zur startseite

weitere infos glaube naturwissenschaft

 

 

Bestellung des im Folgenden wiedergegebenen Textes als gedruckte Broschüre HIER

Herunterladen als PDF-Datei HIER

 

 

 

 

Von Schöpfung, Paradies und Sündenfall –

Wie Juden die Heilige Schrift lesen, verstehen und auslegen

 

Inhalt:
1. Die Thora - die Heilige Schrift der Juden ……………………. 3

2. Die Heiligen Schriften der Juden ……………………………… 4

3. Wir haben ein Problem:
    Der Originaltext ist in hebräischer Sprache überliefert …… 8

4. Der Umgang mit den heiligen Texten im Judentum ……….. 9

5. Begegnung mit den ersten Worten der Heiligen Schrift ….. 10

5.1. Die Schöpfung

5.2. Das Paradies

5.3. Leitworte

5.4. Der Sündenfall

6. Anhang …………………………………………………………….. 20
6.1. Auszüge aus einigen Midraschim

6.2. Die ersten vier Kapitel der Bibel, von Juden verdeutscht

6.3. Begriffe in der jüdischen Überlieferung

6.4. Judentum

6.5. Wer ist ein Jude?

6.6. Wie kommt ein Jude in den Himmel?

6.7. Die zehn Gebote

6.8. Aus dem Talmud

6.9. Probleme bei der Übersetzung der Heiligen Schriften –
       schon vor 2200 Jahren

6.10. Zur unterschiedlichen Anordnung der Texte in der hebräischen
       und in der christlichen Bibel

6.11. Unterschiedlicher Textbestand der Heiligen Schriften
       bei Juden und christlichen Konfessionen

6.12. Das Augsburger Bekenntnis (Erbsünde)

6.13. Gematrie

7. Quellen und Literatur ……………………………………………. 32

 

 

1. Die Thora - die Heilige Schrift der Juden

 

Es geht um die Thora, das Buch, das wir Christen „Altes Testament“ nennen - das aber auch die Heilige Schrift der Juden ist. Das Traditionsgut der Thora macht etwa drei Viertel des Textbestandes der Bibel aus.

Die Juden gehen mit diesen Texten schon tausend Jahre länger um als wir Christen.

Und sie lesen und verstehen ihre Heilige Schrift als abgeschlossenes Ganzes. Sie lesen sie ohne die für Christen un­verzichtbaren Ergänzungen des Neuen Testaments. Und sie lesen sie auch nicht aus diesem Blickwinkel (interpretie­rend).

An dieser Stelle sei daran erinnert: Auch Jesus war ein gesetzestreuer thoragläubiger Jude. Er kannte nur das „Alte Testament“, und er sagte: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz oder die Propheten  aufzulösen; ich bin nicht gekom­men, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis dass Himmel und Erde vergehe, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz ...“ (Matth. 5,17f.; mit dem „Gesetz“ und den „Pro­pheten“ sind die Heiligen Schriften des Judentums insgesamt gemeint JK). Deswegen sind wohl auch seine Aussagen, die sich im Neuen Testament unmittelbar anschließen (Matth. 5,21ff.), nicht als „Antithesen“ zu verstehen („Ihr habt gehört ... ich aber sage euch: ...), sondern als Auslegungen, die neben andere Auslegungen treten („ich lege euch das heute so aus: ...“) – siehe auch unten Seite 6 Anmerkungen zur „jüdischen Streitkultur“. In der Tat findet sich im Neuen Testa­ment keine Kritik oder gar Außerkraftsetzung der alten Bibel, vielmehr gilt durchgängig, dass sich durch den Messias Jesus „die Versprechen, die den Erzeltern gegeben wurden, als gültig erwiesen“ haben (Röm 15,8)
Die SCHRIFT, die heiligen Texte und ihre Auslegung, haben zentrale Bedeutung für das Judentum – nicht nur für die Religion und den Gottesdienst, sondern auch für den Zusammenhalt als Volk, und sie sind bedeutsam für die Le­bensführung im Alltag.

 

Das BUCH der Juden:
Die jüdische Einteilung unterscheidet:

          die fünf Bücher Mose (zusammenfassend alsThora“ = „Weisung“ bezeichnet);

          die „Propheten“ („Nebiim“; einschließlich der geschichtlichen Bücher Josua, Richter, Samuel und Könige);

          die „Schriften“ („Ketubim“: Psalmen, Sprüche, Hiob, kleinere Schriften sowie solche aus späterer Zeit wie Daniel, Chronik)

          Nach den hebräischen Anfangsbuchstaben dieser drei Teile heißt die Sammlung der Heiligen Schriften (das „Alte Testament“ bei Juden meist Tanach

 

 

2. Die Heiligen Schriften der Juden

 

Die Heilige Schrift der Juden im engeren Sinne ist die Thora. Sie bestand ursprünglich nur aus den „Fünf Büchern Mose“, wurde aber später erweitert.
Die verschiedenen Überlieferungstraditionen des Judentums (aus christlich-abendländischer Sicht) sollen an der fol­genden Tabelle deutlich gemacht werden.

Auf der linken Seite sehen wir die uns vertraute Zeitleiste mit der christlich-abendländischen Zählung der Jahre.
Juden verwenden hier eine andere Zählung (siehe dazu die rechte Zeitleiste), dort beginnt die Zählung mit der Schöp­fung, die aus biblischen Zeitangaben für das Jahr 3761 v.Chr. berechnet wurde. Das für unsere Zählung bedeutsame Jahr „Null“, die Zeitenwende, die sich mit der Geburt von Jesus vollzieht, ist in der jüdischen Zählung ein Jahr wie je­des andere.

Die zweite Spalte von links weist auf ausgewählte wichtige geschichtliche Ereignisse hin: Angegeben ist die Wir­kungszeit des Mose sowie zwei einschneidende geschichtliche Katastrophen im Leben des jüdischen Volkes, die sich jeweils mit der Zerstörung des Tempels verbinden.

In drei weiteren Spalten unter den Stichworten „Thora“, „Talmud“ und „Midraschim“ sind mehrere Überlieferungs­stränge aufgeführt, die seit weit über 2000 Jahren nebeneinander herlaufen.
Anfangs wurden die heiligen Texte praktisch ausschließlich mündlich überliefert. Wir können uns heute kaum noch vorstellen, dass auch in der mündlichen Rezitation Texte über lange Zeiträume sehr exakt weitergegeben werden können (Auswendiglernen, Rezitieren, Vortragen). Als schwacher Vergleich sei daran erinnert, dass gute Schauspieler oder Opernsänger ein großes Repertoire von Texten exakt in ihrem Gedächtnis bewahren.

 

Thora:
Ein einschneidendes Ereignis im Leben des jüdischen Volkes war die Zerstörung des ersten Tempels – er war in der Regierungszeit des Königs Salomo erbaut worden - im Jahre 586 v.Chr. und die Verschleppung der Elite des Volkes in das babylonische Exil. Erst Jahrzehnte später war eine Rückkehr nach Palästina möglich. Im Nachdenken über die Katastrophe und in der Begegnung und Auseinandersetzung mit der Religion des mächtigen Zweistromlandes festig­ten die Juden ihre Identität – und die überlieferten religiösen Texte erwiesen sich dabei als wichtige Essenz. Das in seiner Bedeutung neu entdeckte Bekenntnis zum Gott der Väter wurde nach der Rückkehr erstmals umfassend schriftlich zusammengefasst. Die Sammlung der „schriftlichen Thora“ erfolgte im 6. bis 4. Jahrhundert v.Chr.; sie um­fasste zunächst nur die fünf Bücher, die Mose zugeschrieben wurden. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurden aber weitere Texte als wichtige Quellen des Glaubens entdeckt und aufgenommen.
(Nach Ansicht christlicher Theologie haben die meisten Schriften ihre endgültige Form in der Zeit vom 4. bis zum 2. Jahrhundert v.Chr. gewonnen. Mit dem Beginn schriftlicher Aufzeichnungen größeren Umfangs, die in den heutigen Büchern bewahrt sind, wird man frühestens vom 9. Jh., eher vom 8. Jh. v.Chr. an rechnen.)
Als nach dem jüdischen Aufstand im Jahre 70 n.Chr. der zweite Tempel zerstört und der jüdische Staat aufgelöst wurde, drohte die Zerstreuung der Juden in alle Welt und der Verlust der verbindenden Religion. Welche Texte ge­hörten eigentlich zum verbindlichen Glaubens­bestand des Judentums?. Die Synode in Jabne (eine Versammlung von Gelehrten) stellte zwischen 90 und 95 n.Chr. den verbindlichen Kanon zusammen (Kanon = Bestand der als Urkunde göttlicher Offenbarung und Norm der religiösen Lehre maßgeblichen Schriften). Die Heilige Schrift bestand nun aus der „Weisung“ („Thora“: die fünf Bücher Mose), den „Prophe­ten“ („Nebiim“; einschließlich der geschichtlichen Bücher Josua, Richter, Samuel und Könige) und den „Schriften“ („Ketubim“: Psalmen, Sprüche, Hiob, kleinere Schriften so­wie solche aus späterer Zeit wie Daniel, Chronik). Nach den hebräischen Anfangsbuchstaben dieser drei Teile heißt das Alte Testa­ment bei Juden meist „Tanach“.
Die damals für verbindlich erklärte Zusammenstellung bildet heute auch den Bestand des „Alten Testaments“ in der Lutherbibel. Allerdings unterscheidet sich bei Juden und Christen die Reihenfolge der einzelnen Schriften. Die jüdi­sche Heilige Schrift schließt mit dem 2. Buch der Chronik. Dieses endet mit der Zusage und der Aufforderung zur Rückkehr aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem. In christlichen Bibelausgaben endet der „alttestamentliche“ Teil mit dem Buch Maleachi. Dafür gibt es einen theologischen Hintergrund, denn das Buch Maleachi verweist in ei­nem seiner letzten Verse auf das Wiederkommen des Propheten Elija, der als Vor-Bote des Messias verstanden wurde; und damit wird (in christlicher Lesart) ein Ausblick, eine direkte Verbindung hin zum Neuen Testament herge­stellt.

Katholische Bibelausgaben beziehen sich auf das Konzil von Trient 1546 und enthalten einige Bücher zusätzlich (To­bit, Judit, Weisheit, Jesus Sirach, 1. und 2. Buch der Makkabäer, Baruch). Die Bibel der Orthodoxen Kirche enthält zu­sätzlich zur katholischen Bibel noch das 3. Buch Esras, und das 3. Buch der Makkabäer
(Haag: Bibel-Lexikon, Leipzig 1969; Westermann: Genesis-Kommentar, Berlin 1983, Band 2, S.478).

 

Traditionen der Überlieferung im Judentum

unsere
christliche
Zeitrech­nung

jüdische
Zeitrech­nung

Ereignis

Thora
(und Tanach)

Talmud

Midra­schim

3761 v.Chr.

0

Datum der Schöpfung
nach den Berechnun­gen des jüdischen Patriarchen Hillel II.
(4. Jh. n.Chr.)

 

 

 

etwa 1300
v.Chr.

um 2400

Lebenszeit von Mose

mündliche
Überlieferung
der heiligen
Texte

„mündlich gelehrte Thora“:
Lehrentschei­dun­gen zu konkreten Lebens­fragen

 

„Ausführungs­bestim­mungen“ zu den Geboten in der Thora

Samm­lungen von
Erzäh­lungen, Sa­gen als Ver­ste­hens­hilfen und Er­klärun­gen für Texte der Heiligen Schrift

586 v.Chr.

 

Zerstörung des ersten Tem­pels;
Gefangenschaft in Babylon

6.-4. Jh. v. Chr.

 

 

Sammlung und Auf­schreiben
der Texte;

„schriftliche Thora“
(5 Bücher Mose)

0

3761

 

 

70 n.Chr

 

Zerstörung des zwei­ten Tem­pels

 

90/95 n.Chr.

 

Synode von Jabne

Zusammen­stellung des KANONS
(= „Maßstab“):

2. Jh. n.Chr.

 

 

+ Thora „Weisung“
+ Nebiim „Propheten“
+ Ketubim „Schrif­ten

= TaNaCH

schriftliche Zu­sammen­fassung in der Mischna

5. Jh. n. Chr.

 

 

Kommen­tare zu den Mischna-
Tex­ten = Gemara


Talmud:

Das Alltagsleben eines frommen Juden richtet sich an den Anweisungen und Geboten aus, die die Thora als (Weg-) „Weisung“ vorgibt und anbietet.

Im Talmud sind Aussagen von bedeutsamen Rabbinern aufbewahrt, in denen sie sich zu konkreten Lebensfragen äu­ßern. Viele Generationen von Religionslehrern rangen um die rechte Auslegung der Thora. Ihre Einsichten wurden lange Zeit mündlich weitergegeben, ab dem 2. Jahrhundert n.Chr. wurde aber auch diese „mündlich gelehrte Thora“ schriftlich niedergelegt. Es gibt den Jerusalemer und den Babylonischen Talmud, der letztere ist wesentlich umfang­reicher und umfasst etwa 6000 Seiten.
Die ursprünglichen Aussagen der Autoritäten bilden die „Mischna“. Dabei handelte es sich um eine kurze Zusam­menfassung der Meinungsbildung zu einer konkreten Frage. Es konnten durchaus unterschiedliche oder gar wider­sprüchliche Antworten nebeneinander stehen bleiben. Die Zusammenstellung der Mischnatexte erfolgte im 2. Jh. n.Chr. durch Rabbi Jehuda und umfasst(e) etwa 600 Seiten.
Die Texte der Mischna wurden aber immer neu durchdacht und kommentiert. Satzweise wurde die Mischna in der „Gemara“ erklärt.

Der weitergehende Diskussions- und Gesprächsprozess ist auch heute noch eindrücklich am Druckbild jeder einzel­nen Talmudseite abzulesen. Der erste Druck des Babylonischen Talmud wurde in Venedig zwischen 1520 und 1523 fertiggestellt – dieser Text liegt allen späteren Ausgaben zugrunde. Die folgende Abbildung zeigt die erste Seite des babylonischen Talmud mit dem Beginn des Traktats BERACHOT (Segenssprüche). Der Talmud-Text steht in der Mittelspalte. Unter dem sehr groß gedruckten Anfangswort befindet sich zunächst die Mischna; von der Mitte der Spalte ab (kenntlich an zwei größer gedruckten Buchstaben) folgt die Gemara. Links vom Talmud-Text steht der Kommentar des bedeutendsten mittelalterlichen Talmud-Auslegers Raschi ( = Rabbi Schlomo ben Jichzak, 1040-1105); am rechten Rand Erläuterungen aus der Schule Raschis, am linken Rand in kleinerer Schrift andere Kommen­tare. Die jüngere Tradition legt sich wie in Jahresringen um die älteren Schichten (siehe Abbildung).

 

Im Traktat Berachot geht es im Abschnitt I,1 um die Frage, bis wie spät am Abend man die Verpflichtung hinausschieben kann, das vorgeschriebene (Morgen- und) Abendgebet Schemá Jisrael zu beten.
Mischna:

„Von welcher Zeit an liest man das Schemá am Abend? Von der Zeit an, da die Priester hineingehen, von ihrer heiligen Gabe zu essen, bis zum Ende der ersten Nachtwache. (das sind) Die Worte des Rabbi Elieser. Die Chakamim (die Weisen, d.h. die Lehrer der Mischna) aber sagen: bis Mitternacht. Rabban Gamliel sagt: bis der Morgenstern aufsteigt ...“
Die in der Mischna offengebliebene Frage versucht die Gemara zu klären.

 

Seite aus dem Babylonischen Talmud

 

Gemara

 

Mischna

 

Das Bild der Talmudseite ist auch ein Sinnbild für jüdische „Streitkultur“. Wenn Juden unterschiedliche Ansichten zu einer Frage vertreten, vor allem in religiösen Fragen, dann wird nicht vorrangig nach der einen, richtigen, wahren Ant­wort gesucht, der sich alle unterzuordnen haben. Im Suchen nach der Wahrheit geht es nicht um die Entscheidung über „richtig“ oder „falsch“. Die erste Meinung bleibt stehen, und der Diskussionspartner stellt seine Sicht der Dinge daneben. Weitere Diskussionsteilnehmer können die Argumente prüfen und abwägen, sich auf die eine oder andere Seite schlagen – sie können aber auch weitere Auslegungen, „ihre“ Geschichten hinzufügen. Vielleicht ist das auch eine Erklärung dafür, warum in biblischen Texten manchmal (logisch) widersprüchliche Aussagen nebeneinander ste­hen bleiben konnten (Vergleich der Schöpfungsdarstellungen im 1. Buch Mose, Kapitel 1 und 2; unterschiedliche Er­zählstränge beim Sintflutgeschehen 1. Mose 6-9).

Im Laufe der Jahrhunderte hat der Talmud neben der Thora eine hohe Autorität und Ver­bindlichkeit im Judentum er­langt.

 

Midraschim:
Bei den Midraschim (Einzahl: Midrasch) handelt es sich um Erzählungen und Sagen, die oft in Sammlungen zusam­mengestellt wurden. Wenn der gläubige Jude beim Lesen in der Schrift auf Geschichten stößt, die schwer zu verste­hen oder scheinbar unlogisch sind, bieten die Midraschim Verstehenshilfen, Erklärungen, Erläuterungen. Die ur­sprünglichen Geschichten werden ausgeschmückt und ergänzt (manchmal auch in Veränderung der ursprünglichen Thora-Texte). Wir haben hier eine erbauliche Auslegung alttestamentlicher Bücher durch jüdische Schriftgelehrte vor uns, in denen die Thora satzweise erklärt wird. Eine große Bedeutung haben solche Erzählungen in der Unterweisung von Kindern und in der Volksfrömmigkeit. Diese kleinen Texte prägen das „Schriftverständnis“ vieler Juden wohl stärker als die eigentli­chen Texte in der Thora.

Beispiel: Ein MIDRASCH klärt auf:

Problem:
In der Bibel steht: Adam und Eva sind die ersten Menschen, und sie  haben (nur) zwei Söhne, Kain und Abel.
Diese nehmen sich Frauen – aber woher eigentlich?


Ein Midrasch erklärt:

Mit Kain zugleich ward auch seine Zwillingsschwester geboren,
und auch mit Abel zugleich kam seine Zwillingsschwester zur Welt,
und diese wurden hernach ihre Weiber.
Es steht doch aber geschrieben:
„Wenn jemand seine Schwester nimmt, seines Vaters Tochter oder seiner Mutter Tochter, und ihre Blöße aufdeckt, das ist Blutschande;
die sollen ausgerottet werden vor den Leuten ihres Volkes.“
Aus dieser Geschichte kannst du aber entnehmen, dass es keine anderen Menschentöchter dazumal gab, die sich Kain und Abel hätten nehmen können; darum wurde es ihnen erlaubt.
Daher heißt es auch: „Auf Gnade ist die Welt aufgebaut worden.“

(Sagen der Juden S. 95)

 

Ergänzung: Nach dem Wortlaut der Bibel hat nur Kain eine Frau, Abel nicht …

 

Die jüdische Tradition sieht die eben skizzierte Entwicklung zwar auch im geschichtlichen Zusammen­hang, beruft sich aber in der religiösen Tradition auf eine durchgehende Überlieferungskette. Eine grundlegende Aus­sage über die ununterbrochene Reihe der Über­lieferungsträger vom Empfang der Thora am Sinai durch Mose an steht im babylonischen Tal­mud (kursiv eingefügte Erläuterungen des Autors):

„Mose empfing die Thora, die Gotteslehre, am Berge Sinai
(in einer schriftlichen und mündlichen Gestalt. Die schriftliche Lehre enthielt die nach ihm genannten fünf Bücher. In der mündlichen Lehre, dem Talmud, war alles angedeutet, was die maßgebenden Schriftgelehrten in der Folgezeit von der schriftlichen Thora ableiten würden)
und überlieferte sie dem Josua. Josua überlieferte sie den Ältesten
(, die zur Zeit der Richter das Volk regierten ...).

