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Von Schöpfung, Paradies und Sündenfall –
Wie Juden
die Heilige Schrift lesen, verstehen und auslegen
Inhalt:
1. Die Thora - die Heilige Schrift der Juden ……………………. 3
2.
Die Heiligen Schriften der Juden ……………………………… 4
3.
Wir haben ein Problem:
Der Originaltext ist in hebräischer
Sprache überliefert …… 8
4.
Der Umgang mit den heiligen Texten im Judentum ……….. 9
5.
Begegnung mit den ersten Worten der Heiligen Schrift ….. 10
5.1. Die Schöpfung
5.2. Das Paradies
5.3. Leitworte
5.4. Der Sündenfall
6.
Anhang …………………………………………………………….. 20
6.1.
Auszüge aus einigen Midraschim
6.2. Die ersten vier Kapitel der Bibel, von Juden
verdeutscht
6.3. Begriffe in der jüdischen Überlieferung
6.4. Judentum
6.5. Wer ist ein Jude?
6.6. Wie kommt ein Jude in den Himmel?
6.7. Die zehn Gebote
6.8. Aus dem Talmud
6.9. Probleme bei der Übersetzung der Heiligen
Schriften –
schon vor 2200 Jahren
6.10. Zur unterschiedlichen Anordnung der Texte in
der hebräischen
und in der christlichen Bibel
6.11. Unterschiedlicher Textbestand der Heiligen
Schriften
bei Juden und christlichen
Konfessionen
6.12. Das Augsburger Bekenntnis (Erbsünde)
6.13. Gematrie
7.
Quellen und Literatur ……………………………………………. 32
1. Die Thora - die Heilige Schrift
der Juden
Es geht um die Thora, das Buch,
das wir Christen „Altes Testament“ nennen - das aber auch die Heilige Schrift
der Juden ist. Das Traditionsgut der Thora macht etwa drei Viertel des
Textbestandes der Bibel aus.
Die Juden gehen mit diesen Texten schon tausend Jahre
länger um als wir Christen.
Und sie lesen und verstehen ihre Heilige
Schrift als abgeschlossenes Ganzes. Sie lesen sie ohne die für Christen unverzichtbaren
Ergänzungen des Neuen Testaments. Und sie lesen sie auch nicht aus diesem
Blickwinkel (interpretierend).
An dieser Stelle sei daran
erinnert: Auch Jesus war ein gesetzestreuer thoragläubiger Jude. Er kannte nur
das „Alte Testament“, und er sagte: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz oder
die Propheten aufzulösen; ich bin nicht
gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis
dass Himmel und Erde vergehe, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch
ein Tüpfelchen vom Gesetz ...“ (Matth. 5,17f.; mit dem „Gesetz“ und den „Propheten“
sind die Heiligen Schriften des Judentums insgesamt gemeint JK). Deswegen
sind wohl auch seine Aussagen, die sich im Neuen Testament unmittelbar
anschließen (Matth. 5,21ff.), nicht als „Antithesen“ zu verstehen („Ihr habt
gehört ... ich aber sage euch: ...), sondern als Auslegungen, die neben andere
Auslegungen treten („ich lege euch das heute so aus: ...“) – siehe auch unten
Seite 6 Anmerkungen zur „jüdischen Streitkultur“. In der Tat findet sich im
Neuen Testament keine Kritik oder gar Außerkraftsetzung der alten Bibel,
vielmehr gilt durchgängig, dass sich durch den Messias Jesus „die Versprechen,
die den Erzeltern gegeben wurden, als gültig erwiesen“ haben (Röm 15,8)
Die SCHRIFT, die heiligen Texte und ihre Auslegung, haben zentrale Bedeutung
für das Judentum – nicht nur für die Religion und den Gottesdienst, sondern
auch für den Zusammenhalt als Volk, und sie sind bedeutsam für die Lebensführung
im Alltag.
Das BUCH der Juden:
Die jüdische Einteilung unterscheidet:
•
die fünf Bücher Mose
(zusammenfassend als „Thora“ = „Weisung“ bezeichnet);
•
die „Propheten“ („Nebiim“;
einschließlich der geschichtlichen Bücher Josua, Richter, Samuel und Könige);
•
die „Schriften“ („Ketubim“:
Psalmen, Sprüche, Hiob, kleinere Schriften sowie solche aus späterer Zeit wie
Daniel, Chronik)
•
Nach den hebräischen
Anfangsbuchstaben dieser drei Teile heißt die Sammlung der Heiligen Schriften
(das „Alte Testament“ bei Juden meist „Tanach“
2. Die Heiligen Schriften der
Juden
Die Heilige Schrift der Juden im
engeren Sinne ist die Thora. Sie bestand ursprünglich nur aus den „Fünf
Büchern Mose“, wurde aber später erweitert.
Die verschiedenen Überlieferungstraditionen des Judentums (aus
christlich-abendländischer Sicht) sollen an der folgenden Tabelle deutlich
gemacht werden.
Auf der linken Seite sehen wir die
uns vertraute Zeitleiste mit der christlich-abendländischen Zählung der Jahre.
Juden verwenden hier eine andere Zählung (siehe dazu die rechte Zeitleiste),
dort beginnt die Zählung mit der Schöpfung, die aus biblischen Zeitangaben für
das Jahr 3761 v.Chr. berechnet wurde. Das für unsere Zählung bedeutsame Jahr
„Null“, die Zeitenwende, die sich mit der Geburt von Jesus vollzieht, ist in
der jüdischen Zählung ein Jahr wie jedes andere.
Die zweite Spalte von links weist
auf ausgewählte wichtige geschichtliche Ereignisse hin: Angegeben ist die Wirkungszeit
des Mose sowie zwei einschneidende geschichtliche Katastrophen im Leben des
jüdischen Volkes, die sich jeweils mit der Zerstörung des Tempels verbinden.
In drei weiteren Spalten unter den
Stichworten „Thora“, „Talmud“ und „Midraschim“ sind mehrere Überlieferungsstränge
aufgeführt, die seit weit über 2000 Jahren nebeneinander herlaufen.
Anfangs wurden die heiligen Texte praktisch ausschließlich mündlich
überliefert. Wir können uns heute kaum noch vorstellen, dass auch in der
mündlichen Rezitation Texte über lange Zeiträume sehr exakt weitergegeben
werden können (Auswendiglernen, Rezitieren, Vortragen). Als schwacher Vergleich
sei daran erinnert, dass gute Schauspieler oder Opernsänger ein großes
Repertoire von Texten exakt in ihrem Gedächtnis bewahren.
Thora:
Ein einschneidendes Ereignis im Leben des jüdischen Volkes war die
Zerstörung des ersten Tempels – er war in der Regierungszeit des Königs Salomo
erbaut worden - im Jahre 586 v.Chr. und die Verschleppung der Elite des Volkes
in das babylonische Exil. Erst Jahrzehnte später war eine Rückkehr nach
Palästina möglich. Im Nachdenken über die Katastrophe und in der Begegnung und
Auseinandersetzung mit der Religion des mächtigen Zweistromlandes festigten
die Juden ihre Identität – und die überlieferten religiösen Texte erwiesen sich
dabei als wichtige Essenz. Das in seiner Bedeutung neu entdeckte Bekenntnis zum
Gott der Väter wurde nach der Rückkehr erstmals umfassend schriftlich
zusammengefasst. Die Sammlung der „schriftlichen Thora“ erfolgte im 6. bis 4.
Jahrhundert v.Chr.; sie umfasste zunächst nur die fünf Bücher, die Mose
zugeschrieben wurden. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurden aber weitere
Texte als wichtige Quellen des Glaubens entdeckt und aufgenommen.
(Nach Ansicht christlicher Theologie haben die meisten Schriften ihre
endgültige Form in der Zeit vom 4. bis zum 2. Jahrhundert v.Chr. gewonnen. Mit
dem Beginn schriftlicher Aufzeichnungen größeren Umfangs, die in den heutigen
Büchern bewahrt sind, wird man frühestens vom 9. Jh., eher vom 8. Jh. v.Chr. an
rechnen.)
Als nach dem jüdischen Aufstand im Jahre 70 n.Chr. der zweite Tempel zerstört
und der jüdische Staat aufgelöst wurde, drohte die Zerstreuung der Juden in
alle Welt und der Verlust der verbindenden Religion. Welche Texte gehörten
eigentlich zum verbindlichen Glaubensbestand des Judentums?. Die Synode in
Jabne (eine Versammlung von Gelehrten) stellte zwischen 90 und 95 n.Chr. den
verbindlichen Kanon zusammen (Kanon = Bestand der als Urkunde göttlicher
Offenbarung und Norm der religiösen Lehre maßgeblichen Schriften). Die Heilige
Schrift bestand nun aus der „Weisung“ („Thora“: die fünf Bücher Mose), den
„Propheten“ („Nebiim“; einschließlich der geschichtlichen Bücher Josua,
Richter, Samuel und Könige) und den „Schriften“ („Ketubim“: Psalmen, Sprüche,
Hiob, kleinere Schriften sowie solche aus späterer Zeit wie Daniel, Chronik).
Nach den hebräischen Anfangsbuchstaben dieser drei Teile heißt das Alte Testament
bei Juden meist „Tanach“.
Die damals für verbindlich erklärte Zusammenstellung bildet heute auch den
Bestand des „Alten Testaments“ in der Lutherbibel. Allerdings unterscheidet
sich bei Juden und Christen die Reihenfolge der einzelnen Schriften. Die jüdische
Heilige Schrift schließt mit dem 2. Buch der Chronik. Dieses endet mit der
Zusage und der Aufforderung zur Rückkehr aus dem babylonischen Exil nach
Jerusalem. In christlichen Bibelausgaben endet der „alttestamentliche“ Teil mit
dem Buch Maleachi. Dafür gibt es einen theologischen Hintergrund, denn das Buch
Maleachi verweist in einem seiner letzten Verse auf das Wiederkommen des
Propheten Elija, der als Vor-Bote des Messias verstanden wurde; und damit wird
(in christlicher Lesart) ein Ausblick, eine direkte Verbindung hin zum Neuen
Testament hergestellt.
Katholische Bibelausgaben beziehen sich auf das
Konzil von Trient 1546 und enthalten einige Bücher zusätzlich (Tobit, Judit,
Weisheit, Jesus Sirach, 1. und 2. Buch der Makkabäer, Baruch). Die Bibel der
Orthodoxen Kirche enthält zusätzlich zur katholischen Bibel noch das 3. Buch
Esras, und das 3. Buch der Makkabäer
(Haag: Bibel-Lexikon, Leipzig 1969; Westermann: Genesis-Kommentar, Berlin 1983,
Band 2, S.478).
|
unsere |
jüdische |
Ereignis |
Thora |
Talmud |
Midraschim |
|
3761 v.Chr. |
0 |
Datum der Schöpfung |
|
|
|
|
etwa 1300 |
um 2400 |
Lebenszeit von Mose |
mündliche |
„mündlich gelehrte Thora“: „Ausführungsbestimmungen“ zu den Geboten in der Thora |
Sammlungen von |
|
586 v.Chr. |
|
Zerstörung des ersten Tempels; |
|||
|
6.-4. Jh. v. Chr. |
|
|
Sammlung und Aufschreiben „schriftliche Thora“ |
||
|
0 |
3761 |
|
|
||
|
70 n.Chr |
|
Zerstörung des zweiten Tempels |
|
||
|
90/95 n.Chr. |
|
Synode von Jabne |
Zusammenstellung des KANONS |
||
|
2. Jh. n.Chr. |
|
|
+ Thora „Weisung“
|
schriftliche Zusammenfassung in der Mischna |
|
|
5. Jh. n. Chr. |
|
|
Kommentare zu den Mischna- |
Talmud:
Das Alltagsleben eines frommen
Juden richtet sich an den Anweisungen und Geboten aus, die die Thora als (Weg-)
„Weisung“ vorgibt und anbietet.
Im Talmud sind Aussagen von bedeutsamen
Rabbinern aufbewahrt, in denen sie sich zu konkreten Lebensfragen äußern.
Viele Generationen von Religionslehrern rangen um die rechte Auslegung der
Thora. Ihre Einsichten wurden lange Zeit mündlich weitergegeben, ab dem 2.
Jahrhundert n.Chr. wurde aber auch diese „mündlich gelehrte Thora“ schriftlich
niedergelegt. Es gibt den Jerusalemer und den Babylonischen Talmud, der
letztere ist wesentlich umfangreicher und umfasst etwa 6000 Seiten.
Die ursprünglichen Aussagen der Autoritäten bilden die „Mischna“. Dabei
handelte es sich um eine kurze Zusammenfassung der Meinungsbildung zu einer
konkreten Frage. Es konnten durchaus unterschiedliche oder gar widersprüchliche
Antworten nebeneinander stehen bleiben. Die Zusammenstellung der Mischnatexte
erfolgte im 2. Jh. n.Chr. durch Rabbi Jehuda und umfasst(e) etwa 600 Seiten.
Die Texte der Mischna wurden aber immer neu durchdacht und kommentiert.
Satzweise wurde die Mischna in der „Gemara“ erklärt.
Der weitergehende Diskussions- und
Gesprächsprozess ist auch heute noch eindrücklich am Druckbild jeder einzelnen
Talmudseite abzulesen. Der erste Druck des Babylonischen Talmud wurde in
Venedig zwischen 1520 und 1523 fertiggestellt – dieser Text liegt allen
späteren Ausgaben zugrunde. Die folgende Abbildung zeigt die erste Seite des
babylonischen Talmud mit dem Beginn des Traktats BERACHOT (Segenssprüche). Der
Talmud-Text steht in der Mittelspalte. Unter dem sehr groß gedruckten
Anfangswort befindet sich zunächst die Mischna; von der Mitte der Spalte ab (kenntlich
an zwei größer gedruckten Buchstaben) folgt die Gemara. Links vom Talmud-Text
steht der Kommentar des bedeutendsten mittelalterlichen Talmud-Auslegers Raschi
( = Rabbi Schlomo ben Jichzak, 1040-1105); am rechten Rand
Erläuterungen aus der Schule Raschis, am linken Rand in kleinerer Schrift
andere Kommentare. Die jüngere Tradition legt sich wie in Jahresringen um die
älteren Schichten (siehe Abbildung).
Im Traktat Berachot geht es im Abschnitt I,1 um die
Frage, bis wie spät am Abend man die Verpflichtung hinausschieben kann, das
vorgeschriebene (Morgen- und) Abendgebet Schemá Jisrael zu beten. „Von welcher Zeit an liest man das Schemá am Abend? Von
der Zeit an, da die Priester hineingehen, von ihrer heiligen Gabe zu essen,
bis zum Ende der ersten Nachtwache. (das sind) Die Worte des Rabbi
Elieser. Die Chakamim (die Weisen, d.h. die Lehrer der Mischna) aber
sagen: bis Mitternacht. Rabban Gamliel sagt: bis der Morgenstern aufsteigt
...“ Seite aus dem Babylonischen Talmud Gemara Mischna
Mischna:
Die in der Mischna offengebliebene Frage versucht die Gemara zu klären.



Das Bild der Talmudseite ist auch
ein Sinnbild für jüdische „Streitkultur“. Wenn Juden unterschiedliche Ansichten
zu einer Frage vertreten, vor allem in religiösen Fragen, dann wird nicht
vorrangig nach der einen, richtigen, wahren Antwort gesucht, der sich alle
unterzuordnen haben. Im Suchen nach der Wahrheit geht es nicht um die
Entscheidung über „richtig“ oder „falsch“. Die erste Meinung bleibt stehen, und
der Diskussionspartner stellt seine Sicht der Dinge daneben. Weitere
Diskussionsteilnehmer können die Argumente prüfen und abwägen, sich auf die
eine oder andere Seite schlagen – sie können aber auch weitere Auslegungen,
„ihre“ Geschichten hinzufügen. Vielleicht ist das auch eine Erklärung dafür,
warum in biblischen Texten manchmal (logisch) widersprüchliche Aussagen
nebeneinander stehen bleiben konnten (Vergleich der Schöpfungsdarstellungen im
1. Buch Mose, Kapitel 1 und 2; unterschiedliche Erzählstränge beim
Sintflutgeschehen 1. Mose 6-9).
Im Laufe der Jahrhunderte hat der
Talmud neben der Thora eine hohe Autorität und Verbindlichkeit im Judentum erlangt.
Midraschim:
Bei den Midraschim (Einzahl: Midrasch) handelt es sich um Erzählungen und
Sagen, die oft in Sammlungen zusammengestellt wurden. Wenn der gläubige Jude
beim Lesen in der Schrift auf Geschichten stößt, die schwer zu verstehen oder
scheinbar unlogisch sind, bieten die Midraschim Verstehenshilfen, Erklärungen,
Erläuterungen. Die ursprünglichen Geschichten werden ausgeschmückt und ergänzt
(manchmal auch in Veränderung der ursprünglichen Thora-Texte). Wir haben hier
eine erbauliche Auslegung alttestamentlicher Bücher durch jüdische
Schriftgelehrte vor uns, in denen die Thora satzweise erklärt wird. Eine große
Bedeutung haben solche Erzählungen in der Unterweisung von Kindern und in der
Volksfrömmigkeit. Diese kleinen Texte prägen das „Schriftverständnis“ vieler
Juden wohl stärker als die eigentlichen Texte in der Thora.
Beispiel: Ein MIDRASCH
klärt auf:
Problem:
In der Bibel steht: Adam und Eva sind die ersten Menschen, und sie haben (nur) zwei Söhne, Kain und Abel.
Diese nehmen sich Frauen – aber woher eigentlich?
