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Charles Robert Darwin
(12.2.1809 – 19.4.1882)
sein Leben, sein wissenschaftliches Werk – und
die Folgen
© Joachim
Krause ab 3-2009

1. Darwins Lebenslauf
|
Einige
Daten aus dem Leben von Charles Darwin |
|
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12.2.1809 |
Geburt in Shrewsberry; |
|
1817 |
Charles
Mutter stirbt |
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1817 bis
1825 |
Schulbesuch
in Shrewsberry |
|
1825 bis
1827 |
Medizinstudium
an der Universität Edinburgh |
|
1828 bis
1831 |
Theologiestudium
in Cambridge (Abschluss: Bachelor of Arts) |
|
1831 bis
1836 |
Weltreise
auf der H.M.S. BEAGLE (Südamerika, Galapagos-Inseln, Südsee, Neuseeland,
Australien, Südafrika, Südamerika) |
|
1839 |
Heirat
mit Emma geb. Wedgwood (10 Kinder, 3 sterben früh) |
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1842 bis
1882 |
Wohn- und
Arbeitsort Down House |
|
1851 |
Tod von
Darwins Lieblingstochter Annie (10 Jahre alt, Tuberkulose) |
|
1858 |
Gemeinsam
mit Alfred Russel Wallace: Vorstellung der Evolutionstheorie |
|
1859 |
Buch: Die
Entstehung der Arten … |
|
1871 |
Buch: Die
Abstammung des Menschen … |
|
19.4.1882 |
Darwin
stirbt, Beisetzung in der Westminster Abbey in London |
Alles
beginnt am 12. Februar 1809. Charles Darwin kommt in Shrewsberry zur Welt.
Um das Datum seiner Geburt etwas in das zeit- und kulturgeschichtliche Umfeld
einzuordnen, seien hier noch einige Daten aus dem Umfeld genannt:
·
die
französische Revolution liegt nicht einmal 20 Jahre zurück
·
Napoleon
zieht durch (Kontinental-)Europa
·
Johann
Wolfgang von Goethe lebt noch
·
Abraham
Lincoln wird am gleichen Tag wie Charles Darwin geboren
·
wenige
Tage zuvor kommt Felix Mendelssohn-Bartholdy zur Welt
·
Karl
Marx wird erst neun Jahre später geboren
·
Großbritannien
ist die Weltmacht der damaligen Zeit
(British Empire)
·
England
erlebt einen dramatischen Aufbruch in der technischen und wirtschaftlichen
Entwicklung; damit verbunden ist der Manchesterkapitalismus und die zunehmende
Verelendung der arbeitenden Bevölkerung
·
in
dem begonnenen 19. Jahrhundert ist Sklaverei für die Staaten aller
„zivilisierten“ Länder noch selbstverständlich
·
die
Vielzahl der Aufbrüche und Spannungen macht das Jahrhundert zu einem
Jahrhundert der Revolutionen
Die Eltern
von Charles sind der Arzt Dr. Robert Darwin und Susannah geb. Wedgwood.
Eine bedeutsame Rolle spielen seine beiden Großväter, die miteinander
befreundet waren.
Da ist zum
einen Kunstkeramiker Josiah Wedgwood, einer der Begründer der englischen
Tonwaren-Industrie. Er war ein sehr erfolgreicher Porzellan-Fabrikant. Sorgen
um ihren Lebensunterhalt brauchen sich die Darwins nie zu machen, die Familie
besitzt genügend Grund und Boden und andere Reichtümer. Das macht es möglich,
dass Charles Darwin die längste Zeit seines Lebens Privatgelehrter sein und
seinen Neigungen nachgehen kann.
Der
Großvater in der väterlichen Linie ist der Naturwissenschaftler Erasmus Darwin.
Er war ein erfolgreicher Arzt. König George III. wollte ihn vergeblich als
Leibarzt gewinnen. Das aber passte nicht zur politischen Einstellung von
Erasmus Darwin, der sich z.B. vehement gegen die Sklaverei einsetzte. Erasmus
beschäftigte sich unter anderem mit Fossilien. Und er fragte schon 1788 in
seinem Buch „The Botanic Garden“, ob vielleicht „… manche Tiere allmählich ihre
Form … wechseln … und zu neuen Arten … werden?“, eine Idee, die er in seinem
1796 erschienenen Buch Zoonomia erneut aufnahm.
Die Vorstellung, dass sich die heute existierenden Lebewesen aus gemeinsamen
Vorfahren entwickelt haben, lag also damals schon gewissermaßen „in der Luft“.
Charles Darwin weist in einer Fußnote in seinem Hauptwerk darauf hin, dass die
Idee, dass das Leben auf der Erde eine Geschichte durchlaufen hat, dass
Lebewesen sich ständig verändern, mehrere geistige Väter hat: Er nennt seinen
Großvater Erasmus Darwin, er nennt den Deutschen Johann Wolfgang von Goethe und
den Franzosen Geoffroy Saint-Hilaire.
Im Geburtsjahr von Darwin erscheint das Buch von Jean Baptist de Lamarck:
„Philosophie zooligique“, in dem erstmals die Vorstellung eines
Entwicklungsprozesses ausführlich dargestellt wurde (allerdings von Lamarck
noch erklärt durch Vererbung erworbener Eigenschaften).
Es liegt also etwas in der Luft, weht mit dem Zeitgeist, und es liegt auch
etwas in Charles Darwins Blut.
1817 kommt Charles Darwin in die Vorschule, und ab 1818 besucht er die
Privatschule, eine der besten des Landes. Darwin selbst stellt in seiner Autobiographie
rückblickend fest, dass er diese Jahre nicht in guter Erinnerung hat. Er erlebt
dort ein angestaubtes, bürgerliches Bildungsideal, muss sich mit alten Sprachen
herumquälen und leidet unter der strengen Disziplin. Aber in der Schulzeit
erwacht auch seine Neugier. Schon als Junge befasst Charles sich mit der Natur.
Er sammelt gerne, und er sammelt alles Mögliche, z.B. Fossilien und Mineralien,
er beobachtet Käfer und Vögel, er geht zum Fischen und Jagen, und er macht im
Schuppen mit seinem Bruder zusammen chemische Experimente. Der Schulleiter und
auch Darwins Vater sind davon gar nicht begeistert: Das ist „unnütz und
Müßiggang!“.
Der Vater möchte, dass Charles Arzt wird; und schon früh nimmt er ihn mit zu
Besuchen bei seinen Patienten. Nach Abschluss der achtjährigen Schulzeit
schickt er Charles 1825 zum Studium der Medizin an die Universität in
Edinburgh, wo der ältere Bruder schon eingeschrieben ist. Darwin ist gerade 16
Jahre alt! Charles muss bei mehreren Operationen zusehen: Die grausamen Umstände
setzen ihm sehr zu (die Narkose war noch nicht erfunden). Er empfindet auch
eine starke Abneigung gegen das Sezieren, kann sich nicht vorstellen, Arzt zu
werden, und so bricht er sein Studium nach zwei Jahren (1827) ab. Überhaupt hat
er sich schon während des Studiums mehr für Geologie und Biologie interessiert,
Vorlesungen besucht, und er hält mit 17 Jahren seinen ersten
(natur-)wissenschaftlichen Vortrag.
Der Vater
überlegt, was soll aus dem Sohn wohl werden soll, Pfarrer vielleicht … Und
Charles kann sich durchaus vorstellen, Landpfarrer zu werden, da bleibt
genügend Zeit für die Beschäftigung mit der Natur. Das Theologiestudium ist zur
damaligen Zeit eine übliche Laufbahn für einen naturbegeisterten Menschen (alle
späteren Lehrer, denen Darwin in den Naturwissenschaften begegnete, waren
Natur-Theologen, oft im Hauptberuf Pfarrer).
Und so
schreibt der Vater Charles 1827 in einem Elitecollege in Cambridge zum Studium
für das Fach Theologie ein. Im Christs College studiert Darwin gewissenhaft -
auch die theologische Literatur.
Zu Charles Darwins
Pflichtlektüre (während seines Theologiestudiums in Cambridge ab 1827) gehören
die theologischen Werke des 1805 verstorbenen Archidiakonus William Paley. …
Besonders beeindruckt Charles die „Natürliche Theologie“ von Paley. … eine
Auffassung, die Gottes Wirken überall in der belebten Natur sehen will und
durch die Zweckmäßigkeit der Organismen begründet. Paley benutzt dabei das
althergebrachte Bild von der Uhr und dem Uhrmacher, um die Existenz Gottes zu
beweisen. Angenommen, wir finden eine Uhr auf dem Wege liegen, argumentiert er,
„wenn wir die Uhr aufheben und genau betrachten, bemerken wir …, dass ihre
Teile für einen speziellen Zweck erfunden und zusammengefügt wurden … Der
Mechanismus lässt unausweichlich darauf schließen, dass die Uhr einen
Konstrukteur hat … der sie für diesen Zweck entworfen hat.“
Genauso, lehrt Paley, stehe es mit der belebten Natur. All ihre Teile griffen
ineinander, jedes einzelne sei der Umwelt und den anderen Teilen sinnvoll angepasst.
Allein durch die Weisheit und Güte ihres Schöpfers, sagt Paley, könne man die
Zweckmäßigkeit der Organismen erklären.
(Steinmüller Charles Darwin S.86f.)
Besonders
begeistern den jungen Charles aber auch hier die Biologie und die Geologie. Er
sammelt weiter mit großer Leidenschaft: Seine Käfersammlung aus den Cambridger
Jahren gibt es heute noch. Und er verschlingt fasziniert die Berichte von
Alexander von Humboldts Weltreisen.
Darwin legt im Januar 1831 am College sein Abschlussexamen ab, als einer der
Besten seines Jahrgangs. Er erwirbt den „Bachelor of Arts“, den ersten
niedrigsten akademischen Grad. Das hätte ihm nun folgerichtig die Ausübung des
Berufes eines Geistlichen in der Anglikanischen Kirche eröffnet. Darwin ist
jetzt 22 Jahre alt.
