist "die Prägung in der Fetalzeit genauso wichtig wie die Gene und der spätere Lebensstil".
Das gilt auch für die Seele: "Die Startlinie für die psychische Entwicklung verschiebt sich bis weit vor die Geburt", sagt die New Yorker Psychologin Catherine Monk, die den Ursprung depressiver Erkrankungen im Mutterleib verortet hat. Und der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther sagt: "Das ganze Leben ist eine Entdeckungsreise - vieles spricht dafür, dass wir den spannendsten Teil schon hinter uns haben, wenn wir auf die Welt kommen."
Seit der britische Arzt David Barker vor mehr als 20 Jahren die ersten Hinweise auf den Zusammenhang von Geburtsgewicht und späteren Herzkrankheiten entdeckte, hat die sogenannte pränatale Programmierung mehr und mehr Forscher in ihren Bann geschlagen.;
Längst ist unumstritten, dass pränatale Einflüsse lebenslang Spuren hinterlassen; jetzt geht es darum, jene molekularen Mechanismen zu entschlüsseln, die dafür verantwortlich sind. Einflüsse im Mutterleib prägen sogar das Erbgut des Ungeborenen - die junge Disziplin der Epigenetik, der Erforschung der Beeinflussung der Gene durch die Umwelt, steuert wichtige Erklärungen für das Phänomen der pränatalen Programmierung bei.
Forscher triezen trächtige Mäuse mit nervtötenden Geräuschen oder träufeln ihnen allergieauslösende Stoffe in die Nase, sie setzen werdende Affenmütter auf Diät oder spritzen ihnen Stresshormone, verkabeln Schafsfeten im Mutterleib und messen Herzschlag und Hirnströme der Ungeborenen, sie überfüttern Ratten während der Trächtigkeit, um zu sehen, ob ihre Babys unausweichlich zu zuckerkranken Moppeln heranwachsen. Das Erbgut der Nachkommen durchsuchen sie nach epigenetischen Veränderungen.
(Spiegel 25-2012 S.120ff)

·       Auch die Frage, ob epigenetische Veränderungen der DNA über Generationen vererbt werden, ist nach wie vor Ausgangspunkt für Forschungsprojekte. Wissenschaftler des Tübinger Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie haben jetzt die Ackerschmalwand über dreißig Generationen vermehrt und die Methylierungsmuster nach dieser Zeit verglichen. Dabei wurde zum einen deutlich, dass diese biochemischen DNA-Veränderungen sehr viel häufiger auftreten als Mutationen: Die Pflanzen der letzten Generation wiesen an 30.000 Stellen Methylierungen auf, die sich von denen der Ausgangspflanze deutlich unterschieden, während zugleich in der Basensequenz nur etwa dreißig Mutationen festgestellt wurden.
http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/gid/209/kurz-notiert-mensch-und-medizin

·       Martin Münzel: „Nachwuchs für die DNA – S. 16ff:
Auf der molekularen Ebene gibt es mehrere Faktoren, die die Genaktivität steuern. Der wichtigste Mechanismus ist die chemische Modifikation der DNA selbst. Durch Anheftung von nur vier Atomen (einem Kohlenstoff und drei Wasserstoffen) an Cytosin – eine der DNA-Basen – wird der folgende DNA-Abschnitt ausgeschaltet. Die chemische Gruppe (eine sogenannte Methylgruppe) ist eine Art Aufkleber, der auf den Bauplan DNA geklebt wird und so anzeigt, dass dieser Teil nicht genutzt werden soll. Methylcytosin, das Produkt der Anheftung der Methylgruppe an Cytosin, wird die fünfte DNA-Base genannt.;
Gerade, als ich die ersten Erfolge erzielte, berichteten zwei amerikanische Forschungsgruppen unabhängig voneinander, dass Methylierung nicht die einzige DNA-Modifikation ist. Vielmehr können spezialisierte Enzyme ein weiteres Sauerstoffatom an die Methylgruppe anfügen: Hydroxymethylcytosin, die sechste DNA-Base war gefunden. Eine Entdeckung von etwas so Fundamentalem wie einer neuen DNA-Base wirft natürlich eine Reihe an grundlegenden Fragen auf: Woher kommt sie? Wo genau kommt sie vor? Welche Aufgabe hat sie? Und warum hat sie niemand vorher gefunden?
Zumindest die letzte Frage war leicht beantwortet: Es ist einfach sehr wenig davon da.;
Hier stellten wir fest, dass alle Körperzellen Hydroxymethylcytosin enthalten, die Werte jedoch beträchtlich schwanken. Im Gehirn findet man zum Beispiel fast zwanzig Mal so viel wie in der Milz. Dieses Ergebnis war sehr überraschend, da Methylcytosin –DNA-Base Nummer fünf – in allen Körperzellen gleich häufig vorkommt.;
WAS DIE SECHSTE BASE STEUERT Wie schon vorher erwähnt, schaltet Methylcytosin, die fünfte DNA-Base, Gene ab.;
Bei der Untersuchung von über 100 Patientenproben mit Gehirntumoren stellten wir fest, dass man gesundes Gewebe allein durch die Menge an Hydroxymethylcytosin von einem Tumor unterscheiden kann. Und wichtiger noch: Die Menge an Hydroxymethylcytosin zeigt die Aggressivität des Tumors an. Je weniger von der sechsten Base vorhanden ist, desto schneller wächst der Tumor. Unsere Detektionsmethode für die neue DNA-Base könnte somit später als zuverlässige Früherkennung für Tumorgewebe verwendet werden.;
Wir haben uns also wieder mit dem Massenspektrometer auf die Suche nach den Molekülen gemacht und fanden tatsächlich Formylcytosin
(den Aldehyd) und damit DNA-Base Nummer sieben. Kooperationspartnern an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften ist es später gelungen, auch Carboxylcytosin (die Säure) und damit DNA-Base Nummer acht zu finden, nachdem wir ihnen unsere Moleküle zur Verfügung gestellt hatten.
(bild der wissenschaft – plus; Klaus-von-Tschira-Preis – Die Preisträger 2012, http://www.klaus-tschira-preis.info/download/2012/bdw_TschiraSuppl_12_web.pdf

·       Erbgut von 1.092 Menschen entziffert
Ende Oktober vermeldeten Forscher im Fachblatt Nature den vorzeitigen Abschluss der ersten Etappe des 1.000-Genome-Projekts: Man habe es in den letzten Jahren geschafft, mehr als 1.000 Genome zu sequenzieren und die DNA-Sequenz in einer Datenbank öffentlich zugänglich zu machen …
(GID 215-2012 http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/gid/215/kurz-notiert-mensch-und-medizin )

·       Das Erbgut des Quastenflossers - eines lebenden Fischs, dessen Gattung bereits aus der Urzeit stammt - ist entschlüsselt. Wissenschaftler von 40 Forschungsinstituten aus zwölf Ländern gelang die Entschlüsselung des Genoms aus drei Milliarden DNA-Buchstaben des sogenannten afrikanischen Coelacanths, berichtete die Fachzeitschrift Nature.
(taz 19.4.2013 S.18)

·       Jetzt, 75 Jahre nach jener legendären Entdeckung, ist es gelungen, die Erbinformation dieses Urzeit-Fischs auszulesen. Ein Team von 91 Forschern aus 40 Instituten veröffentlichte vorige Woche im Fachblatt "Nature" das Genom des Quastenflossers.;
Vor allem ein Ereignis aus der Frühgeschichte der Wirbeltiere aber interessiert die Forscher besonders; einige halten es für eines der bedeutsamsten in der Stammesgeschichte des ganzen Tierreichs: Irgendwann muss sich das gesamte Erbgut der Wirbeltiere zweimal verdoppelt haben. Diese doppelte Duplikation könnte eine Art Schicksalsmoment für die weitere Entwicklung gewesen sein.
Die Vervierfachung aller Gene ist mehr als eine bloße Vermehrung des Erbmaterials. Sie gilt als wirkmächtiger Motor der Innovation, als Quell einer Vielfalt, die vom Seepferdchen bis zum Pfau, vom Narwal bis zum Flughund und vom Ochsenfrosch bis zum zweibeinigen Menschenaffen reicht.
Denn vor dem großen Duplikationsereignis bestand bei Mutationen eines Gens stets die Gefahr, dass seine alte Funktion verlorengeht. Für den Organismus ist das oft verheerend, die Mutation kann sich folglich nicht durchsetzen. Liegt jedoch von jedem Gen eine Sicherungskopie vor, kann die Natur unbeschwert herumexperimentieren, ohne bei Mutationen unter dem Verlust der Originalfunktion zu leiden. Vieles spricht dafür, dass dies die Experimentierlaune der Evolution enorm befördert hat.
Die Neunaugen-Forscher konnten nun diesen kreativen Schlüsselmoment in der Wirbeltiergeschichte präziser datieren: Offenbar hat er sich schon im frühen Kambrium ereignet, noch ehe sich die Rundmäuler vom Rest der Wirbeltiere abspalteten. Denn auch im Erbgut der Neunaugen finden sich die Spuren der frühen Genomduplikationen.;
In Käfigen springen unterdessen transgene Mäuse umher, die Fischgene im Erbgut tragen. Alles, was hier geschieht, dient dem Ziel, das Rätsel der Gliedmaßen-Evolution zu knacken.
Sämtliche Extremitäten - gleichgültig ob Flügel, Sprungbein oder Arm mit Greifhand - sind nach demselben Masterplan konstruiert. "Die Formel lautet: '1 - 2 - viele - 5'", sagt Shubin, "beim Arm heißt das: ein Oberarmknochen, dann Elle und Speiche, ein vielteiliges Handgelenk und schließlich fünf Finger."
Verantwortlich für die genaue Gestalt, die eine solche Extremität einnimmt, sind dabei vermutlich gar nicht die Gene selbst. Zunehmend setzt sich unter den Forschern die Einsicht durch: Wichtiger für den Fortgang der Evolution könnten vielmehr jene Schalter sein, die diese Gene regulieren.
Einen solchen Schalter, der anscheinend einen ersten Schritt hin zum Bauplan der Gliedmaßen darstellte, konnten die Forscher nun im Erbgut des Quastenflossers dingfest machen. "Insel 1" heißt dieses genetische Steuerelement, das sich in Landwirbeltieren, nicht aber im Erbgut von Knochenfischen findet.
Genschalter und Genomduplikation - zwei maßgeblichen Mechanismen, die zur Formenfülle der Tiere beitragen, kommen die Forscher so langsam auf den Grund. Doch das ist erst ein Anfang. Rasant nimmt die Zahl entschlüsselter Tiergenome zu.
Schon ist am chinesischen Forschungszentrum BGI das Projekt "Genome 10K" angelaufen. Das Ziel des ehrgeizigen Vorhabens: die Erbgut-Sequenz von 10 000 Wirbeltierarten auszulesen.
(Der Spiegel 17-2013 S.104ff. - http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-92537050.html )

·       Junk-DNA ist kein Müll
Nicht die Gene sind entscheidend, sondern ihre Regulierung - das ist die Botschaft, die die zeitgleichen Veröffentlichungen von Forschungsteams des Encode-Projektes Anfang September vermitteln. Die „Encyclopedia of DNA Elements“ (Encode) wurde 2003 vom US-amerikanischen nationalen Genomforschungsinstitut und dem European Bioinformatics Institute (EBI) begründet. Das öffentlich geförderte Projekt, in dem sich 442 Wissenschaftler aus 32 Forschungsinstitutionen in den USA, Großbritannien, Spanien, Singapur und Japan mit den Funktionen des Genoms beschäftigen, setzt das Humangenomprojekt fort. Achtzig Prozent der DNA, so eins der jetzt verbreiteten Ergebnisse, haben biologische Funktionen, nur 1,2 Prozent davon kodieren direkt für Eiweiße - von Junk-DNA kann also nicht die Rede sein. „Wir haben immer gewusst, dass die Unterschiede zwischen Zellen verschiedener Organe und Gewebe durch die Stellung der genetischen Schalter bestimmt werden“, so Ewan Birney, stellvertretender Direktor des EBI, der die Datenanalysen im Encode-Projekt koordiniert hat. „Was wir nicht ahnten: Das Genom ist voll von ihnen, wir haben vier Millionen Schalter entdeckt.“

(GID 214-2013
http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/gid/214/kurz-notiert-mensch-und-medizin)

·         Wissenschaftlern in Deutschland und in den USA ist die weitgehende Kartierung aller menschlichen Proteine geglückt. Die Forschergruppen in München und in Baltimore decodierten unabhängig voneinander rund 90 Prozent des menschlichen Proteoms. Beide Studien wurden diese Woche in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht. Es gebe nun nur noch wenige weiße Flecken auf der Protein-Landkarte, teilte die Technischen Universität München (TUM) mit. Die TUM-Wissenschaftler kartierten mehr als 18.000 Proteine und damit 92 Prozent des menschlichen Proteoms. An der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore erfassten ihre Kollegen 17.300 Proteine - 84 Prozent des Proteoms.
(taz 30.5.14 S.18)

·         In seinem in diesem Jahr erschienenen Buch "Die Neandertaler und wir" erzählt Svante Pääbo diese Geschichte;
als sie vollständig das Neandertaler-Genom sequenzierten und bei uns modernen Menschen zwischen zwei und vier Prozent vom Neandertaler geerbter Genvarianten nachwiesen.;
Alles begann vor etwa 800.000 Jahren mit dem Auszug unseres Vorfahren, des Homo erectus, aus dem Kontinent Afrika. Im eurasischen Raum entwickelte sich zuerst ein Teil dieser Populationen zu den Denisova-Menschen und später ein anderer Teil zu den in der Zeit vor 90.000 bis etwa 35.000 Jahren parallel zu ihnen existierenden Neandertalern.
Alle in Afrika verbliebenen Populationen entwickelten sich unterdessen zu modernen Menschen. Diese unterscheiden sich weltweit durch eine Anzahl ganz bestimmter Genvarianten von den archaischen Hominini. Im Zuge eines weiteren Exodus verließ ein Teil von ihnen Afrika und paarte sich vor etwa 100.000 bis 50.000 Jahren im Mittleren Osten mit dort bereits lebenden Neandertalern.
Seither laufen wir modernen Menschen mit Ausnahme der
Afrikaner alle mit zwei bis vier Prozent Neandertaler-Genen herum. Noch vor 50.000 Jahren bevölkerten die Erde mindestens drei Hominini-Formen neben uns: Neandertaler, Denisova-Menschen und auf der indonesischen Halbinsel Flores die nur einen Meter großen Leute vom Typ Homo floresiensis (Spitzname: Hobbits). Wir verdrängten alle anderen und besiedelten als einzige Menschenform die USA und Australien.
(taz 30.5.14 S.18 - http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=wi&dig=2014%2F05%2F30%2Fa0114&cHash=2457e44603e5bdfb55fa5de91b209368 )

·         Hat der Homo sapiens seine primitiven Vorfahren verdrängt – oder hat er sich mit ihnen kreuz und quer gepaart? Genetische Analysen sorgen für neue Spekulationen.;
um nichts Geringeres als den fundamentalen Umbruch ihres gut 150-jährigen Forschungsfeldes zu diskutieren. Was vorher eine eher beschauliche Domäne von Fossilienjägern war, wird nun überschwemmt von Erbgutdaten aus dem fossilen Knochengewebe frühmenschlicher Wesen. Die Befunde der neuen Paläogenetik verschaffen den Gelehrten eine ganz neue Sicht auf die evolutionären Prozesse, die einst den Homo sapiens hervorbrachten und ihm als letzten Vertreter seiner Gattung zum großen Auftritt auf dem Globus verholfen haben.;
Zumindest der erste Akt der Entstehung der heutigen Menschheit spielte tatsächlich in Afrika.;
Bis vor wenigen Jahren zeichneten die Wissenschaftler noch einen recht gradlinigen Ast im Stammbaum nach, wenn sie den Weg des Menschen zur dominierenden Spezies skizzierten. Schon seine Vorgänger verließen Afrika und besiedelten Europa und Asien: zuerst Homo erectus vor mehr als zwei Millionen Jahren, später dessen Nachfahre Homo heidelbergensis, der sich in Europa zum Neandertaler weiterentwickelte. Als dann Homo sapiens in der afrikanischen Heimat auf der Bildfläche erschien, war das Schicksal dieser Urvölker besiegelt. Mit der dritten Auswanderungswelle, der des Menschen, verschwanden die archaischen Verwandten – verdrängt, ausgerottet oder durch Krankheiten dezimiert. Von ihnen blieben nur steinerne Werkzeuge und ihre fossilen Gebeine. Der moderne Mensch übernahm die Welt.
Doch seit es den Forschern gelingt, die erhaltene Erbsubstanz in Knochenfunden zum Sprechen zu bringen, bröckelt diese mühsam Knochen für Knochen aufgebaute Lehrmeinung: Die Vorgänger leben weiter, im heutigen Menschen, in unserem Erbgut.;
Inzwischen haben die Forscher auch direkte Beweise für die Techtelmechtel mit den Frühmenschen gefunden. In den über 40.000 Jahre alten Überresten eines modernen Menschen aus Sibirien fanden Wissenschaftler noch deutlichere Spuren einer Vermischung als bei heutigen Menschen.
Das Neandertaler-Genom war indessen nur der Auftakt. Inzwischen ergab die Auswertung der Genomdaten Hunderter heutiger Probanden, wie viel archaisches Erbgut in Europas Genpool wirklich steckt. Zwar sind in jedem Individuum nur wenige Prozent urtümlicher Erbmasse enthalten. Weil aber jedermann andere Abschnitte des Neandertaler-Genoms in sich trägt, hat in der gesamten europäischen Bevölkerung glatt ein Fünftel der Gene des Urvolks überlebt. Das spricht dafür, dass es sich nicht um einmalige Begegnungen, sondern um häufigere Sexualkontakte über längere Zeiträume gehandelt haben muss.;
In der südsibirischen Denisova-Höhle hatten russische Ausgräber kurz zuvor ein winziges Fingerknöchelchen und einen Zahn geborgen. Geschätztes Alter des Fundes: 41.000 Jahre. Man vermutete Neandertaler als Ursprung, doch eine genaue Bestimmung schien unmöglich. Die Paläogenetiker am EVA spürten in einer winzigen Knochenprobe so viel uralte Erbsubstanz auf, dass eine
Genanalyse möglich wurde.
Schon die ersten Untersuchungen zeigten: Das Wesen aus der Denisova-Höhle war jung, weiblich und schien sehr fremdartig. Nur wenige Monate danach erhielten die deutschen Forscher Gewissheit: Es handelte sich weder um eine Homo-sapiens-Frau noch um eine Neandertalerin. Man war auf die Spur bislang völlig unbekannter hominider Wesen gestoßen.;
Das bisherige Szenario der Paläoanthropologen hielt an einer Art Schöpfungsmythos fest. Danach wurde Afrika vor mehr als 200.000 Jahren von frühmenschlichen Gruppen bevölkert. Dann kam es zu einer Katastrophe. Trockenheit oder Nahrungsverknappung ließen ganze Populationen verenden. Übrig blieben wenige Individuen, die bereits durch genetische Veränderungen jene geistigen Fähigkeiten erlangt hatten, die den modernen Menschen auszeichnen: abstraktes Denken in Symbolen, die Fähigkeit, sich in das Erleben anderer hineinzuversetzen. Irgendwo, wahrscheinlich im Osten oder Süden Afrikas, sei diesen Menschen dank ihrer neuen Fähigkeiten das Überleben gelungen, vermutete man. Anstelle der ausgestorbenen Vorgänger nahm Homo sapiens erst den Heimatkontinent und dann die Welt in Besitz. Klingt bestechend – und ist mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch.;
(Die Zeit 16.4.14 S.35 - http://www.zeit.de/2014/17/homo-sapiens-anthropologie-genetik )

·         Die Weihrauchkiefer hat nach Forscherangaben das größte bislang entzifferte Erbgut. Es enthalte etwa siebenmal mehr Bausteine als das menschliche Genom, schreibt das Team um David Neale von der University of California.;
Wie bei anderen Nadelhölzern auch ist das Genom auf zwölf Chromosomen verteilt. Es ist bekannt, dass das Erbgut dieser Pflanzengruppe zwischen 20 und 40 Milliarden Basenpaare hat. Allerdings sind noch nicht alle Genome davon entziffert. Das Erbgut der Weihrauchkiefer besteht aus etwa 22 Milliarden Basenpaaren.
(taz 21.3.14 S.18)

·         Genmutation macht Insektengift wirkungslos
PARIS | Mit nur einer einzigen Genveränderung können Moskitos widerstandsfähig gegen das Insektenvernichtungsmittel DDT und andere Chemikalien werden. Forscher um Charles Wondji von der Hochschule für Tropenmedizin in Liverpool fanden im westafrikanischen Benin eine Population solch resistenter Stechmücken, wie sie in einem im Fachmagazin Genome Biology veröffentlichten Artikel schreiben. Die Widerstandsfähigkeit von Moskitos gegen bestimmte Chemikalien ist ein Problem bei der Bekämpfung der von den Mücken übertragenen Tropenkrankheit Malaria. Die untersuchten Anopheles-Mücken waren nicht nur widerstandsfähig gegen DDT, das in vielen Staaten verboten ist, in armen Ländern aber nach wie vor im Kampf gegen Malaria eingesetzt wird. Den Mücken konnten auch Pyrethroide nichts anhaben, mit denen gewöhnlich Moskitonetze imprägniert werden. Die Genmutation - von den Forschern L119F genannt - sorgt dafür, dass die Mücken die Chemikalien so
aufspalten können, dass die Mittel ihre Wirkung verlieren. Das mutierte Gen konnte auch bei resistenten Stechmücken aus anderen Ländern nachgewiesen werden.
(taz 28.2.14 S.18)

·         Genom des Chinesischen Hamsters entschlüsselt; rund 2,3 Milliarden Basenpaare
(bild der wissenschaft 11-2013 S.9)

·       Schlüsselgene für den Körperaufbau;
a) zwei Drosophila-Arten (Fruchtfliege), die in ihrem Genom das gleiche Gen besitzen, ABER: eine hat einen Punkt auf den Flügeln, die andere nicht;
an einer Stelle in der Nähe des Gens befindet sich eine besondere Sequenz, die das Gen aktiviert; wirkt als Schalter, codiert selbst KEIN Protein;

b) Galapagosfinken: es sind die gleichen Gene, die wirksam sind bei der Bildung der unterschiedlichen Schnabelformen, entscheidend ist, wann und wie lange sie aktiv sind;
c) HOX-Gene, Sequenzen in der DNA, die bei unterschiedlichen Lebensformen die Bildung ähnlicher Strukturen steuern
d) große Evolutions-Schritte?; Änderungen (Mutationen) bei den Genen, die für das An- und Abschalten anderer Gene zuständig sind bzw. die Dauer der Aktivität/Funktion von Genen steuern
e) Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse im Genom 1%;
ein Gen, das unterschiedlich ist, in das Genom einer Maus eingefügt, das Gen wird im Daumen und in der großen Zehe aktiv (der Daumen und seine Oppositionsstellung zu den anderen Fingern ist ein Merkmal, das nur der Mensch hat)
ein für den Muskelaufbau codierendes Gen ist beim Menschen gegenüber dem Schimpansen defekt, beim Affen voll funktionsfähig; beeinflusst die Funktion des Kaumuskels, der beim Menschen viel schwächer ausgebildet ist;
Theorie: Der starke Muskel setzt beim Kopf des Affen dem Wachstum des Schädels schon früh Grenzen, Muskel presst ihn zusammen, Schädel kann nicht so groß werden, beim Affen Schädelwachstum mit 4 Jahren abgeschlossen, beim Menschen bis zum 20. Lebensjahr möglich;
viele Unterschiede zwischen Menschen und Affen im Genom sitzen in Gen-Schaltern;
ein Gen zur Aktivierung des Cortex weist beim Menschen starke Mutation auf gegenüber dem entsprechenden Affen-Gen
(TV ARTE 7.6.2013 Was Darwin noch nicht wusste)

·       Rapsgenom entschlüsselt; Raps entstand erst vor wenigen tausend Jahren aus einer zufälligen Artkreuzung zwischen Kohl- und Ölrübsen-Formen; mit rund 101.000 Genen besitzt die Pflanze viel mehr Gene als der Mensch, der weniger als 30.000 hat; beim Raps sind viele Genomfunktionen aufgrund einer Genomverdopplung mehrmals vorhanden

·       Anders als bisher vermutet, tragen Körperzellen des Menschen kein einheitliches Erbgut in sich, sondern bilden Mosaike. Das könnte viele Krankheiten erklären. …
Lange schon hütet die Genetik ein kleines, schmutziges Geheimnis. Nun lässt es sich nicht länger kaschieren. Zu groß ist es geworden. Ausgerechnet die jüngsten Erfolge der Disziplin drohen einen ihrer zentralen Stützpfeiler umzustürzen. Das Lehrbuchwissen, nach dem alle Körperzellen des Menschen ein identisches Genom beherbergen, erweist sich als fundamentaler Irrtum. …
Es zeigt sich: In Wahrheit gleicht wohl keine Zelle der nächsten. …
(Unverkennbar ist mittlerweile, dass das Genom eines Menschen nicht stabil ist, sondern sich stetig umwandelt. Bei den unzähligen Zellteilungen, die das werdende Leben aufbauen, verändert sich die Struktur des menschlichen Quellcodes. Bald regiert den Körper kein einheitlicher Bestand an Erbdaten mehr, vielmehr herrscht ein Patchwork aus Zellverbänden mit diversen Genausstattungen. Im September kam die Forscherzunft in Heidelberg zur Bestandsaufnahme zusammen – Motto: "The mobile Genome" – das bewegliche Erbgut.
Die ersten Facetten des Mosaiks entstehen bereits im befruchteten Ei. Schon bei der ersten Zellteilung des Embryos kann es zu Verschiebungen, Verlusten oder Vervielfachungen von Informationen kommen. Dann trägt dieser Mensch später in der Hälfte seiner Körperzellen die neuen Abweichungen, nämlich in allen Nachkommen der einen veränderten Tochterzelle des Eis. Je später in der Entwicklung solche Mutationen auftreten – und offenbar geschieht dies andauernd –, desto weniger Zellverbände sind schließlich im erwachsenen Körper davon betroffen.
‚Besonders krass scheint die genomische Diversifizierung im sich entwickelnden Gehirn vorzukommen. Die Folge: Dort herrscht buntes Chaos, auch beim gesunden Menschen. Das Denkorgan ist ein genetischer Flickenteppich.
Mit der neuen Erkenntnislage ist die letzte Ordnungsgröße aus der Humangenetik gewichen. …
Der Begriff Genom erweist sich als eine von vornherein klapprige Konstruktion menschlichen Denkens. Das Erbgut eines Menschen existiert einfach nicht – der Körper ist ein vom Zufall erzeugtes Mosaik aus vielen Genomen. "Wer bin ich – und wenn ja, sehr viele!" könnte das Fazit in Variation von Richard David Prechts Bestsellertitel lauten….
Wie spektakulär dieser Variantenreichtum tatsächlich ist, hat der Neurogenetiker Fred Gage am Salk-Institute im kalifornischen La Jolla belegt. Gages Truppe war es gelungen, die Genome von 110 einzelnen Nervenzellen aus dem Hirn von Toten zu dechiffrieren. Sie stieß auf umfangreiche Veränderungen, auf Verluste und Vervielfachungen von Erbinformationen, manchmal betrafen sie nur einzelne Genbausteine, teils sogar ganze Chromosomen. Rund 40 Prozent der Nervenzellen im gesunden Großhirn sind abnorm, resümierten die Fachleute.
Diese Schätzungen konnte der Neurogenetiker Christopher Walsh noch überbieten: Seine Befunde legen nahe, dass jede einzelne Nervenzelle im Großhirn mehr als 1.500 unterschiedliche Mutationen beherbergt….
Was hat das alles zu bedeuten? Eines ist wahrscheinlich: Der Einfluss der Umwelt – Sozialisation, Ernährung, Lebensstil – auf das Gehirn dürfte geringer sein als angenommen. …
Als Erster traute sich der Neuroforscher Thomas Insel, Direktor des amerikanischen National Institute of Mental Health, die Fachkollegen mit dem Umsturz zu konfrontieren. Die Suche nach genetischen Ursachen für neuropsychiatrische Krankheiten habe auf der Annahme basiert, dass jede Körperzelle das gleiche Erbmaterial besitze, schrieb Insel im Fachblatt Molecular Psychiatry. "Diese Annahme ist falsch." Vorerst herrscht Ratlosigkeit angesichts der unerwarteten Vielfalt im Gencode. Man stehe, hält der Neuroforscher fest, "vor der dunklen Materie der Genetik". …
(Die Zeit 15.10.15 S.39 - http://www.zeit.de/2015/42/genetik-krankheiten-zellen-genom-erbgut/komplettansicht )

·       Nur ein Gen ist verändert, und schon drehen die Labortiere durch? Ein überraschendes Experiment gewährt Einblick in die Werkstatt der Natur.
Feng forscht am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Sein eigentliches Interesse gilt dabei dem Autismus, der Schizophrenie und anderen psychiatrischen Erkrankungen. Deshalb hatte er bei seinen Versuchsmäusen ein Gen namens Shank3 verändert. Es liefert den Code für ein Protein, das die Kommunikation an Synapsen, den Kontaktstellen der Nervenzellen, organisiert. Mit anderen Worten: Shank3 überwacht das Gespräch der Neuronen.
Menschen, denen dieses Gen fehlt, entwickeln eine schwere Form von Autismus. Eine ganz bestimmte, sehr seltene Mutation von Shank3 dagegen scheint zu Schizophrenie zu führen. Feng wollte wissen, wie sich dieser spezielle Defekt auf das Verhalten von Versuchsmäusen auswirkt. …
Nichts aber war so befremdlich wie die Barbiermäuse. Wie war es möglich, dass ein so komplexes Verhalten entsteht, durch die bloße Amputation eines einzelnen Synapsengens?
Eine erschöpfende Antwort auf diese Frage gibt es noch nicht. Nur so viel ist sicher: Unter Mäusen in Käfighaltung bildet sich normalerweise rasch eine klare soziale Hierarchie heraus. Das dominante Tier zeigt dabei seine herausgehobene Stellung, indem es seinen Käfiggenossen die Schnurrhaare stutzt.
Auch bei den Shank3-manipulierten Mäusen, sagt Feng, sei die Rasur Ausdruck eines Dominanzverhaltens – nur dass das Stutzen der Schnurrhaare hier bis zur Vollrasur gesteigert ist. Genau so, indem im Repertoire vorhandene Verhaltensweisen modifiziert werden, funktioniere Evolution. …
Evolutionsbiologen an der amerikanischen Harvard University wiederum identifizierten einen DNA-Abschnitt, der festlegt, ob Weißfußmäuse ihre Baue mit einem Notausgang ausstatten.
Feng ist überzeugt davon, dass solche Gene Stellschrauben darstellen, mittels deren die Natur im Laufe der Evolution das Verhalten von Tieren verändern kann. Eine leicht gesteigerte Angst vor Fressfeinden zum Beispiel weckt in der Maus unwillkürlich die Idee, einen Hinterausgang für ihren Bau zu buddeln. Und gesteigertes Dominanzverhalten verleitet sie zum Barbieren.
(Der Spiegel 41-2015 S.114)

·       Der amerikanische Genforscher George Church verfolgt einen abenteuerlichen Plan: Er will Gene von Mammuts ins Erbgut von Elefanten einpflanzen - und die Designer-Tiere dann in einem sibirischen Eiszeitpark ansiedeln. …
Und nun möchte George Church das Mammut wiederauferstehen lassen. Mit der Arbeit daran, sagt er, habe er bereits begonnen. Noch sei es zu früh vorherzusagen, wie lange es dauern wird. "Wenn wirklich alles klappt, ist es nicht ausgeschlossen, unser Ziel innerhalb von vier Jahren zu erreichen", so der Forscher.
Das Wort "unmöglich", sagt Church, tauche in seinem Wortschatz nicht auf. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass in seinem Forschungsfeld, der Genomik, selbst die kühnsten Prognosen von der Wirklichkeit übertroffen werden. 2,7 Milliarden Dollar und 13 Jahre Forschung waren nötig, um das erste menschliche Genom zu entziffern. Heute, nur zwölf Jahre später, geht das an einem Nachmittag zum Preis von nicht einmal 1000 Dollar. Es ist wenig erstaunlich, dass ein solches Tempo die Fantasie beflügeln kann.
Für welche dieser Spezies aber sollte sich Church entscheiden? Er war auf der Suche nach einem ausgestorbenen Tier, dessen lebende Verwandte ihm zwar ähnlich, aber nicht zu ähnlich sein sollten. Es sollte sich nicht um ein Raubtier handeln ("Sie wissen ja, ,Jurassic Park'"), und, ganz wichtig: Charisma sollte der Idealkandidat für die Wiedergeburt haben.
Die Wahl fiel Church nicht schwer. Denn welche Tierart hätte besser seinem Wunschprofil entsprechen können als das Wollhaarmammut? Mit dem Asiatischen Elefanten hat es einen lebenden Verwandten, von dem es nur sechs Millionen Jahre Evolution trennen - ein Zeitraum, den Church mit gentechnischen Mitteln durchaus überbrücken zu können glaubt. Das dichte Fell, der markant gewölbte Kopf und die mächtigen, geschwungenen Stoßzähne geben dem Mammut zudem eine höchst eigene und durchaus charismatische Erscheinung. …
Seit vielen Jahren schon lockt die Vision, die pelzigen Rüsseltiere wiederauferstehen zu lassen, Abenteurer ins entlegene Jakutien in Ostsibirien. Denn dort bestehen besonders gute Aussichten, wohlerhaltene Mammutkadaver im Permafrost zu finden.
Der 86-jährige Reproduktionsmediziner Akira Iritani etwa mag die Hoffnung nicht aufgeben, in den Geschlechtsteilen der Tiere noch funktionstüchtige Spermien zu finden. Mit diesen will der Japaner dann Elefanten-Eizellen befruchten, um so einen Mammutmischling zu zeugen.
Im März 2012 bekam Iritani Gesellschaft von dem Südkoreaner Hwang Woo Suk. Vor neun Jahren hatte dieser noch als Fälscher die Welt empört - er gab vor, menschliche embryonale Stammzellen geklont zu haben. Jetzt verkündete er, Zellkerne aus eiszeitlichen Kadavern zur Herstellung von Mammutklonen nutzen zu wollen.
In Fachkreisen gelten solche Ankündigungen als Fantastereien. Denn tiefgefrorenes Erbgut mag zwar auch nach 10 oder gar 20 Jahren im Eisfach zur Zeugung von Leben taugen, doch hier geht es um eine tausendfach längere Zeitspanne. Es gilt als wenig wahrscheinlich, dass irgendwo DNA-Moleküle so lange überdauert haben könnten, ohne in Zigtausende Schnipsel zerhäckselt zu werden. Für Klonexperimente ist das bisher in Mammutkadavern gefundene Erbgut-Ragout jedenfalls ungeeignet.
Church entschied sich deshalb für ein anderes Verfahren: Er will Mammuts selbst herstellen, indem er das Erbgut von Elefanten entsprechend modifiziert. Zwar würden so keine vollwertigen Mammuts entstehen, doch immerhin Kreaturen, die diesen ähnlich sind: mammutisierte Elefanten. …
All das klingt kühn, geradezu vermessen. Doch Church denkt noch weiter. Seien erst einmal Embryonen seiner Designer-Mammuts entstanden, bestehe zwar die Möglichkeit, diese dann Elefantenweibchen einzupflanzen. Vor diesem Schritt jedoch schreckt Church zurück. Er fürchtet Proteste, wenn er die Tiere als Leihmütter missbraucht. Deshalb will er seine Wollhaarelefanten im Labor aufziehen - in künstlichen Gebärmüttern, welche die heranwachsenden Föten mit allen notwendigen Nährstoffen versorgen sollen. Die Technik, beteuert Church, sei bereits weit fortgeschritten. …
(Der Spiegel 4-2015 S.116 - )

·       Synthetische Biologie „Das Leben bahnt sich seinen Weg"
Der Biologe Andreas Weber und die Physikerin Petra Schwille streiten über das Risiko, künstliche Organismen zu erschaffen
Kann es künstliches Leben geben? Wie Ingenieure wollen Forscher mithilfe von DNA-Bausteinen nützliche Bakterien, Pflanzen und Tiere konstruieren, Synthetische Biologie nennt sich das Metier. Die Hoffnung richtet sich auf Mikroorganismen, die Kraftstoffe oder Medikamente erzeugen, auf gezüchtete Organe, sogar eine künstliche Fotosynthese. Die Befürchtungen gelten unvorhersehbaren Risiken und ethischen Grenzen: Dürfen Menschen so tief in die Schöpfung eingreifen? Hinter der Kontroverse steht die fundamentale Frage nach den Gesetzen des Lebens. Darüber debattieren zwei Naturwissenschaftler aus gegensätzlichen Perspektiven: Die Physikerin Petra Schwille sucht im Labor mit "SynBio"-Methoden nach dem Ursprung des Lebens. Der Biologe und Philosoph Andreas Weber verteidigt die Eigenwilligkeit aller Lebewesen. …
ZEIT: Meinen Sie tatsächlich, Pflanzen, selbst Mikroorganismen hätten einen eigenen Drang, quasi Pläne?
Schwille: Wenn ich sie beobachte, dann frage ich mich immer: Wo will das eigentlich hin? Ein Philosoph würde mich jetzt wahrscheinlich verprügeln ...
Weber: Im Gegenteil, ich gehe noch deutlich weiter, und ich bin auch Philosoph!
Schwille: Nun, eigentlich ist der Begriff Intention ja für bewusstes, also menschliches Leben reserviert. Aber mich fasziniert, dass man doch sagt: Auch Krankheitserreger wollen etwas. Sie wollen sich fortpflanzen, sie wollen sich ausbreiten.
Weber: Für mich gibt es diese Intentionalität, und der Begriff beschreibt genau den Epochenbruch. Die gängige bioökonomische Megawissenschaft verwendet eine Perspektive des Toten, um Prozesse des Lebens zu analysieren. Das neue biologische Denken hingegen besagt: Es gibt eine Form der Selbstbehauptung, die wir ernst nehmen müssen, um Lebendigkeit zu verstehen. …
ZEIT: Sie wollen also Adam und Eva finden?
Schwille: Genau, die Frage ist: Wie sehen die aus? Und ja: Zellen haben mich so oft überrascht, dass ich inzwischen aufgehört habe, sie als komplexes Ganzes zu erforschen. Stattdessen versuche ich, ein extrem einfaches biologisches System zu schaffen. Eines, das mich überrascht, indem es erstmals etwas tut, was ich nicht selbst angelegt habe. …
Aber wie definieren Sie eigentlich Leben?
Schwille: Da gibt es ja viele Annäherungen, und dennoch ist keine vollständig. Es muss einen Stoffwechsel geben, Reproduktion, Reizbarkeit oder dieses Kriterium, das mir Kopfzerbrechen gemacht hat: Evolvierbarkeit, also die Fähigkeit von Lebewesen, durch Veränderung ihrer Gene ihre äußeren Merkmale und damit ihre Fitness im Überlebenskampf zu verändern. Vielleicht steckt ja genau hier diese geheimnisvolle Intentionalität ...
Weber: Für mich ist Leben der ständige Prozess, eine Identität herzustellen. Ein Lebewesen, schon eine einfache Zelle, tut vor allem eines: ihre körperliche Ganzheit beständig zu erneuern. Zunächst, indem die Zelle eine Membran um das bildet, was somit das Selbst ist. Das ist Intentionalität in Aktion ...
Schwille: … Dabei ist die erste Möglichkeit, Identität herzustellen, die physikalische Abgrenzung. So wie einst jene gegenüber dem Wasser bei der Entstehung des Lebens.
Weber: Allerdings würde ich betonen, dass die Scheidung von Innen und Außen aktiv geleistet wird. Angesichts der dramatischen Situation des Lebens auf dieser Erde wird es Zeit, anzuerkennen: Leben heißt, dass der Stoff ein Interesse gewinnt. …
Weber: Natürlich erzielt man Ergebnisse. Man wird nur leicht unvorsichtig oder größenwahnsinnig, wenn man öffentlich suggeriert, man habe im Prinzip alles verstanden.
Schwille: Das behauptet doch kaum noch jemand.
ZEIT: Aber wie riskant ist diese Ungewissheit?
Schwille: Wissen Sie, ich bin ein großer Fan des Films Jurassic Park. In einer meiner Lieblingsszenen sagt da Jeff Goldblum als einer der Forscher, die die wieder erschaffenen Saurier vorgeführt bekommen: "Das Leben bahnt sich seinen Weg." Egal, was man in die Welt setzt: Was lebt, ist nicht vollständig regierbar. Das kennt man doch von seinen Kindern!
Schwille: Leben ist gefährlich. Das macht es doch so faszinierend. Es ist eben nicht vorhersehbar. Es hat seinen eigenen Kopf.
Weber: Für die Synthetische Biologie bedeutet diese Erkenntnis: Die Gefahr liegt nicht darin, dass etwas geändert wird, sondern in der Illusion, man könnte diese Änderung kontrollieren.
Schwille: Genau.
Weber: So wird es aber nicht gesagt.
Schwille: Weil diese Risiken so groß nicht sind und man sie auch im Verhältnis zu den Dingen sehen muss, die man schon tut. Kein Mensch verliert ein Wort über konventionelle Pflanzenzüchtung, dabei kann sie genauso gefährlich sein. …
Schwille: Mir fehlt immer noch der Beweis dafür, dass die direkte Genmanipulation tatsächlich schädlich ist.
Weber: Ökologische Folgen sind doch beispielsweise bei den Pestizidresistenzen sichtbar geworden. Kein Wunder: Wenn man wie die Gentechnikforscher Wesen als kontrollierbare Maschinen betrachtet, verkennt man die Kreativität der Pflanzen. Dann wird man unfreiwillig Superunkräuter kreieren – und muss am Ende erst recht Vernichtungswaffen gegen sie auffahren. Ich setze etwas im besten Glauben in die Welt, aber es wird sich nach seinen eigenen Regeln bewahrheiten. …
Schwille: Es ist ja genau das Spannende an der Biologie, dass sie intrinsisch nicht vorhersehbar ist! Sie wird nie präzise steuerbar sein wie technische Systeme. Aber, und jetzt kommt unser Dissens: Kontrollierbar, das ist sie schon. Ich sehe in der Synthetischen Biologie schon große Chancen. …
ZEIT: Statt unbekannte Risiken einzugehen, könnten wir zum Beispiel materiell bescheidener leben.
Schwille: Wir müssen jedenfalls mal definieren, was wir wollen! Im Moment rollt das Ding immer schneller, und wir helfen auch noch nach. Dabei ist Synthetische Biologie nur das allerkleinste Rädchen. Die eigentliche Beschleunigung und Steigerung der Komplexität auf allen Ebenen rührt viel eher aus den Informationswissenschaften. Auch dabei wird die Frage nicht gestellt, weder in der Wissenschaft noch in der Politik: Was wollen wir denn? Wir müssen entscheiden, was das gute Leben ist.
Weber: Da haben wir als Biologen, und umso mehr als philosophische Biologen, viel beizutragen. Wenn wir das Leben nicht mehr als Maschine verstehen, sondern als Schöpfungsgeschehen, dann wäre das Ziel, dass sich verschiedene Lebensentwürfe miteinander maximal entfalten können. Oder, wie der Theoretiker des Konstruktivismus, Heinz von Foerster, formuliert hat: Handle so, dass sich die Möglichkeiten vermehren. Dass Leben sei. …
(Die Zeit 25.2.2016 S.33 http://www.zeit.de/2016/10/synthetische-biologie-kuenstliches-leben/komplettansicht )