Ein Midrasch erklärt:
Mit Kain zugleich ward auch seine
Zwillingsschwester geboren,
und auch mit Abel zugleich kam seine Zwillingsschwester zur Welt,
und diese wurden hernach ihre Weiber.
Es steht doch aber geschrieben:
„Wenn jemand seine Schwester nimmt, seines Vaters Tochter oder seiner Mutter
Tochter, und ihre Blöße aufdeckt, das ist Blutschande;
die sollen ausgerottet werden vor den Leuten ihres Volkes.“
Aus dieser Geschichte kannst du aber entnehmen, dass es keine anderen
Menschentöchter dazumal gab, die sich Kain und Abel hätten nehmen können; darum
wurde es ihnen erlaubt.
Daher heißt es auch: „Auf Gnade ist die Welt aufgebaut worden.“
(Sagen der Juden S. 95)
Ergänzung:
Nach dem Wortlaut der Bibel hat nur Kain eine Frau, Abel nicht …
Die jüdische Tradition sieht die eben skizzierte Entwicklung
zwar auch im geschichtlichen Zusammenhang, beruft sich aber in der religiösen
Tradition auf eine durchgehende Überlieferungskette. Eine grundlegende Aussage
über die ununterbrochene Reihe der Überlieferungsträger vom Empfang der Thora
am Sinai durch Mose an steht im babylonischen Talmud (kursiv eingefügte
Erläuterungen des Autors):
„Mose empfing die Thora,
die Gotteslehre, am Berge Sinai
(in einer schriftlichen und mündlichen Gestalt. Die schriftliche Lehre
enthielt die nach ihm genannten fünf Bücher. In der mündlichen Lehre, dem
Talmud, war alles angedeutet, was die maßgebenden Schriftgelehrten in der
Folgezeit von der schriftlichen Thora ableiten würden)
und überlieferte sie dem Josua. Josua überlieferte sie den Ältesten
(, die zur Zeit der Richter das Volk regierten ...).
Die Ältesten übergaben sie
den Propheten und die Propheten den Männern der großen Synode
(, die von der Zerstörung des ersten Tempels bis zu der Zeit,
da Palästina unter die Herrschaft des griechischen Königs Seleucos kam, an der
Spitze des jüdischen Volkes standen).
Der letzte unter den Männer der großen Synode war Simon der
Gerechte.“
(Der Babylonische Talmud, übertragen und erläutert von Jakob Fromer
(1924), Fourier Verlag Wiesbaden, 1991, S.4f)
(im 6. bis 4. Jh. v.Chr.
wurde der Text der Thora dann schriftlich fixiert JK)
Thora und Talmud gehen nach dem
jüdischen Schriftverständnis direkt auf Offenbarungen zurück, die Mose empfangen
hat. Der seitdem weitergegebene heilige Text ist im Wortlaut verbindlich. Die
Tradition der rabbinischen Auslegung ist von Gott inspiriert/geführt worden
und hat ihren richtigen Sinngehalt bis zu uns unverändert (irrtumslos) bewahrt.
Ein historisch-kritisches
Herangehen an die heiligen Texte wird in diesem Verständnis als unangemessen
und unnötig abgewiesen; sie wären eine Verletzung der Heiligkeit dieses
göttlichen Wortes.
3. Wir haben ein Problem:
Der Originaltext ist in hebräischer
Sprache überliefert
Im folgenden Bild sehen wir die
ersten Worte der Heiligen Schrift (im christlichen Sprachgebrauch die ersten
Sätze aus dem 1. Buch Mose):

Das ist ein besonderer sprachlicher Zugang, der den
meisten von uns verschlossen ist:
Wir können diesen Text nicht lesen, und wir können ihn nicht verstehen (auch
wenn ihn uns jemand vorlesen würde).
Martin Luther hat um diese
sprachlichen Hürden gewusst:
„Die Ebräische Sprach ist
die allerbeste und reichste in Worten, und rein, bettelt nicht, hat ihre eigene
Farbe, so dass es ihr keine nachtun kann. ... Wenn ich jünger wäre, so wollte
ich diese Sprache erlernen, denn ohne sie kann man Die Schrift nimmer mehr recht verstehn. Denn
das Neue Testament, obs wohl in Griechisch geschrieben ist, doch ist es voll von
Ebraismus und ebräischer Art zu reden. Darum haben sie recht gesagt: Die
Ebräer trinken aus der Bornquelle; die Griechen aus den Wässerlein, die aus
der Quelle fließen; die Lateinischen aber aus den Pfützen.“
(Martin Luther: Tischreden; nach P. Lapide: Paulus, S.50)
Die meisten von uns haben also
keinen direkten, unmittelbaren Zugang zu diesen alten Texten. Wir sind auf
Übersetzungen angewiesen. Dabei müssen wir uns aber zwei Probleme klarmachen:
Übersetzungen enthalten immer auch Interpretationen (welche von
unterschiedlichen angebotenen Deutungen wähle ich aus dem Wörterbuch aus,
welche Betonungen – und damit auch inhaltlichen und theologischen Schwerpunktsetzungen
– nehme ich vor?).
Und Übersetzungen enthalten
Missverständnisse:
Stellvertretend für viele
andere Fehler sei die Übersetzung der bekannten ALMA = junge Frau aus Jesaja
7,14 erwähnt, die in der Septuaginta zur inzwischen weltberühmten PARTHENOS =
Jungfrau verjungfert worden ist. (dafür würde aber im hebräischen ein anderes
Wort stehen: BETULÁ JK);
Der Apfel in der
abendländischen Kunst kommt aus einer Fehlübersetzung der lateinischen Vulgata
...
„Ihr werdet sein wie Gott, scientes bonum et malum, wissend das Gute und das
Böse“ ...
„malum“ kann aber sowohl als „Apfel“ wie auch als „böse“ übersetzt werden.
(nach P. Lapide: Paulus, S.50; P. Lapide: Eva, S.90)
Urtext
– Verstehen – Übersetzen ???
Beispiel
Gen. 29,17: „Die Augen Leas waren zärtlich.“
es könnte aber auch übersetzt werden:
sie waren blöd, schwach, matt, schön, zart, ohne Glanz …
(Tagung: Tora lässt die
Augen leuchten; Evangelische Akademie Meißen; 30.5.-1.6.08)
Für die Juden autoritativ ist
allein der hebräische (Ur-)Text.
Für die Verwendung im Gottesdienst
muss er niedergeschrieben sein auf natürlichem Material (z.B. Tierhaut, Pergament).
Dabei werden mehrere Einzelteile zu einer Rolle zusammengenäht. Die
Schriftrolle mit dem gesamten Text der Thora ist etwa 25 Meter lang.
Der Text wird mit der Hand geschrieben; dafür gibt es den speziellen Beruf des
Thoraschreibers, der etwa ein Jahr für das Schreiben der Rolle benötigt. Der
Schreiber benutzt auch heute noch einen Gänsekiel und nach alten Vorschriften
hergestellte Tinte. Die Niederschrift muss buchstabengenau erfolgen; schon ein
einziger Fehler macht die ganze Rolle unbrauchbar für die gottesdienstliche
Verwendung.
Wir müssen uns nun ein paar
Eigenheiten des Hebräischen deutlich machen:
Es handelt sich um einen durchlaufenden Text.
Er hat keine Überschriften, keine
Absätze, keine Verszählung. Um für die Lesungen im Gottesdienst die richtigen
Textstellen schnell zu finden, sind daher in vielen Synagogen zwei oder drei
Thorarollen im Gebrauch, die an der richtigen Stelle aufgerollt sind. Beim
Lesen wird ein Zeigestab verwendet – um die heilige Rolle nicht zu berühren,
aber auch, um den (Text-)Faden nicht zu verlieren.
Das Hebräische in der Thora kennt
nur Konsonanten, es gibt keine Vokale (Lesehilfen für die richtige Aussprache
wurden erst später ergänzt, fehlen aber bis heute in den Thora-Handschriften
für den gottesdienstlichen Gebrauch). Ein Jude muss also von einem sprach- und
thorakundigen Vorleser gelernt haben, welche Vokale in die Wortlücken gehören.
Nur wer den heiligen Text im Vortrag seines Vaters richtig gehört hat
und ihn im Gedächtnis bewahrt, kann den richtigen Wortlaut eines Tages seinem
Sohn weitersagen.
Im Hebräischen gibt es weiterhin
nicht die uns vertrauten und hilfreichen Satzzeichen, z.B. Punkt oder Komma,
die das Ende einer Aussage markieren, es gibt auch keine Akzentuierungszeichen,
die kenntlich machen, ob eine Aussage als Frage, als Ausruf, als Zitat usw. zu
verstehen ist (Fragezeichen, Ausrufezeichen).
Im Hebräischen fehlt der
unbestimmte Artikel, fehlt das Neutrum, fehlt die neutrale dritte Person (heißt
es: „er“ oder „man“ nannte ihn ?)
Es hat keine Hilfszeitwörter.
Den Konjunktiv und Tempora in
unserem Sinn gibt es nicht.
Ein und dieselbe Verbform kann
übersetzt werden „du aßest einmal, hast gegessen, pflegtest zu essen, wirst künftig
essen, sollst, darfst, musst, kannst oder magst essen“.
Und jedem Buchstaben kommt im Hebräischen zusätzlich noch ein Zahlenwert zu,
was weiterführende Interpretationen möglich macht.
Der verbindliche Text ist für den gottesdienstlichen Gebrauch immer der
ursprüngliche überlieferte hebräische Text. Spätere Veränderungen oder Zusätze
sind nicht verbindlich; auch (vermutete) Ab-Schreibfehler bleiben erhalten –
das könnte etwas bedeuten!
4. Der Umgang mit den heiligen
Texten im Judentum
Eine An-weisung zum Umgang mit der
Thora steht im ersten Psalm:
„Glücklich
sind,
die
ihre Lust haben
an
der Weisung des Herrn,
diese
Weisung murmeln
Tag
und Nacht.“
(Psalm 1)
Das Wort „Thora“ ist besser als „Gesetz“
durch die Entsprechung „Weisung“ wiedergegeben. So wie eine Mutter (manchmal
mit strenger Hand) versucht, ihr Kind auf den rechten Weg zu führen, ihm gute
Ratschläge für das Leben zu vermitteln, so soll die Thora einen Juden ständig
begleiten. Die Beschäftigung mit diesen Texten ist eine „lust“volle Erfahrung,
macht glücklich, und sie geschieht „Tag und Nacht“, also eigentlich immer. In
manchen Übersetzungen steht hier „nachsinnen“, aber das Wort „murmeln“ zeigt
noch einmal an, dass Lesen und Beten im Judentum immer laut geschehen.
Der Text gewinnt und behält Leben,
indem er LAUT gesprochen wird („Wortlaut“!). Das tägliche Bekenntnisgebet der
Juden beginnt mit den Worten „Schemá Jisrael“ = Höre Israel. Wenn Juden
in der heiligen Schrift lesen oder beten, geschieht das immer hörbar.
Auch der Klang der Worte ist sehr wichtig: Manchmal sind sprachverwandte
Wortstämme, Leitworte usw. nur beim Hören zu entdecken (z.B. erschließt sich
der sprachliche Zusammenhang von „Blut“, „Mensch“ und „Acker“ nur aus dem
Original: Dam – Adam – Adama).
Der exakte Wortlaut ist auch beim Lesen in der Synagoge wichtig. Während der
Lesende mit einem Zeigestab dem Schriftfluss folgt (die heilige Rolle darf
nicht mit der Hand berührt werden), liest ein zweiter mit und korrigiert
eventuelle Lesefehler (Aussprachefehler) sofort laut.
Wir denken beim Verstehen der
Heiligen Schrift schnell daran, Fachleute zu Rate zu ziehen. In diesem Fall
sind das Theologen. Wenn „Theologie“ wörtlich verstanden wird als Wissenschaft,
die sich mit Gott beschäftigt, dann gibt im Judentum keine Theologie.
Jedweder Versuch, die Geheimnisse
Gottes zu enträtseln und fein säuberlich zu systematisieren, wird als
Blasphemie empfunden. Schon Benennungen Gottes, das Aussprechen seines Namens,
sind ein Verstoß gegen das zweite der Zehn Gebote, das Verbot, irgend etwas
Irdisches zu verabsolutieren, um es dann an Gottes Statt anzubeten. Das gilt
aus jüdischer Sicht auch für die Versprachlichung Gottes, denn letzten Endes
ist doch alle Menschenrede von Gott nichts anderes als hilfloses Gestammel,
ein verzweifeltes Ringen um das letztlich Unsagbare ...
„Du sollst dir kein Bildnis
noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von
dem, was unten auf Erden, noch von dem, was unter der Erde ist.“
(zweites der Zehn Gebote nach Exodus 20,4)
– das Bilderverbot gilt nach jüdischer Vorstellung auch für die theoretischen
Gottesbilder aller Theologien
Martin Luther hat dieses Gebot in seinem „Kleinen
Katechismus“ weggelassen. Er hat auch das Sabbatgebot verändert, das seither
im Verständnis vieler Christen selbstverständlich als Sonntagsgebot verstanden
wird (siehe Anhang).
Konsequenterweise gibt im Judentum
·
keine Bekenntnisse im christlichen Verständnis
·
keine Dogmen
·
keine oberste Lehr-Autorität
Die Botschaft wird in jeder Zeit
und von jedem Rabbiner neu gedeutet. Die Bibel wird fallbezogen ausgelegt,
eine Deutung ist erst dann notwendig, wenn ein Problem konkret im Alltag
auftaucht und eine Antwort nötig ist. Der thorakundige Rabbiner gibt konkrete
biblische Antworten auf dringliche Lebensfragen, wie etwa die Armut, die
römische Steuerfrage, den Bruderzwist, oder über das tägliche Brot (vgl. Jesus
im Neuen Testament).
Unterschiedliche Ansichten,
einander ausschließende oder widersprechende Bewertungen zu einem Sachverhalt
können nebeneinander stehen bleiben: das Suchen nach Wahrheit bleibt ein
Prozess, muss (und kann) nicht mit einer „richtigen“ Antwort endgültig
abgeschlossen werden. Dadurch zeigt sich in der religiösen Diskussion eine erstaunliche
Offenheit, die das Gespräch ständig neu herausfordert.
5. Begegnung mit den ersten Worten
in der Heiligen Schrift
„Die Schöpfung“, „Das Paradies“,
„Der Sündenfall“ - so lauten die Überschriften zu den ersten drei Kapiteln der Bibel
in der Übersetzung von Martin Luther.
Um diese Kapitel in Erinnerung zu
rufen, sei hier zunächst der Inhalt kurz zusammengefasst:
Gott will, dass es eine
Welt als seine Schöpfung gibt;
Gott bringt die Geschöpfe ins Dasein;
er schafft Himmel und Erde, Sonne, Mond und Sterne, Land und Meer, Pflanzen,
Tiere und Menschen;
er segnet seine Geschöpfe und spricht als Urteil über sein Werk:
Alles ist sehr gut!;
das Werk wird geschildert im Rhythmus von sechs Tagen;
der siebente Tag ist heilig, Tag der Ruhe und Vorbild für den Sabbat.
In einem zweiten Erzählstrang wird das Schöpfungsgeschehen noch einmal erzählt
(zum Teil anders, zum Teil genauer):
im Zentrum steht hier zunächst die Erschaffung des ersten Menschen,
dann folgen die Tiere, dann die Frau.
Die Schöpfung ist ein paradiesischer Garten, dem Menschen zur Nutzung
freigegeben;
Gott spricht nur ein Verbot aus: der Mensch soll nicht essen vom Baum der
Erkenntnis des Guten und Bösen;
die Schlange überredet die Frau;
die Menschen übertreten das Verbot und werden aus dem Paradies vertrieben;
jetzt müssen sie sich in der Welt „draußen“ bewähren:
harte Arbeit wartet auf sie;
sie haben Nachkommen und breiten sich auf der Erde aus.
Wenn wir zum Text gehen, muss noch
einmal festgestellt werden: der (ursprüngliche) Text der Thora lag und liegt in
hebräischer Sprache vor.
5.1. „Die Schöpfung“:
Im Folgenden werden als Text zwei
Übersetzungen ins Deutsche verwendet, zum einen die vielen vertraute „klassische“
Übersetzung von Martin Luther, zum anderen die „Verdeutschung“ der jüdischen
Religionswissenschaftler Martin Buber und Franz Rosenzweig, die darin versucht
haben, dichter am hebräischen Urtext und bei der jüdischen Intention zu
bleiben. Dieser Text liest sich zwar sperriger, trifft aber oft den Textsinn
genauer.
In der weiteren Darstellung wird in der Regel auf die Übersetzung von Buber und
Rosenzweig Bezug genommen – vergleiche aber immer die daneben stehende Fassung
nach Luther.
Gen. = Genesis ist das erste Buch
in der Bibel, es wird oft auch als das 1. Buch Mose bezeichnet.
Gen.
1,1: „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“
|
Buch in der Bibel, |
Bibeltext |
Bibeltext |
|
Genesis |
Das erste Buch Mose |
Das Buch Im Anfang |
Gen.1,1
|
Am Anfang
schuf Gott Himmel und Erde |
Im Anfang
schuf Gott den Himmel und die Erde |
Schon der erste Satz der Bibel ist
sehr bedeutungsvoll. Im Hebräischen lautet er etwa so: Bereschit bara elohim et
haschamajim we et haaretz.
In der jüdischen Auslegung der
Schrift wird nun jedes Wort liebevoll und gewissenhaft untersucht: Warum steht
dieses Wort hier und nicht ein anderes,
warum ist die Reihenfolge der Worte gerade diese? Jeder Buchstabe ist wichtig
(und richtig), so wie er im Buche steht.
·
Wir beginnen mit einem Beispiel für die Bedeutung,
die kleinsten Details zuteil wird.
