zum buch:
„am abend mancher tage“
zu texten von joachim krause für LIFT,
Puhdys, Panta Rhei u.a.
Gerhard Zachar
Die
frühen Jahre

Notizen von Joachim Krause©

Vielen ist Gerhard Zachar
bekannt und wichtig als Musiker. Sein Name ist verbunden mit der Entwicklung
der Rockmusik-Szene in der DDR, mit Formationen wie dem „Dresden-Sextett“ und
vor allem „Lift“, in denen er als Instrumentalist und Sänger mitwirkte und
denen er als musikalischer Leiter ein ganz eigenes Profil aufprägte.
Den meisten dürfte aber nur
wenig bekannt sein aus den ersten zwanzig Lebens-jahren dieses Künstlers. Dazu
soll hier einiges Wissenswerte nachgetragen werden.

Gerhard Zachar wurde am 8.
Oktober des Jahres 1945 geboren – genau 5 Monate nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges.
Er kam in der Stadt Glauchau
in Südwestsachsen zu Welt.
Sein Vater Hans Zachar war Kaufmann und betrieb einen privaten Feinkostladen in
der Dr.-Friedrichs-Straße 63, gegenüber von der Post. Mutter Marianne Zachar
kümmerte sich um die Geschäftsführung und den Haushalt.

Gerhard hatte einen sechs
Jahre älteren Bruder, Hans-Jörg. Dieser verzog – wohl auch eine Reaktion der
verzweifelten Eltern auf die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse in den
Nachkriegsjahren - 1951 auf dem Umweg über Westberlin zu Gerhards Patentante
nach Johannesburg in Südafrika. Die Brüder sind sich danach nie mehr begegnet.
Gerhard Zachar besuchte
zunächst 8 Jahre lang die Grundschule (Lehngrund-Oberschule Glauchau). Bereits
in der vierten Klasse begann er eine musikalische Ausbildung an der
„Volksmusikschule Aue-Sachsen“ in der Außenstelle Glauchau. Die Beurteilung
seiner Leistungen nach dem ersten Jahr klang verheißungsvoll:
„Gerhard ist sehr musikalisch, rhythmisch empfindend, dazu fleißig,
gewissenhaft und musizierfreudig.“

Neben dem Hauptinstrument
Klavier traktierte der aufstrebende junge Künstler auch … die Violine!
Ab 1960 besuchte Gerhard die
Georg-Agricola-Oberschule (Erweiterte Oberschule) in Glauchau. Im zehnten
Schuljahr entpuppte er sich als Mathe-Genie: Er wurde „Sieger der
Mathematikolympiade der 10. Klassen 1962“.
Noch weitere Talente zeigten sich in diesen Jahren: Gerhard war als
Übungsleiter tätig, nicht etwa im musikalischen Bereich … sondern im DTSB!
(Deutscher Turn- und Sportbund der DDR). Vielleicht ist das folgende Foto ein
Beleg dafür, dass er sich auch später für Ordnung und Disziplin in „seinen“
Bands verantwortlich fühlte …

Gerhard sang im Chor der
Schule
(Bild: vorn 2.v.li.).

Seine musikalischen
Neigungen gingen jedoch inzwischen auch in eine ganz andere Richtung, zur Tanzmusik.
Und so wurde er Mitglied
einer Schülerband in Glauchau, bei den „OHIOS“. Man entdeckt ihn, der sich sein
ganzes Musikerleben lang immer auch autodidaktisch neuen Instrumenten
annäherte, auf einem Foto aus jenen Tagen als … Saxophonisten
(Bild: Mitte).

Die Realität der
DDR-Schulbildung stellte Gerhard aber noch vor ganz andere Herausforderungen.
Während seiner Oberschulzeit verbrachte er einen ganzen Tag lang in jeder Woche
im VEB Spinnstoffwerk „Otto Buchwitz“ in Glauchau (ein wegen seiner typischen
„Gerüche“ weit über die Region hinaus bekannter und berüchtigter
Chemiebetrieb). Dort absolvierte er eine „berufliche Grundausbildung als
Chemiefaserfacharbeiter“.
Im Sommer 1964 hielt er nach
bestandenen Prüfungen sein Abiturzeugnis in der Hand. Interessant ist
vielleicht die Erwähnung der zwei „Einser“, die auf dem Zeugnis „glänzen“: Eine
„Eins“ gab es – wie zu erwarten – in Musik. Die zweite ist im Fach Astronomie
eingetragen. Griff damals schon ein aufstrebender junger Musikus nach den
Sternen? Überhaupt liegen zur Abiturzeit seine besten Leistungen in den
naturwissenschaftlichen Fächern.

