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Hat der „Mensch“ wirklich nach Gen.2,15 den biblischen Auftrag, „die Erde zu bebauen und zu bewahren“ ?

 

Es wird immer wieder gesagt, dass der „Mensch“ den biblischen Auftrag habe, „die Erde zu bebauen und zu bewahren“, wobei man sich auf Gen.2,15 beruft. Auch in der verbreiteten Formulierung, der Mensch sei zur „Bewahrung der Schöpfung“ gerufen, schwingt sicher die Erinnerung an die gleiche Bibelstelle mit. Aber lässt sich der verantwortliche Umgang mit (Um-)Welt und „Schöpfung“ wirklich unter Bezug auf diese Textstelle in der Bibel begründen?

Im Folgenden soll den Beziehungen zwischen „Mensch“ und „Erde“ in den ersten drei Kapiteln der Bibel genauer nachgespürt werden.

 

1. „Die Schöpfung“ (Gen.1 bis 2,4a)

Wenn man den Text Gen.1,1-2,4a in der Luther-Übersetzung liest, begegnet das Wort „Erde“ insgesamt 20 mal. Das hebräische Wort dafür ist HA-AREZ. Es steht im Kapitel Gen.1 in den Versen 1, 2, 10, 11 2x, 12, 15, 17, 20, 22, 24, 26 2x und in Gen.2 in den Versen 1 und 4a. An zwei Stellen (Gen.1, 24 + 25) steht im Original ebenfalls HA-AREZ, wird aber von Luther anders übersetzt – dort geht es um die „Tiere des Feldes“ (die auf der (trockenen) Erde leben). Wo das Wort HA-AREZ steht, geht es um eine Benennung für „das Große Ganze“, um allgemeine Beschreibungen, um ein eher abstraktes Verständnis von „Welt“:

·       Die Erde (unten) ist das Gegenüber zum Himmel (oben) - in Gen.1,1+15, Gen.2,1+4a.

·       Die Erde ist das Gegenüber zum Meer – in Gen.1,10.

·       Die Erde hat die Eigenschaft der Fruchtbarkeit, aus ihr wachsen die Pflanzen (Gen.1,11) und sie bringt auch die landlebenden Tiere hervor; Vögel, Tiere und Gewürm haben die Erde, das feste, trockene Land, als ihren Lebens-Raum (Gen.1,22+24+25).

·       Die Menschen sollen die ganze Erde (die „Welt“) bevölkern (Gen.1,28).

Nur an einer Stelle in diesem Erzählstrang (Gen.1,25) steht, wo Luther „Erde“ übersetzt, im Hebräischen ein anderes Wort: ADAMA. Damit ist an dieser Stelle die fruchtbare oberste Erdschicht gemeint, der Ackerboden, als der konkrete begrenzte Lebensraum, auf und in dem das „Gewürm“ lebt.

Gott schafft nach Gen.1,27f. den Menschen (ADAM), er segnet ihn, und in dem, was danach gesagt wird, konkretisiert sich der göttliche Segen: In der Fruchtbarkeit und Vermehrung der Menschen wird der Segen wirksam und sichtbar. Aber auch im Untertan-Machen der (ganzen) „Erde“ – von der ganzen „Schöpfung“ ist hier nicht die Rede - soll der Mensch segensreich tätig sein, indem er den Auftrag Gottes erfüllt, als sein Statthalter („Bild Gottes“) ein guter fürsorglicher Herrscher ist und seine besondere Stellung auf der Erde in Verantwortung vor Gott wahrnimmt.

Martin Luther merkt zu seinem Verständnis von „untertan“ in einer Randbemerkung in seiner Bibel von 1534 an:

(untertan)
Was ihr
(an)bauet und (er)arbeitet auf dem Lande,
(nur?) das soll euer Eigen(tum) sein und die Erde soll euch (nur?) hierin dienen
(Biblia, das ist die gantze Heilige Schrifft Deudsch, Mart. Luth. Wittemberg. 1534,
Einfügungen in Klammern von J.Krause)

Nach diesem Verständnis sind Allmachtsphantasien und Weltbeherrschungs-Ansprüche ausgeschlossen. Der Mensch muss sich mühen, er darf (nur?) die Früchte seiner Arbeit besitzen und nutzen, und (allein?) darin – in der lebenssichernden Landbewirtschaftung - darf er die Erde in Anspruch nehmen.