Warum beginnt die Heilige Schrift nicht mit dem ersten Buchstaben (Aleph), sondern
mit dem zweiten (Bet): Bereschit bara elohim ... ? (Die Buchstaben sind
im Hebräischen auch Zahlzeichen, und das Aleph ist die Nummer 1!)
Die Frage wird in der Bibel nicht beantwortet, aber hier klärt ein Midrasch auf
(siehe Anhang): Gott bestätigt dem Aleph, das sich über die Zurücksetzung
beschwert, seine besondere Bedeutung, sagt ihm aber zu, dass es aufbewahrt
wird für etwas, das noch wichtiger ist, nämlich für den ersten Buchstaben der
Zehn Gebote! Ein anderer Midrasch erläutert: Weil Gott alles in der Welt in
Zweiheiten geschaffen hat (in Paaren, die sich ergänzen: Licht und Finsternis,
Wasser und Land usw.), beginnt auch die Bibel mit dem Buchstaben Nummer 2.
·
Buber und Rosenzweig übersetzen „Im
Anfang ...“ Das zeigt eine größere Dimension auf als nur eine zeitliche Aufeinanderfolge
(hier steht im Hebräischen bereschit; „am Anfang“ wäre sprachlich anders
ausgedrückt, nämlich barischona, das hieße „zuerst“ und damit wäre eine
Reihenfolge gemeint).
Eine Parallele gibt es im Lateinischen. Dort finden wir zwei Worte, die mit
„Anfang“ übersetzt werden können, aber sehr unterschiedliche Bedeutung haben:
a) „initium“ (als abgeschlossener Anfang in Raum und Zeit) und
b) „principium“ (als tragender, prägender, „mitlaufender“ Anfang – z.B. die
eigene Kindheit, Ursprünge in Gott);
die lateinische Bibelübersetzung („Vulgata“) lässt folgerichtig die Bibel mit
den Worten „in principio“ beginnen.
·
Gott schuf: Die Bibel reserviert das
hebräische Zeitwort „bara“ (schaffen) allein für das Handeln Gottes. Es kommt
in der ganzen Bibel nur an dieser Stelle, bei der Schöpfung, vor, und es wird
nie im Zusammenhang mit dem Tun von Menschen verwendet (Menschen sind nicht
wie Gott, sie können nicht schaffen, wie er das tut – und sie können wohl auch
nicht verstehen und beschreiben, wie er „schafft“, wie das Schöpfungshandeln
sich konkret vollzieht).
P. Lapide (Eva S.22) erläutert zum Verständnis von „bara“ = schuf:
„Die hebräische Sprache kennt nur zwei Zustandsformen,
die entweder eine Handlung als bereits abgeschlossen und vollendet oder als
noch andauernd bzw. im Werden begriffen kennzeichnen. „Gott schuf“ ist daher im
Sinn des täglichen Gebets der Synagoge zu verstehen, wo es heißt: „Ich glaube
mit voller Überzeugung, dass der Schöpfer, gelobt sei sein Name, alle
Geschöpfe erschaffen hat, und dass er allein das Schöpfungswerk vollbracht
hat, vollbringt und vollbringen wird.“
Hiermit ist nicht nur der Grundgedanke
einer fortschreitenden, vorwärts- und aufwärts-strebenden Evolution zum Ausdruck
gebracht, sondern auch die Erlösung als endzeitliche Vollendung mit
einbezogen. ...
Schöpfung ist im Denken des alten Israels kein einmaliges Heilshandeln Gottes,
sondern eine tagtägliche segensreiche Tatkraft.
„Er erneuert jeden Tag das Werk seiner Schöpfung“, das ist ein Grundgedanke im
rabbinischen Schrifttum.“
·
GOTT: Im Text steht an dieser Stelle
„elohim“. Das ist grammatisch ein Plural (wäre also etwa zu übersetzen mit
„Göttlichkeiten“, „Gottheiten“ – das ist aber schwierig in einer streng
monotheistisch ausgerichteten Religion). Zudem steht „schuf“ aber grammatisch
in der Einzahl; die Rabbiner deuten diesen Widerspruch damit, dass es wohl der
eine Gott ist, der hier handelt, dass dieser Gott aber endlos, vielfältig,
unbegreiflich ist in seinen Erscheinungs- und Offenbarungsweisen.
·
Es wird von Auslegern auch die Frage gestellt: Warum
steht im ersten Satz der Heiligen Schrift nicht das Wort GOTT am Anfang? Eine
Antwort: Gott ist der verborgene Gott – auch hier! Gott bleibt der verborgene
Gott, er stellt sich (uns Menschen, und in diesem Text) in seinem Schaffen, in
seiner Schöpfung vor.
Gen.
1,4ff: das Licht
|
Kapitel, Vers |
Übersetzung Martin Luther |
Verdeutschung Buber / Rosenzweig |
Gen.1,
3-5
|
Und Gott sprach: Es werde Licht!
Und es ward Licht. |
Gott sprach: Licht werde! Licht ward. Gott sah das Licht: dass es gut ist. Gott rief dem Licht: Tag! |
Das Licht war nicht nur
einmal und am Anfang gut - Licht ist eine Qualität Gottes, und es ist
immer (fortdauernd) gut.
„Gott rief dem Licht“ (d.h.
er rief dem Licht zu): Licht wird hier nicht nur benannt (so bei Luther),
sondern es erhält damit zugleich eine Aufgabe (Bedeutung, Berufung).
Der letzte Satz „Abend ward und
Morgen ward: Ein Tag“ stellt bis heute das jüdische Tages-Verständnis dar:
der Tag beginnt mit dem Abend.
Gen.
1,11 Erschaffung der Pflanzen (dritter Tag) ... und der Gestirne (vierter Tag)
|
Kapitel, Vers |
Übersetzung Martin Luther |
Verdeutschung Buber / Rosenzweig |
|
Gen.1,11 |
Und Gott sprach: |
Gott sprach: |
|
Gen.1,16-18 |
Und Gott machte zwei große
Lichter: |
Gott machte die zwei großen Leuchten, Gott gab sie ans Gewölb des Himmels, des Tags und der Nacht zu walten,
|
(„Gott
ist in allem, er spricht mit seiner Schöpfung, er wirkt durch seine
Geschöpfe.“)
Hier einige Erläuterungen von P. Lapide
(Mit einem Juden die Bibel lesen S.17ff.):
„Die Juden sagen: Das wichtigste am dritten Tag ist, dass Gott nicht
mehr alleine schafft. Vom dritten Tag an hat Gott Mitarbeiter am
fortschreitenden Schöpfungswerk. So wie Gott am dritten Tag die Kreativität an
die Erde, an die Bäume und Pflanzen delegiert hat, so delegiert er seine Kraft
der Erleuchtung, die er am ersten Tag bewiesen hat, am vierten auf die
Himmelskörper, die von nun an leuchten werden (verliehene Leuchtkraft).
Die schon vorhandenen Geschöpfe wirken bei der Schöpfung mit: Die Erde bringt
(aus ihrem Material, mit ihren Kräften) Pflanzen hervor (am 6. Tag auch die
Landtiere); Sonne und Mond dürfen die Zeitstruktur regeln (von Gott
verliehene Kompetenz).
Von der Pflanze heißt es nicht mehr wie beim Licht oder beim Firmament:
es werde Licht, es werde Himmel – und dann geschieht es. Gott sagt nicht: Es
werde Gespross; sondern diesmal sagt Gott: „Sprießen lasse die Erde Gespross!“
(Gen. 1,11). Die Verbalform im Hebräischen ist das aktive Kausativum, das
Selbst-Erwirken: Die Kreatur soll nicht stumpf brütend daliegen, während Gottes
Wort an ihr geschieht. Sie hat ihren Anteil an Gottes Werk. Der Fruchtbaum hat
seinen Samen in sich, aus dem ein neuer Baum wachsen wird nach seiner Art. ...
Je höher wir aufsteigen in den Ordnungen des Daseins, desto deutlicher wird:
Gott will diese Welt nicht als ein Puppenspiel, bei dem er selbst alle Drähte
in der Hand hat und kein Ding sich bewegen kann, ohne dass Gottes Finger an seinen
Gelenken zieht. Gott, der lebendige Gott, will eine lebendige Welt, Wesen, die
ihren eigenen Weg gehen, die die Erde füllen und sich auf ihr tummeln nach
eigenem Urteil.
Diesen Worten entnehmen die Rabbinen, dass Gott eine Schöpfung will, die sich
selbst weiter entfaltet, die vorwärts und aufwärts drängt. Gott hätte doch
Bäume, Fische und Früchte selber erschaffen können. Er wollte aber Mitarbeiter
am Schöpfungswerk, denen er freie Kreativität gewährte.
Eine Bestätigung sehen jüdische Ausleger darin, dass allein der dritte Schöpfungstag
den Vorzug genießt, dass es zweimal an ihm heißt: „Und Gott sah, dass es gut
war“ (Gen. 1,10 und 1,12) – wobei mit dem zweifachen „gut“ der Anfang des
Mitschöpfens der eben erst erstandenen Geschöpfe gemeint ist. Denn nun hat
Gott Partner und ist nicht mehr allein.“
Gen.
1,20ff – Erschaffung der Tiere
|
Kapitel, Vers |
Übersetzung Martin Luther |
Verdeutschung Buber / Rosenzweig |
|
Gen.1,22 |
(Wassertiere und Vögel geschaffen) |
(Wassertiere und Vögel
geschaffen) |
|
Gen.1,24 |
Und Gott sprach: |
Gott sprach: |
Bei der Erschaffung der Tiere sei
nur auf wenige Aspekte hingewiesen:
„Fruchtet“ – das ist
die Aufforderung Gottes zu einem aktiven Akt, die Tiere sollen nicht nur fruchtbar
sein (so die Übersetzung von Luther), sie sollen die Gabe zur Fortpflanzung,
die ein Segen ist, auch nutzen.
Die Tiere schaffen aus sich heraus neues Leben, aber das geht nur mit dem Segen
Gottes
Am Hervorbringen der landlebenden
Tiere (Gen. 1,24) ist wiederum die Erde aktiv beteiligt (mit ihrem Material,
mit ihrer Kreativität).
Gen.
1,26ff – Erschaffung des Menschen
|
Kapitel, Vers |
Übersetzung Martin Luther |
Verdeutschung Buber / Rosenzweig |
|
Gen.1,26 |
Und Gott sprach: |
Gott sprach: |
|
Gen.1,27+28 |
Und Gott schuf den Menschen zu
seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; |
Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, Gott segnete sie, |
|
Gen.1,31 |
Und Gott sah an alles, was er
gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. |
Gott sah alles, was er gemacht
hatte, |
|
Gen.2,3 |
Und Gott segnete den siebenten
Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken ... |
Gott segnete den siebenten Tag
und heiligte ihn, denn an ihm feierte er von all seiner Arbeit ... |
Wo in den Übersetzungen „Mensch“
steht, findet sich im Original das Wort hebräische Wort „Adam“ (= „Erdling“).
Adam ist also zunächst eine Gattungsbezeichnung für das Wesen „Mensch“, wird
aber in der Bibel auch synonym als Name des ersten Menschen verwendet.
aus der Bibelübersetzung nach Martin Luther
(„Und Adam versteckt sich
mit seinem Weibe ...“ 1. Buch Mose 3, 8)
Anmerkung Luthers am Rand gedruckt:
„Adam heißt auf Hebräisch „Mensch“, darum mag man
Mensch sagen, wo Adam steht, und umgekehrt.“
(Martin Luther: Biblia /
das ist / die gantze Heilige Schrifft Deudsch, Reclam Leipzig 1983)
Das Hebräische Wort „Adam“
ist geschlechtsneutral. Der „Mann“ heißt im Hebräischen „isch“, die „Frau“
„ischa“.
In Gen.1,26f. wird geschildert,
dass Gott den (= einen!) Menschen schaffen will, und dass er ihn (Singular!) schuf.
Danach ist auch von den Menschen im Plural die Rede. Besonders verwirrend
liest sich, dass „ADAM“ (der erste von Gott geschaffene Mensch) „Mann und
Weib“, „männlich, weiblich“ ist – also beides zugleich? Das steht genauso noch
einmal in Gen.5, 1ff.:
Als Gott Adam schuf, machte er ihn nach dem Bilde Gottes, männlich und
weiblich schuf er sie und segnete sie und gab ihnen den Namen Adam am Tag ihrer Erschaffung.
Nach dem jüdischen Verständnis
schafft Gott zunächst tatsächlich nur einen Menschen. Der erste Mensch
ist ursprünglich „männlich-weiblich“, ein androgynes, ein zweigeschlechtliches
Wesen. Wenige Zeilen später im Verlauf der Erzählung wird dieses Alleinsein von
Gott als Problem „erkannt“ und „gelöst“ (vgl. Gen.2, 18+22f. und die
Midrasch-Erzählungen dazu im Anhang).
„Warum schuf Gott den Menschen
nach seinem Ebenbild? - fragen die Rabbinen. Damit er die Welt weiterbaue
und die Arbeit verrichte, die Gott vor ihm begonnen hatte, wobei die Rabbinen
den Auftrag der Imitatio Dei sehen. ... Beim Schöpfen und beim Arbeiten
beginnt die Nachahmung Gottes; nicht erst bei der Barmherzigkeit und der Liebe,
sondern schon beim Arbeiten und beim Ruhen am siebten Tag.“ (P. Lapide: Mit
einem Juden die Bibel lesen, S.21)
|
1. Mose
1, 27: Und Gott schuf den Menschen zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. |
1. Mose
5, 3: Und Adam ... ihm gleich und und nannte ihn Seth; |
„Macht euch die Erde untertan“
(Gen 1,28)
„Nur so ist das Untertanmachen der
Erde gemeint: als verantwortliches regieren, das Schalom erwirkt, Friede und
Eintracht, Gerechtigkeit und Fürsorge für die Schwachen, für die Schutzlosen
und die außermenschliche Kreatur. ...
Die Erdherrschaft folgt im ersten Kapitel des Buches Genesis unmittelbar auf
die Tatsache, dass der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen ist. Gott sprach:
„ Lasset uns Menschen machen nach unserem Bilde, damit sie herrschen über ....“
(Gen 1,26) ... Das kann nur heißen, dass der Mensch als Statthalter Gottes auf
Erden Sein Erbreich so sorgsam und fürsorglich beherrsche, wie Gott selbst es
ihm vorbildlich vorgeherrscht hat. ...
so heißt es schon auf der folgenden Seite der Schrift: “Und Gott gab ihnen (ihm
JK) den Garten Eden, um ihn zu bebauen und zu bewahren“ (Gen 2,15). Wenn an
Adam der Befehl erging, sogar das Paradies zu betreuen, wo alles mühelos und
unter idealen Umständen gedieh – so meinen die Rabbinen -, um wie viel mehr
muss er unsere Erde betreuen und beschützen, die nur im Schweiße unseres
Angesichts ihre Früchte sprießen lässt. ...
Wer aus dieser Bibel einen Freibrief zum Raubbau oder zur Umweltzerstörung
herausliest, der vergewaltigt das Gotteswort, begeht mutwillige Lästerung –
oder er kann nicht lesen. Für das Judentum ist dieses Gotteswerk weder Beutestück
noch eine gefallenen Schöpfung, sondern Gottes Eigentum, das auf der ersten
Seite der Schrift sechsmal gutgeheißen wird.
Juden wissen um die Sünde in uns, aber sie kennen keine Erbsünde, die die
Schöpfung befleckt. Genesis ist und bleibt im Judentum ein Auftrag zur
Weltveredelung, ein Aufruf, dieser Welt die Treue zu halten, ein Mahnruf gegen
jede Vergeistigung des Heils und gegen jede bibelwidrige Weltflucht nach
Utopia. ...“
(P. Lapide: Mit einem Juden die Bibel lesen, S.26ff.)
Auch Martin Luther sah im
Herrschaftsauftrag an den Menschen nicht einen Freibrief zur Weltbeherrschung,
sondern dieser beschränkte sich aus seiner Sicht auf die Nutzung der Erde als
Acker für die menschliche Existenzsicherung.
1. Buch Mose 1. 28:
„... und füllet die erden
und macht sie euch unterthan ...“
Anmerkung Luthers am Rand
gedruckt:
(Unterthan) „Was ihr bauet von Arbeit auf dem Lande, das soll euer eigen
sein, und die Erde soll euch hierin dienen“.
(Martin Luther: Biblia /
das ist / die gantze Heilige Schrifft Deudsch, Reclam Leipzig 1983)
„Gott segnete sie und sprach: Seid
fruchtbar ...“;
das heißt: in der Fruchtbarkeit, im Ausüben der Sexualität erfüllt sich
der Segen Gottes!
Ein Rabbiner hat einmal gesagt: Dieser Auftrag in der Schöpfungsgeschichte an
den Menschen ist für einen Juden das wichtigste Gebot!
Der Mensch wird nach der
biblischen Darstellung am sechsten Tag, am gleichen Tag wie die Tiere
geschaffen.
Daraus leiten die Rabbiner ab, dass er nicht die „Krone der Schöpfung“ ist, vielmehr
wird ihm gesagt: die Tiere sind älter als du, damit ehrwürdiger! Ein
Midrasch erläutert, dass der Mensch erst nach allen Tieren geschaffen wurde,
sei deshalb geschehen, damit er nicht überheblich werde: „denn die Fliege ist
ihm vorangegangen“.
Gen1,31 – „alles ... war sehr gut“
Das Urteil Gottes über seine
gesamte Schöpfung lautet „sehr gut“. An den vorangegangenen Tagen war jeweils
nur gesagt worden, dass das Geschaffene „gut“ sei.