·       Genetik: Das Wesen des Lebens
Ein Team um den Biotech-Pionier Craig Venter hat ein Bakterium mit dem kleinstmöglichen Erbgut fabriziert. Die Minimalmikrobe markiert den Beginn eines Zeitalters, in dem der Mensch die Kreatur von Grund auf neu erschaffen wird.
schon 2010 hatten sie das vollständige Erbgut eines schlichten Bakteriums namens Mycoplasma mycoides synthetisiert und in die Hülle einer anderen Mikrobe transplantiert. Es war ihnen gelungen, dieses Konstrukt zum Leben zu erwecken …
nun in „Science“ Vollzug melden: „Syn3.0“ nennen sie ihre jüngste, aufs pure Überleben reduzierte Laborkreatur. Nur 561560 DNA-Buchstaben umfasst ihr Erbgut und damit weniger als dasjenige jedes anderen eigenständig lebenden Organismus auf Erden …
mit insgesamt 473 Genen mussten sie ihre mikrobielle Kreatur ausstatten … bei 149 davon ist die genaue Funktion unbekannt …
„Syn3.0“ teilt sich ein Mal alle drei Stunden …
(DER SPIEGEL 26.03.2016 https://magazin.spiegel.de/SP/2016/13/143811255/index.html )

·       Allein in der Biomedizin gibt es heute geschätzt 9.000 englischsprachige Fachzeitschriften. Hier veröffentlichen Forscher im Jahr rund 800.000 Artikel.
(Die Zeit 23.6.2016 S.329f. http://www.zeit.de/2016/27/emmanuelle-charpentier-crispr-gentechnik/komplettansicht ) „Wir haben ein magisches Rezept“
Der nordirische Genetiker Stephen Kingsmore erklärt, wie er mithilfe von Turbo- Erbgutanalysen schwerkranke Neugeborene rettet, die an rätselhaften Gendefekten leiden.
Eintrag in das Guinessbuch der Rekorde –Sie haben das komplette Genom eines Kindes in nur 26 Stunden sequenziert …
das Sequenzieren eines Genoms dauert (billigste Variante) ungefähr drei Monate und kostet derzeit etwa tausend Dollar …
es gibt ungefähr 8000 rezessive Erbleiden, von denen nur 4500 bereits einen wissenschaftlichen Namen haben …
ein bis zwei Prozent aller Kinder, die auf die Welt kommen, haben ein rezessives Erbleiden … diese Zahl bezieht sich nur auf geistige Behinderungen, wenn man sämtliche genetischen Erkrankungen mitzählt, geht der Anteil hoch auf vier Prozent …
wir kennen allein rund 2000 unterschiedliche Mutationen, die Mukoviszidose verursachen können …
(Der Spiegel 47-2016 S.120 https://magazin.spiegel.de/SP/2016/47/148008223/index.html )

·       Der Mensch hat mehr als 100.000 Gene. Die Genetiker waren sich lange Zeit sicher: 100.000 mussten es schon sein. 120.000 wurden im Jahr 2000 in Nature geschätzt. Im Internet wurde gewettet, jemand setzte da auf 153.000 Gene im Erbgut des Menschen. Schließlich zählt schon die einfache Bäckerhefe fast 6000. Dann begannen die Forscher genau hinzusehen. Am 12. Februar 2001 legte das internationale Humangenomprojekt seine erste offizielle Schätzung vor: 30.000 bis 40.000, höchstens! Im Oktober 2004 waren es nur noch | maximal 25.000. Zum Vergleich: So viele Gene besitzt auch die Ackerschmalwand. Mensch und Kraut auf Augenhöhe? Die Genetik bietet Beleidigten einen Ausweg. Auf die Zahl der Gene kommt es gar nicht an – sondern darauf, was man damit macht, wie die Produkte der Gene kombiniert und verfeinert werden. Neueste Studien korrigieren die alten Schätzungen übrigens weiter nach unten. Jetzt sind kaum mehr als 20000 übrig.
(Die Zeit 4.5.17 S.31ff.)

·       Wie kam die Giraffe zu ihrem langen Hals? Indem sie angestrengt ihren Kopf gen Blätterdach reckte, den Hals dadurch wachsen ließ und diese Anpassung an ihre Nachkommen weitergab? Das dachte der große Biologe und Darwin-Vorgänger Jean-Baptiste Lamarck. Seine Evolutionstheorie gilt als Beispiel für wissenschaftlichen Irrtum, millionenfach dokumentiert in Schulbüchern rund um den Globus. Denn recht hatte Darwin: Evolution funktioniert nicht über die gezielte Veränderung bestimmter Eigenschaften, sondern per Zufall und Auswahl. Wars das? – Nach der Jahrtausendwende entdeckten Forscher den Einfluss von »Schaltern«, die einen Genabschnitt aktivieren oder deaktivieren. Welchen, das hängt von den Umwelteinflüssen ab. Die Epigenetik war geboren. Mit ihr wurde Jean-Baptiste Lamarcks Evolutionslehre zwar nicht rehabilitiert. Aber so unrecht, wie es die Biologie-Lehrbücher glauben machen wollten, hatte er auch nicht. Immerhin.
(Die Zeit 4.5.17 S.31ff.)

·       Alle Baupläne für die unzähligen Eiweiße des Körpers stecken in Genen. Diese stellen den wichtigen Teil unseres Genoms dar. Der Rest besteht aus uralten genetischen Parasiten, die sich vor Jahrmillionen in die Erbmoleküle unserer evolutionären Vorfahren eingeschlichen haben, oder einfach nur aus sinnlosem Datenmüll. So dachten Forscher noch Ende der 1990er Jahre. Dann begann das Genomics-Zeitalter und bescherte ihnen neue Einsichten. Zum Beispiel, dass es Gene gibt, in denen keine Bauanleitungen enthalten sind, sondern eine Art Produktionssoftware für die Proteine. Schließlich stellte sich heraus, dass im Erbgut auch Steuermodule für Gene vorhanden sind – sie allein beanspruchen ein Fünftel der gesamten DNA. Tatsächlich ist ein großer Teil des Genoms bedeutsam; von Schrott-DNA mag heute niemand mehr sprechen.
(Die Zeit 4.5.17 S.31ff.)

·        

 

 

B) Gentechnik

·         Q: Gentechnik, Bayerisches Umweltministerium 1/94
- neue Dimension der Gentechnik:
A) es können einzelne genetisch bedingte Eigenschaften übertragen werden (bei herkömmlicher Züchtung stets gesamtes elterliches Genom, gezielte Neukonstruktion)
B) die Übertragung kann auch über Artgrenzen hinweg erfolgen (Ressource ist genetische Information aller Organismen, natürliche Artgrenzen / Befruchtungsbarrieren haben Bedeutung verloren)
[C) Beschleunigung: Zeitaufwand für Zuchtverfahren wird erheblich vermindert; bessere Kontrollierbarkeit, z.B. Auswahl gewünschter Eigenschaften schon in frühen Entwicklungsstadien; Zielausrichtung evolutionärer Prozesse]
- Erbinformation:
escherichia coli: 4,2 Mill. Basenpaare
Mensch          : 3,3 Mrd.  Basenpaare
Weizen          : 17  Mrd.  Basenpaare
- Proteine als Bausteine und Werkzeuge der Zelle: Strukturproteine (Haare, Nägel), Enzyme als Biokatalysatoren, Antikörper, Transportproteine (Hämoglobin), Hormone
- bei Bakterien Übertragung von Genen von einer Art auf die andere in der Natur:
a) Konjugation (Zusammenlagern zweier Bakterienzellen, Plasmid wandert über Brücke; z.B. Träger einer Resistenz)
b) Transduktion (Phagen = Viren übertragen ihre DNA in die der Bakterienzelle; in best. Fällen wird Phagen-DNA wieder selbständig, "aus Versehen" angrenzende Bereiche der Bakterien-DNA mit "eingepackt", bei nächster Infektion Übertragung)
c) Transformation (bestimmte Bakterienarten können freie DNA durch ihre Zellwand aufnehmen)
- Plasmide als Vektoren:
* verändert, sodaß sie sich nicht mehr selbständig auf andere Zellen ausbreiten können, und daß sie sich stark in ihrer Zelle vermehren; Marker eingebaut, an denen sie erkannt werden können (Z.B. Antibiotikaresistenz)
- Restriktionsenzyme als molekulare Scheren (zerschneiden eigentlich Fremd-DNA zur "Verdauung"), mit deren Hilfe DNA in definierte kleinere Bruchstücke zerlegt wird
- gentechnische Ziele in der Pflanzenzüchtung: Ertragssteigerung, Qualitätsverbesserung, Anpassung an Standort- und Haltungsbedingungen, verminderte Anfälligkeit gegen Krankheiten
* Pflanzengesundheit verbessern: Widerstandskraft - Resistenzen gegen Schädlinge, gegen Stressfaktoren wie Hitze, Trockenheit, salzige und saure Böden
[* Ertragssteigerung
 * Ernährungs- und Verarbeitungsqualität
 * Anbau-Eigenschaften]
- Krebsmaus: genetisch so verändert, daß sie mit großer Wahrscheinlichkeit Krebs entwickelt; patentiert
- rBST (Hormon : rekombinantes bovines Somatropin)
zur Steigerung der Milchproduktion bei Kühen, wirkt streng artspezifisch;
[FORUM 46 S.21: Leistungssteigerung 10-30 %, Auswirkungen auf Milchmarkt, Agrarstruktur, Tiergesundheit, Milchqualität, Verbraucherakzeptanz ?, S 31: etwa 15% der Milchkühe in den USA erhalten Injektionen mit diesem Hormon, 50% des USA-Käses sollen aus rBST-Milch hergestellt sein, Gelenkerkrankungen, Euterentzündungen, Zusammensetzung der Milch geändert?]
angesichts der Überschußproduktion in Europa notwendig?
- Flavr Savr - Tomate [FORUM 46 S.32]
* "Aroma-Retter"
* in der reifen Frucht werden „ätherische Öle, Geruchs- und Geschmacksstoffe gebildet, das Gewebe wird weicher, da das Enzym Galacturonidase das Pektin der Zellwände abzubauen beginnt, das Gen zur Produktion dieses Enzyms wurde blockiert, Kanamycin-(Antibiotikum)-Resistenz-Gen zusätzlich drin zur Kontrolle
- Produktion menschlicher Proteine durch transgene Tiere angestrebt: transferiertes Gen wird mit Kontrollregion versehen, damit das Protein aussschließlich in der Milchdrüse produziert und in die Milch abgegeben wird
- Lebensmittelproduktion:
a) gentechnisch hergestellte Zusatzstoffe:
Enzyme pflanzlichen und tierischen Ursprungs werden von Mikroorganismen erzeugt; M. werden getötet, aufwendige Reinigung: keien Rückstände im Produkt, das naturidentisch ist (z.B. Labferment Chymosin ursprünglich aus Kälbermagen gewonnen als Milchgerinnungsmittel in der Käseherstellung)
b) Fermentationsorganismen
verbleiben im Produkt, werden mit verzehrt
- Gentechnik-Gesetz hat
Schutzzweck (Menschen, Tiere, Pflanzen, Sachgüter, Umwelt)
Förderzweck
Das Gentechnikgesetz gilt für gentechnische Anlagen, gentechnische Arbeiten, die Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen und das Inverkehrbringen von Produkten, die gentechnisch veränderte Organismen enthalten oder aus solchen bestehen
- Haftungregelungen GenTG:
Betreiber ist verpflichtet, Schaden zu ersetzen, auf 160 Mill. DM beschränkt
- Sicherheitsstufen:
S1 : kein Risiko
S2 : geringes Risiko
S3 : mäßiges Risiko
S4 : hohes Risiko oder begründeter Verdacht

·         Q: Vortrag Borgwardt / SMU Chemnitz 26.3.96
- Dr. Herbert Borgwardt, Windmühlenstr.43, 01257 Dresden, Tel.d. 0351/5642152 p.0351/2840050
- Gentechnik-Gesetz 1.7.90
- Novellierung ("auf Druck der Industrie") 16.12.93;
Vereinfachungen:
* Fristverkürzungen (S1 1 Monat, max. 3 Monate)
* Anmeldung statt Genehmigung bei gewerblichen S1-Verfahren
* Wegfall des Erörterungstermins bei Freisetzungen [Einwendungen der Öffentlichkeit sind trotzdem möglich]
- Freisetzungsversuche Sachsen:
* Gaußig bei Bautzen ("großer Sturm"); Bockelwitz zwischen Mügeln und Leisnig an der Autobahn (dort kein Interesse der Bevölkerung)
* agrevo schickt Antragsunterlagen an Robert-Koch-Inst., SMU, Landesamt f.U+G
* SMU hat Acker besichtigt (Landschaftsschutzgebiet), Eigentumsverhältnisse überprüft (Umkreis 2 km "betroffen"?), Bodengutachten, Pflanzenpopulationen erfaßt
* vereinfachtes Genehmigungsverfahren, d.h. anderswo in Europa gleiche Versuche schon gelaufen
* Raps, Zuckerrüben, Mais;
agrevo Resistenz BASTA; MONSANTO (?) eigenes Totalherbizid
- "mit ein bis zwei Ernten ist alles wieder rein, was in die Forschung gesteckt wurde"
- auf Frage, ob vor Ort geprüft wird, ob auch so gearbeitet wird, wie's im Antrag steht:
* ... das können wir in Sachsen nicht
* wir sehen uns die Unterlagen genau an
* Vertrauen: a) Genehmigung für andere Versuche würde der Betreiber sicher auch erhalten, warum also illegal?; b) veränderter Versuch mit Gefängnis bedroht, also hohes Risiko...

·         Q: TV "Herren der Schöpfung" 25.3.93
- GVO = gentechnisch veränderte Organismen
- "grüne Genforschung": Pflanzen
- "rote Genforschung": Tiere
- transgene Tiere, Pflanzen: fremde Erbanlagen eingebaut
- transgene Tiere: menschl. Erbanlage in befruchtete tierische Eizelle
- Schafe sollen Blutgerinnungsfaktor VIII produzieren, Mäuse können das schon
- eine manipulierte Kuh könnte den deutschen Bedarf an Faktor VIII decken
- Riesenschweine USA: menschl. Wachstumsgen eingesetzt

·         Q: Der Mensch: Geschöpf oder Schöpfer?, VELKD-Texte 41/1991
- Chimären: Mischwesen, aus Zellen verschiedener Herkunft werden Protoplasten hergestellt und dann miteinander fusioniert (Tomoffel, Schiege, Schaf-Rind bereits gelungen)
- Bakterium "Agrobakterium tumefaciens" wird verwendet, um fremde Gene in Pflanzen einzuführen: befällt verletzte Wurzelzellen und schleust Teile seiner DNA (Ti-DNA = tumor-induzierende DNA) in die Pflanzenzelle ein, bewirkt a) Produktion bestimmter für die Bakterie wichtige Substanzen (Aminosäuren, die sie selbst nicht herstellen kann) und b) starke tumorartige Vermehrung der befallenen Zellen (Wurzelhalsgalle), zur Einschleusung flankierende DNA-Abschnitte nötig, jedes beliebige Gen läßt sich schleusen, wenn es von diesen flankierenden Sequenzen eingerahmt ist (TI-Plasmid als Vektor), bisher nur bei zweikeimblättrigen Pflanzen erfolgreich
- Erfolgsrate der Einschleusung von Fremdgenen per Mikroinjektion in befruchtete Eizellen (Beispiel eines Versuchs 1987 mit Rindern): 1161 Injektionen, 126 Kälber, 7 neue DNA eingebaut, 1 Tier Information genutzt

·         Q: taz 19.7.95
- in Deutschland werden Lebensmittel mit gentechnisch manipulierten Enzymen hergestellt (keine Kennzeichnungspflicht); Käse, der mit einem gentechn. gewonnenen Enzym hergestellt wurde, könne hier gekauft werden

·         Q: Öko-Mitteilungen Freiburg 3/94 S. 4ff.
- rBST der Firma MONSANTO (USA) darf seit Februar in USA injiziert werden, 15% der Milchkühe bekommen die Hormonspritze
- transgene Organismen (Bakterien, Hefen oder Pilze) erzeugen Enzym Chymosin zur industriellen Käsebereitung: Marktanteil USA 50%, Großbritannien, Italien 20 %
- Novo Nordisk (Dänemark) liefert auch nach Deutschland ein Enzym (Novamyl), das Backmischungen beigemengt wird, um das Altbacken-werden zu verzögern

·         - Kontrolle kompliziert; 100%ige Reinigung nicht möglich - Bruchstücke der Organismen und ihrer DNA in den Produkten;
kritische Wissenschaftler befürchten z.B. Zunahme von Allergien, Veränderung von Inhaltsstoffen, Nährwerten und Verdaulichkeit, Ausbreitung von resistenten Krankheitserregerbild der wissenschaft 6/98 S.12: Akzeptanzstudie Gentechnik
* 74 % setzen große Hoffnungen auf medizinische und pharmazeutische Anwendungen
* 76 % lehnen Veränderung von Lebensmitteln oder Nutzpflanzen ab
* Akzeptanz lässt sich nicht durch Wissen erzeugen
* Menschen mit höherer Bildung eher kritisch eingestellt
* nicht Wissen gaben die Befragten als Meßlatte an, sondern vor allem moralische und ethische Maßstäbe

·         Dtsch. Ärzteblatt 12/98 S.A-645
Biotechnologie Marktvolumen Europa Mrd DM 1995: 79; 2005 297, davon
Agrar 119 Mrd DM, Ernährung 69, Gesundheit und Pharma 63, Chemikalien 24, Materialien 14, Umwelt 8

·         GID 124 2/98 S.4
- Gentech-Chymosin für Käseherstellung wird jetzt auch in Deutschland produziert; Einsatz bereite
  seit März 1997 zugelassen
- jede dritte Kuh in USA mit rBST behandelt, Milchleistung 10-15% steigern

·         Journal für Deutschland 2/3 - 96 S.11
EMNID-Umfrage Jugendliche;
Zukunftstechnologien PRO: 92% Solarenergie, 29% Kernenergie, 14% gentechn. Veränderte Lebensmittel, Gentechnik gesamt 2/3 als Risiko begriffen - 37% als Chance

·         lumineszierender Tabak: Gen einer Meeresqualle übertragen; alle Tabakzellen bilden nun das Eiweiß Aequuorin, das einen bläulichen Lichtblitz aussendet, wenn es mit Ca-Ionen in Kontakt kommt
(GEO 11/99 S.113)

·         Geburtsjahr der Gentechnik 1973: erstmals gelungen, ein Gen aus einem Organismus herauszuschneiden und in einen anderen einzufügen;

·         eine bestimmte Art Chromosom im Bakterium, ein Plasmid, wird aufgeschnitten, das Gen eines anderen Organismus wird an den Schnittstellen eingeklebt; die neu-kombinierte DNA kann in eine Wirtszelle, etwa in Bakterien, Hefen, Insekten- oder Säugerzellen eingeführt werden, diese produzieren nun das Fremdprotein, dessen Bauanleitung in dem eingefügten Gen niedergeschrieben ist, in großen Mengen

·         praktische Hilfmittel wie „Text-Schneider“ und „Text-Kleber“, Restriktionsenzyme und DNA-Ligasen;
Textschneider erkennen spezifische Buchstabenfolge und trennen Moleküle dort auf, etwa 400 Scheren bekannt;
Ligasen können ein Textfragment mit einem anderen verbinden, Ursprung völlig gleichgültig, Textschnipsel aus der Bibel mit einem Satz aus der Steuererklärung...
(VFA Gentechnik)

·         Abfolge von über drei Mrd. Chemischer Buchstaben, die sich in den 23 menschlichen Chromosomen aneinander reihen

·         jedes Gen enthält den Befehl, irgendein Eiweiß zu bauen, das im Körper irgendeine Funktion hat;
in einigen Zellen sind 40000 Gene gleichzeitig aktiv, und jedes kann auf jedes andere einwirken;

·         Maus namens Lucy ist seit Oktober 1999 das erste Säugetier mit einem künstlichen Chromosom
(durch Einbau neuer Gene in eigene zusätzliche Chromosomen, die auch vererbt werden, wäre die Gefahr des Einbaus an falschen oder schädlichen Stellen zu vermeiden
(Spiegel 15/2000 S.172ff)

·         Kaninchen und Mäuse mit Leuchtgen einer Qualle; leuchten im „Schwarzlicht“ grün;
als Kunstobjekt vorgesehen
(Spiegel 26/2000 S.114)

·         Emnid-Umfrage Deutschland September 2000:
34% positiv zu Gentechnik in Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion
64% positiv zu G. in Medizin und Pharmazie;
für den Verbraucher müsse die Frage nach dem konkreten Nutzen eindeutig beantwortet werden; Grund für die eher geringe Akzeptanz sei vor allem „ mangelnde Information über Auswirkungen“ und „fehlendes Vertrauen in die handelnden Akteure“
GID 142 10-11/2000 S.40; epd-Wochenspiegel Ost 38/2000 S.11

·         Gensprung vom gentechnisch veränderten Mais zum Hähnchen; Bt-Mais gefüttert, nach der Schlachtung in Organen und Muskelfleisch typische Sequenzen der Mais-DNA gefunden
(GID 143 S.26)

·         40-50% der Lebensmittelenzyme von GVO produziert; fast 100% bei der enzymatischen Stärkeverzuckerung(Das Parlament 11/2001 S.8)

·         Gatersleben bei Magdeburg: Spinnengen in Tabakpflanzen eingeschleust;
Ziel: extrem reißfestes Synthetikgarn;
kanadische Forscher hatte das verantwortliche Gen schon früher isoliert und in die Milchdrüsen von Ziegen eingebaut; Chemiekonzern DuPont experimentiert mit Bakterien und Hefe, in deren Zellen das Spinnensekret heranreifen soll
(Spiegel 14/01 S.188)

·         Nanopartikel als Gentaxi, Genfähre; kleinste Silikapartikel, auf die sich DNA aufrollen lässt wie Spaghetti; schmuggelten bei Ratten DNA erfolgreich ins Zellinnere
(Die Zeit 21.2.02 S.33)

·         Mais, der ein Speichereiweiß produziert, das besonders viel von der lebensnotwendigen Aminosäure Methionin enthält; Forscher suchten die Stelle im Erbgut, die den Bauplan für dieses Eiweiß enthält, und veränderte die Signalsequenzen in den Erbgutregionen daneben; der Mais produziert dasselbe Eiweiß wie vorher – aber wir haben sozusagen die Regler etwas aufgedreht, sodass er mehr davon herstellt
(Der Spiegel 26/02 S.167)

·         Sicherheitsmaengel bei Chloroplastentransformationen: Gene springen in den Zellkern
Die Wissenschaftler Chung, Ayliffe und Timmis haben untersucht, wie stabil Fremd-Gene im Chlorplasten verbleiben. Chloroplasten sind die Zellorganellen, in denen die Photosynthese statt findet. Die Chloroplasten besitzen ein eigenes Erbgut, das allerdings nur wenige Gene umfasst, die bei der Photosynthese eine Rolle spielen. Das Chloroplasten-Erbgut wird in den meisten Pflanzen nicht wie das Erbgut der Zelle ueber den Pollen weitervererbt. Der Grund dafuer ist, dass in der Regel nur wenige Chloroplasten im Pollen vorhanden sind, die beim Verschmelzen mit der Eizelle abgetoetet werden. Aus diesem Grund werden solche GVO als besonders sicher bewertet, da die gentechnische Veraenderung von Chloroplasten die Auskreuzung auf andere Kulturen oder auf nahe verwandte Wildarten verhindert. Chung et al. (2003) untersuchten GV-Tabakpflanzen, in deren Chloroplasten ein Gen eingebracht worden war, das fuer Resistenz gegen das Antibiotikum Kanamyzin codiert. Dieses Neomycin-Phosphotransferasegen ist kernspezifisch, d.h. Nachfahren aus Pollen der GV-Tabakpflanzen konnten nur dann auf Antibiotikum-haltigen Naehrmedium ueberleben, wenn das Gen in den Zellkern transferiert worden war. Die Wissenschaftler untersuchten 250.000 Nachfahren, die aus einer Befruchtung mit dem Pollen der GV-Tabakpflanze auf Wildtabakpflanzen entstanden waren. Bei 16 Saemlingen fanden sie Resistenz gegen das Antibiotikum Kanamycin, d.h. in einem von 16.000 Faellen wandert das in den Chloroplasten eingebrachte Gen in den Zellkern. Chloroplasten-Transformationen sind bisher routinemaeßig an Tabakpflanzen und Tomatenpflanzen gelungen. Chung et al. weisen anhand ihrer Ergebnisse daraufhin, dass weiterer Forschungsbedarf dazu besteht, wie stabil sich Gene in Chloroplasten ueber Generationen hinweg verhalten.
(Gentechnik Nachrichten)

·         GMO übersetzt? genetically manipulated organism (so in offiziellen Regierungsdokumenten in Australien), genetically modified o. (auch in Deutschland wurde aus GMO à GVO (gentechnisch veränderter O.; in einigen englischsprachigen Ländern auch sprachliche Abrüstung zu GEO = genetically engineered o.
(Die Zeit 30.10.03)

·         es gibt Versuche, Schweine genetisch so umzuprogrammieren, dass sie menschliches Hämoglobin erzeugen
(Bublath: Die neue Welt der Gene, München 2003, S.139)

·         der genetische Code ist ein Triplettcode (drei Nukleotide auf der DNA kodieren für eine Aminosäure) und ist mit wenigen Ausnahmen in allen Organismen gleich; die meisten Aminosäuren werden mit 2 bis 6 verschiedenen Codons verschlüsselt; verschiedene Arten „bevorzugen“ (Präferenz) bestimmte Tripletts (von mehreren Alternativen); wenn ein Fremdgen (eines anderen Organismus) eingebaut wird, wird evtl. ein Gen schlecht in ein Protein übersetzt (es stehen zu wenig t-RNA-Moleküle für den Transport zur Verfügung); es ist daher sinnvoll, die Sequenz des Fremdgens an die Gegebenheiten des Wirtsorganismus anzupassen, d.h. Codons geringer Präferenz durch Codons mit hoher Präferenz zu ersetzen
(Grüne Gentechnik in Forschung und Anwendung; Magazin des GSF Neuherberg, 2004/2005, S.20)

·         Bakterien und Pilze sind im Vergleich zu Säuger- und Insektenzellen zwar robuster, als Produktionssysteme für Säugerproteine jedoch nur bedingt geeignet, weil eine korrekte Prozessierung und Faltung der rekombinanten Proteine oftmals nicht stattfindet;
Pflanzenzellen besser geeignet: korrekte Prozessierung und Faltung, kostengünstige Produktion; durch anderen Stoffwechsel können Substanzen, die z.B. für tierische Zellen toxisch wären, problemlos angereichert werden; auch gute Trennung von (grundsätzlich ähnlichen) Substanzen tierischer und pflanzlicher Herkunft möglich; ...
Tabak sehr geeignet, weil er sich gentisch leicht verändern lässt, preiswert zu kultivieren ist und mit 50-80 Tonnen je Hektar und Jahr die höchste Biomasseproduktion hat; ist zudem keine Nahrungs oder Futterpflanze;
damit die Produktion pharmazeutischer Proteine in Pflanzen wirtschaftlich ist, muss Anteil von 0,2% rekombinantem Protein am löslichen Gesamtprotein vorliegen; ...

in Pflanzen produzierte pharmazeutische Proteine (Beispiele):
Erythropoietin (Blutbildungshormon) Tabak (Suspensionskultur)
Hämoglobin (Blutersatzlösung) Tabak (Saatgut)
Interferon (Multiple Sklerose) Kartoffel, Tabak
(Grüne Gentechnik in Forschung und Anwendung; Magazin des GSF Neuherberg, 2004/2005, S.33ff.; 37)

·         Nachweis von transgenen Pflanzen: qualitative PCR-Tests ermöglichen eine Ja/Nein-Aussage über das Vorhandensein von GVO; es wird auf DNA-Sequenzen getestet, die typischerweise in gentechnisch modifizierten Pflanzen eingebracht werden; zu nennen insbesondere der Promotor 35S aus dem Blumenkohlmosaikvirus und der Terminator NOS aus dem Bodenbakterium A. tumefaciens; diese Sequenzen dienen als Regulationselemente (Ein- bzw. Aus-Schalter);
Nachweisgrenze abhängig von der DNA-Menge, die extrahiert werden kann; bei Saatgut und Rohstoffen wie Mehl: 0,01% erreichbar; bei hoch verarbeiteten Proben wie Maisstärke Nachweisgrenze 0,1-0,3% und höher
(Grüne Gentechnik in Forschung und Anwendung; Magazin des GSF Neuherberg, 2004/2005, S.56)

·         S.9: nahezu 100% der Waschmittelenzyme werden mit gentechnischen Methoden hergestellt
(Gentechnik – genial oder gefährlich? Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft 2005)

·         Bioalkohol als Treibstoff für Autos; Vergärung von pflanzlichem Material;
Institute in Frankfurt/M. und Lund/Schweden: die für die Vergärung verwendete Bäcker- oder Bierhefe wurde „veredelt“; konnte bisher die Zuckerarten Xylose und Arabinose, die bei der Spaltung der Hemizellulose entstehen, nicht vergären; jetzt in die Hefe zusätzlich 5 fremde Gene eingebaut (3 aus Bakterien, 2 aus einer anderen Hefe) und drei eigene Gene der Hefe zusätzlich „optimiert“; erreichter Wirkungsgrad von 30-40% bei der Produktion von Etanol nun auch aus Pentosen (bisher nur aus Hexosen) ist noch steigerungsfähig
(FAZ 12.10.05)

·         Termiten-Darm ist einer der effizientesten Bioreaktoren, die es auf der Erde gibt; extrem fein zerkleinertes Holz wird innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen verdaut; in 1 Miroliter Darmvolumen drängen sich etwa 10 Millionen Bakterien und Zehntausende von Einzellern; Gesamtheit des genetischen Materials aller Darmsymbionten soll isoliert werden, Suchen nach den wirksamen Gensequenzen, anschließend einschleusen in Kolibakterien, die die erhofften Wirkstoffe in Reinform produzieren; damit effizientere Biogas- oder Ethanolherstellung aus Biomasse
(SPIEGEL 37/05 S.188)

·         biotechnische Produktion von Vitamin B2 schnitt bei 5 von 6 Ökobilanz-Wirkungskategorien besser ab als das klassisch-chemische Herstellungsverfahren
(Umwelt BMU 9/2005 S.488)

·         Uni Bielefeld und Uni Queensland / Australien: Grünalge gentechnisch so verändert, dass sie die sechsfache Menge gegenüber der Naturform an Wasserstoff produziert; Bioreaktor soll 2010 fertig sein; Grünalgenkraftwerk von der Größe der Dachfläche eines Einfamilienhauses würde genügen, um den Haushalt mit Strom zu versorgen
(bdw 12/05 S.7)

·         dänische Biotechnologie-Firma hat die Pflanze Ackerschmalwand gentechnisch so verändert, dass sich ihre Blätter in der Nähe von Sprengstoffen (Stickstoffdioxid = TNT; Schwermetalle) drei bis sechs Wochen nach der Aussaat rot färben („Red Detect“); soll zur Suche von Landminen eingesetzt werden und nächstes Jahr auf den Markt kommen
(taz 24.3.06)

·         Uni Lund Schweden: Hefetyp gentechnisch verändert, kann jetzt neben Glukose auch die Pentosezucker Arabinose und Xylose effektiv vergären; Ziel: Bioalkoholherstellung aus pflanzlichen Reststoffen (Stroh, Holz)
(bild der wissenschaft 3/2006 S.13)

·         Uni Rostock will im Sommer erstmals in Deutschland (bisher nur in USA, Kanada und Frankreich solche Versuche) so genannte Pharmapflanzen im Freiland anbauen; zwei Kartoffelvarianten mit Gensequenzen von Krankheitserregern (Cholerabakterium und Erreger des hämorraghischen Kaninchenfibers = Chinaseuche); mit den Pflanzen sollen eines Tages Impfstoffe produziert werden;
15 Genpflanzen-Medikamente werden bereits in klinischen Studien getestet; voraussichtlich bald erste Zulassung in Frankreich (Genmais stellt Präparat für Mukoviszidose-Patienten bereit);
(taz 3.3.06; 17.5.06)

·         zwei Eiweiße als Vakzine zur Impfung gegen Pest eingesetzt; Eiweiße getrennt und als Fusionsprotein in gentechnisch veränderten Tabakpflanzen gezüchtet; Meerschweinchen injiziert, bei späterem Kontakt mit dem Pesterreger überlebten drei Viertel der Tiere (normalerweise immer tödlich)
(bild der wissenschaft 4/06 S.25)

·         so werden heute mehr als 90% der in Lebensmitteln und Waschmitteln verwendeten Enzyme gentechnisch hergestellt
(Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft: „Gentechnik – genial oder gefährlich?“, 2005, S.30)

·         USA: in Tabakpflanzen erfolgreich Vakzine für die Immunisierung gegen Anthrax und Borreliose hergestellt; notwenige Gene in das Chloroplasten-Genom der Tabakpflanzen eingeschleust, auf 0,4 ha könnten 360 Millionen Dosen des Anthrax-Vakzins produziert werden
(GID 174 Feb/März 2006 S.24)

·         Gendoping: genetische Information für das Hormon Erytropoietin (EPO) wird über Trägerviren direkt in die Zellkerne von Muskelzellen eingeschleust; Muskelzellen produzieren vermehrt EPO, was die Bildung roter Blutkörperchen anregt, dadurch vermehrter Sauerstoffumsatz möglich
(GID 174 Feb/März 2006 S.31)

·         „Synthetische Biologie“
Bakterien;
a) Beseitigung „überflüssiger“ DNA (nur lebensnotwendige Teile des Genoms bleiben erhalten)
b) Neuprogrammierung; schon heute stehen (z.B. am MIT in Boston 800)verschiedene Abschnitte der DNA zur Verfügung, die sich wie standardisierte Bauteile verwenden lassen (z.B. Befehl für Herstellung eines bestimmten Proteins zu einem bestimmten Zeitpunkt)
(Spiegel 33/2006 S.126)

·         Umweltbundesamt 2002:
“Eine
gentechnisch übertragene Gensequenz muss also als eine genetische Information verstanden werden, deren Kontext in unkontrollierter Weise verändert wurde“
(Gen-ethisches Netzwerk 1986-2006; Festschrift, 2006, S.30)

·         (363) Tabakpflanze exprimiert ein Gen aus dem Glühwürmchen, das zur Aussendung von Licht führt
(Neil A. Campbell / Jane B. Reece: Biologie, Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg Berlin, 6. Auflage, 2003)

·         US-Forscher Craig Venter hat Patentantrag für ein vollständig synthetisch hergestelltes Lebewesen, ein Bakterium, eingereicht;
soll als ausbaufähige Plattform z.B. zur kostengünstigen Produktion von Wasserstoff oder Ethanol dienen;
Ausgangspunkt war ein parasitisch lebendes einfaches Bakterium, dem zahlreiche Gene fehlen, um selbständig leben zu können; Venter schaltete noch weitere 100 Gene ab; dann stellte er den aus rund 380 Genen bestehenden „Minimalorganismus“ aus DNA-Schnipseln komplett neu im Labor synthetisch her
(taz 15.6.07)

·         Hans-Josef Fell MdB:
Bereits seit vielen Jahren setzt man bei einigen biotechnologischen Verfahren Enzyme ein, die von gentechnisch veränderten Organismen hergestellt werden. Bei der Produktion von Wasch- und Reinigungsmitteln, Vitaminen und Medikamenten geht ohne gentechnisch hergestellte Enzyme wenig. Aber auch in der Lebensmittel-, Textil-, Papier-, Druck- und Kosmetikindustrie werden sie bereits angewandt. Zumeist werden den Mikroorganismen dabei nicht „fremde“ Gene übertragen, sondern es wird ihnen ihr eigenes Gen mehrfach eingebaut /Multi-Copy-Organismen), damit sie das gewünschte Enzym in großer Menge bilden.;
War der Einsatz gentechnisch hergestellter Enzyme noch in den 1980er Jahren sehr umstritten, ist er inzwischen gesellschaftlich akzeptiert. Warum? Weil für die Arbeit in geschlossenen Systemen (contained use) der Labors und Industrieanlagen sehr hohe Sicherheitsstandards gelten. Gentechnisch veränderte Organismen dürfen nicht in die Umwelt gelangen ... Diese weiße Biotechnologie können wir beherrschen und somit auch verantworten.
(profil:Grün; Bündnis90/Die Grünen im Bundestag; Magazin 12/2004, S.14)