Aber im gleichen Jahr erfährt sein Leben eine entscheidende Wendung. Darwin
erhält die Einladung, an einer Schiffsreise rund um die Welt teilzunehmen. Der
Kapitän des Schiffes sucht einen gebildeten Begleiter, der aber auch während
der Fahrt naturwissenschaftliche Beobachtungen und Untersuchungen vornehmen
soll. Charles´ Vater ist gegen die Teilnahme – aber lässt sich überzeugen. 1831
besteigt Charles Darwin das Vermessungsschiff „Beagle“ (es handelt sich in
Wirklichkeit um ein Kriegsschiff der britischen Krone, das die Küsten der
Kontinente für die Weltmacht Britannia genauer kartieren soll). Das Schiff ist
31 Meter lang, und es hat 70 Mann Besatzung. Die Reisedauer ist ursprünglich
mit zwei Jahren veranschlagt, erstreckt sich dann aber insgesamt über fünf
Jahre. Die „Beagle“ segelt am südamerikanischen Subkontinent mehrmals an beiden
Küsten hinauf und hinunter, und besucht am Ende die Galapagosinseln im Pazifik,
die Südsee, Neuseeland, Australien, Südafrika, und noch einmal Südamerika,
bevor sie wieder in England einläuft. Das vermutlich letzte Lebewesen, das
Darwin noch persönlich „gekannt“ hat, war die Schildkröte „Harriet“, die er
selbst von den Galapagosinseln mitgebracht und einem Zoo in Australien
anvertraut hatte – sie starb Mitte 2006 im Alter von vermutlich 176 Jahren.
Charles Darwin sammelt, sammelt, sammelt: eine Fülle von Eindrücken und
Erfahrungen, aber auch Mineralien, Fossilien, Tierkörper, Pflanzen. Die Funde
werden mit anderen Schiffen nach Haus geschickt, Tagebücher halten die
Eindrücke fest. Mit der Auswertung der Ergebnisse dieser Weltreise ist Darwin
für den Rest seines Lebens beschäftigt.
Darwin ist jetzt 27 Jahre alt.
Nachdem er – seine Tagebücher legen davon Zeugnis ab – längere Zeit gerungen
hatte, was für eine Heirat und was dagegen spreche, ehelichte Darwin im Alter
von 30 Jahren 1839 seine Cousine Emma Wedgwood. Nach wenigen Jahren in London
zogen sie 1842 in das „Down House“
in der kleinen Ortschaft Down (Grafschaft Kent). Dort stand im örtlichen Adressbuch
ab sofort: „Charles Darwin, Farmer“. Darwin hat nie eine akademische Stellung
innegehabt, etwa als Dozent oder Professor, er bleibt Zeit seines Lebens
Privatgelehrter.
Emma und
Charles Darwin haben zehn Kinder, von denen drei früh versterben. Darwin hat
lebenslang darüber gegrübelt, ob die Verwandtenehe mit seiner Cousine richtig
war.
Ein ganz entscheidender Einschnitt in Darwins Leben ist der überraschende und
frühe Tod seiner Lieblingstochter: Annie stirbt 1851 im Alter von 10 Jahren.
Darwin ist so erschüttert, dass er nicht am Begräbnis teilnehmen kann. Noch
Jahrzehnte später bewegt ihn das Ereignis tief:
„Wir haben nur ein
sehr schweres Leid erfahren: Annies Tod am 24. April 1851 in Malvern, als sie
gerade zehn Jahre alt war. … Immer noch kommen mir manchmal die Tränen …“
(Charles Darwin: Mein Leben (1882), Insel TB S.106)
Als er nach
Monaten aus seiner tiefen Depression und Verzweiflung erwacht, hat er den
einfachen Kinderglauben verloren, den Glauben an einen „lieben“ Gott, der immer
als gütiger Vater erfahren wird, der Gebete erhört; Darwin hat keine
Geborgenheit und keinen Trost gefunden.
Dieses
Erlebnis verstärkt noch seine gesundheitlichen Beschwerden. Darwin war seit
seinem 20. Lebensjahr krank, aber eine wirksame Therapie konnte nie gefunden
werden. Bis heute ist offen, ob überhaupt ein organischer Schaden vorlag oder
ob seine Beschwerden nicht immer auch psychosomatischer Art waren.
Darwin stürzt sich in seine Arbeit, er beobachtet, züchtet, liest und schreibt.
Er unterhält intensive Kontakte zu Fachkollegen aus der Welt der
Naturwissenschaft, genannte seien z.B. der Botaniker John Stephens Henslow, der Botaniker Joseph Dalton Hooker, der Geologe Charles Lyell, der Zoologe Thomas Henry Huxley.
Erhebliche
Aufregung verursacht im Jahre 1858 ein Brief des Naturforschers Alfred Russel
Wallace, der in Südostasien lebt und forscht. Er schickt Darwin ein Manuskript
zu, das er veröffentlichen möchte, das Darwin aber zuvor noch einmal kritisch
gegenlesen soll. Darwin ist erschüttert: Seit über 20 Jahren beschäftigt er
sich mit Gedanken zur Entwicklung der Arten auf der Erde, sammelt Belege, hat
schon vor längerer Zeit begonnen, seine Erkenntnisse niederzuschreiben, aber
bisher nicht öffentlich gemacht. Und nun ist Wallace zu genau den gleichen Schlussfolgerungen
gelangt, droht ihm zuvorzukommen! Freunde, die Darwins Einsichten kennen,
ermutigen ihn, seine Notizen noch einmal zu ordnen, und wenige Wochen später
werden in einer Sitzung der Linné-Gesellschaft Auszüge aus beiden Manuskripten
verlesen (in Abwesenheit der Autoren), und wenig später liegen sie gedruckt
vor. Damit hat die Idee, die später „Evolutionstheorie“ heißen wird, eigentlich
zwei Väter. Wallace ist mit dem Verfahren einverstanden. Und Charles Darwin
schreibt nun endlich sein Buch über „Die Entstehung der Arten“, das 1859
erscheint und das Weltbild der Biologie verändert. 12 Jahre später erscheint
sein Werk „Die Abstammung des Menschen“.

Charles
Darwin stirbt 1882 im Alter von 73 Jahren.
Er wird in großen Ehren von seiner Nation zu Grabe getragen und in der
Westminster-Abbey in London, einer der größten Kathedralen der Anglikanischen
Kirche beigesetzt – an der Seite des großen Physikers Isaac Newton.
2. Darwin als Naturwissenschaftler
Von seiner
fünfjährigen Forschungsreise auf der „Beagle“ (1831 bis 1836) brachte Darwin
eine Fülle von Eindrücken (Landschaften, Lebensweisen, Geologie) und
umfangreiche Sammlungen (Fossilien, Tiere, Pflanzen) mit nach Hause, mit deren
Auswertung er in den folgenden Jahren beschäftigt war, die er aber auch
Fachkollegen zur Beurteilung überließ.

Darwins Arbeitszimmer in Down Darwins „Denkweg“ an seinem
Haus in Down
Darwin
fragte sich am Ende seines Lebens, warum er so erstaunlich erfolgreich hatte
arbeiten können. In seiner Autobiographie notierte er:
… mein Erfolg als Wissenschaftler … ist von komplexen, verschiedenartigen
Eigenschaften und Verfassungen meines Geistes bestimmt.
Die wichtigsten von ihnen sind
·
die Liebe
zur Wissenschaft,
·
grenzenlose
Geduld zu langem Nachdenken über jedes Thema,
·
Fleiß beim
Beobachten und Sammeln von Tatsachen
·
und eine
gehörige Portion Phantasie und gesunder Menschenverstand
(Charles Darwin: Mein Leben, Autobiographie, Insel Taschenbuch, 2008,
S.157)
Auch seine
Zeitgenossen haben ihn genau so erlebt.
Darwin war ein aufmerksamer und gründlicher Beobachter der Natur und der
Lebensgewohnheiten von Pflanzen und Tieren. Er war faktenbesessen und ein
intimer Kenner von Lebewesen. Als „Naturforscher“ hat er unbeirrbar und systematisch
nach Fakten gesucht, blieb aber immer auch mitfühlend und ist dem Geschehen in
der Natur ahnend und staunend begegnet.
Darwin
führte selbst Züchtungsversuche durch (Pflanzen im Gewächshaus, Tauben). Er
unterhielt intensive Kontakte mit anderen Züchtern und Naturforschern. Er hat
zum einen viel gelesen (z.B. 1838 das Buch von Thomas Malthus: „Essay über das
Bevölkerungsgesetz“, das bei ihm wichtige Überlegungen in Gang setzte). Und er
hatte eine rege Korrespondenz. An seinem Wohnsitz Down bekam Darwin drei Mal
täglich Post. 14.500 Briefe, die an ihn gerichtet bzw. von ihm geschrieben
wurden, sind erhalten.
Darwin war
ein gründlicher Arbeiter. Und er war bemüht, sich immer vorsichtig zu äußern
(nur dazu etwas zu sagen, wo er meinte, genügend Belege zu haben), er war immer
von Zweifeln geplagt (das Kennzeichen eines guten Wissenschaftlers), und er
wollte sich eindeutig ausdrücken: Metaphern und Analogien sollten nicht
missverstanden werden. Wann immer ihm zu Ohren kam, dass da etwas nicht
gelungen war, versuchte er, in der nächsten Auflage seiner Bücher solche
Missverständnisse aufzuklären.
Und er
wusste selbst von sich, dass er „ehrgeizig“ war, „nach Anerkennung durch
Wissenschaftler-Kollegen“ strebte (C.D.: Mein Leben S.153)
Darwin kam
von der Schiffsreise als gestandener Naturwissenschaftler wieder.
Und er, den wir meist nur als Biologen kennen, wurde nach seiner Rückkehr
zuerst in die Geological Society (die Geologische wissenschaftliche
Gesellschaft Englands) aufgenommen. 1842 veröffentlichte Darwin als seine erste
naturwissenschaftliche Schrift das Buch „Über den Bau und die Verbreitung der
Korallen-Riffe“. Die Theorie, die er darin entwickelte (Entstehung der
kreisförmigen Riffe durch das allmähliche Absinken von Vulkankratern zum
Meeresgrund), begründete Darwins Ruf als Naturwissenschaftler.
Darwin schrieb im Laufe seines Lebens fast 20 Bücher und darüber hinaus viele
Fachartikel.
Nur einige
der Buchtitel seien hier aufgeführt, um die Vielfarbigkeit seiner Interessen zu
illustrieren:
·
Die
verschiedenen Einrichtungen, durch welche Orchideen von Insekten befruchtet
werden
·
Die
Bewegungen und Lebensweise der kletternden Pflanzen
·
Die
Wirkungen der Kreuz- und Selbstbefruchtung im Tierreich
·
Der
Ausdruck der Gemütsbewegungen bei Tieren und Menschen
·
Die
Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer ...
Acht lange Jahre seines Forscherlebens arbeitete Darwin an
einem mehrbändigen Werk über Rankenfüßer (das sind unscheinbare kleine Krebse,
die sich in die Schalen von Muscheln bohren und dort schmarotzen) – er hatte
damit angefangen, diese Lebewesen interessierten ihn, und er brachte das Werk
tapfer und gründlich und konsequent zu Ende!