Ein Midrasch sagt dazu: Mit dieser Steigerung wird der höheren Qualität der
Schöpfung Rechnung getragen, weil jetzt auch der Mensch da ist!
Es soll aber in diesem Zusammenhang auch auf ein Wortspiel aufmerksam gemacht
werden: Wenn man im Hebräischen die Buchstaben von ADAM vertauscht, ergibt das
das Wort SEHR.
Gen.2,3 – der siebente Tag als Ruhetag:
Der siebente Tag – es ist der Sabbat, nicht zu verwechseln mit dem
christlichen Sonntag! – hat für das Judentum eine ganz besondere Bedeutung. In
der Erfüllung einer Vielzahl von Vorschriften, die der Bibel entnommen sind
(z.B. 2.Mose 20,8-11; 2.Mose 23,12,; 5.Mose 5,14; 2.Mose 16,23-29; 2.Mose
34,21; 2.Mose 35,3; 4.Mose 15,32-35; Jeremia 17,21; Nehemia 10,32; Nehemia
13,15-17), versuchen fromme Juden bis heute diesen besonders gesegneten Tag als
Feiertag zu würdigen und zu begehen.
Im Christentum werden diese
Vorschriften kaum noch ernst genommen – das betrifft auch die Einhaltung der
umfangreichen Speisegebote der Hebräischen Bibel.
5.2. „Das Paradies“
Es sei noch einmal daran erinnert:
Im hebräischen Originaltext gibt es die uns vertraute Einteilung in Kapitel,
die Zuordnung zu (trennenden und manipulierenden) Überschriften usw. nicht!
Es geht für den jüdischen Leser nahtlos und ohne Zäsur also einfach im
Textfluss weiter.
Im jüdischen Verständnis besteht
ein Prinzip der Schöpfung darin, dass alles in Zweiheiten geordnet ist
(Gegensatzpaare, Ergänzungen). Himmel und Erde als Kontrastpaar sind gemeinsam
ein Synonym für das Weltall. Gott schafft alles in Paaren: Sonne und Mond,
Licht und Finsternis, Trockenes und Meer ...
Eine Ausnahme aber gibt es: Der Mensch ist nur einer. Und so heißt es
folgerichtig in Gen. 2: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei
(diese Bewertung Gottes steht aber im Gegensatz zu dem Urteil „sehr gut“, das
Gott gerade über seine gesamte Schöpfung gesprochen hatte!).
|
Kapitel, |
Übersetzung Martin Luther |
Verdeutschung Buber / Rosenzweig |
|
Gen. |
Da machte Gott der Herr den Menschen
aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. |
Und ER, Gott, bildete den
Menschen, Staub vom Acker, |
|
Gen. |
Und Gott der Herr sprach: ... man wird sie „Männin“
nennen, weil sie vom Manne genommen ist |
ER, Gott, sprach: ER, Gott, bildete aus dem Acker Der Mensch rief mit Namen allem Herdentier ER senkte auf den Menschen Betäubung, ER, Gott, baute die Rippe, die er vom Menschen nahm, Der Mensch sprach: Diesmal ist
sies! |
Gott will eine „Hilfe“ für den
Menschen machen, die ihn (im Sinne des Prinzips der Zweiheit) ergänzt, für ihn
ein „Gegenpart“, ein Gegenüber ist. Die Übersetzung „Gehilfin“ bei Luther
steuert nun aber direkt (und vorschnell) auf die Erschaffung der Frau zu. Denn
der erste „Versuch“ Gottes geht in ganz anderer Richtung: Als möglichen
„Gegenpart“, (als Ergänzung, zum Füllen der „Lücke“ in der Schöpfung) führt Gott
dem Menschen zunächst die Tiere zu, eines nach dem anderen (die Tiere sind
übrigens aus der gleichen Ackererde gebildet, die Gott auch als Material für
den Menschen verwendet hatte – ein tiefes Sinnbild für die enge „materielle“
Verwandtschaft allen Lebens).
Erst als sich auf diesem Wege für den Menschen kein passendes Gegenüber findet,
setzt Gott ein zweites Mal an. Er erschafft einen zweiten Menschen, und Mann
und Frau, isch und ischa, ergänzen einander ideal! Ein Midrasch erzählt hier genauer,
wie das geschieht: Der Mensch ist ursprünglich einer: doppelgesichtig,
doppelgestaltig, ein Zwitterwesen. Er hat vorn das Gesicht eines Mannes, auf
der Rückseite ist er Frau, beide sind zusammengewachsen. Dann zersägt Gott den
Menschen, vollendet das Weib und führt es Adam zu. Erst jetzt können sie
einander ins Gesicht sehen und sich später auch fortpflanzen.
Der MIDRASCH erklärt dazu:
Aber anderswo steht geschrieben:
Mann und Weib waren zu Anfang ein Fleisch und zwei Angesichter; dann zersägte der
Herr den Leib in zwei Leiber und machte einem jeden einen Rücken. ...
(Gott erschafft Adam:)... als
Adam sich emporreckte, war sein Weib noch mit ihm zusammengewachsen, und die eine
heilige Seele, die er innehatte, war sein sowohl wie des Weibes. Alsdann
zersägte der Herr den Menschen in zwei Teile und vollendete das Weib und
brachte es zu Adam ...
Adam sprach, als er Eva sah: „Diesmal Bein von meinem Bein und Fleisch von
meinem Fleisch.“
(Die Sagen der Juden S.65)
5.3. Leitworte
Eine wichtige Bedeutung haben in
hebräischen Bibeltexten Leitworte. Diese erschließen sich aber nur beim Hören
des hebräischen Textes!
Eine solche Leitwortkette umfasst
die Worte Adam (Mensch), Adama (Ackerboden), Dam (Blut)
- die sprachliche Wurzel bei allen dreien ist „Rotstoff“.
In diesen Begriffen wird die mehrfache Verbundenheit des Menschen mit der Erde
deutlich.
„Adama“ ist die Erde.
„Adam“ ist der Erdling, der aus ihr entstanden ist.
„Dam“, das Blut, ist Träger des
Lebens (das Menschenblut, das beim Brudermord Kains an Abel vergossen wird,
kehrt in die Erde zurück - Gen.4,10f.).
Mehr noch: eine dreifache Nabelschnur
bindet uns an Mutter Erde. Aus ihr sind wir genommen, zu ihr ist unsere Heimkehr,
von ihr ernähren wir uns alle. ... Adam und Adama sind in einer ewigen
Schicksalsgemeinschaft verbunden, die keiner von uns zu lösen vermag.
„Adam“ begegnet in der Bibel als Eigenname des ersten Menschen.
“Adam“ ist aber immer (auch) der Gattungsbegriff „Mensch“, der sowohl alle
Nachkommen Adams gemeinsam als auch ein jedes Menschenkind als Einzelwesen
bezeichnen kann. In beiden Fällen weist „Erdling“ als Inbegriff der Erdgebundenheit
auf die Hinfälligkeit/Sterblichkeit unseres Menschentums hin.
Im Hebräischen der Prophetentexte der Bibel ist der Sammelname für jeden
Zweifüßler „Menschensohn“ (eigentlich: Adamssohn), wie auch Jesus selbst sich
nennt.
(nach P. Lapide, Eva S.71f.).
Diese sprachliche und inhaltliche
enge Zuordnung und Verwandtschaft wird in den ersten Kapiteln der Bibel immer
wieder aufgenommen. In der Luther-Übersetzung wird in den Wortpaaren
Mensch-Land oder Mensch-Acker diese sprachliche Verwandtschaft nicht deutlich.
|
Kapitel, |
Übersetzung Martin Luther |
Verdeutschung Buber / Rosenzweig |
|
Gen. |
Es war zu der Zeit, da Gott der
Herr |
Am Tag, da ER, Gott, noch war aller Busch des Feldes
nicht auf der Erde, |
|
Gen. |
Da machte Gott der Herr den Menschen
|
ER, Gott, bildete den Menschen,
Staub vom Acker, ... |
|
Gen. |
Und Gott der Herr nahm den
Menschen |
ER, Gott, nahm den Menschen und
setzte ihn |
|
Gen. |
(Gott sprach zum Manne:) |
(Gott sprach zu Adam:) |
Gen.
|
Da wies ihn Gott der Herr
aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, |
So schickte ER, Gott, ihn aus dem Garten von Eden, |
|
Gen. |
Abel wurde ein Schäfer, |
Habel wurde ein Schafhirt, |
|
Gen |
Die Erde … |
Der Acker … |
Der einzige Auftrag, die
einzige Bestimmung des Menschen in der Schöpfung, die nach Gen. 2 benannt wird,
ist es, den Acker bedienen:
·
Gen 2,5: es war noch kein Mensch da, um den Acker
zu bedienen;
·
Gen. 2,15: Gott setzt den Menschen in den
Garten Eden, damit er ihn bedienen und behüten soll
(auch im Paradies wird gearbeitet!; Der Mensch tut im Paradies nichts
anderes als nach der Vertreibung in der Welt „draußen“ – Gen.3,23)
·
Gen 4,2: Auch Kain, der Sohn
Adams, ist ein “Diener des Ackers“.
5.4. „Sündenfall“
|
Kapitel, Vers |
Übersetzung Martin Luther |
Verdeutschung Buber / Rosenzweig |
|
Gen.2,16f. |
Und Gott der Herr gebot dem
Menschen und sprach: |
ER, Gott, gebot über den
Menschen, sprechend: aber vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, |
|
Gen.3,11f. |
Hast du nicht gegessen von dem
Baum, |
Hast du vom Baum, von dem nicht zu essen ich dir gebot,
gegessen ? Der Mensch sprach: |
Dem Menschen ist im Paradies große
Freiheit geschenkt. Adam wird gesagt: Du darfst essen von allen Bäumen im
Garten.
Nur ein Baum ist davon ausgenommen, er soll nicht
essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Der Preis für Missachtung ist
hoch, er heißt Todesstrafe – die am gleichen Tag vollstreckt werden soll!
Unter Mitwirkung der Schlange lässt sich Eva verlocken, von der Frucht des
verbotenen Baumes zu kosten, und sie gibt auch Adam davon. Ein pikanter Aspekt,
der sich nur im Hebräischen erschließt: die Schlange - der Verführer - ist ein
„Schlangerich“ (er ist grammatisch männlich!).
Für die Juden ist nicht Eva die
eigentlich Schuldige. Das Verbot hat Gott nur Adam mitgeteilt. Und Adam gilt
nun als der eigentliche Versager, als ein gedankenloser Mitläufer, der
Schuldzuweisungen verteilt, an Gott, an die Frau („das Weib, das du
mir gegeben hast“ ...
In der christlichen theologischen Tradition stellt der „Sündenfall“ ein
wichtiges Datum dar. Die Verfehlung der ersten Menschen hat weitreichende
Folgen, Auswirkungen für alle Menschen („Erbsünde“) zu allen Zeiten.
Sündenfall, Erbsünde ?
Die Hauptrichtung innerhalb des Judentums lehnte es ab, die Geschichte von Eden
als einen wesentlichen Bestandteil in seine Weltsicht aufzunehmen und blieb dabei,
dass der Weg zum Heil gute Taten (MIZWOT) sind, nicht der Glaube an eine
Rettergestalt, und dass der Mensch, obwohl er zum Bösen neigt (Gen.6,5; 8,21)
nicht seinem Wesen nach eine verderbte Schöpfung ist. Obwohl der Mensch ständig
dem bösen Trieb (JETZER HA-RA) ausgesetzt ist, ist er fähig, ihn durch Gottes
Gebote zu überwinden oder zumindest ihn zu kontrollieren und dadurch den guten
Trieb (JETZER TOW) zu entwickeln. Je genauer er die Gebote befolgt, um so
größer ist sein Schutz vor der Sünde. …
Jeder Mensch wiederholt in seinem Leben den Weg von Eden in die Welt. Als Kind
lebt er im Garten der Unschuld; wenn er seine Sexualität entdeckt, muss er
diesen Garten für immer verlassen …
Letzten Endes wurde der Mensch dazu „verdammt“, menschlich zu sein. …
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von
W. Gunther Plaut, Band 1, S.93f.)
P. Lapide sagt zur jüdischen Sicht
(Eva S. 76ff.):
„In jüdischer Sicht kommt dem
Sündenfall diese große Bedeutung nicht zu. Er wird vielmehr als ein Testfall
verstanden, der dem Menschen neue Wege eröffnet. Eine Schule der Rabbinen
sagt, dass hier die Freiheit des Menschen beginnt, die ihm von Gott verliehene
Freiheit. Der freie Gott will freie Mitarbeiter, er will keine Marionetten oder
Hampelmänner. Wie macht er dem Adam diese Freiheit bewusst? Durch das Verbot.
Denn ein Verbot hat nur Sinn, wenn das Gegenteil auch eine Möglichkeit ist ...
Dem Adam wird hier die fürchterliche Freiheit verliehen, die unsere Gattung ...
vor allen anderen Geschöpfen unter der Sonne auszeichnet.
Es geht in der Erzählung um die
Erkenntnis von Gut und Böse ...
Gut und Böse ... heißen auf Hebräisch eigentlich: fördernd und schädlich. Gut
ist, was dem Menschen frommt, was ihm hilft, was ihn fördert. Schlecht ist das,
was unnütz ist oder ihm schaden könnte. ... der Baum erweist sich als Prüfstein
menschlicher Selbstdisziplinierung.
Die Rabbiner sagen: es war letztlich von Gott eingeplant, dass der Mensch vom
Baum der Erkenntnis isst, damit ein weiterer Entwicklungsschritt stattfindet;
Gott hat es als Möglichkeit zugelassen.
Aus Fluch wird letztlich doch Segen.
Es gibt eine mystische Deutung,
die da sagt, der Sündenfall sei der Beginn der wahrhaften Menschwerdung. Wären
wir alle im Paradies geblieben, hätte Adam sich geweigert, von der Frucht des
Baumes zu essen, wie es ihm aufgetragen wurde, so wären wir unserer Sendung
als Menschlinge, den tausend Herausforderungen des Menschenschicksals in
dieser unheilen Welt, niemals gerecht geworden. Nur durch die Wegschickung aus
dem Paradies, das keine Herausforderungen stellte, sondern wo alles mit
normaler Menschenarbeit gedieh und Früchte brachte, wären wir nicht die
Menschen, die wir heute sind, mit all dem Guten und Bösen, das uns heute
innewohnt. Also ist die Wegschickung aus dem Paradies der Anfang einer
Entwicklung, die die lateinischen Kirchenväter „felix culpa“ (glückliche
Schuld) nennen.“
Und Martin Buber meinte, erst
durch die Missachtung des Gebotes wurden die Menschen erwachsen, mündig -
vorher im Paradiesgarten waren sie im „Kindergarten“.
Hebammen sprechen auch heute noch von der
„Austreibungsphase“ bei der Geburt – das ist ein schmerzliches Ereignis, ein
Schock für das Kind, das in die Welt hinaus tritt, aber notwendig als Übergang
zum Leben.
|
Kapitel, Vers |
Übersetzung Martin Luther |
Verdeutschung Buber / Rosenzweig |
|
Gen.3,21 |
UND Gott der Herr machte Adam
und seinem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. |
ER, Gott, machte Adam und seinem Weibe |
Gen.4,1
|
Und Adam erkannte sein Weib Eva,
|
Der Mensch erkannte
Chawwa sein Weib, |
|
Gen.5,5 |
(Adam) dass sein ganzes Alter
ward 930 Jahre, und starb. |
Aller Tage Adams, die er lebte, waren neunhundert
Jahre und dreißig Jahre, dann starb er. |
Die Todesstrafe, die für das Essen
vom Baum der Erkenntnis angedroht war und umgehend verhängt werden sollte, wird
nicht gleich vollstreckt, wie Gott das eigentlich angekündigt hatte.
Adam lebt – nach der Vertreibung aus dem Paradies - noch viele hundert Jahre;
nach den Angaben der Bibel wird er 930 Jahre alt.
Gott wendet sich nach dem
Sündenfall nicht von den Menschen ab. Er kleidet sie fürsorglich, er liebt sie
auch nach dem Ungehorsam.
Auch der Segen, den Gott (schon in
Gen. 1,28) den Menschen zugesagt hat, erfüllt sich trotz allem doch noch.
Gottes Segen erweist sich in reicher Nachkommenschaft; erst unmittelbar nach
der Vertreibung aus dem Paradies (!) erfüllt sich der Segen Gottes an den
Menschen „praktisch“. Die Menschen beginnen, die Erde zu füllen. Eva wird als
„Mutter des Lebendigen“ benannt. Jetzt beginnt das Leben - der Mensch ist
gereift, er ist voller Erkenntnis, jetzt beginnt die Arbeit, jetzt bekommt er
Kinder.
Die Bibel umschreibt den Geschlechtsakt in den Worten
„Adam erkannte Eva“ – „erkennen“ hat hier den gleichen Wortstamm wie beim Baum
der Erkenntnis. Erkenntnis hat somit (auch) mit Sex und Fortpflanzung zu tun.
Das Erkennen geht weiter, auch außerhalb des Paradieses. Erkennen geschieht im
jüdisch-biblischen Verständnis nicht nur über den Kopf (verstehen), im
Geschlechtsverkehr kehrt der Mensch in die alte Verbundenheit zu Gott zurück
(Eva jubelt: „In Ihm (durch Gottes Hilfe) habe ich einen Sohn erworben!“).
Übrigens geht der Segen auch an Kain über. Kain lebt nach dem Mord an seinem
Bruder weiter, auch „Kain erkannte sein Weib“, hat Nachkommen, das Leben geht
durch ihn weiter.
Theologische
Deutung als Erbsünde?