Schon im letzten Schuljahr
hatte sich Gerhard für ein Studium an der Martin-Luther-Universität in Halle
beworben. An der Philosophischen Fakultät wollte er Pädagogik studieren. Sein
Ziel war es, Lehrer für die Fächer Musik und Geschichte in den Klassen 5 bis 10
zu werden.
Er wurde zum Studium
zugelassen. Das geschah trotz seiner Herkunft aus einem – nach DDR-Kriterien –
verdächtigen sozialen Umfeld. In seinem Antrag hatte Gerhard nicht nur seine
„Westverwandtschaft“ und Kontakte dorthin auflisten müssen. Da stand auch, dass
sein Vater „selbständiger Kaufmann“ war. Ein gleichzeitig gestellter Antrag
auf Gewährung eines Stipendiums wurde von der Uni mit folgenden Worten
abgelehnt:
„… Bei der Bearbeitung des von Ihnen eingereichten Stipendienantrages
stellten wir fest, dass Ihr Herr Vater als selbständiger Gewerbetreibender
tätig ist. Das Stipendiengesetz vom 17.12.62 sieht für Kinder dieses
Personenkreises kein Stipendium vor.“
Gerhard Zachar zog 1964 nach
Halle ins Studentenwohnheim (402 Halle, Weinbergsweg 5/4) und stürzte sich in
die neuen Aufgaben.
Er erwarb einen Seminarschein als Beleg dafür, dass er sich erfolgreich mit der
„Entwicklung der Elektroindustrie im
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts“
auseinandergesetzt hatte,
absolvierte – „mit
befriedigendem Erfolg“ – ein
„Pionierleiter-Praktikum“
oder nahm an einem
mehrwöchigen
„Ausbildungslehrgang zur Bedienung von
Schmalfilmgeräten und Stehbildwerfern“
teil.
Wenn auch Politische
Ökonomie und Materialistische Geschichtswissenschaft ihn sehr in Anspruch
nahmen, wird aus den Eintragungen in seinem Studienbuch dennoch klar, dass
Gerhard eine gediegene musikalische Ausbildung erfuhr. Er belegte die Fächer
„Chor“ und „Chorleitung“ – vielleicht wurden hier die fachlichen Grundlagen für
den prägnanten Satzgesang in Gerhard Zachars späteren Bands gelegt. Gerhard
erhielt Instrumental-Unterricht in den Fächern „Klavier“ und „Klarinette“. Das
Fach „Gitarre“ ist auch im Studienbuch eingetragen, wurde aber wieder
gestrichen (?).
In Halle traf Gerhard auf Martin Schoppe, der sein Musikdozent war, den
späteren Leiter des „Robert-Schumann-Hauses“ in Zwickau. Beide verband auch in
den folgenden Jahren eine tiefe Freundschaft.
Zu Hause, in seiner
Heimatstadt Glauchau und deren Umgebung – ging Gerhards zweites, vielleicht
sein eigentliches, Leben weiter. In seinem Jugendzimmer stolperten Besucher
über ganze Stapel von Micky-Maus-Heften, staunten über Dutzende von Karl-May-Bänden
im Regal, und da waren das Klavier und vielerlei andere musikalische
Gerätschaften, zwischen denen er ständig hin- und her sprang.
Seit 1965 spielte Gerhard
Zachar in der Band „Meridas“ aus der Nachbarstadt Meerane, hervorgegangen aus
einer Schülerband. Diese Formation trat, einheitlich und dezent gekleidet mit
gebügelter Pepita-Hose und dunklem Jäckchen, zu Tanzveranstaltungen auf, die in
der Regel am Wochenende stattfanden und von 19 bis 24 Uhr dauerten. Eine
Sängerin setzte schlagerhafte Akzente, zum Repertoire gehörten aber auch
Stücke aus der damals schon vergangen geglaubten Rock´n´Roll-Ära und – meist
instrumental vorgetragene - Titel aus dem Bereich, der uns seit Anfang der
1960er Jahre als „BEAT“ elektrisierte.