Im Weiteren
soll auf einige Aussagen aus zwei seiner wichtigsten Bücher eingegangen werden,
um einige ganz unterschiedliche Aspekte im Leben und Werk des Forschers
deutlich zu machen:
„Die Entstehung der Arten“ (1859)“
und
„Die Abstammung des Menschen“ (1871).
Viele
Erklärungen, die er in diesen Büchern vorstellt, haben sich in den folgenden
Jahrzehnten bestätigt (z.B. hat Darwin von Molekularbiologie nichts wissen
können, heute lassen sich dort Hinweise auf die Verwandtschaft aller Lebewesen
und auf Abstammungslinien ableiten, die völlig unabhängig von Fossil-Befunden
sind, aber zu praktisch den gleichen Ergebnissen führen). Manche Idee war zu
seiner Zeit noch visionär, manche Vorstellung hat sich als richtig erwiesen,
manche Vermutungen erwiesen sich als falsch oder zu eng.
2.1 „Die Entstehung der Arten“
Uns ist Darwin vor
allem bekannt als Begründer der Evolutionstheorie.
Nicht lange nach Abschluss der Reise mit der „Beagle“ ging Darwin daran, seine
Erkenntnisse und Ideen zu Papier zu bringen – zu dem, was wir heute
„Evolutionstheorie“ nennen.
Darwin selbst spricht nicht von Evolution, weil dieser Begriff
zu seiner Zeit noch anderweitig vergeben war, sondern von „transmutation“ oder von „descent with modification“
(Gerhard Vollmer:
Biophilosophie, Reclam Stuttgart, 1995, S. 96)
In Darwins
„Notizbuch B“ aus dem Jahre 1837 findet sich eine Skizze: „Ich denke…“ schreibt
er darüber, und skizziert dann (vielleicht ist das so zu deuten) einen
„Stammbaum“.
Er schreibt rückblickend: „1839 hatte ich ein klares Konzept von meiner
Theorie, aber erst 1859 veröffentlichte ich das Buch“ (C.D.: Mein Leben S.134).
Die ersten ausführlichen Notizen zur Theorie sind aus dem Jahre 1842 erhalten,
1844 waren es schon 230 Seiten, die er aber unter Verschluss hielt.
Darwin schreibt am
11.1.1844 an J.D.Hooker:
„Ich habe Haufen von
Bücher über Agrikultur und Hortikultur (Gartenbau
JK) gelesen und habe nie aufgehört, Tatsachen zu sammeln. Endlich kamen
Lichtstrahlen, und ich bin beinahe überzeugt (der Meinung, mit welcher ich an die
Frage herantrat, völlig entgegengesetzt), dass die Spezies nicht (mir ist,
als gestände ich einen Mord ein) unveränderlich sind. Der Himmel bewahre
mich vor LAMARCKschem Unsinn einer „Neigung zum Fortschritt“ oder „Anpassung
infolge des langsam wirkenden Willens der Tiere“ usw.! Aber die
Schlussfolgerungen, auf welche ich geführt worden bin, sind von den seinigen
nicht sehr verschieden, obschon die Abänderungsmittel es gänzlich sind. Ich
glaube, ich habe (hier ist Anmaßung!) die einfachen Mittel gefunden, durch
welche Spezies verschiedenen Zwecken ausgezeichnet angepasst werden.“
(aus Fr. Darwin: Leben
und Briefe von Ch. Darwin übers..: Carus, Band II, S.23;
zit. nach: Deutsches Institut für Fernstudien an der Universität Tübingen;
Fernstudium Naturwissenschaften; Evolution der Pflanzen- und Tierwelt; Band 3:
Theoretische Grundlagen der Evolutionsbiologie, 1986, S.68)
Er zögerte
… Ende der 1850er Jahre drängten ihn Freunde und Fachkollegen zur
Veröffentlichung. Ein anderer Naturforscher, Alfred Russel Wallace, schickte
Darwin 1858 eine Abhandlung – und die enthielt genau die gleiche Theorie wie
Darwins Vorstellungen. Die Texte beider Autoren wurden in der gleichen Sitzung
der wissenschaftlichen Linné-Gesellschaft verlesen (durch Lyell und Hooker) und
später gedruckt.
Nun stellte
Darwin sein Buch in wenigen Monaten fertig. Die erste Auflage der „Entstehung
der Arten …“ erschien 1859, und sie war am ersten Tag ausverkauft.
Das Buch, meist nur mit einem „Kurztitel” zitiert, hat den Titel:
„On the
origin of species by means of natural selection or the preservation of favoured
races in the struggle for life” (Die Entstehung der Arten
durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung begünstigter Rassen im Kampf ums
Dasein).
Darwin stellt seinem Buch “Von der Entstehung der Arten” als
Motto folgende Zitate voran:
„Bei der Betrachtung
der materiellen Welt können wir so weit gehen, dass wir erkennen, dass die
Erscheinungen nicht durch unabhängige Eingriffe der Göttlichen Macht
herbeigeführt wurden, ausgeübt in jedem einzelnen Fall, als vielmehr durch das
Aufstellen von allgemeinen Gesetzen.“ (WHEWELL: Bridgewater Treatise)
„Schlussfolgernd also
lasse man niemanden aus einer schwachen, eingebildeten Ernsthaftigkeit heraus
oder in einer falsch verstandenen Zurückhaltung denken oder daran festhalten,
dass man das Buch von Gottes Wort oder das Buch von Gottes Werken jemals zu
weit oder zu genau ergründen könne, in der Theologie oder in der Philosophie
(Welt-Anschauung, Naturkunde), sondern es möge sich jedermann bemühen,
unendlichen Fortschritt und Fertigkeiten auf beiden Gebieten zu erreichen.“ (BACON: Advancement of Learning)
(in
den deutschen Übersetzungen sind diese Sätze in der Regel nicht mit abgedruckt,
zu finden im engl. Original, z.B. 1.Auflage: http://darwin-online.org.uk/content/frameset?itemID=F373&viewtype=text&pageseq=1.
dort S.II)
Darwin
wollte in diesem Buch nicht erklären, wie manchmal hineingedeutet wird, wie das
Leben auf der Erde entstanden ist (aus unbelebter Materie). Das war für ihn
eine spannende, aber jetzt nicht zu lösende und vielleicht überhaupt nicht
lösbare Frage:
„In welcher Weise die
geistigen Kräfte bei den niedrigsten Organismen zuerst entwickelt wurden,
ist ebenso hoffnungslos zu untersuchen, wie in welcher Weise das Leben
entstanden sei.
Das sind Probleme für eine ferne Zukunft, sofern sie überhaupt von Menschen
gelöst werden können.“
(C.D.: Die Abstammung des Menschen, Bd. I, S.98)
Darwin
wollte lediglich zu erklären versuchen, wie neue Arten aus bereits vorhandenen Arten hervorgehen …
Darwin
weist als fairer Wissenschaftler darauf hin, dass Wallace der Mitentdecker der
Theorie ist, und er ahnt auch (mit Stolz und Angst zugleich), dass die hier
vorgestellten Gedanken große Wellen schlagen werden:
„Wenn die Ansichten, die ich in dem Werke entwickelte und die von Wallace
bestätigt wurden, oder wenn ähnliche Ansichten über die Entstehung der Arten
allgemein zugegeben würden, so muss, wie wir dunkel voraussehen können, eine
große Umwälzung der Naturwissenschaften die Folge sein.“
(C.D.: Entstehung der Arten, S. 534)
Er
schildert den Meinungswandel, den er erlebt hat, und der den Ansichten der
meisten Naturwissenschaftler seiner Zeit entgegensteht (nicht nur dem Wortlaut
der Bibel!), dass nämlich die (heutigen) Arten nicht von Anfang an existiert
haben und dass sie nicht unveränderlich sind. Und er weiß, dass er mit der
„natürlichen Zuchtwahl“ (selection) einen wichtigen Mechanismus entdeckt haben
könnte, lässt aber offen, dass durchaus auch weitere Faktoren eine Rolle bei
der Erklärung der Entwicklungsprozesse spielen könnten.
„Auf Grund meiner
sorgsamen Studien und des unbefangensten Urteils, dessen ich fähig bin, halte
ich trotzdem die Meinung für irrig, der bis vor kurzem die meisten
Naturforscher zuneigten (wie auch ich selber in früheren Jahren), dass nämlich
jede Art selbständig erschaffen worden sei. Ich bin fest überzeugt, dass die
Arten nicht unveränderlich, sondern dass die zu einer Gattung gehörenden die
Nachkommen anderer, meist schon erloschner Arten und dass die anerkannten
Varietäten einer bestimmten Art Nachkommen dieser sind. Ebenso fest bin ich
überzeugt, dass die natürliche Zuchtwahl das wichtigste, wenn auch nicht das
einzige Mittel der Abänderung war.“
(C.D.: Entstehung der Arten, S.18)
Einer der
Vorläufer Darwins in der Biologie, Carl von Linné, hatte schon mehr als hundert
Jahre früher mit diesen Fragen gerungen. Zum einen war er, wie praktisch alle
Naturforscher bis zu Darwin, von der Unveränderlichkeit der Arten überzeugt,
zum anderen stellte er in seinem System der Natur den Menschen als biologisches
Lebewesen in die Nähe der Primaten:
Carl von Linné (1735) (benutzte den biblischen Artbegriff):
„Es gibt so viele verschiedene Arten von Tieren und Pflanzen, als im Anfang
verschiedene Formen von dem unendlichen Wesen erschaffen worden sind.“
(Ernst Haeckel: Die
Welträthsel, Alfred Kröner Verlag Stuttgart, 1899, S.96)
(zu Carl von Linné:)
In der 12. Auflage seines Werkes
„systema naturae“ (zuerst erschienen 1735) rechnet der Forscher den Menschen,
für den er den Begriff Homo Sapiens prägt, gemeinsam mit Schimpansen und
Orang-Utans wegen anatomischer Ähnlichkeiten der Ordnung der Primaten zu.
(GEO kompakt 14: Die
100 größten Forscher aller Zeiten, 2008, S. 56)
Darwin brachte eigentlich zwei
Theorien in die Welt der Biologie:
a) Er begründete die Abstammungslehre
(durch Beobachtungen, z.B. an
Fossilien, kommt er zu dem Befund:
Lebewesen haben sich im Laufe einer langen
Erdgeschichte verändert,
viele Arten sind ausgestorben, neue
sind später aufgetaucht)
b) Er
stellte eine (Evolutions-)Theorie zur Diskussion, die Mechanismen vorstellt,
wie das Entstehen neuer Arten aus
vorhandenen Arten erklärt werden könnte.