Sündenfall und Erbsünde sind ein
Kernstück paulinischer und christlicher Theologie:
“Wie durch den einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen und der Tod durch
die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle
gesündigt haben.“
(Paulus: Römer 5,12)
“Denn der Sünde Sold ist Tod.“
(Paulus: Römer 6,23)
Im Judentum gibt es den Terminus
„Erbsünde“ nicht.
Die Überschrift vom „Sündenfall“ über dieser Erzählung ist – nicht nur bei
Luther – nicht zutreffend. Denn der Begriff, das Wort „Sünde“ kommt in diesem
Abschnitt überhaupt nicht vor; von „Sünde“ wird erstmals in Gen. 4,7
gesprochen, im Konflikt zwischen Kain und Abel). Vielleicht sollte man besser
vom „Ersten Ungehorsam“ sprechen. Eine gar noch biologische Vererbbarkeit der
Sünde ist jedenfalls für Juden undenkbar.
Die Geschichte von der „Erbsünde“ wird in der Heiligen
Schrift der Juden, unserem Alten Testament, interessanterweise nie wieder
erwähnt.
Nach Ansicht des Judentums hat jeder Mensch jederzeit (auch nach dem
„Sündenfall“) die Freiheit der Wahl zwischen gut und böse. Als Belege dafür
werden z.B. benannt:
·
„Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und
das Gute, den Tod und das Böse.
Wenn du gehorchst den Geboten des Herrn, deines Gottes, die ich dir heute
gebiete, dass du den Herrn, deinen Gott, liebst und wandelst in seinen Wegen
und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst, so wirst du leben und dich mehren,
und der Herr, dein Gott, wird dich segnen ...
Wendet sich aber dein Herz und du gehorchst nicht, sondern lässt dich
verführen, dass du andere Götter anbetest und ihnen dienst, so verkündige ich
euch heute, dass ihr umkommen werdet ...
„Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, damit du das Leben
erwählst und am Leben bleibst“ (5. Mose 30, 15ff)
·
(mit Abraham beginnend) „sollen gesegnet sein alle
Geschlechter auf Erden“ (1. Mose 12,3)
·
„Die Väter sollen nicht für die Kinder
noch die Kinder für die Väter sterben, sondern ein jeder soll für seine Sünde
sterben.“ (5. Mose, 24,16)
In einem Midrasch wird
ausdrücklich bekräftigt: „Der Herr vergab Adam die Sünde und nahm seine Buße
an“ (Sagen 80). Und in einem anderen Midrasch heißt es: „Als Adam Sünde getan
hatte, wurde die Erde verflucht; und der Fluch hing seitdem über der Erde. Da
kam Noah und nahm den Fluch von ihr weg ...“ (Sagen 157)
Die Rabbiner sagen zudem: Dass die Menschen vom Baum der Erkenntnis essen, war
letztlich von Gott eingeplant, er hat es zugelassen (Gott weist Adam erst auf
den Baum hin; die Schlange ist sein Geschöpf).
Die Geschichte vom „Sündenfall“
wird heute auch in der christlichen (Fach-)Theologie anders gesehen.
Der Alttestamentler Westermann (Claus Westermann: Genesis, Kapitel 1-11, Teil
1, EVA Berlin 1985, S.374ff) verweist auf die geschichtlichen Wurzeln der
paulinischen Theologie und relativiert die Bedeutung der Lehre von der
„Erbsünde“:
„In
allen abendländischen Sprachen wurde „Der Sündenfall“ zur Überschrift der
Erzählung. Die Bezeichnung und die in ihr enthaltene Deutung hat eine
Geschichte, die sich in ihren wichtigsten Stadien erkennen lässt. Sie stammt
nicht aus der christlichen, sondern aus der spätjüdischen Überlieferung. Sie
findet sich in 4.Esr7,118
„Ach Adam, was hast du getan,
als du sündigtest,
kam dein Fall nicht nur auf dich,
sondern auch auf uns, deine Nachkommen“;
Das zweite Stadium zeigt sich in der Paulinischen Theologie (Wurzeln in der
spätjüdischen Auslegung erkennbar);
Das dritte Stadium stellt die volle Ausbildung der Erbsündelehre bei Augustin
dar.
Der katholische Exeget HHaag meint: „Die gegenwärtige Auffassung der
katholischen und evangelischen Dogmatik, nach denen der Urstand eine zeitliche
Phase am Anfang der Menschheitsgeschichte war ... entsprechen nicht der Bibel.
Sie kennt keinen „vorsündlichen Menschen“ und damit auch keinen Urstand.“;
Wenn durch das ganze AT hindurch die Erzählung Gen2-3 nicht tradiert wird, wenn
sie nicht angeführt wird, nie an sie erinnert wird, wenn sie vor allem niemals
in den Zusammenfassungen der Taten Gottes (Credo) begegnet, so ist dies
ebendarin begründet, dass sie in Israel niemals als ein geschichtliches
Ereignis neben anderen geschichtlichen Ereignissen aufgefasst wurde.;
Es ist von Gen2-3 her nicht möglich, die Geschichte der Menschheit von Adam bis
zum Kommen Christi so negativ darzustellen, wie Paulus das in Rö1,18-32 tut.
Dass die „Ursünde“ eine Wirklichkeit für die ganze Menschheit ist, bedeutet nicht,
dass alles, was die Menschen tun, vor Gott sündig oder verfehlt ist.“
6. Anhang
6.1. Auszüge aus einigen
Midraschim
(nach: „Die Sagen der
Juden“, Insel Verlag Leipzig 1978)
·
Tausend Welten hatte der Herr zu Anfang geschaffen;
dann schuf er wiederum andere Welten, und alle sind sie nichts gegen ihn.
Der Herr schuf Welten und zerstörte sie, er pflanzte Bäume und riss sie heraus,
denn sie waren noch unschön ... (Seite 17)
·
Die ganze Welt und all ihr Heer ist in einem
Augenblick entstanden, in einer Stunde, an einem Tage. Heißt es doch in der
Schrift: „An dem Tage, da Gott der Herr Erde und Himmel erschuf.“ (20)
·
Am zweiten Tage schuf Gott das Himmelsgewölbe ...
Wäre keine Feste da, die Welt wäre von den Wassern verschlungen worden, von
denen darüber und von denen darunter. (21)
·
Der Mond beklagte sich. Er sprach vor dem Herrn: Herr
der Welt, warum hast du die Schöpfung mit Bet, mit dem zweiten Schriftzeichen
angefangen? Der Herr antwortete: Auf dass allen meinen Geschöpfen kundgetan
werde, dass ich die Zwei an den Anfang gesetzt habe, denn auch zwei Welten
schuf ich, und so soll auch nur zweier Zeugen Rede gehört werden. (25)
(Anmerkungen: a) die Heilige Schrift beginnt im Hebräischen mit dem Wort „Bereschit“
(Im Anfang); b) die Buchstaben sind im Hebräischen zugleich Zahlzeichen, A =
1, B =2 usw.)
·
Da kamen alle zweiundzwanzig Schriftzeichen vor den
Herrn, und ein jegliches sprach vor ihm: Herr aller Welten! lass es deinen
Willen sein und fange mit mir die Schöpfung an! So traten sie alle vor den
Herrn, von dem Endzeichen Taw angefangen bis zu dem Bet, dem ersten nach dem
Anfangszeichen (also dem zweiten Buchstaben in der Reihen- und Rangfolge
nach dem Alef JK) ... da sprach der Herr: Wohlan, ich will mit dir die
Schöpfung beginnen. ...
Da sprach das Alef: Herr aller Welten! sind doch alle meine Brüder
zurückgestellt worden, und siehe, sie drücken hohe Zahlen aus; um wie viel mehr
nun ich, der ich nicht mehr als eine Eins ausmache. Der Herr sprach: Wundere dich
nicht darüber; du bist aller Zeichen Herr und König ... Tröste dich, dereinst
werde ich meine Gebote mit dir anfangen. (Anmerkung: Anochi = ich; das
Anfangswort der Zehn Gebote im Hebräischen) ...
Sechsundzwanzig Geschlechter hindurch klagte und murrte Alef, das erste
Schriftzeichen, vor dem Herrn und sprach: Herr aller Welten! das erste Zeichen
bin ich, und die Schöpfung hebt nicht mit mir an. Da sprach der Herr: Die Welt
und ihre Fülle sind nur um der Schrift willen da, einst werde ich Israel meine
Gebote geben, und die werde ich mit dir eröffnen. Und so heißt es auch in den
Zehn Geboten am Anfang: Anochi – Ich bin der Herr dein Gott! (39)
·
In anderen Büchern lesen wir: Rund ist die ganze
Welt, und die Himmel umschließen sie wie die Nussschale den Kern. (42)
·
Zwölf Sternbilder schuf der Herr und ordnete sie am
Himmel, sie und all ihr Heer, und dies sind die Sternbilder: der Widder, der
Stier, die Zwillinge, der Krebs, der Löwe, die Jungfrau, die Waage, der
Skorpion,, der Schütze, der Wassermann, der Steinbock, die Fische ...
Sieben Begleiter gab ihnen Gott, und dies sind: Saturn, Jupiter, Mars, Sonne,
Venus, Merkur, Mond: ein jeder von ihnen bewegt sich in seinem eigenen Kreis
...
Die Planeten machen einen weise, sie machen einen reich; auch Israel untersteht
den Planeten, und weder Gebet noch Gerechtigkeit kann an dem Schicksal etwas
ändern. Andere aber sagen, Israels Schicksal sei von den Planeten unabhängig.
(46)
·
Als Gott den ersten Menschen erschaffen wollte, ließ
er vorerst eine Schar von Engeln entstehen ...
er rief die himmlischen Heerscharen herbei und sprach zu ihnen: Wir wollen
einen Menschen nach unserem Bilde machen ... (54f.)
·
Die obersten Heerscharen sind nach dem Bilde Gottes
geschaffen, aber sie sind nicht fruchtbar und vermehren sich nicht; die Tiere
der Erde mehren sich und sind fruchtbar; aber sie sind nicht nach Gottes
Gleichnis. Der Herr sprach: Ich will den Menschen schaffen, dass sein Bild den
Engeln gleiche, dass er aber fruchtbar sei und sich vermehre wie die
Erdenkinder. (56f.)
·
Daher hat Gott Adam nach seinem Bild geschaffen, denn
der Mensch sollte an der Welt bauen und in ihr die Arbeit verrichten, die vor
ihm Gott verrichtet hatte. (60)
·
Der Mensch ist als letztes Wesen erschaffen worden.
Warum? Auf dass die Ungläubigen nicht sagen sollten: Der Mensch war Mitarbeiter
des Herrn an seinen Werken. Und noch dies ist der Grund, warum der Mensch
zuletzt erschaffen worden ist. Damit er sich nicht überhebe, denn man kann ihm
sagen: die Fliege ging dir voran in der Schöpfung. (61)
·
Und Gott schuf den Menschen, Mann und Weib, und er
schmückte das Weib herrlich und brachte sie vor Adam.
Aber anderswo steht geschrieben: Mann und Weib waren zu Anfang ein Fleisch und
zwei Angesichter; dann zersägte der Herr den Leib in zwei Leiber und machte
einem jeden einen Rücken. ...
(Gott erschafft Adam:)... als Adam sich emporreckte, war sein Weib noch
mit ihm zusammengewachsen, und die eine heilige Seele, die er innehatte, war
sein sowohl wie des Weibes. Alsdann zersägte der Herr den Menschen in zwei
Teile und vollendete das Weib und brachte es zu Adam ...
Adam sprach, als er Eva sah: „Diesmal Bein von meinem Bein und Fleisch von
meinem Fleisch.“(65)
·
(Gott stellt nach der Erschaffung von Adam in der
Erzählung in Gen 2 fest, dass es nicht gut sei, dass der Mensch allein sei, und
will ihm „eine Hilfe machen, ihm Gegenpart“; nun werden zuerst alle
Tiere erschaffen JK)
Ein Weiser sagte: Daraus ist zu schließen, dass Adam erst zu allen Tieren
eingegangen war; sein Gemüt wurde jedoch nicht eher ruhig, als bis er Eva fand
und zu ihr einging (d.h. Geschlechtsverkehr hatte JK) (66)
·
Die Engel waren voll Eifersucht auf den Menschen und
sprachen vor dem Herrn: Oh Herr aller Welten! was ist der Mensch, dass du
seiner gedenkest? ... Sie sprachen zueinander: Solange wir kein Mittel gefunden
haben, das den Menschen zum Straucheln brächte, werden wir nichts gegen ihn
ausrichten. Aber Semael war der größte Fürst im Himmel unter ihnen ... Und
Semael ging und verband sich mit den obersten Heerscharen gegen seinen Herrn
... Er sah sich die Geschöpfe an, die der Herr erschaffen hatte, aber unter
ihnen war keines, dessen Klugheit so auf das Böse gerichtet gewesen wäre, wie
die Schlange. Die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes und glich von
Gestalt einem Kamel. Da bestieg Semael die Schlange und ritt auf ihr ... (69f.)
·
(Essen vom Baum der Erkenntnis; in der Bibel ist
nur von einer Frucht die Rede JK:)
... das Weib nahm von den Früchten und aß. Sie presste die Weinbeeren aus und
gab ihrem Manne den Saft zu trinken (74)
Aber Adam und Eva hatten von dem Feigenbaum gegessen, von dem Gott gesprochen
hatte, sie sollten nicht davon essen (75)
·
Als Eva von dem Baume des Wissens gegessen hatte, gab
sie auch ihrem Manne davon, und er aß. Danach regte sich aber in ihr der Neid
auf die Unschuld der anderen Geschöpfe, und sie gab auch ihnen von der Frucht
zu essen. Und alles Tier hörte auf ihre Stimme und verfiel so dem Tode. (86)
·
Man sagt von der Schlange, sie hätte aufrecht
gestanden wie ein Schilfrohr und hätte Füße gehabt. (76)
·
Der Herr sprach zur Schlange: ... Du wolltest Adam
töten und dir sein Weib nehmen, nun will ich Feindschaft säen zwischen dir und
dem Weibe. (Erklärung: die Schlange ist im Hebräischen (grammatisch)
männlich! JK) (76)
·
Von der Haut, die der Schlange abgezogen wurde,
machte Gott Kleider für Adam und Eva. (vgl. Gen. 3, 21 „Röcke von Fellen“ JK)
(77)
·
Der Herr vergab Adam die Sünde und nahm seine Buße
an. (80)
·
Als der Herr Adam erschaffen hatte, sprach er: es ist
nicht gut, dass der Mensch allein sei. Und er erschuf ein Weib aus der Erde,
aus der auch Adam gebildet war, und hieß ihren Namen Lilit. (82)
·
Nachdem das erste Licht der Schöpfung verhüllt worden
war, ward die Kelippa, das Urböse, erschaffen. Und von der Kelippa kam ein
Doppelwesen, das ihr glich (dies war Semael, der böse Geist, und Lilit, sein
Weib). (83)
·
Als aber Adam (nach dem Sündenfall JK)
hundertdreißig Jahre von Eva getrennt war und allein schlief, fand ihn Lilit
und begehrte seine Schönheit. Sie legte sich zu ihm und gebar von ihm Teufel,
Geister und Dämonen ohne Zahl. (84)
·
Adam erkannte sein Weib Eva, und sie gebar ihm zwei
Söhne (Kain und Abel JK) und drei Töchter (93)
·
Semael, der böse Engel, der Schlange Reiter, ging zu
Eva ein, und sie ward schwanger und gebar den Kain ... Alsdann erkannte Adam
sein Weib, und sie gebar den Abel. (95)
·
Mit Kain zugleich ward auch seine Zwillingsschwester
geboren, und auch mit Abel zugleich kam seine Zwillingsschwester zur Welt, und
diese wurden hernach ihre Weiber. Es steht doch aber geschrieben: „Wenn jemand
seine Schwester nimmt, seines Vaters Tochter oder seiner Mutter Tochter, und
ihre Blöße aufdeckt, das ist Blutschande; die sollen ausgerottet werden vor den
Leuten ihres Volkes.“ Aus dieser Geschichte kannst du aber entnehmen, dass es
keine anderen Menschentöchter dazumal gab, die sich Kain und Abel hätten nehmen
können; darum wurde es ihnen erlaubt. Daher heißt es auch: „Auf Gnade ist die
Welt aufgebaut worden.“ (95)
·
Es kam der Abend des Passahfestes, und Adam sprach zu
seinen Söhnen: In dieser Nacht wird künftighin Israel dem Herrn Opfer
darbringen. Bringet auch ihr eine Gabe vor euren Schöpfer. Da brachte Kain von
den Resten seiner Speise, welches gerösteter Leinsamen war, gleichwie ein
schlechter Pächter selber die besten Früchte isst und seinem Herrn die
kümmerliche Nachlese abgibt. Abel aber brachte von den Erstlingen seiner Schafe
und ihrem Fett, auch warens ungeschorene Lämmer. Kains Opfer ward verschmäht,
Abels Opfer aber wurde gnädig angenommen ...
Da entbrannten Hass und Neid in Kains Seele dafür, dass sein Opfer nicht
angenommen worden war, doch nicht allein das war es, sondern die
Zwillingsschwester Abels war schöner als die Kains. Kain sprach bei sich: Ich
werde meinen Bruder totschlagen, und sein Weib wird mein werden (95f.)