Die Ältesten übergaben sie den Propheten und die Propheten den Männern der großen Synode
(, die von der Zerstörung des ersten Tempels bis zu der Zeit, da Palästina unter die Herrschaft des griechischen Kö­nigs Seleucos kam, an der Spitze des jüdischen Volkes standen).
Der letzte unter den Männer der großen Synode war Simon der Gerechte.“
(Der Babylonische Talmud, übertragen und erläutert von Jakob Fromer (1924), Fourier Verlag Wiesbaden, 1991, S.4f)

 

(im 6. bis 4. Jh. v.Chr. wurde der Text der Thora dann schriftlich fixiert JK)

 

Thora und Talmud gehen nach dem jüdischen Schriftverständnis direkt auf Offenbarungen zurück, die Mose empfan­gen hat. Der seitdem weitergegebene heilige Text ist im Wortlaut verbindlich. Die Tradition der rabbinischen Ausle­gung ist von Gott inspiriert/geführt worden und hat ihren richtigen Sinngehalt bis zu uns unverändert (irrtumslos) be­wahrt.

Ein histo­risch-kritisches Herangehen an die heiligen Texte wird in diesem Verständnis als unangemessen und unnötig abge­wiesen; sie wären eine Verletzung der Heiligkeit dieses göttlichen Wortes.


3. Wir haben ein Problem:
    Der Originaltext ist in hebräischer Sprache überliefert

 

Im folgenden Bild sehen wir die ersten Worte der Heiligen Schrift (im christlichen Sprachgebrauch die ersten Sätze aus dem 1. Buch Mose):

Das ist ein besonderer sprachlicher Zugang, der den meisten von uns verschlossen ist:
Wir können diesen Text nicht lesen, und wir können ihn nicht verstehen (auch wenn ihn uns jemand vorlesen würde).

Martin Luther hat um diese sprachlichen Hürden gewusst:

 

 

„Die Ebräische Sprach ist die allerbeste und reichste in Worten, und rein, bettelt nicht, hat ihre ei­gene Farbe, so dass es ihr keine nachtun kann. ... Wenn ich jünger wäre, so wollte ich diese Sprache erlernen, denn ohne sie kann man  Die Schrift nimmer mehr recht verstehn. Denn das Neue Testament, obs wohl in Griechisch geschrieben ist, doch ist es voll von Ebraismus und ebräischer Art zu re­den. Darum haben sie recht gesagt: Die Ebräer trinken aus der Born­quelle; die Griechen aus den Wässerlein, die aus der Quelle fließen; die Lateinischen aber aus den Pfützen.“
(Martin Luther: Tischreden; nach P. Lapide: Paulus, S.50)

 

Die meisten von uns haben also keinen direkten, unmittel­baren Zugang zu diesen alten Texten. Wir sind auf Über­setzungen angewiesen. Dabei müssen wir uns aber zwei Probleme klarmachen:
Übersetzungen enthalten immer auch Interpretationen (welche von unterschiedlichen angebotenen Deutungen wähle ich aus dem Wörterbuch aus, welche Betonungen – und damit auch inhaltlichen und theologischen Schwer­punktsetzungen – nehme ich vor?).

Und Übersetzungen enthalten Missverständnisse:

 

Stellvertretend für viele andere Fehler sei die Übersetzung der bekannten ALMA = junge Frau aus Jesaja 7,14 er­wähnt, die in der Septuaginta zur inzwischen weltberühmten PARTHENOS = Jung­frau verjungfert worden ist. (dafür würde aber im hebräischen ein anderes Wort stehen: BETULÁ JK);

Der Apfel in der abendländischen Kunst kommt aus einer Fehlübersetzung der lateinischen Vul­gata ...
„Ihr werdet sein wie Gott, scientes bonum et malum, wissend das Gute und das Böse“ ...
„malum“ kann aber sowohl als „Apfel“ wie auch als „böse“ übersetzt werden.
(nach P. Lapide: Paulus, S.50; P. Lapide: Eva, S.90)


Urtext – Verstehen – Übersetzen ???

Beispiel Gen. 29,17: „Die Augen Leas waren zärtlich.“
es könnte aber auch übersetzt werden:
sie waren blöd, schwach, matt, schön, zart, ohne Glanz …

(Tagung: Tora lässt die Augen leuchten; Evangelische Akademie Meißen; 30.5.-1.6.08)

 

Für die Juden autoritativ ist allein der hebräische (Ur-)Text.

Für die Verwendung im Gottesdienst muss er niedergeschrieben sein auf natürlichem Material (z.B. Tierhaut, Perga­ment). Dabei werden mehrere Einzelteile zu einer Rolle zusammengenäht. Die Schriftrolle mit dem gesamten Text der Thora ist etwa 25 Meter lang.
Der Text wird mit der Hand geschrie­ben; dafür gibt es den speziellen Beruf des Thoraschreibers, der etwa ein Jahr für das Schreiben der Rolle benötigt. Der Schreiber benutzt auch heute noch einen Gänsekiel und nach alten Vorschriften hergestellte Tinte. Die Nieder­schrift muss buchstabengenau erfolgen; schon ein einziger Fehler macht die ganze Rolle unbrauchbar für die gottesdienstliche Verwendung.

Wir müssen uns nun ein paar Eigenheiten des Hebräischen deutlich machen:
Es handelt sich um einen durchlaufenden Text.

Er hat keine Überschriften, keine Absätze, keine Verszählung. Um für die Lesungen im Gottesdienst die richtigen Textstellen schnell zu finden, sind daher in vielen Synagogen zwei oder drei Thorarollen im Gebrauch, die an der richtigen Stelle aufgerollt sind. Beim Lesen wird ein Zeigestab verwendet – um die heilige Rolle nicht zu berühren, aber auch, um den (Text-)Faden nicht zu verlieren.

Das Hebräische in der Thora kennt nur Konsonanten, es gibt keine Vokale (Lesehilfen für die richtige Aussprache wurden erst später ergänzt, fehlen aber bis heute in den Thora-Handschriften für den gottesdienstlichen Gebrauch). Ein Jude muss also von einem sprach- und thorakundigen Vorleser gelernt haben, welche Vokale in die Wortlücken gehören. Nur wer den heiligen Text im Vortrag seines Vaters richtig gehört hat und ihn im Gedächtnis bewahrt, kann den richtigen Wortlaut eines Tages seinem Sohn weitersagen.

Im Hebräischen gibt es weiterhin nicht die uns vertrauten und hilfreichen Satzzeichen, z.B. Punkt oder Komma, die das Ende einer Aussage markieren, es gibt auch keine Akzentuierungszeichen, die kenntlich machen, ob eine Aus­sage als Frage, als Ausruf, als Zitat usw. zu verstehen ist (Fragezeichen, Ausrufezeichen).

Im Hebräischen fehlt der unbestimmte Artikel, fehlt das Neutrum, fehlt die neutrale dritte Person (heißt es: „er“ oder „man“ nannte ihn ?)

Es hat keine Hilfszeitwörter.

Den Konjunktiv und Tempora in unserem Sinn gibt es nicht.

Ein und dieselbe Verbform kann übersetzt werden „du aßest einmal, hast gegessen, pflegtest zu essen, wirst künftig essen, sollst, darfst, musst, kannst oder magst essen“.
Und jedem Buchstaben kommt im Hebräischen zusätzlich noch ein Zahlenwert zu, was weiterführende Interpretationen möglich macht.
Der verbindliche Text ist für den gottesdienstlichen Gebrauch immer der ursprüngliche überlieferte hebräische Text. Spätere Veränderungen oder Zusätze sind nicht ver­bindlich; auch (vermutete) Ab-Schreibfehler bleiben erhalten – das könnte etwas bedeu­ten!

 

 

4. Der Umgang mit den heiligen Texten im Judentum

 

Eine An-weisung zum Umgang mit der Thora steht im ersten Psalm:

 

„Glücklich sind,

die ihre Lust haben

an der Weisung des Herrn,

diese Weisung murmeln

Tag und Nacht.“

 

(Psalm 1)

 

Das Wort „Thora“ ist besser als „Gesetz“ durch die Entsprechung „Weisung“ wiedergegeben. So wie eine Mutter (manchmal mit strenger Hand) versucht, ihr Kind auf den rechten Weg zu führen, ihm gute Ratschläge für das Leben zu vermitteln, so soll die Thora einen Juden ständig begleiten. Die Beschäftigung mit diesen Texten ist eine „lust“volle Erfahrung, macht glücklich, und sie geschieht „Tag und Nacht“, also eigentlich immer. In manchen Übersetzungen steht hier „nachsinnen“, aber das Wort „murmeln“ zeigt noch einmal an, dass Lesen und Beten im Judentum immer laut geschehen.

Der Text gewinnt und behält Leben, indem er LAUT gesprochen wird („Wortlaut“!). Das tägliche Bekenntnisgebet der Juden beginnt mit den Worten „Schemá Jisrael“ = Höre Israel. Wenn Juden in der heiligen Schrift lesen oder beten, geschieht das immer hörbar.
Auch der Klang der Worte ist sehr wichtig: Manchmal sind sprachverwandte Wortstämme, Leitworte usw. nur beim Hören zu entdecken (z.B. erschließt sich der sprachliche Zusammenhang von „Blut“, „Mensch“ und „Acker“ nur aus dem Original: Dam – Adam – Adama).
Der exakte Wortlaut ist auch beim Lesen in der Synagoge wichtig. Während der Lesende mit einem Zeigestab dem Schriftfluss folgt (die heilige Rolle darf nicht mit der Hand berührt werden), liest ein zweiter mit und korrigiert eventuelle Lesefehler (Aussprachefehler) sofort laut.

 

Wir denken beim Verstehen der Heiligen Schrift schnell daran, Fachleute zu Rate zu ziehen. In diesem Fall sind das Theologen. Wenn „Theologie“ wörtlich verstanden wird als Wissenschaft, die sich mit Gott beschäftigt, dann gibt im Judentum keine Theo­logie.

Jedweder Versuch, die Geheimnisse Gottes zu enträtseln und fein säuberlich zu systematisieren, wird als Blasphemie empfunden. Schon Benennungen Gottes, das Aussprechen seines Namens, sind ein Verstoß gegen das zweite der Zehn Gebote, das Verbot, irgend etwas Irdisches zu verabsolutieren, um es dann an Gottes Statt anzubeten. Das gilt aus jüdischer Sicht auch für die Versprachlichung Gottes, denn letz­ten Endes ist doch alle Menschenrede von Gott nichts anderes als hilfloses Gestam­mel, ein verzweifeltes Ringen um das letztlich Unsagbare ...

 

„Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was unter der Erde ist.“
(zweites der Zehn Gebote nach Exodus 20,4)
– das Bilderverbot gilt nach jüdischer Vorstellung auch für die theoretischen Gottesbilder aller Theologien

 

Martin Luther hat dieses Gebot in seinem „Kleinen Katechismus“ weggelassen. Er hat auch das Sabbatgebot verän­dert, das seither im Verständnis vieler Christen selbstverständlich als Sonntagsgebot verstanden wird (siehe Anhang).


Konsequenterweise gibt im Judentum

·         keine Bekenntnisse im christlichen Verständnis

·         keine Dogmen

·         keine oberste Lehr-Autorität

Die Botschaft wird in jeder Zeit und von jedem Rab­biner neu gedeutet. Die Bibel wird fallbezogen ausgelegt, eine Deutung ist erst dann notwendig, wenn ein Problem konkret im Alltag auftaucht und eine Antwort nötig ist. Der thora­kundige Rabbiner gibt konkrete biblische Antworten auf dringliche Lebensfragen, wie etwa die Armut, die römische Steuerfrage, den Bruderzwist, oder über das tägliche Brot (vgl. Jesus im Neuen Testament).

Unterschiedliche Ansichten, einander ausschließende oder wider­sprechende Bewertungen zu einem Sachverhalt können nebeneinander stehen bleiben: das Suchen nach Wahrheit bleibt ein Prozess, muss (und kann) nicht mit einer „richtigen“ Antwort endgültig abgeschlossen werden. Dadurch zeigt sich in der religiösen Diskussion eine erstaunliche Offenheit, die das Gespräch ständig neu herausfor­dert.

 

 

5. Begegnung mit den ersten Worten in der Heiligen Schrift

„Die Schöpfung“, „Das Paradies“, „Der Sündenfall“ - so lauten die Überschriften zu den ersten drei Kapiteln der Bibel in der Übersetzung von Martin Luther.

Um diese Kapitel in Erinnerung zu rufen, sei hier zunächst der Inhalt kurz zusammengefasst:

Gott will, dass es eine Welt als seine Schöpfung gibt;
Gott bringt die Geschöpfe ins Dasein;
er schafft Himmel und Erde, Sonne, Mond und Sterne, Land und Meer, Pflanzen, Tiere und Menschen;
er segnet seine Geschöpfe und spricht als Urteil über sein Werk:
Alles ist sehr gut!;
das Werk wird geschildert im Rhythmus von sechs Tagen;
der siebente Tag ist heilig, Tag der Ruhe und Vorbild für den Sabbat.

In einem zweiten Erzählstrang wird das Schöpfungsgeschehen noch einmal erzählt (zum Teil anders, zum Teil ge­nauer):
im Zentrum steht hier zunächst die Erschaffung des ersten Menschen,
dann folgen die Tiere, dann die Frau.

Die Schöpfung ist ein paradiesischer Garten, dem Menschen zur Nutzung freigegeben;
Gott spricht nur ein Verbot aus: der Mensch soll nicht essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen;
die Schlange überredet die Frau;
die Menschen übertreten das Verbot und werden aus dem Paradies vertrieben;
jetzt müssen sie sich in der Welt „draußen“ bewähren:
harte Arbeit wartet auf sie;
sie haben Nachkommen und breiten sich auf der Erde aus.

 

Wenn wir zum Text gehen, muss noch einmal festgestellt werden: der (ursprüngliche) Text der Thora lag und liegt in hebräischer Sprache vor.

 

 

5.1. „Die Schöpfung“:

Im Folgenden werden als Text zwei Übersetzungen ins Deutsche verwendet, zum einen die vielen vertraute „klassi­sche“ Übersetzung von Martin Luther, zum anderen die „Verdeutschung“ der jüdi­schen Religionswissenschaftler Mar­tin Buber und Franz Rosenzweig, die darin versucht haben, dichter am hebräi­schen Urtext und bei der jüdischen In­ten­tion zu bleiben. Dieser Text liest sich zwar sperriger, trifft aber oft den Text­sinn genauer.
In der weiteren Darstellung wird in der Regel auf die Übersetzung von Buber und Rosenzweig Bezug genommen – vergleiche aber immer die daneben stehende Fassung nach Luther.

Gen. = Genesis ist das erste Buch in der Bibel, es wird oft auch als das 1. Buch Mose bezeichnet.

 


Gen. 1,1: „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“

 

Buch in der Bibel,
Kapitel, Vers

Bibeltext
Übersetzung Martin Luther

Bibeltext
Verdeutschung Buber / Rosenzweig

Genesis

Das erste Buch Mose

Das Buch Im Anfang

Gen.1,1

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde

Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde

 

Schon der erste Satz der Bibel ist sehr bedeutungsvoll. Im Hebräischen lautet er etwa so: Bereschit bara elohim et haschamajim we et haaretz.

In der jüdischen Auslegung der Schrift wird nun jedes Wort liebevoll und gewissenhaft untersucht: Warum steht die­ses Wort hier und nicht ein  anderes, warum ist die Reihenfolge der Worte gerade diese? Jeder Buchstabe ist wichtig (und richtig), so wie er im Buche steht.

·     Wir beginnen mit einem Beispiel für die Bedeutung, die kleinsten Details zuteil wird.
Warum beginnt die Heilige Schrift nicht mit dem ersten Buchstaben (Aleph), son­dern mit dem zweiten (Bet): Bere­schit bara elohim ... ? (Die Buchstaben sind im Hebräischen auch Zahlzeichen, und das Aleph ist die Nummer 1!)
Die Frage wird in der Bibel nicht beantwortet, aber hier klärt ein Midrasch auf (siehe Anhang): Gott bestätigt dem Aleph, das sich über die Zurücksetzung beschwert, seine besondere Bedeutung, sagt ihm aber zu, dass es auf­be­wahrt wird für etwas, das noch wichtiger ist, nämlich für den ersten Buchstaben der Zehn Gebote! Ein anderer Midrasch erläutert: Weil Gott al­les in der Welt in Zweiheiten geschaffen hat (in Paaren, die sich ergänzen: Licht und Finsternis, Wasser und Land usw.), beginnt auch die Bibel mit dem Buchstaben Nummer 2.

·     Buber und Rosenzweig übersetzen „Im Anfang ...“ Das zeigt eine größere Dimension auf als nur eine zeitliche Auf­einan­derfolge (hier steht im Hebräischen bereschit; „am Anfang“ wäre sprachlich anders ausgedrückt, nämlich bari­schona, das hieße „zuerst“ und damit wäre eine Reihenfolge gemeint).
Eine Parallele gibt es im Lateinischen. Dort finden wir zwei Worte, die mit „Anfang“ übersetzt werden können, aber sehr unterschiedliche Bedeutung haben:
a) „initium“ (als abgeschlossener Anfang in Raum und Zeit) und
b) „principium“ (als tragender, prägender, „mitlaufender“ Anfang – z.B. die eigene Kindheit, Ursprünge in Gott);
die lateinische Bibelübersetzung („Vulgata“) lässt folgerichtig die Bibel mit den Worten „in principio“ beginnen.

·     Gott schuf: Die Bibel reserviert das hebräische Zeitwort „bara“ (schaffen) allein für das Handeln Gottes. Es kommt in der ganzen Bibel nur an dieser Stelle, bei der Schöpfung, vor, und es wird nie im Zusammenhang mit dem Tun von Menschen ver­wendet (Menschen sind nicht wie Gott, sie können nicht schaffen, wie er das tut – und sie kön­nen wohl auch nicht verste­hen und beschreiben, wie er „schafft“, wie das Schöpfungshandeln sich konkret voll­zieht).
P. Lapide (Eva S.22) erläutert zum Verständnis von „bara“ = schuf:
„Die hebräische Sprache kennt nur zwei Zu­standsformen, die entweder eine Handlung als bereits abgeschlossen und vollendet oder als noch andauernd bzw. im Werden begriffen kennzeichnen. „Gott schuf“ ist daher im Sinn des täglichen Gebets der Synagoge zu verste­hen, wo es heißt: „Ich glaube mit voller Über­zeugung, dass der Schöpfer, gelobt sei sein Name, alle Geschöpfe er­schaffen hat, und dass er allein das Schöp­fungswerk vollbracht hat, vollbringt und vollbringen wird.
Hiermit ist nicht nur der Grundgedanke einer fortschreitenden, vorwärts- und aufwärts-strebenden Evolution zum Aus­druck gebracht, sondern auch die Erlö­sung als endzeitliche Vollendung mit einbezogen. ...
Schöpfung ist im Denken des alten Israels kein einmaliges Heilshandeln Gottes, sondern eine tagtägliche segens­rei­che Tatkraft.
„Er erneuert jeden Tag das Werk seiner Schöpfung“, das ist ein Grundgedanke im rabbinischen Schrifttum.“

·     GOTT: Im Text steht an dieser Stelle „elohim“. Das ist grammatisch ein Plural (wäre also etwa zu übersetzen mit „Gött­lichkeiten“, „Gottheiten“ – das ist aber schwierig in einer streng monotheistisch ausgerichteten Religion). Zu­dem steht „schuf“ aber gramma­tisch in der Einzahl; die Rabbiner deuten diesen Widerspruch damit, dass es wohl der eine Gott ist, der hier handelt, dass dieser Gott aber end­los, vielfältig, unbegreiflich ist in seinen Erscheinungs- und Offenbarungsweisen.