(„Meridas“ mit G. Zachar (2.v.re.), ca.
1966)
Gerhard stand an der
(Melodie-)Gitarre, manchmal hängte er sich auch den Bass um, blies zudem
Saxophon und Okarina, und er sang „zweite Stimme“. Ganz wichtig für die Band:
Er brachte auch eigene Verstärkertechnik mit. Neben dem „Elektro-Artisten“ (15
Watt) und dem „Regent“-Verstärker aus DDR-Produktion (30 Watt!) stand wenig
später ein viel bestaunter „Bass-King“ von Dynacord (aus dem Westen!).
Im Frühjahr 1965 bin ich
Gerhard Zachar das erste Mal begegnet:
Es gab einen legendären Rundfunkmoderator in der DDR, der immer im Lande
unterwegs war auf der Suche nach „Jungen Talenten“. Irgendwann verirrte er sich
auch in unsere Kleinstadt (Meerane).
Jeder, der was Unterhaltsames bieten konnte, war aufgefordert, sich zu melden.
Ich hatte meine Holzgitarre, kannte ein paar Lieder, fasste Mut und meldete
mich an. Zur Generalprobe stand ich allein mit meiner Klampfe vor einem Mikro
und sang in den leeren großen Saal hinein. Der Text meines Beitrags war englisch:
„The House of the Rising Sun“ – ich hatte den Text mühsam im Radio abgehört.
Irgendwie passte mein Stück künstlerisch oder ideologisch aber dann doch nicht
ins Programm und so konnte ich die Abendveranstaltung nur als Zuschauer aus
den Falten des Vorhangs beobachten. Aber das Unternehmen hatte doch Folgen für
mein weiteres „Musiker-Leben“. Auf der Bühne stand eine Band namens „Meridas“,
und mit deren musikalischem Leiter (es
war G.Z. !) hatte ich bei den Proben mancherlei musikalische
Gemeinsamkeiten feststellen können. Merida ist übrigens ein Städtchen in
Mittelamerika, von dem wir nichts wussten und wo auch nie einer gewesen war.
Aber es war „draußen“ und „drüben“ und war damit etwas Exotisches, eignete
sich als Symbol für Verlockendes und Verbotenes. Und so hieß also die Band,
die an unserer Schule gegründet worden war, MERIDAS. Die Band spielte – sittsam
in Pepita-Jacken gekleidet – die Musik, die wir alle hören wollten, schnell
und laut und rockig und englisch und westlich.
Ich hatte 1965 mit einigen Freunden eine eigene Band gegründet, die
„Pacemakers“. Wir knieten uns zu fünft in die Proben und hatten, in der
Zeitung als offizielle Band des „Jugendklubhauses“ angepriesen, sogar einen
Auftritt. Es blieb unser einziger. Der selbstgebaute Verstärker - es war
einer für die ganze Gruppe! -, brannte beim Auftritt spektakulär ab.
Wenige Wochen später stieg ich bei den „Meridas“ ein. Etwas überraschend
für mich kam die Mitteilung, dass ich fortan Bassgitarre spielen sollte. Ich
hatte solch ein Gerät noch nie in der Hand gehabt, aber das Instrument war
schon gekauft – wodurch ich gleich mit 500 Mark Schulden startete. Immer