Grundlegende Aussagen
der Theorie Darwins,
die noch heute gültig sind:
•
Lebewesen aller Arten erzeugen mehr
Nachkommen, als zur Erhaltung der Art notwendig sind (Überproduktion).
Die Individuenzahl einer Art bleibt trotzdem langfristig konstant.
•
Die Nachkommen eines Elternpaares sind
untereinander verschieden (weisen Variationen auf).
•
Lebewesen stehen untereinander in einem
ständigen Wettbewerb um Nahrung,
Lebensraum, Geschlechtspartner usw.
Diesen Wettbewerb nannte
DARWIN „struggle for life“.
Lebewesen, die gut an ihre Umwelt angepasst sind, haben bessere
Überlebenschancen als weniger gut angepasste („survival of the fittest“). Damit ist auch die
Wahrscheinlichkeit größer, dass gut angepasste Inividuen sich fortpflanzen und
ihre Erbanlagen an die nächste Generation weitergeben können. Andere mit
weniger guten Anpassungen sterben, bevor sie Nachkommen haben. Durch diese
natürliche Auslese („natural
selction“) kommt es zu einer immer besseren Angepasstheit der Lebewesen
an ihre Umwelt und zu einer allmählichen Umbildung der Arten.
(Vorteilhaft ist die gute Anpassung natürlich nur, solange sich die UMWELT
nicht merklich verändert und neue Anforderungen stellt.)
(nach: Klett, Natura 2, Biologie für Gymnasien, 1991, S.355)
Darwin
weiß, dass es viele Einwände gegen seine Theorie gibt. Er verdrängt und
verschweigt solche Fragen in seinem Buch nicht, sondern stellt sich ihnen
offensiv. Er schreibt ein eigenständiges Kapitel, in dem er auf die „Schwierigkeiten der Theorie“
ausführlich eingeht (C.D.: Die Entstehung der Arten, S.179ff.): Fragen wie die
nach fehlenden Übergangsformen (missing links), nach dem Entstehen neuer Körperbautypen, nach Mechanismen, welche
die Bildung von komplexen Organen erklären könnten; nach der Herausbildung der
Instinkte, nach der Bedeutung von Doppelfunktionen bzw. Funktionswechsel von
Organen werden behandelt.
Da stellt
Darwin z.B. – scheinbar resignierend - fest:
„Die Annahme, dass das
Auge mit all seinen unnachahmlichen Einrichtungen – die Linse den verschiedenen
Entfernungen anzupassen, wechselnde Lichtmengen zuzulassen und sphärische wie
chromatische Abweichungen zu verbessern – durch die natürliche Zuchtwahl
entstanden sei, erscheint, wie ich offen bekenne, im höchsten Grade als
absurd.“
(C.D.: Die Entstehung der Arten, S.192ff.)
Im Anschluss daran versucht er dennoch, eine ausführliche und
nachvollziehbare Erklärung für die Evolution des Auges in der Geschichte der
Lebewesen zu geben.
Darwin
versucht, Begriffe, die missverstanden oder falsch gedeutet werden könnten,
möglichst klar zu definieren und zu erläutern. So schreibt er z.B. zu dem
schillernden Begriff „Zufall“:
„Ich habe bis jetzt das Wort „Zufall“ (engl. hier: chance!) gebraucht, wenn von Veränderungen die Rede
war. die bei organischen Wesen ... auftreten.
Das Wort „Zufall“ ist natürlich keine richtige Bezeichnung, aber sie
lässt wenigstens unsere Unkenntnis der Ursachen besonderer Veränderungen
durchblicken.“
Charles Darwin: Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl, 1859,
S.146
Zum einen
schwingt bei dem Sinngehalt „Chance, Gelegenheit“ eine ganz andere, positive
Bedeutungsebene mit als im Deutschen bei „bloßer sinnloser Zufall“. Und zum
zweiten macht Darwin deutlich, dass ein Wissenschaftler, der das Wort Zufall
wählt, damit aussagt, dass er für einen bestimmten Vorgang in der Natur (noch)
keine logisch überzeugende Erklärung geben kann.
Ein ganzes
Kapitel in seinem Buch widmet Darwin dem „Kampf ums Dasein“ (Struggle for
Life, Struggle for Existence).
Diesen Begriff hat Darwin nicht „erfunden“, er nutzte ihn, wie ihn schon früher
z.B. Malthus, Lyell und Wallace gebraucht hatten. Und „struggle“ wurde in der
ersten Übersetzung seines Buches als „Kampf“ ins Deutsche übertragen, und dort
führt der Begriff seitdem ein missverständliches Eigenleben …
Darwin ahnte das wohl, als er versuchte, gleich einleitend in seinem Buch
deutlich zu machen, was er unter „struggle“ verstanden wissen wollte:
... dass ich die
Bezeichnung „Kampf ums Dasein“ in einem weiten metaphorischen Sinne gebrauche,
der die Abhängigkeit der Wesen voneinander, und was noch wichtiger ist: nicht
nur das Leben des Individuums, sondern auch seine Fähigkeit, Nachkommen zu
hinterlassen, mit einschließt. Mit Recht kann man sagen, dass zwei hundeartige
Raubtiere in Zeiten des Mangels um Nahrung und Dasein miteinander kämpfen; man
kann aber auch sagen, eine Pflanze kämpfe am Rande der Wüste mit der Dürre ums
Dasein, obwohl man das ebenso gut so ausdrücken könnte: sie hängt von der
Feuchtigkeit ab.
... eine Pflanze, die jährlich Tausende von Samenkörnern erzeugt, von denen
aber im Durchschnitt nur eines zur Entwicklung kommt, ... kämpfe ums Dasein mit
jenen Pflanzen ihrer oder anderer Art, die bereits den Boden bedecken ... die
Misteln kämpften mit anderen fruchttragenden Pflanzen, um die Vögel zu
verleiten, lieber ihre Samen zu fressen und zu verstreuen (S. 76f)
… Einfluss des Klimas im Kampf ums Dasein; Arktis, Berggipfel, Wüsten: hier
wird der Kampf ums Dasein fast nur gegen die Elemente geführt (S. 81f)
… Kampf ums Dasein zwischen Heuschrecken und grasfressenden Säugetieren, aber
noch erbitterter zwischen Individuen derselben Art (S. 87f)
(C.D.: Die Entstehung
der Arten)
Zum
Verständnis des Wortes „struggle“ im zeitgenössischen Kontext führt das
Nachwort der in der DDR erschienenen Übersetzung des Buches aus:
„Aus diesen Bedeutungen geht hervor, dass struggle
nicht nur und nicht einmal in der Hauptsache, einen Gewaltkampf bedeutet, einen
Kampf mit Hörnern und Klauen oder Säbeln und Pistolen, sondern ebenso und noch
mehr irgendein Verhalten oder eine Tätigkeit, sich irgendwelcher
Widerwärtigkeiten zu entziehen oder zu erwehren.“ – „sich abmühen, sich
anstrengen, ringen, gegen Widerwärtigkeiten ankämpfen“
(C.D.: Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl, Reclam Leipzig
1980, S.547ff.)
In diesem
Wettbewerb kann auch der der „Gewinner“ sein, der ängstlicher und vorsichtiger
ist als andere Artgenossen (rechtzeitig vor Feinden flieht), der sich intensiv
um seine Nachkommen kümmert (Brutpflege, die einen besseren Start ins Leben
ermöglicht), der neugierig ist und z.B. in Notzeiten neuartige Nahrungsquellen
ausprobiert …
„... dass ich
wiederholt ein Erstaunen darüber hörte, dass Ungeheuer vom Schlage der
Mastodonten oder der noch älteren Dinosaurier aussterben konnten;
als ob bloße Körperkraft schon den Sieg im Kampf ums Dasein verbürgte!“
(C.D.: Die Entstehung der Arten, S.376)
In Darwins
Hauptwerk wird übrigens auch deutlich, dass Darwin selbst gar kein konsequenter
„Darwinist“ ist. Er hält durchaus eine Vererbung erworbener Eigenschaften – wie
Lamarck! – für möglich:
„Änderungen der
Gewohnheiten bringen eine erbliche Wirkung hervor, z.B. bei Pflanzen, wenn sie
in der Blütezeit aus einem Klima in ein anderes versetzt werden. Bei Tieren hat
der Gebrauch oder Nichtgebrauch der Teile viel stärkeren Einfluss.“
„… dass der Gebrauch gewisse Teile kräftigt und vergrößert, während der
Nichtgebrauch sie schwächt;
und es geht ferner daraus hervor, dass solche Modifikationen erblich sind.“
(C.D.: Entstehung der Arten, S.25;148)
Recht
interessant können die letzten Sätze in Büchern sein.
Man sollte hier wohl davon ausgehen können, dass der Autor nicht mit irgendeinem
belanglosen Gedanken schließt, sondern sein Werk abrunden möchte.
Der letzte Satz in Darwins Buch über
„Die Entstehung der Arten“ lautet:
„Es ist wahrlich etwas Erhabenes um die Auffassung, dass das Leben mit
seinen verschiedenen Fähigkeiten vom Schöpfer ursprünglich nur wenigen oder gar
nur einer einzigen Form eingehaucht wurde,
und dass, während dieser Planet nach dem ehernen Gravitationsgesetz seine
Kreise zieht,
aus einem so schlichten Anfang unzählige der schönsten und wunderbarsten Formen
entwickelt wurden und immer weiter entwickelt werden.“
(engl. Original):
„There is grandeur in this view of life, with its several powers, having been
originally breathed by the Creator into a few forms or into one; and that,
whilst this planet has gone cycling on according to the fixed law of gravity,
from so simple a beginning endless forms most beautiful and most wonderful have
been, and are being, evolved.“
In der
ersten Auflage – die auch heute noch Grundlage mancher Übersetzungen ist –
fehlt das Reden „vom Schöpfer“ („by the Creator“). Diese Worte hat Darwin erst
von der zweiten Auflage an in den Text eingefügt, offenbar, weil es ihm wichtig
war, und sie sind bis zur letzten zu seinen Lebzeiten erschienenen Auflage des
Buches erhalten geblieben.
Der
„Schöpfer“ taucht auch nicht zufällig und singulär in diesem Buch auf – nur
eine Seite vorher schreibt Darwin z.B. von den „vom Schöpfer der Materie
eingeprägten Gesetzen“ (S.537).