·         US-Forscher Craig Venter hat erstmals ein künstliches Chromosom hergestellt (381 Gene; aus dem Genom eines Bakteriums die „unnötigen“ Gene – etwa 1/5 - entfernt);
soll neue Möglichkeiten bei der Entwicklung neuer Energiequellen und im Kampf gegen die globale Erwärmung erschließen;
in der letzten Stufe soll das Chromosom in eine lebende Zelle transportiert werden (mit einem echten Bakteriengenom ist das anderen Forschern schon gelungen)
(Augsburger Allgemeine 8.10.07 S.1; Spiegel 44/07 S.173)

·         Synthetische Biologie versucht, Lebewesen neu zu konstruieren;
“Entwerfen und Konstruieren neuer biologischer Bauteile, Bauteilgruppen und Systeme sowie das Überarbeiten (redesign) existierender natürlicher biologischer Systeme für nützliche Zwecke“;
bereits 1400 Bioteile mit klar zugewiesener Funktionalität sind bereits verfügbar, darunter Gene für einzelne Eiweiße oder bestimmte Bindungsstellen innerhalb der Zelle; ein Lego-Baukasten für Biologen;
Frage nach dem „minimalen Genom“ (elementare Grundausstattung, in die dann gezielt Zusatzfunktionen eingebaut werden sollen)
(taz 10.8.07)

·         BASF nutzt winzigen Pilz Ashbya gossypii; war Schädling bei Baumwollpflanzen;
jetzt produziert er aus Sojaöl Vitamin B2;
zuvor musste das Vitamin in 8 Schritten chemisch hergestellt werden (Hitze, Druck); Pilz arbeitet bei Normaltemperatur, Abfallmenge sank um 95 %;
um neue Gene zu kreieren, werden die Gene, aus denen Enzyme hervorgehen, einer Unzahl von wahllosen Mutationen unterworfen; tausende Varianten, Roboter suchen die besten aus, die weiter mutiert werden, bis das Ergebnis zufrieden stellt;
Enzyme in einem Bioreaktor erzeugen aus Stärke Wasserstoff (Energieträger der Zukunft?) – 13 Enzyme, die von Kaninchen, hitzeliebenden Mikroben, Spinat stammen
(Spiegel 31/2007 S.126)

·         Synthetische Biologie:
Craig Venter hatte 2003 bekannt gegeben, dass es seine Wissenschaftler erstmals geschafft hätten, in nur zwei Wochen aus künstlich
hergestellten Genstücken ein Virus zu bauen (5386 Basenpaare); konnte sich in das Genom von Bakterien einbauen, sich dort reproduzieren und die Wirte töten;
Ende Mai 2007 Patentantrag für ein künstlich hergestelltes Bakterium; 350 bis max. 450 Gene; 30 bis 130 weniger als das als Vorbild gewählte natürlich vorkommende Bakterium; einige Gene sollen zusätzlich eingefügt werden, die es dem künstlichen Bakterium ermöglichen, in einer Umgebung, die die notwendigen Nährstoffe enthält, autonom zu leben und sich fortzupflanzen
(GID 183/2007 S.36ff)

·         Impfbanane gegen Cholera? „Es ist uns nicht gelungen, ein als Antigen wirkendes Protein in der Banane auszubilden“;
seit 1998 Versuche mit der
wesentlich besser geeigneten Kartoffel; Impfstoffe gegen Cholera-Bakterien, das Norwalk-Virus (Durchfallerrreger); Haken: die Knollen mussten roh verzehrt werden; Kochen zerstört den hitzeempfindlichen Impfstoff;
seit 4 Jahren züchtet Charles Arntzen mit Tabakpflanzen; Impfstoffe gegen Cholera, Hepatitis C und pathogene Stämme des Bakteriums e.coli; 2005 Vakzin-Produktion gegen Erreger der Pest; erste Versuche mit Impfstoff gegen das Ebola-Virus verliefen bei Mäusen erfolgreich;
Patient erhält Impfstoff durch Einnehmen des getrockneten Pflanzensaftes
(bdw 2/07 S.110)

·         Frankfurt/Main: Forscher haben künstliche – am Computer entwickelte und aus DNA-Bausteinen hergestellte – Gene in Hefezellen eingebracht; damit können die Hefezellen jetzt auch Pflanzenabfälle zu Ethanol (Biotreibstoff) vergären; Ertragssteigerung um 25%, Geschwindigkeit der Umsetzung um mehr als 25% gestiegen
(taz 23.11.07)

·         Aroma- oder Resistenz-Gene aus alten Apfelsorten könnten viel schneller mittels Gen-Transfer ins Erbgut der Kultursorten eingeschleust werden; „Cisgenetik“ heißt dieser neue Ansatz, Im Unterschied zur Transgenetik wird die Artenschranke nicht überschritten; es werden nur Apfel-Gene auf Äpfel übertragen, keine Gene aus völlig anderen Pflanzenarten, Tieren oder gar Bakterien;
dazu „smart breeding“ = molekularbiologische Tests, welche Eigenschaften sich nach Kreuzungen/Eingriffen wirklich im Erbgut befinden
(bdw 12/2007 S.26f)

·       Hochsicherheitslabor der Sicherheitsstufe 4 erstmals in Deutschland eröffnet (Marburg); dort dürfen auch gentechnisch veränderte hochgefährliche Erreger (Ebola-, Lassa-, Marburg-Viren) erforscht werden;
Ende Januar 2008 wird ein zweites Labor der Sicherheitsstufe 4 am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin eröffnet;
Robert-Koch-Institut Berlin soll 2011 ebenfalls ein Labor der Stufe 4 erhalten
(taz 7.12.07)

·       Aus chemisch synthetisch hergestellten Erbgut-Bausteinen haben Wissenschaftler um den US-Genforscher Craig Venter das komplette Erbgut eines Bakteriums nachgebaut; das künstliche Chromosom sei erheblich umfangreicher als zuvor zusammengebaute DNA-Abschnitte; wird als wichtige Voraussetzung angesehen, um lebensfähige künstliche Bakterien herzustellen und kommerziell zu nutzen, z.B. zur Herstellung von Biokraftstoffen;
innerhalb von 5 Jahren ganze Industrie umkrempeln;
die Märkte seien Milliarden und Milliarden von Dollar schwer;
(taz 25.1.08; Freie Presse Chemnitz 25.1.08)

·       Japanischer Konzern will im kommenden Jahr die erste blau blühende Rose auf den Markt bringen;
15 Jahre Züchtungsarbeit; Veilchen-Gen eingeschleust, Farbe derzeit noch eher violett als marineblau;
auch andere Eigenschaften von Blumen werden weltweit verändert: Blütenfarbe, anderer Duft, längere Haltbarkeit, Resistenz gegen Krankheiten, Kälte, Trockenheit
(Spiegel 8-2008 S.140f)

·       Universität in Texas/USA; einige Gene aus dem Erbgut eines Darmbakteriums entfernt; dadurch konnte die Wasserstoffproduktion des Bakteriums im Vergleich zum natürlichen Zustand um etwa das 140-fache gesteigert werden; notwendig ist ausschließlich die ausreichende Versorgung mit Zucker
(GID 186 Februar 2008 S.43)

·       Anzeige www.forum-chemie-macht–zukunft.de :
biotechnologische Produktion von Stoffen durch Mikroorganismen in großen Mengen; z.B. Fermenter, Stahltank, 500 Kubikmeter Volumen;
z.B. Produktion von L-Lysin, eine von 20 Aminosäuren, aus denen alle Proteine aufgebaut sind; essentielle Aminosäure, d.h. der Mensch und viele Tiere haben verlernt, diese Aminosäure im eigenen Körper herzustellen, weil sie über die Nahrung geliefert wird;
das Bakterium Corynebacterium glutamicum stellt es für den Eigengebrauch noch selbst her; gentechnisch verändert, produziert mehr, als es selbst benötigt; weltweit werden so (gentechnisch) pro Jahr 800.000 Tonnen hergestellt;
Verwendung vor allem als Zusatz zum Tierfutter; zwei Gramm pro Kilogramm reichen, damit das Futter den doppelten Nährwert hat; zusätzlich verwertet das Tier mit L-Lysin angereichertes Futter viel besser und gibt weniger Exkremente ab;
Alternative chemische Synthese? Aufwendiger, teurer, wenn man das reine linksdrehende Molekül will;
ein Problem: Bakterien „verlernen“ auch schnell wieder, denn sie teilen sich jede Stunde oder noch schneller, und die Produzenten der von uns gewünschten Stoffe sind (durch vermehrten, für sie selbst unnötigen Stoffwechsel JK) gegenüber den ursprünglichen Zellen; deshalb haben wir zusätzliche Techniken zur so genannten Wachstumsentkopplung entwickelt
(ZEIT 21.5.08 S.7)

·       gen- und biotechnische Verfahren sollen helfen, umweltfreundliche Kraftstoffe aus Pflanzenresten zu gewinnen;
durch synthetische Biologie sollen Einzeller, die von Natur aus Zuckermoleküle in Alkoholumwandeln können, umprogrammiert und ihre Stoffwechselwege optimiert werden;
z.B. soll Bierhefe mit neuen Gensequenzen ausgestattet werden (am Computer entworfen), die zusätzliche Enzyme liefern, mit denen bisher unverdauliche Zuckerarten wie Xylose oder Arabinose (Bestandteile der reichlich vorhandenen Zellulose) in einen Biotreibstoff umwandeln; z.B. auch statt Ethanol den höherwertigen Biokraftstoff Butanol produzieren (liefert rund 1 Drittel mehr Energie wie Ethanol);
(Die Zeit 16.7.09 S.33)

·       vermutlich noch dieses Jahr werden die ersten Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Moskitomännchen durchgeführt; derzeit Test in Netzkäfigen in Südindien; die gentechnisch manipulierten Mücken Aedes aegypti sollen dazu beitragen, Infektionen mit dem Erreger des Dengue-Fiebers einzudämmen; die Männchen können sich zwar noch paaren, aber die aus den Eiern schlüpfenden Larven werden durch das eingeschleuste Gen getötet;
das eingebaute Killergen wird durch Verfütterung des Antibiotikums Tetrazyklin deaktiviert; so wird sicher gestellt, dass das Gen nur bei Fehlen von Tetrazyklin im Freiland aktiv ist;
jährlich erkranken weltweit etwa 50 Millionen Menschen am Denguefieber; 20.000 sterben; einen Imfstoff oder ein Medikament gibt es nicht;
ähnliche Versuche laufen in den USA mit gentechnisch veränderten Baumwollkapselraupen;
an mehreren Forschungsinstituten wird an sterilen Malariamückenmännchen gearbeitet; in Göttingen hat man Mittelmeerfruchtfliegen ein „Abschaltbares“ Gen mit tödlicher Wirkung eingebaut
(taz 24.7.09 S.18)

·       Turbo-Züchtung ohne Gentechnik - Mutationen werden durch Chemikalien ausgelöst
Fraunhofer-Gesellschaft erntete im Herbst 2009 100 Tonnen einer auf neue Art gezüchteten Kartoffel;
produziert hochreine Stärke; in ihrem Erbgut sind nur die Gene aktiv, die die Bildung von Amylopektin auslösen, während die Amylose-Gene ausgeschaltet sind; „Bisher enthielten Kartoffeln immer beide Stärkearten. Die Industrie musste das Amylopektin von der Amylose abtrennen – ein energie- und kostenintensives Verfahren", erklärt Prüfer. Da Tilling-Kartoffeln nur Amylopektin enthalten, entfällt dieser Prozessschritt. Allein in Deutschland benötigt die Papier- und Klebstoffindustrie jährlich 500 000 Tonnen hochreines Amylopektin. Dazu kommen der Bedarf der Lebensmittelbranche und der Textilindustrie - letztere nutzt die Stärke, um Garne vor dem Weben zu glätten.;
Tilling - die Abkürzung steht für "Targeting Induced Local Lesions In Genoms" - ist ein Züchtungsverfahren, mit dem die Forscher der Evolution auf die Sprünge helfen.;
Allerdings wird die natürliche Mutationsrate beschleunigt: "Mit Hilfe von Chemikalien lässt sich schnell eine große Anzahl von Mutanten gewinnen", sagt Jost Muth vom IME, der an der Entwicklung der neuen Stärke-Kartoffel beteiligt war. "Wir arbeiten hier mit natürlichen Prinzipien: In der Natur löst das Sonnenlicht Veränderungen im Erbgut aus. Mit Chemie erreichen wir dasselbe, nur schneller.";
Im Labor am IME werden die mutierten Samen zum Keimen gebracht. Sobald die ersten Blätter erscheinen, ist Erntezeit: Die Forscher nehmen eine Blattprobe, brechen die Zellstrukturen auf, isolieren das Genom und analysieren es. Innerhalb weniger Wochen lässt sich auf diese Weise herausfinden, ob eine Mutation die gewünschten Eigenschaften hat.; 2748 Keimlinge mussten untersucht werden, bis derjenige identifiziert war, der ausschließlich die Stärkekomponente Amylopektin produziert.;
"Die neuen Kartoffeln lassen sich wie gewohnt in den Fertigungslinien verarbeiten", berichtet Muth. "Besondere Maßnahmen sind nicht notwendig, weil die Tilling-Kartoffeln ganz normale Züchtungen sind, die kein gentechnisch verändertes Material enthalten."
(8.12.09; Weitere Informationen: http://www.fraunhofer.de/presse/presseinformationen/2009/12/super-kartoffel.jsp, http://www.ime.fraunhofer.de/ )

·       MPI für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig;
Mäuse mit der menschlichen Variante des Gens FOXP2 ausgestattet, unterscheidet sich in 2 Aminosäuren von der Maus-Form; wird beim Menschen mit der Sprachfähigkeit assoziiert;
genveränderte Tiere gesund, aber verändertes Verhalten: hielten sich häufiger in der Gruppe auf, erkundeten seltener allein die Umgebung; außerdem war das Piepsen der Mäuse mit dem menschlichen Gen tiefer
(bild der wissenschaft 9-2009 S.8)

·         L-Lysin ist eine essentielle Aminosäure, d.h. Menschen und Tiere benötigen sie für ihre Ernährung, haben aber verlernt, sie selbst herzustellen und müssen sie mit der Nahrung aufnehmen; das Bakterium Corynebakterium glutamicum stellt sie für den Eigengebrauch noch her; mithilfe gentechnischer Methoden stellen solche Bakterien in einem Fermenter L-Lysin her; weltweit werden so inzwischen 800.000 Tonnen pro Jahr hergestellt;
Verwendung vor allem als Zusatz im Tierfutter; zwei Gramm pro Kilogramm Futter reichen, damit das Futter den doppelten Nährwert hat; Tiere verwenden Futter viel effizienter, weniger Exkremente werden ausgeschieden
(ChemieNews, Initiative Chemie im Dialog, 2009, S.66)

·         normalerweise holen Hefen aus 1000 kg Stroh 200 Liter Ethanol heraus, Könn(t)en sie aber Xylose und Arabinose zusätzlich vergären, produzieren sie zusätzlich rund 140 Liter;
Um Hefen zu Arabinose-Verwertern zu machen, wurden (nachdem der Versuch nicht gelungen war, Gene aus Bakterien zu übertragen) künstliche Gene hergestellt (dem Vorbild der bakteriellen Gene nachempfunden, optimal dem Stoffwechsel der Hefen angepasst) und in Hefen eingebaut, mit Erfolg: Die gentechnisch veränderten Hefen wandeln Arabinose vollständig in Ethanol um;
die Methoden der synthetischen Biologie werden auch genutzt, um Hefen zu konstruieren, die aus den verschiedenen Zuckerarten Butanol machen (Butanol hat höheren Energiegehalt als Ethanol, ist weniger korrosiv und nimmt weniger Wasser auf)
(bild der wissenschaft 8/2008 S.92ff)

·         Das Darmbakterium Escherichia coli kann Biodiesel produzieren. US-Forscher hatten den Mikroorganismus gentechnisch so verändert, dass er aus Fetten, die er normalerweise speichert, mit selbst produziertem Alkohol Fettsäuremethylester –also Biodiesel – herstellen kann. Dafür wurden die Bakterien mit Traubenzucker „gefüttert“.
(bild der wissenschaft 4-2010 S.10)

·       Naturidentisch
Ein neues Verfahren wird die Risiko-Debatte verändern
Wie primitiv die Gentechnik doch bisher war: Forscher haben fremdes Erbgut mit Kanonen in Zellen geschossen. Sie haben Gene in Viren geschleust und dann den Infektionen ihren Lauf gelassen. Zunächst wussten die Wissenschaftler nicht einmal, wie viele Kopien eines Gens sie in das Erbgut einer Zelle eingebaut hatten – und an welchen Stellen. Unsicherheit allerorten. Und Unsicherheit heißt Risiko.
Ein Verfahren, das die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung jetzt erstmals einem breiten Publikum vorstellte, dürfte das ändern. Mit unerreichter Präzision können Forscher ins Erbgut eingreifen, an definierter Stelle und bis hin zum Austausch nur eines einzigen Bausteins. Die Folge: Natur und Konstrukt, sie lassen sich nicht mehr unterscheiden.
Transcription Activator-Like Effector Nuclease (Talen) heißt das Werkzeug, das spezifische Stellen im Erbgut aufspüren und dort neue Informationen einbauen oder Reparaturen durchführen kann. Einer Zuchttomate ist der Geschmack abhandengekommen? Kein Problem, das verlorene Gen lässt sich aus einer schmackhaften Sorte isolieren und wieder am richtigen Ort einsetzen. Eine wenig attraktive Kartoffelsorte ist gegen Pilze resistent? Die Eigenschaft lässt sich leicht auf marktgängige Sorten übertragen. In der Gentherapie werden bisher Viren als eine Art Taxi eingesetzt, um defekte Gene durch intakte Kopien zu ersetzen. Das damit verbundene Risiko könnte entfallen, setzte man Talen zur Heilung ein.
Die Beispiele zeigen: Talen könnte die Gentechnikdebatte grundsätzlich verändern. Es ginge nicht mehr um die Risiken der Methode, sondern nur noch um die Ziele, die wir mit ihr verfolgen. Doch wird das die Debatte in Zukunft auch versachlichen? Das Gegenteil könnte eintreten: Denn was nicht entdeckt werden kann, ist das nicht umso gefährlicher? Schon haben Firmen Lizenzen für das Verfahren erworben. Sie werden uns hintergehen! Und keiner wird ihren Manipulationen auf die Spur kommen! Hilfe!
(ZEIT 30.8.2012 S.35)

·       USA: Schnelle Pflanzen-Eigenschaften
Das Unternehmen Cibus aus dem US-Bundesstaat Minnesota hat für das kommende Jahr eine Rapssorte angekündigt, die gegen ein Herbizid der US-amerikanischen Firma Rotam tolerant ist. Das Besondere an diesen Pflanzen ist ihre Herstellungsart: Das Unternehmen manipuliert die DNA der Pflanzen mit Chemikalien, die zum Teil (ihrerseits) aus Nukleinsäuren, den Bestandteilen der DNA bestehen können. An der Manipulation ist auch das pflanzen- beziehungsweise zelleigene DNA-Reperatursystem beteiligt. Im Verlauf der Manipulation entstehen Variationen des Erbguts (Mutationen), die ihrerseits zu Eigenschaften entwickelt werden können. Pflanzen, die mit der so genannten Rapid Trait Development System-Technologie (System zur schnellen Entwicklung von Eigenschaften) hergestellt worden sind, werden in den USA nicht als gentechnisch verändert klassifiziert. Cibus hatte diese Technologie bereits vor einigen Jahren angekündigt. Auch die BASF kooperiert mit dem Unternehmen. Das Herbizid funktioniert auf der Basis von Sulfonyl-Harnstoff. (www. farmandranchguide.com, 07.11.11, zitiert nach GENET news, im Netz unter www.genet-info.org; www.cibus.com; www.rotam.com; siehe auch: GID 179, Dezember 2006, kurz notiert „Ohne Gentechnik?“ Landwirtschaft und Lebensmittel) (pau)
http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/gid/209/kurz-notiert-landwirtschaft-und-lebensmittel

·       Gentechnisch veränderte Darmbakterien können Dieselkraftstoff herstellen. Dies zeigten britische Forscher in Laborversuchen. Das Besondere an dem Verfahren ist, dass der Kraftstoff der Bakterien mit herkömmlichen fossilen Kraftstoffen chemisch identisch ist. Er könnte somit eingesetzt werden, ohne dass zum Beispiel Automotoren angepasst werden müssten, schreiben die Forscher in den Proceedings (PNAS) der Akademie der Wissenschaften der USA. Die Auto- und Kraftstoffindustrie hofft schon lange auf solch einen Ersatzkraftstoff. Allerdings befindet sich das Verfahren noch in einem sehr frühem Stadium der Entwicklung. Grundstoff für die Dieselherstellung sind freie Fettsäuren. Diese können Escherichia-coli-Bakterien zu den verschiedenen Kohlenwasserstoffen verstoffwechseln, aus denen Dieselkraftstoff besteht. Damit sie das machen, müssen die Bakterien zuvor allerdings gentechnisch verändert werden. Die Forscher um Thomas Howard von der britischen Uni Exeter schleusten dazu mehrere Gene in das Erbgut der Darmbakterien ein.
(taz 26.4.2013 S.18)

·       MOLEKULARBIOLOGIE - Die neuen Genom-Schreibmaschinen
TALEN (Transcription Activator-like Effector Nucleases)
Sie wurden erst vor wenigen Jahren im Genom von Bakterien Gattung Xanthomonas entdeckt. Das Funktionsprinzip … TALEN bestehen aus einer Abfolge von Modulen, die gemeinsam an eine Sequenz binden. Jedes Modul besteht aus der gleichen Aminosäuresequenz, die sich nur an einer Stelle unterscheidet, der DNA-Bindungsstelle. Sie ist für genau ein Basenpaar spezifisch. Anders als die Zinkfinger lassen sich diese vier Module beliebig kombinieren, ohne sich zu stören. Und die Nuklease zerschneidet das Erbgut genau an der Stelle zwischen den beiden Erkennungssequenzen.
Wegen dieser Vorteile haben sich die TALEN einen festen Platz im Repertoire von Molekularbiologen erobert. "Mit den TALEN funktioniert das alles sogar sehr einfach", erklärt Alexander Knoll vom Karlsruhe Institute of Technology. Er forscht an Genen der Ackerschmalwand Arabidopsis thaliana, die zur Reparatur von DNA-Schäden beitragen. Um bei dieser Pflanze Mutationen zu erzeugen, nutzte man bisher einen natürlichen Mechanismus aus: die Infektion mit dem Bakterium Agrobacterium tumefaciens. Dazu baut man ein Stück seiner DNA an einer zufälligen Stelle in das pflanzliche Genom ein und kann so – wenn es der Zufall will – auch ein Gen inaktivieren. Einen solchen Zufallstreffer zu landen, ist aber sehr aufwändig und klappt nicht immer.
"Ich kann nun heraussuchen, wo genau ich die Mutation haben will, und zwar basengenau im Genom", erklärt Knoll die Vorteile von TALEN gegenüber dem älteren Verfahren. "Ich kann mir damit auch echte Knockout-Mutanten erzeugen, bei denen das gesamte Gen im Genom fehlt, sonst aber nichts zusätzlich im Genom ist." Die dafür nötigen TALEN erzeugt er selbst. Im Handel sind Genabschnitte erhältlich, die alle Komponenten des Werkzeugs kodieren, insbesondere auch die einzelnen TALE-Module. Die Einzelteile setzt der Wissenschaftler zusammen und überträgt sie in das hilfreiche Agrobacterium tumefaciens, welches das TALEN-Gen in das Genom der Pflanze einbaut. Das geschieht nach wie vor zufällig, doch das entstehende Protein schneidet mit seinem Nuklease-Teil exakt an der gewünschten Stelle im Genom.
Ist das geschehen, hilft die Zelle selbst, die gewünschten Mutationen zu erzeugen. Den künstlich verursachten Doppelstrangbruch repariert die Zelle sofort, doch sie macht dabei oft Fehler, sodass das angepeilte Gen oft unbrauchbar wird. Auch hier ist also Zufall im Spiel, aber die Trefferwahrscheinlichkeit ist viel höher als bei herkömmlichen Methoden. Anschließend, erklärt Knoll, züchte er das TALEN-Gen aus den Mutanten heraus und erhalte eine Pflanze mit der gewünschten Mutation.
Das Charmante an dem Verfahren ist, dass es, anders als der Knockout von Genen, bei allen Organismen funktioniert. Bei Tieren reicht es sogar aus, die fertigen Proteine in den Embryo oder das erwachsene Tier einzuschleusen. Inzwischen haben Wissenschaftler auf diese Weise Mutationen in Ratten, Zebrabärblingen und anderen Versuchstieren erzeugt und das Verfahren sogar zur Forschung an menschlichen Stammzellen eingesetzt.
Prinzipiell sollte es auch möglich sein, mithilfe dieser Methoden neue Erbgutbestandteile ins Genom einzufügen. Dabei hilft die homologe Rekombination, ein weiterer Mechanismus zur Reparatur von DNA-Schäden. Trifft das abgetrennte DNA-Ende nämlich auf einen Einzelstrang, von dem ein Teil zum Doppelstrang passt, lagern sich der neue Strang und der dazu passende Strang mit den zueinander passenden Sequenzen aneinander, und die neu hinzugekommene DNA dient als Vorlage für die Vervollständigung des durchtrennten Erbgutstranges. Zusätzlich zu den Nuklease-Konstrukten, so der Plan, soll in Zukunft ein DNA-Einzelstrang in die Zelle gebracht werden, dessen Enden zu den Sequenzen auf beiden Seiten der Lücke im Genom passen.
Der Mittelteil enthält die Erbgutsequenz, die man einfügen möchte. Die Zelle schließt dann nicht nur die Lücke im Genom, sondern baut auch noch das gewünschte Stück Fremderbgut ein: Damit könnte man im Genom schreiben wie in einem Textverarbeitungsprogramm.
Bei allen Erfolgen müssen die Nuklease-Konstrukte erst noch zeigen, wozu sie wirklich fähig sind. Sind sie tatsächlich so präzise, wie es bisher den Anschein hat? Könnten sie das Genom in seltenen Fällen vielleicht doch an der falschen Stelle zerschneiden? Ihre Entwicklung steht erst am Anfang. Die Folgen der neuen Möglichkeiten sind schon heute kaum mehr zu überblicken.
(QUELLE: spektrum.de; 12.11.12;  http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2012-11/gen-knockouts-molekularbiologie/komplettansicht )

·       Wir basteln uns ein Gen-Labor; Selbsterfahrungsbericht zum „Bio-Hacking“
(bild der wissenschaft 2-2013 S.38ff. - http://www.bild-der-wissenschaft.de/bdw/bdwlive/heftarchiv/index2.php?object_id=33253828 )

·       Die Varroa-Milbe bedroht Honigbienen und vernichtet ganze Bienenvölker. Der Agrarkonzern Monsanto will den Schädling nun mit Mitteln der Gentechnik bekämpfen;
Der Agrarkonzern Monsanto will mit Gentechnik das Bienensterben bekämpfen. Er will gentechnisch veränderte Ribonukleinsäure-Interferenz (RNAI) gegen die Varroamilbe einsetzen, die als der gefährlichste Parasit der Honigbiene gilt.
RNAI stellt bei Tieren und Pflanzen einen Abwehrmechanismus gegen Viren da. Die israelische Firma Beeologics, seit 2011 Teil von Monsanto, hat eine RNAI-Lösung für Bienen entwickelt, die ihnen über Zuckerwasser verabreicht werden kann. Die Arbeiterinnen, die die Larven versorgen, verteilen die Lösung in den Waben, wo sie von den befruchteten Eiern aufgenommen wird.
(taz 30.7.2013 S.9)

·       Mehr als die Hälfte der Deutschen will auf keinen Fall gentechnisch veränderte Lebensmittel kaufen - vor zehn Jahren waren es noch deutlich weniger. Von einer Trendwende also keine Spur;
Immer mehr Menschen in Deutschland lehnen gentechnisch veränderte Lebensmittel ab. "Kam 2004 für insgesamt 44 Prozent der Kauf von Genfood definitiv nicht infrage, stieg der Wert nun auf 53 Prozent", heißt es in einer repräsentativen Umfrage des GfK-Vereins. So viele Teilnehmer antworteten auf die Frage "Würden Sie gentechnisch veränderte Lebensmittel kaufen?" mit "Nein, unter keinen Umständen". …
Eine Erhebung des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap im Auftrag des Pro-Gentechnik-Vereins zeigte im Juni, dass fast die Hälfte der Deutschen für die Einführung des Goldenen Reises ist, "wenn er Kinder nachweislich vor Erblindung bewahrt und ihr Leben rettet, auch wenn es sich um eine gentechnisch veränderte Pflanze handelt". Ungefähr genauso viele lehnten ihn dennoch ab. "Dies ist das weitaus beste Umfrageergebnis zu einem Produkt der Grünen Gentechnik seit anderthalb Jahrzehnten", erklärte der Verein. Allerdings bezog es sich nur auf den Goldenen Reis, nicht auf Gentechnik allgemein.
(taz 5.8.14 S.9)

·       Die Gentechnik der Zukunft kann viele mögliche Risiken ausschließen. Damit bekommt die Debatte eine ganz neue Dimension;
Vorangetrieben wird der Umbruch durch neue biotechnische Werkzeuge. Sie erlauben den Forschern erstmals präzise Eingriffe in den Code des Lebens. "Genome-Engineering" löst die im Vergleich plumpe bisherige Gentechnik bei Pflanzen, Tieren und Menschen ab. Wurde früher fremdes Erbmaterial nach dem Zufallsprinzip ins Genom bugsiert, können Biotechniker nun punktgenaue Veränderungen vornehmen. Die Erbinformation wird dabei so präzise bearbeitet, als wäre sie ein Text in einem Schreibprogramm – Buchstabe für Buchstabe. Defekte Gene lassen sich spurlos korrigieren, neue Erbanlagen präzise einfügen. Pflanzensorten und Tierrassen mit erwünschten Eigenschaften entstehen. …
Vor allem in der Pflanzenzüchtung sollen die Verfahren der sogenannten Cis-Genetik (die lateinische Vorsilbe cis steht für diesseits, hier diesseits der Artengrenze) zum Durchbruch verhelfen. Dabei werden anders als bislang keine artfremden Erbinformationen – etwa für Bakterientoxine oder Antibiotikaresistenzen – mehr in Soja oder Kartoffeln verschoben. Erwünschte Eigenschaften gewinnen die Züchter nun durch den gezielten Austausch von Genvarianten …
Darin liegt die Brisanz der neuen Biotechniken: Ihre Schöpfungen hätten ebenso gut in der Natur entstehen können – durch natürliche Mutation oder konventionelle Kreuzung. Ihre Erzeugnisse unterscheiden sich deshalb nur in ihrer Herkunft von denen der freien Natur, nicht in ihrer Biologie. …
Die neue Gentechnik greift in den Züchtungsprozess ein, aber sie hinterlässt im fertigen Produkt keinerlei Spuren mehr. Für gentechkritische Verbraucherschützer ist das ein Albtraum. Die festgefahrene Debatte um die grüne Gentechnik steht auf einmal unter neuen Vorzeichen, nationale und EU-Regularien für Genmais und Co. sind auf die neue Züchtungstechnik nicht mehr anwendbar. …
Obwohl die neue Gentechnik keines der befürchteten biologischen Risiken mehr birgt – die Pflanzen tragen weder Fremd- noch Resistenzgene in sich –, wollen die Genkritiker sie als GMO (genetically modified organism) reguliert sehen und ihren Anbau verhindern. Die strittige Frage lautet: Zählt Herkunft oder Ergebnis? Ist eine Sorte eine Genpflanze, nur weil sie aus einem Labor stammt? Muss sie folglich so reguliert werden – auch wenn sie mit denselben Eigenschaften von einem konventionellen Züchtungsbetrieb stammen könnte? Reichen dann nicht die Zulassungsregeln für konventionelle Saaten? …
In Griffweite der Technik sind aber nicht nur die Körperzellen. Auch der Embryo könnte von genetischen Defekten befreit werden, um schwere Erkrankungen schon vor der Geburt zu heilen. Gerade erst demonstrierten Forscher die erstaunlichen Möglichkeiten des Genome-Engineerings, indem sie Mäuseembryonen mit erblicher Muskelschwäche therapierten. Denkbar wird jetzt sogar eine Fortpflanzungsmedizin, in der die Präimplantationsdiagnostik nicht mehr angewandt wird, um kranke Embryonen auszusortieren, sondern um sie zu kurieren.
(Die ZEIT 23.10.14 S.37 - http://www.zeit.de/2014/44/gentechnik-zellen-erbgut )

·       Was ist ein gentechnisch veränderter Organismus? Wenn die Forschung die Gesetze überholt
12. Juli 2013 | von: Heike Baron
Was ist ein gentechnisch veränderter Organismus? Laut Gentechnikgesetz ist es „ein Organismus, dessen genetisches Material in einer Weise verändert worden ist, wie sie unter natürlichen Bedingungen durch Kreuzen oder natürliche Rekombination nicht vorkommt“ (§3).  Weiterhin ist gesetzlich festgelegt, dass für den Umgang mit diesen Organismen besondere Sicherheitsvorkehrungen gelten, vor allem dann, wenn sie in die Umwelt entlassen werden, und dass Produkte, die daraus hergestellt werden, gekennzeichnet werden müssen, um den Verbrauchern Wahlfreiheit zu ermöglichen.
Bis auf die Kennzeichnungspflicht steht all das bereits im ersten Gentechnikgesetz, das 1990 verabschiedet wurde. Damals bezog sich das Gesetz in erster Linie auf Mikroorganismen. Gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere schienen noch in weiter Ferne, und angesichts der geringen Erfahrung mit der kommerziellen Nutzung der Gentechnik war die Vorsicht verständlich. Fast ein Vierteljahrhundert später muss aber die Frage erlaubt sein, ob die in Europa bestehenden GVO-Definitionen und Gentechnikgesetze noch sinnvoll sind.
Das fängt an bei der Frage, was eine natürliche Veränderung des Erbguts ist – und was nicht. Im April 2013 machten Chicorée-Hybridsorten Schlagzeilen unter dem Titel „Gentechnik light“. Diese Sorten sind aus einer künstlichen Zellfusion zwischen Chicorée und Sonnenblume hervorgegangen, wobei vom Erbgut der Sonnenblume nur ein kleiner Teil aus den Mitochondrien übertragen wurde. Dadurch werden die Chicoréepflanzen männlich steril – eine Eigenschaft, die in der Hybridzüchtung von großem Vorteil ist. Dort ist es durchaus üblich, männliche Sterilität zu erzeugen durch eine Zellfusion mit einer nahe verwandten Art, bei der diese Eigenschaft natürlicherweise auftritt. Die Pflanzen, die daraus hervorgehen, gelten nicht als gentechnisch verändert, wenn die Ausgangspflanzen im Prinzip auch auf klassischem Weg kreuzbar wären.
Überträgt man dagegen mit Hilfe von Agrobakterien Gene aus einem Wildapfel in einen Kulturapfel, wie es der Schweizer Pflanzenforscher Césare Gessler getan hat, gelten die Äpfel als GVO. Ist Chicorée mit einem Erbgutschnipsel aus der Sonnenblume natürlicher als ein Kulturapfel mit einem Gen aus Wildäpfeln? Das hört sich nach abstrakter Gedankenspielerei an, hat aber handfeste wirtschaftliche Konsequenzen.
Wird eine Nutzpflanze als „gentechnisch verändert“ im Sinne des Gesetzes eingestuft, bedeutet das: Sowohl die experimentelle Freisetzung bei der Entwicklung der Pflanze als auch der spätere kommerzielle Anbau müssen genehmigt werden, es muss ein spezieller Sicherheitsnachweis geführt werden, die aus der Pflanze hergestellten Lebens- und Futtermittel müssen gekennzeichnet werden, der Landwirt haftet, wenn die gv-Pflanzen sich mit konventionellen Pflanzen aus Nachbarfeldern kreuzen, und beim Transport und der Verarbeitung müssen getrennte Warenströme eingehalten werden. Die damit verbundenen Kosten können nur große Konzerne tragen; kleinere Unternehmen und Forschungseinrichtungen können sich das in aller Regel nicht leisten. Zudem ist „Gentechnik“ im Verlauf der jahrzehntelangen öffentlichen Debatte zu einem regelrechten Schimpfwort geworden, was nicht unbedingt absatzfördernd wirkt. Kurz: Die Maßnahmen, die der Vorsorge und der Transparenz dienen sollten, haben sich zu Instrumenten der Diskriminierung entwickelt.
Und nun wird es noch komplizierter. In den vergangenen Jahren wurden eine Reihe neuer biotechnologischer Verfahren entwickelt, die in absehbarer Zeit in der Pflanzenzüchtung Einzug halten werden. Zum Beispiel die Verwendung von Zinkfingernukleasen, das sind Enzyme, die ganz spezifische Stellen im Erbgut erkennen und dort Strangbrüche in der DNA auslösen. Unter Ausnutzung der zellulären Reparaturmechanismen lassen sich an diesen Stellen Mutationen oder auch ganze Gene einfügen, letzteres wesentlich präziser als mit der Agrobakterien-Transformation. Oder die Mutagenese mit Oligonukleotiden, kurzen synthetische DNA-Fragmenten, die sich an bestimmten Stellen im Genom anlagern und – wiederum mit Hilfe der zellulären Reparaturmechanismen – Mutationen auslösen. Oder das gene silencing mit RNA-Molekülen, die die regulatorischen Abschnitte eines bestimmten Gens erkennen und deren chemische Veränderung (Methylierung) auslösen, so dass das Gen nicht mehr abgelesen werden kann. Weitere Beispiele sind das Aufpfropfen von Reisern auf einen gentechnisch veränderten Wurzelstock und die Neukombination arteigener DNA-Abschnitte.
In der Natur kommen die genetischen Veränderungen, die mit diesen Verfahren hervorgerufen werden, in dieser Weise nicht vor. Müssten die so gezüchteten Pflanzen dann nicht als gentechnisch verändert eingestuft werden? Aber ist es überhaupt noch sinnvoll, in der modernen Züchtung zwischen „natürlich“ und „nicht natürlich“ zu unterscheiden zu wollen? Wo wollte man bei den oben genannten Beispielen die Grenze ziehen?
Sinnvoll wäre es, die Sicherheitsbewertung und Zulassung neuer Nutzpflanzensorten von deren Eigenschaften abhängig zu machen und nicht mehr von den Technologien, mit deren Hilfe sie entstanden sind. Dieser Vorschlag ist nicht neu und wurde erst kürzlich wieder in einem Bericht des European Academies Science Advisory Council erhoben, dem Zusammenschluss der europäischen Wissenschaftsakademien. Der EASAC fordert auch vom Gesetzgeber, dafür zu sorgen, dass die neuen Züchtungsverfahren auf keinen Fall unter die Gentechnikgesetze fallen, da das ihre Weiterentwicklung und Anwendung faktisch stoppen würde.
Dass die neuen molekularbiologischen Verfahren an der „traditionellen“ rechtlichen GVO-Definition rütteln, ist offensichtlich. Inzwischen haben sich auch die ZKBS und die EFSA damit beschäftigt. Die Frage ist, ob am Ende das Votum der Wissenschaft  – wie im EASAC-Bericht artikuliert – Eingang in die politischen Entscheidungen findet.
(http://www.gute-gene-schlechte-gene.de/gentechnisch-veranderter-organismus-forschung-gesetze/  )