freitags war Probe, am Wochenende dann und zur Faschingszeit und in ähnlichen
Festzeiten auch noch öfter gab es einen oder auch zwei Auftritte („Muggen“) von
jeweils fünf Stunden Dauer - und dafür 25 Mark auf die Hand. Die
Veranstaltungsorte lagen im Umkreis von 30, 40 Kilometern. Ich „reiste“ immer
- zusammen mit der Technik und den Instrumenten - hinten auf der Ladefläche
eines kleinen, offenen LKW unter der flatternden Plane. Bei unseren Auftritten
war noch alles „echt“, es gab keine Tricks, etwa ein „Hallgerät“ für mich als
Sänger bei schwächelnder Stimme. Wir spielten zum Teil einen erdverbundenen
Rock, getragen von zwei röhrenden Saxophonen, machten auch hin und wieder ein
Zugeständnis mit Schnulzigem zur „Damenwahl“, aber Profil erlangten wir
schnell, indem wir „unsere“ Musik spielten, Titel von den BEATLES. Wir hatten
sogar einen richtigen Fanclub, der zu jeder Veranstaltung anreiste - am
Stammtisch mit Wimpel.
Die Band bekam einigen Ärger mit mir als ihrem Sänger und Gitarristen. Ich
hatte nämlich keine ordentliche Musikschulausbildung mit Abschluss zu bieten,
was für eine „Spielerlaubnis“ - die behördlich notwendige Zulassung zum
Auftritt auf öffentlichen sozialistischen Bühnen - und für die „Einstufung“
(wichtig für die Stunden-Vergütung) eigentlich unerlässlich war. Aber extra wegen
mir wurde das Reglement geändert, eine „Gruppeneinstufung“ durchgeführt
(Live-Auftritt und Bewertung nach Gehör), und wir durften loslegen. Ein
reichliches Jahr meines Lebens habe ich jedes Wochenende auf der Bühne gestanden,
während der Woche meine Stimme kuriert und die Texte neuer Lieder abgehört.
Bald war ich Besitzer von drei Gitarren. Zu Hause hing eine Holztafel an der
Wand, auf der ein Gewirr von Drähten angepinnt war – Dutzende von
Gitarrensaiten, die meine heftigen Attacken beim Anschlagen nicht „überlebt“ hatten
und gerissen waren. Es war eine intensive Zeit, aber da ich „nebenbei“ auch
studierte, war irgendwann zu klären, was nun Vorrang haben sollte, und da fiel
die Entscheidung: Der Hauptberuf sollte Chemiker sein.
(Aus dem Buch: Joachim Krause „Am Abend
mancher Tage“, Wartburg-Verlag, 2008)
Gerhards Entscheidung fiel
anders aus. Sein Lehrerstudium hätte eigentlich bis 1968 dauern sollen. Sein
amtliches Hallenser Studienbuch enthält jedoch nach den ersten beiden Jahren
keine Eintragungen mehr. Die Interessen hatten sich deutlich verlagert. Seine
resolute Mutter reagierte sehr pragmatisch. Sie veranlasste, dass im
Sozialversicherungsausweis von Gerhard ab 1965 in der Rubrik „Genaue
Bezeichnung der Tätigkeit“ statt wie bisher „Student“ nun eingetragen wurde:
„Musiker“.