·
Mit Abel zugleich wurden zwei Zwillingsschwestern
geboren, mit Kain aber nur eine; deswegen hat Kain den Abel erschlagen, denn
ihm sollte das Zwiefältige zukommen, nach dem Recht der Erstgeburt. Aber die
beiden Zwillingsschwestern, dies waren Zippora, das Weib Moses, und Bitja,
die Tochter Pharaos, die den Knaben Mose großgezogen hat. (103)
·
Als Adam Sünde getan hatte, wurde die Erde verflucht,
und der Fluch hing seitdem über der Erde. Da kam Noah und nahm den Fluch von
ihr weg ... (157)
6.2. Die ersten vier Kapitel der
Bibel,
von Juden verdeutscht
Quelle:
Die Schrift, verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig,
Das Buch „Im Anfang“;
1976, Verlag Lambert Schneider, Gerlingen
(Verszählung
ergänzt nach der Zählung in der christlichen Bibel von JK)
1,1 Im Anfang schuf Gott den Himmel und die
Erde.
1,2 Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal.
Finsternis über Urwirbels Antlitz.
Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser.
1,3 Gott sprach: Licht werde! Licht ward.
1,4 Gott sah das Licht: dass es gut ist.
Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis.
1,5 Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis
rief er: Nacht!
Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.
1,6 Gott
sprach:
Gewölb werde inmitten der Wasser
und sei Scheide von Wasser und Wasser!
1,7 Gott machte das Gewölb
und schied zwischen dem Wasser das unterhalb des Gewölbs war
und dem Wasser das oberhalb des Gewölbs war.
Es ward so.
1,8 Dem Gewölb rief Gott: Himmel!
Abend ward und Morgen ward: zweiter Tag.
1,9 Gott sprach:
Das Wasser unterm Himmel staue sich an einen Ort,
und das Trockne lasse sich sehn!
Es ward so.
1,10 Dem Trocknen rief Gott: Erde! und der Stauung
der Wasser rief er: Meere!
Gott sah, dass es gut ist.
1,11 Gott sprach:
Sprießen lasse die Erde Gespross,
Kraut, das Samen samt. Fruchtbaum, der nach seiner Art Frucht macht
darin sein Same ist, auf der Erde!
Es ward so.
1,12 Die Erde trieb Gespross,
Kraut, das nach seiner Art Samen samt, Baum, der nach seiner Art Frucht macht
darin sein Same ist.
Gott sah, dass es gut ist.
1,13 Abend ward und Morgen ward: dritter Tag.
1,14 Gott sprach:
Leuchten seien am Gewölb des Himmels,
zwischen dem Tag und der Nacht zu scheiden,
dass sie werden zu Zeichen, so für Gezeiten so für Tage und Jahre,
1,15 und seien Leuchten am Gewölb des Himmels,
über die Erde zu leuchten!
Es ward so.
1,16 Gott machte die zwei großen Leuchten,
die größre Leuchte zur Waltung des Tags
und die kleinre Leuchte zur Waltung der Nacht,
und die Sterne.
1,17 Gott gab sie ans Gewölb des Himmels,
über die Erde zu leuchten,
1,18 des Tags und der Nacht zu walten,
zu scheiden zwischen dem Licht und der Finsternis.
Gott sah, dass es gut ist.
1,19 Abend ward und Morgen ward: vierter Tag.
1,20 Gott sprach:
Das Wasser wimmle, ein Wimmeln lebenden Wesens,
und Vogelflug fliege über der Erde vorüber dem Antlitz des Himmelsgewölbs!
1,21 Gott schuf die großen Ungetüme
und alle lebenden regen Wesen, von denen das Wasser wimmelte, nach ihren Arten,
und allen befittichten Vogel nach seiner Art.
Gott sah, dass es gut ist.
1,22 Gott segnete sie, sprechend:
Fruchtet und mehrt euch und füllt das Wasser in den Meeren,
und der Vogel mehre sich auf Erden!
1,23 Abend ward und Morgen ward: fünfter Tag.
1,24 Gott sprach:
Die Erde treibe lebendes Wesen nach seiner Art,
Herdentier, Kriechgerege und das Wildlebende des Erdlands nach seiner Art!
Es ward so.
1,25 Gott machte das Wildlebende des Erdlands nach
seiner Art
und das Herdentier nach seiner Art und alles Gerege des Ackers nach seiner Art.
Gott sah, dass es gut ist.
1,26 Gott sprach:
Machen wir den Menschen in unserem Bild nach unserem Gleichnis!
Sie sollen schalten über das Fischvolk des Meeres, den Vogel des Himmels,
das Getier, die Erde all, und alles Gerege, das auf Erden sich regt.
1,27 Gott schuf den Menschen in seinem Bilde,
im Bilde Gottes schuf er ihn,
männlich, weiblich schuf er sie.
1,28 Gott segnete sie,
Gott sprach zu ihnen:
Fruchtet und mehrt euch und füllet die Erde und bemächtigt euch ihrer!
schaltet über das Fischvolk des Meers, den Vogel des Himmels
und alles Lebendige, das auf Erden sich regt!
1,29 Gott sprach:
Da gebe ich euch
alles samensäende Kraut, das auf dem Antlitz der Erde all ist,
und alljeden Baum, daran samensäende Baumfrucht ist,
euch sei es zum Essen,
1,30 und allem Lebendigen der Erde, allem Vogel
des Himmels,
allem was auf Erden sich regt, darin lebendes Wesen ist,
alles Grün des Krauts zum Essen.
Es ward so.
1,31 Gott sah alles, was er gemacht hatte,
und da, es war sehr gut.
Abend ward und Morgen ward: der sechste Tag.
2,1 Vollendet waren der Himmel und die Erde, und
all ihre Schar.
2,2 Vollendet hatte Gott am siebenten Tag seine
Arbeit, die er machte,
und
feierte am siebenten Tag von all seiner Arbeit, die er machte.
2,3 Gott segnete den siebenten Tag und heiligte
ihn,
denn an ihm feierte er von all seiner Arbeit, die machend Gott schuf.
2,4a Dies sind die Zeugungen
des Himmels und der Erde: ihr Erschaffensein.
2,4b Am Tag, da ER, Gott,
Erde und Himmel machte,
2,5 noch war aller Busch des Feldes nicht auf
der Erde,
noch war alles Kraut des Feldes nicht aufgeschossen,
denn nicht hatte regnen lassen ER, Gott, über die Erde,
und Mensch, Adam, war keiner, den Acker, Adama, zu bedienen:
2,6 aus der Erde stieg da ein Dunst und netzte
all das Antlitz des Ackers,
2,7 und ER, Gott, bildete den Menschen, Staub
vom Acker,
er blies in seine Nasenlöcher Hauch des Lebens,
und der Mensch wurde zum lebenden Wesen.
2,8 ER, Gott, pflanzte einen Garten in Eden,
Üppigland, ostwärts,
und legte darein den Menschen, den er gebildet hatte.
2,9 ER, Gott, ließ aus dem Acker allerlei Bäume
schießen,
reizend zu sehn und gut zu essen,
und den Baum des Lebens mitten im Garten
und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.
2,10 Ein Strom aber fährt aus von Eden, den Garten
zu netzen,
und trennt sich von dort und wird zu vier Flußköpfen.
2,11 Der Name des einen ist Pischon,
der ists der alles Land Chawila umkreist, wo das Gold ist,
2,12 gut ist das Gold des Lands, dort ist das
Edelharz und der Stein Karneol.
2,13 Der Name des zweiten Stroms ist Gichon,
der ists der alles Land Kusch umkreist.
2,14 Der Name des dritten Stroms ist Chiddekel,
der ists der im Osten von Assyrien hingeht.
Der vierte Strom, das ist der Euphrat.
2,15 ER, Gott, nahm den Menschen und setzte ihn in
den Garten von Eden,
ihn
zu bedienen und ihn zu hüten.
2,16 ER, Gott, gebot über den Menschen, sprechend:
Von allen Bäumen des Gartens magst essen du, essen,
2,17 aber vom Baum der Erkenntnis von Gut und
Böse,
von dem sollst du nicht essen,
denn am Tag, da du von ihm issest, musst sterben du, sterben.
2,18 ER, Gott, sprach:
Nicht
gut ist, dass der Mensch allein sei,
ich will ihm eine Hilfe machen, ihm Gegenpart.
2,19 ER, Gott, bildete aus dem Acker alles
Lebendige des Feldes
und allen Vogel des Himmels
und brachte sie zum Menschen, zu sehn wie er ihnen rufe,
und wie alles der Mensch einem rufe, als einem lebenden Wesen,
das sei sein Name.
2,20 Der Mensch rief mit Namen allem Herdentier
und dem Vogel des Himmels und allem Wildlebenden des Feldes.
Aber für einen Menschen erfand sich keine Hilfe, ihm Gegenpart.
2,21 ER senkte auf den Menschen Betäubung, dass er
entschlief,
und nahm von seinen Rippen eine und schloss Fleisch an ihre Stelle.
2,22 ER, Gott, baute die Rippe, die er vom
Menschen nahm, zu einem Weibe
und brachte es zum Menschen.
2,23 Der Mensch sprach:
Diesmal ist sies!
Bein von meinem Gebein,
Fleisch von meinem Fleisch!
Die sei gerufen
Ischa, Weib,
denn von Isch, vom Mann, ist die genommen.
2,24 Darum lässt ein Mann seinen Vater und seine
Mutter
und haftet seinem Weibe an,
und sie werden zu Einem Fleisch.
2,25 Die beiden aber, der Mensch und sein Weib,
waren nackt,
und sie schämten sich nicht.
3,1 Die Schlange war listiger als alles
Lebendige des Feldes,
das ER, Gott, gemacht hatte.
Sie sprach zum Weib:
Ob schon Gott sprach: Esst nicht von allen Bäumen des Gartens ... !
3,2 Das Weib sprach zur Schlange:
Von der Frucht der Bäume im Garten mögen wir essen,
3,3 aber von der Frucht des Baums, der mitten im
Garten ist,
hat
Gott gesprochen:
Esst nicht davon und rührt nicht daran, sonst müsst ihr sterben.
3,4 Die Schlange sprach zum Weib:
Sterben, sterben werdet ihr nicht,
3,5 sondern Gott ists bekannt,
dass am Tag, da ihr davon esset, eure Augen sich klären
und ihr werdet wie Gott, erkennend Gut und Böse.
3,6 Das Weib sah,
dass der Baum gut war zum Essen
und dass er eine Wollust den Augen war
und anreizend der Baum, zu begreifen.
Sie nahm von seiner Frucht und aß
und gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.
3,7 Die Augen klärten sich ihnen beiden,
und sie erkannten, -
dass sie nackt waren.
Sie flochten Feigenlaub und machten sich Schurze.
3,8 Sie hörten SEINEN Schall, Gottes,
der sich beim Tageswind im Garten erging.
Es versteckte sich der Mensch und sein Weib vor SEINEM,
Gottes, Antlitz mitten unter den Bäumen des Gartens.
3,9 ER, Gott, rief den Menschen an und sprach zu
ihm:
Wo bist du ?
3,10 Er sprach:
Deinen Schall habe ich im Garten gehört und fürchtete mich,
weil ich nackt bin,
und ich versteckte mich.
3,11 ER sprach:
Wer hat dir gemeldet, dass du nackt bist ?
hast du vom Baum, von dem nicht zu essen ich dir gebot, gegessen ?
3,12 Der Mensch sprach:
Das Weib, das du mir beigegeben hast,
sie gab mir von dem Baum, und ich aß.
3,13 ER, Gott, sprach zum Weib:
Was hast du da getan!
Das Weib sprach:
Die
Schlange verlockte mich, und ich aß.
3,14 ER, Gott, sprach zur Schlange:
Weil du das getan hast,
sei verflucht vor allem Getier und vor allem Lebendigen des Feldes,
auf deinem Bauch sollst du gehn und Staub sollst du fressen
alle
Tage deines Lebens,
3,15 Feindschaft stelle ich zwischen dich und das
Weib,
zwischen deinen Samen und ihren Samen,
er stößt dich auf das Haupt, du stoßest ihm in die Ferse.
3,16 Zum Weibe sprach er:
Mehren, mehren will ich
deine Beschwernis, deine Schwangerschaft,
in
Beschwer sollst du Kinder gebären.
Nach deinem Mann sei deine Begier, er aber walte dir ob.
3,17 Zu Adam sprach er:
Weil du auf die Stimme
deines Weibes gehört hast
und von dem Baum gegessen hast, den ich dir verbot, sprechend:
Iß nicht davon!,
sei verflucht der Acker um deinetwillen,
in Beschwer sollst du von ihm essen alle Tage deines Lebens.
3,18 Dorn und Stechstrauch lässt er dir schießen,
so iss denn das Kraut des Feldes!
3,19 Im Schweiß deines Antlitzes magst du Brot
essen,
bis du zum Acker kehrst,
denn aus ihm bist du genommen.
Denn Staub bist du und zum Staub wirst du kehren.
3,20 Der Mensch rief den Namen seines Weibes: Chawwa, Leben!
Denn sie wurde Mutter alles Lebendigen.
3,21 ER, Gott, machte Adam und seinem Weibe Röcke
aus Fell
und kleidete sie.
3,22 ER, Gott, sprach:
Da,
der Mensch ist geworden wie unser einer im Erkennen von Gut und Böse.
Und nun könnte er gar seine Hand ausschicken
und auch vom Baum des Lebens nehmen und essen
und in Weltzeit leben!
3,23 So schickte ER, Gott, ihn aus dem Garten von
Eden,
den Acker zu bedienen, daraus er genommen war.
3,24 Er vertrieb den Menschen
und ließ vor dem Garten von Eden ostwärts die Cheruben wohnen
und das Lodern des kreisenden Schwerts,
den Weg zum Baum des Lebens zu hüten.
4,1 Der Mensch erkannte Chawwa
sein Weib,
sie wurde schwanger, und sie gebar den Kajin.
Da sprach sie:
Kaniti -
Erworben habe ich
mit IHM einen Mann.
4,2 Sie fuhr fort zu gebären, seinen Bruder, den
Habel.
Habel wurde ein Schafhirt, Kajin wurde ein Diener des Ackers.
4,3 Nach Verlauf der Tage wars,
Kajin brachte von der Frucht des Ackers IHM eine Spende,
4,4 und auch Habel brachte von den Erstlingen
seiner Schafe, von ihrem Fett.
ER achtete auf Habel und seine Spende,
4,5 auf Kajin und seine Spende achtete er nicht.
Das entflammte Kajin sehr, und sein Antlitz fiel.
4,6 ER sprach zu Kajin:
Warum entflammt es dich ? Warum ist dein Antlitz gefallen ?
4,7 Ists nicht so:
meinst du Gutes, trags hoch,
meinst du nicht Gutes aber:
vorm Einlass Sünde, ein Lagerer,
nach dir seine Begier -
du aber walte ihm ob.
4,8 Kajin sprach zu Habel, seinem Bruder.
Aber dann wars, als sie
auf dem Felde waren:
Kaijn stand auf wider Habel seinen Bruder und tötete ihn.
4,9 ER sprach zu Kajin:
Wo ist Habel dein Bruder ?
Er sprach:
Ich weiß nicht. Bin ich meines Bruders Hüter ?
4,10 ER aber sprach:
Was hast du getan!
die Stimme des Geblüts deines Bruders schreit zu mir aus dem Acker.
4,11 Und nun,
verflucht seist du hinweg vom Acker,
der seinen Mund aufmachte, das Geblüt deines Bruders
aus deiner Hand zu empfangen.
4,12 Wenn du den Acker bedienen willst,
nicht gibt er dir fortan seine Kraft.
Schwank und schweifend musst du auf Erden sein.
4,13 Kajin sprach zu IHM:
Allzu groß zum Tragen ist meine Verfehlung.
4,14 Da, du vertreibst mich heute vom Antlitz des
Ackers,
vor deinem Antlitz muss ich mich bergen,
schwank und schweifend muss ich sein auf Erden, -
so muss es sein:
allwer mich findet, tötet mich!
4,15 ER sprach zu ihm:
So denn,
allwer Kajin tötete, siebenfach würde es geahndet.
Und ER legte Kajin ein Zeichen an,
dass ihn unerschlagen lasse, allwer ihn fände.
4,16 Kajin zog von SEINEM Antlitz hinweg
und wurde erst sesshaft im Lande Nod, Schweife, östlich von Eden.
4,17 Kajin erkannte sein Weib,
sie wurde schwanger und gebar den Chanoch.
Er aber wurde Erbauer einer Stadt
und rief den Namen der Stadt nach seines Sohnes Namen Chanoch.
4,18 Dem Chanoch wurde Irad geboren,
Irad zeugte Mechujael,
Mechujael zeugte Metuschael,
Metuschael zeugte Lamech.
4,19 Lamech nahm sich zwei Weiber,
der Name der einen war Ada, der Name der zweiten Zilla.
4,20 Ada gebar den Jabal,
der wurde Vater der Besitzer von Zelt und Herde.
4,21 Der Name seines Bruders war Jubal,
der wurde Vater aller Spieler auf Harfe und Flöte.
4,22 Und auch Zilla gebar, den Tubal-Kajin,
Schärfer allerlei Schneide aus Erz und Eisen.
Tubal-Kajins Schwester war Naama.
4,23 Lamech sprach zu seinen Weibern:
Ada und Zilla, hört meine Stimme,
Weiber Lamechs, lauscht meinem Spruch:
Ja,
einen
Mann töt ich für eine Wunde
und einen Knaben für eine Strieme!
4,24 Ja,
siebenfach wird Kajin geahndet,
aber siebenundsiebzigfach Lamech!
4,25 Adam erkannte nochmals sein Weib, und sie
gebar einen Sohn.
Sie rief seinen Namen: Sehet, Setzling!
denn: gesetzt hat Gott mir einen andern Samen
für Habel, weil ihn Kajin erschlug.
4,26 Auch dem Sehet wurde ein Sohn geboren,
er rief seinen Namen Enosch, Menschlein.
Damals begann man den NAMEN auszurufen.