·     Es wird von Auslegern auch die Frage gestellt: Warum steht im ersten Satz der Heiligen Schrift nicht das Wort GOTT am Anfang? Eine Antwort: Gott ist der verborgene Gott – auch hier! Gott bleibt der verborgene Gott, er stellt sich (uns Menschen, und in diesem Text) in seinem Schaffen, in seiner Schöpfung vor.


 

Gen. 1,4ff: das Licht

 

Kapitel, Vers

Übersetzung Martin Luther

Verdeutschung Buber / Rosenzweig

Gen.1, 3-5

Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.
Und Gott sah, dass das Licht gut war.
Da schied Gott das Licht von der Finsternis
und nannte das Licht Tag
und die Finsternis Nacht.
Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Gott sprach: Licht werde! Licht ward.

Gott sah das Licht: dass es gut ist.
Gott schied zwischen dem Licht
und der Finster­nis.

Gott rief dem Licht: Tag!
und der Finsternis rief er: Nacht!
Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.

 

Das Licht war nicht nur einmal und am Anfang gut - Licht ist eine Qualität Gottes, und es ist immer (fortdauernd) gut.

„Gott rief dem Licht“ (d.h. er rief dem Licht zu): Licht wird hier nicht nur benannt (so bei Luther), sondern es erhält damit zugleich eine Aufgabe (Bedeutung, Berufung).

Der letzte Satz „Abend ward und Morgen ward: Ein Tag“ stellt bis heute das jüdische Tages-Verständnis dar: der Tag beginnt mit dem Abend.

 

Gen. 1,11 Erschaffung der Pflanzen (dritter Tag) ... und der Gestirne (vierter Tag)

 

Kapitel, Vers

Übersetzung Martin Luther

Verdeutschung Buber / Rosenzweig

Gen.1,11

Und Gott sprach:
Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume

Gott sprach:
Sprießen lasse die Erde Gespross,
Kraut, das Samen samt. Fruchtbaum,
der nach sei­ner Art Frucht macht

(Nur am dritten Tag wird zwei Mal gesagt:
„Gott sah, dass es gut war)“

Gen.1,16-18

Und Gott machte zwei große Lichter:
ein großes Licht, das den Tag re­giere,
und ein kleines Licht, das die Nacht re­giere,
dazu auch die Sterne.
Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde
und den Tag und die Nacht regierten
und schieden Licht und Fins­ternis

Gott machte die zwei gro­ßen Leuchten,
die größre Leuchte zur Waltung des Tags
und die kleinre Leuchte zur Waltung der Nacht,
und die Sterne.

Gott gab sie ans Gewölb des Himmels,
über die Erde zu leuchten,

des Tags und der Nacht zu walten,
zu scheiden zwischen dem Licht und der Finsternis.

(„Gott ist in allem, er spricht mit seiner Schöpfung, er wirkt durch seine Geschöpfe.“)

 

Hier einige Erläuterungen von P. Lapide (Mit einem Juden die Bibel lesen S.17ff.):

„Die Juden sagen: Das wichtigste am dritten Tag ist, dass Gott nicht mehr alleine schafft. Vom dritten Tag an hat Gott Mitarbeiter am fortschreitenden Schöpfungswerk. So wie Gott am dritten Tag die Kreativität an die Erde, an die Bäume und Pflanzen delegiert hat, so delegiert er seine Kraft der Erleuchtung, die er am ersten Tag bewiesen hat, am vierten auf die Himmelskörper, die von nun an leuchten werden (verliehene Leuchtkraft).
Die schon vorhandenen Geschöpfe wirken bei der Schöpfung mit: Die Erde bringt (aus ihrem Material, mit ihren Kräf­ten) Pflanzen hervor (am 6. Tag auch die Landtiere); Sonne und Mond dürfen die Zeitstruktur regeln (von Gott verlie­hene Kompetenz).

Von der Pflanze heißt es nicht mehr wie beim Licht oder beim Firmament: es werde Licht, es werde Himmel – und dann geschieht es. Gott sagt nicht: Es werde Gespross; sondern diesmal sagt Gott: „Sprießen lasse die Erde Gespross!“ (Gen. 1,11). Die Verbal­form im Hebräischen ist das aktive Kausativum, das Selbst-Erwirken: Die Kreatur soll nicht stumpf brütend daliegen, während Gottes Wort an ihr geschieht. Sie hat ihren Anteil an Gottes Werk. Der Fruchtbaum hat seinen Samen in sich, aus dem ein neuer Baum wachsen wird nach seiner Art. ...
Je höher wir aufsteigen in den Ordnungen des Daseins, desto deutlicher wird: Gott will diese Welt nicht als ein Pup­penspiel, bei dem er selbst alle Drähte in der Hand hat und kein Ding sich bewegen kann, ohne dass Gottes Finger an sei­nen Gelenken zieht. Gott, der lebendige Gott, will eine lebendige Welt, Wesen, die ihren eigenen Weg gehen, die die Erde füllen und sich auf ihr tummeln nach eigenem Urteil.
Diesen Worten entnehmen die Rabbinen, dass Gott eine Schöpfung will, die sich selbst weiter entfaltet, die vorwärts und aufwärts drängt. Gott hätte doch Bäume, Fische und Früchte selber erschaffen können. Er wollte aber Mitarbeiter am Schöpfungswerk, denen er freie Kreativität gewährte.

Eine Bestätigung sehen jüdische Ausleger darin, dass allein der dritte Schöpfungstag den Vorzug genießt, dass es zweimal an ihm heißt: „Und Gott sah, dass es gut war“ (Gen. 1,10 und 1,12) – wobei mit dem zweifachen „gut“ der Anfang des Mitschöpfens der eben erst erstandenen Ge­schöpfe gemeint ist. Denn nun hat Gott Partner und ist nicht mehr allein.“


 

Gen. 1,20ff – Erschaffung der Tiere

 

Kapitel, Vers

Übersetzung Martin Luther

Verdeutschung Buber / Rosenzweig

Gen.1,22

(Wassertiere und Vögel ge­schaffen)
Und Gott segnete sie und sprach:
Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer,
und die Vö­gel sollen sich mehren auf Er­den.

(Wassertiere und Vögel geschaffen)
Gott segnete sie, spre­chend:
Fruchtet und mehrt euch
und füllt das Was­ser in den Meeren,
und der Vogel mehre sich auf Erden!

Gen.1,24

Und Gott sprach:
Die Erde bringe hervor leben­diges Getier,
ein jedes nach seiner Art:
Vieh, Gewürm und die Tiere des Fel­des,
ein je­des nach seiner Art.

Gott sprach:
Die Erde treibe lebendes Wesen
nach seiner Art,
Herdentier, Kriechgerege und das Wild­le­bende des Erdlands nach sei­ner Art!

 

Bei der Erschaffung der Tiere sei nur auf wenige Aspekte hingewiesen:

„Fruchtet“ – das ist die Aufforderung Gottes zu einem aktiven Akt, die Tiere sollen nicht nur fruchtbar sein (so die Übersetzung von Luther), sie sollen die Gabe zur Fortpflanzung, die ein Segen ist, auch nutzen.
Die Tiere schaffen aus sich heraus neues Leben, aber das geht nur mit dem Segen Gottes

Am Hervorbringen der landlebenden Tiere (Gen. 1,24) ist wiederum die Erde aktiv beteiligt (mit ihrem Material, mit ih­rer Kreativität).

 

 

Gen. 1,26ff – Erschaffung des Menschen

Kapitel, Vers

Übersetzung Martin Luther

Verdeutschung Buber / Rosenzweig

Gen.1,26

Und Gott sprach:
Lasset uns Menschen ma­chen ...

Gott sprach:
Machen wir den Menschen ...

Gen.1,27+28

Und Gott schuf den Men­schen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn;
und schuf sie als Mann und Weib.
Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen:
Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch un­tertan
und herrschet über die Fische im Meer
und über die Vögel unter dem Himmel
und über das Vieh und über alles Getier,
das auf Er­den kriecht.

Gott schuf den Menschen in seinem Bilde,
im Bilde Gottes schuf er ihn,
männlich, weiblich schuf er sie.

Gott segnete sie,
Gott sprach zu ihnen:
Fruchtet und mehrt euch und füllet die Erde und bemächtigt euch ihrer!
schaltet über das Fisch­volk des Meers,
den Vo­gel des Himmels
und alles Lebendige, das auf Erden sich regt!

Gen.1,31

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.

Gott sah alles, was er gemacht hatte,
und da, es war sehr gut.

Gen.2,3

Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken ...

Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, denn an ihm feierte er von all seiner Arbeit ...

 

Wo in den Übersetzungen „Mensch“ steht, findet sich im Original das Wort hebräische Wort „Adam“ (= „Erdling“).
Adam ist also zunächst eine Gattungsbezeichnung für das Wesen „Mensch“, wird aber in der Bibel auch synonym als Name des ersten Menschen verwendet.

 

aus der Bibelübersetzung nach Martin Luther

(„Und Adam versteckt sich mit seinem Weibe ...“ 1. Buch Mose 3, 8)
Anmerkung Luthers am Rand gedruckt:

„Adam heißt auf Hebräisch „Mensch“, darum mag man Mensch sagen, wo Adam steht, und umgekehrt.“

(Martin Luther: Biblia / das ist / die gantze Heilige Schrifft Deudsch, Reclam Leipzig 1983)

 

Das Hebräische Wort „Adam“ ist geschlechtsneutral. Der „Mann“ heißt im Hebräi­schen „isch“, die „Frau“ „ischa“.

In Gen.1,26f. wird geschildert, dass Gott den (= einen!) Menschen schaffen will, und dass er ihn (Singular!) schuf. Da­nach ist auch von den Menschen im Plural die Rede. Besonders verwirrend liest sich, dass „ADAM“ (der erste von Gott geschaf­fene Mensch) „Mann und Weib“, „männlich, weiblich“ ist – also beides zugleich? Das steht genauso noch einmal in Gen.5, 1ff.:

Als Gott Adam schuf, machte er ihn nach dem Bilde Gottes, männlich und weiblich schuf er sie und segnete sie und gab ihnen den Namen Adam am Tag ihrer Erschaffung.

Nach dem jüdischen Verständnis schafft Gott zunächst tatsächlich nur einen Menschen. Der erste Mensch ist ursprünglich „männlich-weiblich“, ein androgynes, ein zweige­schlecht­liches Wesen. Wenige Zeilen später im Verlauf der Erzählung wird dieses Alleinsein von Gott als Problem „erkannt“ und „gelöst“ (vgl. Gen.2, 18+22f. und die Midrasch-Erzählungen dazu im Anhang).

 

„Warum schuf Gott den Menschen nach seinem Ebenbild? - fragen die Rabbinen. Damit er die Welt weiterbaue und die Arbeit verrichte, die Gott vor ihm begon­nen hatte, wobei die Rabbinen den Auftrag der Imitatio Dei sehen. ... Beim Schöpfen und beim Arbeiten beginnt die Nachahmung Gottes; nicht erst bei der Barmherzigkeit und der Liebe, son­dern schon beim Arbeiten und beim Ruhen am siebten Tag.“ (P. Lapide: Mit einem Juden die Bibel lesen, S.21)

 

1. Mose 1, 27:

Und Gott

schuf

den Menschen
zu seinem Bilde,

zum Bilde Gottes schuf er ihn;

und schuf sie als Mann und Weib.

1. Mose 5, 3:

Und Adam ...
zeugte
einen Sohn,

ihm gleich und
nach seinem Bilde,

und nannte ihn Seth;

 

„Macht euch die Erde untertan“ (Gen 1,28)

„Nur so ist das Untertanmachen der Erde gemeint: als verantwortliches regieren, das Schalom erwirkt, Friede und Eintracht, Gerechtigkeit und Fürsorge für die Schwachen, für die Schutzlosen und die außermenschliche Kreatur. ...
Die Erdherrschaft folgt im ersten Kapitel des Buches Genesis unmittelbar auf die Tatsache, dass der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen ist. Gott sprach: „ Lasset uns Menschen machen nach unserem Bilde, damit sie herrschen über ....“ (Gen 1,26) ... Das kann nur heißen, dass der Mensch als Statthalter Gottes auf Erden Sein Erbreich so sorg­sam und fürsorglich beherrsche, wie Gott selbst es ihm vorbildlich vorgeherrscht hat. ...
so heißt es schon auf der folgenden Seite der Schrift: “Und Gott gab ihnen (ihm JK) den Garten Eden, um ihn zu bebauen und zu bewahren“ (Gen 2,15). Wenn an Adam der Befehl erging, sogar das Paradies zu betreuen, wo alles mühelos und unter idealen Umständen gedieh – so meinen die Rabbinen -, um wie viel mehr muss er unsere Erde betreuen und beschützen, die nur im Schweiße unseres Angesichts ihre Früchte sprießen lässt. ...
Wer aus dieser Bibel einen Freibrief zum Raubbau oder zur Umweltzerstörung herausliest, der vergewaltigt das Got­teswort, begeht mutwillige Lästerung – oder er kann nicht lesen. Für das Judentum ist dieses Gotteswerk weder Beu­testück noch eine gefallenen Schöpfung, sondern Gottes Eigentum, das auf der ersten Seite der Schrift sechsmal gut­geheißen wird.
Juden wissen um die Sünde in uns, aber sie kennen keine Erbsünde, die die Schöpfung befleckt. Genesis ist und bleibt im Judentum ein Auftrag zur Weltveredelung, ein Aufruf, dieser Welt die Treue zu halten, ein Mahnruf gegen jede Vergeistigung des Heils und gegen jede bibelwidrige Weltflucht nach Utopia. ...“
(P. Lapide: Mit einem Juden die Bibel lesen, S.26ff.)

 

Auch Martin Luther sah im Herrschaftsauftrag an den Menschen nicht einen Freibrief zur Weltbeherrschung, sondern dieser beschränkte sich aus seiner Sicht auf die Nutzung der Erde als Acker für die menschliche Existenzsicherung.

 

aus der Bibelübersetzung nach Martin Luther

1. Buch Mose 1. 28:

„... und füllet die erden und macht sie euch unterthan ...“

Anmerkung Luthers am Rand gedruckt:
(Unterthan) „Was ihr bauet von Arbeit auf dem Lande, das soll euer eigen sein, und die Erde soll euch hierin dienen“.

(Martin Luther: Biblia / das ist / die gantze Heilige Schrifft Deudsch, Reclam Leipzig 1983)

 

„Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar ...“;
das heißt: in der Fruchtbarkeit, im Ausüben der Sexualität erfüllt sich der Segen Gottes!
Ein Rabbiner hat einmal gesagt: Dieser Auftrag in der Schöpfungsgeschichte an den Menschen ist für einen Juden das wichtigste Gebot!

Der Mensch wird nach der biblischen Darstellung am sechsten Tag, am gleichen Tag wie die Tiere geschaffen.
Daraus leiten die Rabbiner ab, dass er nicht die „Krone der Schöpfung“ ist, vielmehr wird ihm gesagt: die Tiere sind älter als du, damit ehrwürdiger! Ein Midrasch erläutert, dass der Mensch erst nach allen Tieren geschaffen wurde, sei deshalb geschehen, damit er nicht überheblich werde: „denn die Fliege ist ihm vorangegangen“.

Gen1,31 – „alles ... war sehr gut“

Das Urteil Gottes über seine gesamte Schöpfung lautet „sehr gut“. An den vorangegangenen Tagen war jeweils nur gesagt worden, dass das Geschaffene „gut“ sei.
Ein Midrasch sagt dazu: Mit dieser Steigerung wird der höheren Qualität der Schöpfung Rechnung getragen, weil jetzt auch der Mensch da ist!
Es soll aber in diesem Zusammenhang auch auf ein Wortspiel aufmerksam gemacht werden: Wenn man im Hebräi­schen die Buchstaben von ADAM vertauscht, ergibt das das Wort SEHR.

Gen.2,3 – der siebente Tag als Ruhetag:
Der siebente Tag – es ist der Sabbat, nicht zu verwechseln mit dem christlichen Sonntag! – hat für das Judentum eine ganz besondere Bedeutung. In der Erfüllung einer Vielzahl von Vorschriften, die der Bibel entnommen sind (z.B. 2.Mose 20,8-11; 2.Mose 23,12,; 5.Mose 5,14; 2.Mose 16,23-29; 2.Mose 34,21; 2.Mose 35,3; 4.Mose 15,32-35; Jeremia 17,21; Nehemia 10,32; Nehemia 13,15-17), versuchen fromme Juden bis heute diesen besonders gesegneten Tag als Feiertag zu würdigen und zu begehen.

Im Christentum werden diese Vorschriften kaum noch ernst genommen – das betrifft auch die Einhaltung der umfangreichen Speisegebote der Hebräischen Bibel.

 

 

5.2. „Das Paradies“

Es sei noch einmal daran erinnert: Im hebräischen Originaltext gibt es die uns vertraute Einteilung in Kapitel, die Zu­ordnung zu (trennenden und manipulierenden) Überschriften usw. nicht!
Es geht für den jüdischen Leser nahtlos und ohne Zäsur also einfach im Textfluss weiter.

Im jüdischen Verständnis besteht ein Prinzip der Schöpfung darin, dass alles in Zweiheiten geordnet ist (Gegensatz­paare, Ergänzungen). Himmel und Erde als Kontrastpaar sind gemeinsam ein Synonym für das Weltall. Gott schafft alles in Paaren: Sonne und Mond, Licht und Finsternis, Trockenes und Meer ...
Eine Ausnahme aber gibt es: Der Mensch ist nur einer. Und so heißt es folgerichtig in Gen. 2: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei (diese Bewertung Gottes steht aber im Gegensatz zu dem Urteil „sehr gut“, das Gott gerade über seine gesamte Schöp­fung gesprochen hatte!).

Kapitel,
Vers

Übersetzung Martin Luther

Verdeutschung Buber / Rosenzweig

Gen.
2, 7f.

Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Le­bens in seine Nase.
Und so ward der Mensch ein lebendiges We­sen.
Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin
und setzte den Menschen hinein ...

Und ER, Gott, bildete den Menschen, Staub vom Acker,
er blies in seine Nasenlöcher Hauch des Lebens,
und der Mensch wurde zum lebenden Wesen.
ER, Gott, pflanzte einen Garten in Eden, Üppigland, ostwärts,
und legte darein den Menschen ...

Gen.
2, 18ff.

Und Gott der Herr sprach:
Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

... man wird sie „Männin“ nennen, weil sie vom Manne genom­men ist

ER, Gott, sprach:
Nicht gut ist, dass der Mensch allein sei,
ich will ihm eine Hilfe machen, ihm Gegenpart.