Gerhard wurde in den
„Meridas“-Jahren von allen nur „GOF“ genannt (unter diesem Code ist seine
Hallenser Anschrift auch in meinem Notizbuch aus dieser Zeit eingetragen). Der
Name leitete sich von der Disney-Figur Goofy ab, die Gerhard gern
schauspielerisch und akustisch imitierte. Spaßmacher, Komiker – auch das wäre
eine mögliche Laufbahn für ihn gewesen.

Seit er und ich zu den „Meridas“
gehörten, wandelte sich schnell das Profil der Band. Unsere Favoriten und
Vorbilder waren allein die „Beatles“. Von verrauschten Tonbandaufnahmen ihrer
Titel (Radio Luxemburg, Mittelwelle!) hörten wir die Melodien und Texte ab, und
dann sangen wir unsere Cover-Versionen auf der Bühne.

Schon in der Band „Meridas“ hatten wir - Gerhard Zachar, der spätere Leiter
der DDR-weit bekannten Gruppe LIFT, und ich - hin und wieder mit eigenen
Kompositionen experimentiert. Und wir probierten dabei manchmal auch
selbstgemachte, deutsche Lied-Texte aus. Die Verwendung deutscher Worte wäre
wohl im „Westen“ in den 1960er Jahren in der Beat-Szene undenkbar gewesen. Nun
gab es damals in der DDR offiziell (noch) keine Beat- oder Rockmusik. Aber es
gab den „Schlagerwettbewerb“. Wir wollten versuchen, dort mit unseren Ideen
unterzukommen und reichten im Jahr 1967 zwei Titel ein, unter den Codenamen
„Gurkenwurm“ und „Rhabarberschnecke“. Es geschah Erfreuliches: Einer der
Titel kam auf Anhieb in den Endausscheid – das „Herbstlied“. Wir hatten nur Text
und Klavierbegleitung geliefert. Ich hatte mich bei diesem Stück zum ersten Mal
als „Texter“ versucht, und von Stund an trug ich das Etikett, ein „Textdichter“
zu sein. Nun hatten wir keinen Einfluss darauf, wie „unser“ Stück arrangiert
wurde und wer es singen würde – das Ergebnis war dann eine doch ziemlich schlagermäßige
Inszenierung. Aber es war unser Einstieg in eine neue Welt, die uns neue
Möglichkeiten eröffnete. Ich zog meinen schwarzen Konfirmationsanzug an, reiste
nach Magdeburg ins Interhotel. Wir wurden in die riesige Veranstaltungs-Halle
kutschiert, schwitzten uns durch die Generalprobe mit Scheinwerfern und Fernsehkameras.
Und dann war es so weit: Premiere für UNSER Lied! Frank Schöbel, Chris Doerk
und andere DDR-Stars waren unsere Sitznachbarn. Später standen wir schüchtern
beim Empfang am kalten Büffet. Und die ganze Zeit über hielten wir eine
Schallplatte in der Hand, auf der unser Lied drauf war, unsere Namen standen!
...
Leute vom Rundfunk sprachen uns an, ob wir nicht weitere Stücke hätten,
die wir mal vorstellen könnten. Wir hatten Glück, dass die DDR-Kulturpolitik
gerade auf der Suche nach neuen Ansätzen, nach neuen Leuten war. Wir nutzten
die Chance, schrieben neue Texte und Melodien, und bald erschien öfter etwas
von uns auf Schallplatten oder wurde im Rundfunk produziert. Letzteres war
damals die Regel, Plattenproduktionen die Ausnahme. Am Anfang liefen unsere
Titel noch in der Rubrik „gehobener Schlager“ und wir hatten auch keinen
Einfluss auf die Auswahl der Interpreten, aber Anfang der 1970er Jahre gab es
eine Öffnung hin zu DDR-eigener Beatmusik, und da wurde es auch möglich, die
eigenen Titel mit der eigenen Band zu produzieren und rockiger zu machen. Ich
stand da aber längst nicht mehr mit auf der Bühne, sondern schrieb nur noch
Texte, für LIFT und KARAT und HORST KRÜGER und THEO SCHUMANN ...
(aus dem Buch: Joachim Krause „Am Abend
mancher Tage“, Wartburg-Verlag 2008)
Das „Herbstlied“ war unser
erstes Werk, das in die Öffentlichkeit kam. Erst spät habe ich erfahren, dass
Gerhard – heimlich – auch einen eigenen Text für dieses Lied geschrieben hatte;
da hätte meine Karriere als Texter auch schon zu Ende sein können …

Für Gerhard stand jetzt wohl
endgültig fest, wohin ihn sein Weg führen würde, hin zur Unterhaltungsmusik,
hauptberuflich, in einer eigenen Band eigene Vorstellungen verwirklichen …
Das Lehrerstudium in Halle
verlief sich irgendwie.
Gerhard ging 1967 oder 1968
nach Dresden. Er bewarb sich – zum zweiten Mal, und diesmal erfolgreich – an
der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ in Dresden. Er studierte im
Abendstudium von 1969 bis 1972 im Fachbereich Tanzmusik/Klavier.
1968 stieg er in die
„Axel-Lorenz-Combo“ ein – als Gitarrist.

(Axel-Lorenz-Combo, links G. Zachar,
1968)
Wenige Monate später stand
er mit dem „Dresden-Sextett“ (gegründet am 1.1.1969) auf der Bühne.

(Dresden-Sextett; Ur-Besetzung 1969)
Bald darauf war er
musikalischer Leiter dieser Band.