·       Neue Designerpflanzen sind entwickelt worden. Aber sie fallen nicht unter das Gentechnikrecht. Für die Kritiker wird es jetzt schwierig, den Anbau in Deutschland zu verhindern. …
Genom-Engineering lautet das neue Patentrezept in der Saatgutbranche, eine ganze Palette biotechnischer Werkzeuge erlaubt erstmals exakte Eingriffe in den Code des Lebens. Die neuen Werkzeuge haben kryptische Namen wie Crispr, ZNF oder Talen (siehe Text unten) und eine Gemeinsamkeit: Sie sind präzise. Mit ihnen können Gentechniker sichere und punktgenaue Eingriffe im pflanzlichen Erbgut vornehmen – früher wurde bei der gentechnischen Pflanzenzucht fremdes Erbmaterial nach dem Zufallsprinzip ins Genom bugsiert. Mit den neuen Verfahren kann die Erbinformation so detailgenau bearbeitet werden, als wäre sie ein Text in einem Schreibprogramm – Buchstabe für Buchstabe. Einzelne Veränderungen sind von natürlichen Mutationen nicht zu unterscheiden. …
Wahrscheinlich dürfen auch deutsche Landwirte bald mal nach San Diego reisen. Denn die Saaten von Cibus gelten in Deutschland nicht als gentechnisch verändert. Das hat das zuständige Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) mit Datum vom 5. Februar entschieden. Die Rechtmäßigkeit des entsprechenden Bescheids hat das BVL gegenüber der ZEIT Ende vergangener Woche bestätigt. "Wir haben beschlossen, dass das Produkt nicht unter das jetzige Gentechnikrecht fällt", sagt BVL-Sprecher Andreas Tief. Cibus könnte seinen Raps nun einfach über seine niederländische EU-Niederlassung beim Bundessortenamt in Hannover registrieren und den Bauern in Mecklenburg-Vorpommern auf den Hof liefern. Sicherheitsabstände bei der Aussaat und Kennzeichnung sind nicht nötig.
Der Grund für die Einschätzung der Verbraucherschützer: Die neuen Werkzeuge der Gentechnologen arbeiten gleichsam im Tarnkappenmodus. Zwar wird die Veränderung im Erbgut der Pflanze gentechnisch erzeugt, im neu geschaffenen Gewächs finden sich keine Spuren des Eingriffs – bis auf jenen genau platzierten kleinen Umbau, der erwünschte Eigenschaften erzeugt. Da im Saatgut weder Genfähren benutzt werden noch Fremdgene und Antibiotika-Resistenzen zurückbleiben, seien die Designgeschöpfe ihrem Wesen nach nichts anderes als konventionell gezüchtete Pflanzensorten, sagt das Berliner Bundesamt. Ähnlich argumentiert die Zentrale Kommission für biologische Sicherheit. Für die Befürworter des Genom-Engineering gilt dabei als Faustregel: Werden weniger als 20 Genbausteine im Erbgut der Pflanze verändert, ist der Eingriff später nicht mehr von natürlichen, zufällig auftretenden Mutationen bei herkömmlich gezüchteten Sorten zu unterscheiden.
Weil das so sei, lautet die Logik bei Unternehmen und den meisten Fachleuten, handele es sich bei den neuen Gewächsen auch nicht um gentechnisch veränderte Organismen (GVO). Im Klartext: Die Geschöpfe der Biotechnologie 2.0 sind naturidentisch. …
Erst Ende Januar hatte eine Allianz aus Greenpeace, Friends of Earth und Co. in einem offenen Brief an den zuständigen EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis strikte Regeln eingefordert. Jedes Saatkorn, so der Tenor der Botschaft, dessen Gene irgendwie angetastet wurden, sei als gentechnisch veränderter Organismus zu behandeln. Das Privileg unregulierten Anbaus dürften nur natürlich gezüchtete Pflanzensorten genießen. Unerwähnt lassen die Naturschützer, dass herkömmlich gezüchtete Sorten meist durch radioaktive Bestrahlung von Pollen oder Samen erzeugt werden. Am Ende wird der Verbraucher vor Gen-Kartoffeln um den Preis von Strahlentomaten geschützt, doch das soll der Bürger besser nicht wissen. Warum das eine Produkt riskant, das andere aber naturbelassen sein soll, wäre auch nicht zu erklären. …
(Die Zeit 16.4.15 S.35)

·       Chinesische Forscher haben Gene menschlicher Embryonen manipuliert. Eine wichtige Schwelle auf dem Weg zur Erschaffung von Menschen nach Maß ist damit überschritten.
Nun ist es passiert. Seit Wochen diskutieren Genforscher darüber, ob sie sich selbst Grenzen auferlegen sollten. Jetzt haben chinesische Wissenschaftler Fakten geschaffen : Sie erzeugten menschliche Embryonen mit gentechnisch manipuliertem Erbgut.
"Verändert nicht die menschliche Keimbahn", mahnte noch Mitte März der amerikanische Biotech-Experte Edward Lanphier im Fachblatt "Nature" . Nun ist, schneller als gedacht, genau das eingetreten, was er befürchtet hat. …
Möglich macht so etwas ein neues Werkzeug, das den sperrigen Namen Crispr-Cas9 trägt. Es handelt sich dabei um eine Art molekulare Lenkwaffe, die Biotechniker von Bakterien übernommen haben.
Denn auch Mikroben sind wehrhaft. Sie verfügen über ein verblüffend komplexes Immunsystem, mit dem sie Viren in Schach halten können. Dazu verwenden sie genetische Sonden, die im Inneren der bakteriellen Zelle umherschwimmen. Trifft solch eine Sonde auf einen Eindringling, zerschneidet sie das Viren-Erbgut mithilfe einer molekularen Schere und macht es dadurch unschädlich (siehe Grafik).
Diese bakteriellen Waffen können nun als universelle Präzisionswerkzeuge zur Manipulation von Genen dienen. "Es ist genau das, was in der Gentechnik gefehlt hat", sagt die am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung tätige Molekularbiologin Emmanuelle Charpentier, die Crispr-Cas9 vor rund drei Jahren mitentwickelt hat. Die Zeitschrift "MIT Technology Review" bezeichnete die neue Methode als "größte Biotech-Entdeckung des Jahrhunderts". …
Schneller, billiger, präziser, einfacher und effizienter - fast über Nacht hat sich die mühselige Bastelei mit Genen verwandelt ins komplexe Design ganzer Genome. Im Nu hat die Technik die Labors erobert. Kaum noch findet sich ein molekularbiologisches Institut, das sich nicht am "Crispern" beteiligt, wie es im Jargon inzwischen heißt. …
Vor allem eine Sorge treibt die Autoren um: Was, wenn sich Forscher ans gentechnische Design des Menschen machen? Was, wenn sie sich nicht länger damit begnügen, Leber- oder Hautzellen zu manipulieren, sondern auch die Keim- oder Embryozellen verändern?
Genau das hat Huang Junjiu jetzt getan. Zwar beteuert der Genforscher der Sun-Yat-sen-Universität in Guangzhou, dass er für seine Versuche Embryonen verwendet habe, die ohnehin nicht lebensfähig waren. Sie entstammten einer Fruchtbarkeitsklinik; in ihnen steckten zu viele Chromosomen.
Misstrauen ist jedoch angebracht. Huang und seine Kollegen haben mit dem Crispr-Verfahren ein Gen verändert, das bei der Erbkrankheit Beta-Thalassämie die entscheidende Rolle spielt. Was, wenn nicht die gentherapeutische Ausmerzung dieses Leidens, sollte er langfristig im Auge haben?
Noch allerdings, das gibt Huang zu, sei es für einen solchen Eingriff zu früh. Denn die Ergebnisse der Chinesen sind alles andere als ermutigend. Bei der Manipulation der menschlichen Embryonen erwies sich die Crispr-Methode als weit weniger präzise und effizient als bei anderen Zellen: In 86 Embryonen schleuste Huang Crispr-Cas9 ein. Nur 28 waren am Ende nachweislich genetisch verändert, und auch dies keineswegs immer in der gewünschten Form. In vielen Fällen traten außerplanmäßige Mutationen auf - und genau diese gelten als größtes Sicherheitsrisiko möglicher Keimbahntherapien. …
Die Nachricht aus Guangzhou setzt die Forscher nun unter Zeitdruck. Mindestens vier Labors in China, heißt es in der Zeitschrift "Nature" , experimentierten mit der gentechnischen Manipulation menschlicher Embryonen. Und noch herrscht Uneinigkeit darüber, ob solche Versuche im Rahmen einer Selbstbeschränkung geächtet werden sollten. Biotech-Experte Lanphier etwa schlägt vor, bereits im Labor auf jegliche gentechnische Eingriffe in Keimzellen zu verzichten. "Menschen sind besondere Organismen und keine Laborratten", sagt er.
Andere haben weniger Skrupel. Einiges Aufsehen erregte zum Beispiel der Plan von Harvard-Forschern, im Erbgut unreifer menschlicher Eizellen das Brustkrebs-Gen BRCA1 zu reparieren. Laborleiter Church erklärte inzwischen, die Versuche seien vor einigen Monaten abgebrochen worden, weil anderes ihm derzeit wichtiger sei. Für die Aufregung hat er jedoch wenig Verständnis. Schließlich habe es sich nur um Reagenzglasversuche gehandelt, versichert er. "Wir hatten nie eine klinische Verwendung im Auge."
In jedem Fall dürfte Crispr dafür sorgen, dass den Bioethikern der Stoff für Kontroversen nicht ausgeht. Gerade erst haben Forscher der University of California in San Diego einen Gendefekt ins Erbgut von Fruchtfliegen geschleust, der sich binnen weniger Generationen in einer ganzen Population verbreiten kann. Die mutwillige Steuerung der Evolution wird damit möglich. Schon denken Forscher darüber nach, Mückenmutanten zu erschaffen, die eine Resistenz gegen den Malariaerreger innerhalb ihrer Art weitergeben.
Ausgerechnet George Church, für gewöhnlich der verwegenste aller Gentech-Visionäre, meldet hier Bedenken an. Er kritisiert, die Arbeit der kalifornischen Forscher hätte lieber nicht veröffentlicht werden sollen, ohne gleichzeitig ein Rezept mitzuliefern, wie sich eine unkontrollierbare Freisetzung verhindern lässt. Church: "Was sich jetzt verbreiten wird, sind zwar noch nicht die mutierten Fliegen selbst, aber das Versuchsprotokoll, um sie herzustellen."
(Der Spiegel 18-2015 S.116 - http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-134660915.html )

·       Eine neue Gentech-Methode versetzt Bioforscher in einen Schaffensrausch. Erbkrankheiten könnten damit geheilt werden ? aber auch das Designerbaby rückt in den Bereich des Machbaren. Wie weit darf das Leben umgestaltet werden?
Sie alle werden in Washington darüber diskutieren, ob es in der Macht von Wissenschaftlern steht, über die Nutzung ihrer Entdeckungen selbst zu entscheiden. Und falls ja: in welchem Sinne sie diese Macht ausüben sollten. Zumindest in einem scheinen sich die Teilnehmer der Konferenz einig: Die Geburt des ersten Crispr-Babys wird ein einschneidender Wendepunkt sein. "Wenn wir diese Schwelle überschreiten, ist es schwer vorstellbar, wie wir wieder zurückkommen sollen", erklärt Broad-Chef Eric Lander. …
Jennifer Doudna wollte zunächst nur herausfinden, wie diese hoch spezifische Immunabwehr der Bakterien funktioniert. Erst nach jahrelanger Forschung begriff sie, dass sich das Crispr-System als universelles molekulares Werkzeug eignet. "Ich weiß noch genau, wie uns plötzlich klar wurde: ,Wow, wir können ein Protein darauf programmieren, jedes beliebige Stück DNA zu zerscheiden'", sagt sie. Die Idee einer lenkbaren Genschere war geboren.
Fasziniert verfolgt die Forscherin nun, mit welcher Geschwindigkeit ihre Idee die Welt erobert. "Es ist überwältigend zu sehen, was die Leute damit anstellen", sagt sie. Schon haben Forscher menschliche Zellen von Erbkrankheiten kuriert, Krebszellen an der Vermehrung gehindert, Weizen vor Pilzinfektionen geschützt und Hefezellen beigebracht, Biokraftstoff zu produzieren. "Es klappt", sagt Doudna. …
In der Tat liest sich die Chronik der Neuigkeiten, die in den vergangenen Monaten auf dem Feld des Genomeditierens verkündet wurden, imposant:
Molekularbiologe George Church von der Harvard University schaltete im Erbgut von Schweinezellen insgesamt 62 Virengene aus; das Verfahren soll die Transplantation von Schweineorganen in Menschen möglich machen, ohne dass es dabei zu Infektionen des Empfängers kommt. …
Genforscher der University of California wollen mithilfe von Crispr die Richtung der Evolution umlenken; sie haben Anophelesmücken eine Resistenz gegen den Malariaerreger ins Erbgut gebaut, eine Anlage, die sich in der freien Wildbahn verbreiten könnte.
Broad-Chemiker Zhang hat eine neue Runde im Wettlauf um die beste Form der Genomeditierung eröffnet; er hat in Bakterien ein neues Crispr-System entdeckt, das noch einfacher und präziser als das bisher verbreitete Crispr-Cas9-System funktioniere.
Kein Experiment aber erhielt mehr Aufmerksamkeit als dasjenige von Huang Junjiu an der Sun-Yat-sen-Universität in Guangzhou. Er und sein Team veränderten in menschlichen Embryonen ein Gen, das bei der Blutkrankheit Beta-Thalassämie eine entscheidende Rolle spielt. Zwar verwendete Huang bewusst Embryonen, die ohnehin nicht lebensfähig waren – einen öffentlichen Aufschrei löste er trotzdem aus. Denn die Chinesen hatten die magische Grenze überschritten: Sie hatten die Keimbahn angetastet. …
Eine erste, sehr spezielle Form des Keimbahneingriffs ist sogar schon genehmigt worden, wenngleich nur im in dieser Hinsicht vergleichsweise liberalen Großbritannien. Jahrelang prüften Ethiker, Juristen und Mediziner dort das Verfahren, dann erklärten sie den sogenannten Mitochondrienaustausch für zulässig. Es geht dabei um Erbkrankheiten, die verhindert werden können, indem man die Kraftwerke in der mütterlichen Eizelle ("Mitochondrien") durch diejenigen einer anderen, nicht erbkranken Frau ersetzt. Was, so urteilte das britische Parlament, spricht gegen die Methode, wenn sie doch Leid verhüten hilft? …
Die kalifornische Firma Sangamo hat bereits mit klinischen Versuchen begonnen. Sie will in den Blutstammzellen von HIV-Infizierten das Gen für einen Rezeptor namens CCR5 ausschalten. Denn dieses Molekül dient den HI-Viren als Eintrittspforte, um in die Zelle zu gelangen. Die Sangamo-Forscher glauben, dass durch eine solche Immunisierung des Blutes eine Heilung von Aids möglich ist. …
(Der Spiegel 49-2015 S.124 - http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-140036965.html )

·       Die neue … Gentech-Methode mit dem Namen Crispr-Cas9 wird in den USA wahrscheinlich erstmals für den Einsatz beim Menschen zugelassen … Forscher wollen 18 Krebspatienten behandeln, denen mit keiner anderen Therapie mehr zu helfen ist … weiße Blutkörperchen der Patienten gentechnisch so verändern, dass sie Krebszellen besser erkenn und abtöten können. … Erbgut der sogenannten T-Zellen an drei Stellen mit der Crispr-Cas9-Schere verändern
(Der Spiegel 26-2016 S.96)

·       Liebe Politiker, bitte definieren Sie jetzt!
Wann sind technische Eingriffe in Gene Gentechnik?
Von Andreas Sentker
Wenn die Produkte von der Natur nicht zu unterscheiden sind: Ist das noch Gentechnik? Wenn Gene von Apfel zu Apfel übertragen werden, von Weizen zu Weizen? Wenn Schreibfehler im Erbgut spurlos korrigiert werden? Defekte Anlagen gegen intakte Varianten getauscht? Ist das noch Gentechnik?
Das ist nicht nur eine Frage der Definition. Es ist eine Frage nach Regulation und Kontrolle, nach Akzeptanz und Marktzugang, nach Innovations- und Konkurrenzfähigkeit – und nicht zuletzt nach Sicherheit. Es ist eine politische Frage, die an diesem Dienstag in Berlin diskutiert wurde. Die Nationalakademie Leopoldina, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Deutsche Ethikrat hatten Naturwissenschaftler, Juristen, Theologen und Psychologen eingeladen.
Dabei ist schon die Definition eine echte Herausforderung. Sie hat mit Biologie zu tun und mit Mathematik. Rein statistisch kann eine Folge von 20 willkürlichen Genbausteinen nämlich im Erbgut jedes Tieres, jeder Pflanze rein zufällig auftauchen. Darum sollen Veränderungen von weniger als 20 Basenpaaren im Genom – so ein Expertenvorschlag – künftig als naturidentisch gelten. Und wenn Gene ein und derselben Pflanzenart neu kombiniert werden, soll dies ebenfalls nicht als Gentechnik gelten.
Diese Regeln gelten für die Produkte der neuen Techniken. Dass die Techniken, also die Prozesse selbst, Gentechnik sind, ist unstrittig. Schließlich werden fremde oder neue Gene in die Zellen eingeschleust. Diese Gene lassen sich nach getaner Arbeit aber wieder entfernen. Produkt oder Prozess – darüber streiten nun Befürworter und Gegner. Und es wird bald noch komplizierter. Schon gibt es Methoden, ohne Gene präzise ins Genom einzugreifen. Dann ist auch der Prozess keine Gentechnik mehr, oder?
Über solche Fragen wird weltweit diskutiert. Bei der chinesischen Akademie der Wissenschaften wie bei der amerikanischen Umweltbehörde. Und natürlich – wie jetzt – in Berlin. In Deutschland sind diese Fragen so entscheidend, weil über die alte Gentechnik das Urteil längst gefällt ist. Sie ist – bis auf wenige Ausnahmen – schlicht unerwünscht.
Und die neue? Sie ist vielversprechend! Das sagen in Berlin die Naturwissenschaftler. Sie ist eine Herausforderung! Das sagen in Berlin die Juristen, die sich ansonsten in der Definition uneins sind. Die Auseinandersetzung sei dem Verbraucher egal, sagt der Sozialpsychologe. Der Konsument wolle einfach wissen, was er da kauft. Also müsse man es auf die Produkte schreiben. Aber was? "Mit Gentechnik"? "Mit neuen Züchtungsmethoden"?
Die Politiker in Berlin jedoch warten auf die Richter in Luxemburg. Der Europäische Gerichtshof soll entscheiden, ob eine Veränderung von einem einzigen Genbaustein schon Gentechnik ist. Das dauert aber wohl noch ein Jahr. Bis dahin liegt die Frage in Berlin auf Eis. Und das ist der eigentliche Skandal.
(DIE ZEIT Nr. 8/2017, 16. Februar 2017 http://www.zeit.de/2017/08/gentechnik-definition-politiker )

·       Zuckerfreie Süße und veganes Eiweiß: Die Synthetische Biologie auf dem Weg in die Supermärkte
(24.08.2016) Die perfekte Süße: Null Kalorien, schmeckt wie Zucker und fühlt sich auch so an. EverSweet wird mit einer besonderen Hefe produziert. In sie ist ein Stoffwechselweg eingebaut, der sie zwei süße pflanzliche Proteine produzieren lässt. Es ist eines der ersten Produkte der Synthetischen Biologie im Lebensmittelbereich. Kritiker brandmarken sie als „extreme Gentechnik“, doch viele junge Biotechnologie-Unternehmen sind von den neuen Möglichkeiten begeistert.
WEITERLESEN <http://www.transgen.de/aktuell/2587.synthetische-biologie-lebensmittel.html>

·       Biotechnologie Produktion
Lebensmittel-Enzyme: Bei der Herstellung wird Gentechnik zum Standard
Enzyme? Im Zutatenverzeichnis erscheinen sie nicht, und kaum jemand weiß, dass sie bei zahlreichen Lebensmitteln eine wichtige Rolle spielen. Ob Käse, Brötchen, Fruchtsaft oder Süßigkeiten - ohne Enzyme geht kaum noch was. Lebensmitteltechnologen schätzen sie als präzise biochemische Werkzeuge. Die eingesetzeten Enzyme werden heute mit Hilfe von Mikroorganismen produziert - und die sind oft gentechnisch verändert (aktualisiert).
WEITERLESEN <http://www.transgen.de/lebensmittel/1051.lebensmittelenzyme-gentechnisch-hergestellt.html>

·       Enzyme: Biotechnologie im Alltag
http://www.transgen.de/lebensmittel/1176.enzyme-biotechnologie-alltag.html

·       Offene Debatte statt Wortklauberei
Über eine Gentechnik, die keine sein soll – und doch eine ist
Dieser Erfolg ist ohne Beispiel. In kaum drei Jahren haben sich neue Verfahren für Eingriffe ins Erbgut in fast alle Labore verbreitet. Kein Wunder: Ihr Nutzen scheint grenzenlos, ihr Risiko sehr überschaubar.
Die alte Gentechnik war mühsam, ungenau und fehleranfällig – und schon deshalb in ihren Möglichkeiten beschränkt. Sie wurde bei Bakterien und Pflanzen eingesetzt, seltener bei Tieren. Noch seltener, aber zum Teil mit dramatischen Folgen, erprobten Wissenschaftler sie am Menschen.
Die neue Gentechnik ist einfach, präzise und unfassbar vielseitig. Glichen die alten Methoden einem Schrotschuss ins Erbgut, so ähneln die neuen einer molekularen Redigatur (man spricht auch vom gene editing). …
Die neuen Techniken befeuern aber noch eine ganz andere Debatte. Die Eingriffe ins Erbgut können theoretisch so präzise erfolgen, dass ihr Resultat nicht von einer natürlichen Variation zu unterscheiden ist. Mit Blick auf diese quasi naturidentische Manipulation behaupten jetzt einige Wissenschaftler, die neue Gentechnik sei eigentlich gar keine – und sie sei daher auch nicht den gesetzlichen Regeln für Genmanipulationen zu unterwerfen.
Schaut man nur auf das Erbgut, mögen sie recht haben. Doch in Wirklichkeit verstecken sich Forscher mit diesem Argument hinter veralteten Gentechnik-Definitionen, statt sich mit ihren neuen Instrumenten der Debatte zu stellen. Nach mehr als 40 Jahren Gentechnik ist die gesellschaftliche Debatte, was damit sinnvoll anzufangen wäre (und was nicht), notwendiger denn je. Sowohl Befürworter als auch Kritiker dieser Technologie müssen sich ihr erneut stellen. Viele alte Argumente sind heute obsolet, viele frühere Risiken methodisch beherrschbar. Das Feld ist wieder offen – auf ihm sollte offen gespielt werden.
Auch weil die neuen Methoden erlauben, ein Gen schneller und unerbittlicher in der Natur zu verbreiten, als das bisher der Fall war (gene drive). Über die möglichen Folgen eines Einsatzes muss intensiv diskutiert werden. Denn die neue Gentechnik ist eine echte Gentechnik – mit noch einem entscheidenden Unterschied zu den alten Methoden: Diesmal könnte sie tatsächlich viele ihrer Versprechen einlösen.
(Die Zeit 17.3.2016 S.41 http://www.zeit.de/2016/13/gentechnik-biologie-erbgut-debatte )

·       Crispr
Wo bleibt der Aufschrei?
Gerade erfinden Forscher das Menschsein neu. Und was tun wir? Ängstigen uns vor Gentomaten. Über die Selbstwidersprüche unserer hysterischen Gegenwart …
Worum es beim jüngsten Durchbruch der Gentechnologie geht, ist im Kern erstaunlich einfach erklärt: Vor wenigen Jahren haben zwei Wissenschaftlerinnen, Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier – Letztere forscht seit Kurzem übrigens am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin –, molekulargenetische Werkzeuge entdeckt, die, wenn sie in einen Organismus eingeschleust werden, dort wie Genscheren funktionieren: Bestimmte Abschnitte eines Gens können herausgeschnitten, korrigiert oder durch andere Abschnitte ersetzt werden, weshalb sich für diese Methode der Name genome editing eingebürgert hat. Im Vergleich zu den herkömmlichen Methoden, die seit den siebziger Jahren bekannt sind und weltweit in Labors verwendet werden, arbeiten diese neuen Genscheren jedoch deutlich schneller und präziser, sind erheblich kostengünstiger und – einer der brisantesten Punkte dieser Technologie – können im Nachhinein nicht mehr nachgewiesen werden, während die sogenannten Vektoren, die bislang zum Einsatz kamen, im Organismus charakteristische Spuren hinterlassen. …
Täusche ich mich, oder lodern nun die ersten Freudenfeuer der Begeisterung? Sind wir nicht alle begeistert, wenn wir hören, dass die Medizin dabei ist, das Heer der Krankheiten, die uns zu hartnäckigem Leiden bis hin zu brutalem Siechtum verdammen, weiter zu dezimieren? Aber warum eigentlich sind wir so schnell bereit, die Errungenschaften der "roten" – also der medizinisch-therapeutisch genutzten – Gentechnik als eindeutigen Fortschritt zu begrüßen, während wir ebenso schnell bereit sind, "grüne" – also landwirtschaftlich genutzte – Gentechnik als Teufelszeug zu verdammen? In Deutschland sind mehr als 150 Medikamente zugelassen, die mittels gentechnischer Verfahren hergestellt werden: vom Insulin über diverse Krebstherapiemittel bis hin zur Hepatitis-Schutzimpfung. Warum gehen die Anhänger des grünen Friedens hier nicht auf die Barrikaden, wie sie es regelmäßig tun, sobald ein Agrarkonzern ankündigt, er wolle eine neue, durch Genmanipulation optimierte Getreidesorte auf den Markt bringen, die helfen könnte, den Hunger in den Armutsregionen der Welt zu lindern? Warum empfehlen diejenigen, die überzeugt sind, Tag und Nacht fürs Gute zu fechten, dass man lieber die afrikanischen und asiatischen Kleinbauern beim Gemüseanbau unterstützen oder Vitamintabletten an die notleidende Bevölkerung verteilen sollte? Müssten sie nicht mit derselben Entschiedenheit den westlichen Diabetes- oder Krebspatienten die Medikamente "aus dem Genlabor" verbieten wollen und ihnen stattdessen empfehlen, ihre Zivilisationskrankheiten allein mit mehr Bewegung und gesünderer Ernährung zu bekämpfen?
Doch nicht nur grüne Friedensengel, alle Besorgten und Bewegten heben drohend das Schwert, wenn durchsickert, dass sich die Biowissenschaftler nicht damit begnügen wollen, das Erbgut von Nutzpflanzen zu optimieren, sondern auch das des Menschen. Ein chinesisches Forschungsteam hat bereits damit begonnen, Crispr/Cas9 bei menschlichen Embryonen anzuwenden, ein britisches dürfte demnächst damit anfangen – obwohl die einflussreichen Vertreter der Scientific Community bei ihrem Treffen in Washington beschlossen haben, sämtliche Experimente, die in die menschliche Keimbahn eingreifen, so lange zu unterlassen, bis eine breite öffentliche Diskussion über die Wünschbarkeit des genetischen Upgrades beim Menschen stattgefunden hat. …
Kein Zweifel: Das "Designerbaby" oder der "Retortenmensch" taugen zum apokalyptischen Reiter unserer Tage – zumal es zwei britischen und amerikanischen Forscherteams soeben gelungen ist, einen menschlichen Embryo zwei Wochen lang in einer Petrischale heranwachsen zu lassen. …
Doch wer will in Zeiten, in denen es gesellschaftlich mehr als verpönt ist, einen Leidenden – oder bloß Unzufriedenen – mit einem solchen Satz zu konfrontieren, noch eine Lanze fürs "Verhängnis-Tragen", ja gar für "Demut" brechen? Des finstersten Reaktionärstums, der verstocktesten Religions-Hinterwäldlerei machte sich derjenige verdächtig! Ich erinnere an den Aufschrei, den es gab, nachdem Sibylle Lewitscharoff Frauen, deren Kinderwünsche nicht in Erfüllung gehen wollen, nahegelegt hatte, diese ihre Kinderlosigkeit als ihr Schicksal anzunehmen, statt nach dem Reproduktionsmediziner zu rufen. …
(Die Zeit 23.6.2016 S.39 http://www.zeit.de/2016/27/gentechnik-crispr-anwendungsgebiete-kritik/komplettansicht )

·       Eine Frau, ihre Entdeckung und wie sie die Welt verändert
Emmanuelle Charpentier hat Biologen ein neues Werkzeug beschert: Mit "Crispr" lassen sich Gene verblüffend präzise und sicher ändern. Ärzte wollen damit Aids, Krebs und Erbkrankheiten heilen. Nimmt der Mensch die Evolution bald selbst in die Hand? …
Gäbe es einen Nobelpreis für Bakterien, der Streptococcus pyogenes wäre ein Kandidat mit echten Aussichten. Betrachtet man ihn durch ein Mikroskop, wirkt er eher hässlich. Beim Menschen verursacht das Bakterium eine eitrige Mandelentzündung oder sogar Scharlach. Doch Streptococcus pyogenes verfügt über ein einzigartiges Werkzeug zur Selbstverteidigung. Bis vor Kurzem hat das so gut wie niemanden interessiert. Es ist schließlich nur eine Mikrobe. Jetzt kennt man das Instrument besser, und plötzlich interessieren sich sehr viele Menschen auf der ganzen Welt für das winzige Geschöpf.
Sein Werkzeug ist eine Art intelligentes biologisches Skalpell für Präzisionsoperationen am Erbgut. Damit setzt sich das Bakterium gegen die Angriffe von Viren zur Wehr. Mediziner hoffen nun, mithilfe dieser Methode bald HIV-Infektionen heilen zu können, Leukämie und Erbkrankheiten. Genetiker schaffen damit bereits Pflanzen, die bislang niemand kannte. Die Technik weckt große Hoffnungen: Fehler im Genom aller denkbaren Lebewesen können womöglich künftig wegkorrigiert, ausgelöscht werden – wie vertippte Buchstaben in einem Textdokument.
Die Frau, die den Anlass für solche Hoffnungen gab, sitzt in ihrem Büro in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs und wundert sich. "Es ist alles so surreal", sagt Emmanuelle Charpentier. Sie hat dem Scharlachbakterium sein Geheimnis entrissen. Dafür hat sie allein in diesem Jahr acht Forschungpreise bekommen. Im Herbst wird ihr der nächste verliehen, diesmal die höchste Auszeichnung Kanadas für Medizinforscher. Es ist der achtzehnte Preis seit 2015. Kein anderer Wissenschaftler hat wohl in so kurzer Zeit so viele Ehrungen abgeräumt, erst recht keine Wissenschaftlerin. …
jetzt ist sie die Chefin des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie. …
Die Entdeckung
Ihr Aufstieg begann mit einem Fachartikel. Sein Titel: A Programmable Dual-RNA-Guided DNA Endonuclease in Adaptive Bacterial Immunity. Charpentier hatte ihn zusammen mit der amerikanischen Forscherin Jennifer Doudna im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht. Das war im August 2012. Der Aufsatz veränderte nicht nur das Leben der beiden Frauen, sondern die Arbeit Tausender Genetiker, Biologen und Mediziner rund um die Welt. Auf fünf Seiten beschreiben die Biologinnen das Abwehrsystem des Scharlachbakteriums Streptococcus pyogenes: Es nutzt ein molekülkleines Instrument, das aus einem Sucher und einer Art Schere besteht. Die englische Abkürzung für dieses Abwehrsystem lautet Crispr/Cas9, meist kurz: Crispr. …
die Botschaft der Autorinnen in der Zusammenfassung elektrisierte die Biowissenschaften: Die Genschere des Streptokokkenbakteriums lässt sich nachbauen und sein Sucher auf beliebige Ziele einstellen. …
Die Erfindung der Genschere ist der dritte große Schritt, das Geheimnis der belebten Natur zu lüften. Zuerst musste die Wissenschaft erkennen, dass das Alphabet des Lebens aus den vier Molekülen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin besteht, abgekürzt mit den Anfangsbuchstaben ACGT. Dann musste sie lernen, die Buchstabenfolge in jedem Organismus zu entziffern. Und jetzt eröffnet sich die Möglichkeit, sogar Genfehler zu korrigieren, den genetischen Code quasi zu redigieren oder besser: die Erzählung der Natur zu verschönern. Und so frisch sie selbst im Labor noch sein mag, längst ist diese Technik im Alltag und für Laien relevant. Auch der deutsche Ethikrat hat an diesem Mittwoch zum ersten Mal darüber beraten.
Bei Tieren und Pflanzen ist die Genchirurgie – englisch: genome editing – schon weit fortgeschritten. Agrokonzerne experimentieren mit Weizen- und Maissorten, die Schädlingen widerstehen. In den USA wurde gerade ein mit Crispr modifizierter Champignon für den Supermarkt zugelassen – er wird dank Genveränderung nicht so schnell braun. Der Clou: Anders als bei früheren Genmanipulationen ist diese nicht mehr nachweisbar. …
Die Verantwortung für ihre Entdeckung jedoch kann sie nicht weiterleiten. Keine Preisverleihung ohne das Thema, kein Interview ohne die Frage: Wie tief darf die Genschere ins menschliche Erbgut einschneiden? Soll der Mensch seinen genetischen Code auch auf Dauer verändern? Droht der Homo crispr? Auch den Deutschen Ethikrat treibt das um. In China, Großbritannien und Schweden erproben Forscher Crispr schon an Embryonen, aus denen theoretisch Säuglinge reifen könnten. Erstmals scheinen auch gezielte Änderungen am Erbgut plausibel, die heutige Patienten an ihre Kinder und Kindeskinder weiterreichen würden – ein Eingriff in die sogenannte Keimbahn, das genetische Band zwischen den Generationen. Nimmt der Mensch seine Evolution jetzt selbst in die Hand?
Vom "Menschen nach Maß" ist wieder die Rede und von einer "Genokratie", in der demnächst eine genetisch optimierte Elite über das naturbelassene Proletariat herrscht. Doch weder in Großbritannien noch im chinesischen Guangzhou will man bisher den "neuen Menschen". Keine Frau soll die manipulierten Embryonen austragen. Sie dienen der Grundlagenforschung, um mehr über die Entstehung von Erbkrankheiten und das Wachstum von Embryonen zu erfahren. Die echten bioethischen Probleme sehen Experten vielmehr bei der Gentherapie am einzelnen Menschen: "Die größte Gefahr ist, dass man die Technik einsetzt, obwohl sie noch nicht reif ist", sagt Sigrid Graumann, Mitglied im Ethikrat.
Zwar steuert der Crispr-Sucher sein Ziel genauer an als alle Laborwerkzeuge der Mikrobiologen zuvor – völlig treffsicher ist er aber noch nicht. In seltenen Fällen zerschneidet die DNA-Schere versehentlich auch Gene, die sie nicht verändern soll. Es funktioniert wie bei der Textverarbeitung am Computer: Einen seltenen Begriff auszutauschen ("Genschehre" durch "Genschere") ist kein Problem. Zielt man dagegen auf häufige Buchstabenkombinationen ("Son" gegen "Sohn"), verändern sich plötzlich zahlreiche Wörter: Sohnnenschein, Sohnderurlaub, Sohnde. Der Text wird nicht verbessert, sondern zerstört.
Off-target nennt sich das: danebengeschossen. Im schlimmsten Fall verursacht die vermeintlich rettende Therapie dann Krebs. Als die chinesischen Forscher aus Guangzhou ihre Crispr-manipulierten Embryonen später untersuchten, fanden sie Genveränderungen vor, die nicht geplant waren. Im Labor nicht tragisch, im Versuch an Menschen katastrophal. Hier muss die Treffsicherheit bei fast 100 Prozent liegen. Lieber mit HIV leben, als durch Crispr sterben. …
(Die Zeit 23.6.2016 S.329f. http://www.zeit.de/2016/27/emmanuelle-charpentier-crispr-gentechnik/komplettansicht )

·       Pflanzenzucht
Gentechnik – oder keine?
Eingriffe ins Erbgut von Pflanzen lassen sich durch die neuen Techniken gar nicht mehr nachweisen. Und das sorgt für Streit. …
Der haltbare Zuchtchampignon war das erste Crispr-Produkt, dessen Vermarktung die Zulassungsbehörden der USA genehmigt haben. Als zweites winkten sie einen neuen Stärkemais durch. Damit bahnten sie einer neuen grünen Revolution in der Landwirtschaft den Weg – jedenfalls in den Augen der Saatgutindustrie. Umweltschützer und Biobauern hingegen wollen dem unscheinbaren Äußeren der "Gentechnik reloaded" (taz) nicht trauen. …
Im Zweifelsfall gilt das Vorsorgeprinzip
Dabei berufen sich die Kritiker auf Grundsätze des europäischen Gentechnikrechts, das einer anderen Philosophie folgt als jenes der USA. Dort zählt das Produkt: Solange seine Schädlichkeit nicht belegt ist, bekommt es erst einmal eine Chance. Diesseits des Atlantiks hingegen ist der Prozess der Züchtung ausschlaggebend, und im Zweifelsfall gilt das Vorsorgeprinzip.
Der Präzedenzfall für den Streit war eine Winterrapssorte mit dem Namen SU Canola. Eine Tochter der US-Firma Cibus hatte sie mithilfe einer Genscherentechnik gegen ein Unkrautvernichtungsmittel gewappnet. Im Februar 2015 beschied das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, es handle sich nicht um "Gentechnik im Sinne des Gentechnikgesetzes". Dem Wesen nach gebe es bei derart zugeschnittenen Gewächsen keinen Unterschied zu den konventionell gezüchteten.
Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt wollte die Freisetzung von SU Canola daraufhin zulassen. Mittlerweile haben sich die zuständigen Behörden in Schweden und in vier anderen Ländern ähnlich positioniert. Doch in Deutschland klagten die Umweltverbände, zudem pfiff die EU-Kommission Schmidt und seine Kollegen zurück: Sie sollten erst eine einheitliche Empfehlung für ganz Europa abwarten.
Die Saatgutindustrie verfolgt das ungeduldig, denn hinter dem Konflikt stehen große wirtschaftliche Interessen. Würden die neuen Sorten nach dem alten Gentechnikrecht reguliert, wären langwierige Antragsverfahren und Testreihen mit hohen Kosten die Folge. Anderenfalls warten schnelle Gewinne aus einem neuen Repertoire der Natur.
Für den Biolandbau hingegen steht die Existenz als gentechnikfreie Alternative auf dem Spiel. Denn wo genveränderte Organismen angebaut werden, verbreiten sie sich oft durch Pollenflug. Deshalb wurden all die komplizierten Abstandsregeln, Kennzeichnungs- und Haftungspflichten erkämpft. Würden diese Vorschriften nicht gelten, ließen sich Bio- und Crispr-Mais nicht mehr unterscheiden – und ein Kernmerkmal der Ökoproduktion wäre dahin.
(Die Zeit 23.6.2016 S.31 http://www.zeit.de/2016/27/pflanzenzucht-crispr-erbgut-gentechnik-streit/komplettansicht )