ER, Gott, bildete aus dem Acker
alles Leben­dige des Feldes

und allen Vogel des Himmels
und brachte sie zum Menschen, zu sehn wie er ihnen rufe,
und wie alles der Mensch einem rufe,
als einem lebenden Wesen, das sei sein Name.

Der Mensch rief mit Namen allem Herdentier
und dem Vogel des Himmels
und allem Wild­lebenden des Feldes.
Aber für einen Menschen erfand sich keine Hilfe,
ihm Gegenpart
.

ER senkte auf den Menschen Betäubung,
dass er entschlief,
und nahm von seinen Rippen eine
und schloss Fleisch an ihre Stelle.

ER, Gott, baute die Rippe, die er vom Men­schen nahm,
zu einem Weibe
und brachte es zum Menschen.

Der Mensch sprach: Diesmal ist sies!
Bein von meinem Gebein, Fleisch von meinem Fleisch!
Die sei gerufen Ischa, Weib,
denn von Isch, vom Mann, ist die genommen.

 

Gott will eine „Hilfe“ für den Menschen machen, die ihn (im Sinne des Prinzips der Zweiheit) ergänzt, für ihn ein „Ge­gen­part“, ein Gegenüber ist. Die Übersetzung „Gehilfin“ bei Luther steuert nun aber direkt (und vorschnell) auf die Er­schaffung der Frau zu. Denn der erste „Versuch“ Gottes geht in ganz anderer Richtung: Als möglichen „Gegenpart“, (als Ergänzung, zum Füllen der „Lücke“ in der Schöpfung) führt Gott dem Men­schen zunächst die Tiere zu, eines nach dem anderen (die Tiere sind übrigens aus der gleichen Ackererde gebildet, die Gott auch als Material für den Men­schen verwendet hatte – ein tiefes Sinnbild für die enge „materielle“ Verwandtschaft allen Lebens).
Erst als sich auf diesem Wege für den Menschen kein passendes Gegenüber findet, setzt Gott ein zweites Mal an. Er erschafft einen zweiten Menschen, und Mann und Frau, isch und ischa, ergänzen einander ideal! Ein Midrasch erzählt hier ge­nauer, wie das geschieht: Der Mensch ist ursprünglich einer: doppelgesichtig, doppelgestaltig, ein Zwitterwe­sen. Er hat vorn das Gesicht eines Mannes, auf der Rückseite ist er Frau, beide sind zusammengewachsen. Dann zersägt Gott den Menschen, vollendet das Weib und führt es Adam zu. Erst jetzt können sie einander ins Gesicht se­hen und sich später auch fortpflanzen.

 

Der MIDRASCH erklärt dazu:

Aber anderswo steht geschrieben:


Mann und Weib waren zu Anfang ein Fleisch und zwei Angesichter; dann zersägte der Herr den Leib in zwei Leiber und machte einem jeden einen Rücken. ...

(Gott erschafft Adam:)... als Adam sich emporreckte, war sein Weib noch mit ihm zusammengewachsen, und die eine heilige Seele, die er innehatte, war sein sowohl wie des Weibes. Alsdann zersägte der Herr den Menschen in zwei Teile und vollendete das Weib und brachte es zu Adam ...
Adam sprach, als er Eva sah: „Diesmal Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.“

(Die Sagen der Juden S.65)

 

 

5.3. Leitworte

 

Eine wichtige Bedeutung haben in hebräischen Bibeltexten Leitworte. Diese erschließen sich aber nur beim Hören des hebräischen Textes!

Eine solche Leitwortkette umfasst die Worte Adam (Mensch), Adama (Ackerboden), Dam (Blut)
- die sprachliche Wurzel bei allen dreien ist „Rotstoff“.
In diesen Begriffen wird die mehrfache Verbundenheit des Menschen mit der Erde deutlich.
„Adama“ ist die Erde.
„Adam“ ist der Erdling, der aus ihr entstanden ist.

„Dam“, das Blut, ist Träger des Lebens (das Menschenblut, das beim Brudermord Kains an Abel vergossen wird, kehrt in die Erde zurück - Gen.4,10f.).

Mehr noch: eine dreifache Na­belschnur bindet uns an Mutter Erde. Aus ihr sind wir genommen, zu ihr ist un­sere Heimkehr, von ihr ernähren wir uns alle. ... Adam und Adama sind in einer ewigen Schicksalsgemeinschaft verbunden, die keiner von uns zu lösen vermag.
„Adam“ begegnet in der Bibel als Eigenname des ersten Menschen.
“Adam“ ist aber immer (auch) der Gattungsbegriff „Mensch“, der sowohl alle Nachkommen Adams ge­meinsam als auch ein jedes Menschenkind als Einzelwesen bezeichnen kann. In beiden Fällen weist „Erdling“ als Inbegriff der Erd­gebundenheit auf die Hinfäl­ligkeit/Sterblichkeit unseres Menschentums hin.
Im Hebräischen der Prophetentexte der Bibel ist der Sammelname für jeden Zweifüßler „Men­schensohn“ (eigentlich: Adamssohn), wie auch Jesus selbst sich nennt.
(nach P. Lapide, Eva S.71f.).

Diese sprachliche und inhaltliche enge Zuordnung und Verwandtschaft wird in den ersten Kapiteln der Bibel immer wieder aufgenommen. In der Luther-Übersetzung wird in den Wortpaaren Mensch-Land oder Mensch-Acker diese sprachliche Verwandtschaft nicht deutlich.

 

Kapitel,
Vers

Übersetzung Martin Luther

Verdeutschung Buber / Rosenzweig

Gen.
2, 4f.

Es war zu der Zeit, da Gott der Herr
Erde und Him­mel machte.
Und alle Sträucher auf dem Felde
waren noch nicht auf Erden,
und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht ge­wachsen; denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf Erden,
und kein Mensch war da,
der das Land bebaute.

Am Tag, da ER, Gott,
Erde und Himmel machte,

noch war aller Busch des Fel­des nicht auf der Erde,
noch war alles Kraut des Fel­des nicht aufgeschos­sen,
denn nicht hatte regnen lassen ER, Gott,
über die Erde,
und Mensch, Adam, war kei­ner,
den Acker, Adama, zu bedienen.

Gen.
2, 7

Da machte Gott der Herr den Menschen
aus Erde vom Acker ...

ER, Gott, bildete den Menschen, Staub vom Acker, ...

Gen.
2, 15

Und Gott der Herr nahm den Menschen
und setzte ihn in den Garten Eden,
damit er ihn bebaute und bewahrte.

ER, Gott, nahm den Men­schen und setzte ihn
in den Garten
von Eden,
ihn zu bedienen und ihn zu hüten.

Gen.
3, 19

(Gott sprach zum Manne:)
Im Schweiße deines An­gesichts
sollst du dein Brot essen,
bis du wieder zu Erde werdest,
davon bist du genommen.
Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

(Gott sprach zu Adam:)
Im Schweiß deines Antlit­zes magst du Brot essen,
bis du zum Acker kehrst,
denn aus ihm bist du ge­nommen.
Denn Staub bist du und zum Staub wirst du kehren.

Gen.
3, 23

Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute,
von der er genommen war.

So schickte ER, Gott, ihn aus dem Garten von Eden,
den Acker zu bedienen, daraus er genommen war.

Gen.
4, 2

Abel wurde ein Schäfer,
Kain aber wurde ein Acker­mann.

Habel wurde ein Schafhirt,
Kajin wurde ein Diener des Ackers.

Gen
4, 11

Die Erde …
die deines Bruders Blut empfangen hat

Der Acker
deines Bruders Geblüt … zu empfangen

 

Der einzige Auftrag, die einzige Bestimmung des Menschen in der Schöpfung, die nach Gen. 2 benannt wird, ist es, den Acker bedienen:

·       Gen 2,5: es war noch kein Mensch da, um den Acker zu bedienen;

·       Gen. 2,15: Gott setzt den Menschen in den Garten Eden, damit er ihn bedienen und behüten soll
(auch im Paradies wird gearbeitet!; Der Mensch tut im Paradies nichts anderes als nach der Vertreibung in der Welt „draußen“ – Gen.3,23)

·       Gen 4,2: Auch Kain, der Sohn Adams, ist ein “Diener des Ackers“.

 

5.4. „Sündenfall“

 

Kapitel, Vers

Übersetzung Martin Luther

Verdeutschung Buber / Rosenzweig

Gen.2,16f.

Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach:
Du darfst essen von allen Bäumen im Garten,
aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht es­sen;
denn an dem Tage, da du von ihm issest, musst du des Todes ster­ben.

ER, Gott, gebot über den Menschen, spre­chend:
Von allen Bäumen des Gar­tens magst essen du, essen,

aber vom Baum der Erkennt­nis von Gut und Böse,
von dem sollst du nicht essen,
denn am Tag, da du von ihm issest,
musst ster­ben du
, ster­ben.

Gen.3,11f.

Hast du nicht gegessen von dem Baum,
von dem ich dir gebot,
du solltest nicht da­von essen?
Da sprach Adam:
Das Weib, das du mir zugesellt hast,
gab mir von dem Baum, so dass ich aß.

Hast du vom Baum, von dem nicht zu essen ich dir gebot, gegessen ?

Der Mensch sprach:
Das Weib, das du mir bei­gegeben hast,
sie gab mir von dem Baum, und ich aß.

 

Dem Menschen ist im Paradies große Freiheit geschenkt. Adam wird gesagt: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten.

Nur ein Baum ist davon ausgenommen, er soll nicht essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Der Preis für Missachtung ist hoch, er heißt Todesstrafe – die am gleichen Tag vollstreckt werden soll!
Unter Mitwirkung der Schlange lässt sich Eva verlocken, von der Frucht des verbotenen Baumes zu kosten, und sie gibt auch Adam davon. Ein pikanter Aspekt, der sich nur im Hebräischen erschließt: die Schlange - der Verführer - ist ein „Schlangerich“ (er ist grammatisch männlich!).

Für die Juden ist nicht Eva die eigentlich Schuldige. Das Verbot hat Gott nur Adam mitgeteilt. Und Adam gilt nun als der eigentliche Versager, als ein gedankenloser Mitläufer, der Schuldzuweisungen verteilt, an Gott, an die Frau („das Weib, das du mir gegeben hast“ ...
In der christlichen theologischen Tradition stellt der „Sündenfall“ ein wichtiges Datum dar. Die Verfehlung der ersten Menschen hat weitreichende Folgen, Auswirkungen für alle Menschen („Erbsünde“) zu allen Zeiten.

 

Sündenfall, Erbsünde ?
Die Hauptrichtung innerhalb des Judentums lehnte es ab, die Geschichte von Eden als einen wesentlichen Bestandteil in seine Weltsicht aufzunehmen und blieb dabei, dass der Weg zum Heil gute Taten (MIZWOT) sind, nicht der Glaube an eine Rettergestalt, und dass der Mensch, obwohl er zum Bösen neigt (Gen.6,5; 8,21) nicht seinem Wesen nach eine verderbte Schöpfung ist. Obwohl der Mensch ständig dem bösen Trieb (JETZER HA-RA) ausgesetzt ist, ist er fähig, ihn durch Gottes Gebote zu überwinden oder zumindest ihn zu kontrollieren und dadurch den guten Trieb (JETZER TOW) zu entwickeln. Je genauer er die Gebote befolgt, um so größer ist sein Schutz vor der Sünde. …
Jeder Mensch wiederholt in seinem Leben den Weg von Eden in die Welt. Als Kind lebt er im Garten der Unschuld; wenn er seine Sexualität entdeckt, muss er diesen Garten für immer verlassen …
Letzten Endes wurde der Mensch dazu „verdammt“, menschlich zu sein. …

(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 1, S.93f.)

 

P. Lapide sagt zur jüdischen Sicht (Eva S. 76ff.):

„In jüdischer Sicht kommt dem Sündenfall diese große Bedeutung nicht zu. Er wird vielmehr als ein Testfall verstan­den, der dem Menschen neue Wege eröffnet. Eine Schule der Rabbinen sagt, dass hier die Freiheit des Menschen beginnt, die ihm von Gott verliehene Freiheit. Der freie Gott will freie Mitarbeiter, er will keine Marionetten oder Ham­pelmänner. Wie macht er dem Adam diese Freiheit bewusst? Durch das Verbot. Denn ein Verbot hat nur Sinn, wenn das Gegen­teil auch eine Möglichkeit ist ... Dem Adam wird hier die fürchterliche Freiheit verliehen, die unsere Gattung ... vor allen anderen Geschöpfen unter der Sonne auszeichnet.

Es geht in der Erzählung um die Erkenntnis von Gut und Böse ...
Gut und Böse ... heißen auf Hebräisch eigentlich: fördernd und schädlich. Gut ist, was dem Menschen frommt, was ihm hilft, was ihn fördert. Schlecht ist das, was unnütz ist oder ihm schaden könnte. ... der Baum erweist sich als Prüf­stein menschlicher Selbstdisziplinierung.
Die Rabbiner sagen: es war letztlich von Gott eingeplant, dass der Mensch vom Baum der Erkenntnis isst, damit ein weiterer Entwicklungsschritt stattfindet; Gott hat es als Möglichkeit zugelassen.
Aus Fluch wird letztlich doch Segen.

Es gibt eine mystische Deutung, die da sagt, der Sündenfall sei der Beginn der wahrhaften Menschwerdung. Wären wir alle im Paradies geblieben, hätte Adam sich geweigert, von der Frucht des Baumes zu essen, wie es ihm aufge­tragen wurde, so wären wir unserer Sendung als Menschlinge, den tausend Herausforderungen des Menschenschick­sals in dieser unheilen Welt, niemals gerecht geworden. Nur durch die Wegschickung aus dem Paradies, das keine Herausforderungen stellte, sondern wo alles mit normaler Menschenarbeit gedieh und Früchte brachte, wären wir nicht die Menschen, die wir heute sind, mit all dem Guten und Bösen, das uns heute innewohnt. Also ist die Wegschi­ckung aus dem Paradies der Anfang einer Entwicklung, die die lateinischen Kirchenväter „felix culpa“ (glückliche Schuld) nennen.“

Und Martin Buber meinte, erst durch die Missachtung des Gebotes wurden die Menschen erwachsen, mündig - vorher im Paradiesgarten waren sie im „Kindergarten“.

Hebammen sprechen auch heute noch von der „Austreibungsphase“ bei der Geburt – das ist ein schmerzliches Ereig­nis, ein Schock für das Kind, das in die Welt hinaus tritt, aber notwendig als Übergang zum Leben.

Kapitel, Vers

Übersetzung Martin Luther

Verdeutschung Buber / Rosenzweig

Gen.3,21

UND Gott der Herr machte Adam und sei­nem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.

ER, Gott, machte Adam und seinem Weibe
Röcke aus Fell
und kleidete sie.

Gen.4,1

Und Adam erkannte sein Weib Eva,
und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des Herrn.

Der Mensch erkannte Chawwa sein Weib,
sie wurde schwanger, und sie gebar den Kajin.
Da sprach sie: Kaniti -
Erworben habe ich mit IHM einen Mann.

Gen.5,5

(Adam) dass sein ganzes Alter ward 930 Jahre, und starb.

Aller Tage Adams, die er lebte, waren neun­hundert Jahre und drei­ßig Jahre, dann starb er.

 

Die Todesstrafe, die für das Essen vom Baum der Erkenntnis angedroht war und umgehend verhängt werden sollte, wird nicht gleich vollstreckt, wie Gott das eigentlich angekündigt hatte.
Adam lebt – nach der Vertreibung aus dem Paradies - noch viele hundert Jahre; nach den Angaben der Bibel wird er 930 Jahre alt.

Gott wendet sich nach dem Sündenfall nicht von den Menschen ab. Er kleidet sie fürsorglich, er liebt sie auch nach dem Ungehorsam.

Auch der Segen, den Gott (schon in Gen. 1,28) den Menschen zugesagt hat, erfüllt sich trotz allem doch noch. Gottes Segen erweist sich in reicher Nachkommenschaft; erst unmittelbar nach der Vertreibung aus dem Paradies (!) erfüllt sich der Segen Gottes an den Menschen „praktisch“. Die Menschen beginnen, die Erde zu füllen. Eva wird als „Mutter des Le­bendigen“ benannt. Jetzt beginnt das Leben - der Mensch ist gereift, er ist voller Erkenntnis, jetzt beginnt die Arbeit, jetzt bekommt er Kinder.

Die Bibel umschreibt den Geschlechtsakt in den Worten „Adam erkannte Eva“ – „erkennen“ hat hier den gleichen Wortstamm wie beim Baum der Erkenntnis. Erkenntnis hat somit (auch) mit Sex und Fortpflanzung zu tun. Das Erken­nen geht weiter, auch außerhalb des Paradieses. Erkennen geschieht im jüdisch-biblischen Verständnis nicht nur über den Kopf (verstehen), im Geschlechtsverkehr kehrt der Mensch in die alte Verbundenheit zu Gott zurück (Eva jubelt: „In Ihm (durch Gottes Hilfe) habe ich einen Sohn erworben!“).
Übrigens geht der Segen auch an Kain über. Kain lebt nach dem Mord an seinem Bruder weiter, auch „Kain erkannte sein Weib“, hat Nachkommen, das Leben geht durch ihn weiter.

 

 

Theologische Deutung als Erbsünde?

 

Sündenfall und Erbsünde sind ein Kernstück paulinischer und christlicher Theologie:
“Wie durch den einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu al­len Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben.“
(Paulus: Römer 5,12)
“Denn der Sünde Sold ist Tod.“
(Paulus: Römer 6,23)

Im Judentum gibt es den Terminus „Erbsünde“ nicht.
Die Überschrift vom „Sündenfall“ über dieser Erzählung ist – nicht nur bei Luther – nicht zutreffend. Denn der Begriff, das Wort „Sünde“ kommt in diesem Abschnitt überhaupt nicht vor; von „Sünde“ wird erstmals in Gen. 4,7 gesprochen, im Konflikt zwischen Kain und Abel). Vielleicht sollte man bes­ser vom „Ersten Ungehorsam“ sprechen. Eine gar noch biologische Vererbbarkeit der Sünde ist jedenfalls für Juden undenk­bar.

Die Geschichte von der „Erbsünde“ wird in der Heiligen Schrift der Juden, unserem Alten Testament, interessanter­weise nie wieder erwähnt.
Nach Ansicht des Judentums hat jeder Mensch jederzeit (auch nach dem „Sündenfall“) die Freiheit der Wahl zwischen gut und böse. Als Belege dafür werden z.B. benannt:

·     „Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse.
Wenn du gehorchst
den Geboten des Herrn, deines Gottes, die ich dir heute gebiete, dass du den Herrn, deinen Gott, liebst und wandelst in seinen Wegen und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst, so wirst du leben und dich mehren, und der Herr, dein Gott, wird dich segnen ...
Wendet sich aber dein Herz und du gehorchst nicht, sondern lässt dich verführen, dass du andere Götter anbetest und ihnen dienst, so verkündige ich euch heute, dass ihr umkommen werdet ...
„Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, damit du das Leben erwählst und am Leben bleibst“ (5. Mose 30, 15ff)

·     (mit Abraham beginnend) „sollen gesegnet sein alle Geschlechter auf Erden“ (1. Mose 12,3)

·     „Die Väter sollen nicht für die Kinder noch die Kinder für die Väter sterben, sondern ein jeder soll für seine Sünde ster­ben.“ (5. Mose, 24,16)

In einem Midrasch wird ausdrücklich bekräftigt: „Der Herr vergab Adam die Sünde und nahm seine Buße an“ (Sagen 80). Und in einem anderen Midrasch heißt es: „Als Adam Sünde getan hatte, wurde die Erde verflucht; und der Fluch hing seitdem über der Erde. Da kam Noah und nahm den Fluch von ihr weg ...“ (Sagen 157)
Die Rabbiner sagen zudem: Dass die Menschen vom Baum der Erkenntnis essen, war letztlich von Gott eingeplant, er hat es zugelassen (Gott weist Adam erst auf den Baum hin; die Schlange ist sein Geschöpf).