1. Fazit:
An dieser – immer wieder auch anders verstandenen und ausgedeuteten Stelle Gen.1,28 mahnt die Bibel also zum fürsorglichen Umgang des Menschen (ADAM) mit der Erde / Welt (HA-AREZ), die (Teil von) Gottes Schöpfung ist.

 

2. „Das Paradies“ (Gen.2,4b-15)

In dem sich nun anschließenden Text, der Erzählung vom „Paradies“, steht eingangs in der Luther-Übersetzung vier Mal das Wort „Erde“ als Übersetzung des hebräischen Wortes HA-AREZ (Gen.2, Verse 4b, 5 2x, 6).

Aber im Weiteren wird ein zweiter Aspekt von „Erde“ wichtig: jetzt steht hier im Hebräischen das Wort ADAMA, welches das fruchtbare Erdreich meint, das durch den Menschen (ADAM) zum Ackerboden umgestaltet und genutzt wird (Gen.2,5+6+7+9).
Das „Baumaterial“ für den Menschen (ADAM) wird vom Acker-Boden (ADAMA) genommen (siehe Gen.2,7 – dabei steht dort, wo Luther „Erde“ übersetzt, im Hebräischen das konkretere Wort APAR = Lehm). Damit entsteht und besteht eine innige, im Hebräischen auch durch sprachliche Verwandtschaft ausgedrückte Beziehung: Der Mensch (ADAM) kommt von der Erde (ADAMA), und zu ihr wird er zurückkehren (vgl. Gen.3,19).
Die einzige in Gen.2 benannte Aufgabe für den Menschen besteht darin, das Erdreich, den Ackerboden (ADAMA) zu bearbeiten (hebr. ABOD, erstmals in Gen.2,5, auch in der Bedeutung: bedienen). An späterer Stelle wird auch Kain, der Sohn des ADAM, als „Diener der ADAMA“, als „Knecht der ADAMA“ bezeichnet: Gen.4,2).

Aus der Acker-Erde (ADAMA) „macht“ Gott auch alle Tiere (Gen.2,19). Mensch und Tiere sind damit als engstens miteinander verwandt charakterisiert. Aus Gen.2,17+18+20 geht hervor, dass Gott die Tiere als mögliche Partner des Menschen erschafft, um den Menschen („es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei!“) zu ergänzen.
Martin Luthers Übersetzung führt hier in (zu) zielstrebiger Ausrichtung direkt auf die Erschaffung der Frau hin, Gott sucht nach dem Luther-Text für ADAM eine „Gehilfin“ … „die um ihn sei“. Exakter und allgemeiner ist hier aber im Text die Rede von einer erwünschten und notwendigen Ergänzung für ADAM, einem „Gegenpart“.
2. Fazit:
Auch in der in Gen.2 vorliegenden Darstellung der (materiellen) Verwandtschaft und möglichen Partnerschaft zwischen Mensch und Tieren findet sich eine Begründung dafür, dass der Mensch zumindest gegenüber Tieren in einem besonderen Verhältnis steht. Vielleicht kann diese Vorstellung auch auf die Pflanzen ausgeweitet werden, die ja nach Gen.1,11 ebenfalls von der Erde – dort HA-AREZ – hervorgebracht werden.