·       ZELLFORSCHER UND EHTIKER DISKUTIEREN ÜBER DIE GENSCHERE
Verschöpft euch nicht!
Genschere, das klingt so harmlos. Sie kann Leben retten – und unser Leben für immer verändern. Der Forscher und der Ethiker wägen ab
Peter Dabrock, Jahrgang 1964, ist evangelischer Professor für Ethik im Fachbereich Theo­logie der Universität Erlangen. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt: Bioethik und Gerechtigkeitstheorie. Dabrock ist Vorsitzender des Deutschen Ethikrates und unter anderem Mitglied der Kammer für öffentliche Verantwortung der EKD.
Toni Cathomen, 1966 geboren, ist Professor für Zell- und Gentherapie und Direktor des gleichnamigen Zentrums am Uniklinikum Freiburg. Er forscht an einer HIV-Therapie mit Hilfe der Genschere. Die Therapie ahmt einen Gendefekt nach, den manche Menschen haben. Ihnen fehlt dadurch ein Protein, das das Virus zum Andocken braucht. Cathomens Team will das entsprechende Gen bei HIV-Patienten mit der Genschere ausschalten. …
Mit der Genschere verändertes Saatgut wird nicht als gen­technisch verändert deklariert. Warum?
Cathomen: Die offizielle Bezeichnung für die Genschere ist Crispr-­Cas-Methode. Mit ihr können wir genetische Sequenzen austauschen, ohne Spuren zu hinterlassen. Wenn Sie nicht nachweisen können, dass eine genetische Veränderung stattgefunden hat, wie wollen Sie gesetzliche Verbote oder Regularien durchsetzen?
"Mit Crispr-Cas könnte man einen Teil der Ernährungsprobleme angehen"
Dennoch wird Fremd-DNA eingeführt.
Dabrock: In den nächsten Jahren werden wir noch heftig da­rüber streiten. Herr Cathomen, Sie argumentieren vom Ergebnis her: Man kann nicht nachweisen, dass etwas künstlich verändert ­wurde, also muss man den Eingriff nicht deklarieren. Ein anderer argumentativer Ansatz sagt: Da hat der Mensch mit künstlichen Mitteln eingegriffen, das muss unter Aufsicht gestellt werden. Dieser Ansatz dient in Europa als Grundlage für Gesetze. Paradox wird er, weil man an einer Pflanze nicht erkennen kann, ob sie mit der Genschere verändert worden ist.
Es kommen Pflanzen mit anderen Eigenschaften dabei heraus!
Dabrock: Jetzt müssen wir wieder ehrlich sein. Wir verändern doch längst, wir halten auf geradezu romantische Weise an der traditionellen Züchtung von Pflanzen fest.
Cathomen: Stimmt. Der Mensch züchtet seit Jahrtausenden und wählt Tiere und Pflanzen aus. Heute wird bei der Pflanzen­züchtung mit Bestrahlung und Chemie das Erbgut wahllos verändert. Man sucht so lange, bis man findet, was einem passt. Oft weiß niemand, was die genetische Veränderung ist, die zu diesem neuen Phänotyp führt. Ist das besser als eine gezielte Methode, bei der wir genau wissen, welche Veränderung wir einführen?
Dabrock: Als Theologe würde ich sagen: Man muss vom Ende her denken. Kritische Fragen sind wichtig, aber ein allgemeines Unwohlsein reicht nicht. In der Landwirtschaft hätte es – weltweit betrachtet – dramatische Folgen, wenn man sich grundsätzlich gegen diese Technologie stellt. Mit Crispr-Cas könnte man einen Teil der Ernährungsprobleme angehen. Man wird also womöglich auch schuldig, wenn man die Technologie undifferenziert ablehnt. …
Dabrock: Doch. Ich kenne keinen Fall einer missbräuchlichen Verwendung von Forschungsdaten. Wenn es doch einmal dazu käme – und vielleicht reicht auch schon der öffentlich diskutierte Verdacht – dann wird es verdammt schwer, das Ruder wieder umzureißen. Die Forschung muss immer wieder beweisen, dass sie vertrauenswürdig ist.
Cathomen: Chinesische Forscher wenden die Crispr-Cas-Methode an nicht lebensfähigen Embryonen an. Wenn die Versuche klappen, ist der gedankliche Schritt klein, sie auch an lebensfähigen Embryonen anzuwenden. Und schon haben wir die Diskussion um das Designerbaby. Das macht mir Sorge. Wir haben ein gutes Embryonenschutzgesetz, aber Deutschland ist ja keine Insel, wir müssen auf unsere Nachbarn gucken. Wir müssen uns positio­nieren und überlegen, wo wir die Grenzen setzen. …
(Chrismon 12-2016 S.30
http://chrismon.evangelisch.de/artikel/2016/32907/zellforscher-und-ehtiker-diskutieren-ueber-die-genschere ) Neue Züchtungsverfahren, alte Gentechnik-Definition:

·       Zeit für ein Update
Dieses Thema wird uns in diesem Jahr so schnell nicht loslassen: Die neuen Genome Editing-Verfahren wie CRISPR oder TALEN: Ist das noch Gentechnik oder gleichen damit gezüchtete Pflanzen eher „natürlichen“ Mutationen? Müsste nicht eher die Gentechnik-Definition der wissenschaftlichen Entwicklung angepasst werden? Dazu fand am 14. Februar 2017 in Berlin eine hochkarätige Diskussionsveranstaltung statt, zu der die großen Wissenschaftsorganisationen und der Deutsche Ethikrat eingeladen hatten.
WEITERLESEN: <http://www.transgen.de/aktuell/2623.gentechnik-crispr-genome-editing.html> Gentechnik oder gezielte Mutation? EU-Richter entscheiden über die Zukunft des

·       Genome Editings
(18.12.2016) Immer deutlicher zeichnet sich ab, was mit den neuen Verfahren des Genome Editings möglich werden könnte – auch in der Pflanzenforschung. Doch Europa blockiert sich selbst. Sind editierte Pflanzen und Tiere als „gentechnisch verändert“ einzustufen oder gleichen sie eher „natürlichen“ Mutationen? Seit Jahren zögert die EU-Kommission, sich in dieser Frage festzulegen. Nun werden wohl die Juristen des Europäischen Gerichtshofs entscheiden.
WEITERLESEN <http://www.transgen.de/aktuell/2607.eu-genome-editing-regulierung.html>

·       "Gene-Drive – Vererbungsturbo in Medizin und Landwirtschaft" – unter diesem Titel stand die öffentliche Herbsttagung, zu der der Deutsche Ethikrat am 26. Oktober 2017 nach Frankfurt am Main eingeladen hatte.
Gene-Drives sind molekularbiologische Mechanismen, die genetische Merkmale zügig innerhalb einer Gruppe von Lebewesen verbreiten. In Verbindung mit neuen Techniken der Genom-Editierung wie CRISPR-Cas9 können sie sehr große Wirkung entfalten. Wegen ihrer raschen Generationenfolge sind es derzeit vorwiegend Insekten, an denen Eingriffe mit Gene-Drive-Systemen erforscht werden. So sollen mittels Gene-Drive beispielsweise Populationen von Mücken kontrolliert werden, die Krankheiten wie Malaria übertragen. Derartigen Chancen stehen allerdings schwer überschaubare ökologische Risiken sowie weitere rechtliche und ethische Bedenken gegenüber, die es im gesellschaftlichen Diskurs abzuwägen gilt. …
Der Genetiker Nikolai Windbichler, der in die molekularbiologischen Grundlagen des Themas einführte, sieht in Gene-Drives eine spezies-spezifische und effektive genetische Technologie, mit der zum Beispiel die Größe von Moskitopopulationen erheblich reduziert werden könnte oder die Insekten so modifiziert werden könnten, dass sie Krankheiten wie Malaria nicht länger übertragen. Entgegen manchen Befürchtungen stellte Windbichler klar, dass die Technologie "weder permanent noch unaufhaltbar" ist. Moskitos können auch gegen Gene-Drives Resistenzen ausbilden, ähnlich wie gegen Medikamente für Malaria. Außerdem wird an Möglichkeiten geforscht, Gene-Drives bei Bedarf zu neutralisieren. …
Die Biologin und Umweltethikerin Uta Eser bezweifelte, dass die Bekämpfung von Hunger und Infektionskrankheiten die gezielte Ausrottung ganzer Arten rechtfertige. Denn selbst wenn man Gene-Drive für ein geeignetes und erlaubtes Mittel zur Realisierung eines legitimen Zwecks halte, bleibe aus strebensethischer Sicht die Frage, ob sein Einsatz auch wünschenswert sei. Eser zufolge gebe es jedenfalls gute Argumente, der gezielten Auslöschung von Arten durch Gene-Drive mit Zurückhaltung zu begegnen.
(Deutscher Ethikrat, PRESSEMITTEILUNG 07/2017, Berlin, den 27. Oktober 2017)

·       Gen-Schere für Pflanzen
Die Crispr/Cas-Methode macht Pflanzen immer widerstandsfähiger …
Peter Dabrock steht nicht im Verdacht, ein Lobbyist zu sein. Trotzdem hat der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats eine bemerkenswerte Einschätzung zu einem neuen Werkzeug der Biotechnologie getroffen. "Die Welt unserer Kinder wird eine von Crispr/Cas geprägte Welt sein", sagt der Theologie-Professor. Crispr/Cas - diese Abkürzung steht für ein neues Verfahren zur gezielten Veränderung des Erbguts, das 2012 entdeckt wurde und in kurzer Zeit die Gentechnik erobert hat. Die Methode eignet sich für jeden Typ von DNA: für Menschen, Tiere, Pflanzen. …
Die erste Anwendung von Crispr/Cas hatte allerdings ein anderes Ziel: In den USA sind Champignons zugelassen, die sich nach dem Schneiden nicht mehr bräunlich verfärben.
Der Einsatz von Crispr/Cas lässt sich am besten mit der Verwendung einer Schere vergleichen, die den DNA-Strang an einer vorher bestimmten Stelle zerschneidet. Die Methode nutzt einen natürlichen Prozess. Manche Bakterien verwenden dieses Enzym als Reparaturwerkzeug, wenn ihr Erbgut etwa durch Viren attackiert wurde. Dringt ein Virus in die Zelle ein, baut es ein Stück seiner DNA in das Erbgut seines Opfers ein. Bakterien haben im Laufe der Evolution gelernt, sich mit Crispr/Cas gegen diese Manipulation zu wehren. Das Enzym trägt eine Vorlage, die es mit der aktuellen DNA der Zelle vergleicht. Findet es eine Abweichung, schneidet der Mechanismus den DNA-Strang an dieser Stelle durch. Die Zelle beginnt mit der Reparatur ihres Erbguts und entfernt die fremde DNA. Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier hatten die Idee, den Mechanismus für die Gentechnik zu verwenden. Sie tauschten die natürliche Vergleichsmatrix des Crispr/Cas gegen eine andere aus. Damit können sie genau festlegen, an welcher Stelle die Gen-Schere aktiv wird. Gleichzeitig können die Forscher den Reparaturprozess in ihrem Sinne beeinflussen. Gene können aus- oder eingeschaltet werden, in manchen Fällen soll ein DNA-Fragment einer Wildform eingeschleust werden. …
Während bei der ersten Generation der grünen Gentechnik Erbinformationen von anderen Arten in eine Pflanze eingebaut wurden, soll durch Crispr-Cas der Genpool der eigenen Art besser genutzt werden.
Daraus ergibt sich eine neue Fragestellung - nämlich die, ob durch den Einsatz von Crispr/Cas gentechnisch veränderte Pflanzen entstehen. Die Gen-Schere hinterlässt keine Rückstände im Produkt, eine konventionelle Züchtung könnte das gleiche Ergebnis liefern: Ist die neue Pflanze deshalb ein natürliches Produkt? Oder unterliegt sie den strengeren Regelungen für gentechnisch veränderte Organismen?
Crispr-Cas nimmt eine Sonderstellung unter den Verfahren zur Veränderung des Erbguts ein. Die neue Technik ist schnell, billig und einfach in der Handhabung. Viele neue naturwissenschaftliche Techniken bleiben auf finanziell gut ausgestattete Institute begrenzt, Crispr-Cas ist auch für kleine Labore erschwinglich. …
(Das Parlament 46-47 13.11.2017 S.10)

·        

 

C) Gentechnik in der Humanmedizin

·         Q: Chancen und Risiken der Gentechnologie, Bericht der Enquete-Komm. des Dtsch. Bundestages 1987, S. 118
- Humaninsulin seit 1981 in USA auf dem Markt, Alt-BRD 1200000 Diabetiker, 400.000 auf Verabreichung von Insulin angewiesen, bisher 20% Insulin aus Schweine-Bauchspeicheldrüsen, Rest Rinder

·         Dtsch. Ärzteblatt 6/98 S.A285: Erythropoietin
* EPO aus der Niere steuert die Neubildungsrate von Erythrozythen
* seit 10 Jahren gentechnisch hergestelltes rhEPO (Säugetierzellkulturen)
* im Unterschied zu h-Insulin ist hier erstmals eine therapeutische Anwendung möglich (nicht Ersatz herkömmlicher Quellen, z.B. tierisches Serum)

·         Medikament zur Verhinderung von Blutgerinnseln in gent. veränderten Ziegen hergestellt;
1 Tier könnte im Jahr Medikamente für 58 Mill. DM erzeugen
(Spiegel 5/2000 S.180)

·         etwa 3000 monogenetische (Ein-Gen-) Krankheiten sind bekannt, Mukoviszidose, Muskelschwund, Chorea Huntington
(VFA: Gene und Genom)

·         menschliches Wachstumshormon: früher aus den Hirnanhangsdrüsen menschlicher Leichen gewonnen, für Behandlung eines Patienten über 1 Jahr: 70 Leichen

·         EPO seit 1985 aus Säugetierzellen; Patienten mit chronischem Nierenversagen, die an chronischer Blutarmut leiden (Bluttransfusionen werden erspart), 30-50% der heute weltweit 300000 Dialysepatienten werden mit gent. hergest, EPO behandelt

·         Enzym DNAse I: Behandlung von Mukoviszidose zugelassen: Verflüssigung des Schleims
(VFA: Gentechnik)

·         Humaninsulin aus Bakterien: erste Versuche 1978, Zulassung 1982
bewußt herbeigeführte Veränderung der Erbsubstanz, um Proteine für therapeutische Zwecke zu optimieren; bestimmte Bausteine werden gegen andere Nukleotide ausgetauscht;
1996 eine Insulin-Variante mit schnellerem Wirkbeginn und kürzerer Wirkdauer zugelassen; 2 Aminosäuren verändert: (S.19)
(VFA: Gentechnik)

·         PCR: einzelne DNA-Stückchen vervielfältigen (Spermium, Haar, Blutspur, Gewebe einer Mumie, Erbkrankheiten an einer einzelnen Zelle testen, Spuren von Krankheitserregern (Viren, Bakterien, Parasiten im Blut finden);
Arbeitsschritte: Trennen, Koppeln, Kopieren immer wieder
a) DNS-Doppelstränge trennen: durch erhitzen - zwei Einzelstränge
b) ein künstlich im Labor hergestelltes DNS-Stück („Primer“), das nur zu einem ganz bestimmten Stück des Einzelstranges paßt, koppelt sich an und identifiziert ihn dadurch
c) das Enzym Polymerase verlängert den Primer, so daß zu jedem DNS-Einzelstrang wieder der genau gegengleiche Strang entsteht;
alle drei Schritte sind temperaturabhängig und lassen sich als Kettenreaktion wiederholen: nach 30 Verdopplungen 1 Mrd. Kopien
(VFA: Gentechnik)

·         in der EU 400 Arzneimittel auf Basis von 48 gentechnisch hergestellten Wirkstoffen in Anwendung; Weltmarkt für diese Medikamente 1998: 10 Mrd. DM
(Catenhusen, epd-wochenspiegel 28/2000 S.8)

·         mehrere hundert gentechnisch manipulierte Schafe in Neuseeland, schottische Firma PPL Therapeutics, mit menschlichem Gen ausgestattet, sollen zur Entwicklung einer Therapie gegen Mukoviszidose eingesetzt werden, die DNS wurde bereits Mitte der 80er Jahre aus der Blutprobe einer dänischen Frau gewonnen
(taz10.7.2000)

·         etwa 17% der Umsätze auf dem Welt-Pharma-Markt werden mit rekombinanten Arzneimitteln erzielt
(GID 140/2000 S.10)

·         Transplantationen:
gentechnische Untersuchung verschiedener Hormone, die am Immunsystem beteiligt sind (Zytokine): rund ein Drittel der Transplantierten kann auf Medikamente zur Unterdrückung der Immunabwehr verzichten, da sie die kritischen Zytokine nicht in sich tragen
(GID 140/2000 S.31)

·         Monsanto: Tabak wurde ein gen implantiert, das Somatropin, ein bisher extrem teures Hormon zur Behandlung von Kleinwüchsigkeit, in Mengen herstellt
(Der Spiegel 26/2000 S.78ff)

·         1999 waren in Deutschland 59 gentechnisch hergestellte Arzneimittel auf dem Markt, davon 5 aus deutscher Produktion
Das Parlament 22.9.2000

·         Impfstoff , der Immunität gegen einen Virus bewirkt, gentechnisch in Kartoffeln eingebaut (rohe Kartoffeln müssen zwei- bis drei Mal gegessen werden); Norwalk-Virus, verantwortlich für Lebensmittelinfektionen; 19 von 20 Testpersonen positive Immunantwort
GID 141 8-9/2000 S.33

·         gentechnisch hergestelltes Insulin
1. Insuman Rapid und Insuman Basal von Hoechst Marion Roussel Deutschland Frankfurt: „mit dem körpereigenen Insulin identisch“ („Humaninsulin“)
2. Humalog von Lilly France: „Insulinmolekül leicht verändert, Wirkung setzt rascher ein“
3. Lantus von Aventis Pharma Deutschland Frankfurt: „dem Humaninsulin sehr ähnlich; zeigt lang anhaltende und gleichmäßige Wirkung“
(versch. Beipackzettel)

·         lieber von Gen-Unterschieden, als von Gen-Defekten sprechen;
Neurofibromatose: Ursache großes Gen auf Chromosom 17; ständig neu wachsende gutartige Tumore (Entstellungen, Operationen);
Brustkrebs: Mutter und Schwester daran gestorben; Gen-Test ergibt: Gene BRCA1 und BRCA2 mit Veranlagung dafür bei Patientin vorhanden; 70-80%iges Risiko der Erkrankung; OP Brüste und Gebärmutter entfernt;
SCA: Gendefekt; bricht spät aus, Patienten wirken wie betrunken;
Down-Syndrom: willensstark; größere gesundheitliche Probleme als andere Kinder (z.B. schwerer Herzfehler); Diagnose 10.-13 Schwangerschaftswoche Ultraschall Nackenfalte zu sehen (Flüssigkeitsansammlung); Ultraschall später: körperliche Auffälligkeiten; 90% der Eltern entscheiden bei der Diagnose DS auf Abbruch der Schwangerschaft; Diagnose Fruchtwasserentnahme: klare, gelbliche Flüssigkeit; Betroffene gezeigt; Mitwirkung in Film, Lernen von Texten; stundenlange Konzentration;
Mukoviszidose: 50 verschiedene Medikamente einnehmen + Inhalation + Atem- und Hüpf-Therapie; im Notfall steht Sauerstoffgerät bereit; schmächtige Erscheinung; 30-40 Jahre Lebenserwartung
(RTL 20.1.02 Glück mit Fehlern)

·         Gene  produzieren Antikörper gegen Spermien, diese Gene in Mais-Zellkerne eingepflanzt,
(The Observer - London 9-9-01)

·         Verwirklicht wird die Patientenautonomie durch das Prinzip des informed consent, also der informierten Zustimmung. Dieses Prinzip besteht aus zwei Grundannahmen:
1. Der Patient muss selbst entscheiden, welche Behandlungen er eingehen will und wie sie durchgeführt werden sollen. Er und niemand anders, auch nicht der behandelnde Arzt, hat über Ob und Wie einer medizinischen Behandlung zu entscheiden und verleiht den mit ihr verbundenen Eingriffen in seine Körperintegrität Legitimation und Rechtmäßigkeit.
2. Eine wirksame Entscheidung als Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes setzt notwendig umfassende Aufklärung über Diagnose, Heileingriff, Risiken, Folgen und Alternativen voraus. Nur wenn der Patient weiß, worum es geht, wird er überhaupt in die Lage versetzt, eine ernstzunehmende und zu respektierende Entscheidung zu treffen.
(GID 150/2002 S.16)

·         britische Wissenschaftler haben Gen entdeckt, das für 70% aller bösartigen Formen von Hautkrebs verantwortlich ist (in Melanomen als Mutation vorkommt)
(epd wochenspiegel ost 25/2002 S.23)

·         geklonte und genetisch manipulierte Kälber in USA produzieren in ihrem Blut menschliche Antikörper; ein künstliches Chromosom mit dem gesamten menschlichen Antikörpererbgut eingeschleust
(Die Zeit 15.8.02)

·         Uni Gießen: gentechnisch veränderte Karotte stellt Impfstoff gegen Hepatitis B her; drastische Kostensenkung möglich;
in USA schon über 300 Versuche Freiland mit Pflanzen zur Produktion von Pharmazeutika: zB Wachstumshormon, Blutgerinnungsmittel; am häufigsten genutzte Pflanze ist Mais – ein Betreiber schätzt, dass 2010 weltweit 10% der Maisernte der Medikamentenproduktion dienen werden
(GID 153, 8-9/2002 S.29)

·         Amsterdam; Freisetzungsversuch genehmigt; 12 Patienten; jeder soll Milliarden von gentechnisch veränderten Bakterien schlucken; Milchsäure-Bakterien so verändert, dass sie einen Botenstoff (Interleukin-10) herstellen, der Entzündungen abklingen lässt; Krankheit: chronische Darmentzündung Morbus Crohn;
(Der Spiegel 31/2002 S.121)

·         gentechnisch hergestelltes Insulin: Kritiker: häufigstes Problem Unterzuckerung; gentechnisch hergestelltes Insulin ist billiger herzustellen; Hersteller behaupten: sicherer, weil keine Gefahr durch Tierkrankheiten
(GID 151 4-5/2002 S.29)

·         in Puerto Rico Feldversuche mit so genannten Pharmapflanzen angelaufen; Mais, Gerste, Soja, Reis und Tabak so manipuliert, dass sie Impfstoffe und andere Pharmazeutika, menschliche Antikörper, aber auch Enzyme für die Industrie und Laborchemikalien produzieren; seit 1991 mindestens 300 solcher Versuche bewilligt, ohne dies öffentlich zu machen

·         eine bestimmte Art von gentechnisch hergestelltem Erythropoietin (EPO) hat bei Patienten lebensbedrohliche Anämie hervorgerufen
(United Press International, Nov 2, 2002)

·         gentechnisch hergestelltes Erythropoietin (EPO) schützt Patienten mit Niereninsuffizienz vor einer drohenden Blutarmut; in Deutschland bekommen derzeit 87% der dialysepflichtigen Patienten mit Nierenversagen ein EPO-Präparat gespritzt (160 Millionen Euro pro Jahr); im November 2002 Alarm: das Mittel Eprex ruft u.U. bei Nierenkranken als Nebenwirkung eine dauerhafte Blutarmut hervor; sind gentechnisch hergestellte Medikamente von verschiedenen Herstellern wirklich  identisch?; in Bioreaktoren geht es beileibe nicht so exakt zu wie in den Chemieanlagen der konventionellen Pharmaindustrie (lebende Zellen); den Zellen in den Bioreaktoren werden athletische Leistungen abgetrotzt: bis zu 40% ihrer gesamten Eiweißsynthese dienen der Herstellung des Pharmawirkstoffs; zuweilen bilden sie falsch gefaltete Eiweiße oder bauen sie wieder ab;
EPO ist ein körpereigenes Hormon, das in der Niere gebildet wird und die Produktion der roten Blutkörperchen im Knochenmark ankurbelt. Fällt bei einer Nierenschädigung die Hormonproduktion aus oder ist reduziert, kommt es zu einem Mangel an roten Blutkörperchen, der Patient fühlt sich matt und schwach. Der zugeführte Wirkstoff EPO soll den Hormonmangel kompensieren und der Blutarmut entgegenwirken.
der Wirkstoff für Erypo/Eprex wird in Kulturen von gentechnisch veränderten Hamsterzellen produziert,;
(Die Zeit 12.12.02 S.35; GID 155/2002-2003 S.36)

·         Oelck (früher AgrEvo); arbeitet an der Produktion von Pharmastoffen in Pflanzen; es wäre sicherer, wenn man manche pharmazeutischen Wirkstoffe in ausgesprochenen Nicht-Nahrungsmittelpflanzen herstellen würde; bisher aber fast alle Versuche im Bereich „Molecular Farming“ mit gängigen Nahrungspflanzen wie Mais, Soja oder Kartoffeln; bei diesen Pflanzen ist man in Forschung und Züchtung sehr weit, sie lassen sich auf dem Feld anbauen
(GID 155/2002-2003 S.10)

·         „Krankheitsgene“ mit positiven Nebenwirkungen bekannt: so schützt die Sichelzellenanämie vor Malaria, und der Gendefekt, der Mukoviszidose verursacht, vor Typhus und Cholera
(GEO Wissen Nr.30: „Die neuen Wege der Medizin“ 2002, S.167)

·         wenn die Schutzkappen am Ende der Chromosomen, die so genannten Telomere abgenutzt sind, steigt bei älteren Menschen das Sterberisiko; Verkürzung Ursache oder Folge der Krankheiten?
(Die Zeit 6.2.03 S.31)

·         zur Zeit beträgt der Anteil gentechnisch hergestellter Wirkstoffe, die in Deutschland auf dem Markt sind, 9,6%; in der klinischen Erprobung beträgt der Anteil 25,9%
(Bild der Wissenschaft 8/03 S.23)

·         Diabetes; in D. fünf Millionen Betroffene, davon 300000 Typ I, 4,8 Mill. Typ II; weltweit 1985 30 Mill, derzeit etwa 194 Mill, in 20 Jahren werden 330 Mill erwartet;
Typ I jugendlicher D.: Ursache wahrscheinlich Autoimmunschädigung; tritt häufig zwischen 11. und 15. Lebensjahr auf, Patienten müssen sich zeitlebens Insulin spritzen;
Typ II sog. Altersdiabetes: am Anfang der Krankheit fehlt nicht Insulin – im Gegenteil produziert die Bauchspeicheldrüse immer mehr I., Zellen können das I. nicht mehr richtig verwerten;
um 1930 Gewinnung von Insulin aus Hunden und Anwendung am Menschen;
kritisches zum gentechnisch hergestellten Humaninsulin: nicht besser als Schweineinsulin, Kunstinsuline („Insulinanaloge“ – in D. drei auf dem Markt – einzelne Bausteine gegenüber dem natürlichen Insulin verändert) nicht in langfristigen Studien getestet (Krebs?), deutsche Diabetes-Gesellschaft bestreitet Risiken;
(Die Zeit 20.11.03 S.11ff)

·         Diabetes jährlich 7,7 Mrd. Euro Behandlungskosten;
Insulinproduktion bei einem gesunden Erwachsenen: etwa 2 Gramm pro Tag; Insulin hat die Aufgabe, die Aufnahme von Glukose in die Zellen von Fettgewebe, Organen und Muskeln zu beschleunigen, dadurch wird Glukose aus dem Blut entfernt und der Blutzuckerspiegel gesenkt; um seine Aufgabe zu erfüllen, bindet das Insulin an spezielle Strukturen auf den Zelloberflächen – dadurch wird die Zellmembran für Glukose durchlässiger, die Tür zur Zelle wird sozusagen aufgeschlossen;
Diabetes Typ I: allergische Abwehrreaktion gegen die eigene Bauchspeicheldrüse; weiße Blutkörperchen greifen die Inselzellen der Bauchspeicheldrüse an;
1921 Insulin entdeckt, 1922 erstmals mit Extrakt erfolgreich Menschen behandelt, 1923 Nobelpreis;
neues gentechnisch hergestelltes Humaninsulin-Analogon: Insulin glargin = Basalinsulin mit kontinuierlicher Wirkdauer über 24 Stunden; bei diesem Analogon wurde inn der A-Kette an Position 21 Asparagin gegen Glycin ausgetauscht und die B-Kette am Carboxylende um 2 Arginine verlängert
(GSF-Forschungszentrum Neuherberg: mensch + umwelt spezial 16/2003: Was verraten unsere Gene? 82 Seiten S.45)

·         Insulinmolekül besteht aus einer 21 Aminosäuren langen A-Kette, welche über 2 Disulfidbrücken mit der 30 Aminosäuren langen B-Kette verbunden ist
(Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 257. Auflage 1994, S. 726)

·         seit Markteinführung des Humaninsulins als erstem gentechnisch hergestelltem Therapeutikum im Jahr 1982 stieg die Zahl rekombinanter Arzneimittel in Deutschland bis 2000 auf rund 60 zugelassene Medikamente mit 42 verschiedenen Wirkstoffen; derzeit 250 Präparate in verschiedenen Stadien der klinischen Prüfung; langfristig 20-25% aller zukünftigen Medikamente aus gentechnischer Produktion
(GSF-Forschungszentrum Neuherberg: mensch + umwelt spezial 16/2003: Was verraten unsere Gene? 82 Seiten S.72)

·         Multiple Sklerose; Behandlung u.a. mit entzündungshemmenden Botenstoffen wie Beta-Interferonen (unterdrücken die Schübe oder zögern sie zumindest hinaus);
Der Wirkstoff von BETAFERON ist Interferon beta-1b; dieses Protein wird gentechnisch hergestellt und ähnelt dem Interferon, das im menschlichen Körper zur Regulierung des Immunsystems beiträgt
(Ökotest 10/03 S.78; Infomaterial Betaferon/Schering)

·         in Deutschland leiden etwa 5 Millionen Menschen an unterschiedlichen Diabetesformen; den Etat der Krankenkassen belastet die Krankheit jährlich mit 20 Milliarden Mark
(Die Zeit 24.2.2000 S.39)

·         gentechnische Herstellung von Humaninsulin:
das verantwortliche Gen wurde aus dem Produkt, dem Protein, rekonstruiert; dazu wurde die DNS aus der Abfolge der Eiweißbausteine „rückübersetzt“; durch diese Methode war das für die Insulinproduktion verantwortliche DNS-Stück schon von den störenden Introns befreit
(Bublath: Die neue Welt der Gene, München 2003, S.129)

·         derzeit in Deutschland 106 gentechnisch hergestellte Arzneimittel auf dem Markt, 14 aus heimischer Produktion, kein Akzeptanzproblem mehr
(taz 2.9.04)

·         gentechnisch hergestellte Medikamente in Deutschland (Anteile):
auf dem Markt           9,6%
in der Zulassung        12,2%
in Zulassungsstudien..19,9%
in Erprobungsstudien  25,9%
(bild der wissenschaft 8/04 S.23)

·         Virotherapie: genmanipulierte Viren zerstören Krebszellen;
gentechnisch veränderte Viren spüren Tumorzellen auf, dringen in diese ein, vermehren sich, zerstören dabei die Krebszellen, dabei werden neue Viren freigesetzt, so wird der Tumor selbst zur Produktionsstätte von „Tumor-Medikamenten“,. Nachschub stoppt erst, wenn letzte Krebszelle vernichtet ist, Restviren werden durch körpereigene Enzyme zerlegt und entsorgt;
in den USA derzeit 20 Studien Phase II;
Adenoviren bevorzugt: vermehren sich schnell und integrieren ihr Erbgut grundsätzlich nicht in das der befallenen Wirtszelle;
evtl. auch Viren zusätzlich gentechnisch verändern, dass sie entweder mehr „Andockstellen“ nutzen können oder gezielt zusätzliche Eiweiße produzieren, die Stoffwechsel der Tumorzellen lahm legen;
Zukunft der Virotherapie in Kombination mit Chemo- und Strahlentherapie
(NZZ 11.11.04)

·         immer mehr Pharmafirmen stellen die Produktion von tierischem Insulin ein; eine kleine Minderheit von Diabetikern (in Deutschland 400) reagiert auf Humaninsulin mit schweren allergischen Reaktionen (bis hin zu lebensbedrohlichen Zuständen); gilt auch für da humanidentische Insulin, das mithilfe von Gentechnik hergestellt wird; gefährdete Patienten sollen importiertes tierisches Insulin bekommen
(taz 25.2.05)

·         tierisches Insulin wird knapp; in Deutschland wird tierisches Insulin für Diabetiker nicht mehr angeboten (Gewinnerwartungen für Hersteller zu gering, bei Studien für Neuzulassung zu hoher Aufwand); rund 400 Menschen reagieren mit Allergien bis hin zu Lebensgefahr auf körperidentisches Insulin („Humaninsulin“, das gentechnisch hergestellt wird JK); Ausweg wäre die Anerkennung als „Orphan Drugs“ (Medikamente für sehr seltene Erkrankungen – hier gelockerte Zulassungskriterien); dann Import z.B. aus England oder der Schweiz möglich
(taz 29.4.05)

·         Humalog 100 E/ml: Wirkstoff ist Insulin lispro; dies ist eine im Labor hergestellte Form menschlichen Insulins, seine Wirkung setzt rascher ein als die des menschlichen Insulins, da das Insulinmolekül leicht verändert wurde
(Beipackzettel von HUMALOG – Hersteller: Eli Lilly)

·         letzter deutscher Hersteller von tierischem Insulin (Berlin Chemie AG) stellt Produktion ein; neues Zulassungsverfahren zu teuer,  mindestens 400 Menschen in D. darauf angewiesen (Unverträglichkeit, Unterzuckerung bei gent. Insulin), jetzt: Import aus dem Ausland;
vor 1982 reagierten 12% der Behandelten allergisch auf tierisches Insulin („Humaninsulin“ für sie wurde halbsynthetisch aus Schweineinsulin hergestellt)
(GID 170/2005 S.38)

·         weltweiter Umsatz mit rekombinanten Biopharmazeutika 2004: etwa 45 Milliarden Dollar = 4% des globalen Pharmamarktes, derzeit Wachstum um 40% pro Jahr;
Anteil Biopharmazeutika aus transgenen Pflanzen: Optimisten schätzen für USA 2011 Umsatz von 2,2 Mrd Dollar und 2013 weltweit 40 Mrd Dollar;;
nach sehr optimistischen Schätzungen verursacht die Nutzung transgener Pflanzen zur Medikamentenproduktion lediglich ein Hundertstel bis ein Tausendstel der Kosten, die bisher für ein pharmazeutisches Protein, etwa aus Hefe- oder Säugetierzellen, kalkuliert werden; Kosten für maisbasiertes Pharmaprotein z.B. 10-100 Dollar je Gramm, herkömmlich 1000 Dollar je Gramm;
Problem: Pharmaproteine aus transgenen Pflanzen besitzen eine andere Struktur als aus Hefe- oder Säugetierzellen (bedeutet zusätzliche Risikoprüfung);
noch keine Medikamente aus transgenen Pflanzen auf dem Markt; in den USA ein Reis zugelassen, der zwei Substanzen produziert (bisher kein kommerzieller Anbau erlaubt worden); klinische Erprobung Stufe III für einen Anti-Karies-Antikörper
(GID 173 Dez05/Jan06 S.34)

·         USA: Versuche, gentechnisch veränderte Pflanzen zur Produktion hochwirksamer Arzneistoffe unterirdisch in stellgelegten Bergwerken anzubauen
(Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/r4/artikel/20/20588/1.html)

·         S.8: in Deutschland sind gegenwärtig 106 gentechnologische Arzneimittel auf dem Markt;
derzeit befinden sich in den USA mehr bio- und gentechnologisch entwickelte Produkte in der klinischen Prüfung als „klassisch“ produzierte
S.11: 2003 gent. erzeugte Arzneimittel Umsatz 1,7 Mrd Euro = 8,6% des Gesamtmarktes deutscher Arzneimittel
S.12: Impfstoffe z.B. gegen Kinderlähmung, Keuchhusten, Wundstarrkrampf, Diphterie, Röteln und Hepatitis werden gentechnisch hergestellt
(Gentechnik – genial oder gefährlich? Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft 2005)

·         in einer weltweiten Datenbank sind inzwischen 17.000 Störungen und Krankheiten mit Gen-Bezug erfasst; 1976 waren es erst 1.700; nur ganz selten werden neue Krankheiten entdeckt, aber bereits bekannte immer weiter aufgeschlüsselt
(taz 25.8.06)

·         in Deutschland wird seit 2005 kein tierisches Insulin mehr hergestellt und vertrieben; nur noch gentechnische Produktion
(GID 178 10/11-2006 S.62)

·         seit Ende der 1990er Jahre Insulinanaloga; dabei verschiedene Aminosäuren gegenüber dem natürlichen Insulinmolekül des Menschen ausgetauscht;
beim Humaninsulin von Hoechst stammt die (originale) genetische Information für die Herstellung von Makaken, einer Affenart, deren Insulin-Aminosäurefrequenz derjenigen des Menschen entspricht;
tierische Insuline zunehmend vom Markt verdrängt; für rund 400 Diabetespatienten, die auf Humaninsulin mit schweren Unverträglichkeiten reagieren, schwierige Lage;
Humaninsulin ist ein synthetisches Insulin, das auf der Grundlage der humanen Insulin-Aminosäuresequenz von gentechnisch veränderten Mikroorganismen produziert wird. Fehlfaltungen und Verunreinigungen des Insulins könnten dessen Wirkung im Körper herabsetzen, Erkrankungen bzw. eine Immunabwehr zur Folge haben.;
Mikroorganismen besitzen die Proteine für die (richtige) Proteinfaltung nicht
(GID 179 12-2006,1-2007 S.12)

·         USA; Gen p53 hat die Aufgabe, die Teilung defekter Zellen zu verhindern (Reparatur von DNA-Schäden oder „Selbstmordprogramm“ starten JK); fällt dieser Schutz weg, ist oft Krebs die Folge; Mäuse konstruiert, in denen sich p53 mit einem genetischen Trick auf Wunsch angeschaltet werden kann; Resultat: in kurzer Zeit bildeten sich die Tumore bei den Mäusen zurück
(taz 26.1.07)

·         im Oktober 2006 wurde ein Impfstoff gegen humane Papilloma-Viren zugelassen; verspricht fast hundertprozentigen Schutz gegen zwei krebserregende Viren(Gebärmutterhalskrebs); gentechnisch hergestelltes Hülleneiweiß von 4 Viren;
(GID 180 2-3/2007 S. 4)

·         Diabetes:
Deutschland derzeit 7,4 Millionen Erkrankte (9% der Bevölkerung betroffen); in den 1960er Jahren waren es lediglich 0,6%;
Typ I: Bauchspeicheldrüse produziert kein Insulin mehr; Immunsystem klassifiziert die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse als „fremd“ und zerstört gezielt die Beta-Zellen;
“Insulin ist der Schlüssel, der (spezielle) Türen in den Körperzellen aufschließt, damit energiespendender Zucker in sie eintreten kann“
1922 erstmals Injektion von Rinderinsulin bei einem Patienten;
1923 industrielle Gewinnung von Rinderinsulin aus Bauchspeicheldrüsengewebe
1955 Entschlüsselung der Aminosäuresequenz von Rinderinsulin
1982 erstes gentechnisch hergestelltes Humaninsulin, 1983 technische Herstellung
1996 erstes Insulin-Analogon: nach menschlichem Vorbild gentechnisch hergestellte Insuline, deren Eigenschaften durch „Umbauten“ im Molekül verbessert wurden
durch Transplantationen kann im Idealfall die Insulinproduktion des Körpers wiederhergestellt werden, bis 2004 weltweit mehr als 23.000 Transplantationen, ¾ in den USA
(bild der wissenschaft plus, Beilage zu Heft 10/2007 Diabetes)

·         Designer-Embryo mit drei Eltern;
britische Forscher, Ziel: Weitergabe von Erbkrankheiten verhindern, die über die (nur über die mütterliche Eizelle weitergegebenen) Mitochondrien vererbt werden;
in einer Eizelle befinden sich etwa 100.000 Mitochondrien, für Energieversorgung der Zelle zuständig; M. besitzen eigenes Genom (17.000 Basenpaare, 37 Gene);
Forscher übertrugen den Zellkern aus einem frühen Embryo in eine zuvor entkernte Embryonenhülle, die aber noch „ihre“ ursprünglichen Mitochondrien enthielt;
der sich daraus entwickelnde Embryo besaß nun die Kern-DNA des ersten Embryos und das Mitochondrien-Genom des zweiten Embryos, hat somit 2 genetische Mütter und einen genetischen Vater;
in der klinischen Anwendung soll später die Kern-DNA in eine Spender-Eizelle übertragen werden
(taz 8.2.08)

·         Argentinien; Klonkuh nach dem Dolly-Verfahren hergestellt; menschliche DNA in ihr Erbgut eingeschleust; mit der Milch soll Insulin produziert und abgegeben werden; vermutlich mindestens 30% billiger als Insulin aus bakterieller Produktion; 25 geklonte Kühe könnten den Insulinbedarf für alle 1,5 Millionen argentinischen Diabetiker abdecken
(Spiegel 9-2008 S.65)

·         Das Anti-Thrombose-Mittel ATryn ist dasc erste in Deutschland zugelassene Arzneimittel, das über gentechnisch veränderte Tiere gewonnen wurde; Wirkstoff aus der Milch von Ziegen, denen ein Gen zur Produktion des Proteins eingebaut wurde; interessant: kein Blockbuster, sondern Mittel für eine seltene Krankheit
(GID 188 Juni 2008 S.38)