Die Geschichte vom „Sündenfall“ wird heute auch in der christlichen (Fach-)Theologie anders gesehen.
Der Alttestamentler Westermann (Claus Westermann: Genesis, Kapitel 1-11, Teil 1, EVA Berlin 1985, S.374ff) ver­weist auf die geschichtlichen Wurzeln der paulinischen Theologie und relativiert die Bedeutung der Lehre von der „Erbsünde“:

„In allen abendländischen Sprachen wurde „Der Sündenfall“ zur Überschrift der Erzählung. Die Bezeichnung und die in ihr enthaltene Deutung hat eine Geschichte, die sich in ihren wichtigsten Stadien erkennen lässt. Sie stammt nicht aus der christlichen, sondern aus der spätjüdischen Überlieferung. Sie findet sich in 4.Esr7,118
„Ach Adam, was hast du getan,
als du sündigtest,
kam dein Fall nicht nur auf dich,
sondern auch auf uns, deine Nachkommen“;
Das zweite Stadium zeigt sich in der Paulinischen Theologie (Wurzeln in der spätjüdischen Auslegung erkennbar);
Das dritte Stadium stellt die volle Ausbildung der Erbsündelehre bei Augustin dar.
Der katholische Exeget HHaag meint: „Die gegenwärtige Auffassung der katholischen und evangelischen Dogmatik, nach denen der Urstand eine zeitliche Phase am Anfang der Menschheitsgeschichte war ... entsprechen nicht der Bi­bel. Sie kennt keinen „vorsündlichen Menschen“ und damit auch keinen Urstand.“;
Wenn durch das ganze AT hindurch die Erzählung Gen2-3 nicht tradiert wird, wenn sie nicht angeführt wird, nie an sie erinnert wird, wenn sie vor allem niemals in den Zusammenfassungen der Taten Gottes (Credo) begegnet, so ist dies ebendarin begründet, dass sie in Israel niemals als ein geschichtliches Ereignis neben anderen geschichtlichen Ereig­nissen aufgefasst wurde.;
Es ist von Gen2-3 her nicht möglich, die Geschichte der Menschheit von Adam bis zum Kommen Christi so negativ darzustellen, wie Paulus das in Rö1,18-32 tut. Dass die „Ursünde“ eine Wirklichkeit für die ganze Menschheit ist, be­deutet nicht, dass alles, was die Menschen tun, vor Gott sündig oder verfehlt ist.“

 

 

 

6. Anhang

 

6.1. Auszüge aus einigen Midraschim
         (nach: „Die Sagen der Juden“, Insel Verlag Leipzig 1978)

·     Tausend Welten hatte der Herr zu Anfang geschaffen; dann schuf er wiederum andere Welten, und alle sind sie nichts gegen ihn.
Der Herr schuf Welten und zerstörte sie, er pflanzte Bäume und riss sie heraus, denn sie waren noch unschön ... (Seite 17)

·     Die ganze Welt und all ihr Heer ist in einem Augenblick entstanden, in einer Stunde, an einem Tage. Heißt es doch in der Schrift: „An dem Tage, da Gott der Herr Erde und Himmel erschuf.“ (20)

·     Am zweiten Tage schuf Gott das Himmelsgewölbe ... Wäre keine Feste da, die Welt wäre von den Wassern ver­schlun­gen worden, von denen darüber und von denen darunter. (21)

·     Der Mond beklagte sich. Er sprach vor dem Herrn: Herr der Welt, warum hast du die Schöpfung mit Bet, mit dem zwei­ten Schriftzeichen angefangen? Der Herr antwortete: Auf dass allen meinen Geschöpfen kundgetan werde, dass ich die Zwei an den Anfang gesetzt habe, denn auch zwei Welten schuf ich, und so soll auch nur zweier Zeu­gen Rede gehört werden. (25)
(Anmerkungen: a) die Heilige Schrift beginnt im Hebräischen mit dem Wort „Bereschit“ (Im Anfang); b) die Buch­sta­ben sind im Hebräischen zugleich Zahlzeichen, A = 1, B =2 usw.)

·     Da kamen alle zweiundzwanzig Schriftzeichen vor den Herrn, und ein jegliches sprach vor ihm: Herr aller Welten! lass es deinen Willen sein und fange mit mir die Schöpfung an! So traten sie alle vor den Herrn, von dem Endzei­chen Taw angefangen bis zu dem Bet, dem ersten nach dem Anfangszeichen (also dem zweiten Buchstaben in der Reihen- und Rangfolge nach dem Alef JK) ... da sprach der Herr: Wohlan, ich will mit dir die Schöpfung begin­nen. ...
Da sprach das Alef: Herr aller Welten! sind doch alle meine Brüder zurückgestellt worden, und siehe, sie drücken hohe Zahlen aus; um wie viel mehr nun ich, der ich nicht mehr als eine Eins ausmache. Der Herr sprach: Wun­dere dich nicht darüber; du bist aller Zeichen Herr und König ... Tröste dich, dereinst werde ich meine Gebote mit dir an­fangen. (Anmerkung: Anochi = ich; das Anfangswort der Zehn Gebote im Hebräischen) ...
Sechsundzwanzig Geschlechter hindurch klagte und murrte Alef, das erste Schriftzeichen, vor dem Herrn und sprach: Herr aller Welten! das erste Zeichen bin ich, und die Schöpfung hebt nicht mit mir an. Da sprach der Herr: Die Welt und ihre Fülle sind nur um der Schrift willen da, einst werde ich Israel meine Gebote geben, und die werde ich mit dir eröffnen. Und so heißt es auch in den Zehn Geboten am Anfang: Anochi – Ich bin der Herr dein Gott! (39)

·     In anderen Büchern lesen wir: Rund ist die ganze Welt, und die Himmel umschließen sie wie die Nussschale den Kern. (42)

·     Zwölf Sternbilder schuf der Herr und ordnete sie am Himmel, sie und all ihr Heer, und dies sind die Sternbilder: der Widder, der Stier, die Zwillinge, der Krebs, der Löwe, die Jungfrau, die Waage, der Skorpion,, der Schütze, der Wassermann, der Steinbock, die Fische ...
Sieben Begleiter gab ihnen Gott, und dies sind: Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond: ein jeder von ihnen bewegt sich in seinem eigenen Kreis ...
Die Planeten machen einen weise, sie machen einen reich; auch Israel untersteht den Planeten, und weder Gebet noch Gerechtigkeit kann an dem Schicksal etwas ändern. Andere aber sagen, Israels Schicksal sei von den Pla­neten unabhängig. (46)

·     Als Gott den ersten Menschen erschaffen wollte, ließ er vorerst eine Schar von Engeln entstehen ...
er rief die himmlischen Heerscharen herbei und sprach zu ihnen: Wir wollen einen Menschen nach unserem Bilde machen ... (54f.)

·     Die obersten Heerscharen sind nach dem Bilde Gottes geschaffen, aber sie sind nicht fruchtbar und vermehren sich nicht; die Tiere der Erde mehren sich und sind fruchtbar; aber sie sind nicht nach Gottes Gleichnis. Der Herr sprach: Ich will den Menschen schaffen, dass sein Bild den Engeln gleiche, dass er aber fruchtbar sei und sich vermehre wie die Erdenkinder. (56f.)

·     Daher hat Gott Adam nach seinem Bild geschaffen, denn der Mensch sollte an der Welt bauen und in ihr die Ar­beit ver­richten, die vor ihm Gott verrichtet hatte. (60)

·     Der Mensch ist als letztes Wesen erschaffen worden. Warum? Auf dass die Ungläubigen nicht sagen sollten: Der Mensch war Mitarbeiter des Herrn an seinen Werken. Und noch dies ist der Grund, warum der Mensch zuletzt er­schaffen worden ist. Damit er sich nicht überhebe, denn man kann ihm sagen: die Fliege ging dir voran in der Schöpfung. (61)

·     Und Gott schuf den Menschen, Mann und Weib, und er schmückte das Weib herrlich und brachte sie vor Adam.
Aber anderswo steht geschrieben: Mann und Weib waren zu Anfang ein Fleisch und zwei Angesichter; dann zer­sägte der Herr den Leib in zwei Leiber und machte einem jeden einen Rücken. ...
(Gott erschafft Adam:)... als Adam sich emporreckte, war sein Weib noch mit ihm zusammengewachsen, und die eine heilige Seele, die er innehatte, war sein sowohl wie des Weibes. Alsdann zersägte der Herr den Menschen in zwei Teile und vollendete das Weib und brachte es zu Adam ...
Adam sprach, als er Eva sah: „Diesmal Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.“(65)

·     (Gott stellt nach der Erschaffung von Adam in der Erzählung in Gen 2 fest, dass es nicht gut sei, dass der Mensch allein sei, und will ihm „eine Hilfe machen, ihm Gegenpart“; nun werden zuerst alle Tiere erschaffen JK)
Ein Weiser sagte: Daraus ist zu schließen, dass Adam erst zu allen Tieren eingegangen war; sein Gemüt wurde je­doch nicht eher ruhig, als bis er Eva fand und zu ihr einging (d.h. Geschlechtsverkehr hatte JK) (66)

·     Die Engel waren voll Eifersucht auf den Menschen und sprachen vor dem Herrn: Oh Herr aller Welten! was ist der Mensch, dass du seiner gedenkest? ... Sie sprachen zueinander: Solange wir kein Mittel gefunden haben, das den Menschen zum Straucheln brächte, werden wir nichts gegen ihn ausrichten. Aber Semael war der größte Fürst im Himmel unter ihnen ... Und Semael ging und verband sich mit den obersten Heerscharen gegen seinen Herrn ... Er sah sich die Geschöpfe an, die der Herr erschaffen hatte, aber unter ihnen war keines, dessen Klugheit so auf das Böse gerichtet gewesen wäre, wie die Schlange. Die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes und glich von Gestalt einem Kamel. Da bestieg Semael die Schlange und ritt auf ihr ... (69f.)

·     (Essen vom Baum der Erkenntnis; in der Bibel ist nur von einer Frucht die Rede JK:)
... das Weib nahm von den Früchten und aß. Sie presste die Weinbeeren aus und gab ihrem Manne den Saft zu trinken (74)
Aber Adam und Eva hatten von dem Feigenbaum gegessen, von dem Gott gesprochen hatte, sie sollten nicht da­von essen (75)

·     Als Eva von dem Baume des Wissens gegessen hatte, gab sie auch ihrem Manne davon, und er aß. Danach regte sich aber in ihr der Neid auf die Unschuld der anderen Geschöpfe, und sie gab auch ihnen von der Frucht zu essen. Und alles Tier hörte auf ihre Stimme und verfiel so dem Tode. (86)

·     Man sagt von der Schlange, sie hätte aufrecht gestanden wie ein Schilfrohr und hätte Füße gehabt. (76)

·     Der Herr sprach zur Schlange: ... Du wolltest Adam töten und dir sein Weib nehmen, nun will ich Feindschaft säen zwischen dir und dem Weibe. (Erklärung: die Schlange ist im Hebräischen (grammatisch) männlich! JK) (76)

·     Von der Haut, die der Schlange abgezogen wurde, machte Gott Kleider für Adam und Eva. (vgl. Gen. 3, 21 „Röcke von Fellen“ JK) (77)

·     Der Herr vergab Adam die Sünde und nahm seine Buße an. (80)

·     Als der Herr Adam erschaffen hatte, sprach er: es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Und er erschuf ein Weib aus der Erde, aus der auch Adam gebildet war, und hieß ihren Namen Lilit. (82)

·     Nachdem das erste Licht der Schöpfung verhüllt worden war, ward die Kelippa, das Urböse, erschaffen. Und von der Kelippa kam ein Doppelwesen, das ihr glich (dies war Semael, der böse Geist, und Lilit, sein Weib). (83)

·     Als aber Adam (nach dem Sündenfall JK) hundertdreißig Jahre von Eva getrennt war und allein schlief, fand ihn Lilit und begehrte seine Schönheit. Sie legte sich zu ihm und gebar von ihm Teufel, Geister und Dämonen ohne Zahl. (84)

·     Adam erkannte sein Weib Eva, und sie gebar ihm zwei Söhne (Kain und Abel JK) und drei Töchter (93)

·     Semael, der böse Engel, der Schlange Reiter, ging zu Eva ein, und sie ward schwanger und gebar den Kain ... Als­dann erkannte Adam sein Weib, und sie gebar den Abel. (95)

·     Mit Kain zugleich ward auch seine Zwillingsschwester geboren, und auch mit Abel zugleich kam seine Zwillings­schwester zur Welt, und diese wurden hernach ihre Weiber. Es steht doch aber geschrieben: „Wenn jemand seine Schwester nimmt, seines Vaters Tochter oder seiner Mutter Tochter, und ihre Blöße aufdeckt, das ist Blutschande; die sollen ausgerottet werden vor den Leuten ihres Volkes.“ Aus dieser Geschichte kannst du aber entnehmen, dass es keine anderen Menschentöchter dazumal gab, die sich Kain und Abel hätten nehmen können; darum wurde es ihnen erlaubt. Daher heißt es auch: „Auf Gnade ist die Welt aufgebaut worden.“ (95)

·     Es kam der Abend des Passahfestes, und Adam sprach zu seinen Söhnen: In dieser Nacht wird künftighin Israel dem Herrn Opfer darbringen. Bringet auch ihr eine Gabe vor euren Schöpfer. Da brachte Kain von den Resten sei­ner Speise, welches gerösteter Leinsamen war, gleichwie ein schlechter Pächter selber die besten Früchte isst und seinem Herrn die kümmerliche Nachlese abgibt. Abel aber brachte von den Erstlingen seiner Schafe und ih­rem Fett, auch warens ungeschorene Lämmer. Kains Opfer ward verschmäht, Abels Opfer aber wurde gnädig an­ge­nommen ...
Da entbrannten Hass und Neid in Kains Seele dafür, dass sein Opfer nicht angenommen worden war, doch nicht allein das war es, sondern die Zwillingsschwester Abels war schöner als die Kains. Kain sprach bei sich: Ich werde meinen Bruder totschlagen, und sein Weib wird mein werden (95f.)

·     Mit Abel zugleich wurden zwei Zwillingsschwestern geboren, mit Kain aber nur eine; deswegen hat Kain den Abel erschlagen, denn ihm sollte das Zwiefältige zukommen, nach dem Recht der Erstgeburt. Aber die beiden Zwil­lings­schwestern, dies waren Zippora, das Weib Moses, und Bitja, die Tochter Pharaos, die den Knaben Mose großge­zogen hat. (103)

·    Als Adam Sünde getan hatte, wurde die Erde verflucht, und der Fluch hing seitdem über der Erde. Da kam Noah und nahm den Fluch von ihr weg ... (157)

 

 


6.2. Die ersten vier Kapitel der Bibel,
von Juden verdeutscht

Quelle:
Die Schrift, verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig,
Das Buch „Im Anfang“;
1976, Verlag Lambert Schneider, Gerlingen

(Verszählung ergänzt nach der Zählung in der christlichen Bibel von JK)

 

 

Das Buch im Anfang

 

1,1   Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.

1,2   Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal.
Finsternis über Urwirbels Antlitz.
Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser.

1,3   Gott sprach: Licht werde! Licht ward.

1,4   Gott sah das Licht: dass es gut ist.
Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis.

1,5   Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht!
Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.

1,6   Gott sprach:
Gewölb werde inmitten der Wasser
und sei Scheide von Wasser und Wasser!

1,7   Gott machte das Gewölb
und schied zwischen dem Wasser das unterhalb des Gewölbs war
und dem Wasser das oberhalb des Gewölbs war.
Es ward so.

1,8   Dem Gewölb rief Gott: Himmel!
Abend ward und Morgen ward: zweiter Tag.

1,9   Gott sprach:
Das Wasser unterm Himmel staue sich an einen Ort,
und das Trockne lasse sich sehn!
Es ward so.

1,10  Dem Trocknen rief Gott: Erde! und der Stauung der Wasser rief er: Meere!
Gott sah, dass es gut ist.

1,11  Gott sprach:
Sprießen lasse die Erde Gespross,
Kraut, das Samen samt. Fruchtbaum, der nach seiner Art Frucht macht
darin sein Same ist, auf der Erde!
Es ward so.

1,12  Die Erde trieb Gespross,
Kraut, das nach seiner Art Samen samt, Baum, der nach seiner Art Frucht macht darin sein Same ist.
Gott sah, dass es gut ist.

1,13  Abend ward und Morgen ward: dritter Tag.

1,14  Gott sprach:
Leuchten seien am Gewölb des Himmels,
zwischen dem Tag und der Nacht zu scheiden,
dass sie werden zu Zeichen, so für Gezeiten so für Tage und Jahre,

1,15  und seien Leuchten am Gewölb des Himmels, über die Erde zu leuchten!
Es ward so.

1,16  Gott machte die zwei großen Leuchten,
die größre Leuchte zur Waltung des Tags
und die kleinre Leuchte zur Waltung der Nacht,
und die Sterne.

1,17  Gott gab sie ans Gewölb des Himmels,
über die Erde zu leuchten,

1,18  des Tags und der Nacht zu walten,
zu scheiden zwischen dem Licht und der Finsternis.
Gott sah, dass es gut ist.

1,19  Abend ward und Morgen ward: vierter Tag.

1,20  Gott sprach:
Das Wasser wimmle, ein Wimmeln lebenden Wesens,
und Vogelflug fliege über der Erde vorüber dem Antlitz des Himmelsgewölbs!

1,21  Gott schuf die großen Ungetüme
und alle lebenden regen Wesen, von denen das Wasser wimmelte, nach ihren Arten,
und allen befittichten Vogel nach seiner Art.
Gott sah, dass es gut ist.

1,22  Gott segnete sie, sprechend:
Fruchtet und mehrt euch und füllt das Wasser in den Meeren,
und der Vogel mehre sich auf Erden!

1,23  Abend ward und Morgen ward: fünfter Tag.

1,24  Gott sprach:
Die Erde treibe lebendes Wesen nach seiner Art,
Herdentier, Kriechgerege und das Wildlebende des Erdlands nach seiner Art!
Es ward so.

1,25  Gott machte das Wildlebende des Erdlands nach seiner Art
und das Herdentier nach seiner Art und alles Gerege des Ackers nach seiner Art.
Gott sah, dass es gut ist.

1,26  Gott sprach:
Machen wir den Menschen in unserem Bild nach unserem Gleichnis!
Sie sollen schalten über das Fischvolk des Meeres, den Vogel des Himmels,
das Getier, die Erde all, und alles Gerege, das auf Erden sich regt.

1,27  Gott schuf den Menschen in seinem Bilde,
im Bilde Gottes schuf er ihn,
männlich, weiblich schuf er sie.

1,28  Gott segnete sie,
Gott sprach zu ihnen:
Fruchtet und mehrt euch und füllet die Erde und bemächtigt euch ihrer!
schaltet über das Fischvolk des Meers, den Vogel des Himmels
und alles Lebendige, das auf Erden sich regt!