In diesem
letzten Satz begegnet dem Leser ein Naturwissenschaftler, der das Staunen nicht
verlernt hat („schönste und wunderbarste Formen“, denen er in der Natur
begegnet). Darwin interessiert sich auch für Erkenntnisse der
Naturwissenschaften, zu denen er nichts beigetragen hat (er steht fasziniert
vor den ehernen Gesetzen der kosmischen Physik). Und mit dem „Schöpfer“, der
nach Darwins Verständnis der tragende Urgrund und Anfang all dieses Geschehens
ist, hat der Satz gewissermaßen – und nicht nur grammatisch – ein handelndes
Subjekt bekommen. Das macht dann auch die oben wiedergegebene Übersetzung
möglich (in anderen Übersetzungen steht hier: „entstand und weiter entsteht“
oder „sich entwickelt hat und noch immer entwickelt“).
Darwin kann
also auch und gerade an dieser Stelle von einem „Schöpfer“ sprechen. Dabei hat
er natürlich ein Bibel- und Gottesverständnis, das mit dem vieler seiner
Zeitgenossen nicht übereinstimmte.
Darwin hat sich an einem Weltverständnis und an Schöpfungsvorstellungen
„gerieben“, die zu seiner Zeit weit verbreitet waren, praktisch Allgemeingut
darstellten sowohl in der Naturwissenschaft wie auch in der Theologie und in
der Volksfrömmigkeit. Danach war die Welt exakt so entstanden, wie das im
wörtlichen Verständnis aus (den ersten Sätzen) der Bibel herausgelesen werden
kann. Kosmos, Erde und Lebewesen sind danach vor etwa 6000 Jahren entstanden.
Gott hat in sechs (Kalender-)Tagen am Anfang alle Arten von Leben so
geschaffen, wie sie uns heute noch begegnen, sie haben sich nicht verändert.
Darwin meinte erkannt zu haben und belegen zu können, dass die Erde viel viel
älter sein musste (versteinerte Muscheln in Gebirgsgestein) und dass Arten sich
im Laufe der Erdgeschichte verändert hatten, frühere ausgestorben und neue
aufgetaucht waren. Praktisch nur an diesem Punkt polemisierte und argumentierte
er gegen die verengte Sicht, gegen das „Dogma von den besonderen
Schöpfungsakten“, und wandte sich damit gegen ein bestimmtes Bibelverständnis.
Die großen christlichen Kirchen vertreten schon lange kein wörtliches
Bibelverständnis mehr, wohl aber halten viele Christen auch heute noch daran
fest, und es wird vor allem von den so genannten „Kreationisten“ gegen
Evolutionsvorstellungen vorgebracht. Den Begriff „creationists“ verwendete
schon Darwin in seinen Briefen, um damit Anhänger einer Schöpfungsvorstellung
zu kennzeichnen, die sich am Wortlaut der Darstellungen im 1. Kapitel der Bibel
orientieren.
Hier sei ein Beispiel aus einer Selbstdarstellung gemäßigter deutscher
Kreationisten aus dem Jahre 2008 angefügt:
(Bibel- und Weltverständnis
bei WORT UND WISSEN)
„Die Studiengemeinschaft Wort und Wissen … lehnt die Evolutionslehre,
auch in der theistischen Version, ab, weil durch sie grundlegende biblische
Inhalte in Frage gestellt werden …“ (S.7)
„Wir glauben … dass das biblische Zeugnis Wahrheit vermittelt hinsichtlich
… historischer Zusammenhänge. Dazu gehört auch die Realität der Schöpfung als
historische Tatsache.“ (S.11)
„… vom Leitgedanken einer kurzen, biblisch bezeugten Erdgeschichte und
von der Historizität einer weltumspannenden Sintflut bestimmt … Wir gehen
davon aus, dass Grundtypen aller Lebewesen als klar voneinander getrennte Formen
in der Schöpfungswoche erschaffen wurden.“ (S.14)
„Biblische Schöpfungsaussagen enthalten naturwissenschaftlich relevante Elemente …
Alter des Lebens in der Größenordnung von ca. 10.000 Jahren …“ (S.46ff.)
(Henrik Ullrich, Reinhard Junker (Hrsg.): Schöpfung und Wissenschaft – Die
Studiengemeinschaft WORT UND WISSEN stellt sich vor; Hänssler Verlag
Holzgerlingen 2008)
Mit der
Ablehnung eines wörtlichen Bibelverständnisses „verabschiedet“ sich Darwin
nicht vom „Schöpfer“.
In der 2. englischen Auflage der „Entstehung der Arten …“ von 1860
charakterisiert Darwin seine Evolutionstheorie in folgender Weise:
So gewichtig diese
Schwierigkeiten sind, in meiner Beurteilung stürzen sie nicht die Theorie der Abstammung von einigen
wenigen geschaffenen Formen mit anschließender Veränderung.“
(Grave as these several difficulties are, in my judgment they do not
overthrow the theory of descent from a few created forms with subsequent modification.)
(http://darwin-online.org.uk/content/frameset?itemID=F376&viewtype=text&pageseq=1
dort S.466)
Darwin geht
also hier davon aus, dass am Anfang wenige geschaffene Formen (Arten?)
stehen, die dann im Laufe der weiteren Erdgeschichte Veränderungen
erfahren (die nach seiner Abstammungstheorie beschrieben werden können)!
2.2 Die Abstammung des Menschen
In dem eben
vorgestellten Buch über „Die Entstehung der Arten“ steht nur ganz am Ende ein
Satz, der auf die Abstammung des Menschen hinweist:
„Licht wird fallen auf
die Herkunft des Menschen und seine Geschichte“
(C.D.: Entstehung der
Arten, S.537)
Mehr konnte
und wollte Darwin dazu an dieser Stelle nicht sagen (siehe C.D.: Mein Leben,
S.141).
Erst in der
sechsten und letzten Auflage der „Entstehung der Arten“ bekannte er sich dazu,
dass natürlich aus seiner Entstehungsgeschichte der Pflanzen und Tiere auch der
Mensch nicht ausgeklammert werden konnte, und ergänzte den Satz nun mutig und
selbstbewusst um ein „MUCH (light) …“ (ein grelles Licht wird fallen …).
In der ersten deutschen Übersetzung des Buches wurde der brisante Satz übrigens
vorsichtshalber gleich ganz weggelassen!
Darwin hatte sich lange Zeit gescheut, etwas zu diesem polarisierenden Thema zu
veröffentlichen:
„Viele Jahre hindurch habe ich Notizen gesammelt über den Ursprung oder
die Abstammung des Menschen, ohne Absicht, über diesen Gegenstand etwas zu veröffentlichen;
ich wollte dies entschieden vermeiden, denn ich glaubte, es könnte nur die
Vorurteile vermehren, welche meinen Ansichten entgegengestellt wurden.“
(C.D.: Die Abstammung des Menschen, Bd.1, S.3)
Sein Buch
trägt den ausführlichen Titel „Die Abstammung des Menschen und die Zuchtwahl
in geschlechtlicher Beziehung.
Darin äußert sich Darwin an verschiedenen Stellen zu seinem Verständnis von
wissenschaftlichem Erkenntnisfortschritt: Es handelt sich um einen mühsamen
Weg, vieles verstehen wir (heute) überhaupt (noch) nicht, und Spekulationen
(irrige Hypothesen) können und werden widerlegt werden.
„Es wurde oft und zuversichtlich behauptet, der Ursprung des Menschen
könne nicht ergründet werden, und Unwissenheit findet häufiger Vertrauen als
Wissen. Es sind diejenigen, die wenig wissen und nicht diejenigen, die viel
wissen, welche mit einer Bestimmtheit zu behaupten pflegen, dieses oder jenes
Problem werde durch die Wissenschaft niemals gelöst werden.“ (Bd.1, S.5)
„Hinsichtlich der Ursachen der Variabilität sind wir in allen Fällen ohne
Kenntnis dessen ...“ (Bd.1, S.42)
„Manche der vorgebrachten Ansichten sind höchst spekulativer Art und einige
werden sich sicherlich als irrig erweisen; aber ich habe in allen Fällen die
Gründe angeführt, welche mich mehr zu der einen oder der anderen Ansicht
veranlassten. ... unrichtige Ansichten, die einigermaßen von Beweisen
unterstützt werden, können nur wenig schaden, denn jedermann findet ein
heilsames Vergnügen darin, ihre Unrichtigkeit zu erproben. Und ist dies
geschehen, so wird dadurch der Weg zum Irrtume verlegt und oft auch
gleichzeitig ein Weg zur Wahrheit geöffnet.“ (Bd.2, S.409)
(C.D.: Die Abstammung
des Menschen)
Ein
Beispiel dafür, dass Darwin manches zu seiner Zeit noch nicht sehen konnte oder
in seiner Wirkung unterschätzt hat, sei hier angeführt:
Darwins blinder Fleck
… Er verkennt die Macht der kulturellen Evolution, die sich spätestens mit der
Sesshaftwerdung des Menschen über die biologische Evolution zu erheben begann.
Anders als seine nächsten Verwandten kann Homo sapiens die verfügbare
Nahrungsmenge über ihre natürlichen Grenzen steigern. Ohne Ackerbau und
Viehzucht, ohne Züchtung und Lebensmitteltechnologie hätte unsere Art schon die
Mitgliederzahl von einer Milliarde zu Darwins Zeiten nie erreicht.
Seither hat die Menschheit mit kulturellen Errungenschaften, mit medizinischem
und technischem Fortschritt, ihre Zahl auf bald sieben Milliarden gesteigert
und die biologische Evolution mehr und mehr überwunden. Die wichtigste
Voraussetzung für die natürliche Auslese – eine Überzahl an Nachkommen, von
denen sich im Schnitt nur ein Teil weitervermehrt – ist in modernen
Gesellschaften immer weniger gegeben. Mit zwei Kindern pro Paar und einer
Überlebensrate bei Neugeborenen nahe hundert Prozent ist die Selektion im
Darwinschen Sinne praktisch zum Erliegen gekommen. …
(Die Zeit 31.12.08
S.29f.)
Darwin
verwendet in seiner Darstellung Begriffe, die uns durchaus anstößig erscheinen:
(Darwin schreibt von)
(I 67, I 137) „barbarischen
Rassen“;
(I 97) „niedrigsten Barbaren“;
(I 196) „rohesten Wilden“
(I 67) (im Unterschied
zu) „zivilisierten Rassen“
(Die Abstammung des
Menschen …)
Aber an
anderer Stelle wird deutlich, dass es für ihn keinen grundlegenden Unterschied
zwischen Menschen gibt, „Rasse“ ist für ihn ein fließender Begriff:
(Auch wir (die Briten,
die Europäer) waren einst „Wilde)
(II 428) „Es kann aber
kaum in Zweifel gezogen werden, dass wir von Wilden abstammen.“
(Wir alle sind MENSCHEN!)