·         Rekombinante Arzneimittel (= gentechnisch hergestellt) mach nach Angaben des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller VFA mit 3,13 Milliarden Euro bereits 12 % des Arzneimittelumsatzes in deutschen Apotheken und Krankenhäusern aus
(GID 187 April 2008 S.28)

·         von Ärzten millionenfach verordnet, stellt sich nun heraus, dass das Analoginsulin Lantus das Krebswachstum fördern kann, Daten von fast 130.000 deutschen Diabetikern wurden ausgewertet; knapp 3.500 Krebsfälle pro Jahr könnten auf Lantus zurückzuführen sein;
Analoginsuline sind gentechnisch hergestellte Varianten des normalen Insulins (einzelne Aminosäure-Bausteine gegenüber dem normalen menschlichen Insulin verändert bzw. vertauscht, um Wirkung des Insulins zu verändern – besonders schnell oder verzögernd wirksam);
Umsätze mit Lantus 2009 geschätzt: 3 Mrd. Euro;
wahrscheinlich löst Lantus zwar keinen Krebs aus, aber wirkt wie eine Art Dünger auf bereits vorhandene bösartige Zellen; bislang ist ein ursächlicher Zusammenhang nicht exakt belegt;
auch die behaupteten Vorteile der Insulin-Analoga generell sind umstritten (der nicht mehr nötige Ess-Spritz-Abstand etwa)
(Der Spiegel 27-2009 S.104)

·         Designerinsulin Glargin, Handelsname Lantus;
der Konzern Sanofi-Aventis erzielte damit 2008 weltweit einen Umsatz von 2,45 Mill. Euro; das Produkt ist 35 bis 60% teurer als vergleichbare Humaninsuline; allein in Deutschland injizieren sich 400.000 Menschen täglich Glargin unter die Haut; nur einmal – als Grundmedikation (das ist der Vorteil des Langzeitinsulins), bei Humaninsulin muss 2 x täglich gespritzt werden, in beiden Gruppen kommt noch je eine Spritze nach jeder Mahlzeit dazu (der Unterschied beläuft sich also auf 4 oder 5 Spritzen jeden Tag, man erspart sich beim Langzeitinsulin 365 Spritzungen im Jahr)
(Die Zeit 2.7.09 S.35)

·         USA; erste klinische Tests geplant (in 1 bis 3 Jahren) zum Einsatz von Tiergewebe beim Menschen (Xenotransplantation);
Insulin-produzierende Zellen von Schweinen beim Menschen einsetzen, um damit Diabetes zu behandeln;
Schweine sind gentechnisch so verändert, dass ihnen ein Molekül an der Zelloberfläche fehlt, das vom menschlichen Immunsystem als fremd erkannt und abgestoßen würde;
zusammenarbeit mit anderem Institut, in dem Schweine durch gentechnische Eingriffe ungewöhnlich viele Insulin-produzierende Zellen in der Bauchspeicheldrüse besitzen
(GID Nr.192 2-2009 S.28)

·         US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat das Anti-Thrombose-Mittel ATryn der Firma GTC Biotherapeutics zugelassen;
der Wirkstoff wird aus der Milch von Ziegen gewonnen, denen ein Gen zur Produktion des gewünschten Eiweißes (Antithrombin) eingepflanzt wurde, und wird zur Vermeidung von Thrombosen verschrieben;
Firma unterhält eine Herde von 200 genetisch modifizierten Ziegen; die Menge des Wirkstoffs, die aus der Milch einer Zige im Jahr gewonnen werden kann, entspricht einer Anzahl von 90.000 Blutspenden;
eine Zellkultur-Fabrik (Hamsterzellen; für andere Arzneimittel) kostet Millionen Dollar, Ziegen auf der Wiese deutlich weniger
(GID Nr.192 2-2009 S.38)

·         Aktuelle Richtlinien und Stellungnahmen der Bundesärztekammer zu Fortpflanzungsmedizin und vorgeburtlicher Diagnostik mit weiteren LINKS zu den Texten: http://www.baek.de/page.asp?his=0.6.3287

·         Nur mit Hilfe von Gentechnik können Pharmaunternehmen künstliche Antikörper produzieren, die vom Patienten nicht abgestoßen werden;
Sie haben ein völlig neues und ziemlich exotisches Produktionssystem für Antikörper entwickelt: Mooszellen, genauer: Zellen des Kleinen Blasenmützenmooses (Physcomitrella patens). „Mooszellen haben viele Vorteile“, sagt der Biologe Gilbert Gorr, wissenschaftlicher Berater und bis vor Kurzem Forschungsleiter der 1999 gegründeten Firma. „Sie sind einfach zu kultivieren, zuverlässig und kostengünstig. Sie brauchen eigentlich nur Wasser, Mineralien und Licht zum Wachsen. Und: Es gibt keine Pflanzenviren, die auf den Menschen übertragbar sind.“;
Außerdem lassen sich Mooszellen genetisch einfach manipulieren. Im Gegensatz zu höheren Pflanzen und auch zum Menschen haben Moose nur einen einfachen Chromosomen-Satz. Wenn die Forscher die Gen-Information für einen speziellen Antikörper in Mooszellen einbauen, können sie die Zellen anschließend sofort benutzen. Sie müssen die Pflanzen nicht erst kreuzen, wie es bei Tabakpflanzen nötig wäre, die ebenfalls als Biopharma-Produzenten genutzt werden. Die Mooszellen wachsen als freischwimmende Zellen in Biofermentern und geben die Antikörper in die Nährlösung ab. Die Biotechniker können sie dann relativ einfach herausfischen und reinigen.
(bild der wissenschaft 2-2011 S.26)

·         Gemessen an der Zahl aller auf dem Markt befindlichen Medikament, beläuft sich der Anteil der gentechnisch hergestellten bislang nur auf fünf Prozent, allerdings ist die Tendenz steigend. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass einige Präparate von mehreren Herstellern, andere nur in leicht abgewandelter Kombination vom selben oder verschiedenen Unternehmen hergestellt und dann als jeweils neues Medikament gerechnet werden. So sollen nach Ankündigung der vfa-Vorsitzenden Cornelia Yzer allein bis 2013 „zehn neue Medikamente gegen rheumatische Erkrankungen“ auf den Markt kommen. In dieser Strategie der „individualisierten Medizin“ sehen die Firmen ohnehin das höchste Potential zur Wachstumssteigerung. Abgesehen von solchen Mitteln, die Entzündungsprozesse blockieren sollen, sind gentechnische Arzneien vor allem in der Krebstherapie, Diabetes und im Impfbereich präsent (Hepatitis B- und HPV-Impfung). Wachstumshormone und Blutgerinnungsfaktoren gehören ebenfalls traditionell zu den gentechnisch hergestellten Arzneien.
(Spiegel online, 02.08.10; vfa.de, 11.03.11; FAZ, 06.05.11) (mf) (http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/gid/206/kurz-notiert-mensch-und-medizin )

·         Frage: Wie erreicht man, dass die Bakterienstämme, die Insulin produzieren, außerhalb des Labors nicht lebensfähig sind?
Ein Beispiel (aus der Zeit der Entwicklung der Insulinproduktion mit gentechnisch veränderten Bakterien):
in diesem Fall wurde ein E. coli K-12 Stamm verwendet, der unter anderem kein Thiamin mehr synthetisieren kann (der Eingriff „versteckt“ sich unter dem Kürzel „thi-“ in der Publikation); Thiamin ist Vitamin B1
(E-Mail Berlin-Chemie 25.11.2011; Proc. Natl. Acad. Sci. USA Vol. 76, No. 1, pp. 106-110, January 1979)

·         96% der Tiere in Hühnerställen hatten Antibiotika bekommen;
weitgehend unkontrolliert werden die Antibiotika auch in der Humanmedizin verabreicht; insbesondere in Deutschland verschreibt jeder Arzt Antibiotika nach Gutdünken – ganz anders als in Holland, wo Ärzte sie nur nach Rücksprache mit einem Mikrobiologen verordnen dürfen;
(Der Spiegel 4-2012 S.133)

·         900 Tonnen Antibiotika werden in Deutschland jährlich an Tiere verfüttert. Den Bundesbürgern werden insgesamt 300 Tonnen verschrieben
(Der Spiegel 3-2012 S.61)

·         Das Robert-Koch-Institut (RKI), Deutschlands oberste Seuchenbehörde, unterscheidet zwischen drei Hauptquellen, an denen sich Menschen mit antibiotikaresistenten Keimen infizieren können: in Krankenhäusern aufgrund mangelnder Hygiene (hospital acquired, HA), im normalen Wohnumfeld durch Tröpfcheninfektionen, beispielsweise im Supermarkt, im Bus oder in der Schule (community acquired, CA) und im Zusammenhang mit der Tiermast (livestock associated, LA).
Die Keime machen zwar gleichermaßen krank, sind aber genetisch unterscheidbar. Der Anteil von MRSA-Fällen in Krankenhäusern, der LA zuzuordnen ist, liegt bei etwa 3 Prozent. Ein Häufigkeitsranking zwischen HA, CA und LA ist schwierig zu erstellen. …
Als Hauptursachen für die Entstehung antibiotikaresistenter Keime nennen Mediziner: Erstens, innerhalb der Humanmedizin, den zu häufigen Einsatz "falscher" Antibiotika, also solcher Mittel, die zwar generell Bakterien bekämpfen, aber eben nicht diejenigen, an denen der Patient erkrankt ist. Ärzte, so die Kritik, könnten hier leicht gegensteuern, indem sie nicht auf gut Glück Antibiotika verschrieben, sondern zunächst mit Hilfe eines Abstrichs den tatsächlichen Bakterienstamm identifizierten - und sodann das geeignete Antibiotikum auswählten.
Der zweite, nicht minder relevante Grund ist der hohe Verbrauch von Antibiotika in der Nutztierhaltung. Vorsichtigen Schätzungen zufolge macht er weltweit die Hälfte der gesamten Antibiotikaproduktion aus - mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Konsumenten.
(taz 10.1.2012 S.3)

·       Menschliches Blutserumprotein in gv-Reis produziert
Chinesische Forscher haben Reispflanzen in der Art gentechnisch verändert, dass diese nun ein menschliches Blutserumprotein produzieren. Daichang Yang, Pflanzenbiotechnologe an der Wuhan Universität (Provinz Hubei) betont den Unterschied zu den bisherigen Versuchen, menschliches Blutserumprotein in gentechnisch veränderten Pflanzen herzustellen: „Früher war der Ertrag nicht hoch genug.“ Der Ertrag liegt jetzt mit 2,75 Gramm Serumprotein je Kilogramm Reis bei einer Proteinreinheit von 99 Prozent. Das von der ForscherInnengruppe entwickelte Serum sei sowohl chemisch, wie auch in seiner medizinischen Wirksamkeit identisch - dies sei in Tierversuchen getestet worden. Die Forschungen wurden in der Fachzeitschrift PNAS der US-Akademie der Wissenschaften publiziert. (He et al., 2011, „Large-scale production of functional human serum albumin...“, PNAS 22.11.11, www.pnas.org; Nature online, zitiert nach Scientific American online, 31.11.11, www.scientificamerican.com) (pau)
http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/gid/209/kurz-notiert-landwirtschaft-und-lebensmittel

·       Arzneimittel:
Fast jeder dritte neue Wirkstoff gentechnisch hergestellt
(20.06.2016) In Deutschland sind aktuell 204 Arzneimittel mit 160 Wirkstoffen zugelassen, die gentechnisch hergestellt sind. Das geht aus einer Aufstellung hervor, die der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa) veröffentlicht hat. Von den jährlich neu zugelassenen Wirkstoffen kommen inzwischen etwa dreißig Prozent aus gentechnischer Herstellung.
WEITERLESEN
<http://www.transgen.de/aktuell/2579.arzneimittel-wirkstoff-gentechnik.html>

·       Interview mit MERCK-Chef Oschmann:
… Oschmann: Natürlich gibt es ethische Grundsatzfragen, die geklärt werden müssen. Aber nur mit Angst an das Thema ranzugehen, halte ich für falsch.
SPIEGEL: Einem chinesischen Labor ist es gelungen, die Muskelmasse von Hunden zu verdoppeln. Andere Forscher haben mit einem Genschnitt den Cholesterinwert von Mäusen drastisch gesenkt. Woran arbeitet Merck?
Oschmann: Wir verwenden Crispr auch in der Pharmaforschung, aber wir stellen vor allem sogenannte Crispr Kits her, die Werkzeuge für Wissenschaftler. Jedes einigermaßen ausgestattete Labor kann mit unseren Instrumenten an Crispr arbeiten, schnell, billig und einfach. Das ist die Demokratisierung der Forschung.
SPIEGEL: Und es führt dazu, dass es einen sehr einfachen Zugang zur extrem mächtigen Gentechnologie gibt. Was nützen dann die strengen Regeln in Europa?
Oschmann: Die Wissenschaft, die Industrie, die Politik und die Gesellschaft – wir müssen dringend diskutieren. Aber das war auch mit vielen anderen Themen so. Nehmen Sie nur die Diskussion um Retortenbabys. Inzwischen wurden dank unserer Technologie 2,5 Millionen Kinder geboren. Natürlich muss es Grenzen geben, aber im Großen und Ganzen funktioniert das auf der ganzen Welt. …
SPIEGEL: Ein Präzedenzfall ist Strimvelis, eine Gentherapie, mit der eine seltene Immunkrankheit mit einer einzigen Behandlung geheilt werden kann. Der Pharmakonzern GlaxoSmithKline nimmt dafür 665000 Dollar, garantiert aber gleichzeitig die Heilung: Wenn die Therapie nichtfunktioniert, gibt es das Geld zurück. Schafft das den Anreiz, solche aufwendigen Therapien zu entwickeln?
Oschmann: Ein anderes Beispiel: Die Antibiotikaresistenzen nehmen zu, aber es werden zu wenig neue Super-Antibiotika entwickelt, weil sich das finanziell nicht rechnet. Warum nicht so: Wer ein neues Mittel entwickelt, der bekommt eine einmalige Summe, egal, wie oft es dann eingesetzt wird.
SPIEGEL: Auf jeden Fall wird uns eine große Debatte bevorstehen: Genehmigt die Krankenkasse einem 70-Jährigen noch die Gentherapie für eine Million Euro? Kommen nur Privatversicherte in den Genuss neuer Therapien? Die Gefahr einer Zweiklassenmedizin ist groß.
Oschmann: Die Diskussion haben Wir doch jetzt schon, wenn etwa in Großbritannien darüber gestritten wird, ob ein 85-Jähriger noch eine künstliche Hüfte bekommen darf. Aber vielleicht sind 85 bald die neuen 55. Da müssen wir uns als Gesellschaft doch weiterentwickeln und viel streiten. …
(Spiegel 15-2017 S.72)

·          

 

 

 

D) Gendiagnostik

·         Q: Gentechnik, Bayerisches Umweltministerium 1/94
- Genom-Diagnose
Anwendung nur, wenn auch Therapiemöglichkeiten zur Verfügung stehen; Ablehnung: Einstellungsuntersuchungen, Versicherungsschutz; Freiwilligkeit wahren

·         Dtsch. Ärzteblatt 1-2/98, S.A-32: Morbus Huntington
* Problemfaktoren
  praktisch absolute Diagnosesicherheit durch Gentest
  „unbeabsichtigte“ Mituntersuchung von Eltern und Verwandten
  Manifestationsalter und Verlauf?
  Keine kausale TherapieFISH-Test (Fluoreszenz-in Situ-Hybridisierung): Gensonde wird mit Fluoreszenz-Farbstoff markiert, lagert sich an Chromosom an
(bdw 2/2000 S.49)

·         SPIEGEL 17/98 S.38 Gen-Datenbank
Haut, Haare, Knochen Verstorbener, 10 Jahre alte Zigarettenkippe;
DNS-Abdruck verrät die Verwandtschaft

·         Dtsch. Ärzteblatt 22/98 S.A-1396
Richtlinien zur Diagnostik der genetischen Disposition für Krebserkrankungen

·         Bild der Wissenschaft 3/98 S.35
- max. 10% der Krebs-Todesfälle auf ererbte genetische Vorbelastung zurückzuführen
- etwa 5-10% aller Brustkrebserkrankungen gehen auf Vererbung zurück; 2 BRCA-Gene - aber nur bei 1/3 der brustkrebskranken Frauen nachweisbar

·         Präkonzeptions- oder Präfertilisations-Diagnostik;
im Rahmen des ESchG zulässig;
Gen-Untersuchung an Polkörperchen, die von weiblichen Eizellen gebildet werden: während der Reifeteilung wir die eine Hälfte des Genoms in das P. gepackt = eine verkümmerte Zelle, die sich zwischen der Eizelle und dem Eihäutchen befindet; Erbgut kann untersucht werden
Regine Kollek, taz 23.2.2000)

·         Vaterschaftstests, Kriminalistik: Informationen gewinnt man aus sinnleeren Abschnitten des Genoms, weil dort die größten Abweichungen ohne gesundheitliche Folgen möglich sind;
bei Neigung zu Mehlstaubasthma sollte man keine Bäcker-Lehre beginnen; Farbenblinde dürfen nie Pilot werden
(bdw 2/2000 S.44; Jens Reich)

·         Senatskommission der DFG:
prädiktive Tests ausschließlich im Gesundheitsbereich anwenden;
darf nur erfolgen, wenn der Betroffene zugestimmt hat, zuvor ausführlich aufgeklärt wurde;
Recht auf Nichtwissen
nicht bei Kindern und Jugendlichen, wenn es sich um eine erst bei Erwachsenen auftretende Krankheit handelt
am Arbeitsplatz nur bei unmittelbarem Zusammenhang mit der Tätigkeit oder bei Gefahr erheblicher Gefährdung anderer Personen
(VFA: Gene und Genom)

·         prädiktive Diagnostik: Voraussage über künftige Erkrankungen oder gesundheitliche Risiken;
zusätzliches Wissen macht Entscheidungen nötig, wo vorher keine nötig waren;
Freiwilligkeit der Inanspruchnahme von Gendiagnostik;
Recht auf Nichtwissen der eigenen genetischen Ausstattung,
Recht auf Selbstbestimmung, welche genetischen Daten über einen selbst erhoben werden
(Barth, EKD: epd-wochenspiegel 27/2000 S.4)

·         von etwa 10000 menschlichen Genen ist die Funktion bekannt (bei 100000 - 140000 Genen);
(Spiegel 15/2000 S.172ff)

·         nur von 5000 der etwa 100000 menschlichen Proteine weiß man, welche Funktion sie im Körper haben;
etwa 200 spezialisierte Zelltypen;
(MPI für Molekulare Zell-Biologie und Genetik, Das Leben unter der Lupe, 2000?, S.13)

·         Versicherer in Frankreich droht mit Kündigung der Lebensversicherung, weil Patientin nicht auf Huntington hingewiesen hat (1997)
USA Fluggesellschaften lassen schwarze Angestellte auf Sichelzellenanämie testen; auch ohne ihr Wissen;
geschätzt USA 30% aller Einstellungen genetische Tests;
Februar 2000: frz. Versicherer kündigt an, für Eltern behinderter Kinder Policen zu verdoppeln, nach Protesten einstweilen zurückgestellt
(Le Monde diplomatique / taz Mai 2000 S.1/12)

·         Dr. Kobelt (genetische Beratung):
wir können Diagnosen stellen, aber keine individuellen Prognosen (für den Krankheitsverlauf) machen;
Schwergrad von Erbkrankheiten in der Regel nicht aus dem Erbgutbefund heraus abzuschätzen;
Mukoviszidose: 30 der 800 bekannten Mutationen des Gens werden in der Diagnose routinemäßig erfaßt (damit etwa90% der Erkrankungsfälle erfaßt);
eindeutige gezielte Suche nach spezifischen Genen für Erbkrankheiten erst möglich, wenn ein Krankheitsfall in der Familie bekannt ist;
Down-Syndrom: normale Häufigkeit 1:700, bei Alter der Mutter von 35 Jahren: 1:350 - nur wegen dieser Verdopplung ab 35 Jahren für das Risiko wird eine unangemessene Hektik entfaltet;
Fall: Frau 25 Jahre alt, Triple-Test i.O., Ultraschall i.O., trotzdem wird Kind mit Down-Syndrom geboren...;
derzeit für >200 Krankheiten genetische Untersuchungen verfügbar;
6000 monogen bedingte Krankheiten;
(Synode Sachsen, Sitzung Sozial-ethischer und Diakonischer Ausschuß 12.7.2000 Leipzig)

·         irreführende Meldung der letzten Tage: „London erlaubt Gentest für Krankenversicherungen“;
in den USA dürfen in einigen Bundesstaaten Versicherungen und Arbeitgeber genetische Untersuchungen verlangen, bevor sie eine Versicherungspolice ausstellen oder einen neuen Mitarbeiter einstellen; bei Vorliegen der Anlagen für eine Erbkrankheit z.B. Verweigerung des Vertragsabschlusses oder höhere Prämien möglich;
so weit ist es in Großbritannien noch nicht!-
lediglich zwei Testverfahren für Chorea-Huntington-Krankheit amtlich bestätigt;
Versicherungen dürfen den Test nicht verlangen, aber wie bisher schon nach dem Ergebnis bereits durchgeführter genetischer Untersuchungen fragen (so auch Regelung in Deutschland)
taz 20.10.2000

·         Euphorie angesichts der Entschlüsselung des menschlichen Genoms: FAZ druckt 6 Seiten Gensequenzen – recherchiert: 1 Pseudogen und Rest Non-sense-Sequenzen!;
Sloterdijk weiß nicht, wovon er spricht!;
monogene Krankheiten: 3-5% aller Krankheiten;
klassische monogene Krankheit ist Mukoviszidose, zähes Sekret verstopft die Lunge (in anderen Fällen auch stärker Bauchspeicheldrüse betroffen oder Samenwege verstopft), führt im Erwachsenenalter zum Tode, >900 Allele, Karl Jaspers hatte milde Form dieser Krankheit;
Alpha-1-Antotrypsin: bei Fehlen: Lungenemphysem, Tod mit etwa 50 Jahren, nur 80% der Träger erkranken (Umweltfaktoren?);
prädiktive, präsymptomatische Diagnostik: Vorhersagbarkeit einer Krankheit bei einem noch Gesunden;
spät manifestierende Erbgänge: Beispiel Chorea Huntington, 1:10000, im 40./50. Lebensjahr einsetzend, ungewöhnliche Bewegungsabläufe, Persönlichkeitsverlust;
Erfahrung: die meisten Behinderten erleben  - trotz Leid und Todesnähe – ihr Leben als lebenswert;
Illusion bei den Nazis wie bei den Behinderten-Verbänden: man könnte/würde durch Tötung/Abtreibung Behinderter die Erbkrankheiten loswerden
TU Dresden, Vortragsreihe Biotechnologie – Zukunft der Menschheit? Prof. Claus Bartram, Heidelberg, 16.11.2000 „Prädiktive Diagnostik – Chancen und Probleme“

·         Interview Catenhusen: Bundesregierung will Zwangs-Gentests verbieten, Kranken- und Lebensversicherungen sowie Arbeitgeber dürfen vor Vertragsabschluß keine Gentests verlangen
Öko-Test Magazin 1/01 S.8

·         Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft: Momentan und in absehbarer Zukunft werden die Versicherungsunternehmen weder Gentests als Mittel der Risikodifferenzierung verlangen noch ausdrücklich nach durchgeführten Gentests fragen.“ Der Verband weist aber gleichzeitig auf die vorvertragliche Anzeigepflicht hin. Nach dieser erwarten die Unternehmen „die Offenlegung gesundheitsrelevanter Informationen, ohne dass nach deren Herkunft unterschieden wird.“ Ein versicherter, der das Ergebnis seines Gentests kennt, muss dieses auch der Versicherung mitteilen.
Deutsches Ärzteblatt 43/2000 S.A2818

·         USA: Ehepaar mit 2-jähriger Mukoviszidose-Tochter will zweites Kind, Versicherung übernimmt Krankheitskosten nicht, wenn auch das zweite Kind mit M. zur Welt kommt
(Arbeitskreis Leben mit Mukoviszidose, Folien PID 9/2000 Folie 9)

·         Stimmt Behauptung (Regine Kollek), dass bei M. 3-5% der Merkmalsträger nicht krank werden?
Nein. Merkmalsträger erkranken immer, zeigen aber u.U. nur leichte Symptome, Erkrankung wird manchmal erst im Erwachsenenalter festgestellt (z.B. wenn Männer sich wegen Zeugungsunfähigkeit untersuchen lassen); bei den häufigen und schweren Mutation im CF-Gen immer auch deutliche Erkrankung; bei seltenen Mutationen oder zwei verschiedenen Mutationen auf den beiden 7er Chromosomen unter Umständen teilweise Funktion des Gens möglich
(Telefongespräch mit Dr. Harter, Mukoviszidose e.V. 5.7.01)

·         13. Symposium für genetische Pädiatrie in Chemnitz
Erkennen von seltenen genetisch bedingten Erkrankungen an geborenen Menschen oft nur durch Genetiker möglich; klinische Erfahrung (Foto – Erkennen des Syndroms);
Gefahr falscher Behandlung; Familie des Kranken möchte wissen, ob und in welcher Größenordnung Wiederholungsrisiko besteht
(Freie Presse 10.7.01)

·         Gesetzentwurf der Grünen zur Gendiagnostik
nur ein Arzt darf einen Gentest verschreiben;
nur zugelassene Gentests, freier Verkauf untersagt,
unerlaubte Gentest, rechtswidrige Weitergabe und Verwertung genetischer Daten unter Strafe gestellt;
Verbot von Gentests bei Einstellungen (Ausnahmen, z.B. Flugpiloten – Veranlagung für Ohnmachten?);
Versicherungen dürfen nicht nach einem Gentest fragen oder ihn anordnen (aber wenn der Versicherungsnehmer bei Abschluss eines Vertrages Kenntnis von einer Erbkrankheit hat, darf er das nicht verschweigen;
Recht auf Nichtwissen;
(taz 23.5.01)

·         Positionspapier des BMGesundheit
seit 1988 Moratorium der Versicherer, keine Genomanalysen zu verlangen, doch liegt ein Test vor, müssen die Ergebnisse vor Vertragsabschluss mitgeteilt werden;
BMGes will diese Praxis verbieten;
niemand darf wegen seiner erblichen Veranlagung diskriminiert werden, nur spezialisierter Arzt darf Diagnostik durchführen, über Weitergabe der Ergebnisse entscheidet der Patient allein;
Versicherungen laufen Sturm;
In Österreich, Frankreich oder Belgien hat ein solches Verbot bislang keine praktischen Auswirkungen
(Berliner Zeitung 11.6.01)

·         Gesundheitsdaten von Arbeitnehmern, für Kranken- und Lebensversicherungen?
dürfen weder verlangt noch angenommen noch sonst wie verwertet werden
(Der Mensch: sein eigener Schöpfer?, Wort der (katholischen) Deutschen Bischofskonferenz zu Fragen von Gentechnik und Biomedizin 7.3.2001)

·         in Deutschland bietet die genetische Familienberatung, die sich vor allem an werdende Eltern richtet, derzeit rund 30 Gentests an. Es sind Tests auf sehr seltene Erkrankungen, von denen oft unter 10000 Menschen betroffen ist. Insgesamt gibt es erst für rund 500 der etwa 7000 bekannten Erbkrankheiten Gen-Tests.
(Bild der Wissenschaft 4/01 S.80)

·         genaue Krebstherapie erst möglich, wenn Krebsart genau bekannt ist;
auf einem speziell entwickelter Biochip aus den USA können die Aktivitäten von rund 12000 Genen pro Tumorzelle abgefragt und archiviert werden
(taz 7.9.01)

·         das durch Gentests erlangte Wissen bleibt nicht auf den Getesteten beschränkt, sondern es werden immer auch Informationen über erbverwandte Dritte erlangt
(Das Parlament 19.10.01 S.2)

·         das DNA-Identifizierungsmuster als solches enthält keinerlei Hinweis auf die Persönlichkeit des Spurenverursachers
(Das Parlament 5./12.10.01)

·         Geschäft mit Abstammungstests boomt: Wer ist wirklich mein Vater?; 5-10% aller Kinder sind „Kuckuckskinder“, stammen von anderen Vätern; private Labors bieten Tests an; datenschutzrechtliche und persönliche Probleme
(Die Zeit 19.7.01 S.30; 11.10.01 S.67)

·         Tumordiagnostik mit Genchips
Die Therapie von Tumoren hängt entscheidend von der Art der Geschwulst ab. Es kommt daher darauf an, das Gewebe möglichst genau zu charakterisieren. Todd R. Golub vom Genomforschungszentrum des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge ist es gelungen, mit Genchips 78 Prozent der von ihnen untersuchten Tumorproben richtig zu klassifizieren. Bei den Analysen wurden mehr als 1600 Gene berücksichtigt
(Frankfurter Allgemeine Zeitung Mittwoch, 02. Januar, Nr. 1 Seite N1)

·         bis zum Jahr 2005 seien alle monogen bedingten Erbkrankheiten diagnostizierbar
(taz 1.3.02)

·         Der Handel mit Gentests hat sich zu einem florierenden Zukunftsmarkt entwickelt, der weltweit bereits rund 1,3 Mrd. US-Dollar umsetzt. Für 2005 wird mit einem weltweiten Umsatz von über 6 Mrd. US_Dollar gerechnet.;
Wird eine Person positiv auf Chorea Huntington getestet, deren Großvater an dieser Krankheit erkrankt ist, dann steht damit fest, dass der dazwischenliegende Elternteil ebenfalls ... an dieser Krankheit erkranken wird.
(GID 150/2002 S.15)

·         Eisenspeicherkrankheit Haemochromatose; USA 41000 Personen untersucht, 152 hatten von beiden Elternteilen mutierte Version des Gens geerbt, lediglich ein Patient zeigte klare Symptome der Krankheit,
(GID 150/2002 S.28)

·         englische Kosmetikkette bietet weltweit ersten frei verkäuflichen Erbgut-Check an;
9 Gene werden getestet, dann (allgemeine) Ratschläge für das Verhalten gegeben
(Spiegel 13/02 S. 190)

·         SPD plant Gesetz, das Gentests auch in D. erlaubt; auch Kassenpatienten soll die Möglichkeit haben, ihre Gene auf Krankheitsrisiken untersuchen zu lassen; niemand soll zu Gentests gezwungen werden; nur Untersuchung auf Krankheiten, die behandelbar oder vermeidbar sind; umfassende Beratung durch Arzt verbindlich;
(Spiegel 18/02 S. 19)

·         Kaufmännische Krankenkasse (KKH) bietet allen Mitgliedern Test auf Erbkrankheit Hämochromatose an; Eisen lagert sich in Geweben und Organen ab (Leber, Bauchspeicheldrüse, Herz); Ursache: Mutation auf Chromosom 6; „Risikoperso“ ist, wer Mutation von beiden Eltern geerbt hat; jeder 400. Mitteleuropäer „reinerbiger Anlageträger“; (nur) 9 von 10 H.-Patienten in D. sind reinerbige Träger; nur jeder 10. wird tatsächlich (zwischen 50 und 60 Jahren) krank;
(taz 21.6.02)

·         Anhörung im Bundestag zu Gentests;
Nach Auffassung des Verbandes der Privaten Krankenversicherungen sind Patienten, die nach einer genetischen Untersuchung wissen, dass der Versicherungsfall bereits eingetreten sei oder unmittelbar bevorstehe, nicht mehr versicherbar. Dabei unterscheide er zwischen diagnostischen und prädiktiven Gentests. Habe der Antragsteller wegen klinischer Symptome einen Gentest machen lassen, müssten die Ergebnisse dem Versicherer mitgeteilt werden... Anders bewertet der Verband die prädiktiven Gentests, deren Auslöser nicht Symptome oder Beschwerden sind, sondern Krankheitsfälle in der Verwandtschaft. Sie enthüllten bestimmte Gendefekte, die irgendwann einmal zu einer möglichen Erkrankung führen könnten – das sei eine Information, die von den Versicherungen nicht verwendet werden dürfe. Dieser Position schloss sich der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung bis zum Jahr 2006 an.
(Das Parlament 14.6.02)

·         Befragung USA: 550 Personen identifiziert, denen aufgrund ihrer genetischen Disposition für eine Erkrankung ein Versicherungsvertrag oder ein Arbeitsvertrag verweigert worden war
(Bundestag Enquete-Kommission Medizin Drucksache 14/9020 S.138)

·         in den USA kommen in den nächsten Monaten Bio-Chips auf den Markt für molekulargenetische Diagnosen, z.B. Mukoviszidose, mit bislang ungekannter Zuverlässigkeit;
Analyse soll nur noch einige Stunden statt bisher Tage dauern; können in der Arztpraxis ausgewertet werden;
Biochips vorgestellt, auf die sich bis zu mehrere Zehntausend Gene programmieren lassen; in Zukunft womöglich das ganze Erbgut eines Menschen auf einem Chip auswerten
(GID 153, 8-9/2002 S.27)

·         prädiktive (präsymptomatische) genetische Diagnostik
(Ethik in der Medizin, Reclam 2000, S. 330)

·         Positionspapier der Gesellschaft für Humangenetik (1996):
Die Abnahme der Prävalenz von genetisch bedingten Erkrankungen oder Behinderungen in einer Bevölkerung kann ein möglicher Nebeneffekt, nicht jedoch das primäre Handlungsziel der angewandten Humangenetik sein. Jedes überindividuelle Handlungsziel birgt die Gefahr, dass durch die Mittel, die zur Erreichung dieses Zieles eingesetzt werden, müssten, grundlegende Prinzipien verletzt würden.
(Ethik in der Medizin, Reclam 2000, S. 336)

·         etwa 0,5% aller Neugeborenen weisen numerische oder strukturelle Chromosomenaberrationen auf, von denen der größere Teil in einer elterlichen Keimzelle neu aufgetreten ist (Neumutation);
Monogen erbliche Krankheiten kommen durch die Veränderung eines einzigen Gens zustande. Der Katalog von McKusick (OMIM) enthält gegenwärtig über 14000 Eintragungen. Jede Eintragung weist auf ein monogen erbliches Merkmal hin. Zur Zeit sind 1700 monogen erbliche Merkmale molekulargenetisch charakterisiert. Dies betrifft 1336 Gene;
etwa 100 Millionen Menschen sind weltweit von bestimmten Störungen der Bildung des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin, der Thalassämie (autosomal rezessiv erblich) betroffen;
beim CFTR-Gen, das bei Patienten mit Cystischer Fibrose (Mukoviszidose) Defekte aufweist, sind über 950 Mutationen bekannt, deren klinische Konsequenz von einer schweren, lebensbegrenzenden Lungenerkrankung über Verdauungsprobleme durch Funktionsverlust der Bauchspeicheldrüse bis zur Unfruchtbarkeit von Männern führt;
ein bestimmtes Krankheitsbild kann durch unterschiedliche Gendefekte hervorgerufen werden: Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa, welche über einen fortschreitenden Sehverlust bis zur Erblindung führt, Mutationen in mehreren Dutzend unterschiedlichen Genen können diese Augenkrankheit hervorrufen;
selbst bei identischer Mutation in einem Gen kann das Krankheitsbild erheblich variieren: Neurofibromatose Typ I, klinische Befunde reichen von bräunlich pigmentierten Hautarealen über gutartige kosmetisch störende Tumoren bis zu Skelettfehlbildungen oder bösartigen Hirntumoren;
Chorea Huntington: Risiko für die Manifestation der Krankheit von fast 100%;
(Deutsche Forschungsgemeinschaft: Prädiktive genetische Diagnostik, Stellungnahme März 2003, S.12, 20f, 26f)

·         eineiige Zwillinge sind für multifaktoriell erbliche Krankheiten häufig im Bereich von 40 bis 60% konkordant;
selbst wenn man alle genetischen Risikofaktoren kennt, die zusammengenommen die genetische Disposition zu einer Krankheit ausmachen, wird die Vorhersagbarkeit einer Krankheit maximal die Konkordanzrate eineiiger Zwillinge erreichen können. Es wird also niemals möglich sein, mit genetischen Methoden das Auftreten einer multifaktoriell erblichen Krankheit definitiv vorherzusagen oder auszuschließen. Die Annahme eines genetischen Determinismus ist deshalb falsch, entsprechende Sorgen sind unbegründet. Noch komplizierter ist die Situation, wenn es um Funktionen des menschlichen Gehirns wie Intelligenz, Kreativität oder sexuelle Präferenz geht... es ist offen, ob es jemals gelingen wird, derartige Phänotypen eindeutig mit bestimmten Genen zu korrelieren.
(Deutsche Forschungsgemeinschaft: Prädiktive genetische Diagnostik, Stellungnahme März 2003, S.15f)

·         diagnostische Chips: derzeit möglich, auf 1 cm2 Fläche mehr als 250000 verschiedene Oligonukleotide anzuordnen;
DNA-Chips und Protein-Chips
(Deutsche Forschungsgemeinschaft: Prädiktive genetische Diagnostik, Stellungnahme März 2003, S.19)

·         freiwilliges Moratorium der Versicherungswirtschaft in Deutschland (zunächst bis 31.12.06): aus Durchführung von prädiktiven genetischen Tests wird nicht zur Voraussetzung eines Vertragsabschlusses gemacht;
Ergebnisse von aus anderen Gründen bereits durchgeführten genetischen Untersuchungen müssen erst ab einer Versicherungssumme von 250000 Euro oder einer Jahresrente von 30000 Euro offengelegt werden;
(Deutsche Forschungsgemeinschaft: Prädiktive genetische Diagnostik, Stellungnahme März 2003, S.51f)

·         erbliche Eisenspeicherkrankheit (Hämochromatose) bricht nur bei 1-4% der reinerbigen Merkmalsträger aus; die Mutationen sind häufig (1:400 in Europa); Häufigkeit könnte Selektionsvorteil geboten haben (Überstehen von Hungerphasen, Menstruation – Eisenverlust, Infektionskrankheiten)
(GID 159 7/8-2003 S.34)

·      1998 wurde die DNA-Analyse-Datei beim Bundeskriminalamt eingerichtet, derzeit etwa 250000 Datensätze von erfasten Personen (Verdächtige, Straftäter) und 50000 Spuren von Tatorten
(Die Zeit 18.9.03 S.17)

·      PCR:
minimale Spuren von unbekannter DNA zu verstärken (vervielfältigen), so dass sie ohne Probleme nachgewiesen werden können;
zunächst braucht der Wissenschaftler als Startmoleküle kurze, spezifische DNA-Fragmente, sog. Primer, um die Verdoppelung der Einzelstränge in Gang zu bringen;
In der Regel PCR als Prozess in drei Stufen:
1. DNA-Doppelstränge werden bei 95 Grad Celsius aufgespalten;
2. anschließend legen sich die Primer bei Temperaturen zwischen 50 und 65 Grad an eine bestimmte Stelle des jeweiligen DNA-Einzelstranges;
3. schließlich können sich die Nukleotide, die in der Reaktionslösung schwimmen, bei 72 Grad an die Startmoleküle anschließen (ankoppeln)
so liegen nun zwei identische DNA-Doppelstränge statt nur einem vor;
30 bis 45 solcher Verdopplungen nacheinander, nach 20 Zyklen theoretisch 1 Mill Kopien
(taz 31.10.03)

·         Krankheiten, die durch ein Gen verursacht sind: bis heute sind mehr als 6500 bekannt
(Konferenz Europ. Kirchen; Arbeitsgruppe über Bioethik 2003: Gentests und prädiktive Medizin)

·         Vaterschaftstests; Testpakete bereits in Apotheken angeboten; Beispiel ein Labor: jährlich 3000 Aufträge, ein Test kostet 435 Euro; 150000 Euro teurer Analyseautomat; Probenahme: Spucke, Wattestäbchen, Kaugummis, Zahnbürsten, Zugarettenkippen, Haare, getragene Socken, schmutziges Hemd
(Der Spiegel 3/04 S.72)

·         gesunde Lehrerin wird nicht verbeamtet, Vater leidet an der Erbkrankheit Chorea Huntington, sie fühlt sich von den Behörden zum Gentest genötigt
(Der Spiegel 43/03 S.216)