1,29  Gott sprach:
Da gebe ich euch
alles samensäende Kraut, das auf dem Antlitz der Erde all ist,
und alljeden Baum, daran samensäende Baumfrucht ist,
euch sei es zum Essen,

1,30  und allem Lebendigen der Erde, allem Vogel des Himmels,
allem was auf Erden sich regt, darin lebendes Wesen ist,
alles Grün des Krauts zum Essen.
Es ward so.

1,31  Gott sah alles, was er gemacht hatte,
und da, es war sehr gut.
Abend ward und Morgen ward: der sechste Tag.

2,1   Vollendet waren der Himmel und die Erde, und all ihre Schar.

2,2   Vollendet hatte Gott am siebenten Tag seine Arbeit, die er machte,
und feierte am siebenten Tag von all seiner Arbeit, die er machte.

2,3   Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn,
denn an ihm feierte er von all seiner Arbeit, die machend Gott schuf.

2,4a Dies sind die Zeugungen des Himmels und der Erde: ihr Erschaffensein.

2,4b Am Tag, da ER, Gott, Erde und Himmel machte,

2,5   noch war aller Busch des Feldes nicht auf der Erde,
noch war alles Kraut des Feldes nicht aufgeschossen,
denn nicht hatte regnen lassen ER, Gott, über die Erde,
und Mensch, Adam, war keiner, den Acker, Adama, zu bedienen:

2,6   aus der Erde stieg da ein Dunst und netzte all das Antlitz des Ackers,

2,7   und ER, Gott, bildete den Menschen, Staub vom Acker,
er blies in seine Nasenlöcher Hauch des Lebens,
und der Mensch wurde zum lebenden Wesen.

2,8   ER, Gott, pflanzte einen Garten in Eden, Üppigland, ostwärts,
und legte darein den Menschen, den er gebildet hatte.

2,9   ER, Gott, ließ aus dem Acker allerlei Bäume schießen,
reizend zu sehn und gut zu essen,
und den Baum des Lebens mitten im Garten
und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

2,10  Ein Strom aber fährt aus von Eden, den Garten zu netzen,
und trennt sich von dort und wird zu vier Flußköpfen.

2,11  Der Name des einen ist Pischon,
der ists der alles Land Chawila umkreist, wo das Gold ist,

2,12  gut ist das Gold des Lands, dort ist das Edelharz und der Stein Karneol.

2,13  Der Name des zweiten Stroms ist Gichon,
der ists der alles Land Kusch umkreist.

2,14  Der Name des dritten Stroms ist Chiddekel,
der ists der im Osten von Assyrien hingeht.
Der vierte Strom, das ist der Euphrat.

2,15  ER, Gott, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden,
ihn zu bedienen und ihn zu hüten.

2,16  ER, Gott, gebot über den Menschen, sprechend:
Von allen Bäumen des Gartens magst essen du, essen,

2,17  aber vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse,
von dem sollst du nicht essen,
denn am Tag, da du von ihm issest, musst sterben du, sterben.

2,18  ER, Gott, sprach:
Nicht gut ist, dass der Mensch allein sei,
ich will ihm eine Hilfe machen, ihm Gegenpart.

2,19  ER, Gott, bildete aus dem Acker alles Lebendige des Feldes
und allen Vogel des Himmels
und brachte sie zum Menschen, zu sehn wie er ihnen rufe,
und wie alles der Mensch einem rufe, als einem lebenden Wesen,
das sei sein Name.

2,20  Der Mensch rief mit Namen allem Herdentier
und dem Vogel des Himmels und allem Wildlebenden des Feldes.
Aber für einen Menschen erfand sich keine Hilfe, ihm Gegenpart.

2,21  ER senkte auf den Menschen Betäubung, dass er entschlief,
und nahm von seinen Rippen eine und schloss Fleisch an ihre Stelle.

2,22  ER, Gott, baute die Rippe, die er vom Menschen nahm, zu einem Weibe
und brachte es zum Menschen.

2,23  Der Mensch sprach:
Diesmal ist sies!
Bein von meinem Gebein,
Fleisch von meinem Fleisch!
Die sei gerufen
Ischa, Weib,
denn von Isch, vom Mann, ist die genommen.

2,24  Darum lässt ein Mann seinen Vater und seine Mutter
und haftet seinem Weibe an,
und sie werden zu Einem Fleisch.

2,25  Die beiden aber, der Mensch und sein Weib, waren nackt,
und sie schämten sich nicht.

3,1   Die Schlange war listiger als alles Lebendige des Feldes,
das ER, Gott, gemacht hatte.
Sie sprach zum Weib:
Ob schon Gott sprach: Esst nicht von allen Bäumen des Gartens ... !

3,2   Das Weib sprach zur Schlange:
Von der Frucht der Bäume im Garten mögen wir essen,

3,3   aber von der Frucht des Baums, der mitten im Garten ist,
hat Gott gesprochen:
Esst nicht davon und rührt nicht daran, sonst müsst ihr sterben.

3,4   Die Schlange sprach zum Weib:
Sterben, sterben werdet ihr nicht,

3,5   sondern Gott ists bekannt,
dass am Tag, da ihr davon esset, eure Augen sich klären
und ihr werdet wie Gott, erkennend Gut und Böse.

3,6   Das Weib sah,
dass der Baum gut war zum Essen
und dass er eine Wollust den Augen war
und anreizend der Baum, zu begreifen.
Sie nahm von seiner Frucht und aß
und gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.

3,7   Die Augen klärten sich ihnen beiden,
und sie erkannten, -
dass sie nackt waren.
Sie flochten Feigenlaub und machten sich Schurze.

3,8   Sie hörten SEINEN Schall, Gottes,
der sich beim Tageswind im Garten erging.
Es versteckte sich der Mensch und sein Weib vor SEINEM,
Gottes, Antlitz mitten unter den Bäumen des Gartens.

3,9   ER, Gott, rief den Menschen an und sprach zu ihm:
Wo bist du ?

3,10  Er sprach:
Deinen Schall habe ich im Garten gehört und fürchtete mich,
weil ich nackt bin,
und ich versteckte mich.

3,11  ER sprach:
Wer hat dir gemeldet, dass du nackt bist ?
hast du vom Baum, von dem nicht zu essen ich dir gebot, gegessen ?

3,12  Der Mensch sprach:
Das Weib, das du mir beigegeben hast,
sie gab mir von dem Baum, und ich aß.

3,13  ER, Gott, sprach zum Weib:
Was hast du da getan!
Das Weib sprach:

Die Schlange verlockte mich, und ich aß.

3,14  ER, Gott, sprach zur Schlange:
Weil du das getan hast,
sei verflucht vor allem Getier und vor allem Lebendigen des
Feldes,
auf deinem Bauch sollst du gehn und Staub sollst du fressen
alle Tage deines Lebens,

3,15  Feindschaft stelle ich zwischen dich und das Weib,
zwischen deinen Samen und ihren Samen,
er stößt dich auf das Haupt, du stoßest ihm in die Ferse.

3,16  Zum Weibe sprach er:
Mehren, mehren will ich deine Beschwernis, deine Schwangerschaft,
in Beschwer sollst du Kinder gebären.
Nach deinem Mann sei deine Begier, er aber walte dir ob.

3,17  Zu Adam sprach er:
Weil du auf die Stimme deines Weibes gehört hast
und von dem Baum gegessen hast, den ich dir verbot,
sprechend: Iß nicht davon!,
sei verflucht der Acker um deinetwillen,
in Beschwer sollst du von ihm essen alle Tage deines Lebens.

3,18  Dorn und Stechstrauch lässt er dir schießen,
so iss denn das Kraut des Feldes!

3,19  Im Schweiß deines Antlitzes magst du Brot essen,
bis du zum Acker kehrst,
denn aus ihm bist du genommen.
Denn Staub bist du und zum Staub wirst du kehren.

3,20  Der Mensch rief den Namen seines Weibes: Chawwa, Leben!
Denn sie wurde Mutter alles Lebendigen.

3,21  ER, Gott, machte Adam und seinem Weibe Röcke aus Fell
und kleidete sie.

3,22  ER, Gott, sprach:
Da,
der Mensch ist geworden wie unser einer im Erkennen von Gut und Böse.
Und nun
könnte er gar seine Hand ausschicken
und auch vom Baum des Lebens nehmen und essen
und in Weltzeit leben!

3,23  So schickte ER, Gott, ihn aus dem Garten von Eden,
den Acker zu bedienen, daraus er genommen war.

3,24  Er vertrieb den Menschen
und ließ vor dem Garten von Eden ostwärts die Cheruben wohnen
und das Lodern des kreisenden Schwerts,
den Weg zum Baum des Lebens zu hüten.

4,1   Der Mensch erkannte Chawwa sein Weib,
sie wurde schwanger, und sie gebar den Kajin.
Da sprach sie:
Kaniti -
Erworben habe ich
mit IHM einen Mann.

4,2   Sie fuhr fort zu gebären, seinen Bruder, den Habel.
Habel wurde ein Schafhirt, Kajin wurde ein Diener des Ackers.

4,3   Nach Verlauf der Tage wars,
Kajin brachte von der Frucht des Ackers IHM eine Spende,

4,4   und auch Habel brachte von den Erstlingen seiner Schafe, von ihrem Fett.
ER achtete auf Habel und seine Spende,

4,5   auf Kajin und seine Spende achtete er nicht.
Das entflammte Kajin sehr, und sein Antlitz fiel.

4,6   ER sprach zu Kajin:
Warum entflammt es dich ? Warum ist dein Antlitz gefallen ?

4,7   Ists nicht so:
meinst du Gutes, trags hoch,
meinst du nicht Gutes aber:
vorm Einlass Sünde, ein Lagerer,
nach dir seine Begier -
du aber walte ihm ob.

4,8   Kajin sprach zu Habel, seinem Bruder.
Aber dann wars, als sie auf dem Felde waren:
Kaijn stand auf wider Habel seinen Bruder und tötete ihn.

4,9   ER sprach zu Kajin:
Wo ist Habel dein Bruder ?
Er sprach:
Ich weiß nicht. Bin ich meines Bruders Hüter ?

4,10  ER aber sprach:
Was hast du getan!
die Stimme des Geblüts deines Bruders schreit zu mir aus dem Acker.

4,11  Und nun,
verflucht seist du hinweg vom Acker,
der seinen Mund aufmachte, das Geblüt deines Bruders
aus deiner Hand zu empfangen.

4,12  Wenn du den Acker bedienen willst,
nicht gibt er dir fortan seine Kraft.
Schwank und schweifend musst du auf Erden sein.

4,13  Kajin sprach zu IHM:
Allzu groß zum Tragen ist meine Verfehlung.

4,14  Da, du vertreibst mich heute vom Antlitz des Ackers,
vor deinem Antlitz muss ich mich bergen,
schwank und schweifend muss ich sein auf Erden, -
so muss es sein:
allwer mich findet, tötet mich!

4,15  ER sprach zu ihm:
So denn,
allwer Kajin tötete, siebenfach würde es geahndet.
Und ER legte Kajin ein Zeichen an,
dass ihn unerschlagen lasse, allwer ihn fände.

4,16  Kajin zog von SEINEM Antlitz hinweg
und wurde erst sesshaft im Lande Nod, Schweife, östlich von Eden.

4,17  Kajin erkannte sein Weib,
sie wurde schwanger und gebar den Chanoch.
Er aber wurde Erbauer einer Stadt
und rief den Namen der Stadt nach seines Sohnes Namen Chanoch.

4,18  Dem Chanoch wurde Irad geboren,
Irad zeugte Mechujael,
Mechujael zeugte Metuschael,
Metuschael zeugte Lamech.

4,19  Lamech nahm sich zwei Weiber,
der Name der einen war Ada, der Name der zweiten Zilla.

4,20  Ada gebar den Jabal,
der wurde Vater der Besitzer von Zelt und Herde.

4,21  Der Name seines Bruders war Jubal,
der wurde Vater aller Spieler auf Harfe und Flöte.

4,22  Und auch Zilla gebar, den Tubal-Kajin,
Schärfer allerlei Schneide aus Erz und Eisen.
Tubal-Kajins Schwester war Naama.

4,23  Lamech sprach zu seinen Weibern:
Ada und Zilla, hört meine Stimme,
Weiber Lamechs, lauscht meinem Spruch:
Ja,
einen Mann töt ich für eine Wunde
und einen Knaben für eine Strieme!

4,24  Ja,
siebenfach wird Kajin geahndet,
aber siebenundsiebzigfach Lamech!

4,25  Adam erkannte nochmals sein Weib, und sie gebar einen Sohn.
Sie rief seinen Namen: Sehet, Setzling!
denn: gesetzt hat Gott mir einen andern Samen
für Habel, weil ihn Kajin erschlug.

4,26  Auch dem Sehet wurde ein Sohn geboren,
er rief seinen Namen Enosch, Menschlein.
Damals begann man den NAMEN auszurufen.

 

 


 

 

6.3. Begriffe in der jüdischen Überlieferung

 

“Thora“:

hebr. Lehre, (Unter-)Weisung;

meint im engeren Sinne die Gottesoffenbarung am Sinai und ihre Grundlegung im Pentateuch (= 5 Bücher Mose), sie enthält alles, was der Mensch zu einem gottgefälligen Leben braucht, bedarf aber der Auslegung und ständigen Aktu­alisierung, diese Aktualisierung manifestiert sich in der mündlichen Thora (Mischna);

Das Wort „Thora“ bezeichnet in der Alltagssprache der biblischen Zeit die „Weisung“ besonders der Mutter an ihre Kin­der (Spr 6,20), die aus liebevoller Zuwendung erwächst und zur Vermeidung tödlicher Gefahren anleitet – wofür „Ge­setz“ eine problematische Wiedergabe wäre.

“Tanach“:

die hebräische Heilige Schrift der Juden;
auf der Synode in Jabne (einer Versammlung von Gelehrten) wurde zwischen 90 und 95 n.Chr. endgültig festgelegt, welche Schriften für die Religion des Judentums verbindlich sind (Kanon);
die Heilige Schrift bestand nun aus der „Weisung“ („Thora“: die fünf Bücher Mose), den „Prophe­ten“ („Nebiim“; ein­schließlich der geschichtlichen Bücher Josua, Richter, Samuel und Könige) und den „Schriften“ („Ketubim“: Psalmen, Sprüche, Hiob, kleinere Schriften sowie solche aus späterer Zeit wie Daniel, Chronik);
nach den hebräischen Anfangsbuchstaben dieser drei Teile heißt das Alte Testa­ment bei Juden meist „Tanach“ oder „Tenach“ (T steht für Thora (Bücher der Weisung), N für Nebiim (Propheten), K oder Ch für Ketubim (Schriften));
“Talmud“:

hebr. Lernen, Lehre, Studium, Einüben;
Sammlung (3. bis 5. Jh. n.Chr.) der Diskussionen und Kommentare zur biblischen Überlieferung; Ausgangspunkt des Talmud ist die Mischna; sie wurde um die Gemara (Lehrdiskussion) erweitert; es gibt den palästinensischen Talmud (auch Jerusalemer T. genannt) und den viel umfangreicheren babylonischen Talmud;
“Mischna“:

hebr. Lernen, Wiederholung; Mz. Mischnajot;
Sammlung von Lehrsätzen der mündlichen Thora; ihr grundlegender Korpus entstand im 2. Jh. n.Chr.; sie ist auch Grundlage des Talmuds;
“Gemara“;

hebr. Lehrdiskussion; Mz. Gemarot;
Auslegung und Diskussion der Sätze der Mischna;

“Midrasch“:

hebr. suchen, forschen, erklären; Mz. Midraschim,
die erbauliche Auslegung alttestamentlicher Bücher durch jüdische Schriftgelehrte; satzweise Erklärung der Thora

“Halacha“:

hebr. Gehen, Wandeln;
Bezeichnung für das gesamte „gesetzliche“ System des Judentums, die Halacha beschreibt den Lebensinhalt und die Lebensführung, eine Trennung zwischen Säkularem und Religiösem existiert nicht; bedeutende halachische Samm­lungen enthalten Mischna und Talmud;

“Haggada“:

hebr. Erzählung;

jener Teil der mündlichen Lehre (Thora), der nichthalachischen Charakters ist; die Haggada umfasst erzählerische Traditionen der verschiedensten Art: Geschichten, Sagen, Legenden, Märchen, Fabeln, Gleichnisse, Wunder- und Weisheitserzählungen, Anekdoten, Witze, Rätsel ... sie lebt von einer spielerischen und poetischen Phantasie der Schriftsauslegung; jeder kann einen Schriftvers nach eigenem Verständnis auslegen, dabei dürfen sich die Haggadot durchaus widersprechen;

(aus:Hubertus Halbfas: Religionsunterricht in Sekundarschulen, Lehrerhandbuch 5, Patmos 1994, S.314ff.;
Christen und Juden III, eine Studie der EKD, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2000, S.108ff.)