(Dresden-Sextett, mit Gerhard Zachar
als Leiter, 1970)
Die Sängerin Dina Straat,
eine Mitstudentin, stieß zur Gruppe. Damit bahnte sich auch privates Glück an:
Ein Titel aus dieser Zeit, den Gerhard für Dina komponierte, trug den prophetischen
Titel „Da war schon die Liebe dabei“ …

(Dresden-Sextett mit Dina Straat, G.
Zachar 2.v.re.; 1970;
man beachte die Designer-Hemden!)
Das „Dresden-Sextett“ bekam
bald wegen seiner Titelauswahl Probleme und erhielt 1971 ein Auftrittsverbot:
Auftritts-Verbot
„… teile ich Ihnen heute meine endgültige Entscheidung mit.
Ich beziehe mich dabei auf die „Anordnung über die Neufassung von Regelungen
über Rechtsmittel gegen Entscheidungen staatlicher Organe auf dem Gebiet der
Kultur vom 28.1.1971.“ …
Es bleibt … bei dem für den Landkreis Leipzig ausgesprochenen
unbefristeten Auftrittsverbot für die Kapelle „Dresden-Sextett“. …
Das Repertoire enthielt in der Veranstaltung am 15.10.1971 mindestens 7
Titel, die in unserer Republik nicht gestattet sind. Dazu gehören:
1. Beginnings (
Auch die an die AWA eingereichte Titelliste weist im Gegensatz zu den
staatlichen Bestimmungen ein Verhältnis von 48% zu 52% auf, anstatt dem
Verhältnis von mindestens 60% zu 40%. …“
(Brief des Vorsitzenden des Rates des Kreises Leipzig, 15.12.1971)
(Rechtschreibung wie im Originalbrief –
JK)
Ende der Karriere?
„Denkste!“ - So hieß ein Titel, den das „Dresden-Sextett“ produziert hatte …
Ein Weg, den viele Gruppen in den 1970er Jahren gingen, wenn sie verboten
wurden: Neuer Name, und dann: Neustart!
Beim „Dresden-Sextett“ war ohnehin Dina als siebente dabei, weitere Kollegen
mit Blechblasinstrumenten standen auf der Bühne.
Man tauschte also das „X“ im Sextett gegen ein „P“ aus. Das „Dresden-Septett“
war geboren und konnte natürlich auch im Leipziger Land wieder unbelastet und
unbehelligt spielen.

(Dresden-Septett 1971 mit Franz
Bartzsch am Bass, o.li., und Gerhard Zachar am Keyboard, o.re.)
Im Januar des Jahres 1973
erfolgte dann im Dresdner Hygienemuseum die amtliche Umbenennung in „Lift“,
und Gerhard war es wichtig, dass damit auch eine inhaltliche Neuprofilierung
verbunden war: „Lift“ war nun eine „Rockformation“!

(Gruppe LIFT, Erstbesetzung, gegründet
am 28.1.1973)

(Gruppe LIFT, Besetzung 1974)

(Gruppe LIFT,
letzte Besetzung mit Gerhard Zachar (vorn 2.v.re.) und Henry Pacholski (hinten
links),
1978)
Gerhard Zachar war seit 1972
mit der Sängerin Dina Straat verheiratet.
Im Jahre 1973 kam seine
Tochter Nadja zur Welt.
Im Jahre 1978 erfolgte der
Umzug der Familie in ein eigenes Haus nach Berlin.