·         Elektrophorese: DNA-Molekül enthält zahlreiche Phosphatreste, diese sind in alkalischer Lösung negativ geladen und wandern im elektrischen Feld zum Pluspol; wenn diese Wanderung sich in einem Gel abspielt, werden die DNA-Moleküle gleichzeitig der Größe nach sortiert;
DNA-Amplifizierung durch PCR:
1. Reaktionslösung auf 90-95 Grad erhitzen, DNA-Doppelstrang wird aufgetrennt (Denaturierung);
2. Temperatur senken auf 50-60 Grad; PRIMER lagern sich an die komplementären Sequenzen der Einzelstränge an;
3. Temp. auf 72 Grad; unter Einwirkung der DNA-Polymerase werden DNA-Stränge verlängert
(EIBE Einheit 2 DNA Profilanalyse, 2000, S.10; 16)

·      Gentests haben eine Fehlerquote von bis zu 2% (Studie der EU-Kommission)
(GID 161/2004 S.27)

·         nach einem Gesetz dürfen in der Schweiz private Lebensversicherer bei hohen Versicherungssummen (über 400.000 Schweizer Franken) Einsicht in die Ergebnisse von Gentests verlangen
(GID 165/2004 S.43)

·         Deutschland: Gesundheitsministerium legt Entwurf für Gentest-Gesetz vor;
endlich soll Schluss ein mit heimlichen Vaterschaftstests, genetische Untersuchungen zur Aufklärung der Abstammung dürfen nur vorgenommen werden, wenn alle von der Untersuchung betroffenen Personen vorab zugestimmt haben;
genetische Untersuchungen zu Forschungszwecken nur erlaubt, wenn eine „informierte Zustimmung“ vorliegt, der Betroffene ausdrücklich und schriftlich eingewilligt hat; bei anonymisierten Daten keine Zustimmung erforderlich; auch Versuche an Gewebe von Säuglingen, Dementen, psychisch Kranken grundsätzlich möglich
(taz 17.11.04)

·         New York: eine in den ersten Lebenstagen bei Neugeborenen entnommene Blutprobe wird ab 2005 auf 44 genetisch bedingte Erkrankungen getestet, bisher waren es 11; eine Reihe von US-Staaten hat das Neugeborenen-Screening stark erweitert, nachdem eine Bundeskommission im Oktober 2004 eine Liste von 30 vererbbaren Erkrankungen empfohlen hatte
(GID 167/2004 S.45)

·         bis 2011 wird in Deutschland beim Abschluss einer Lebensversicherung kein prädiktiver Gentest verlangt werden; freiwillige Erklärung der Versicherungswirtschaft um 5 Jahre verlängert; allerdings wird bei sehr hohen Versicherungsleistungen eine Auskunft über vorhandene Ergebnisse gefordert (Lebensvers. ab 250000 Euro, Jahresrenten ab 30000 Euro)
(GID 167/2004 S.46)

·         Stellungnahme Nationaler Ethikrat:
plädiert für eine eingeschränkte Zulassung von Gentests bei Stellenbewerbern;
generell bestehe kein Unterschied zwischen Gentests
und anderen medizinischen Untersuchungen;
Fragen oder Untersuchungen, die sich auf das Risiko von später auftretenden Krankheiten beziehen, sollen nur zulässig sein. wenn sie mit einer Wahrscheinlichkeit von über 50% in absehbarer Zeit die Arbeitsfähigkeit des Bewerbers beeinträchtigen; normalerweise Zeitraum von 6 Monaten zu betrachten; bei Beamten 5 Jahre; keine Einschränkungen für Tests bei Piloten oder Busfahrern (z.B. Neigung zu Krampfanfällen)
(taz 17.8.05)

·         Polkörperdiagnostik (PKD) : Für Deutschland einzig nach dem Embryonenschutzgesetz zulässig ist die Präfertilisationsdiagnostik, welche methodisch die Biopsie des ersten und gegebenenfalls zweiten Polkörperchens erfordert. Die anschließenden humangenetischen Untersuchungen müssen, bedingt durch den vorgegebenen Zeitrahmen noch vor der Entstehung eines Embryos, das heißt vor der Verschmelzung des männlichen und weiblichen Vorkerns, erfolgen und abgeschlossen sein.;
das größte klinische Einsatzspektrum der PKD ist die Untersuchung von Chromosomen-Fehlverteilungen, so geannten
Aneuploidien;
dass bei Frauen über 40 Jahren bereits über die Hälfte der Eizellen bezüglich der häufig untersuchten Chromosomen (13, 16, 18, 21, 22) auffällig sind; bereits bei Patientinnen unter 35 Jahren können 30-40% der Eizellen aneuploid sein;
eignet sich die PKD zur Detektion von Translokationen in Eizellen nur dann, wenn eine maternale, balancierte Translokation vorliegt;
da die Diagnose mittels der Polymerasekettenreaktion an einer, besser zwei Einzelzellen (erster und gegebenenfalls zweiter Polkörper) erhoben werden muss;
(Dtsch. Ärzteblatt 4.3.05 S.A587ff)

·         Biochips
kaum größer als ein Daumennagel, aber auf ihnen versteckt sich ein komplettes Chemielabor;
bis zu einer Million Fängermoleküle drängen sich auf einem winzigen Plättchen aus Glas oder Silizium; an einer
bestimmten Position des Zellrasters befestigt, lauern sie auf Partner-Moleküle, die in der auf den Chip aufgetragenen Lösung – z.B. Blut, Wasser oder Milch – an ihnen vorbeischwimmen; hat ein Fänger ein Molekül erwischt, etwa einzelne Sequenzen des Erbmoleküls DNA, lässt er es nicht mehr los; doch bei der Partnerwahl sind die Moleküle überaus wählerisch: klebt beispielsweise eine Hälfte eines DNA-Doppelstrangs als Fänger auf dem Chip, fischt sie aus der Mixtur verschiedenster Substanzen zielsicher nur die jeweils andere Hälfte heraus;
optische Auswertungssysteme (Transducer): bei diesem Nachweis koppeln die Forscher Leuchtmoleküle (Fluorophore) an die Moleküle in der Testlösung; das Fängermolekül hält dann auch den Fluorophor fest; bei Bestrahlung mit UV-Licht leuchtet  der Fluorophor auf und verrät, dass hier ein bestimmtes Fängermolekül das passende Gegenstück gefunden hat
(bdw 4/2005 S.100ff)

·         S.8: In der Medizin unterscheidet man begrifflich zwischen Prognose und Prädiktion. Unter einer Prognose versteht man eine Aussage über den weiteren Verlauf einer vergangenen oder gegenwärtig bestehenden Erkrankung. Demgegenüber ist Prädiktion eine Aussage über das Risiko für eine Krankheit, die bisher noch nicht ausgebrochen ist.;
Als genetische Untersuchungen werden in dieser Stellungnahme alle Untersuchungen verstanden, die durch die Analyse dem Körper entnommener Substanzen unmittelbar Aufschluss über die genetische Ausstattung eines Menschen geben.
Dies sind Untersuchungen von Chromosomen (zytogenetische Analysen), DNA oder RNA (molekulargenetische Analysen) oder Genprodukten (biochemische oder immunochemische Analysen).;
S.9: mithilfe genetischer Untersuchungen kann eine Reihe von Krankheiten mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit, in einigen Fällen mit 100-prozentiger Sicherheit vorhergesagt werden.;
S.13: Monogen erbliche Krankheiten beruhen auf Mutationen mit hoher oder sogar 100 Prozent Penetranz (= Häufigkeit der Manifestation JK). ... Der Nachweis einer Mutation mit 100 Prozent Penetranz bedeutet, dass die Krankheit in allen Fällen manifest wird, wenn der Betroffene nicht zuvor an einer anderen Ursache stirbt. Eine solche 100-prozentige Penetranz besteht etwa bei der Huntingtonschen Krankheit,  ... verschiedenen erblichen Muskelkrankheiten, Formen der erblichen Blindheit und Schwerhörigkeit/Gehörlosigkeit ... (S.21: In den wenigen Fällen, bei denen der Krankheitsausbruch mit nahezu 100-prozentiger Sicherheit vorhergesagt werden kann, bleibt immer noch der Zeitpunkt des Krankheitsausbruchs unbestimmt) ... Im Fall erblicher Dispositionen für Krebskrankheiten liegt die Manifestationswahrscheinlichkeit für die Träger einer Mutation meist bei 50-80 Prozent ...;
multifaktorielle Krankheiten. Neben den Mutationen, die sich zwingend oder mit hoher Penetranz phänotypisch niederschlagen, wird eine ständig zunehmende Zahl von Mutationen bzw. Genotypen bekannt, die nur mit einer mäßigen bzw. geringen Erhöhung eines Krankheitsrisikos verbunden sind, z.B. um den Faktor 1,2 oder 1,5. In anderen Worten: statt 10 unter 1000 würden in diesem Fall 12 oder 15 unter 1000 Menschen erkranken;
S.37: Erhebung und Nutzung prädiktiver und prognostischer Gesundheitsinformationen sollte bei der Einstellung ... auf solche Informationen zu Krankheiten ... beschränkt werden, die mit überwiegender Wahrscheinlichkeit (über 50%) eintreten werden und deren Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit erheblich ist;
verwertbar sein sollten nur Angaben über Krankheiten, die sich mit überwiegender Wahrscheinlichkeit innerhalb eines gesetzlich oder tarifvertraglich zu definierenden Zeitraums nach der Einstellung (z.B. in Anlehnung an die übliche sechsmonatige Probezeit; S.45: bei Verbeamtung 5-Jahre) in nicht unerheblichem Ausmaß auf seine Eignung für den Arbeitsplatz auswirken werden. Auf diese Informationen beschränkt sich die Pflicht des Bewerbers, Fragen des Arbeitgebers bzw. des untersuchenden Arztes wahrheitsgemäß zu beantworten. ...
Familienanamnese nicht zulässig
S.44: Weiter gehende Untersuchungen auf gegenwärtig symptomlose oder auf vorhersagbare Krankheiten sind zulässig, wenn sie unter Beachtung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit notwendig sind, um in der Art der Tätigkeit liegende
spezifische Risiken für Dritte auszuschließen (z.B. bei Piloten, Busfahrern, Küchenpersonal).
(Nationaler Ethikrat: Prädiktive Gesundheitsinformationen bei Einstellungsuntersuchungen, Stellungnahme 16.8.05, Druckfassung A4)

·         S.17: über 5000 bekannte Erbkrankheiten
(Spektrum
der Wissenschaft, Dossier: Das neue Genom, 1/2006)

·         Grüne haben Gesetzentwurf für Gendiagnostikgesetz vorgelegt
(taz 15.9.06)

·         Verfassungsgericht: künftig hat jeder Mann einen Anspruch darauf zu wissen, ob ein ihm „rechtlich zugeordnetes“ Kind tatsächlich von ihm abstammt;
genetische
Überprüfung ist erst seit rund 5 Jahren möglich;
2004 wurden ca. 40.000 Vaterschaftstests durchgeführt;
Speichelprobe, Haarwurzeln, durchgekauter
Kaugummi, Windel;
Ergebnisse sind zu 99,9 % sicher;
Preise liegen derzeit zwischen 140 und 600 Euro;
Großbritannien: 1 Kind von 25 wurde nicht vom offiziellen Vater gezeugt;
Diskussionsseite: www.vaterschaftstest-unkommerziell.de
(taz 14.2.07)

·         Stellungnahmen Nationaler Ethikrat:
„Prädiktive
Gesundheitsinformationen beim Abschluss von Versicherungen“ 2/2007 http://www.ethikrat.org/stellungnahmen/pdf/Stellungnahme_PGI_Versicherungen.pdf
“Prädiktive Gesundheitsinformationen bei
Einstellungsuntersuchungen“ 8/2005
http://www.ethikrat.org/stellungnahmen/pdf/Stellungnahme_PGI_Einstellungsuntersuchungen.pdf

·         Selbstverpflichtung der deutschen Versicherer zum Verzicht auf die Durchführung von Gentests 11/2001:
www.gdv.de/Downloads/Pressemeldungen_2002/PM41.rtf

·         Gentestgesetz in den USA angenommen, zielt auf das Verbot genetischer Diskriminierung ab; Versicherern ist verboten, gesunden Personen allein aufgrund ihrer genetischen Veranlagung höhere Prämien abzuverlangen; Gentests dürfen nicht in Entscheidungen über Einstellung, Kündigung oder Beförderung von Arbeitnehmern einfließen; Regelung soll auch Angst davor nehmen, genetische Proben für Forschung zur Verfügung zu stellen
(GID 182 Juni 2007 S.49)

·         Kölner Firma bietet Test an, der ab der 8. Schwangerschaftswoche das Geschlecht des ungeborenen Kindes ermittelt; bisher übliche Geschlechtsbestimmung per Ultraschall erst ab 16. SSW; Befürchtung zu Abtreibungen innerhalb der gesetzlichen 3-Monats-Frist;
in eingeschickter Blutprobe der Mutter werden Y-Chromosomen gesucht (einzelne Zellen des Kindes gelangen in den mütterlichen Blutkreislauf);
Treffsicherheit 99 %; Unsicherheit bei Mehrlingen und unterschiedlichem Geschlecht:
Kosten 149 Euro, bei Fehlprognose zurück
(taz 21.9.07)

·         (224) vererbbare Krankheit Chorea Huntington (früher: Veitstanz) wird ausgelöst durch ein einzelnes, zu oft kopiertes Basen-Triplett auf Chromosom 4 verursacht; wird das Triplett CAG mehr als 35 mal hintereinander wiederholt, scheint der Ausbruch der Krankheit unvermeidlich, auch wenn niemand mit Bestimmtheit sagen kann, WANN es dazu kommt; so erkranken Menschen mit 39 Wiederholungen im Durchschnitt mit 66 Jahren
(Stefan Rehder: Gott spielen – Im Supermarkt der Gentechnik, Pattloch, München, 2007)

·         Die derzeit geltende Selbstverpflichtung der Versicherungswirtschaft, auf genetische Untersuchungen bei Vertragsabschlüssen zu verzichten, soll über 2011 hinaus um möglicherweise 5 Jahre verlängert werden
(GID 185 Dezember 2007 S.42)

·         Bundesärztekammer zum Gendiagnostikgesetz: http://www.baek.de/page.asp?his=0.7.47.6907

·         Ropers, Direktor am Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik, Berlin:
Veränderungen in schätzungsweise 15.000 der menschlichen Gene können zu Krankheiten führen, aber nur ungefähr 2.500 dieser Gene sind identifiziert;
In unserer Bevölkerung dürfte das Gesamtrisiko für rezessive Krankheiten bis zu 0,5% betragen – das entspricht der Häufigkeit von Chromosomenanomalien bei Nachkommen älterer Mütter
(Der Spiegel 44-2010 S.130)

·         Gentest verrät Haarfarbe
Mit einem neuen Gentest können Ermittler mit einiger Sicherheit die Farbe des Haupthaares aus der Erbsubstanz DNA herauslesen. Das berichtete ein Team um Professor Manfred Kayser, den Leiter der Abteilung für Forensische Molekularbiologie am Medizinischen Zentrum der Erasmus-Universität Rotterdam. Die Resultate sind im Journal Human Genetics veröffentlicht. Die Ergebnisse zeigten, dass sich aus der DNA-Information mit einer Genauigkeit von mehr als 90 Prozent ermitteln lasse, dass eine Person rote Haare hat. Eine ähnlich hohe Genauigkeit gelte für die Aussage, dass die DNA von einem Menschen mit schwarzen Haaren stamme. Die neue Methode erlaube es zudem, ähnliche Haarfarben - wie Blond und Dunkelblond oder Rot und Rotblond - zu unterscheiden.
(taz 7.1.2011 S.18)

·         Mukoviszidose: Bluttest statt Gentest;
Mit einem Bluttest könnte künftig die Diagnose der Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose bei Kindern günstiger und vermutlich auch genauer als mit dem bislang gebräuchlichen Gentest festgestellt werden. An der Universitäts-Kinderklinik Heidelberg wurde der neue Test, bei denen zwei Proteine im Blut der Neugeborenen gemessen werden, bei hunderttausend Babies angewandt und mit dem Ergebnis des Gentests verglichen. Dabei war der biochemische Test hinsichtlich der Entdeckungsrate der Krankheit nach Aussage der Forscher überlegen. Sie fordern nun, ein flächendeckendes Screening mit dem Bluttest einzuführen. Über die Nachricht dürften sich auch Ärzte ohne Zusatzausbildung für Humangenetik freuen, die nach Inkrafttreten des Gendiagnostikgesetzes das Aus für die Gentestung in ihrem Haus befürchteten. Für Mukoviszidose gibt es bislang keine Heilung, aber symptomatische Therapien, die vor allem im frühen Stadium der Krankheit Linderung erzielen können.
(Ärzte Zeitung, 20.04.11) (mf) (http://www.gen-ethisches-netzwerk.de/gid/206/kurz-notiert-mensch-und-medizin )

·         seit 1.2.2012 sind die Bestimmungen des neuen Gesetzes zur Gendiagnostik (GenDG) erst in Kraft. Schon haben sie zu einem handfesten Eklat in der deutschen Ärzteschaft geführt …
Die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik (GfH) hat ihren Mitgliedern empfohlen, bei der Umsetzung des Gesetzes nicht weiter mitzuwirken. Konkret heißt das: Die Genetik-Fachärzte verweigern ihren Mediziner-Kollegen ab sofort Fortbildungen in Genetik …
Das Gesetz soll die informationelle Selbstbestimmung der Bürger sowie ihr Recht auf Nichtwissen wahren und genetische Diskriminierung verhindern. Außerdem will der Gesetzgeber die Bürger auch vor den unvorhersehbaren Folgen der eigenen Neugier auf sein Genom schützen. Wie aber kann das gelingen?
Zwei Instrumente sollen es gewährleisten,
der Arztvorbehalt (nur Mediziner dürfen genetische Tests veranlassen)
und die Beratungspflicht (jeder Patient muss über mögliche Testergebnisse, die getestete Veranlagung oder Krankheit von einem qualifizierten Arzt beraten werden.)
Qualifiziert ist ein Arzt, wenn er sich entsprechend fortgebildet hat. Doch weil das Gesetz auch Routinediagnostik –wie etwa Ultraschalluntersuchungen bei Schwangeren – als beratungsbedürftig einstuft, herrscht Notstand. Es gibt in Deutschland nur wenige Fachärzte für Humangenetik und medizinische Genetik. Die kleine Schar Spezialisten ist längst hoffnungslos überlastet.
Seit Dezember böten die Ärztekammern ihren Mitgliedern Discount-Zertikikate an, klagen die Humangenetiker. Die Rede ist von Multiple-Choice-Tests, deren Antworten im Netz kursieren, halbtägigen „Refresher“-Kursen, in denen nicht einmal Grundkenntnisse vermittelt werden könnten. An derlei Unfug, so GfH-Präsident Andre Reis, könne man sich nicht länger beteiligen …
Tatsache ist, dass eine fünfstellige Zahl von Medizinern zertifiziert werden muss … Selbst die ursprünglich für die Qualifizierung vorgesehenen 72-Stunden-Kurse in Genetik dürften kaum ausreichen, um Ärzten den nötigen Überblick zu vermitteln
(ZEIT 23.2.2012 S.38)

·         Der Deutsche Ethikrat empfiehlt mehr Patientenschutz und besser ausgebildete Mediziner. Streit über Test für Downsyndrom;
Wie also einen verantwortlichen Umgang finden mit dem Recht auf genetisches Wissen, auf Nichtwissen und auf informationelle Selbstbestimmung bei Erwachsenen, Minderjährigen oder gar Ungeborenen? Das sind große Fragen, die die Bundesregierung vor eineinhalb Jahren dem Deutschen Ethikrat stellte. Die Antworten des Expertengremiums sind nachzulesen in einer druckfrischen 209-seitigen Stellungnahme zur "Zukunft der Gendiagnostik". Die Ratsvorsitzende und Medizinethikerin Christiane Woopen fasste sie am Dienstag in Berlin so zusammen: "Manche Daten sind für die medizinische Versorgung sehr hilfreich, andere erbringen belastende Informationen ohne Eingriffsmöglichkeit, und wieder andere sind von unklarer Relevanz."
Aus Sicht des Ethikrats müssen daher Verbraucherschutz und Patientenrechte gestärkt und die Bevölkerung besser aufgeklärt werden. Hierzu brauche es eine "öffentlich getragene, qualitätsgesicherte Informationsplattform" im Internet zu verfügbaren Gentests, ihrer Bedeutung und Aussagekraft. Ärzte, die genetische Beratung anbieten, müssten besser aus- und fortgebildet werden. Eventuell sollte der "genetische Berater" als eigenständiger Beruf eingeführt werden.
Nicht tolerierbar sei die derzeitige Praxis, wonach die Ergebnisse von Gentests zu nichtmedizinischen Zwecken (also etwa zu Fitness- oder Ernährungsberatung) auch ohne ärztliche Beratung übermittelt werden dürfen: "Das Aushändigen schriftlichen Materials reicht nicht aus", heißt es dazu in der Stellungnahme, schließlich beinhalteten auch solche Tests medizinisch relevante Informationen. Das Gendiagnostikgesetz müsse entsprechend verschärft werden.;

Wegen der Gefahr des Missbrauchs und zum Schutz vor persönlichen Risiken sollten sogenannte Direct-to-consumer-Tests (DTC), bei denen Verbraucher oft nur eine Speichelprobe einschicken und sodann umfangreiche Informationen erhalten, nicht nur in Deutschland, sondern EU-weit verboten sein, findet der Ethikrat. Dies dürfte indes praktisch nur schwer umzusetzen sein: Die Tests werden via Internet angeboten. Zerstritten ist der Ethikrat in der Frage von Bluttests zur Früherkennung des Downsyndroms bei Embryonen. Im Gegensatz zur herkömmlichen Fruchtwasseruntersuchung bergen diese Tests kein Risiko für Fehlgeburten. Genau das aber könne zu einem inflationären Gebrauch führen, warnt eine Mehrheit der Mitglieder. Ihre Sorge: Schwangerschaften könnten dann unzulässigerweise allein wegen der "genetischen Ausstattung des Ungeborenen" beendet werden. Dies sei umso leichter möglich, als der Bluttest bereits in der zehnten Schwangerschaftswoche anwendbar sei. Zu diesem Zeitpunkt dürfen Schwangerschaften auch ohne medizinische Indikation beendet werden.
Die Mehrheit der Mitglieder empfiehlt daher, solche Tests nur zu erlauben, "wenn ein erhöhtes Risiko für eine genetisch bedingte Erkrankung oder Fehlbildung vorliegt". Zudem sei ein "über die Pflichtberatung nach §218a Strafgesetzbuch hinausgehendes Schutzkonzept erforderlich". Wie genau dieses aussehen soll, lässt der Ethikrat offen.
Dieser Einschätzung widersprechen vehement acht Mitglieder des Ethikrats, darunter der Rechtswissenschaftler Jochen Taupitz und der ehemalige Bundesjustizminister Edzard Schmidt-Jortzig: "Die ethische Analyse sollte sich an der Lebenswirklichkeit von Menschen ausrichten", fordern sie in einem Sondervotum. Es sei nicht akzeptabel, "der Schwangeren den Zugang zu wichtigen Informationen zu erschweren, die sie als unentbehrlich für ihre verantwortliche Entscheidung ansieht." Der Bluttest biete überdies keine "prinzipiell neuartigen oder andersartigen diagnostischen Informationen", sondern bloß einen schonenderen Weg, an diese genetischen Informationen zu kommen.
(taz 2.5.2013 S.4)

·         Deutscher Ethikrat: Stellungnahme “Die Zukunft der genetischen Diagnostik – von der Forschung in die klinische Anwendung” --- http://www.ethikrat.org/publikationen/stellungnahmen/die-zukunft-der-genetischen-diagnostik

·          

 

 

 

E) Pränantale Diagnostik

·         Q: TV ZDF 11.2.96 Mona Lisa - das perfekte Kind
- Ärzte sind verpflichtet, bei Schwangeren über 35 Jahre pränatale Diagnostik zu empfehlen; zunehmend auch Frauen unter 35 und ohne bekanntes Risiko; Qualitätsprüfung des Kindes, Schwangerschaft auf Probe
- Chorionzottenbiopsie ab 10. Woche, Gewebe aus der Plazenta, 0,5-1,5% Fehlgeburtsrisiko
- Amniozentese ab 14. Woche - 1%
- Triple-Test Blutentnahme ab 16. Woche
- neuer §218:
*keine embryopathische Indikation mehr (Abbruch bis Ende der Schwangerschaft möglich), Frist früher: 22. Woche
* Abbruch ab 20. Woche: Geburt zum Tode
* Frage nur noch: ist das Kind der Mutter zumutbar?
- in Frankreich: gezielte Tötung im Mutterleib mit Spritze zulässig; juristisch in D. auch, strafrechtlich erlaubt,, wird auch praktiziert (bei Zwillingen: einer schwere Behinderung, auch selektive Mehrlingsreduktion)

·         Q: Das Leben ist eine Gabe Gottes, Kassel 1990
- S. 67: derzeitige Problemfelder bei der genet. Beratung und pränatalen Diagnostik:
* Bevölkerungseugenik (welche Eigenschaften wünschenswert, wie befördern und behindern?)
* Beschränkung der Autonomie der Betroffenen (Behinderte "verhindern")
* Zulässigkeit aktiver Beratung (Suche nach Betroffenen, "Zwangs-Aufklärung" - Recht auf Nicht-Wissen)
* Reichweite der pränatalen Diagnostik (wonach wird gesucht?)
* Schutz der genetischen Daten

·         Q: Domdey, H. u.a.: Gentechnologie, Ev. Presseverband für Bayern, München 1990
- S.93: Chorea Huntington Nervenkrankheit, Beginn meist um das 45. Lebensjahr, Patienten leiden unter schnellen, unwillkürlichen, oft bizarren unkontrollierbaren Muskelzuckungen, bald Sprachstörungen und allgemeine psychische Veränderungen, fortschreitender Persönlichkeitsabbau mit zunehmendem geistigen Verfall, innerhalb weniger Jahre pflegebedürftig, letzte Lebensjahre völlige geistige Umnachtung, Tod nach 12-13 Jahren Krankheitsdauer, keine kausale Therapie bekannt
- S.94 Cystische Fibrose CF wird autosomal-rezessiv vererbt, d.h. beide Eltern müssen Merkmalsträger sein, Risiko 25%

·         Q: Ludger Weß (Hrsg.) Schöpfung nach Maß: perfekt oder pervers?, Oberursel 1995
- Dilemma: Schicksale von Menschen werden mit wiss. Autorität vorausgesagt
- im Falle pränataler Diagnostik müssen Eltern Entscheidungen über den "Lebenswert" ungeborener Kinder treffen
- seit 1984 sind Ärzte verpflichtet, Schwangere ab 35 Jahren auf mögliche Diagnosen hinzuweisen; 80% nutzen das (Amniozentese)
- Amniozentese: Fehlgeburtsrisiko 1%, Risiko Down Syndrom 0,25%
- Chorionzottenbiopsie 7.-10. Woche; Ergebnisse innerhalb von 1-2 Tagen; 2% Fehlgeburtenrisiko
- zystische Fibrose: durchschn. Lebenserwartung 27 Jahre
- es gibt dreimal so viele Wissenschaftler, die an der Gentherapie der ADA-Krankheit arbeiten, als es ADA-Patienten auf der ganzen Welt gibt

·         Günter Altner: Leben in der Hand des Menschen, Darmstadt 1998, S.126:
14.7.33 Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses verkündet:
gesetzliche Grundlage für zwangsweise Sterilisierungen bei
- angeborenem Schwachsinn
- Schizophrenie
- zirkulärem (manisch-depressivem) Irresein
- erblicher Fallsucht
- schwerem Alkoholismus

·         FP 1./2.8.98: über 290000 Menschen in Sachsen schwerbehindert; in 81% der Fälle ist Behinderung auf eine Krankheit zurückzuführen, bei 9% der Betroffenen war das Leiden angeboren, in 4% Unfälle als Ursache

·         Ökotest-Magazin 8/98 S.55:
* ob Ultraschall, Bluttest oder Fruchtwasseruntersuchung - die meisten Schwangeren lassen ihr Kind schon vor der Geburt auf mögliche Krankheiten oder Missbildungen untersuchen
* 97% der Kinder werden gesund geboren
* Down-Kinder können ein durchaus erfülltes Leben verbringen
* eine von 100 Frauen verliert ihr Kind nach der Amniozentese
* FISH-Schnell-Test mit Flureszenz, Neuralrohrdefekte nicht erkennbar
* TRIPLE-Test: ein spezielles kindliches Eiweiß, zwei mütterliche Hormone, Alter der Frau: Risikoabschätzung, ordnet der Risikogruppe viel mehr Schwangere zu, als tatsächlich betroffen sind: von 1000 untersuchten Schwangeren  haben 40 ein erhöhtes Risiko für ein Kind mit Neuralrohr-Defekt (z.B. offener Rücken) - tatsächlich betroffen sind nur 2 Kinder; 100 Schwangere haben erhöhtes Risiko für Down-Syndrom - betroffen sind höchstens 2 Kinder; ein weiteres Kind wird eine der beiden Krankheiten haben und wird im test nicht als erhöhtes Risiko erkannt

·         ZDF 29.4.98 ODYSSEE 3000 Frankensteins Kinder: / danach Diskussion
* in der Kombination der modernen Fortpflanzungsmedizin mit der Gentherapie liegt der Sprengstoff für die Zukunft; Krankheiten heilen, Menschen verbessern
* USA Fortpflanzungsklinik: „In Zukunft wird kein Embryo mehr verwendet, den wir nicht getestet haben“; „Wir können Ihnen ein Kind liefern, das frei ist von Mongolismus, von Muskelschwäche...“
* Vater des ersten Retortenbabys (Edwards): „Die Ethik muss sich dem technischen Fortschritt anpassen“
* Max Frisch: „Es gibt einen menschlichen Maßstab, man kann ihn nicht verändern, man kann ihn nur verlieren“

·         ARTE 9.7.98 Menschen nach Maß - der Griff nach dem Erbgut
* Film GATTACA: „Sie möchten doch für Ihr Kind den bestmöglichen Start...“
* Gefahr: Instrumentalisierung des Menschen, Mensch wird gezeugt als Mittel für Zwecke anderer Menschen, Mensch wird benutzt...
* Barth EKD: oft bemüht: Menschen in Notlage (Knochenmarksspende, Organspende) das rechtfertigt noch nicht Klonierung, zu simpler Mechanismus: Hilfe um jeden Preis
* Illusion vom leidfreien Leben voller Glück
* genetische Selektion von Mitarbeitern in US-Firmen: höheres Risiko für Allergien, für best. Krebsarten
* unser Zukunft wird bestimmt vom Zufall und vom Dollar;
  BARTH: domestizierter Kapitalismus!
  SEEDS: ethische Entscheidungen trifft in Amerika der Markt
  Medikament für krankhafte Kleinwüchsigkeit: zu wenig echte Patienten da - man definiert die letzten drei Prozent eines Jahrgangs als zu klein - und schafft Markt mit hunderttausenden!
* „Wir müssen schauen, ob es dem Baby gut geht“ - aber wenn es ihm schlecht geht, darf es nicht leben
* FISH-Test zahlreiche, aber nicht alle numerischen Chromosomenanomalien nachweisbar
* Abtreibung im 8. Monat: Nadel ins Herz des Kindes, Salzlösung gespritzt
* Gentechnik ist auf Eugenik hin angelegt
  im Labor etwas zu beseitigen ist leichter als einen Zigeuner zu ermorden
  wir beseitigen nicht Erbkrankheiten, sondern Erbkranke
* 1931 Aldous Huxley: Brave New World
  Klonierung nach dem Bukowski-verfahren (aus 1 Embryo werden 96)

·         GID 125/126 4/98 S.59:
* Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik
* in der Schwangerschaftsvorsorge werden reiehnweise Untersuchungen durchgeführt, die nicht der Gesunderhaltung des Ungeborenen dienen, sondern der gezielten Suche nach Schädigungen, für die es keine Therapie gibt
* PD: 1991 40000, 1994 60000
* Aufklärungspflicht der Ärzte und Zustimmung des Patienten vor jeder therapeutischen oder diagnostischen Maßnahme - hier häufig nicht eingehalten
* oft erst in akut problematischer Situation überhaupt von anderen Möglichkeiten der Beratung erfahren
* Beratung sollte frei sein
  von Interessen wirtschaftlicher Art (Labor, Forschung)
  von Interessen juristischer Art (Absicherung gegen Haftungsschäden)

·         taz 28.5.98:
* 14.7.33: Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses
* schwachsinnige, depressive, suchtkranke Menschen auch gegen ihren Willen unfruchtbar machen; 350000 Menschen als rassisch minderwertig eingestuft, 6500 bei Sterilisationen gestorben

·         Publik-Forum 2/98 S.13: 1996 160 Spätabbrüche bei 130000 Abbrüchen gesamt

·         B3 18.2.98 Im Griff der Gene - unser Erbgut- Bürde für das Leben
* DNS - Symphonie des Lebens auf 46 Chromosomen; 2 Millionstel Millimeter dünn, 1,5 Meter lang;
  100000 Gene
* > 5000 monogen bedingte Erbkrankheiten, ca. 500 davon können routinemäßig getestet werden;
  solche Webfehler kann man zwar feststellen, aber kaum reparieren
* fragiles X-Syndrom:
  häufigste bekannte Ursache für erbliche geistige Behinderung (Verhaltensstörungen, längliches Gesicht, große Ohren) ; seit 1991 Gentest möglich: Wiederholungen einer kurzen Gen-Sequenz; Protein wird nicht hergestellt, fehlt im Gehirn; keine Aussage über Schwere der Erkrankung (evtl. nur leichte Lernbehinderung);
USA: Versicherungen verweigern Aufnahme in Versicherung oder Behandlung
brit. Wissenschaftler rechnet vor: 1 Kind X-Syndrom kostet > 2Mill.DM/Lebenszeit; 1 Screening-Test kostet je vermiedenem Fall nur 270000 DM
* krank
à behindert à vermeidbar?
* Risiko für behindertes Kind 3%, wird durch PD kaum vermindert
* Verhaltens-genetik (???) bis heute keine Beweise gesehen!
  Zwillingsforschung:
  durchschnittlich 42% der „großen 5 Persönlichkeitsmerkmale“ in der Erbsubstanz verwurzelt:
  - Emotionalität
  - Gewissenhaftigkeit
  - Verträglichkeit
  - Offenheit für Erfahrungen
  - Geselligkeit

·         Dr. Kobelt, Chemnitz, Vortrag Chemnitz 23.4.96
- allg. Fehlbildungsrisiko Neugeborener 1-2%; Chromosomenfehlbildung <1%
- FISH-Test (Fluoreszenz-in-Situ-Hybridisation)
  künstl. DANN-Stück lagert sich am Chromosom an, dann Fluoreszenz-Test: Sonde leuchtet

·         Dr. Kobelt, Chemnitz, Gespräch 15.5.98:
- Triple-Test: erhöht nur Angst bei Frauen(Wahrscheinlichkeit kann präzisiert werden, Angst vor einer errechneten Zahl)
- wertungsfrei, nicht-direktiv beraten - das kann ich nicht; manchmal hole ich einen Psychologen dazu)
- Mukoviszidose: Tests auf 10 wichtigste Mutationen erfassen 90% der Fälle
- Trisomie 21:
  a) freie Trisomie 21 = Zufallsmutation, Chromosomenfehlverteilung, 90% der DOWN-Fälle
  b) Translokation 14/21 (oder 21/21 oder 22/21): Chromosom 21 angeheftet an Chr. 14, dann erbliche
  = familiäre Weitergabe

·         FRAUENARZT, 4/98, S.650:
Stellungnahme von mehreren gynäkol. Gesellschaften zu Schwangerschaftsabbruch nach Pränatal-Diagnostik
- Ziel: Diagnose möglichst frühzeitig stellen, vor Erreichen der Lebensfähigkeit; als Grenze der L. werden heute 24 Wochen nach letzter Periode oder 22 Wochen nach der Konzeption angenommen
- nach den neuesten sonographischen Screening-Studien werden nur wenige Fehlbildungen vor 20 Wochen p.c. erkannt, auch von erfahrenen Pränataldiagnostikern  können versch. Fetale Fehlbildungen bis zu diesem Zeitpunkt nicht zweifelsfrei abgeklärt werden (z.B. Mikrozephalie, Hydrozephalus, Herzfehler, Nierenfehlbildungen), dies ist nur durch eine Verlaufsbeobachtung möglich, eine verlässliche Diagnose kann erst nach 2 oder 3 Untersuchungen gestellt werden
- Methoden der vorzeitigen Schwangerschaftsbeendigung:
  ist der Fetozid eine der möglichen Methoden; kein prinzipieller Unterschied im Fall einer selektiven Tötung bei Mehrlingsschwangerschaft; auch Gabe wehenauslösender Medikamente aktive Tötung

·         Mukoviszidose
700 verschiedene Mutationen des Gens; die gleiche Mutation kann zum Tod in der frühen Kindheit führen oder den Patienten älter als 30 Jahre werden lassen
(Spiegel 14/98 S.210)

·         etwa 5500 Erbkrankheiten sind schon bekannt
(Stern 27/2000 S.59ff)

·         bei den Nazis Eugenik gegen die Interessen des Individuums durchgesetzt, während jetzt eugenische Selektion gegen private Interessen verhindert wird; es gibt Länder, in denen all das viel „liberaler“ gehandhabt wird (USA, England), ohne daß man ihnen gleich einen Trend ins Barbarische nachsagen möchte;
(Jens Reich: Blätter für deutsche und internationale Politik, 11/99 S.1353ff)

·         drei obligatorische Ultraschalluntersuchungen, optionaler Bluttest bei der Mutter (Triple-Test), im Verdachtsfall auf Wunsch Punktion des Mutterkuchens (Chorionzottenbiopsie) oder Untersuchung des Fruchtwassers (Amniozentese) gehören heute zum Standardangebot gynäkologischer Praxen;
nach Schätzungen treiben in D. 90% der Mütter ihr Down-Syndrom-Kind ab;
nun gilt nicht die Mißbildung des Kindes, sondern die Belastung der Schwangeren durch ihr Kind als legaler Abtreibungsgrund, das Gesetz öffnet einen breiten Interpretationsspielraum, weder muß sich die Schwangere beraten lassen noch eine Wartezeit zwischen Diagnose und Abbruch einhalten, Wegfall der bis 1995 geltenden Frist der 22. Woche wirft die meisten Konflikte auf;
offiziell gemeldete Spätabtreibungen nach der 23. SSW von 26 Fällen 1995 auf 175 1999 gestiegen; die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher;
durch den Fetozid geraten Ärzte nicht in das Dilemma, ein atmendes Baby behandeln zu müssen; der F. ist der humanere Weg, das Kind leidet weniger;
Münsteraner Wissenschaftler fragten Frauen, was sie täten, wenn ein pränataler test ergeben würde, daß ihr Kind zu Übergewicht neigt. Ein Fünftel zog eine Abtreibung in Betracht;
Ehepaare, die sich beim Gynäkologen verhalten wie Konsumenten, die sich mit einem Techniker über die Gefahren eines neuen Autos unterhalten. Sie erwarten von der Ärztin ein Gütesiegel auf ein gesundes Kind.;
Triple-Test: Befragung von 9000 Schwangeren - fast die Hälfte der Frauen hätte, als ihnen Blut abgenommen wurde, noch nicht einmal erfahren, wozu der Test überhaupt dient
(Die Zeit 29.12.99 S.37)

·         Triple-Test
durch Einbeziehung von AFP in die Risikobeurteilung ist ein Serummarker für fetale Verschlußstörungen (Neuralrohr- und Bauchwanddefekte) verfügbar;
ermöglicht die Risikospezifikation, nicht jedoch die Diagnose für best. Chromosomenstörungen (Trisomie 18 und 21) und für fetale Verschlußstörungen
(Dtsch.Ärzteblatt 9/2000 S.A-532f.)