 

Synagoge

grch. Versammlung(sort); im Judentum die sich versammelnde Gemeinde und ihr Versammlungsort, das jüdische Gottesdienstge­bäude und zugleich auch Ort profaner Versammlungen, vermutlich in der babylonischen Diaspora als Ort eines Wortgottesdienstes ohne Opfer entstanden; die gottesdienstlichen Räume sind nach Jerusalem ausgerichtet

 

6.4. „Judentum“

Das JUDENTUM kennt keine Theologie im eigentlichen Sinn, keine dogmatische Normierung des Glaubensgutes, wohl aber normative Glaubenslehren, so die Einheit und Einzigkeit Gottes. Die Welt ist seine Schöpfung, ihr Sinn ist die Verwirklichung des Guten. Der Mensch steht Gott unmittelbar (ohne Mittler) gegenüber; in Freiheit vermag er Gottes Willen (das Gute) zu tun oder sich von ihm abzuwenden und im Abfall zu sündigen; bußfertige Umkehr könne diese Verfallenheit an die Welt aufheben. Des Menschen Aufgabe ist die Heiligung des gesamten Lebens, so dass kein Unterschied mehr zwischen weltlichem und religiösem Bereich besteht. Das traditionelle JUDENTUM glaubt an eine jenseitige Vergeltung der guten und bösen Taten und an die Auferstehung der Toten; betont wird aber die Be­währung im Diesseits im Gehorsam gegenüber dem göttlichen Gebot. Die sittlichen Pflichten sind in der Thora, in der Verkündigung der Propheten und in der Auslegung der Tradition (Talmud) festgelegt.
(dtv-Lexikon 1990)

 

 

6.5. Wer ist ein „Jude“?

Gesetz zur Rückkehr (in den Staat Israel, verabschiedet in der Knesset 5.7.1950, Ergänzung 1970)

Abschnitt 4b:
„Für den Zweck dieses Gesetzes bedeutet „Jude“ eine Person,
die von einer jüdischen Mutter geboren
oder zum Judentum übergetreten ist
und nicht einer anderen Religion angehört.“

(Was jeder vom Judentum wissen muß, VELKD, Güterloher Verlagshaus 1983, S.36)

 

 

6.6. „Wie kommt ein Jude in den Himmel?“
Von Josef Joffe (DIE ZEIT, 15.02.2007 Nr. 08 S.10)
...
Sünde und Erlösung: Die Juden haben die Sünde zwar in der Genesis erfunden (siehe »Adam und der Apfel«), aber die »Erbsünde« verneinen sie; diese Doktrin – dass der Mensch von vornherein befleckt sei – muss Paulus zuge­schrieben werden. Daraus folgt: keine Erbsünde, keine kollektive Erlösung im christlichen Sinne durch den Kreuzes­tod. Der Mensch sei ein »ganzheitliches« Wesen, ein Bündel von guten Neigungen und schlechten, aber nicht grund­sätzlich bösen.
Die gute Seite ist das Gewissen, die gefährliche die Triebhaftigkeit. Das nimmt Freuds »Über-Ich« und »Es« vorweg. Die Triebbefriedigung (Nahrung oder Sex) ist natürliche Notwendigkeit, kann aber üble Folgen haben (Völlerei oder Vergewaltigung). Deshalb ist Selbstzucht Menschenpflicht. Haut er trotzdem über die Stränge, kann er der Bestrafung durch aufrichtige Reue entgehen, sich also selber erlösen. In jedem Fall aber ist er Herr seiner Entscheidungen – we­der Heiland noch Priester können ihm die Last abnehmen. Demnach hätten die Juden nicht bloß das »kleine Bier« erfunden, wie ein Wiener Antisemit in Friedrich Torbergs Tante Jolesch höhnte, sondern auch den freien Willen. Der Schöpfer hat Adam nicht gezwungen, vom Baum der Erkenntnis zu essen.
Gegenüber Gott reichen Reue und Umkehr, beim Menschen aber ist Handfesteres angesagt: die Wiedergutmachung ...
Juden glauben zwar an die Unsterblichkeit der Seele, auch an die Auferstehung der Toten, aber eben erst, wenn der Messias kommt, und der »mag trödeln«. So drückt es Maimonides (1138 bis 1204) aus, der wichtigste Denker der nachtalmudischen Zeit, sozusagen der Augustin des Judentums. ...
So der Messias kommt, lehrt Maimonides, werde sich die Menschheitserlösung auf Erden entfalten: »Auch dann wird es Reiche und Arme, Starke und Schwache geben. Aber es wird eine Zeit sein, in der die Zahl der Weisen wächst, in der es keinen Krieg mehr gibt und die Völker nicht mehr das Schwert gegeneinander erheben. Güte und Weisheit werden vorherrschen. Glaubt nicht, dass die Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden. Und bedenkt, dass alle Pro­phezeiungen über den Messias Allegorien sind.« Wann kommt er denn? Rabbi Jochanan im Talmud: »Der Sohn Da­vids wird nur in einer Generation erscheinen, die entweder gänzlich rechtschaffen oder gänzlich böse ist.« Naturge­mäß wird das kaum eintreten, weshalb sich Juden viel mehr mit dem richtigen Leben auf Erden als mit der Belohnung im Jenseits beschäftigen.
Gottgefälligkeit und Gesetz: Der lutherische Gläubige hofft auf Gnade, der katholische auf »gute Werke«. Und der Jude? Auf die Treue zum Gesetz, das Gott den Kindern Israels im Sinai gab, als er den »Bund« mit ihnen schloss. Die Idee des Bundes, einer der krassesten Unterschiede zum Christentum, offenbart sich nirgendwo deutlicher als im Ersten Gebot. Bei den Christen heißt es ganz knapp: »Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter ha­ben neben mir.« Bei den Juden aber geht es weiter: »der ich dich führte aus dem Land Ägypten, aus dem Hause der Dienstbarkeit«. Mithin: Was bei Christen Glaubenssache ist, beruht bei den Juden auf göttlicher Vorleistung, etwa: »Das habe ich für euch getan, jetzt seid ihr dran.« Dem Glauben geht der Vertragsabschluss, das do ut des (ich gebe, damit du auch gibst JK), voraus. ...
Außer den Zehn Geboten stehen noch 603 weitere im Kontrakt (siehe www.jewfaq.org/613.htm): Wie man betet und benedeit, dass man seine Mitmenschen nicht beleidigen und dem Nachbarn helfen, den Armen einen Teil der Ernte überlassen, den Fremden lieben möge. Es folgt eine lange Latte sexueller Tabus: wer mit wem »liegen«, wen heiraten darf. Dreißig Regeln bestimmen, was gegessen werden darf und wie – kein Aas, Schwein, Ungeziefer, keine Schlan­gen, keine Völlerei –, lauter kluge Anweisungen, als es weder Gesundheitsbehörden noch Kalorientabellen gab.
Weitere dreißig Gesetze legen die Wirtschaftsmoral fest: keine Schummelei, kein Wucherzins. Den Bedürftigen Geld leihen, keine Pfänder zurückhalten, wenn der Schuldner sie in seiner Not braucht. Witwen müssen nichts hinterlegen, Gewichte und Waagen müssen stimmen. Lohn muss pünktlich gezahlt werden. Schließlich sehr pragmatisch: Ver­binde dem dreschenden Ochsen nicht das Maul. Dann geht’s ins Juristische (43 Passagen). Verboten sind Meineid, Bestechung, Vertrauensbruch. Verwandte dürfen nicht als Zeugen befragt werden, zur Beweisführung gehören min­destens zwei. Die Aussage von Fremden gilt so viel wie die von Einheimischen. Gleichheit vor dem Gesetz und Un­befangenheit des Richters. Todesurteile dürfen nur mit einer deutlichen Mehrheit gefällt werden (was die Einstimmig­keit der zwölf Schöffen im angelsächsischen Recht vorzeichnet). ...
Der Rest beschäftigt sich mit Ritual und Religion, mit Tempel- und Gottesdienst, bis in die allerfeinsten Verästelungen. Aber auch mit der Fruchtfolge auf dem Acker, dem Kriegsrecht (das seinerzeit nicht ganz den Genfer Konventionen entsprach) und der Machtbegrenzung des Monarchen. Interessant für den modernen Menschen: Nicht nur ist Götzen­dienst tabu, verboten sind auch Zauberei, Astrologie und Geisterbefragung. Und so weiter bis zur Nummer 613. ...
... Hang der Juden zur Jurisprudenz, der sich vom 3. Jahrhundert an in den 63 Traktaten und 6000 Seiten des Tal­muds niederschlug. Auf den Punkt gebracht, handelt es sich bei diesem geheimnisumwitterten Werk um ein Gesetz­buch mit Auslegungen, Gegengutachten, Präzedenzfällen und Disputationen. Deshalb dauert das jüdische »Jura-Stu­dium« ein ganzes Leben lang.
Glauben und Vernunft: ...
Das Christentum ist im Kern eine Glaubensreligion, wie sie sich im Apostolicum niederschlägt: »Ich glaube an Gott, den Vater und an Jesus Christus…« Das Judentum ist eine Gesetzesreligion, die sich an der »Ur-Verfassung« vom Sinai (Thora), den 613 Ge- und Verboten und den Auslegungen des Talmuds orientiert. Selbst das »Sch’ma Jisrael«, die Säule des jüdischen Monotheismus, ist kein echtes Bekenntnis, sondern ein Appell, eine Dauer-Ermahnung. Es heißt nicht: »Ich glaube.« Sondern: »Höre, oh Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig!« Also: Hör gut zu, Amen musst du selber sagen. ...
... eine praktische Einsicht, die das Leben mit den 613 Ge- und Verboten etwas erträglicher macht: Wer mit dem Ge­setz leben will, muss es auslegen, muss es neuen Bedingungen menschlicher Existenz anpassen können – dies aber nicht nach Lust und Laune, sondern regelhaft, vernunftbetont und im Einklang mit allen Beteiligten. ...
Dogma und Dehnung: Bei aller Wucht der Gesetzeslast (als Analogie zur christlichen Dogmatik) gilt das Prinzip Pi­kuach Nefesch, etwa »Rettung einer Seele«, das allergrößte Sicherheitsventil im Judentum. Geht es um Gesundheit oder Leben, können selbst am heiligen Sabbat fast alle Gesetze ausgehebelt werden – außer bei Mord, Götzendienst und verbotenem Sexualverkehr. Ein modernes Beispiel: Obwohl die Entheiligung der Toten durch Verstümmelung tabu ist, dürfen Organe entnommen werden, um ein Leben zu retten.
Auf Neudeutsch: In der ewigen Spannung zwischen Offenbarungsglaube und Moderne haben Moses und die Rabbi­nen das Judentum »gut aufgestellt«. Gegen einen unbeugsamen Fundamentalismus, der jeder Religion anhaftet, steht ein Pragmatismus, der in der Diesseitigkeit wurzelt und selbst den ganz Frommen, den »613ern«, eine Grund­versorgung mit Elastizität sichert. Und in einem demokratischen Ur-Gefühl, das der Staatenlosigkeit des Judentums nach der Tempelzerstörung (70 nach Christus) geschuldet sein mag. So konnte nie eine unduldsame Staatsreligion im Verbund mit weltlicher Macht wie in Rom oder gar eine Theokratie wie im Islam entstehen. Die Trennung von Kirche und Staat, eine Errungenschaft der westlichen Moderne, haben die Juden, wenn auch nicht ganz freiwillig, schon vor knapp 2000 Jahren vorweggenommen: »Das Gesetz des Königreiches ist das Gesetz.«
Reformation und Aufklärung? Reformation war unnötig, weil deren Hauptprinzip – der direkte Weg zu Gott, »jeder­mann sein eigener Priester« – zum Judentum gehört wie Matze und Kippa. Es gibt keinen Papst und schon lange keine Priester mehr; der Rabbi ist Lehrer und Schiedsrichter. Jeder führt sein eigenes Gespräch mit Gott, wie das Stimmengewirr in der Synagoge zeigt (»hier geht’s ja zu wie in einer Judenschule«). Wie soll es auch anders sein, wenn man bedenkt, wie oft sich die Kinder Israel gegen ihren Moses und ihren Gott aufgelehnt haben, wie vollgepackt der Talmud mit seinen Sprüchen und Wider-Sprüchen ist? Deshalb auch: zwei Juden, drei Meinungen. Deshalb su­chen die Juden ihren höchstpersönlichen Weg in den Himmel, auch wenn der ziemlich weit weg ist. ...

kompletter Text unter: http://www.zeit.de/2007/08/Religion-Himmel?page=all

 

6.7. Die zehn Gebote

traditionelle Überlieferung

bibeltreue Textwiedergabe

Martin Luther:
Kleiner Katechismus

Martin Luther:
Bibelübersetzung

5. Buch Mose 5,6-21 (ähnlich auch: 2. Buch Mose 20,2-17)

 

Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat,

aus der Knechtschaft.

1. Gebot:
Ich bin der Herr, dein Gott.

Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

1. Gebot:

Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

 

2. Gebot:

Du sollst dir kein Bildnis machen in irgendeiner Gestalt, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was unter der Erde ist. Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen ...

2. Gebot:

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

3. Gebot:

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

3. Gebot:

Du sollst den Feiertag heiligen.

4. Gebot:

Den Sabbattag sollst du halten, dass du ihn heiligest, wie dir der Herr, dein Gott, geboten hat. ... am siebenten Tag ...

 

6.8 Aus dem Talmud

 

(Seite 501:)

„Rabbi Jochanan pflegte sich vor die Eingänge der Badehäuser zu setzen … (die Töchter Israels sollten sich in ihn vergucken) … Da sagten sagten ihm die Rabbanan: „Fürchtet sich der Herr nicht vor dem bösen Blick?“ Hierauf ant­wortete er: „Ich stamme von Josef ab, dem der böse Blick nichts anhaben konnte, denn es ist geschrieben (1. Buch Mose 49,22): „Josef wird wachsen wie ein Baum ale ajin - an der Quelle.“ Und Rabbi Abuha hat gesagt: „Lies nicht ale ajin sondern ole ajin - erhaben über das Auge.“ Rabbi Jose bar Chanina sagte, er (Rabbi Jochanan) hätte ihnen fol­genden auf die Nachkommen Josefs bezüglichen Vers zitiert (1. Buch Mose 48,16): „Dass sie sich wie die Fische vermehren auf Erden.“ Wie die Fische im Meere vom Wasser bedeckt und dem Auge nicht ausgesetzt sind, so sind auch die Kinder Josefs dem Auge nicht ausgesetzt.

(Seite 534:)

„Wenn man in einem Verfahren über Geldangelegenheiten falsch ausgesagt hat, so lässt sich diese Aussage durch Wiedererstattung des Geldes gutmachen, wenn aber jemand durch falsche Aussagen hingerichtet worden ist, so haf­tet das Blut des Hingerichteten und das Blut der Kinder, die er, wenn er nicht hingerichtet worden wäre, hätte zeugen können, bis ans Ende der Welt an dem falschen Zeugen ... Warum, fahren sie mit ihrer Mahnung an den Zeugen fort, ist im Anfang nur ein Mensch geschaffen worden? Um dich zu lehren, dass die Schrift demjenigen, der nur eine ein­zige Seele Israels vernichtet hat, es anrechnet, als hätte er die ganze Welt vernichtet, und dass sie demjenigen, der nur eine einzige Seele Israels erhält, es anrechnet, als hätte er die ganze Welt erhalten ... Deshalb muss jeder sagen: Meinetwegen ist die Welt geschaffen worden. ...“

(Seite 537:)

„Die Rabbanan haben gelehrt: Warum ist der erste Mensch erst am Freitag geschaffen worden? Damit die Ketzer nicht sagen sollen, dass er Gott mitgeholfen habe, die Welt zu erschaffen. Oder: damit man dem Menschen, wenn er sich überhebt, sagen kann: „Selbst die Mücke war schon vor dir da“. Oder: damit er sofort an die Ausübung der Sab­batruhe herangehen konnte ...“

(Seite 539:)

„Rabbi Jochanan bar Chanina sagte: Zwölf Stunden hat der Tag. In der ersten Stunde wurde die zur Schaffung des ersten Menschen benötigte Erde zusammengetragen. In der zweiten Stunde wurde er zum Klumpen geformt, in der dritten wurden die Glieder geformt, in der vierten wurde ihm die Seele eingehaucht, in der fünften stand er auf, in der sechsten führte ihm Gott die Tiere vor, damit er sie benennen sollte, in der siebenten wurde ihm Eva zugeführt, in der achten bestiegen sie zu zweit das Bett und verließen es zu viert (mit den beiden Kindern Kain und Abel), in der neun­ten wurde ihm das Verbot erteilt, vom Baum der Erkenntnis zu essen, in der zehnten hat er sich dagegen vergangen, in der elften wurde er gerichtet, in der zwölften wurde er aus dem Paradiese gejagt.“

(Seite 543:)

„Rabbi Meir pflegte in seinen Vorträgen dreimal halakisch, dreimal aggadisch und dreimal in Fabeln auszulegen.“

(Seite 561f.:)

„Antonius fragte den Rabbi: „Wann kommt die Seele in den Menschen? Bei der Empfängnis oder bei der Bildung des Embryo?“ Rabbi erwiderte: „Bei der Bildung des Embryo.“ „Wenn es so wäre“, entgegnete Antonius, „wie könnte sich das Kind im Mutterleibe erhalten? Kann ein Stück ungesalzenes Fleisch drei Tage liegen, ohne zu verfaulen? Also muss die Seele schon bei der Empfängnis in den Menschen kommen.“ Antonius fragte den Rabbi: „Von wann an herrscht der böse Trieb im Menschen?. Von der Zeit des Embryo oder von der Zeit der Geburt an?“ Rabbi erwiderte: „Von der Zeit der Bildung an.“ Dagegen meinte Antonius: „Wenn das Kind schon vor der Geburt bösartig wäre, könnte es sich vor der Zeit den Weg ins Leben suchen. Also nimmt der böse Trieb vom Menschen erst nach der geburt Be­sitz.“ Rabbi gab ihm Recht und wies auf folgende Stelle hin, die seine Ansicht unterstützt (1. Buch Mose 4,7): „Die Sünde lauert vor der Tür.“

(Seite 562:)

„Wer sagt, dass die Thora nicht vom Himmel ist? Die Rabbanan haben gelehrt: Im 4. Buch Mose 15,31 heißt es: Denn sie (die Seele) hat des Herrn Gebot verachtet und sein Gebot fahren lassen; sie soll ausgerottet, ja ausgerottet wer­den, die Schuld sei ihr. Das bezieht sich auf jemand, der sagt, dass die Thora nicht vom Himmel ist. … Selbst wenn er zugibt, dass die Thora vom Himmel stammt, aber auch nur von einem Verse behauptet, dass er nicht von Gott, son­dern nur von Moses herrühre, so hat er selbst keinen Anteil am jenseitigen Leben. Und wenn er selbst zugibt, dass die ganze Thora von Gott herrührt, aber nur eine einzige Auslegung der Talmudlehrer, eine einzige Ableitung durch eine Schlussfolgerung oder eine Wortanalogie davon ausnimmt, so hat er keinen Anteil am jenseitigen Leben …“

(Seite 580, Text Fromer:)

„Als Kommentar zu der fast ausschließlich aus Halakot bestehenden Mischna müsste sich die Gemara nur mit rechts­wissenschaftlichen Fragen beschäftigen. Von Zeit zu Zeit empfanden jedoch die Talmudlehrer das Bedürfnis, ihren Geist von dieser äußerst anstrengenden Beschäftigung auf leichtere Dinge abzulenken, die mit „Aggada“, Erzählung, Unterhaltung, bezeichnet werden und auf alle nichtjuristischen Wissenszweige wie Philosophie, Geschichte, Geogra­fie, Naturkunde usw., vor allem Erbauung, Sittenlehre und Exegese sich erstrecken. Diese mit der Mischna in keinem ursächlichen Zusammenhang stehenden Partien kommen in der Regel erst in späteren Kapiteln vor.“

(Seite 524f.:)

3. Traktat, 5. Kapitel, Mischna 1, Gemara -
Erläuterung Fromer: „Bei der Behandlung dieser Frage werden Schiffergeschichten erzählt, die dem Jagdlatein oder den Münchhausiaden ähnlich sind ...“

(Der Babylonische Talmud, übertragen und erläutert von Jakob Fromer (1924), Fourier Verlag Wiesbaden, 1991)

 

 

6.9. Probleme bei der Übersetzung der Heiligen Schriften -
schon vor 2200 Jahren
„Text meines Großvaters … Ich bitte, dort Nachsicht zu üben, wo wir trotz intensiven Bemühens bei der Übersetzung vielleicht doch nicht die genaue Ausdrucksweise getroffen haben. Denn das, was bei uns auf Hebräisch gesagt wird, hat ja nicht mehr genau dieselbe Kraft, wenn es in eine andere Sprache übertragen wird … auch die Übersetzungen der Thora , der prophetischen Schriften und der übrigen Bücher unterscheiden sich nicht unwesentlich von den Fassungen in der Originalsprache.“
(Bibel, Buch Jesus Sirach, Vorwort des Verfassers zur vorgenommenen Übersetzung ins Griechische, geschrieben zwischen 190 und 175 v.Chr.)