(das letzte Passfoto von Gerhard
Zachar, 1978)
Gerhard Zachar verunglückte
am 15. November 1978 tödlich,
zusammen mit Henry Pacholski.
Er wurde 33 Jahre alt.
einige Nachträge:
Zensierte Regentropfen
Es war ein trüber Tag. Nicht nur, weil es regnete, auch in meinem
Inneren sah es grau aus. Ich hatte das Fenster geöffnet, starrte hinaus in das
Geniesel. Wie immer lag mein Notizbuch in Reichweite, in dem ich alle Bilder
und Wortspiele aufschrieb, aus denen vielleicht mal ein Text für ein Lied
werden könnte. Satzfetzen kamen geflogen, und bald stand eine Text-Skizze im
Heft. Ich hatte versucht, meine momentane Befindlichkeit in Naturbilder zu
fassen. Gerhard Zachar gefielen die Zeilen, er machte eine Melodie dazu, und
nun hätte das Lied eigentlich im Tonstudio produziert werden können. Aber da
gab es noch das „Lektorat“. In Berlin saß eine verkappte Zensurbehörde. Die
Leute dort wollten alle neuen Rocktitel erst einmal begutachten und dann -
vielleicht - freigeben. Da bekamen wir manchmal zwar auch ganz hilfreiche handwerkliche
Hinweise. Aber als Gerhard Zachar unseren „Regentag“ vorstellte, entdeckte die
Zensur schlimme Dinge in meinem Text. Da stand z.B. der deutbare Satz: „Weit
drüben sind Gesichter – grau hinter grauem Glas“ (das hatte ich einfach so im
Haus gegenüber gesehen). Aber „drüben“ war eben in der DDR eine politische
Metapher für den bösen Westen, konnte also in einem sozialistischen Text nicht
stehen bleiben! Und dann entdeckte das Kontrollorgan gar noch die Worte „Durch
Mauern aus Gedanken kommt Licht von irgendwo …“. Bei „Mauer“ war natürlich nur
an die Mauer in Berlin zu denken, und
von daher sollte gar noch Licht kommen? Das ging gar nicht! Text abgelehnt.
Gerhard Zachar berichtete mir zerknirscht von der zweistündigen Diskussion um
meinen harmlosen Text. Und weil ich mir diesmal wirklich nichts
Hintergründiges dabei gedacht hatte, erfolgten zwei sprachliche Korrekturen,
und nun durfte das Lied auf Schallplatte produziert werden.
Regentag
Ein Meer aus grauen Strahlen
stürzt auf den Tag herab.
Ich sehe Perlen fallen
aus Bäumen zum Asphalt.
Ein Blatt weht durch die Straßen
bis es in Tränen stirbt.
Ich ahne nur Gesichter
grau hinter grauem Glas.
Im Wind zerfließen Haare
zu einem Regentraum.
Ich höre Worte schweben
durch seidenes Papier.
Durch Nebel aus Gedanken
kommt Licht von irgendwo:
Unendlich weit die Sonne!
(Komp.: Gerhard Zachar, Text: Joachim Krause
Produktion: LIFT mit Christiane Ufholz 1973)
Ein paar Jahre später schrieb der neue Sänger der Gruppe Lift, Henry
Pacholski, den Text für das Lied „Nach Süden“. Vordergründig ging es darin um
die alte kindliche Sehnsucht, fliegen zu können und so manchen Problemen zu
entkommen. Ich meine aber, dass jeder Hörer in der DDR die verschlüsselte
Sprache in Pacholskis Text verstand. Wie bei jedem Zugvogel im Herbst richtete
sich die Sehnsucht „nach Süden“ – aber um 90 Grad weiter an der Windrose
gedreht war damit „nach Westen“ angesagt, und dorthin wollten schon in den
1970er Jahren viele Junge Leute „fliegen“. Wenn man das „g“ gegen ein „h“
austauscht, wird der Bezug noch deutlicher. Und wenn einem dann „hinter dem
Hügel“ – also außer Sichtweite neugieriger „Staats-Organe“ – Flügel wachsen, um
„vor dem Winter abzuhau´n“, das heißt der Kälte des erstarrten DDR-Systems zu
entkommen, und „abhauen“ war eine gängige Vokabel für „Republikflucht“. Ich
finde diesen Text genial in seiner Unangreifbarkeit – die Zensurbehörde war
völlig machtlos – sie konnte gegen Kinder-Träume vom Fliegen und gegen die
Himmelsrichtung Süden offenbar argumentativ nichts einwenden!
Ref.: „Nach Süden, nach Süden