(I 71) „Der Mensch hat
sich weit über die Erdoberfläche verbreitet ...“
(und dann nennt Darwin (innerhalb der Gattung Mensch):
„die Bewohner des Feuerlandes, des Kaps der guten Hoffnung,
Tasmaniens auf der einen Hemisphäre und des arktischen Gebietes auf der anderen
Seite ...“
(I 217) (Darwin bescheinigt den) „eingeborenen Peruanern und Mexikanern ...
eine hohe (eigenständige) Kultur“
(I 250) „Selbst die unterschiedlichsten Menschenrassen sind einander ähnlicher
in der Form, als man auf den ersten Blick hin annehmen möchte.“
(I 267) Urbewohner Amerikas, die Neger, die Europäer ... wie ähnlich ihre
geistige Beschaffenheit der unsrigen ist;
(I 296) „Diese große Variabilität aller äußerlichen Unterschiede zwischen den
Menschenrassen zeigt ..., dass diese nicht von großer Wichtigkeit sein können
...“
(I 175) „Die Sklaverei ... ist ein großes Verbrechen; dennoch wurde sie bis vor
kurzem selbst von den zivilisierten Völkern nicht dafür gehalten.“
(C.D.: Die Abstammung
des Menschen)
In der
„Abstammung der Arten wird an verschiedenen Stellen die Wertschätzung deutlich,
die Darwin der (christlichen) Religion entgegenbringt:
(Darwins Wertschätzung
von Religion)
•
(I 139) (die höhere Frage) „ob ein
Schöpfer oder Weltenlenker existiere; diese ist von vielen der größten Geister,
die je auf Erden waren, zustimmend beantwortet worden.“
•
(I 168 Fußnote) „Böses mit Gutem zu
vergelten, den Feind zu lieben, ist ein so hoher sittlicher Standpunkt, dass zu
bezweifeln ist, ob die geselligen Instinkte an und für sich uns je dahin hätten
bringen können. Vereint mit der Sympathie, mussten diese Instinkte mit Hilfe
der Vernunft, der Belehrung und der Liebe oder Furcht vor Gott hoch kultiviert
und erweitert werden, ehe eine so goldene Regel je erdacht oder befolgt werden
konnte.“
•
(I 216) „Die höchste Form der
Religion – der große Gedanke von einem Gott, der die Sünde hasst und die
Rechtschaffenheit liebt – war in den Urzeiten unbekannt.“
•
(II 418) „Bei den zivilisierten
Rassen hat die Überzeugung vom Dasein eines allwissenden Gottes einen mächtigen
Einfluss auf den Fortschritt der Sittlichkeit gehabt ...
Der Glaube an Gott wurde oft nicht nur als der größte, sondern auch als der
vollkommenste aller Unterschiede zwischen Mensch und niedrigerem Tiere
vorgebracht. ...“
(C.D.: Die Abstammung
des Menschen)
Dass Darwin
für brutale Selektion auch beim Menschen, Ausmerzen lebensunwerten Lebens usw.
NICHT in Anspruch genommen werden kann, zeigt folgendes Beispiel. Darwin
schreibt zunächst:
„Bei Wilden werden die
an Körper oder Geist Schwachen bald entfernt sein, und die Überlebenden weisen
gewöhnlich einen kräftigen Gesundheitszustand auf. Wir zivilisierten Menschen
dagegen tun das Möglichste, um diesen Entfernungsprozess zu hemmen; wir bauen
Asyle für Blödsinnige, Krüppel und Kranke; wir erlassen Armengesetze und unsere
Ärzte wenden ihre ganze Geschicklichkeit an, um das Leben jedes Menschen so
lang wie nur möglich zu erhalten. Es lässt sich mit Grund annehmen, dass die
Impfung Tausenden das Leben erhalten habe, die infolge ihrer schwachen
Konstitution früher den Pocken erlegen wären. Dermaßen können die schwachen
Mitglieder der zivilisierten Gesellschaft ihre Art fortpflanzen. Niemand, der die Züchtung von Haustieren
beobachtet hat, wird zweifeln, dass das erwähnte Vorgehen für die menschliche
Rasse höchst schädlich sein muss. ...
(C.D.: Die Abstammung
des Menschen, Bd.1, S.200)
Für das
Überleben eines Lebewesens in der Natur wie auch im Handeln eines Züchters, der
nur die „gelungenen“ Exemplare auswählt und die anderen nicht zur Fortpflanzung
kommen lässt, wäre die Fürsorge, die in der menschlichen Gesellschaft
Schwachen, Kranken und Behinderten zuteil wird, „höchst schädlich“.
Also weg mit ihnen! … So würde ein vermeintlich konsequenter „Darwinismus“
votieren, der vom Sein (so macht es uns die Natur vor) auf das Sollen (so
müssen auch wir Menschen und verhalten) schließt.
Darwin aber
fährt überraschend anders fort:
Der Beistand, den wir
uns genötigt fühlen, den Hilflosen zu leisten, ist hauptsächlich ein
incendentales Ergebnis des Instinkts der Sympathie, der ursprünglich als ein
Teil der geselligen Instinkte erworben worden war, in der Folge jedoch, ...
zarter und verbreiteter wurde. Auch können
wir unsre Sympathie nicht hemmen, selbst dann nicht, wenn starke Vernunftgründe
dawider sind, ohne den edelsten Teil unserer Naturheit zu verletzen ... wollten
wir die Schwachen und Hilflosen vernachlässigen, so würden wir nur einen
ungewissen Vorteil mit einem überwältigenden gegenwärtigen Übel erwerben.“
(C.D.:: Die Abstammung des Menschen
Bd.1, S.200)
Damit wir
Menschen menschlich bleiben, dürfen wir nicht Naturmechanismen wirken, sich
ereignen lassen, sondern wir müssen uns ihnen entgegenstellen, uns anders
verhalten, als es uns die Natur vormacht! Selektion mag in der Züchtung von
Pflanzen und Tieren ihren Sinn haben, beim Menschen darf sie nicht angewendet
werden.
Darwin
meint sogar, dass die wahrhaft menschlichen Eigenschaften nicht allein durch
Selektionsmechanismen zu erklären sind:
„So wichtig auch der
Kampf ums Dasein war und noch ist – soweit der höchste Teil menschlicher
Beschaffenheit in Betracht kommt, gibt es noch andere, viel wichtigere
Agentien.
Denn die moralischen Qualitäten sind entweder direkt oder indirekt viel mehr
durch die Wirkungen der Gewohnheit, durch Verstandeskräfte, Unterweisung,
Religion usw. vorgeschritten, als durch die natürliche Zuchtwahl ...“
(C.D.: Die Abstammung
des Menschen, S.428)
Und nicht
immer muss der Stärkste gewinnen – soziale Kompetenz und Zuwendung zu
Artgenossen, die für menschliches Dasein prägend ist, entsteht laut Darwin bei
einem relativ schwachen Geschöpf:
„... dass ein im
Besitz von Größe, Kraft und Wildheit befindliches Tier, das sich, wie der
Gorilla, gegen jeden Feind verteidigen kann, vielleicht nicht sozial geworden
wäre; und dies hätte am meisten das Erwerben höherer geistiger Qualitäten
gehemmt, wie Sympathie und Liebe für seinen Genossen.
Daher könnte es für
den Menschen von gewaltigem Vorteil gewesen sein, von irgend einem
verhältnismäßig schwachen Geschöpf abzustammen ...
seine sozialen Eigenschaften, die ihn dahin führten, seinen Genossen zu helfen
und Hilfe von ihnen zu erhalten.“
(C.D.: Die Abstammung
des Menschen, S.95)
Auch hier
seien noch die letzten Sätze im Buch wiedergegeben:
Der geringste
Organismus ist etwas viel Höheres als der unorganische Staub unter unseren
Füßen; und niemand, der vorurteilsfreien Geistes ist, kann irgend ein lebendes
Wesen studieren, ohne durch dessen wundervolle
Struktur und Eigenschaften von staunender
Begeisterung erfüllt zu werden. ...
Wir müssen ...
anerkennen, dass der Mensch mit all
seinen edlen Eigenschaften, mit seiner Sympathie, die er für das
Niedrigste fühlt, mit seinem Wohlwollen,
das sich nicht nur auf andere Menschen erstreckt, sondern auch auf das
geringste lebende Geschöpf, mit seinem göttlichen Intellekt, der die
Bewegungen und die Beschaffenheit des Sonnensystems ergründet hat – dass der
Mensch mit all diesen erhabenen Kräften doch noch in seinem Körperbau den unauslöschlichen Stempel seines niedrigen
Ursprungs trägt.“
(C.D.: Die Abstammung des Menschen, Bd.2 S.429)
3. Die Wirkungsgeschichte von Darwins Ideen
oder genauer:
Was andere aus und mit Darwins Ideen
gemacht haben
Darwin wird
rückhaltloser Materialismus, demoralisierter Verstand und sogar Atheismus vorgeworfen.
Darwin wird in Anspruch genommen für „Sozialdarwinismus“, „Entwicklung der
Gesellschaft vom Niederen zum Höheren“, „Überleben des Stärksten“, für
Rassismus, für den Gedanken des „lebensunwerten Lebens“ …
Die meisten
dieser Gedanken wären Darwin absurd erschienen.
Darwins Schatten
überragt seinen Namen um genau fünf Buchstaben: ismus. Sie trennen Wissenschaft von
Weltanschauung, Idee von Ideologie, Biologie von Biologismus. Keinem
Naturforscher seines Ranges, keinem Newton, Einstein oder Heisenberg, wurde je
die Ehre zuteil, als Begründer eines Ismus in die Geschichte einzugehen. Doch
dafür zahlt Darwin posthum einen hohen Preis … Im gängigen Sprachgebrauch steht
Darwinismus für Sozialdarwinismus, für Ellbogen und das Recht des Stärkeren im
allgegenwärtigen Verdrängungswettbewerb. Wer jemand anderen einen Darwinisten
nennt, meint das in der Regel nicht freundlich. …
(Die Zeit 31.12.08 S.140ff.)
3.1 Evolutionistischer
Fortschrittsglaube
Im 19.
Jahrhundert in England war der Fortschrittsglaube
eine Religion
Evolution
erschien vielen als Mechanismus des ewigen Fortschritts. Der Gedanke der
Auslese des „Guten“, die Übertragung der Befunde aus dem Pflanzen- und
Tierreich in die menschliche Gesellschaft, auf die politische und soziale
Umwelt war allgegenwärtig.