 

6.10. Zur unterschiedlichen Anordnung der Texte

in der hebräischen und in der christlichen Bibel

 

Die Bibel der jüdischen Gemeinde ist anders als die christliche Bibel Martin Luthers ausgerichtet. Luther hat zwar bei seiner Übersetzung den jüdischen Kanon übernommen, (und die Apokryphen ausgegliedert) - aber die Anordnung geändert. Das letzte Buch ist bei ihm (und daher in allen Luther-Bibeln) der Prophest Maleachi, der in seinen letzten Versen das Kommen Elijas verheißt (Maleachi 3,23), bevor der Tag des Herrn kommt. In jüdischer und christlicher Auslegung wird Elija zum Vorboten des Messias: nach Elija kommt dieser! So wird dann auch im Neuen Testament in Johannes dem Täufer der wiedergekommene Elija erkannt: Matthäus 11,14 und Lukas 1,17. So ordnet Luther die Bü­cher des Alten Testament und Neuen Testament im Sinne von Verheißung und Erfüllung: eine großartige christliche Theologie. Das Alte Testament ist zu einem auf den Messias (so ist immer statt Christus zu lesen) offenen Buch ge­worden. Das ist unsere christliche Sicht, nicht die jüdische. Im jüdischen Kanon schließt die Bibel (des AT) mit dem Zweiten Buch der Chronik. In 2. Chronik 36,23 wird die Rückkehrmöglichkeit Israels aus der Gefangenschaft in Baby­lon proklamiert. Das heißt, das AT ist, jüdisch gelesen, offen auf die Rückkehr nach Jerusalem, nicht auf den Messias.
(Gerhard Begrich, in: Der Sonntag 6.5.07)


 

 

6.11. Unterschiedlicher Text-Bestand der Heiligen Schrift

 Juden

 Christen

 Tanach
 
(Weisung = Thora,
 Propheten, Schriften)

 „Altes Testament“

 Kanon (= Maßstab)

 

 Bestand auf der
 Synode von Jabne um
 100 n.Chr. festgelegt

 

 

 

 (Ausschluss-Kriterium:
 Urfassung der Texte
 muss in hebräischer
 Sprache vorliegen
;
 alle nur in griechischer
 Sprache überlieferten
 Schriften wurden nicht
 anerkannt)

Katholische Bibel:


zusätzlich zum jüdischen Kanon sind hier noch sieben weitere Schriften aus der griechischen „Septuaginta“ aufgenommen; Umstellungen in der Reihenfolge



(Provinzialsynode von Hippo 393 n. Chr.;
auf dem Konzil von Trient 1546 bestätigt)

Luther-Bibel, Zürcher Bibel:


Bestand wie im jüdischen Kanon;
Umstellungen in
der Reihenfolge

 

(Ergänzung durch die sog. „Apokryphen“ – Luther empfahl sie zur Lektüre, rechnete
sie aber nicht zur Heiligen Schrift)

Orthodoxe Bibel:

enthält noch zwei zusätzliche Schriften über den Bestand der Katholischen Bibel hinaus

 

 

6.12. Das Augsburger Bekenntnis
Artikel 2: Von der Erbsünde
Weiter wird bei uns gelehrt, dass nach Adams Fall alle natürlich geborenen Menschen in Sünde empfangen und geboren werden, das heißt, dass sie alle von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können, ferner dass auch diese angeborene Seuche und Erbsünde wirklich Sünde ist und daher alle die unter den ewigen Gotteszorn verdammt, die nicht durch die Taufe und den Heiligen Geist wieder neu geboren werden.
Damit sind alle verworfen, die die Erbsünde nicht für eine Sünde halten, damit sie die Natur fromm machen durch natürliche Kräfte, in Verachtung des Leidens und Verdienstes Christi.
(Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens, 1994, Nr. 807)

 

6.13. GEMATRIE

·         zu Gen.14,14:
„Als Awram hörte, dass sein Verwandter gefangen worden war, bewaffnete er seine geübten Hausgeborenen, dreihundertachtzehn an der Zahl, und verfolgte sie bis Dan.“
a) vermutlich eine Zahl, die innerhalb der Zahlensymbolik des Buches Genesis zu verstehen ist. Die Primzahlen zwischen 7 und 49 (=7x7) ergeben als Summe 318
b)  Midrasch: Awram verdankt seinen Sieg über die Könige nicht der Hilfe von 318 Männern, sondern der eines einzelnen. Denn die Zahl 318 ist der Buchstabenwert von „Elieser“, Awrams Knecht. Wenn man weiß, dass die Zahl 318 „Elieser“ meint, kann man ferner feststellen, dass das Wort „Elieser“ „Gott ist meine Hilfe“ bedeutet – das heißt, Awrams Helfer war Gott. Er besiegte die Könige also auf Grund seines Glaubens, nicht aufgrund seiner Kraft.                            
(Diese Gleichsetzung bezieht sich auf eine alte Methode, die zur Bibelauslegung angewendet wird, die soge­nannte Gematrie. Jeder Buchstabe des hebräischen Alphabets wird gleichzeitig auch als Zahl benutzt. Addiert man die Buchstaben eines Wortes, erhält man seinen Zahlenwert. Wörter mit demselben Zahlen­wert können miteinander verglichen werden und eine Grundlage für exegetische Schlussfolgerungen bil­den. Addiert man die Zahlenwerte der Buchstaben von Elieser, ergibt sich die Summe 318: 1 + 30 + 10 + 70 + 7 + 200)
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 1, S.170ff.)

·         zu Ex.3,2
(„Der Engel des HERRN erschien ihm (Mose) in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch.“)
ein Midrasch sagt: Der Busch steht hebräisch für die Zahl 120 und deutet darauf hin, wie viel Jahre Mosche leben wird.
Seit dem 2.Jh v.d.Z. haben traditionelle jüdische Schriften die 22 Buchstaben des Alphabets benutzt, um Zahlen zu bezeichnen …
Die Gematrie (abgeleitet von dem griechischen Wort für „Geometrie“ oder – wahrscheinlicher – für „Schrift“ = grammateia) war eine halb-okkulte Methode, um durch Addition der Zahlenwerte der hebräi­schen Buchstaben versteckte Bedeutungen zu erkennen. Auf diese Weise ergibt das hebräische Wort für Busch die Zahl 120: 5 + 60 + 50 + 5. Von Mosche heißt es aber, dass er 120 Jahre alt wurde (Deuteronomium 34,7) …
Gott warnte Mosche (Ex.3,5) „Komm nicht NÄHER (=75), denn du bist PRIESTER (=75), und wie ein Priester musst du die Schuhe ausziehen.“ …
Gottes Siegel ist die WAHRHEIT (= 441). Also ist er ein Vielfaches von EHJE (der Gottesname „Ich bin“ = 21; 21 x 21 = 441) …
EHJE (der Gottesname „Ich bin“) steht für die Zahl 21, wie die ersten Buchstaben von Awraham (1), Jizchak (10) und Jaakow (10): 1 + 10 + 10 = 21
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band2, S.67)

·         Die Lebenszeiten der Patriarchen sind in einem numerischen System geordnet.
Demnach war Awraham 100 Jahre alt, als Jizchak geboren wurde, und er lebte 100 Jahre seines Lebens in Kenaan.
Er war 175 Jahre alt, als er starb (7 x 52). Jizchak wurde 180 Jahre alt (5 x 62) und Jaakow 147 (3 x 72).
Es gab 10 Generationen von Adam bis Noach und dieselbe Zahl von Noach bis Terach, Awrahams Vater. …
Die Zahl 7 ist wichtig, vermutlich weil man damals sieben Planeten (Sonne, Mond und 5 Planeten JK) kannte.
10 und 12 sind häufig genannte Zahlen, ebenso auch 40 – dies bedeutet eine Generation.
(75) die Zahl 7 ist in der Bibel über 500mal erwähnt … die am häufigsten genannte Zahl der Bibel …
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 1, S.57)

·         die Zahl 7 ist in der Bibel über 500mal erwähnt … die am häufigsten genannte Zahl der Bibel …
Zusätzlich zum Ablauf der Woche ist das Pessachfest von der Zahl Sieben bestimmt. Es gibt eine Dauer von sieben Wochen zwischen Pessach und Schawout und das Schabbat-Jahr. Einige Wissenschaftler halten es für möglich, dass das gesamte Buch Genesis und sogar die Tora selbst um diese heilige Zahl erarbeitet und kunstvoll gestaltet worden seien (Zum Beispiel entnahm man den Buchstaben „UND GOTT SPRACH“ den Zahlenwert 343, dies ist 7x7x7).
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 1, S.75)

·         zu Gen.4,24:
(dort steht: „Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal.“)
Es wurde vorgeschlagen, Vers 24 meine:
“Wenn Kain zweimal siebenmal gerächt wird,
dann Lamech siebenundsiebzigmal.“
Dies gründet sich auf die Folgen:
2x7 = 12 + 22 +32    und    77 = 42 + 52 +62
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 1, S.104)

·         zu Gen.5,23:
„Alle Lebensjahre des Chanoch waren 365.“
… eine symbolische Zahl (unabhängig von den Tagen des Jahres): 102 + 112 + 122

zu Gen.6,3:
„Es soll aber die Frist seiner Tage (des Menschen JK) noch sein 120 Jahre.“
120 Jahre wird die ideale Lebenszeit (Mosche wird 120 Jahre alt werden), während die zu erwartende Lebens­dauer auf 70 Jahre verkürzt wird („Unsere Lebenszeit dauert 70 Jahre“ Psalm 90,10). 120 ist das Produkt von 1 x 2 x 3 x 4 x 5
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 1, S.110, 112)

·         zu Gen.23,1
„Es war das Lebensalter der Sara, hundert Jahre und zwanzig Jahre und sieben Jahre.“
Das Wort „Jahre“ wird wiederholt, um zu zeigen, dass jeder Lebensabschnitt in Saras Leben bis zum Rand erfüllt war.
Die Zahl 127 ist die Verbindung der idealen Lebensdauer (120 Jahre – siehe Gen 6,3 oben JK) mit der heiligen Zahl sieben.
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 1, S.223)

·         zu Ex.17,7+8
„Da nannte er den Ort Massa und Meriba, weil die Israeliten dort gehadert und den HERRN versucht und gesagt hatten: Ist der HERR unter uns oder nicht?
Da kam Amalek und kämpfte gegen Israel in Refidim.“

Der Angriff durch Amalek (an verschiedenen Stellen der Bibel ein Begriff für Feinde Israels JK) folgt unmittelbar auf das Murren (des Volkes Israel JK) … Israel sprach: „Ist auch der Ewige unter uns oder nicht?“ (Ex.17,7) und gleich nach diesem Zweifel „kam Amalek“ (Ex.17,8). Die Buchstaben von „AMALEK“ und ZWEIFEL haben den­selben Zahlenwert, nämlich 240.
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 2, S.185)

·         613 Mizwot (Gebote)
(Nach der jüdischen Tradition enthält die Tora insgesamt 613 Gebote, die sich aus 248 positiven und 365 negati­ven Bestimmungen zusammensetzen. Wie die Gebote gezählt werden, um auf diese Summe zu gelangen, ist Ge­genstand von Auseinandersetzungen. Eine alte Tradition sagt folgendes:)
Die Buchstaben des Wortes Tora ergeben eine Summe von 611 (400+6+200+5). Diese 611 wurden von Mosche überliefert („Die Weisung = Tora, die uns Mosche geboten hat“ Dtn.33,4). Die anderen beiden sind: „Ich bin der Ewige“ und „Du sollst keine anderen Götter haben vor mir!“. Diese beiden wurden dem Volk direkt von Gott gege­ben. (Talmud)

Im Hebräischen ergeben die ersten sieben Wörter des ersten Verses von Exodus 20 wie auch von Genesis 1 die Summe von 28 Buchstaben. …
Derjenige, der diese Worte mit Hingabe sagt, ist wie einer, der an den Wundern der Schöpfung und der Sinai-Of­fenbarung teilhat.
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 2, S.215)

·         zum Gesetz über die Zizit (Verzierung von Gewändern mit Troddeln oder Quasten, „Schaufäden“) Num.15,37ff.
… können orthodoxe Juden an ihren heraushängenden Quasten erkannt werden … pflegt der Betende die Quas­ten zu halten …
(154) Jesus trug wie alle gesetzestreuen Juden seiner Zeit ZIZIT (Matth.23,5+13), warnte jedoch vor „Heuchlern“, die „mit breiten Gebetsriemen und großen Quasten“ herumliefen
Gematrie:
Die jüdische Suche nach einer logischen Entsprechung zwischen Tallit und göttlichen Geboten wurde mit erstaun­lichen Entdeckungen belohnt. Der Zahlenwert des Wortes ZIZIT ist 600. Jede der Quasten besteht aus 8 Fäden und 5 Knoten, was eine Summe von (600+8+5) 613 ergibt. Diese Zahl entspricht den 613 Geboten in der Tora. …
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 4, S.149,153)

·         zu Num.28
Die Anzahl der Tiere, die an Sukkot geopfert wurden, sind ein Vielfaches von 7: siebzig Stiere, 89 Lämmer, 14 Widder, 7 Böcke.
Der Talmud kommentiert:
Die 70 Stiere dienen als Sühne für die 70 Völker der Welt. (Dies setzt Verantwortlichkeit Israels für die Sünden der Menschheit voraus)
Die 89 Lämmer sollen die 89 Flüche in Deuteronomium 28,15-68 abwehren
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 4, S.265)

·         Das erste Wort des Deuteronomiums ist ELEH = diese).
In der Gematrie ergibt das Wort die Zahl 36.
Der Tradition zufolge wird die Welt von 36 Gerechten aufrecht erhalten, genau wie sie von „diesen“ Worten der Tora aufrecht erhalten wird.
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 5, S.52)

·         Wie konnte Mosche einen Segen von tausendfacher Kraft spenden (Dtn.1,11)?
In der Gematrie haben die Buchstaben des Namens MOSCHE denselben Wert wie die Buchstaben von EL SCHADDAI (ein Name für Gott) – beide Worte ergeben in der Buchstabensumme 345. Schreibt man die Buchsta­ben beider Worte aus (jeden Buchstaben quasi als Wort), und zählt nun die Buchstabenwerte zusammen, ergibt sich als Summe 999! Mosche liebte Israel mit göttlicher Liebe, und indem er seinen eigenen Segen noch hinzu­fügte, konnte er diesen außergewöhnlichen tausendfachen Segen spenden …
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 5, S.64)

·         Die Flüche in Kapitel Dtn.28 enthalten (im hebräischen Text) 676 Buchstaben, wie auch das Wort RA-OT
(= Bosheiten) den Zahlenwert 676 hat.

Nun ist zu beachten, dass Gottes heiliger Name JHWH den Wert 26 hat, und 26 x 26 ist 676.
Die verborgene Bedeutung ist: Die Tora droht uns mit Bosheiten, doch von ihnen allen wird JHWH uns erlösen.
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 5, S.295)

·         nach traditioneller Zählung enthält die Tora 365 Verbote, entsprechend der Tageszahl im Jahr, und 248 Gebote, nach antikem Kenntnisstand die Anzahl der Glieder im menschlichen Körper
(GEO kompakt Nr.16 „Glaube und Religion“, Hamburg 2008, S.142)

6.14   Das Schriftverständnis des REFORMJUDENTUMS

(Seite 13) Unsere Arbeit gibt die Anschauungen des Reformjudentums wieder ….
(19ff.) Dieser Kommentar geht von der Voraussetzung aus, dass die Ursprünge der Tora in den Herzen und Gedanken des jüdischen Volkes liegen. Viele lehnen diese Voraussetzung ab, denn sie halten die Tora für „das Wort Gottes“, das Mosche von Gott selbst gegeben wurde – durch Verbalinspiration oder auf welchem Wege auch immer. Einige räumen dabei durchaus die Möglichkeit ein, dass bei der Tradierung des Textes von Generation zu Generation einige Schreibfehler entstanden. Sie beharren jedoch auf der Meinung, das Buch als Ganzes sei Gottes-, nicht Menschenwort. Dies ist der orthodoxe oder fundamentalistische Standpunkt. …
… dass in der von Gott eingegebenen Tora jedes Wort einen Sinn haben muss, denn hier kann kein einziger Buchstabe überflüssig sein. Es liege an unserer menschlichen Begrenztheit, wenn wir manches Wort der Bibel nicht verstehen.
Wo moderne wissenschaftliche Erkenntnisse dem Bibelwort zu widersprechen scheinen, werde sich später entweder herausstellen, dass unsere gegenwärtige Wissenschaft irrt, oder dass wir die Bibel nicht sachgemäß verstehen.
Dies war und ist die Position des orthodoxen Judentums, des fundamentalistischen Christentums und der meisten bisherigen jüdischen Kommentare.
Dieser Kommentar teilt diese Auffassung nicht …
(19ff.) Das Verständnis über Gott hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert, wie auch die menschlichen Erfahrungen sich verändert haben. Da die Tradition der Tora zunächst mündlich überliefert worden ist und erst nach vielen Generationen auch niedergeschrieben wurde, bezeugt die Endgestalt nun verschiedene Vorstellungen über Gott und das Volk. Sie stehen in der Tora nebeneinander und sind ein Zeugnis dafür, dass sich der Glaube unserer Vorfahren verändert und entwickelt hat. …
So verstanden stammt das Buch nicht von Gott, sondern von Menschen …
Es ist damit zu rechnen, dass die nächste Generation die Worte anders hören und dass sich die Suche nach neuen Antworten beständig fortsetzen wird …
Wir sollten uns vor Augen halten, dass die biblischen Autoren in der Vorstellungswelt ihrer eigenen Zeit dachten und schrieben, nicht in der unserer Zeit …

Unser Kommentar … akzeptiert die historisch-kritische Erforschung der Texte …
es gibt keine Original-Handschrift von einem der biblischen Autoren. Die älteste Pergamentrolle der Tora, die wir kennen, stammt von ungefähr 900 n.d.Z., das heißt, sie entstand 1300 Jahre nachdem die Endfassung des Textes geschrieben worden ist. …
Eine der besten Textüberlieferungen … die der Masoreten …  die im 10. Jh. in Tiberias entstand, fand allgemeine Anerkennung und ist der heute in Synagogen gebräuchliche hebräische Text

 

(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Gütersloher Verlagshaus, 5 Bände, 2008, Band 1 Bereschit – Genesis)



7. verwendete Quellen und weiterführende Literatur

·         Die Sagen der Juden, Hrsg. Emanuel bin Gorion, Insel Verlag Leipzig 1978

·         Die Schrift, verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig, Das Buch „Im Anfang“; 1976, Verlag Lambert Schneider, Gerlingen

·         Neu auf die Bibel hören – Die Bibelverdeutschung von Buber/ Rosenzweig – heute; Lambert Schneider, Bleicher Verlag, Gerlingen, 1996

·         Was jeder vom Judentum wissen muss, VELKD, GTB 788, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1983

·         Pinchas Lapide: Mit einem Juden die Bibel lesen, Calwer – Kösel, Stuttgart München 1982

·         Pinchas Lapide: Paulus zwischen Damaskus und Qumran, Gütersloh, 1993

·         Pinchas Lapide: War Eva an allem schuld?, Gespräche über die Schöpfung, Grünewald Mainz, 1985

·         Yuval Lapide: Seminar „Zum Anfang aller Dinge – ein jüdisches Lehrhaus“ Die Schöpfungsgeschichten der Bi­bel durch einen jüdischen Theologen erklärt; Ev. Heimvolkshochschule Kohren-Sahlis 30.10. bis 1.11.06

·         Hubertus Halbfas: Religionsunterricht in Sekundarschulen, Lehrerhandbuch 5, Patmos 1994

·         Marion Kahnemann, Vors. der Ges. f. christlich-jüdische Zusammenarbeit Dresden, Vortrag „Einführung in das jüdi­sche Schriftverständnis“ 19.3.07 Chemnitz Ev. Forum

·         Der Babylonische Talmud, übertragen und erläutert von Jakob Fromer (1924), Fourier Verlag Wiesbaden, 1991

·         Wolfgang Walter: Meinen Bund habe ich mit dir geschlossen – jüdische Religion in Fest, Gebet und Brauch, St. Benno-Verlag Leipzig, 1988)

·         Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Gütersloher Verlagshaus, 5 Bände, 2008