 

Im weiteren Verlauf der Erzählung (Gen.2,8ff.) wird geschildert, dass Gott einen Garten der Wonne anlegt (Garten Eden; GAN EDEN). Dieser Garten befindet sich an einer begrenzten, genau beschriebenen Stelle der Erde / Welt (HA-AREZ), ist ein Teil von ihr, ist nicht mit ihr identisch. In diesem Garten stehen besonders schutzwürdige Bäume: der „Baum des Lebens“ und der „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“ (Gen.2,9). Gott verbietet ADAM den Genuss der Früchte vom „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“, die Übertretung wird mit der Todesstrafe bedroht (Gen.2,17)!
Nach Gen.2,15 wird der Mensch von Gott in diesen Garten „gesetzt“. Und er erhält einen Auftrag, der zwei Ziele beinhaltet: ADAM soll diesen Garten bebauen (bearbeiten, bedienen, hebr. AB-DAHH) – das Bearbeiten des Ackers ist nach biblischer Sicht immer und überall seine Aufgabe – siehe Gen. 2,5 - so also konsequenterweise auch hier im Garten Eden. Und zweitens soll ADAM den Garten bewachen (auch: hüten; hebr. LESCHAMERAHH), soll unberechtigten Zugang und Zugriff verwehren (wohl im engeren Sinne zu den „verbotenen Früchten“).

 

3. „Der Sündenfall“ (Gen.3,1-24)

Aber die Menschen können den Verlockungen der verbotenen Früchte am Baum der Erkenntnis nicht widerstehen: Der von Gott eingesetzte Hüter übertritt selbst die Schutz-Bestimmungen!

Der Erzählstrang in Gen.3 schildert, dass Gott den Menschen für diese Verfehlung straft und dass er auch den Schutz des Gartens neu regelt. Die Erde (ADAMA), an die der Mensch (ADAM) gebunden bleibt, wird verflucht. Sie wird (nun auch) Dornen und Disteln tragen. Der Mensch darf weiterleben, aber es ist ein erdgebunden-mühsames und zeitlich begrenztes Dasein (Gen.3,17+18+19). Der Mensch wird aus dem Garten Eden verwiesen (Gen.3,23f.), weil er der ihm übertragenen Wächter-Aufgabe im Garten nicht gerecht geworden ist.
Sein Wirken wird wieder auf seine ursprüngliche Aufgabe begrenzt. Der Mensch soll weiterhin – nun (wieder) draußen in der „Welt“ außerhalb des Gartens - den Ackerboden (ADAMA) bearbeiten (hebr. ABOD; Gen.3,23).

Dass beim „Bebauen“ an einen schonenden, fürsorglichen Umgang mit der Ackererde zu denken ist, nicht an Ausbeutung und Verwüstung der Erde, ist wohl selbstverständlich mit-gemeint: Der Ackerboden ist Lebensgrundlage, die allein des Menschen Existenz sichern kann, und er ist als „Diener“, nicht als Beherrscher der ADAMA (Gen. 2,7; Gen. 4,2) eingesetzt.

Dennoch ist festzustellen: Vom „Bewahren“ (besser: bewachen) ist nun an dieser Stelle im Text nicht mehr die Rede. Für den zweiten Teil der Aufgabe, die in Gen.2,15 dem Menschen übertragen worden war, werden fortan die Cherubim als Wächter eingesetzt. Sie sollen nun nach Gen.3,24 den Weg zum Baum des Lebens schützen (bewachen, hebr. LISCHEMOR, es handelt sich hier um den gleichen Wortstamm wie in Gen.2,15).
3. Fazit:
Mit der isoliert vorgetragenen Aussage von Gen.2,15 sollte meines Erachtens NICHT begründet werden, dass „der Mensch“ von Anfang an bis heute den Auftrag habe, „die Erde (oder gar die ganze Schöpfung) zu bebauen und zu bewahren“ ! Der Bezug auf diese Bibelstelle könnte aber durchaus so verstanden werden, dass ein „paradiesischer Zustand“ beschrieben wird, wie das Verhältnis des Menschen zur Schöpfung „eigentlich gemeint“ war/ist.
Dass ADAM in der Welt und für die Mitgeschöpfe Verantwortung trägt, wird nach der hier gegebenen Darstellung in vielen biblischen Aussagen deutlich, bei konkreter Bezugnahme sollte aber sorgsam auf den wirklichen Kontext geachtet werden.

 

(Nachsatz: Erst nach Fertigstellung dieses Textes habe ich entdeckt, dass das Thema „Bebauen und Bewahren?“ schon einmal in den BRIEFEN thematisiert wurde: Nr.27, 1992, S.5ff.).