wollte ich fliegen,
das war mein allerschönster Traum.
Hinter dem Hügel
wuchsen mir Flügel,
um vor dem Winter abzuhau´n,
abzuhau´n!“
(Komp.. Wolfgang Scheffler, Text: Henry Pacholski)
Mach mal was Passendes
Es war einer jener Augenblicke im Leben, die nie mehr aus dem Gedächtnis
verschwinden. Der DDR-Rundfunk hatte es in den Nachrichten ausführlich
gemeldet: Gerhard Zachar und Henry Pacholski waren auf einer Straße in Polen
tödlich verunglückt. Nüchtern. Amtlich. Ein plötzlicher, schriller und
schmerzlicher Akkord. Die Ära Lift –auch ein wichtiger Abschnitt in meinem
Leben – war von diesem Tag an Vergangenheit. …
Monate später kam ein Anruf. Werther Lohse: Wir wollen weitermachen mit Lift,
ich steige wieder ein. Und: Wir brauchen Texte, kannst du? Wenig später
brachte mir Wolfgang Scheffler ein Demo-Band mit schon ziemlich fertigen
Musikstücken vorbei: Mach da mal was Passendes dazu! Mir war es eigentlich
immer lieber gewesen, wenn Musikanten zu ihren musikalischen Ideen auch ein
paar inhaltliche Vorstellungen dazu packten, worum es in dem Text etwa gehen
könnte. Diesmal nur: Mach mal …
Die Melodie zehnmal, zwanzigmal hören, Welche Worte, welche Geschichten könnten
dazu passen? Wo sollte ich anknüpfen? Erinnerungen stiegen hoch, wie war das
damals gewesen? „Am Abend mancher Tage, da stimmt die Welt nicht mehr.“ Es
wurde ein Text von Bruchstellen im Leben, die weh tun, und von dem Mut,
trotzdem wieder aufzustehen.
Ich nahm den Textentwurf mit zur Probe von Lift ins Kulturhaus von
Heidenau. Wolfgang war sich unsicher, ob das Lied nicht insgesamt (Musik und
Textidee) zu schmalzig und gefühlig sei. Ich habe daraufhin noch zwei weitere
Textentwürfe mit ganz anderen Inhalten abgeliefert. Dann die Entscheidung der
Band: Wir machen das Lied, und es bleibt bei dem ersten Text.
Bald erschien die Schallplatte, der Titel fand erstaunlich gute Resonanz in den
Hitparaden, wurde am Jahresende sogar DDR-Hit des Jahres.
Ich habe danach nie wieder einen Rockmusik-Text geschrieben.
(Joachim Krause, in: Jürgen Balitzki,
electra lift stern-combo-meissen, Geschichten vom Sachsendreier, Schwarzkopf
& Schwarzkopf Berlin, 2001, S.310)
Am Abend mancher Tage
1.
Am Abend mancher Tage - da stimmt
die Welt nicht mehr:
Irgend etwas ist zerbrochen, wiegt so schwer.
Und man kann das nicht begreifen,
will nichts mehr seh´n -
und doch muss man weitergeh´n
2.
Am Abend mancher Tage - da wirft man
alles hin.
Nun scheint alles, was gewesen, ohne Sinn.
Und man lässt sich einfach treiben,
starrt an die Wand.
Nirgendwo ist festes Land.
Ref. Gib nicht auf,
denn das kriegst du wieder
hin!
Eine Tür schlug zu,
doch schon morgen wirst du
weiter seh´n...
3. Manchmal ist eine Liebe erfroren über Nacht.
Manchmal will man hin zur Sonne -
und stürzt ab.
Manchmal steht man ganz allein da,
ringsum ist Eis,
alles dreht sich nur im Kreis.
Ref. Gib nicht auf...
4. Am Abend mancher Tage - da
stimmt die Welt nicht mehr:
Irgend etwas ist zerbrochen, wiegt so schwer.
Und man kann das nicht begreifen,
will nichts mehr seh´n -
und doch muss man weitergeh´n
...und man lässt sich einfach treiben,
will nichts mehr seh´n,
und doch wird man weitergeh´n...
(Komp.
Wolfgang Scheffler, Text: Joachim Krause,
Rock-Gruppe
LIFT, 1979)
Alle Rechte für den Text dieser Broschüre (Nachdruck,
Vervielfältigung, Rundfunk, Tonträger) bei:
Joachim Krause, Hauptstr. 46, 08393 Schönberg, Tel. 03764-3140,
Mailto: krause.schoenberg@t-online.de,
www.krause-schoenberg.de
Ein herzlicher Dank geht an Dina Zachar, die mich ihr
Archiv auswerten ließ und die meisten Bilder zur Verfügung gestellt hat.
im Oktober
2010