6.3. Begriffe in der jüdischen
Überlieferung
“Thora“:
hebr. Lehre, (Unter-)Weisung;
meint im engeren Sinne die
Gottesoffenbarung am Sinai und ihre Grundlegung im Pentateuch (= 5 Bücher
Mose), sie enthält alles, was der Mensch zu einem gottgefälligen Leben braucht,
bedarf aber der Auslegung und ständigen Aktualisierung, diese Aktualisierung
manifestiert sich in der mündlichen Thora (Mischna);
Das Wort „Thora“ bezeichnet in der
Alltagssprache der biblischen Zeit die „Weisung“ besonders der Mutter an ihre
Kinder (Spr 6,20), die aus liebevoller Zuwendung erwächst und zur Vermeidung
tödlicher Gefahren anleitet – wofür „Gesetz“ eine problematische Wiedergabe
wäre.
“Tanach“:
die hebräische Heilige Schrift der
Juden;
auf der Synode in Jabne (einer Versammlung von Gelehrten) wurde zwischen 90 und
95 n.Chr. endgültig festgelegt, welche Schriften für die Religion des Judentums
verbindlich sind (Kanon);
die Heilige Schrift bestand nun aus der „Weisung“ („Thora“: die fünf
Bücher Mose), den „Propheten“ („Nebiim“; einschließlich der
geschichtlichen Bücher Josua, Richter, Samuel und Könige) und den „Schriften“
(„Ketubim“: Psalmen, Sprüche, Hiob, kleinere Schriften sowie solche aus
späterer Zeit wie Daniel, Chronik);
nach den hebräischen Anfangsbuchstaben dieser drei Teile heißt das Alte Testament
bei Juden meist „Tanach“ oder „Tenach“ (T steht für Thora (Bücher
der Weisung), N für Nebiim (Propheten), K oder Ch für Ketubim (Schriften));
“Talmud“:
hebr. Lernen, Lehre, Studium,
Einüben;
Sammlung (3. bis 5. Jh. n.Chr.) der Diskussionen und Kommentare zur biblischen
Überlieferung; Ausgangspunkt des Talmud ist die Mischna; sie wurde um die
Gemara (Lehrdiskussion) erweitert; es gibt den palästinensischen Talmud (auch
Jerusalemer T. genannt) und den viel umfangreicheren babylonischen Talmud;
“Mischna“:
hebr. Lernen, Wiederholung; Mz.
Mischnajot;
Sammlung von Lehrsätzen der mündlichen Thora; ihr grundlegender Korpus entstand
im 2. Jh. n.Chr.; sie ist auch Grundlage des Talmuds;
“Gemara“;
hebr. Lehrdiskussion; Mz. Gemarot;
Auslegung und Diskussion der Sätze der Mischna;
“Midrasch“:
hebr. suchen, forschen, erklären;
Mz. Midraschim,
die erbauliche Auslegung alttestamentlicher Bücher durch jüdische
Schriftgelehrte; satzweise Erklärung der Thora
“Halacha“:
hebr. Gehen, Wandeln;
Bezeichnung für das gesamte „gesetzliche“ System des Judentums, die Halacha
beschreibt den Lebensinhalt und die Lebensführung, eine Trennung zwischen
Säkularem und Religiösem existiert nicht; bedeutende halachische Sammlungen
enthalten Mischna und Talmud;
“Haggada“:
hebr. Erzählung;
jener Teil der mündlichen Lehre
(Thora), der nichthalachischen Charakters ist; die Haggada umfasst
erzählerische Traditionen der verschiedensten Art: Geschichten, Sagen,
Legenden, Märchen, Fabeln, Gleichnisse, Wunder- und Weisheitserzählungen,
Anekdoten, Witze, Rätsel ... sie lebt von einer spielerischen und poetischen
Phantasie der Schriftsauslegung; jeder kann einen Schriftvers nach eigenem
Verständnis auslegen, dabei dürfen sich die Haggadot durchaus widersprechen;
(aus:Hubertus Halbfas:
Religionsunterricht in Sekundarschulen, Lehrerhandbuch 5, Patmos 1994,
S.314ff.;
Christen und Juden III, eine Studie der EKD, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh
2000, S.108ff.)
Synagoge
grch.
Versammlung(sort); im Judentum die sich versammelnde Gemeinde und ihr
Versammlungsort, das jüdische Gottesdienstgebäude und zugleich auch Ort
profaner Versammlungen, vermutlich in der babylonischen Diaspora als Ort eines
Wortgottesdienstes ohne Opfer entstanden; die gottesdienstlichen Räume sind
nach Jerusalem ausgerichtet
6.4. „Judentum“
Das JUDENTUM kennt keine Theologie
im eigentlichen Sinn, keine dogmatische Normierung des Glaubensgutes, wohl aber
normative Glaubenslehren, so die Einheit und Einzigkeit Gottes. Die Welt ist
seine Schöpfung, ihr Sinn ist die Verwirklichung des Guten. Der Mensch steht
Gott unmittelbar (ohne Mittler) gegenüber; in Freiheit vermag er Gottes Willen
(das Gute) zu tun oder sich von ihm abzuwenden und im Abfall zu sündigen;
bußfertige Umkehr könne diese Verfallenheit an die Welt aufheben. Des Menschen
Aufgabe ist die Heiligung des gesamten Lebens, so dass kein Unterschied mehr
zwischen weltlichem und religiösem Bereich besteht. Das traditionelle JUDENTUM
glaubt an eine jenseitige Vergeltung der guten und bösen Taten und an die
Auferstehung der Toten; betont wird aber die Bewährung im Diesseits im
Gehorsam gegenüber dem göttlichen Gebot. Die sittlichen Pflichten sind in der
Thora, in der Verkündigung der Propheten und in der Auslegung der Tradition
(Talmud) festgelegt.
(dtv-Lexikon 1990)
6.5. Wer ist ein „Jude“?
Gesetz zur Rückkehr (in den
Staat Israel, verabschiedet in der Knesset 5.7.1950, Ergänzung 1970)
Abschnitt 4b:
„Für den Zweck dieses Gesetzes bedeutet
„Jude“ eine Person,
die von einer jüdischen Mutter geboren
oder zum Judentum übergetreten ist
und nicht einer anderen Religion angehört.“
(Was jeder vom Judentum wissen
muß, VELKD, Güterloher Verlagshaus 1983, S.36)
|
traditionelle Überlieferung |
bibeltreue
Textwiedergabe
|
|
Martin Luther: |
Martin Luther: 5. Buch Mose 5,6-21 (ähnlich auch: 2. Buch
Mose 20,2-17) |
|
|
Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland
geführt hat, aus der Knechtschaft. |
|
1.
Gebot: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. |
1. Gebot: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. |
|
|
2. Gebot: Du sollst dir kein Bildnis machen in irgendeiner Gestalt,
weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch
von dem, was unter der Erde ist. Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen
dienen ... |
|
2. Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz
gebrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen
missbraucht. |
3. Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht
missbrauchen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen
Namen missbraucht. |
|
3. Gebot: Du sollst den Feiertag heiligen. |
4. Gebot: Den Sabbattag sollst du halten, dass du ihn heiligest, wie
dir der Herr, dein Gott, geboten hat. ... am siebenten Tag ... |
6.8 Aus dem Talmud
(Seite 501:)
„Rabbi Jochanan pflegte sich vor
die Eingänge der Badehäuser zu setzen … (die Töchter Israels sollten sich in
ihn vergucken) … Da sagten sagten ihm die Rabbanan: „Fürchtet sich der Herr nicht
vor dem bösen Blick?“ Hierauf antwortete er: „Ich stamme von Josef ab, dem der
böse Blick nichts anhaben konnte, denn es ist geschrieben (1. Buch Mose 49,22):
„Josef wird wachsen wie ein Baum ale ajin - an der Quelle.“ Und Rabbi
Abuha hat gesagt: „Lies nicht ale ajin sondern ole
ajin - erhaben über das Auge.“ Rabbi Jose bar Chanina sagte, er (Rabbi
Jochanan) hätte ihnen folgenden auf die Nachkommen Josefs bezüglichen Vers
zitiert (1. Buch Mose 48,16): „Dass sie sich wie die Fische vermehren auf Erden.“
Wie die Fische im Meere vom Wasser bedeckt und dem Auge nicht ausgesetzt sind,
so sind auch die Kinder Josefs dem Auge nicht ausgesetzt.
(Seite 534:)
„Wenn man in einem Verfahren über
Geldangelegenheiten falsch ausgesagt hat, so lässt sich diese Aussage durch
Wiedererstattung des Geldes gutmachen, wenn aber jemand durch falsche Aussagen
hingerichtet worden ist, so haftet das Blut des Hingerichteten und das Blut
der Kinder, die er, wenn er nicht hingerichtet worden wäre, hätte zeugen
können, bis ans Ende der Welt an dem falschen Zeugen ... Warum, fahren sie mit
ihrer Mahnung an den Zeugen fort, ist im Anfang nur ein Mensch geschaffen
worden? Um dich zu lehren, dass die Schrift demjenigen, der nur eine einzige
Seele Israels vernichtet hat, es anrechnet, als hätte er die ganze Welt
vernichtet, und dass sie demjenigen, der nur eine einzige Seele Israels erhält,
es anrechnet, als hätte er die ganze Welt erhalten ... Deshalb muss jeder
sagen: Meinetwegen ist die Welt geschaffen worden. ...“
(Seite 537:)
„Die Rabbanan haben gelehrt: Warum
ist der erste Mensch erst am Freitag geschaffen worden? Damit die Ketzer nicht
sagen sollen, dass er Gott mitgeholfen habe, die Welt zu erschaffen. Oder:
damit man dem Menschen, wenn er sich überhebt, sagen kann: „Selbst die Mücke
war schon vor dir da“. Oder: damit er sofort an die Ausübung der Sabbatruhe
herangehen konnte ...“
(Seite 539:)
„Rabbi Jochanan bar Chanina sagte:
Zwölf Stunden hat der Tag. In der ersten Stunde wurde die zur Schaffung des
ersten Menschen benötigte Erde zusammengetragen. In der zweiten Stunde wurde er
zum Klumpen geformt, in der dritten wurden die Glieder geformt, in der vierten
wurde ihm die Seele eingehaucht, in der fünften stand er auf, in der sechsten
führte ihm Gott die Tiere vor, damit er sie benennen sollte, in der siebenten
wurde ihm Eva zugeführt, in der achten bestiegen sie zu zweit das Bett und
verließen es zu viert (mit den beiden Kindern Kain und Abel), in der neunten
wurde ihm das Verbot erteilt, vom Baum der Erkenntnis zu essen, in der zehnten
hat er sich dagegen vergangen, in der elften wurde er gerichtet, in der
zwölften wurde er aus dem Paradiese gejagt.“
(Seite 543:)
„Rabbi Meir pflegte in seinen
Vorträgen dreimal halakisch, dreimal aggadisch und dreimal in Fabeln
auszulegen.“
(Seite 561f.:)
„Antonius fragte den Rabbi: „Wann
kommt die Seele in den Menschen? Bei der Empfängnis oder bei der Bildung des
Embryo?“ Rabbi erwiderte: „Bei der Bildung des Embryo.“ „Wenn es so wäre“,
entgegnete Antonius, „wie könnte sich das Kind im Mutterleibe erhalten? Kann
ein Stück ungesalzenes Fleisch drei Tage liegen, ohne zu verfaulen? Also muss
die Seele schon bei der Empfängnis in den Menschen kommen.“ Antonius fragte den
Rabbi: „Von wann an herrscht der böse Trieb im Menschen?. Von der Zeit des Embryo
oder von der Zeit der Geburt an?“ Rabbi erwiderte: „Von der Zeit der Bildung
an.“ Dagegen meinte Antonius: „Wenn das Kind schon vor der Geburt bösartig
wäre, könnte es sich vor der Zeit den Weg ins Leben suchen. Also nimmt der böse
Trieb vom Menschen erst nach der geburt Besitz.“ Rabbi gab ihm Recht und wies
auf folgende Stelle hin, die seine Ansicht unterstützt (1. Buch Mose 4,7): „Die
Sünde lauert vor der Tür.“
(Seite 562:)
„Wer sagt, dass die Thora nicht
vom Himmel ist? Die Rabbanan haben gelehrt: Im 4. Buch Mose 15,31 heißt es:
Denn sie (die Seele) hat des Herrn Gebot verachtet und sein Gebot fahren
lassen; sie soll ausgerottet, ja ausgerottet werden, die Schuld sei ihr. Das
bezieht sich auf jemand, der sagt, dass die Thora nicht vom Himmel ist. …
Selbst wenn er zugibt, dass die Thora vom Himmel stammt, aber auch nur von
einem Verse behauptet, dass er nicht von Gott, sondern nur von Moses herrühre,
so hat er selbst keinen Anteil am jenseitigen Leben. Und wenn er selbst zugibt,
dass die ganze Thora von Gott herrührt, aber nur eine einzige Auslegung der
Talmudlehrer, eine einzige Ableitung durch eine Schlussfolgerung oder eine
Wortanalogie davon ausnimmt, so hat er keinen Anteil am jenseitigen Leben …“
(Seite 580, Text Fromer:)
„Als Kommentar zu der fast
ausschließlich aus Halakot bestehenden Mischna müsste sich die Gemara nur mit
rechtswissenschaftlichen Fragen beschäftigen. Von Zeit zu Zeit empfanden
jedoch die Talmudlehrer das Bedürfnis, ihren Geist von dieser äußerst anstrengenden
Beschäftigung auf leichtere Dinge abzulenken, die mit „Aggada“, Erzählung,
Unterhaltung, bezeichnet werden und auf alle nichtjuristischen Wissenszweige
wie Philosophie, Geschichte, Geografie, Naturkunde usw., vor allem Erbauung,
Sittenlehre und Exegese sich erstrecken. Diese mit der Mischna in keinem
ursächlichen Zusammenhang stehenden Partien kommen in der Regel erst in
späteren Kapiteln vor.“
(Seite 524f.:)
3. Traktat, 5. Kapitel, Mischna 1,
Gemara -
Erläuterung Fromer: „Bei der Behandlung dieser Frage werden Schiffergeschichten
erzählt, die dem Jagdlatein oder den Münchhausiaden ähnlich sind ...“
(Der Babylonische Talmud,
übertragen und erläutert von Jakob Fromer (1924), Fourier Verlag Wiesbaden,
1991)
6.9. Probleme bei der Übersetzung der Heiligen
Schriften -
schon vor 2200 Jahren
„Text meines Großvaters … Ich bitte, dort
Nachsicht zu üben, wo wir trotz intensiven Bemühens bei der Übersetzung
vielleicht doch nicht die genaue Ausdrucksweise getroffen haben. Denn das, was
bei uns auf Hebräisch gesagt wird, hat ja nicht mehr genau dieselbe Kraft, wenn
es in eine andere Sprache übertragen wird … auch die Übersetzungen der Thora ,
der prophetischen Schriften und der übrigen Bücher unterscheiden sich nicht
unwesentlich von den Fassungen in der Originalsprache.“
(Bibel, Buch Jesus Sirach, Vorwort des Verfassers zur vorgenommenen
Übersetzung ins Griechische, geschrieben zwischen 190 und 175 v.Chr.)
6.10. Zur unterschiedlichen
Anordnung der Texte
in der hebräischen und in der
christlichen Bibel
Die Bibel der jüdischen Gemeinde
ist anders als die christliche Bibel Martin Luthers ausgerichtet. Luther hat
zwar bei seiner Übersetzung den jüdischen Kanon übernommen, (und die Apokryphen
ausgegliedert) - aber die Anordnung geändert. Das letzte Buch ist bei ihm (und
daher in allen Luther-Bibeln) der Prophest Maleachi, der in seinen letzten
Versen das Kommen Elijas verheißt (Maleachi 3,23), bevor der Tag des Herrn
kommt. In jüdischer und christlicher Auslegung wird Elija zum Vorboten des
Messias: nach Elija kommt dieser! So wird dann auch im Neuen Testament in
Johannes dem Täufer der wiedergekommene Elija erkannt: Matthäus 11,14 und Lukas
1,17. So ordnet Luther die Bücher des Alten Testament und Neuen Testament im
Sinne von Verheißung und Erfüllung: eine großartige christliche Theologie. Das
Alte Testament ist zu einem auf den Messias (so ist immer statt Christus zu
lesen) offenen Buch geworden. Das ist unsere christliche Sicht, nicht die
jüdische. Im jüdischen Kanon schließt die Bibel (des AT) mit dem Zweiten Buch
der Chronik. In 2. Chronik 36,23 wird die Rückkehrmöglichkeit Israels aus der
Gefangenschaft in Babylon proklamiert. Das heißt, das AT ist, jüdisch gelesen,
offen auf die Rückkehr nach Jerusalem, nicht auf den Messias.
(Gerhard Begrich, in: Der Sonntag 6.5.07)
|
6.11. Unterschiedlicher
Text-Bestand der Heiligen Schrift |
|||
|
Juden |
Christen |
||
|
Tanach |
„Altes Testament“ |
||
|
Kanon (= Maßstab) Bestand auf
der (Ausschluss-Kriterium: |
Katholische Bibel:
|
Luther-Bibel, Zürcher Bibel:
(Ergänzung durch die sog. „Apokryphen“ – Luther
empfahl sie zur Lektüre, rechnete |
Orthodoxe Bibel: |
6.12. Das Augsburger
Bekenntnis
Artikel 2: Von der Erbsünde
Weiter wird bei uns gelehrt, dass nach Adams Fall alle natürlich geborenen
Menschen in Sünde empfangen und geboren werden, das heißt, dass sie alle von
Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre
Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können, ferner dass auch
diese angeborene Seuche und Erbsünde wirklich Sünde ist und daher alle die
unter den ewigen Gotteszorn verdammt, die nicht durch die Taufe und den
Heiligen Geist wieder neu geboren werden.