Das zeigte
sich in der Wirtschaft (Kapitalismus), in der Gesellschaftstheorie von
Marx/Engels (hier galt Darwins Naturtheorie als praktischer wissenschaftlicher
Nachweis!) und im Sozialdarwinismus (Recht des Stärkeren, lebensunwertes
Leben). Überall erwartete und beförderte man einen ökonomischen und
biologischen Determinismus.
Über
Jahrzehnte hinaus wurde der so (miss.)verstandene Darwinismus zu einer
scheinbar unfehlbaren Philosophie; zur Ideologie !
Von einer
Tendenz zur Höherentwicklung will Darwin
nichts wissen, das klingt ihm zu sehr nach Lamarck
(Steinmüller: Darwin S.368)
3.2 „survival of the fittest“,
Sozialdarwinismus
(Überleben des
Tüchtigsten, dessen, der am besten in die gerade aktuelle Um-Welt
„hineinpasst“)
Die fünf Buchstaben
seines Schattens haben ihren Ursprung in einer Tautologie, dem survival of the fittest. Die Formel
gehört zu den folgenreichsten, die je ein Forscher zu Papier gebracht hat. Sie
geht allerdings nicht auf Darwin zurück, sondern auf den Soziologen Herbert Spencer – und damit wiederum
auf ein Gesellschaftsmodell …
Spencer gilt als der Begründer des Sozialdarwinismus … er glaubt an die
kulturelle Evolution … vom All bis in die Seele, vom Molekül bis zur Moral.
Krankes, Schwaches und Entartetes merzt sich im Daseinskampf selbst aus, das
Bessere ist der Feind des Guten. In Darwins Entstehung der Arten von 1859
findet er das gesuchte Stück Biologie für seine Weltanschauung.
Darwin übernimmt die Sprechweise vom survival of the fittest erst ein paar
Jahre später.. In seinem Hauptwerk taucht sie erstmals in der fünften Auflage
1869 auf. …
(Die Zeit 31.12.08 S.140ff.)
3.3 Rassismus, „lebensunwertes
Leben“
Der Biologe Ernst Haeckel verbreitet Darwins Lehre
noch zu dessen Lebzeiten wie kaum ein anderer, vor allem in Deutschland.
Haeckel macht die natürliche Auslese zum Teil einer »universellen
Entwicklungstheorie, die in ihrer enormen Spannweite das ganze Gebiet des
menschlichen Wissens umfasst«. Er stellt biologischen Darwinismus in den Dienst
politischer Ideologie, erklärt Selektion und Konkurrenz zur Grundlage
gesellschaftlichen Fortschritts und versteht den deutschen Nationalstaat als
darwinistisches Projekt. Und wie kein anderer verschafft er dem Rassismus ein
wissenschaftliches Fundament.
“Diese Naturmenschen“, schreibt er in seinen Lebenswundern, „stehen in psychologischer Hinsicht
näher den Säugethieren (Affen, Hunden), als dem hochcivilisirten Europäer;
daher ist auch ihr individueller Lebenswerth ganz verschieden zu beurteilen.“
Wenn es heißt, der Nationalsozialismus und andere Tyrannenregime beriefen sich
auf Darwin, dann ist damit eigentlich Haeckel gemeint.
(Die Zeit 31.12.08
S.140ff.)
3.4 „Kampf ums Dasein“
(struggle for existence, struggle for life)
Den Begriff hatten vor Darwin
schon andere gebraucht, z.B. Malthus und Lyell, auch A.R.Wallace (Steinmüller:
Darwin S.332). Er bedeutet vor allem die Mühsal, das Überwinden von
Schwierigkeiten, die tägliche Abrackerei, das Ankämpfen gegen Widerwärtigkeiten
aller Art, das „Ringen ums Dasein“.
Aber schon der erste deutsche Übersetzer sagte (miss-)deutbar: „Kampf“!
Es geht aber um das mühsame
„Durchwursteln“, das Zurechtkommen im All-Tag, wie in der Bibel dem Menschen
gesagt wird (als Beschreibung des harten Alltags außerhalb des „Paradieses“):
„im Schweiße Deines Angesichts sollst du dein Brot essen … Dornen und Disteln
soll der Acker tragen …“ (Die Bibel, 1. Buch Mose 3,17ff.)
Das aber gelingt nicht immer dem Stärksten und Schnellsten am Besten.
Wer morgen noch lebt und
Nachkommen hat, die seine Gaben weiter tragen, ist oft
•
der Ängstliche und Vorsichtige (der Gefahren,
Feinde/Räuber rechtzeitig entdeckt und ihnen ausweicht)
•
der Kooperative (in der Gemeinschaft für andere da
sein)
•
der Fürsorgliche (intensive Brutpflege erhöht die
Chancen für den Start ins Leben)
•
der Neugierige und Experimentierfreudige (z.B. das
Entdecken und Ausprobieren neuer Nahrungsquellen,
das Ausweichen in neue Lebensräume).
3.5 Gesetzmäßige Entwicklung – in
der Natur wie in der menschlichen Gesellschaft; zum Verhältnis von Darwin zu Marx und
Engels
Friedrich Engels las
Darwins Buch von der „Entstehung der Arten“ drei Wochen nach Erscheinen, Karl
Marx erst ein Jahr später.
Engels am 12.12.1859 an Marx: „Übrigens ist der Darwin, den ich jetzt gerade
lese, ganz famos. Die Teleologie war nach einer Seite hin noch nicht kaputt
gemacht, das ist jetzt geschehen. Dazu ist bisher noch nie ein so großartiger
Versuch gemacht worden, historische Entwicklung in der Natur nachzuweisen.“ …
Marx schrieb später an Engels: „... dies ist das Buch, das die naturhistorische
Grundlage für unsere Absicht enthält“,
und er äußerte Lasalle gegenüber: „Sehr bedeutend ist Darwins Schrift und passt
mir als naturwissenschaftliche Unterlage des geschichtlichen Klassenkampfes.“
(nach: Charles Darwin: Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl,
Reclam Leipzig 1980, Anhang Seite 539f.)
Marx und
Engels betrachteten die Erklärung von Darwin für Entwicklungsprozesse bei
Lebewesen in der Natur als gewissermaßen biologisches, naturwissenschaftliches
Fundament für ihre Gesellschaftstheorie – „wie in der Natur, so verläuft
Entwicklung auch in der menschlichen Gesellschaft, gesetzmäßig …
In der DDR wurde der Marxismus als eine „wissenschaftlich begründete
Weltanschauung“ gelehrt.
Darwin hat
sich zum einen wenig für die Ideen der beiden deutschen Philosophen
interessiert, und er hat es zweitens britisch-höflich abgelehnt, für ihre
Gesellschaftstheorie gewissermaßen Pate zu stehen oder Kronzeuge zu sein:
Marx selbst übersandte
Darwin im Juni 1873 die zweite Auflage der deutschen Ausgabe des „Kapitals“ mit
einer Widmung, in der er sich als „sincere admirer“ Darwins bezeichnete. („Für Mister Charles Darwin, von seinem
aufrichtigen Bewunderer Karl Marx“)*.
Doch Darwin las weder
dieses Buch – die Seiten des Widmungsexemplars wurden nicht aufgeschnitten –
noch gab er seine Zustimmung, als Marx 1880 um die Erlaubnis anfragte, ihm die
englische Ausgabe des ‚Kapitals‘ widmen zu dürfen.
Dennoch und auch nicht
zufällig wählte Friedrich Engels am Grabe von Marx folgenden Vergleich: „Wie
Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das
Entwicklungsgesetz der Geschichte.“
(Mozetic, G.: Die Gesellschaftstheorie des
Austromarxismus. Geistesgeschichtliche Voraussetzungen, Methodologie und
soziologisches Programm. Darmstadt 1987, S. 117 f.;
zitiert nach http://www.tu-braunschweig.de/Medien-DB/hispaed/erziehung.pdf
Seite 27)
*Steinmüller: Charles Darwin, Berlin 1985, S.401)
VORSICHT: LEGENDE!!!
Die in diesem Kasten wiedergegebene Darstellung beruht auf der
Vermengung von zwei „Geschichten“:
Marx hat wirklich 1873 ein Buch mit Widmung an Darwin geschickt, dieser
antwortete wenige Tage später höflich bedankte sich, und Schluss.
1880 schrieb der Schwiegersohn von Marx, Aveling, an Darwin mit der Bitte,
seine Zustimmung zu einer Widmung in seinem neuesten Buch zu geben – Darwin
lehnt das einen Tag später ab.
Friedrich Engels
erweist sich hier als unbelehrbarer Ideologe, der standhaft an der
vermeintlichen inneren Verbindung der beiden Erklärungsmodelle festhält.
3.6 „Übermensch“ und „Herrenrasse“
Friedrich Nietzsche zog den (scheinbar) logischen Schluss aus Darwins Theorie
von der Auswahl des Fähigsten, nämlich den, dass die existierenden moralischen
Kategorien und Werte einer solchen Auswahl im Wege standen. Als Alternative
propagierte er den Übermenschen, produziert und ausgewählt durch das Recht des
Stärkeren. Auf Nietzsche bezogen sich die Nationalsozialisten.
3.7 Eugenik (Menschenzüchtung)
Francis Galton (geb. 1822) war ein Halbcousin von Charles Darwin. Seine
Erkenntnisse über die Vererbung von Merkmalen übertrug er auch auf das
menschliche Denkvermögen und führte den Begriff der Eugenik ein, worunter er
eine Lehre verstand, die sich das Ziel setzt, durch "gute Zucht" den
Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern.
Fazit:
Darwin sind solche Gedanken fremd gewesen.
Seine Ideen sind von anderen übernommen, benutzt, missverstanden, missbraucht
und in sachfremde Anwendungsbereiche übertragen worden.
Ein Vorwurf ist Darwin zu machen: Er war konfliktscheu, und selbst dort, wo ihm
deutlich war, dass seine Ansichten falsch verstanden, gedeutet und vertreten
wurden, ist er nicht entschieden genug dagegen aufgetreten.
Zwar hat Darwin bei neueren Auflagen seiner gedruckten Werke stets versucht,
klarer zu schreiben, Missdeutungen zu begegnen, aber das Publikum nahm die
Zweifel seines Idols kaum zur Kenntnis.