·         Down-Syndrom Netzwerk Deutschland e.V.
Äußerung anläßlich der Entschlüsselung des Erbgutes von Chromosom 21:
Menschen mit Down-Syndrom leben mit uns. Sie haben ihren Platz in der Gesellschaft, den nur sie ausfüllen können. Menschen mit Down-Syndrom sind nicht krank - außer bei Grippe und Beinbruch, wie andere Menschen auch. Das Netzwerk macht darauf aufmerksam, daß die Trisomie 21 keine vererbbare oder ererbte Krankheit ist. Daß Menschen mit Down-Syndrom besondere Hilfe benötigen, soll nicht verschwiegen werden. Aber das tun andere Menschen auch. Darüber hinaus haben Menschen mit Down-Syndrom keine Schmerzen, die den Ausdruck „leiden“ rechtfertigen. Menschen mit Down-Syndrom machen unserer Gesellschaft deutlich, daß es außer „schneller, höher, weiter und Erfolg um jeden Preis“ noch andere Lebensqualitäten gibt. Menschen mit Down-Syndrom sollten als Personen anerkannt, akzeptiert und gefördert werden. Alle Ansätze, die zum Ziel haben, Menschen mit Down-Syndrom möglichst früh in der Schwangerschaft zu erkennen und am Leben zu hindern, lehnen wir ohne Wenn und Aber ab.
(GID 140/2000 S.33)

·         Mukoviszidose 750 verschiedene genetische Defekte erkannt
(GID 139/2000 S.34)

·         Staatsanwaltschaft untersucht einen Schwangerschaftsabbruch im sächsischen Zittau in der 29. Woche; Fötus soll nach dem Abbruch noch Lebenszeichen von sich gegeben haben
(FP 30.6.99)

·         der französische Maler Henri Toulouse-Lautrec wurde aufgrund seiner Osteogenesis imperfecta früh zum Krüppel;
der amerik. Präsident Abraham Lincoln litt, so vermuten Wissenschaftler, am Marfan-Syndrom, einem Gen-Defekt, der Herzkrankheiten auslösen kann;
beide wären nach genetischer Beratung womöglich nie zur Welt gekommen
(GEO-Wissen Sex..., S.76)

·         Linus Geisler: Beethoven litt an wohl angeborener Taubheit
(TV-BR3 Magazin Stolperstein 2.1.99)

·         Der bekannte Jazzpianist Michel Petrucciani ist mit 36 Jahren gestorben, er litt an der angeborenen Glasknochenkrankheit
(FP 7.1.99)

·         Nobelpreisträger James D. Watson:
hat sich für eine genetische Untersuchung und die Abtreibung erbgeschädigter Kinder ausgesprochen;
in der FAZ warnte Watson davor, „im Namen Gottes unnötige persönliche Tragödien geschehen zu lassen.“ Künftig gelte es möglicherweise als „unmoralisch“, wenn Eltern „die Geburt von Kindern mit gravierenden genetischen Defekten“ zulassen würden.
GID 142 10-11/2000 S.26

·         Symposium Fortpflanzungsmedizin Bundesgesundheitsministerium 5/2000;
BM Andrea Fischer: Die Möglichkeit, individuelles Leid zu verhindern, bedeute keine Rechtfertigung dafür, auch alles Machbare zu tun. Durch die neuen Techniken könne ein Klima entstehen, das den perfekten Menschen immer mehr zur Norm werden lasse und es schließlich als rechtfertigungsbedürftig erscheinen lasse, wenn ein behindertes Kind zur Welt kommt.“
Dtsch. Ärzteblatt 22/2000 S.A-1503

·         Bundesdrucksache aus dem Jahr 1999:
geheime „Erfolgsstatistik“ der selektiven pränatalen Diagnostik: Zahl der Neugeborenen mit Spina bifida von 1973 bis 1990 von 18,6 auf 7,7 je 100000 reduziert, bei Down-Syndrom von 13,5 auf 8,7
Dtsch. Ärzteblatt 21/2000 S. A-1456

·         Behinderter erhält Entschädigung für Geburt
(Frankreich, Arzt hatte Rötel-Erkrankung bei der Mutter nicht erkannt, Junge nach Fehldiagnose schwer behindert zur Welt gekommen, Entschädigung für den 17-jährigen
Freie Presse 18./19.11.2000

·         „Ich kann mir sogar vorstellen, dass Fortpflanzung auf natürlichem Weg irgendwann als verantwortungslos gilt, so wie es jetzt als verantwortungslos gilt, wenn eine Frau während ihrer gesamten Schwangerschaft auf vorgeburtliche Tests und Untersuchungen verzichtet. ... man sagt: wie konntest du so leichtsinnig sein... warum hast du nicht dafür gesorgt, dass du ein Kind ohne Erbkrankheiten bekommst?“ (Gregory Stock, Reproduktionsmediziner, Kalifornien)
“... werden Föten mit zystischer Fibrose abgetrieben, obwohl die Kinder normal intelligent sind und 30 Jahre alt werden können.... ein kalifornisches Gericht hat festgestellt, ein mit Gendefekt geborenes Kind habe das Recht, seine Eltern zu verklagen, weil sie auf Gentests verzichtet und nicht abgetrieben haben...“ (Lori Andrews, Ethikerin, Chicago)
Öko-Test Magazin, 12/2000 S.16ff.

·         Spätabbrüche (nach 22. SSW): Information der Eltern über mögliche Lebendgeburt, falls dies der Fall ist, werden die Kinder gewärmt und genährt, ein Kinderarzt ist bei der Geburt dabei;
in Bethel auch ein Kind mit Down-Syndrom abgetrieben (Altersindikation)
Renate Schernus (Bielefeld): Pränataldiagnostik in evangelischen Krankenhäusern?, Vortrag 13.7.2000 Hannover

·         wurden vor 10 Jahren pro 1000 Lebendgeburten 49,6 vorgeburtliche Chromosomenuntersuchungen vorgenommen, waren es acht Jahre später schon 95,7 Analysen;
die Wahrscheinlichkeit für eine 35-jährige Frau, ein Kind mit DOWN-Syndrom zu bekommen, liegt bei 1: 365, die Gefahr, das Kind durch den Test beziehungsweise durch eine nachfolgende Fehlgeburt zu verlieren, liegt um ein Vierfaches höher;
dass das Krankheitsbild beim Down-Syndrom sich sehr unterschiedlich ausprägen kann und nur etwa jedes zehnte der betroffenen Kinder lebenslang auf Hilfe angewiesen ist;
etwa 80% aller Frauen im Risikoalter lassen sich in Deutschland pränatal untersuchen, Humangenetiker schätzen, dass bei einer Down-Diagnose in 98% aller Fälle abgetrieben wird;
bei einer qualifizierten Beratung ist die Wahrscheinlichkeit um ein Sechsfaches höher, dass die Schwangerschaft ausgetragen wird
(taz 9.3.2001)

·         Mukoviszidose ist so weit verbreitet, dass diese Krankheit einen Vorteil für heterozygote Träger haben muss (das sind Menschen mit einem gesunden und einem kranken M.-Gen); Experimente an Mäusen haben gezeigt, dass diese Genkombination sie vor dem Tod durch Cholera schützt. Diese Krankheit war früher weit verbreitet und damit ein wichtiger Evolutionsfaktor.
(bild der wissenschaft 10/2000 S.30)

·         etwa 90% der Frauen, bei denen eine Schädigung des Fötus festgestellt wurde, entscheiden sich für eine Beendigung der Schwangerschaft;
Nippert: zeigen die Erfahrungen mit der PD, dass es fast unmöglich ist, diagnostische Verfahren auf wenige Fälle zu begrenzen; die Technik selbst habe die Neigung, sich von einer Ausnahmediagnostik zu einem screening-Verfahren auszuweiten
(Das Parlament 11/2001 S.4)

·         Diakonisches Werk der EKD
Problem Spätabtreibungen; für Änderung des Abtreibungsrechtes kein Handlungsbedarf; zu erwägen Änderung der Mutterschaftsrichtlinien (pränataldiagn. Verfahren, die nach nicht therapierbaren Erkrankungen und Fehlbildungen suchen, aus der allgemeinen Schwangerenvorsorge herausnehmen); Selbstverpflichtung der Ärzte, keine Spätabtreibungen nach PD mehr vorzunehmen; Beratungsangebote (freiwillig) vor PD-Untersuchungen
(epd-wochenspiegel 27/01 S.16)

·         CDU Bundestagsfraktion zum Problem der Spätabtreibungen:
bessere Beratungsangebote (bereits vor Anwendung der PND; Kostenübernahme durch die Krankenkassen erst nach erfolgter Beratung)
Änderungen bei der ärztlichen Haftung (keine Schadenersatzansprüche bei mangelhafter Diagnostik oder fehlgeschlagener Abtreibung)
vom Gesetzgeber müsse klargestellt werden, dass nur die Gefährdung des Lebens der Schwangeren oder deren schwerwiegende seelische Beeinträchtigung als Grund für die zeitlich unbefristete Abtreibung in Frage kommt, eine absehbare Behinderung sei allein kein Grund
(epd-wochenspiegel 28/01 S.13)

·         Spätabbruch: durch Bundesverfassungsgericht anerkannt, dass eine festgestellte mögliche Behinderung des Kindes Grund genug sein kann, die Frau in ihrer psychischen Gesundheit zu gefährden
(taz 5.7.01)

·         Hertha Däubler-Gmelin:
Rechtmäßig ist der Schwangerschaftsabbruch nicht, sondern nur straflos.
Und danach ist ein Schwangerschaftsabbruch nur rechtmäßig, wenn eine Indikation, also eine Kollision von Rechtsgütern vorliegt. Es reicht eben nicht, obwohl man das in der Öffentlichkeit hören kann, dass das Ungeborene eine genetische Belastung oder Krankheit hat. Die embryopathische oder eugenische Indikation ist bewusst abgeschafft, es geht immer um Gesundheit oder Leben der Mutter.
man sagte, die PND solle sowieso nur für ganz wenige Fälle gelten. Das ist bekanntlich anders gekommen. Von den „einigen wenigen“ Fällen sind wir jetzt auf 87000 Anwendungen im Jahr gekommen.
(Die Zeit 26.7.01 S.4)

·         Birgit Dembski, Geschäftstelle Mukoviszidose e.V.:
Bei der M. bedingt ein genetischer Defekt, dass der Transport von Chlorid-Ionen und Wasser in den Zellen nicht funktioniert – mit gravierenden Folgen: ein zähes Sekret verstopft die Zellgänge von Bronchien, Pankreas und Leber. Das Gewebe dieser Organe wird dadurch fortschreitend zerstört.
Mukoviszidose ist auch heute noch eine schwer wiegende Erkrankung. Sie verläuft progressiv. Der Betroffene muss von klein auf Tag für Tag an seiner Gesundheit arbeiten: Tabletten schlucken, inhalieren, krankengymnastische Übungen absolvieren, um die Lunge von zähem Sekret zu reinigen, später regelmäßige intravenöse Antibiotikabehandlung akzeptieren. Die Lebenserwartung ist begrenzt. Manche Patienten versterben bereits im Kindesalter.
in den letzten 15 Jahren immense Behandlungsfortschritte, Autorin ist 46 Jahre alt, berufstätig, verheiratet;
40% der Patienten heute über 18 Jahre alt, durchschnittliche Lebenserwartung bei 32 Jahren, 75% der Betroffenen über 18 Jahre sind in Ausbildung oder arbeiten
(taz 31.5.01)

·         Interview Präses Kock:
bei der PND haben wir im Abtreibungsgesetz eine große Lücke. Jedes Jahr werden 600 Kinder in einem Stadium abgetrieben, in dem sie lebensfähig wären und nur dadurch „erledigt“ werden, dass man sie liegen lässt.
(taz 13.6.01)

·         Pränatale Diagnostik soll nur in besonderen Fällen und nur auf den nach umfassender Beratung erklärten Willen der Schwangeren hin durchgeführt werden... Spätabtreibungen lehnen wir ab... Im Rahmen pränataler Diagnostik ist das Recht der Eltern auf Nichtwissen zu akzeptieren...Beratungen bei pränataldiagnostischen Methoden sollten zur Pflicht werden.
(Stellungnahme der Bischofskonferenz der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands zu Fragen der Bioethik 3/2001)

·         Gynäkologe wegen Totschlags angeklagt
soll im April 1999 die Schwangerschaft einer 29-jährigen abgebrochen haben, ohne dass dabei eine Notsituation bestanden habe;
der Arzt soll den 29 Wochen alten Fötus, bei dem zuvor eine körperliche Behinderung festgestellt worden war, durch Kaiserschnitt auf die Welt geholt und... anschließend erstickt haben;
erst 10 Minuten nach der Abnabelung habe die eigene Atmung eingesetzt, zwei weitere Ärzte hätten dann das Kind reanimieren und den Kreislauf stabilisieren können, nachdem der Gynäkologe dies bemerkte, soll er das Kind so lange am Atmen gehindert haben, bis es tot war;
der von der Mutter offenbar gewünschte Schwangerschaftsabbruch war bereits in zwei Kliniken in Berlin und Dresden abgelehnt worden;
der jetzt angeklagte Chefarzt kam bei der Untersuchung der Schwangeren zu dem Ergebnis, dass der Fötus so stark missgebildet ist, dass er nicht lebensfähig sein würde;
ihm droht Freiheitsstrafe von bis zu 15 Jahren
(Freie Presse 5./6.5.01)

·         Oberlandesgericht Celle: Down-Syndrom – Arzt muss zahlen
zu Schadenersatz verurteilt, weil Patientin Kind mit Down-Syndrom zur Welt brachte;
der Arzt hatte die Patientin nicht darauf hingewiesen, dass ein Gendefekt unter anderem nur mit einer umfassenden Blutuntersuchung der Schwangeren ausgeschlossen werden könne;
es sei heute gängige Rechtssprechung, so das Gericht, dass nicht das Kind, wohl aber der Unterhalt für das Kind ein Schaden für die Eltern ist
(Freie Presse 19.4.01)

·         rettende pränatale Diagnose
bei schwerer angeborener Fehlbildung des Herzens früher Tod des Kindes abzuwenden durch chirurgischen Eingriff – Chancen der Kinder am größten, wenn die Fehlbildung bereits im Mutterleib erkannt wird
(FAZ 28.3.01)

·         95 % der Schwerbehinderungen, mit denen Menschen heute leben, sind Folge von Krankheiten oder Unfällen. Nur 5 % sind angeboren. Und davon ist nur ein Bruchteil vor der Geburt erkennbar.
(chrisma 11/2000 S.16)

·         Zypern betreibt seit 1976 freiwillige Eugenik;
Thalassämie (Mittelmeeranämie; Mangel an roten Blutkörperchen, chronische Müdigkeit, deformierte Knochen und Organschäden, endet ohne Behandlung tödlich, häufig schon im frühen Kindesalter); Krankheit ist auf Zypern besonders häufig (jeder 7. ist Träger des defekten Gens, jährlich etwa 70 kranke Kinder geboren), wird bekämpft durch Gendiagnostik und Abtreibung;
Vorteil diese Gens früher: Malariaerreger vermehren sich nur in gesunden roten Blutkörperchen, Träger des Thalassämie-Gens starben nicht an Malaria; seit 1948 ist Zypern malariafrei;
seit 1976 hat sich fast jeder Zypriote selbst einem Test unterzogen, um seinen Krankheitsstatus zu kennen; seit 1978 jährlich 200 Pränataldiagnostiken und 50 Abtreibungen; seit 1983 verlangt die Kirche von Heiratswilligen ein Zertifikat, dass sie „informiert“ sind;
pro Jahr werden nur noch 2 Kinder mit der Krankheit geboren;
Ausweitung auch auf andere Erbkrankheiten? Nein, Kriterien: hohe Verbreitung, absolute Tödlichkeit;
seit kurzem auch PID in Anwendung
(Die Zeit 15.2.01 S.33)

·         Stephan Kruip Mukoviszidose, 36 Jahre alt, arbeitet als Physiker, hat drei Kinder;
seit 10 Jahren neue Enzympräparate, Antibiotika und spezielle Atemübungen für M.-Patienten;
Kruip eigentlich unfruchtbar; Kinder gezeugt durch ICSI nach Entnahme von Hodengewebe;
seine Söhne sind gesund (tragen ein gesundes Gen von der Mutter, das die Krankheit überdeckt) und wahrscheinlich selbst fruchtbar
(Der Spiegel 36/2001 S. 80)

·         kaum ein Kind kommt heute auf die Welt, ohne dass es eine mehrstufige Qualitätskontrolle durchlaufen hat;
“Wir wollen doch sicher sein, dass Ihr Baby gesund ist“;
Ultraschalluntersuchungen, verschiedene Bluttests der Mutter, im Verdachtsfall Punktion des Mutterkuchens (Chorionzottenbiopsie) oder Analyse des Fruchtwassers (Amniozentese) gehören heute zum Angebot fast jeder gynäkologischen Praxis;
bereits die erste Untersuchung, der Ultraschall ab der 10.Schwangerschaftswoche, dient dazu, Hinweise auf mögliche Behinderungen des Fötus zu entdecken. Dabei glauben die meisten Eltern, da werde nur ein Babyfoto fürs Album gemacht...;
die 200 bis 800 Spätabtreibungen pro Jahr in Deutschland (genaue Zahlen kennt niemand) geschehen, weil die Fruchtwasseruntersuchung erst zwischen der 14.und 17. Woche erfolgen kann;
CDU: die heutige Praxis der PND entspricht nicht dem Geist des §218; Vorschlag: Regelung um einen Passus ergänzen: „Ein embryopathischer Befund allein ist keine Gefahr für die Mutter im Sinne von §218“;
Untersuchungen Fruchtwasser und Chorionzottenbiopsie:
1976           1796 Fälle
1982           15888
derzeit        rund 80000 pro Jahr; heute geht jeder zehnten Geburt eine Amniozentese voraus, oft ohne Beratung;
rund eine von hundert Amniozentesen endet mit einem Abort. die Wahrscheinlichkeit, durch die Untersuchung eine Behinderung zu entdecken, ist geringer;
90% der Paare, die die Diagnose Down-Syndrom erfahren, entscheiden sich für einen Abbruch;
ungefähr ein Fünftel aller Frauen über 35 Jahre entscheiden sich gegen den Eingriff, Sie müssen per Unterschrift bezeugen und bestätigen, dass ihr Arzt sie auf die möglichen Folgen der Weigerung hingewiesen hat;
mittlerweile hat sich der TRIPLE-TEST so weit etabliert, dass selbst Kritiker der Methode wie Verbandspräsident Bender unsicher sind, ob sie nicht verpflichtet sind, die zweifelhafte Blutanalyse anzubieten;
Zurzeit verdrängt eine neue Prüfmethode den TRIPLE-TEST. Dabei prüft der Gynäkologe die Dicke der Nackenfalte des Fötus auf einem speziellen Ultraschall. In Kombination mit zwei Blutwerten rechnet ein Computerprogramm das Behinderungsrisiko aus;
das Vertrauen in die PND ist groß, zu groß. Viele Frauen glauben, wenn die Ärzte beim Test nichts gefunden haben, ist ihr Kind gesund
(Die Zeit 2.8.01 S.23)

·         vor 10 Jahren pro 1000 Lebendgeburten 49,6 vorgeburtliche Chromosomenuntersuchungen vorgenommen; acht Jahre später schon 95,7 Analysen
(GID 148 – 10/11-2001 S. 3)

·         Paradigmenwechsel zu beobachten, wonach bei behinderten Kindern nicht mehr der Abbruch der Schwangerschaft ethisch begründet werde, sondern der Nichtabbruch (Verweis auf Gerichtsurteile in Frankreich)
(epd-wochenspiegel 51/52-2001 S.14)

·         in zwei Fällen sprachen im November 2001 in Frankreich Gerichte behinderten Kindern das Recht auf millionenschwer Entschädigungen zu; in den Urteilen ist die Rede von „dem Schaden, geboren worden zu sein“; zahlen sollen die GynäkologInnen, die bei vorgeburtlichen Ultraschalluntersuchungen nicht erkannten, dass die Kinder das Down-Syndrom bzw. eine Mehrfachbehinderung infolge einer Röteln-Erkrankung der Mutter haben würden; Versicherungen erhöhten nach der letztinstanzlichen Verkündigung der Urteile die Prämien für GynäkologInnen um ein Vielfaches; viele Gynäkologen streiken und führen keine Ultraschalluntersuchungen mehr durch
(taz 3.1.02)

·         Am Anfang: PND nur als Ausnahme;
konzeptionell standen 1976, als die PND in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen aufgenommen wurde, folgende Aspekte im Vordergrund:
+ Beschränkung auf bestimmte Diagnosen, anfangs Chromosomenstörungen (numerische, aber auch strukturelle), wenig später Neuralrohrdefekte,
+ Beschränkung auf bestimmte Nutzerinnengruppen: Frauen mit hohem genetischen Risiko und Frauen ab 38 (später 35) Jahre,
* Einhaltung besonderer Qualitätsstandards (Beratung vor und nach jeder PND)
(GID Spezial 2, 2001, Eugenik - gestern und heute, S. 16f)

·         In Deutschland laut offizieller Statistik jährlich zwischen 100 und 200 Spätabtreibungen; Montgomery (Marburger Bund) schätz 800 Abbrüche nach der 20. Schwangerschaftswoche
(Idea-Spektrum 4/2002 S.21)

·         Welttrend: gut beratene Schwangere lassen viel weniger Gentests vornehmen als Unberatene;
Margot von Renesse (MdB) stellte neue gesetzliche Regelungen für die ausgeuferte pränatale Diagnostik in Aussicht: sie solle es ohne flankierendes Beratungsangebot nicht mehr geben
(taz 1.3.02)

·         Fall einer Spätabtreibung nach pränataler Diagnostik in Zittau:
Schwangerschaft entwickelt sich zunächst normal; Erkrankung der Mutter; im Diakonissenkrankenhaus Dresden Ultraschall: Feststellung, dass große Röhrenknochen des Kindes extrem verkürzt sind; Verdachtsdiagnose „Zwergenwuchs“; zum Abbruch geraten (6. Monat); nächste Untersuchung Uniklinik Dresden: zusätzlich Klumpfüße; Charite Berlin: zusätzlich tatzenförmige Hände, geistige Behinderung; aber Abbruch kann leider hier nicht durchgeführt werden; Chefarzt in Zittau nimmt Abbruch vor, vorrangig wegen Blutungen, die bei der Mutter aufgetreten sind; später molekulargenetisches Gutachten bestätigt Diagnose des Arztes: Kind litt an genetisch bedingter Skelettmissbildung, die unweigerlich zum Tod führt – entweder bereits vor der Geburt oder kurz danach
(Spiegel 6/2002 S.56ff)

·         Abbruchraten bei einer pränatal diagnostizierten und nicht besonders schweren Chromosomenstörung:
Beratung durch Humangenetiker: 35,5 %
Beratung durch andere Ärzte: 71,9%
(GID 150/2002 S.17)

·         Schadenersatz für behindertes Kind; Kind war mit schweren Fehlbildungen an Armen und Beinen zur Welt gekommen; Ärztin hätte die Eltern während der Schwangerschaft über die Behinderung informieren müssen; weil die Eltern sich dann nach eigenen Angaben zu einer Abtreibung entschlossen hätten, Ärztin verurteilt: voller Unterhalt für das Kind und 10000 Euro Schmerzensgeld für die Mutter
(epd wochenspiegel 26/2002 S.15)

·         Diagnoseirrtum der Gynäkologin: Ultraschalluntersuchung 20. Woche Messung des Oberschenkelknochens Abweichung von 5 Millimetern fehlinterpretiert
(Freie Presse Chemnitz 19.6.02)

·         dass unabhängig von ihrem Alter heute jede Frau, welche die Vorsorge in einer gynäkologischen Praxis durchführen lässt, mit Pränataldiagnostik konfrontiert wird;
Pränatale genetische Diagnostik zielt darauf ab, numerische oder strukturelle Chromosomenfehler bzw. Einzelgendefekte des Embryos/Fetus zu identifizieren.
1999 bereits 800  diagnostizierbare Dispositionen;
Chorionzottenbiopsie: üblicherweise  11.-12. SSW, Abortrisiko 2-4%, diagnostische Genauigkeit 97,5-99,6%, Risiko Verunreinigung durch mütterliche Zellen 1,9-3,8%;
Amniozentese: 15.-17. SSW, 15-20 ml Fruchtwasser, darin 2% lebende fetale Zellen, Abortrisiko 0,5-1%, diagnostische Genauigkeit 99,4-99,8%;
Bundesärztekammer hatte als Altergrenze zunächst 38 Jahre festgelegt, später 35 Jahre, heute wird keine untere Altersgrenze mehr eingehalten;
Indikationen heute: Altersindikation (Frauen ab 35a): 78%, psychologische Indikation (Angst vor einem behinderten Kind): 18%, auffälliger Befund nach Ultraschall oder Triple-Test: 4%;
1998 75255 fetale Chromosomenanalysen durchgeführt (davon 62642 Amniozentesen); d.h. annähernd jede 10 Schwangerschaft invasive Untersuchung des Ungeborenen;
wenn eine Schwangere keinen Ultraschall wünscht, kann der Arzt die Pauschale nach dem Mutterpass nicht abrechnen, muss Einzelgebühren aufführen, was für ihn in der Regel ungünstiger ist;
Schere zwischen PND und vorher erfolgter Beratung öffnet sich weiter: in Westdeutschland PND zwischen 1991 und 1995 von 40000 auf 60000 Untersuchungen angestiegen, Anzahl der genetischen Beratungen im gleichen Zeitraum lediglich von 17000 auf 21000 gewachsen;
Ultraschall: 11.-14. SSW sog. „Nackentransparenz“ gemessen, Nackenfalten-Dicke über 3 mm ist eng mit erhöhtem Risiko für Trisomie 21 assoziiert und hat meist invasive PND zur Folge;
der sog. Triple-Test wird seit 1992 gegen die Empfehlungen der wissenschaftlichen Fachgesellschaften in der Schwangerenvorsorge eingesetzt; Test erfolgt(e) häufig ohne vorherige Information der Schwangeren, führt häufig zu falsch-positiven Ergebnissen und zum (anschließenden) Einsatz invasiver Verfahren; nach Schmidtke Triple Test bei 25-50% aller Schwangerschaften;
Erster Senat des Bundesverfassungsgerichtes zu Unterhaltspflicht bei fehlgeschlagener genetischer Beratung: Das Ziel des ärztlichen Beratungs- oder Behandlungsvertrages, die Vermeidung der Zeugung eines erbgeschädigten Kindes, sei rechtmäßig. Nicht einmal moralische Bedenken seine hier angebracht, denn der Wunsch der Eltern, die Zeugung eines Kindes vom Ergebnis der genetischen Beratung abhängig zu machen, sei in hohem Maße von elterlicher Verantwortung geprägt.;
Viele Schwangere werden bis heute nicht ausreichend darüber aufgeklärt, welcher Sinn und Nutzen und welche Risiken mit den verschiedenen Methoden der PND verbunden sind und dass sie die Durchführung der einzelnen, im Mutterpass vorgesehenen Untersuchungen ablehnen können. Es kann auch nicht übersehen werden, dass vielfach wirtschaftliche Gesichtspunkte zu einer aufgedrängten PND führen.;
70-80% der Schwangerschaften werden als Risikoschwangerschaft definiert;
(Bundestag Enquete-Kommission Medizin Drucksache 14/9020 S.67f)

·         Faktisch ist es allerdings inzwischen so, dass die vorgeburtliche Diagnostik durchaus zu einer Routinemaßnahme geworden ist…
In der Öffentlichkeit wird... oft behauptet, eine durch PND festgestellte Behinderung des Embryos (oder Fötus) stelle nach geltendem Recht eine legale und damit auch gesellschaftlich anerkannte Indikation für einen Schwangerschaftsabbruch dar... Eine legale Abtreibung von genetisch erkrankten Embryonen oder Föten ist nicht möglich wegen deren zu erwartender Behinderung, sondern nur auf Grund einer Gefahr für das Leben oder den Gesundheitszustand der Schwangeren...
immer wieder anzutreffende Behauptung, der Schwangerschaftsabbruch werden auf Grund der derzeitigen Rechtslage in den ersten 12 Wochen ohne jede Indikation rechtlich akzeptiert. Tatsache ist vielmehr, dass ein solcher Schwangerschaftsabbruch rechtswidrig – also gerade nicht akzeptiert – ist, aber um des insgesamt erhofften besseren Lebensschutzes für Embryonen willen unter bestimmten Voraussetzungen straffrei bleibt...
(EKD-Texte 71: Im Geist der Liebe mit dem Leben umgehen, Argumentationshilfe für aktuelle medizin- und bioethische Fragen, Hannover August 2002, S.24f.)

·         CDU: Im Jahr 2000 habe es 154 Fälle gegeben, wo der Abbruch einer Schwangerschaft zu einem Zeitpunkt stattfand, an dem die Föten teilweise schon lebensfähig waren
(Das Parlament 15.7.02)

·         viele Ärzte fürchten juristische Konsequenzen bei nicht erkannten Schädigungen. Im Falle der Spätabtreibungen haben sie einen juristischen Spagat auszuführen: Kommt das Kind lebend zur Welt, hat es Personenstatus und Anspruch auf lebenserhaltende Maßnahmen, der Mutter gegenüber hat sich der Arzt jedoch zu einem Abbruch mit einem toten Kind verpflichtet... der Fetozid, also die Tötung des Fötus im Mutterleib, etwa durch eine Herzinjektion mit Kaliumchlorid, ist eine Methode, den juristischen Spagat zu umgehen.
(Das Parlament 29.7.02)

·         Abtreibungen in Deutschland 2000:
134600, davon 2000 nach der 12. SSW, 154 nach der 22. SSW (sog. Spätabtreibungen);
schon wegen einer bloßen Hasenscharte haben Ärzte noch in der 32. Woche abgetrieben;
(Der Spiegel 25/2002 S.58)

·         Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe will Spätabtreibungen neu regeln, Papier vorgestellt, Gesetzvorschlag: ein Zusatz zum §218 solle festhalten, dass eine Mutter nur abtreiben darf, wenn eine Gefahr für das Leben der Mutter besteht oder das Ungeborene voraussichtlich nicht lebensfähig sein wird, eine Kommission soll mit entscheiden, ob diese Voraussetzungen erfüllt sind
(taz 17.9.02)

·         dass allenfalls 10% aller Behinderungen genetisch bedingt sind und von diesen nur ein Teil vorgeburtlich diagnostizierbar ist, alle übrigen Behinderungen sind Ausdruck unseres ganz normalen Lebensrisikos
(Die Zeit 17.10.02 S.18)

·         3% aller Kinder kommen behindert zur Welt
2% werden während der Schwangerschaft oder im Verlauf der Geburt geschädigt
1% sind genetisch bedingte Behinderungen
90% aller Behinderungen entstehen im Verlauf des späteren Lebens
(Schwanger sein – ein Risiko? Kirchner-Asbrock Hrsg. Sichtwechsel eV Düsseldorf, Verlag Selbstbestimmtes Leben, 1998, S.15)

·         Der Tripletest ist inzwischen weitgehend ersetzt durch den so genannten Ersten Trimestertest, d.h. im ersten Drittel der Schwangerschaft, meist in der 11. bis 13. Woche, wird das Blut der Schwangeren auf eine Reihe von Werten untersucht, das statistische Ergebnis der Nackenfaltenmessung dazugerechnet und daraus die Risikozahl ermittelt
(Evangelische Frauenarbeit in Deutschland u.a.: Von der Würde und der Verantwortung von Frauen, Arbeitshilfe, Frankfurt/Main 2002, S.48)

·         Spätabbrüche in Deutschland: 2000 – 154, 2001 - 177
(Evangelische Frauenarbeit in Deutschland u.a.: Von der Würde und der Verantwortung von Frauen, Arbeitshilfe, Frankfurt/Main 2002, S.59)

·         Bayerischer Landesbischof Friedrich:
verbesserte Beratungspraxis bei PND, besonders bei Spätabbrüchen; die vom Bund geplanten Neonatal-Zentren mit verpflichtender interdisziplinärer Beratung sind zu begrüßen
(VELKD-Informationen 9.12.02)

·         britische Polizei ermittelt gegen einen Arzt, der bei einer im 6. Monat schwangeren Frau eine Abtreibung vornahm, weil die Frau kein Kind mit Lippenspalte gebären wollte; nach der 24. Woche darf in Großbritannien ein Fötus nur bei schwerwiegenden Erkrankungen abgetrieben werden, das geschieht laut offiziellen Statistiken rund hundertmal im Jahr
(GID 155/2002-2003 S.30)

·         lediglich rund 5% der Schwerbehinderungen (ab einem Grad von 50%) sind angeboren; von diesen können zur Zeit etwa 0,5% durch PND erkannt werden
(GID Spezial Nr. 3 Dez. 2002 S.35)

·         Ultraschallbilder: „Nackentransparenz“ein winziger schwarzer Fleck im Nacken des Embryos, der trotzdem zwei, drei Millimeter zu groß ist, deutet auf einen möglichen genetischen Defekt hin, eines von zehn Kindern mit diesem Befund wird mit dem Down-Syndrom geboren;
Down-Syndrom: schwerwiegendste Folge ist eine Unterentwicklung des Gehirns (IQ 70), betroffen vor allem das abstrakte Denken und die Sprachentwicklung; zu den gravierendsten körperlichen Mängeln gehören Herzfehler (40-50% der Fälle), Missbildungen des Magen-Darm-Traktes sowie Hör- und Sehschäden; Lebenserwartung liegt inzwischen bei über 60 Jahren;
Frühförderung wichtig; viele können in Grundzügen lesen und schreiben lernen, Grenzen: Abitur, Studium, Führerschein; eigene Familie und Kinder: fast nie; ein selbständiges Leben nur in ganz wenigen Ausnahmefällen;
90% aller Frauen, die ein Kind mit Down-Syndrom erwarten, entscheiden sich für eine Abtreibung
(Der Spiegel ½ S. 56ff)

·         Mutterschaftsrichtlinien u.a.: wenn sich im Rahmen der Mutterschaftsvorsorge Anhaltspunkte für ein „genetisch bedingtes Risiko“ ergeben, ist die Schwangere über die Möglichkeiten einer humangenetischen Beratung und/oder Untersuchung aufzuklären;
über die Vorgaben der Mutterschaftsrichtlinien hinaus benennen die Richtlinien der Bundesärztekammer zur pränatalen Diagnostik die Objektivierung und den Abbau von Befürchtungen und Sorgen der Schwangeren sowie die Hilfestellung bei der Entscheidung über Fortsetzung oder Abbruch einer Schwangerschaft als Ziele der pränatalen Diagnostik (11);

·         im Rahmen des sog. Ersttrimester-Screenings werden Ultraschall- und Blutuntersuchung miteinander kombiniert; in der 11. bis 13. SSW p.m. wird aus den Ergebnissen der Ultraschalluntersuchung des Fetus sowie aus der Bestimmung von Protein- und Hormonkonzentrationen im mütterlichen Blut das individuelle Risiko für eine chromosomale Fehlverteilung (Aneuploidie) errechnet;
da das Ersttrimester-Screening das Risiko von Neuralrohrfehlentwicklungen nicht erfasst, wird der sog. AFP-Test in der 16.-18. SSW p.m. häufig zusätzlich durchgeführt; Konzentration eines Proteins untersucht, das vom Fetus produziert wird und in den mütterlichen Blutkreislauf gelangt; erhöhte Konzentration deutet auf die Möglichkeit des offenen Rückens (Spina bifida) oder einer schweren Hirnfehlbildung (Anenzephalie) beim Ungeborenen hin; der Ausprägungsgrad der Fehlbildung bzw. die Therapierbarkeit lassen sich in der Regel durch eine Ultraschalluntersuchung abschätzen;
beim sog. Triple-Test werden, ebenfalls in der 16.-18. SSW p.m. die Konzentrationen dreier Substanzen im mütterlichen Blut untersucht; unter zusätzlicher Berücksichtigung des Alters der Mutter und der Schwangerschaftsdauer lässt sich das Risiko für eine Trisomie 21 (Down-Syndrom) beim Kind abschätzen;
Chorionzottenbiopsie: ab 10. bis 12. SSW p.m.; Plazentagewebe
Amniozentese: ab 14. bis 19. SSW p.m.; Fruchtwasser
Fetalblutpunktion: fetales Blut aus der Nabelschnur
die (bei diesen drei Methoden) gewonnenen Zellen können durch eine Darstellung der Chromosomen (Karyotypisierung) mikroskopisch auf chromosomale Fehlverteilungen oder strukturelle Chromosomenveränderungen und mittels molekulargenetischer oder biochemischer tests auf monogene Erkrankungen untersucht werden; chromosomale Fehlverteilungen lassen sich auch  in einem Schnelltest (sog. Interphase-Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung, Interphase-FISH) erkennen, in der Regel ist jedoch eine Bestätigung durch eine Chromosomendarstellung erforderlich;
nach einer Chorionzottenbiopsie oder Amniozentese  stehen vollständige Untersuchungsergebnisse erst zwei bis drei Wochen später zur Verfügung, weil die gewonnenen Proben fetalen Gewebes so gering sind, dass sie für die Diagnose zunächst vermehrt (kultiviert) werden müssen;
Abortrisiko nach Chorionzottenb. 2-4% bei Zugang durch den Gebärmutterhals und 1-2% bei Zugang durch die Bauchdecke;
Fetalblutpunktion Abortrisiko >1%;
Amniozentese Fehlgeburtsrisiko 0,5-1% (11ff)

·         Chromosomenstörungen:
Numerische Chromosomenstörungen sind in der Regel nicht vererbt, sondern entstehen bei der Reifung der Keimzellen. Alle autosomalen Monosomien und die meisten Trisomien sind vorgeburtlich letal. Demgegenüber ist die Trisomie 21 mit dem Leben vereinbar. Neugeborene mit anderen Trisomien, z.B. Trisomie 13 oder 18, sind zwar lebensfähig, haben aber schwerste Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen.
Strukturelle Chromosomenstörungen können erblich sein und sind wie eine monogen erbliche Krankheit durch PND oder PID diagnostizierbar. Strukturelle C. können „balanciert“ sein, d.h. das genetische Material ist nur umverteilt, aber weder vermehrt noch vermindert [z.B. fehlt ein Stück, das eigentlich zu Chromosom 7 gehört, an diesem Chromosom, hängt aber zusätzlich an Chromosom 14 JK]. Sie sind äußerlich nicht erkennbar und kommen in der Bevölkerung mit einer Häufigkeit von etwa 1:500 vor. Für Kinder eines Elternteiles mit einer balancierten C. besteht das Risiko [50% JK] eines unbalancierten chromosomalen Status [nach der Neu-Verteilung der Chromosomen bei der Befruchtung fehlt an einem Chromosom ein Teil-Stück völlig oder ist an einem Chromosom zuviel vorhanden JK], der meist mit schweren und multiplen Fehlbildungen sowie schweren zentralnervösen Störungen verbunden ist. Die überwiegende Anzahl dieser Störungen ist mit einer normalen Embryonalentwicklung nicht vereinbar, sodass die meisten betroffenen Embryonen frühzeitig sterben. (21)

·         Spätabbrüche:
Um zu verhindern, dass das Kind nach Durchführung des Abbruchs lebt, wird bei derartigen Spätabbrüchen zuvor meist ein Fetozid durchgeführt [d.h., das Kind wird bereits im Mutterleib getötet JK] (24)

·         Schwangerschaftsabbrüche:
Die genaue Zahl der Abbrüche nach einer PND kann man nur schätzen; sie liegt zwischen 2 und 4 Prozent der registrierten Schwangerschaftsabbrüche überhaupt.
Die seit 1996 geltende „medizinische Indikation“ umfasst – anders als die vorher geltende „embryopathische Indikation“ – auch solche Fälle, bei denen der Schwangerschaftsabbruch nur aufgrund deiner Erkrankung der Mutter durchgeführt wird:
Der Anteil medizinisch indizierter Schwangerschaftsabbrüche war in den Jahren von 1996 bis 2000 insgesamt leicht rückläufig. Der Anteil der Abbrüche, die noch nach dem Beginn der 23 SSW p.c. vorgenommen werden, ist in etwa konstant.
Zahlen aus Tabelle V im Anhang:

Jahr