Damit sind alle verworfen, die die Erbsünde nicht für eine Sünde halten, damit
sie die Natur fromm machen durch natürliche Kräfte, in Verachtung des Leidens
und Verdienstes Christi.
(Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens,
1994, Nr. 807)
6.13. GEMATRIE
·
zu Gen.14,14:
„Als Awram hörte, dass sein Verwandter gefangen worden war, bewaffnete er seine
geübten Hausgeborenen, dreihundertachtzehn an der Zahl, und verfolgte sie bis
Dan.“
a) vermutlich eine Zahl, die innerhalb der Zahlensymbolik des Buches
Genesis zu verstehen ist. Die Primzahlen zwischen 7 und 49 (=7x7) ergeben als
Summe 318
b) Midrasch: Awram verdankt
seinen Sieg über die Könige nicht der Hilfe von 318 Männern, sondern der eines
einzelnen. Denn die Zahl 318 ist der Buchstabenwert von „Elieser“, Awrams
Knecht. Wenn man weiß, dass die Zahl 318 „Elieser“ meint, kann man ferner
feststellen, dass das Wort „Elieser“ „Gott ist meine Hilfe“ bedeutet – das
heißt, Awrams Helfer war Gott. Er besiegte die Könige also auf Grund seines
Glaubens, nicht aufgrund seiner Kraft.
(Diese Gleichsetzung bezieht sich auf eine
alte Methode, die zur Bibelauslegung angewendet wird, die sogenannte Gematrie.
Jeder Buchstabe des hebräischen Alphabets wird gleichzeitig auch als Zahl
benutzt. Addiert man die Buchstaben
eines Wortes, erhält man seinen Zahlenwert. Wörter mit demselben Zahlenwert
können miteinander verglichen werden und eine Grundlage für exegetische
Schlussfolgerungen bilden. Addiert man die Zahlenwerte der Buchstaben von
Elieser, ergibt sich die Summe 318: 1 + 30 + 10 + 70 + 7 + 200)
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 1,
S.170ff.)
·
zu Ex.3,2
(„Der Engel des HERRN erschien ihm (Mose) in einer feurigen Flamme aus dem
Dornbusch.“)
ein Midrasch sagt: Der Busch steht hebräisch für die Zahl 120 und deutet darauf
hin, wie viel Jahre Mosche leben wird.
Seit dem 2.Jh v.d.Z. haben traditionelle jüdische Schriften die 22 Buchstaben
des Alphabets benutzt, um Zahlen zu bezeichnen …
Die Gematrie (abgeleitet von dem griechischen Wort für „Geometrie“ oder –
wahrscheinlicher – für „Schrift“ = grammateia) war eine halb-okkulte Methode,
um durch Addition der Zahlenwerte der hebräischen Buchstaben versteckte
Bedeutungen zu erkennen. Auf diese Weise ergibt das hebräische Wort für
Busch die Zahl 120: 5 + 60 + 50 + 5. Von Mosche heißt es aber, dass er 120
Jahre alt wurde (Deuteronomium 34,7) …
Gott warnte Mosche (Ex.3,5) „Komm nicht NÄHER (=75), denn du bist PRIESTER
(=75), und wie ein Priester musst du die Schuhe ausziehen.“ …
Gottes Siegel ist die WAHRHEIT (= 441). Also ist er ein Vielfaches von EHJE
(der Gottesname „Ich bin“ = 21; 21 x 21 = 441) …
EHJE (der Gottesname „Ich bin“) steht für die Zahl 21, wie die ersten
Buchstaben von Awraham (1), Jizchak (10) und Jaakow (10): 1 + 10 + 10 = 21
(Die Tora in jüdischer Auslegung,
herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band2, S.67)
·
Die Lebenszeiten
der Patriarchen sind in einem numerischen System geordnet.
Demnach war Awraham 100 Jahre alt, als Jizchak geboren wurde, und er lebte 100
Jahre seines Lebens in Kenaan.
Er war 175 Jahre alt, als er starb (7 x 52). Jizchak wurde 180 Jahre
alt (5 x 62) und Jaakow 147 (3 x 72).
Es gab 10 Generationen von Adam bis Noach und dieselbe Zahl von Noach bis
Terach, Awrahams Vater. …
Die Zahl 7 ist wichtig, vermutlich weil man damals sieben Planeten (Sonne,
Mond und 5 Planeten JK) kannte.
10 und 12 sind häufig genannte Zahlen, ebenso auch 40 – dies bedeutet eine
Generation.
(75) die Zahl 7 ist in der Bibel über 500mal erwähnt … die am häufigsten
genannte Zahl der Bibel …
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 1,
S.57)
·
die Zahl 7 ist
in der Bibel über 500mal erwähnt … die am häufigsten genannte Zahl der Bibel …
Zusätzlich zum Ablauf der Woche ist das Pessachfest von der Zahl Sieben
bestimmt. Es gibt eine Dauer von sieben Wochen zwischen Pessach und Schawout
und das Schabbat-Jahr. Einige Wissenschaftler halten es für möglich, dass das
gesamte Buch Genesis und sogar die Tora selbst um diese heilige Zahl erarbeitet
und kunstvoll gestaltet worden seien (Zum Beispiel entnahm man den Buchstaben
„UND GOTT SPRACH“ den Zahlenwert 343, dies ist 7x7x7).
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 1,
S.75)
·
zu Gen.4,24:
(dort steht: „Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech
siebenundsiebzigmal.“)
Es wurde vorgeschlagen, Vers 24 meine:
“Wenn Kain zweimal siebenmal gerächt wird,
dann Lamech siebenundsiebzigmal.“
Dies gründet sich auf die Folgen:
2x7 = 12 + 22 +32 und
77 = 42 + 52 +62
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 1,
S.104)
·
zu Gen.5,23:
„Alle Lebensjahre des Chanoch waren 365.“
… eine symbolische Zahl (unabhängig von den Tagen des Jahres): 102 +
112 + 122
zu Gen.6,3:
„Es soll aber die Frist seiner Tage (des Menschen JK) noch sein 120
Jahre.“
120 Jahre wird die ideale Lebenszeit (Mosche wird 120 Jahre alt werden),
während die zu erwartende Lebensdauer auf 70 Jahre verkürzt wird („Unsere
Lebenszeit dauert 70 Jahre“ Psalm 90,10). 120 ist das Produkt von 1 x 2 x 3 x 4
x 5
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 1,
S.110, 112)
·
zu Gen.23,1
„Es war das Lebensalter der Sara, hundert Jahre und zwanzig Jahre und sieben
Jahre.“
Das Wort „Jahre“ wird wiederholt, um zu zeigen, dass jeder Lebensabschnitt in
Saras Leben bis zum Rand erfüllt war.
Die Zahl 127 ist die Verbindung der idealen Lebensdauer (120 Jahre – siehe
Gen 6,3 oben JK) mit der heiligen Zahl sieben.
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 1,
S.223)
·
zu Ex.17,7+8
„Da nannte er den Ort Massa und Meriba, weil die Israeliten dort gehadert
und den HERRN versucht und gesagt hatten: Ist der HERR unter uns oder nicht?
Da kam Amalek und kämpfte gegen Israel in Refidim.“
Der Angriff durch Amalek (an verschiedenen Stellen der Bibel ein Begriff für
Feinde Israels JK) folgt unmittelbar auf das Murren (des Volkes Israel
JK) … Israel sprach: „Ist auch der Ewige unter uns oder nicht?“ (Ex.17,7)
und gleich nach diesem Zweifel „kam Amalek“ (Ex.17,8). Die Buchstaben von
„AMALEK“ und ZWEIFEL haben denselben Zahlenwert, nämlich 240.
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 2,
S.185)
·
613 Mizwot
(Gebote)
(Nach der jüdischen Tradition enthält die Tora insgesamt 613 Gebote, die sich
aus 248 positiven und 365 negativen Bestimmungen zusammensetzen. Wie die
Gebote gezählt werden, um auf diese Summe zu gelangen, ist Gegenstand von
Auseinandersetzungen. Eine alte Tradition sagt folgendes:)
Die Buchstaben des Wortes Tora ergeben eine Summe von 611 (400+6+200+5). Diese
611 wurden von Mosche überliefert („Die Weisung = Tora, die uns Mosche geboten
hat“ Dtn.33,4). Die anderen beiden sind: „Ich bin der Ewige“ und „Du sollst
keine anderen Götter haben vor mir!“. Diese beiden wurden dem Volk direkt von
Gott gegeben. (Talmud)
Im Hebräischen ergeben die ersten sieben Wörter des ersten Verses von Exodus 20
wie auch von Genesis 1 die Summe von 28 Buchstaben. …
Derjenige, der diese Worte mit Hingabe sagt, ist wie einer, der an den Wundern
der Schöpfung und der Sinai-Offenbarung teilhat.
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 2,
S.215)
·
zum Gesetz über
die Zizit (Verzierung von Gewändern mit Troddeln oder Quasten, „Schaufäden“)
Num.15,37ff.
… können orthodoxe Juden an ihren heraushängenden Quasten erkannt werden …
pflegt der Betende die Quasten zu halten …
(154) Jesus trug wie alle gesetzestreuen Juden seiner Zeit ZIZIT
(Matth.23,5+13), warnte jedoch vor „Heuchlern“, die „mit breiten Gebetsriemen
und großen Quasten“ herumliefen
Gematrie:
Die jüdische Suche nach einer logischen Entsprechung zwischen Tallit und
göttlichen Geboten wurde mit erstaunlichen Entdeckungen belohnt. Der
Zahlenwert des Wortes ZIZIT ist 600. Jede der Quasten besteht aus 8 Fäden und 5
Knoten, was eine Summe von (600+8+5) 613 ergibt. Diese Zahl entspricht den 613
Geboten in der Tora. …
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 4,
S.149,153)
·
zu Num.28
Die Anzahl der Tiere, die an Sukkot geopfert wurden, sind ein Vielfaches von 7:
siebzig Stiere, 89 Lämmer, 14 Widder, 7 Böcke.
Der Talmud kommentiert:
Die 70 Stiere dienen als Sühne für die 70 Völker der Welt. (Dies setzt
Verantwortlichkeit Israels für die Sünden der Menschheit voraus)
Die 89 Lämmer sollen die 89 Flüche in Deuteronomium 28,15-68 abwehren
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 4,
S.265)
·
Das erste Wort des Deuteronomiums ist ELEH = diese).
In der Gematrie ergibt das Wort die Zahl 36.
Der Tradition zufolge wird die Welt von 36 Gerechten aufrecht erhalten, genau
wie sie von „diesen“ Worten der Tora aufrecht erhalten wird.
(Die Tora in jüdischer Auslegung,
herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 5, S.52)
·
Wie konnte Mosche einen Segen von tausendfacher Kraft spenden (Dtn.1,11)?
In der Gematrie haben die Buchstaben des Namens MOSCHE denselben Wert wie die
Buchstaben von EL SCHADDAI (ein Name für Gott) – beide Worte ergeben in der
Buchstabensumme 345. Schreibt man die Buchstaben beider Worte aus (jeden
Buchstaben quasi als Wort), und zählt nun die Buchstabenwerte zusammen, ergibt
sich als Summe 999! Mosche liebte Israel mit göttlicher Liebe, und indem er
seinen eigenen Segen noch hinzufügte, konnte er diesen außergewöhnlichen
tausendfachen Segen spenden …
(Die Tora in jüdischer Auslegung,
herausgegeben von W. Gunther Plaut, Band 5, S.64)
·
Die Flüche in Kapitel Dtn.28 enthalten (im hebräischen Text) 676
Buchstaben, wie auch das Wort RA-OT
(= Bosheiten) den Zahlenwert 676 hat.
Nun ist zu beachten, dass Gottes
heiliger Name JHWH den Wert 26 hat, und 26 x 26 ist 676.
Die verborgene Bedeutung ist: Die Tora
droht uns mit Bosheiten, doch von ihnen allen wird JHWH uns erlösen.
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut,
Band 5, S.295)
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nach
traditioneller Zählung enthält die Tora 365 Verbote, entsprechend der Tageszahl
im Jahr, und 248 Gebote, nach antikem Kenntnisstand die Anzahl der Glieder im
menschlichen Körper
(GEO kompakt Nr.16 „Glaube und Religion“, Hamburg 2008, S.142)
6.14 Das
Schriftverständnis des REFORMJUDENTUMS
(Seite 13) Unsere Arbeit
gibt die Anschauungen des Reformjudentums wieder ….
(19ff.) Dieser Kommentar geht von der Voraussetzung aus, dass die Ursprünge der
Tora in den Herzen und Gedanken des jüdischen Volkes liegen. Viele lehnen diese
Voraussetzung ab, denn sie halten die Tora für „das Wort Gottes“, das Mosche
von Gott selbst gegeben wurde – durch Verbalinspiration oder auf welchem Wege
auch immer. Einige räumen dabei durchaus die Möglichkeit ein, dass bei der
Tradierung des Textes von Generation zu Generation einige Schreibfehler
entstanden. Sie beharren jedoch auf der Meinung, das Buch als Ganzes sei
Gottes-, nicht Menschenwort. Dies ist der orthodoxe oder fundamentalistische
Standpunkt. …
… dass in der von Gott eingegebenen Tora jedes Wort einen Sinn haben muss, denn
hier kann kein einziger Buchstabe überflüssig sein. Es liege an unserer
menschlichen Begrenztheit, wenn wir manches Wort der Bibel nicht verstehen.
Wo moderne wissenschaftliche Erkenntnisse dem Bibelwort zu widersprechen
scheinen, werde sich später entweder herausstellen, dass unsere gegenwärtige
Wissenschaft irrt, oder dass wir die Bibel nicht sachgemäß verstehen.
Dies war und ist die Position des orthodoxen Judentums, des fundamentalistischen
Christentums und der meisten bisherigen jüdischen Kommentare.
Dieser Kommentar teilt diese Auffassung nicht …
(19ff.) Das Verständnis über Gott hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert,
wie auch die menschlichen Erfahrungen sich verändert haben. Da die Tradition
der Tora zunächst mündlich überliefert worden ist und erst nach vielen
Generationen auch niedergeschrieben wurde, bezeugt die Endgestalt nun
verschiedene Vorstellungen über Gott und das Volk. Sie stehen in der Tora
nebeneinander und sind ein Zeugnis dafür, dass sich der Glaube unserer
Vorfahren verändert und entwickelt hat. …
So verstanden stammt das Buch nicht von Gott, sondern von Menschen …
Es ist damit zu rechnen, dass die nächste Generation die Worte anders hören und
dass sich die Suche nach neuen Antworten beständig fortsetzen wird …
Wir sollten uns vor Augen halten, dass die biblischen Autoren in der
Vorstellungswelt ihrer eigenen Zeit dachten und schrieben, nicht in der unserer
Zeit …
Unser Kommentar …
akzeptiert die historisch-kritische Erforschung der Texte …
es gibt keine Original-Handschrift von einem der biblischen Autoren. Die
älteste Pergamentrolle der Tora, die wir kennen, stammt von ungefähr 900
n.d.Z., das heißt, sie entstand 1300 Jahre nachdem die Endfassung des Textes geschrieben
worden ist. …
Eine der besten Textüberlieferungen … die der Masoreten … die im 10. Jh. in Tiberias entstand, fand
allgemeine Anerkennung und ist der heute in Synagogen gebräuchliche hebräische
Text
(Die Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von
W. Gunther Plaut, Gütersloher Verlagshaus, 5 Bände, 2008, Band 1 Bereschit –
Genesis)
7. verwendete Quellen und
weiterführende Literatur
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Die Sagen der Juden, Hrsg. Emanuel bin Gorion, Insel
Verlag Leipzig 1978
·
Die Schrift, verdeutscht von Martin Buber gemeinsam
mit Franz Rosenzweig, Das Buch „Im Anfang“; 1976, Verlag Lambert Schneider,
Gerlingen
·
Neu auf die Bibel hören – Die Bibelverdeutschung von
Buber/ Rosenzweig – heute; Lambert Schneider, Bleicher Verlag, Gerlingen, 1996
·
Was jeder vom Judentum wissen muss, VELKD, GTB 788,
Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1983
·
Pinchas Lapide: Mit einem Juden die Bibel lesen,
Calwer – Kösel, Stuttgart München 1982
·
Pinchas Lapide: Paulus zwischen Damaskus und Qumran,
Gütersloh, 1993
·
Pinchas Lapide: War Eva an allem schuld?, Gespräche
über die Schöpfung, Grünewald Mainz, 1985
·
Yuval Lapide: Seminar „Zum Anfang aller Dinge – ein
jüdisches Lehrhaus“ Die Schöpfungsgeschichten der Bibel durch einen jüdischen
Theologen erklärt; Ev. Heimvolkshochschule Kohren-Sahlis 30.10. bis 1.11.06
·
Hubertus Halbfas: Religionsunterricht in
Sekundarschulen, Lehrerhandbuch 5, Patmos 1994
·
Marion Kahnemann, Vors. der Ges. f.
christlich-jüdische Zusammenarbeit Dresden, Vortrag „Einführung in das jüdische
Schriftverständnis“ 19.3.07 Chemnitz Ev. Forum
·
Der Babylonische Talmud, übertragen und erläutert von
Jakob Fromer (1924), Fourier Verlag Wiesbaden, 1991
·
Wolfgang Walter: Meinen Bund habe ich mit dir
geschlossen – jüdische Religion in Fest, Gebet und Brauch, St. Benno-Verlag
Leipzig, 1988)
·
Die
Tora in jüdischer Auslegung, herausgegeben von W. Gunther Plaut, Gütersloher
Verlagshaus, 5 Bände, 2008