Seine
persönlichen biographischen Erfahrungen (vor allem der frühe Tod von dreien
seiner Kinder) haben ihn am Kinderglauben seiner ersten Lebensjahrzehnte
(ver-)zweifeln lassen. Auch seine naturwissenschaftlichen Einsichten führten zu
Widersprüchen mit einer bestimmten Art des Schöpfungsglaubens (Konstanz der
Arten) und des Bibelverständnisses vieler seiner Zeitgenossen. Gottes Wirken
fand für ihn meist in weiter Ferne und durch die Vermittlung von Naturgesetzen
statt.
Darwin hat
aber zeitlebens der Religion Hochachtung entgegengebracht, und er hat auch in
seinen wissenschaftlichen Werken vom „Schöpfer“ reden können.
Der öffentliche Streit um die Evolutionstheorie zwischen Kirche und
Naturwissenschaft passte Darwin gar nicht. Solche Fragen gehörten für ihn in
den Privatbereich.
Um (s)einen Glauben hat er lebenslang gerungen. Fast ein Zehntel der Seiten in
seiner Autobiografie sind diesem Thema gewidmet.
Dort
schreibt er:

„Ein anderer Grund für
den Glauben an die Existenz Gottes, der mit der Vernunft, nicht mit Gefühlen
zusammenhängt, scheint mir mehr ins Gewicht zu fallen. Dieser Grund ergibt sich
aus der extremen Schwierigkeit oder eigentlich Unmöglichkeit, sich
vorzustellen, dieses gewaltige, wunderbare Universum einschließlich des
Menschen mitsamt seiner Fähigkeit, weit zurück in die Vergangenheit und weit
voraus in die Zukunft zu blicken, sei nur das Ergebnis blinden Zufalls oder
blinder Notwendigkeit. Wenn ich darüber nachdenke, sehe ich mich gezwungen, auf
eine Erste Ursache zu zählen, die einen denkenden Geist hat, gewissermaßen dem
menschlichen Verstand analog; und ich sollte mich wohl einen Theisten nennen.
Wenn ich mich recht erinnere, beherrschte diese Schlussfolgerung mein Denken in
der Zeit, als ich Über die Entstehung
der Arten schrieb;
seither schien sie mir ganz allmählich immer weniger überzeugend;
ich schwankte jedoch sehr …
Das Mysterium vom Anfang aller Dinge können wir nicht aufklären; und ich
jedenfalls muss mich damit zufrieden geben, Agnostiker zu bleiben.“
(Charles Darwin: Mein
Leben, Insel TB S.102f.)
Darwin hat
auch an anderer Stelle klargestellt, dass er Agnostiker sei, nicht Atheist. Was ist der Unterschied?
Der Agnostizismus ist
eine Weltanschauung, die insbesondere die prinzipielle Begrenztheit
menschlichen Wissens betont. Die Möglichkeit der Existenz transzendenter Wesen
oder Prinzipien wird vom Agnostizismus nicht bestritten. Agnostizismus ist
sowohl mit Theismus als auch mit Atheismus vereinbar, da der Glaube an Gott
möglich ist, selbst wenn man die Möglichkeit der rationalen Erkenntnis Gottes
verneint.
Die Frage „Gibt es
einen Gott?“ wird vom Agnostizismus dementsprechend nicht mit „Ja“ oder „Nein“
beantwortet, sondern mit „Es ist nicht geklärt“, „Es ist nicht beantwortbar“.
Unabhängig davon ist
die Frage „Glauben Sie an einen Gott?“.
Diese ist auch von
einem Agnostiker mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortbar.
(Und erst ein NEIN
auf diese Frage würde den Atheisten kennzeichnen)
(Wikipedia 23.2.2009)
Brief von Charles
Darwin an Asa Gray, 22.5.1860
Was nun die theologische Ansicht der Frage betrifft. Das ist
immer peinlich für mich. Ich bin ganz bestürzt. Ich habe durchaus nicht die
Absicht gehabt, atheistisch zu schreiben. Ich gesteh aber zu, dass ich nicht so
deutlich, wie es andere sehen und wie ich selbst tun zu können wünschte,
Beweise von Absicht und von Wohltätigkeit auf allen Seiten um uns herum erkennen
kann. Ich kann mich nicht dazu überreden, dass ein wohlwollender und
allmächtiger Gott mit vorbedachter Absicht die Ichneumiden oder Schlupfwespen
erschaffen haben würde mit der ausdrücklichen Bestimmung, sich innerhalb des
Körpers lebender Raupen zu ernähren, oder auch, dass eine Katze mit den Mäusen
erst spielen solle. Da ich hieran nicht glauben kann, sehe ich auch keine
Notwendigkeit zu dem Glauben ein, dass das Auge ausdrücklich beabsichtigt
wurde. Auf der anderen Seite kann ich mich doch in keinerlei Weise damit
befriedigt fühlen, dieses wunderbare Universum, und besonders die menschliche
Natur, zu betrachten und zu folgern, dass alles nur das Resultat der rohen
Kraft ist. Ich bin geneigt, alles als das Resultat vorausbestimmter Gesetze
anzusehen, wobei die Einzelheiten, mögen sie gut oder schlimm sein, der Wirkung
dessen überlassen wird, was man Zufall nennen kann. Nicht, als wenn dieser
Begriff mich durchaus befriedigte. Ich fühle aufs Allertiefste, dass der ganze
Gegenstand zu tief ist für den menschlichen Intellekt.
(Leben und Briefe von Charles Darwin, Herausgegeben
von Francis Darwin, übersetzt von Julius Victor Carus, Stuttgart, E.
Schweizerbart´sche Verlagshandlung, 2. Auflage, 1899, II.Band, S.303)
Charles Darwin an John Fordyce 7.5.1879
Es
scheint mir absurd zu sein zu bezweifeln, dass jemand sowohl ein
leidenschaftlicher Theist wie auch ein Evolutionist sein kann. - Sie haben
recht, wenn Sie an Kingsley denken, Asa Gray, der bedeutende Botaniker, ist ein
anderes Beispiel dafür. – Was meine eigenen Ansichten betrifft, so ist das eine
Frage, die keinerlei Konsequenzen für andere hat, sondern allein mich betrifft.
– Aber wenn Sie mich fragen, muss ich feststellen, dass mein Urteil häufig
schwankt. Umsomehr deswegen, weil es davon abhängt, wie man den Begriff
definiert, ob man jemanden einen Theisten nennen sollte: das ist ein zu
gewaltiger Gegenstand, als dass man ihn in einer kurzen Bemerkung abhandeln
könnte. In den äußersten Zuständen meines Schwankens bin ich niemals ein
Atheist in dem Sinne gewesen, dass ich die Existenz eines Gottes geleugnet
hätte. Ich glaube, im Allgemeinen (und desto mehr und mehr, je älter ich
werde), aber nicht immer, dass Agnostiker die genaueste Bezeichnung für meinen
Seelenzustand sein würde.
(Letter 12041 - http://www.darwinproject.ac.uk/entry-12041)
Und wenn sich Darwin auch an einer
Stelle sehr knapp und scheinbar total ablehnend zum Glauben äußert,
F. A. McDermott an Charles Darwin
23.11.1880
… ich bin ein beschäftigter Mann und
überhaupt kein kluger Mann und wenn ich das Vergnügen haben würde, Ihre Bücher
zu lesen, fühle ich, dass ich letzten Endes meinen Glauben an das Neue
Testament doch nicht verloren haben werde. Der Grund, aus dem ich Ihnen schreibe,
ist die Frage, auf die ich Sie bitte mit JA oder NEIN zu antworten. Glauben Sie an das Neue Testament? … wenn
ich sagen könnte, dass der Verfasser dieser Lehre wie ich daran glaubt, dass
Christus der Sohn Gottes war …
(http://www.darwinproject.ac.uk/entry-12845)
(Die Antwort Darwins auf die im vorstehenden Brief gestellte Frage:)
Charles Darwin an F. A. McDermott
24.11.1880
Es tut mir leid, dass ich Ihnen mitteilen
muss, dass ich die Bibel nicht für eine göttliche Offenbarung halte, und dass
ich daher nicht an Jesus als den Sohn Gottes glaube.
(http://www.darwinproject.ac.uk/entry-12851
)
so ist das vielleicht ein Stück weit auf dem Hintergrund zu
verstehen, dass Charles Darwin und seine Frau in ihrem Glauben den Ansichten
des Unitarismus nahe standen:
Unitarianismus
(Unitarismus): wichtige Grundüberzeugungen
·
Ablehnung
der Lehre von der Trinität
·
der
Glaube an Einen Gott; Einheit (unity) Gottes
·
Leben
und Lehre von Jesus bilden ein mustergültiges Beispiel, um das eigene Leben zu
leben
·
Vernunft,
Verstand, rationales Denken, Wissenschaft und Philosophie sind verträglich mit
dem Glauben an Gott
·
Menschen
haben die Fähigkeit, ihren freien Willen auszuüben, verantwortlich, aufbauend
und ethisch; mithilfe der Religion
·
die
Natur des Menschen heute ist nicht notwendig verdorben oder schlecht, es gibt
keine Erbsünde, der Mensch ist zu beidem fähig und kann sich für Gut oder Böse
entscheiden, wie Gott das beabsichtigt hat
·
keine
Religion kann beanspruchen, allein im Besitz des Heiligen Geistes oder der
(theologischen) Wahrheit zu sein
·
die
Autoren der Bibel waren von Gott inspiriert, sind aber fehlbare Menschen
·
keine
Vorherbestimmung und ewige Verdammnis, keine Sühne-Theologie
·
kein
Glaube an Jungfrauengeburt Jesu oder an die Wunder der Evangelien
(http://en.wikipedia.org/wiki/Unitarianism 10.3.2010)
5 verwendete und
weiterführende Quellen und Literatur:
·
Darwin,
Ch.: Die Abstammung des Menschen und die Zuchtwahl in geschlechtlicher
Beziehung, Reclam, Leipzig o.J., Bd. II
·
Darwin,
Ch.: Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl, Reclam Leipzig 1980
·
Darwin,
Ch.: Mein Leben, Insel Taschenbuch, Frankfurt/Main, 2008
·
Steinmüller,A.,
Steinmüller,K.: Charles Darwin – vom Käfersammler zum Naturforscher Verlag
Neues Leben Berlin, 1985
·
Internetseite
mit Zugang zu fast allen Dokumenten zu Darwin: www.darwin-online.org.uk
·
weitere
ausgewählte Zitate aus Darwins Büchern und Briefen finden Sie unter: http://www.krause-schoenberg.de/SB22_zitate_darwin.htm
·
Das
„Darwin Correspondence Project“ – Sammlung aller erhaltenen Briefe, die Charles
Darwin geschrieben und erhalten hat: http://www.darwinproject.ac.uk/home